Einzelbild herunterladen
 

FuldaerZertung

Anzeiger für die Stabt Julda unb benLanbkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk.

Ar. 24

Erscheint sechsmal wöchentlich Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Freitag, 30. Januar 1931.

Monatlich 1.80 einschließl. Postgebühr (48 Psg.) ohneZustellg Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col.) lokal 0.15 RM., auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM.. auswärts 0.80 RM. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheck!. Frank» a M 4051.

58. Zahrg.

Der Sulturkamps in Litauen.

Von einem besonderen Mitarbeiter.

Die Geschehnisse in Litauen, aus denen deut­lich hervorgehl, daß die litauische Regierung einen offenen Kulturkampf gegen die katholische Kirche und die katholischen kulturellen Organisationen führt, nehmen immer bedrohlichere Formen an, die gegenwärtig wohl ihren Höhepunkt erreicht haben dürften.

Die Kampfansage der Regierungsorgane gegen die katholische Kirche begann mit dem Verbot der katholischen Studenten-, Schüler- und Jugend­organisationen, die von Priestern und Mitgliedern des christlich-demokratischen Blocks geleitet wer­den, und denen die Regierung angeblich Staats­feindlichkeit nachgewiesen haben will. Nach der An­sicht des Leiters der staatlichen Kriminalpolizei, Oberst Rusteika, dienen die katholischen Jugend­organisationen nicht kulturellen, sondern p o l i - tischen Zielen, die mit denen der gegenwärtigen Tautininkai-Regierung (Nationalregierung) unver­einbar seien. Auf die Forderung, man möge Be­weise . für diese verleumderische Behauptung Bei­bringen, erklärten die Regierungsvertreter: die katholischen Jugendorganisationen und die Katho­lische Aktion in Litauen gründeten ihre politische Ueberzeugung auf die katholische Weltanschauung, und diese sei ihrem Wesen nach mit der Politik und bestehenden Staatsform Litauens u n v e r - einba r!

Aus dieser Erklärung geht deutlich hervor, daß die Kownoer Regierung nicht nur die katholischen Jugendverbände, sondern auch die katholische Reli­gion und Kirche demagogischer Umtriebe bezichtigt. Gegen diese unerhörte Beschimpfung katholischer Einrichtungen und Glaubensgüter erhoben der Episkopat und der gesamte katholische Klerus, aber auch die christlich-demokratische Partei Litauens, die sich am ehesten mit der deutschen Zen- tüumspartei vergleichen läßt, schärfsten Pro­test. Die Folge war, daß die Regierung ihre Maß­nahmen gegen die Katholiken nur noch verschärfte, die bei dem in Litauen herrschenden Belagerungs­zustand außerordentlich streng gehandhabt wer­den. Auf Anordnung des Chefs der Kriminal­polizei wurden aktive Führer, Priester und Mit­glieder der katholischen Jugendverbände verhaftet und in Konzentrationslager verbannt. In der Verbannung befinden sich z. Zt. der weit über die Grenzen Litauens bekannte Theologe Prof. Dr. Raukelis, der frühere Finanzminister und der- eiltge Leiter der Katholischen Aktion der Erzdiözese iiotono Dr. P. Karvelis, der Generalsekretär der katholischen Studentenschaft Litauens I. Staupas, i der Vorsitzende -der Kownoer katholischen Stuben-, tenschaft I. Merkauskas und viele andere. Eine' Reihe von Geistlichen ist unter Polizeiaufsicht ge­stellt, wobei .es ihnen nicht gestattet ist, ihren Seel-' sorgbezirk, wenn auch nur vorübergehend, zu ver­lassen. Gleichzeitig ist ein strenges Vorzensurgesetz gegen die Veröffentlichungen der katholischen und christlich-demokratischen Presseorgane erlassen. Die übrige Presse ist diesen Maßnahmen nicht unter­worfen.

In einem vor kurzem erlassenen gemeinsamen Hirtenschreiben der katholischen Bischöfe Litauens wies der Episkopat darauf hin, daß das ungesetz­liche und ungerechtfertigte Vorgehen der Tautini- kai-Regierung eine Verletzung der Staatsverfassung und des Konkordats mit dem Vatikan bedeute, die der katholischen Kirche und der katholischen Volks­gemeinschaft Litauens das Recht einer ungehinder­ten politischen und kulturellen Entwicklung ein- räumen. Dieses Hirtenschreiben der Bischöfe wurde widerrechtlich auf Befehl der Regierung konfisziert. Dennoch wurde es mancherorts von den Kanzeln verlesen. Gegen sämtliche Priester, die das Hirten- chreiben verlesen haben (es sind 53), hat die Re- sterung wegen staatsfeindlicher Umtriebe ein Ver- ahren eingeleitet. Ferner sind vier Geistliche und leben Angehörige katholischer Jugendorganisatio­nen, gegen die ein Verfahren wegen angeblicher staatsfeindlicher Umtriebe schwebt, dem Kriegs­gericht übergeben worden.

Mitte Januar hat die Regierung erklärt, sie werde sämtliche Priester, Jugendführer und An­gehörige katholischer Organisationen, die es wagen sollten, die litauische Regierung eines Verfassungs- vder Konkordatsbruchs zu bezichtigen oder gar zu behaupten, die Regierung behandle die Katholiken Litauens als Staatsbürger zweiter Klasse, unge­achtet ihrer kirchlichen oder weltlichen Würden, unverzüglich in Konzentrationslager verbannen. Den Polizeibehörden ist strenge Anweisung ge­geben, den katholischen Gottesdienst in den Kirchen zu überwachen und sämtliche Predigten und Kanzel­verkündigungen der Priester zu stenographieren. Das Gleiche gilt auch für katholische Veranstaltun­gen, selbst dann, wenn diese einen ausgesprochenen Privatcharakter tragen.

Auch die Tätigkeit der katholischen Orden wird außerordentlich scharf überwacht, und die Rechte, die ihnen laut Konkordat zugebilligt worden sind, werden rückgängig gemacht. So ist zum Beispiel Mitte Dezember v. I. ein« Verordnung über die Stellung der ausländischen Arbeitnehmer in Li- tauen erlassen worden, wonach jeder Ausländer bei der Uebernahme von Arbeit (auch Seelsorge und Betätigung in einem Kloster) innerhalb der Grenzen Litauens eine besondere Genehmigung der Regierung einzuholen habe. Diese Verordnung hat es besonders auf die katholischen Orden abge­sehen^ denn sie unterbindet die Tätigkeit jener Ordensleute, die nicht litauische Staatsangehörige sind. Der Protest des Provinzials des Jesuiten­ordens, der sich auf das Konkordat stützte, wurde vom Innenministerium abgelehnt. Praktisch findet die Verordnung bereits Anwendung.

Wie aus obigen Ausführungen ersichtlich ist, herrscht in Litauen ein Kulturkampf im vollen Sinne des »Wortes: die Katholiken werden in den ihnen durch die Staätsverfassung und das Konkordat zugebilligten Rechten der freien politischen und kulturellen Entwicklung behindert;

Priester und Laien werden wegen ihrer katholischen Ueberzeugung verbannt und vor Gericht gestellt; die katholischen legalen Organisationen werden widerrechtlich aufgelöst! Und das alles in einem Staat, der mit dem Vatikan ein Konkordat abge­schlossen hat! Daß sich der litauische Staat nichts aus dem Konkordat macht, geht schon aus der Tatsache hervor, daß das Parteiblatt der Regie­rung,Musu Krastas", offen bekennt, daS Kon­kordat könne ruhig in die Brüche gehen, der Vatikan habe ja doch keine Armee, und die litau­ische Regierung könne dann ungehindert die Sub- ventionen an die katholische Kirche aus ihrem Etat streichen und den Religionsunterricht in den Schulen einstellen....

Dieser Streit der Regierung mit der kacholischen Kirche und ihren Organisationen dürste politische Hintergründe haben, und man kann mit aller . Bestimmtheit sagen, daß Moskau die Triebfeder zu, allem ist; denn die gegenwärtige Tautininkai- Regierung sympathisiert außerordentlich stark mit Sowjetrüßland^ Daß aber, dem Kreml die katho­lische Bewegung in Litauen höchst ungelegen er­scheint, braucht nicht besonders betont zu werden.

Am 19. Januar hat der päpstliche Nuntius ^Kowno verlassen und sich nach Rom begeben, und wie verlautet .beabsichtigt er, nicht mehr nach Litauen zurückzukehren. In Kowno selbst wird seine Abreise als Abbruch der Beziehungen des Vatikans mit Litauen angesehen.

* Der Lippische Landtag wird nicht aufgelöst. Die Eintragungsfrist zu dem von den Ratio nal- sozialisten und Deutschnationalen ein­geleiteten Volksbegehren zur Auflösung des Lippi- schen Landtages, dessen Majorität zurzeit eine sozialistische Regierung stützt, ging am Sonntag zu Ende. Trotzdem sich dem Vorgehen der beiden

erwähnten Parteien wegen der verschiedenen Vor­kommnisse in der lippischen Regierung auch die Volkskonservativen, die Wirtschaftspartei und Landvolkpartei anschlossen, endete das Vorgehen mit einem glatten Fehlschlag. Nach der lippi­schen Verfassung ist zum Gelingen des Volks­begehrens und damit zur Herbeiführung des Volks­entscheides eine 30prozentige Beteiligung der Wahl­berechtigten notwendig. Bei der letzten Landtags- wahk waren 109 802 Lipper wahlberechtigt, so daß sich 35934 hätten einschreiben müssen. In der in­zwischen abgelaufenen Frist haben sich aber nur 6092 Lipper eingezeichnet, so daß nicht einmal ein Sechstel der notwendigen Stimmen erreicht wurde. Am meisten verwundert es, daß diese Zahl von 6092 kaum ein Drittel der Stimmen ausmacht, die die Ratio nal- ozialisten allein 6ei der Reichstagswahl auf ich vereinten. Eine entsvrechende Beteiligung fand ich nur in Lemgo, wo sich 1081 einschreiben, d. i. etwas mehr als die Nationalsozialisten. In Lippe ist dieser völlige Mißerfolg der vereinten Rechten der Grund zu einem großen Rätselraten geworden. Allerorts hält man ihn für unerklärlich. Ist es aber vielleicht ein Fingerzeig für Stahlhelm, Na­tionalsozialisten und Deutschnationale, in Preußen etwas vorsichtiger zu sein...?

Die Kriegs-Schulden.

wtb. Chicago. 29. Ian. (Eig. Meldg ). Der Präsident der Vereinigung amerikanischer Expor. teure, Edward Hurley, hat in einer Rede vor der Chicagoer Handelsvereinigung ein Plan zur Herabsetzung der Kriegsschulden vor. geschlagen, durch den die gesamten Kriegsschulden innerhalb 30 Jahren um 50 Prozent vermindert werden sollen.

Vertreter des Jndustriebezirks gefallen ist. In die­ser Versammlung sprach der Vorsitzende der deutsch- nationalen Reichstagsfraktion Dr. Oberführern

Im Schlußwort erklärte Dr. Thyssen, es sei höchste Zeit, daß gegen das jetzige Regierungssystem Sturm gelaufen werde, besonders gegen den Poung-Plan. Die finanzielle Knechtschaft, in der Deutschland jetzt lebe, se: gefährlicher als die Wegnahme ein er Provinz. Eine Provinz könne man (ich, einmal wieder holen, aus der finanziellen Knechtschaft komme man aber nicht heraus.

Gegen diese ungeheuerlich« Aeußeruna wandte sich Brüning mit folgenden Worten:Es sind Mei­nungen aufgetaucht, an eine frontale Aufrollung des 'Reparationsproblems. heranzutreten, selbst auf die Gefahr hin, daß die eine oder andere Provinz, in ihrem Zusammenhang mit dem Reich gefährdet würde. Es sieht so aus, als ob gewisse Persönlichkeiten alles wieder vergessen haben, was wir in den letzten Jahren durchgemacht haben, und glauben, man könnte die Außenpolitik ändern, indem man unter Trommel- und Pfeifenklang auf dem Exer­zierplatz aufmarschiert."

Bei den Sachsen.

Wie sich Dr. Brüning in Chemnitz bei der gro­ßen Kundgebung des Verbandes Sächsischer Jndu- strieller durch seine glänzende Rede sowie durch sein gesamtes Auftreten dieAchtungunddenBei. fall einer widerstrebend en Versamm­lung erkämpfte, ist durch die Berichte über die Kundgebung schon dargelegt worden. Es ver- lohnt sich aber, doch noch auf einige interessante Mo- mente einzugehen. Es ist nicht zu verkennen, daß di« daß die Versammlung in gewissem Sinne eine Versammlung in gewissem Sinne eine Protest. Versammlung gegen das Reich war. Dement­sprechend war dieVersammlung mit starkenEnergien geladen, die wenigstens bei einem großen Teil der Teilnehmer sogar gegen die Person des Reichskanz­lers gerichtet waren. Bei der in Sachsen be­stehenden großen Abneigung gegen das Zentrum sowie bei der fortgesetztenHetze der maß­gebenden CH emnitzerBlätter gegen ihn und die Reichsregierung überhaupt ist das nicht zn verwundern. Es war sogar die Wahrung des politischeu Anstandes nicht unbe­dingt zu garantieren. Daß in der Ver­sammlung stärkere Auslösungen der die Gemüter beherrschenden Spannung unterblieben, ist zunächst dem Vorsitzenden des Vereins Sächsischer Indu­strieller zu verdanken, der geschickt ausgleichend und» vorbeugend die Würde der Kundgebung als deren Leiter zu wahren verstand. Bezeichnend aber ist es, daß er es für nötig hielt, zu erwähnen, daß er sich für eine respektvolle Aufn ahme derWortedesKanzlersverbürgt habe«

Die überragende Führerpersönlichkeit des Kanz­lers zeigte aber sehr bald, daß diese Vorsicht ei­gentlich unnötig roar. Durch seine Rede zog er sehr schnell alle Teilnehmer in seinen Bann. Ver. blüffend wirkte er, wie er einige nicht sehr feine Zwischenrufer abfertigte. So hatte man sich offen­bar Dr. Brüning nicht vorgestellt. Besonders be­stechend wirkte seine hinreißende Klarheit und ganz besonders seine rücksichtslose Sachlichkeit, mit der er die wahre Sage Deutscklands barlegte. So er­kannten auch die anfangs Widerstrebenden, daß ein bedeutender Führer vor ihnen stand. Rauschender Beifall folgte der Rede, und als Brüning die Ver­sammlung verließ, erhoben sich alle. Dr. Brüning hatte in Chemnitz einen allgemein anerkannten großen Erfolg.

Wenn es ernst wird!

Bedeutsame Abstimmung im Strafrechtsausschutz.

Am Dienstag stand im Strafrechtsa u s- fchuß des Reichstages der Notstandsparagraph zu Beratung. Der Entwurf sieht vor, daß in bestimm- ten Fällen ein im Notstand begangener Versuch nicht nur straffrei bleibt, sondern auch für erlaubt, für rechtmäßig erklärt werden soll. Das gilt ins» besonders auch für die direkteTötu n g kei­menden Lebens. Die Vertreter des Z e n « trums und der Bayerischen Volkspar- t e i hatten schon bei früheren Beratungen im Aus­schuß erklärt, daß die staatliche Rechtsordnung nie­mals eine Handlung für erlaubt erklären könne, die nach Gottes Gebot oder nach dem christlichen Sit- tengefetz wiberfittlich fei. Insbesondere dürfe der Staat die direkte Tötung des Kindes im Mutter­leibe niemals für erlaubt, für rechtmäßig erklären. Selbstverständlich hielten Zentrum und Bayerische Volkspartei auch in der Beratung diesen Stand­punkt in vollem Umfange aufrecht und stellten einen entsprechenden Antrag auf Aenderung der Vorlage, vor allem auch mit dem Ziel, schuldloses Leben zu schützen-

Leider ist dieser Antrag abgelehnt worden, Es verdient festgehalten zu werden, daß nicht nur die Sozialisten und Kommunisten, son­dern auch Nationalsozialisten, Deutsch- nationale und die Landvolkpartei den Antrag des Zentrums zum Schutze des keimenden Lebens nieder stimmten. Das ka­tholische Volk wird mehr und mehr erkennen, daß die Grundsätze der christlichen Sittenlehre weder von der Linken noch von der Rechten verteidigt werden, mögen einzelne Reklameparteien auch noch so sehr ihr positives Christentum betonen.

Preußischer Landtag.

Der Preußische Landtag begann am Mittwoch di« zweite Lesung des Haushalts­planes für 1931 mit der gleichzeitigen allge­meinen Aussprache über den Land wir tschafts-, Do­mänen- und Gestütetat.

Der Landtag verlangt stärkere Anerkennung der beispiellosen Sönderlage Ostpreußens und Berück­sichtigung der Not der Landwirtschaft auch im Fi­nanzausgleich durch günstigere Verteilung der

Die deukschnaklonale kaisersgeburlslagsseier

Von Beobachtern wird die Veranstaltung als «übelste konfessionelle Hetze- charakterisiert. Hugenberg ist ein politischer Dilettant.

Hier ist schon über dir Versammlung der ber­liner Deutschnationalen, meist ehemalige Offizier«, Hofgesellschaft unb verwandte soziale Schichten, b«. richtet worden. In derKölnischen Volkszeitung beschreibt der Berliner Vertreter dieses Blattes feu neu Eindruck folgendermaßen:

DerLokal-Anzeiger" (das Dlaft Hugenbergs) bringt über diese Reichsgründungsfeier einen schwungvollen Bericht, in dem der Parteiführer Hu. genberg mit Lorbeeren überschüttet wird und viel von Fahnenabordnungen unb den Klängen der alten RuhMesrnürsche die Rede ist. Der deutsch- nationale Parteiführer avanciert in die- fern Bericht zum größten Manne Deutsch­lands, und es wird versichert, daß jeder, der einmal bei ihm sei, auch bei ihm bleibe und nie­mals mehr zum politischen Flugsand gehören werde. Als Hugenberg den Vorsitz der Reichstags­fraktion übernahm, war sie fast doppelt so stark wie heute. DerLokal-Anzeiger" ver­sichert aber, Hugenberg zwinge die Anhänger so in feinen Bann, daß sie ihn niemals verlassen wür­den.

Im Gegensatz zu den schwärmerischen Versiche­rungen desLokal-Anzeiger" märe nicht verwun­derlich gewesen, wenn der d« n k f äh i g e Teil der Besucher der deutschnationalen Reichsgründungs- feier entsetztbasLokalverlassenhätte, denn was die Festredner Hugenberg unb der Hof­prediger Doehring zum Besten gaben, waren ganz üble politische und konfessionelle Hetzereien, die am schreiendsten Widerspruch zu dem einigenden Gedanken einer Reichs- grünbungsfeier stehen. Hugenberg fünbigte den Entscheibungskampf bei der Reichspräsibentenwahl im nächsten Jahre an unb verlangte schon für die­ses Jahr Neuwahlen zum Preußischen Landtag. Von dem Volksbegehren horte man wiederum nichts. Hugenberg gab vielmehr Befehl zur frei­willigen Selbstauflöfung des preußischen Parla­ments. Nach einem Stoßseufzer über angebliche Diktaturpläne in Preußen begann eine wildeAt- tarfe gegen das Zentrum, die sich auf dem alten Hugenbergischen Niveau bewegte. Nach dem begeisterten Bericht desLokal-Anzeigers ist noch niemals das geheim« Ballspiel zwischen Zentrum unb Sozialdemokraten so schonungslos entlarvt worben, wie es Hugenberg gestern getan hat. Der beutschnationale Parteiführer arbeitete in Wirklich- feit mit ben ältesten Labenhütern unb wärmte alte Vorwürfe auf, die bei ihrer ehrwürdigen Vergan­genheit bald Moos angesetzt haben könnten. Das Neue Reich, für das Hugenberg einen männermor. benben Kampf führt, würde etwas anders aus« sehen, als das Deutschland, an dessen Spitze ein Zentrumskanzler stehe. Es sei Bismarcks Reich, versicherte Herr Hugenberg, unb boch ein ganz an­deres Reich Darunter kann sich jeder vorftellen, was er will, doch hat Herr Hugenberg einen ganz genauen Plan, indes:Wir wollen und dürfen nach den gemachten Erfahrungen nur nach unb nach ben Vorhang lüften." Herr Hugenberg weiß also ganz genau, wie es zu machen ist, aber er sagt es nicht. Sehr schabe! Nicht nur für bas sagenhafte kommende Reich, sondern auch für Hu­genberg, dessen politischer Dilletantismus immer offenkundiger wird.

Als zweiter Redner hatte man sich bezeichnen­derweise Herrn Doehring verschrieben. Seine Rede war so vorn alten Kulturkampfgeist erfüllt, daß sich offenbar felbft die deutschnatio­nale Presse schämt, sie wahrheits- getreu wiederzugeben. In diesen Berich, ten lesen sich bi« Betrachtungen des ehemaligen Hosprebigers leiblich harmlos; währenb tatsächlich Doehring bie übelste ko nfessionelle Hetze getrieben hat. Er warf benRömlingen" vor, sie konnten keine nationale Politik treiben,

denn das Zentrum sei ultramontan und müßte den Wilken Roms und des Pap­stes ausiführen. Cs fei beherrscht vom Geiste des Ignatius von Loyola. (Man kann sich denken, welchen Schauder die Deutsch- nationalen, vielleicht abgesehen von dem Professor Dr. Martin Spahn, bei der Nennung dieses Na­mens empfinden. Wie Fürst Bülow in seinen Denkwürdigkeiten mifteilt, pflegte Ex-Kaiser Wil­helm H. in Berichten, sobald einmal das WortJe­suit" oorfam, an den Rand zu vermerken:Sa­tans-Braten"Höllensöhne". D. Schrift!.) Ein Vertreter dieses Zentrumsgeistes sei der geenwär- tige Reichskanzler Brüning (also Brüning ist ein ,^rypto Jesuit". D Schrift!.). Den Bismarck- schen Staatsgedanken könne das Zentrum über­haupt nicht erfassen, denn dieser hätte sei­nen tiefstem Ungrund in den Erkenntnissen der R e» formatiert.Gottlob", rief Herr Doehring aus, ,chie deutsche Nation, die Zentrum und Marxis­mus so fanatisch bekämpfen, ist im Aufbruch: Sie läßt das Reich Brünings samt seinen bolschewisti­schen Folgezuständen hinter sich und zieht dem Drit­ten Reich, dem neuen deutschen Kaiser­tum entgegen!"

Auf dieser geistigen Höhenlage bewegten sich die Ausführungen des Festredners Doehring bei der deutschnationalen Reichsgründungsfeier. Wer diesem ganzen Theater beiwohnte, hatte das Ge- fühl, die deutsche Republik und die angeblich marxi- stische Herrschaft in Preußen können bei solchen Gegnern ruhig schlafen; diese geistige Armut, bie sich hier dokumentierte, wird dem Staate sicher nicht gefährlich. Die Gefahr liegt höchstens darin, daß solche Hetzkampagnen erneut konfessio­nelle Gegensätze erweitern.

Oberfchlesien hinter Brüning»

2>k Deutschen an der Grenz-Front im Osten haben unerschütterliches vertrauen. Womit der Schwer-

Industrielle Thyssen wieder spielt.

Aus Beut he n wird gemeldet. In einer von der Beutthener Zentrumspartei veranstalteten Kundgebung, in der der Reichstagsabgeordnete Prälat Ulitzka über Deutschlands innen- unb außenpolitische Lage sprach, fanb eine Entschließung Annahme gegen bas unroürbige Ver­halten verführter Elemente zum Kanzlerbesuch in Oberfchlesien. Es wirb erklärt, baß die Zentrumspartei mit dieser Schändung deutschen Namens nichts gemein habe. Diese unwürdigen Elemente seien nicht die oberschlesische Bevölkerung. Das Zentrum und alle Gutgesinnten, die die überwiegende Mehrheit der oberschlesischen Bevölkerung auj= machten, seien von aufrichtiger Vereh­rung für Reichskanzler Brüning er» füll t und dankten ihm von ganzem Herzen für seine hingehende Sorge für bas deutsche Volk unb, für seine besonderen Bemühungen um das be­drängte Grenzland unb bringen ihm unb seiner politischen Führung unerschütterliches Vertrauen entgegen.

In der Kundgebung erklärte Prälat Ulitzka, daß bie Absicht bestehe, die offizielle Abstim­mungsfeier zum Gedenken an ben 20. März 1921 in Beuth en ftattfinben zu lassen.

In der Rede, die der Reichskanzler Brüning am Sonntag in Düren gehalten hat, ist «ine Wendung besonders aufgefallen, die sich gegen Pläne wendet, die eine oder andere Provinz preiszugeben.

Diese Erklärung richtet sich gegen eine Aeuße- rung des deutschnationalen 5 n b u ft r i e l« Ien Dr. Fritz Thyssen, die am 21. Januar in einex Versammlung deutschnationaler Wirtschafte-