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Anzeiger für die Stabt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt

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Donnerstag, 29. Ianuar 1931.

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58. Zahrg.

parlamentarischer Auftakt in Vertin.

Besprechungen beim Reichskanzler. — Rede des Reichs-LrnSH- rungsministers im Haushaltsausfchutz des Reichstags. — Das Vreutzen-Parlament tagt bereits.

Der preußische Landtag ist schon an der Arbeit. Der Reichstag wird anfangs nächster Woche wie­der seine Tore öffnen. Die letzte Woche vor dem Zusammentritt des Reichstages wird vom Kabi­nett benutzt, um die letzten wichtigsten gesetzgebe­rischen Arbeiten zu vollenden, weiter um die parla­mentarische Erledigung der Arbeiten vorzubereiten. Auch zwischen den Parteien werden Aussprachen stattfinden, die in der Hauptsache der Frage gelten, wie eineP arlamentsreform ermöglicht wer­den kann, um fernerhin endlich jene sachliche Arbeit im Reichstag zu sichern, die unsere Lage er­fordert.

Das Reichskabinett wird voraussichtlich in u n- veränderterZusammensetzungvor dem Parlament seinen Etat vertreten. Es hätte auch gar keinen Zweck, jetzt ein Revirement innerhalb des Reichskabinetts vorzunehmen. Das Handeln allein ist das Entscheidende, nicht die Art, wie augenblicklich das Kabinett zusammengesetzt ist. Und zu handeln gilt es auf i n n e r- wie außenpoli­tischem Gebiet. Zahlreiche Probleme harren der Lösung. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Etat des Auswärtigen sehr bald auf der Tagesordnung des Reichstages erscheint, wobei Gelegenheit ge­geben ist, über die Genfer Ergebnisse, über das Verhältnis Deutschlands zu Polen, über den Völ­kerbund, kurzum über die gesamte deutsch« Außen­politik ausgiebig zu sprechen. Auch hier geht es nicht ohne Kämpfe ab.

Doch größer sind die Streitfragen in der In­nenpolitik. Vorläufig bleibt es ungewiß, ob der Reichstag den Etat bis Ende März selbst ver­abschiedet oder ob ihn vielleicht die Reichsregie­rung kurz vor dem 1. April auf dem Wege der Notverordnung in Kraft setzen muß. Das Reichskabinett ist gewillt und legt den allergrößren Wert darauf, daß die Parteien insgesamt alle Ge­legenheiten erhalten, um zur inneren und äpßeren Politik zu sprechen.

Aber was in der Zukunft unbedingt verhindert werden muß, das ist das unzweckmäßige Taktie­ren und die Stellung von unsachlichen, nur auf Agitation eingestellten Anträgen. Darum wird eine Reform der Geschäftsordnung des Reichstages erstrebt, die keineswegs eine Verschär­fung bedeutet, sondern nur für den parlamentari­schen Kampf Regeln aufstellt, die von den Par­teien befolgt werden müssen, so wie es schon längst in anderen Ländern der Fall ist. Es sind Aende- rungen geplant über die Stellung von Vertrauens- und Mißtrauensanträgen, über das Verfahren der Abstimmung. Ferner sollen die Bestimmungen über Interpellationen geändert werden, damit sie nicht weiter zu politischen Kampfaufrufen miß­braucht werden können. Agitationsan­träge sollen unmöglich gemacht werden dadurch, daß bei jedem Antrag, der Mehrausgaben fordert, auch die D e ck u n g s f r a g e im Antrag geklärt sein muß. Wir begrüßen diese Reform und erhoffen durch sie die sachliche Arbeit.

*

vdz. Berlin, 28. Januar. (Eig. Meld.) Der Reichstag ist jetzt endgültig zum kommenden Diens­tag dem 3. Februar, 3 Uhr nachmittags, einbe­rufen worden. Auf der Tagesordnung stehen nur kleinere Vorlagen. Die zweite Beratung des Haushalts wird voraussichtlich am Mittwoch beginnen.

mV. Berlin, 28. Januar. (Eig. Meld.) Wie wir erfahren, wird sich das Reichskabinett heute nachmittag hauptsächlich mit dem Ergebnis der Genfer Verhandlungen beschäftigen. Da­neben werden auch die O st - B e s p r e ch u ng en fortgesetzt. Morgen werden die Führer der Grünen Front erneut vom Kanzler emp­fangen. Damit soll die Aussprache, die vor eini­gen Tagen begonnen worden ist, fortgeführt wer­den. Außerdem wird Dr. Brüning morgen auch

die Vorstände des Reichsverbandes der deutschen Industrie und der Verei­nigung deutscher Arbeitgeberver­bände bei sich sehen. Alle diese Besprechungen werden in politischen Kreisen als ein Zeichen des engen Zusammenwirkens der Reichs- regierungmitdenmatzgebendenWirt- schaftsverbänden von Industrie und Landwirtschaft gewertet.

*

VDZ. Berlin, 28. Ian. (Eig. Meld.) Im Haus­haltsausschuß des Reichstages begründete heute der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, D r. Schiele, seinen Etat in einer längeren Rede. Er gab einen Ueberblick über die agrarpoli­tischen Maßnahmen im letzten Jahr und stellte zu­sammenfassend fest, daß es zwar wegen der uner­hörten Zuspitzung der allgemeinen Krisenzustände im In- und Ausland nicht gelungen sei, dem wach­senden Substanzverzehr der Landwirtschaft radikal Einhalt zu gebieten, daß aber auf den wichtig- sten Gebieten die Anhaltung einer dauerhaften Ordnung der Produk- tions- und Absatzverhältnisse deut­lich erkennbar sei. Im kommenden Jahre müßte die bisherige Politik für den Getreidebau konsequent fortgeführt und durch eine stärkere Für­sorge für den Leguminosen-Bau ergänzt werden. Für den Kartoffelbau sei die Fortführung der Flocken-Aktion und die Erhöhung des Brennrechts zu fordern. Das Zustandekommen der internatio­nalen Vereinbarungen und die Einigung von be­reits 97 Prozent der deutschen Zuckerindustrie traben die Hoffnung, daß das Werk der Zusammenschlüsse endgültig gelingen würde.

Ausführlich behandelte der Minister alsdann die Fragen der Produktionsumstellung und machte Mitteilung über den in Ausarbeitung begriffenen Reichs-Bestellungsplan. Der Gesamt­plan müsie von einer notwendigen Einschränkung des Roggen-, Hafer- und Zuckerrübenanbaues um rund 1,5 Millionen ha. ausgehen. Diese freiwer­denden Ackerflächen könnten zu insgesamt 1 Million ha. für die Erweiterung des Weizen- und G e r- sten-Anbaues Verwendung finden. Der Rest von mindestens 500 000 ha. müsse zur Verstärkung der nationalwirtschaftlichen Futtermittel­basis der deutschen Veredlungswirtschaft dienen. Es sei daher fein Ziel zur Förderung der Viehwirt- fchaft, für eine derartige Umstellung in der Acker­nutzung einen wirksamen Anrxiz zu schaffen. Vor­läufig sind noch die Zukunftsaussichten für die tierische Veredlungswirtschaft wenig günstig. Der internationale Ueberfluß an Getreide und Futter­mitteln beginnt sich immer deutlicher in eine Ueberproduktion von tierischen Veredlungserzeug­nissen umzusetzen. Daher ist die Regierung vor neue dringende Aufgaben zum Schutze der bäuer­lichen Veredlungswirtschaft gestellt.

Unsere agrarische Außenhandelspolitik ist heute vor die Notwendigkeit gestellt, so weit als möglich die Einfuhr zu drosseln, um unserer eige­nen Erzeugung den heimischen Markt zu er­halten und ihr darüber hinaus neue Absatzmög­lichkeiten zu erschließen, lieber diese grundsätzliche Zielsetzung unserer Zoll- und Handelspolitik be­finde 'ich mich in völliger Uebereinstimmung mit den Darlegungen, die Minister Curtius in Genf in der Europa-Konferenz gemacht hat. Gerade bei richtiger Würdigung der innerwirtschaftlichen Auf­gaben der Agrarpolitik kommt man nicht umhin, die Agrarzölle als die Wächter der Ordnung an der Schwelle des Wiederaufbaues der deutschen Landwirtschaft anzueriennen. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich die Synthese zwischen allgemein er Handelspolitik und a g r a. r i sche r Z o l l p o l i t i k, wie sie in dem gegen­wärtigen Handelsvertrag bestehen, vorgenommen ist, nicht für glücklich halte. Ich erachte eine all­mähliche Abkehr von dieser Politik für unerläß­lich, halte es aber angesichts der heutigen Lage für geboten, nur mit Vorbedacht an die Reiorm der bestehenden Handelsverträge heranzugehen.

Der Genfer Friedensschlutz.

Man erinnert sich noch daran, mit wie pessimi­stischen Gefühlen der deutsche Außenminister die Reise nach Genf antrat. Er sah seiner Aktion mit so geringer Hoffnung entgegen, daß er — ein un­gewöhnlicher Vorgang — es für angebracht hielt, in einer Versammlung von Parteifreunden seine resignierte Stimmung deutlich zu bekunden und vorauszusagen, daß er irgendwelche Erwartungen wohl nicht erfüllen könne. Damit sprach Dr. Cur­tius aus, was wir all« fühlten: der Völkerbunds­rat sollte in Genf gehalten werden, objektiv zu ent­scheiden, und das konnte in diesem Falle nur Stellungnahme für Deutschland heißen. Das aber sind wir nicht gewohnt, ja wir sind das Gege nteil gewohnt, und darum verstanden wir die trübe Stimmung des Reichsvertreters und gaben ihm Recht.

Aber es ist anders gekommen. Auch der Bol- kerbundsrat hat fid> den in den deutschen Be­schwerdenoten niedergelegten Argumenten nicht entziehen können. Hierzu kam die ruhige Sicher­heit, mit der Dr. Curtius die deutsche Anklage be­gründete und erläuterte, die Sicherheit eines Man­nes, der als Zeuge den Tatbestand auf seiner Seite hat. Der polnische Vertreter Zaleski konnte diesen Bekundungen nicht viel entgegenhalten. Er sollte eine ungerechte Sache verteidigen, und zu­dem eine Sache, die offenkundig vor aller Welt Augen lag- Das gelang ihm nicht. Die Methoden, die er versuchte, um die deutschen Beschuldigungen

abzuschwächen, waren allzu spitzbübisch, als daß der Rat sie nicht hätte durchschauen sollen.

Selbstverständlich konnte es in einer Versamm­lung, in der Frankreich als mächtiger Freund Po­lens saß, nicht an Umwegen fehlen, auf denen man die deutschen Forderungen zu lähmen versuchte. Dr. Curtius hat sich diesen Experimenten gegenüber standhaft gezeigt. Dabei kam ihm die kluge Tak­tik, nicht bestimmte Sühneforderungen aufzustel­len oder gar ein Ultimatum zu überreichen, zu­statten. Es war klug, daß er sich mit dem Sühne­verlangen alle Möglichkeiten offen ließ, so daß der Rat sejbst sich zu Vorschlägen verstehen mußte. Cur­tius hat auf der ganzen Linie einen Erfolg erzielt, den wir zwar nur als gerecht empfinden, den aber doch niemand erwartet hatte.

lleberlegen wir uns. was es heißt, in unserer Situation vor dem Völkerbunde gegen einen ausge­sprochenen Günstling der ehemaligen Entente zu bestehen. Erst nach und nach beginnt ja das Odium von uns zu sinken, als ob wir Friedenszerstörer wä­ren. Aber je mehr dieses Mißtrauen gegen uns schwindet, desto stärker wird auch auf der Gegen­seite die Sorge, wir möchten auf friedlichem und ganz einwandfreiem Wege das Diktat von Verso.il- les, auf dem so viele Einzelheiten der Europäischen Politik fußen, zerschlagen wollen. Man fürchtet, mir könnten die Revision her Friedensverträge be­antragen- Es ist darüber in den letzten Monaten in allen Ländern viel geschrieben worden, sodaß man sagen kann, dieser deutsche« Antrag liegt in der Luft. Auch in Eens stand er Lie ein Gespenst

hinter dem Verhandlungstisch. Aber Curtius hat ihn nicht ausgesprochen. Er hat sich vielmehr auf die Begründung der deutschen Bekchwerdenoten be­schränkt und nichts anderes getan, als einen in den Völkerb'lndsfatzungen vorgesehenen Klageakt duvchzusechten. Daß die Greuel in Polen nur möglich waren, weil die Grenze ungerecht gezogen worden ist, wurde mit keinem Wort erwähnt, aber es lastete wie ein Alp auf allen Derhandlungs- teilnehmern. Das brachte unbewußt eine für die deutsche Situation günstige Stimmung hervor. Wahrscheinlich haben alle Mitglieder des Rates empfunden, daß da in Ostoverichl-'sien unter der Oberfläche noch Dinge spielen müssen, die in den deutschen Beschwerdenoten nicht erwähnt werden. Die deutsche Minderheit ist zahlenmäßig zu groß, als daß sie nicht durch falsche Annahmen hätte ent­stehen müssen. Der Gedanke, auf diese Grundlagen hinzuweisen, lag also dauernd nahe und konnte die Ratsvertreter nicht unbeeinflußt lassen.

Wenn aber das Wort Grenzrevision gefallen wäre, so wäre ein Chaos entstanden, in dem sicher­lich, so wie die Dinge heute noch liegen, die deut­schen Interessen untergegangen wären. Aber auch Polen mußte fürchten, in diesem Falle ernstlich Schaden zu nehmen, ernstlicher, als wenn es durch ein Eingeständnis der ja doch nicht zu leugnenden üblen Vorkommnisse die Rolle des Halbwegs reui­gen Sünders übernahm- Dazu kam, daß Zaleski wohl überhaupt zunächst einmal aus der drückend gewordenen Genfer Atmosphäre herauskommen wollte. Bis zum Mai, wenn der Rat wieder zu­sammentritt, ist noch einige Zeit und vielleicht läßt sich bis dahin noch dies oder jenes mildernd aus­gleichen. So mag wohl Herr Zaleski denken.

Wir aber haben, so dünkt uns, kaum Veranlas­sung, solche Erwartungen zu begünstigen. Der Rat hat gesehen, daß wir festbleiben wollen, und diese Meinung wollen wir ihm nicht verwässern. Auch Dr. Curtius selbst wird das begreifen. Er ist mit einem ausgesprochenen Erfolge heimgekehrt, selbst die gewerbsmäßige Opposition der Rechten muß, mehr oder weniger verklausuliert, zugeben, daß mehr erreicht worden ist, als jemand zu hof­fen glaubte. Damit dürste der unverantwortlichen Hetze gegen Curtius der Boden entzogen fein. Die Außenpolitik des Kabinetts Brüning hat sich kraft­voll und zugleich maßvoll, energisch und klug ge­zeigt. Wer jetzt noch gegen sie wühlen wollte, würde sich damit allzu offensichtlich ins Unrecht setzen- Dem Radikalismus mag das gleichgültig sein, Parteien mit ehrlichen politischen Zielen über­legen es sich, ob sie eine Regierung bekämpfen wol­len, die alles in allem auf dem Wege scheint, gül­tige Ziele mit politischen Mitteln zu erreichen.

Ob das Ergebnis von Genf einen wirklichen und dauerhaften Frieden mit Polen bedeutet, ist abzuwarten. Es hot alle Anzeichen eines guten Präliminarfriedens, weil es auf der Anerkennung des Rechts und der Verurteilung des Unrechts auf­gebaut ist. Darauf aber muß immer und überall die Ordnung und damit die Sicherheit beruhen. In jedem Falle war der Genfer Ratsbeschluß ein An­fang.

* Auch die Türkei muß sparen. Aus Angora wird gemeldet: In einem Kabinettsrat wurde be« schlossen, das Budget für das am 1. Januar begin­nende Finanzjahr gegenüber dem Budget des Vor­jahres um 37 Millionen türkische Pfund auf 185 Mill, türkische Pfund herabzusetzen.

Der reichet versammelte Landtag.

Nationalsozialisten melden Obstruktion an. Kom­munisten und Deutschnationale müssen sich „un­sachliche Radau-Politik" vorwerfen lassen.

Der Preußische Landtag hielt am Dienstag seine erste Plenarsitzung nach der Weihnachtspause ab. Präsident Bartels eröffnete die Verhandlungen mit einer Trauerkundgebung für den verstorbenen Zentrumsabgeordneten D r. Herold, der ununterbrochen 41 Jahre lang dem preußischen Parlament angehört hat.

Vor Eintritt in die Tagesordnung kam es zu: einer lebhaften Geschäftsordnungsdebatte, in deren Verlauf Deutschnationale und Kommu­nisten die sofortige Beratung von Anträgen ihrer Fraktionen forderten. Der Sozialdemokrat Heilmann warf ihnen unter anhaltender Unruhe „unfachliche R a d a u p o l i t i k" vor, weil sie es nicht für nötig gehalten hätten, ihre Wünsche zur Tagesordnung in der vorausgegangenen Be­ratung des Aeltestenrates vorzubringen. Der Nationalsozialist Haake kündigte unter lärmenden Unterbrechungen an, daß die sechs National­sozia l i st e n im Preußenparlament nunmehr O b- struktion üben würden, weil die N. S. D. A. P., Tm Reich die, zweitstärkste Partei, wegen der Verweigerung von Neuwahlen im Landtag nicht einmal an den Ausschußverhandlungen teilnehmen könne. Ein Jnitiativgesetz der Regierungsparteien, das die Wahlzeit zu den Landwirtschaftskammer um weitere sechs Monate verlängern will, damit Zeit gewonnen wird für die parlamentarische Er­ledigung des neuen Landwirtschaftskammergesetzes, wurde gegen die Stimmen aller übrigen Parteien in erster und zweiter Lesung angenommen.

Die zur gemeinsamen ersten Beratung ge­stellten Novellen zur Grundvermögens-, Haus­zins- und Gewerbesteuer gingen an den Haupt­ausschuß. Ohne wesentliche Aussprache wurde die preußische Verordnung über die Gehaltskürzung für Beamte um 6 Prozent und für Minister um 20 Prozent an den Hauptausschuß verwiesen und hieraus die vor Weihnachten abgebrochene Debatte über die Denkschrift der Oberrechnungskammer zum Etat für 1927 fortgesetzt.

Um WA Uhr vertagte sich das Haus auf Mitt­woch: Zweite Lesung der Haushalte der ßanL= wirtschafts-, Gestüts- und Domänenverwaltung.

Arb etts dienflpfttcht?

Von unserem sozialpolitischen Mitarbeiter:

Nach dem neuesten Bericht der Reichsanstalt hat Deutschland zurzeit rund 4 800 000 Menschen, die Arbeit suchen. In einer solchen Situation ist es erklärlich, daß jeder Verantwortungsbewußte Mittel und Wege ersinnen muß, um der furcht­baren Arbeitslosigkeit Herr zu werden. Bisher ist es allerdings noch nicht gelungen, ein Allheil­mittel zu finden. Es wird wohl auch keinem Land« allein geringen, die gegenwärtige Krise zu überwin. den. Diese Tatsache befreit aber nicht von der Ver­pflichtung, jeden Vorschlag, der zur Behebung der Arbeitslosigkeit führen soll, ernsthaft zu prüfen. Das gilt auch für den Vorschlag auf die Einfüh­rung einer Arbeitsdienstpflicht.

Hinsichtlich der Arbeitsdienstpflicht liegt ja auch bereits ein bis ins einzeln« ausgearbeiteter Gesetz­entwurf der Wirtfchaftspartei im Reichstage vor- Fernex find in dieser Frage dem Reichsarbeits­ministerium in der letzten Zeit eine ganze Reihe von Eingaben zugegangen, die zum Teil die Ar- beitsdienstpslicht fordern, zum Teil aber auch ab­lehnen. Auch die Presseäußerungen der letzten Mo- nate bewiesen das große Interesse der Oeffentlich- feit, das diese gerade an dem Vorschlag nimmt.

Es war daher zu begrüßen, daß das Reichs- arbeitsminifterium die Spitzenverbände der Arbeit­geber und Arbeitnehmer und eine Reihe von Ew- zelpersönlichkeiten zu einer Aussprache darüber ein­lud, ob die Einführung her Arbeitsdienstpflicht möglich sei. Das Ergebnis dieser Aussprache wurde der Presse mitgeteilt: Keiner der Anwesenden hielt die Möglichkeit für gegeben die Arbeitsdienstpflicht fo, wie sie vorgeschlagen war, einzufübren. Auch der Abgeordnete Sachsenberg von der Wirtschafts- Partei, der sich bisher entschieden zu dem Gedan­ken der Arbeitsdienstpflicht bekannt hatte, mußte zugeben, daß, falls die von dem Referenten des Reichsarbeitsmin'sierinms vorgetragenen Zahlen richtig feien, die Einführung der Arbeitsdienstpflicht schon aus finanziellen Gründen scheitern müsse. Allerdings müsse er sich Vorbehalten, die Zahlen nochmals zu überprüfen.

Das Referat, das Sachbearbeiter des Arbeits­ministeriums, Ministerialrat Dr. Lehfeldt, in der erwähnten Aussprache hielt, erscheint nunmehr in Nr. 3 des Reichsarbeitsblatts (Teil H) vom 25. Ja­nuar 1931. Es ist so jedem die Möglichkeit ge­geben, sich mit dieser brennenden Frage der Ar­beitsdienstpflicht eingehend auseinanderzusetzen. Interessieren wird aus diesem Aufsatz insbesondere die Ausführung, die sich mit den Kosten der etwa einzuführenden Arbeitsdienstpflicht befaßt. Dar. über fei aus dem Aussatz folgendes mitgeteilt:

„Von Interesse dürfte fein, sich zu erinnern, was uns gegenwärtig die Arbeitslosenversicherung kostet. Hier wurde je Kopf und Monat im Durch­schnitt folgendes ausaegeben:

für Arbeitslosenunterstützung 66 Mark,

für die Krankenversicherung der Arbeits­

losen 6 „

für Arbeitsvermittlung, Berufsberatung

und Verwaltungskosten 6 „

für Sonstiges (wertfchaffend« Arbeits­

losenfürsorge und Maßnahmen zur Verhütung und Beendigung der Ar­beitslosigkeit und dergleichen) 2 „

insgesamt 80 Mark, also jährlich rund 960 Mark.

Der Aufwand für jährliche Arbeitslosigkeit wird etwas geringer sein, weil diese Arbeitslose während ihrer Beschäftigung meist den unteren ober mittleren Lohnklassen angehören. Hier kommt man zu Durchschnittszahlen von etwa 720 bis 800 Mk. pro Kopf und Jahr. Nach diesen Zahlen kann man auch ohne weiteres sich ausrechnen, was ins­gesamt die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung an Unterstützungs­sätzen aufzuwenden hat.

Dem gegenüber muß man nun untersuchen, was die Ärbe'tsdienstpflicht kostet- Hier liegen eine Reihe von Berechnungen vor, unter anderem auch von dem Abgeordneten Sachsenberg. Aber all die bisherigen Berechnungen dürften zu optimistisch fein. Zunächst erscheint der Hinweis auf Bul­garien, das eine allgemeine Arbeitsdienstpflicht kennt, verfehlt. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse eines Agrarlandes wie Bulgarien sind nun einmal völlig verschieden von den eines in­dustriell so hoch entwickelten Londes wie Deutsch­land. Zudem muß man den Zahlen, die Bul­garien über die finanzielle Seite dieser Dienst­pflicht gibt, sehr skeptisch gegenüberstehen, da sie meist nur geschätzt sind.

Für die Naturalleistung, also Kleidung, Unter- fünft, Bildungswefen, Sanitätswesen und derglei. dien dürften ein zuverlässiger Anhaltspunkt die Aus- gaben fein, die die Reichswehr hierfür hat. Die Reichswehr rechnet auf den Kopf des Reichswehr- foldaten jährlich rund 1400 Mark für Natural- leiftung. Ob diese für die Arbeitsdienstpflichtigen niedriger sind, wird man bezweifeln dürfen, denn es ist zu überlegen, daß hie Reichswehr bei Be­rechnung ihrer Zahl keine Kosten für Neubauten einzustellen hat. Sollen aber die Arbeitsdienstpflich­tigen mit Arbeiten, die auf dem Land, in Oed- länbereien und dergleichen auszuführen find, be­schäftigt werden, so wird gerade auch ein erheb­licher Aufwand für Neubauten entstehen. Deshalb wird man mindestens auch für die Arbeitsdienst­pflicht von 1400 Mark ausgeben müssen.

Hinzu kommt noch die Aufwendung, die für eine Löhnung zu zahlen ist. Man wird wohl nicht von einem durchschnittlichen Tariflohn auszugehen brauchen, sondern es wird genügen, wenn man eine Tageslöhnung von 50 Pfennig annimmt Das mürbe bedeuten einen Mehraufwand von jährlich 180 Mark pro Kopf.

Wichtig ist nun weiter die Frage nach den Ma. terialkosten. Diese werden in den Berechnungen