Anzeiger für die Stabt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt
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Donnerstag, 29. Ianuar 1931.
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58. Zahrg.
parlamentarischer Auftakt in Vertin.
Besprechungen beim Reichskanzler. — Rede des Reichs-LrnSH- rungsministers im Haushaltsausfchutz des Reichstags. — Das Vreutzen-Parlament tagt bereits.
Der preußische Landtag ist schon an der Arbeit. Der Reichstag wird anfangs nächster Woche wieder seine Tore öffnen. Die letzte Woche vor dem Zusammentritt des Reichstages wird vom Kabinett benutzt, um die letzten wichtigsten gesetzgeberischen Arbeiten zu vollenden, weiter um die parlamentarische Erledigung der Arbeiten vorzubereiten. Auch zwischen den Parteien werden Aussprachen stattfinden, die in der Hauptsache der Frage gelten, wie eineP arlamentsreform ermöglicht werden kann, um fernerhin endlich jene sachliche Arbeit im Reichstag zu sichern, die unsere Lage erfordert.
Das Reichskabinett wird voraussichtlich in u n- veränderterZusammensetzungvor dem Parlament seinen Etat vertreten. Es hätte auch gar keinen Zweck, jetzt ein Revirement innerhalb des Reichskabinetts vorzunehmen. Das Handeln allein ist das Entscheidende, nicht die Art, wie augenblicklich das Kabinett zusammengesetzt ist. Und zu handeln gilt es auf i n n e r- wie außenpolitischem Gebiet. Zahlreiche Probleme harren der Lösung. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Etat des Auswärtigen sehr bald auf der Tagesordnung des Reichstages erscheint, wobei Gelegenheit gegeben ist, über die Genfer Ergebnisse, über das Verhältnis Deutschlands zu Polen, über den Völkerbund, kurzum über die gesamte deutsch« Außenpolitik ausgiebig zu sprechen. Auch hier geht es nicht ohne Kämpfe ab.
Doch größer sind die Streitfragen in der Innenpolitik. Vorläufig bleibt es ungewiß, ob der Reichstag den Etat bis Ende März selbst verabschiedet oder ob ihn vielleicht die Reichsregierung kurz vor dem 1. April auf dem Wege der Notverordnung in Kraft setzen muß. Das Reichskabinett ist gewillt und legt den allergrößren Wert darauf, daß die Parteien insgesamt alle Gelegenheiten erhalten, um zur inneren und äpßeren Politik zu sprechen.
Aber was in der Zukunft unbedingt verhindert werden muß, das ist das unzweckmäßige Taktieren und die Stellung von unsachlichen, nur auf Agitation eingestellten Anträgen. Darum wird eine Reform der Geschäftsordnung des Reichstages erstrebt, die keineswegs eine Verschärfung bedeutet, sondern nur für den parlamentarischen Kampf Regeln aufstellt, die von den Parteien befolgt werden müssen, so wie es schon längst in anderen Ländern der Fall ist. Es sind Aende- rungen geplant über die Stellung von Vertrauens- und Mißtrauensanträgen, über das Verfahren der Abstimmung. Ferner sollen die Bestimmungen über Interpellationen geändert werden, damit sie nicht weiter zu politischen Kampfaufrufen mißbraucht werden können. Agitationsanträge sollen unmöglich gemacht werden dadurch, daß bei jedem Antrag, der Mehrausgaben fordert, auch die D e ck u n g s f r a g e im Antrag geklärt sein muß. Wir begrüßen diese Reform und erhoffen durch sie die sachliche Arbeit.
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vdz. Berlin, 28. Januar. (Eig. Meld.) Der Reichstag ist jetzt endgültig zum kommenden Dienstag dem 3. Februar, 3 Uhr nachmittags, einberufen worden. Auf der Tagesordnung stehen nur kleinere Vorlagen. Die zweite Beratung des Haushalts wird voraussichtlich am Mittwoch beginnen.
mV. Berlin, 28. Januar. (Eig. Meld.) Wie wir erfahren, wird sich das Reichskabinett heute nachmittag hauptsächlich mit dem Ergebnis der Genfer Verhandlungen beschäftigen. Daneben werden auch die O st - B e s p r e ch u ng en fortgesetzt. Morgen werden die Führer der Grünen Front erneut vom Kanzler empfangen. Damit soll die Aussprache, die vor einigen Tagen begonnen worden ist, fortgeführt werden. Außerdem wird Dr. Brüning morgen auch
die Vorstände des Reichsverbandes der deutschen Industrie und der Vereinigung deutscher Arbeitgeberverbände bei sich sehen. Alle diese Besprechungen werden in politischen Kreisen als ein Zeichen des engen Zusammenwirkens der Reichs- regierungmitdenmatzgebendenWirt- schaftsverbänden von Industrie und Landwirtschaft gewertet.
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VDZ. Berlin, 28. Ian. (Eig. Meld.) Im Haushaltsausschuß des Reichstages begründete heute der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, D r. Schiele, seinen Etat in einer längeren Rede. Er gab einen Ueberblick über die agrarpolitischen Maßnahmen im letzten Jahr und stellte zusammenfassend fest, daß es zwar wegen der unerhörten Zuspitzung der allgemeinen Krisenzustände im In- und Ausland nicht gelungen sei, dem wachsenden Substanzverzehr der Landwirtschaft radikal Einhalt zu gebieten, daß aber auf den wichtig- sten Gebieten die Anhaltung einer dauerhaften Ordnung der Produk- tions- und Absatzverhältnisse deutlich erkennbar sei. Im kommenden Jahre müßte die bisherige Politik für den Getreidebau konsequent fortgeführt und durch eine stärkere Fürsorge für den Leguminosen-Bau ergänzt werden. Für den Kartoffelbau sei die Fortführung der Flocken-Aktion und die Erhöhung des Brennrechts zu fordern. Das Zustandekommen der internationalen Vereinbarungen und die Einigung von bereits 97 Prozent der deutschen Zuckerindustrie traben die Hoffnung, daß das Werk der Zusammenschlüsse endgültig gelingen würde.
Ausführlich behandelte der Minister alsdann die Fragen der Produktionsumstellung und machte Mitteilung über den in Ausarbeitung begriffenen Reichs-Bestellungsplan. Der Gesamtplan müsie von einer notwendigen Einschränkung des Roggen-, Hafer- und Zuckerrübenanbaues um rund 1,5 Millionen ha. ausgehen. Diese freiwerdenden Ackerflächen könnten zu insgesamt 1 Million ha. für die Erweiterung des Weizen- und G e r- sten-Anbaues Verwendung finden. Der Rest von mindestens 500 000 ha. müsse zur Verstärkung der nationalwirtschaftlichen Futtermittelbasis der deutschen Veredlungswirtschaft dienen. Es sei daher fein Ziel zur Förderung der Viehwirt- fchaft, für eine derartige Umstellung in der Ackernutzung einen wirksamen Anrxiz zu schaffen. Vorläufig sind noch die Zukunftsaussichten für die tierische Veredlungswirtschaft wenig günstig. Der internationale Ueberfluß an Getreide und Futtermitteln beginnt sich immer deutlicher in eine Ueberproduktion von tierischen Veredlungserzeugnissen umzusetzen. Daher ist die Regierung vor neue dringende Aufgaben zum Schutze der bäuerlichen Veredlungswirtschaft gestellt.
Unsere agrarische Außenhandelspolitik ist heute vor die Notwendigkeit gestellt, so weit als möglich die Einfuhr zu drosseln, um unserer eigenen Erzeugung den heimischen Markt zu erhalten und ihr darüber hinaus neue Absatzmöglichkeiten zu erschließen, lieber diese grundsätzliche Zielsetzung unserer Zoll- und Handelspolitik befinde 'ich mich in völliger Uebereinstimmung mit den Darlegungen, die Minister Curtius in Genf in der Europa-Konferenz gemacht hat. Gerade bei richtiger Würdigung der innerwirtschaftlichen Aufgaben der Agrarpolitik kommt man nicht umhin, die Agrarzölle als die Wächter der Ordnung an der Schwelle des Wiederaufbaues der deutschen Landwirtschaft anzueriennen. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich die Synthese zwischen allgemein er Handelspolitik und a g r a. r i sche r Z o l l p o l i t i k, wie sie in dem gegenwärtigen Handelsvertrag bestehen, vorgenommen ist, nicht für glücklich halte. Ich erachte eine allmähliche Abkehr von dieser Politik für unerläßlich, halte es aber angesichts der heutigen Lage für geboten, nur mit Vorbedacht an die Reiorm der bestehenden Handelsverträge heranzugehen.
Der Genfer Friedensschlutz.
Man erinnert sich noch daran, mit wie pessimistischen Gefühlen der deutsche Außenminister die Reise nach Genf antrat. Er sah seiner Aktion mit so geringer Hoffnung entgegen, daß er — ein ungewöhnlicher Vorgang — es für angebracht hielt, in einer Versammlung von Parteifreunden seine resignierte Stimmung deutlich zu bekunden und vorauszusagen, daß er irgendwelche Erwartungen wohl nicht erfüllen könne. Damit sprach Dr. Curtius aus, was wir all« fühlten: der Völkerbundsrat sollte in Genf gehalten werden, objektiv zu entscheiden, und das konnte in diesem Falle nur Stellungnahme für Deutschland heißen. Das aber sind wir nicht gewohnt, ja wir sind das Gege nteil gewohnt, und darum verstanden wir die trübe Stimmung des Reichsvertreters und gaben ihm Recht.
Aber es ist anders gekommen. Auch der Bol- kerbundsrat hat fid> den in den deutschen Beschwerdenoten niedergelegten Argumenten nicht entziehen können. Hierzu kam die ruhige Sicherheit, mit der Dr. Curtius die deutsche Anklage begründete und erläuterte, die Sicherheit eines Mannes, der als Zeuge den Tatbestand auf seiner Seite hat. Der polnische Vertreter Zaleski konnte diesen Bekundungen nicht viel entgegenhalten. Er sollte eine ungerechte Sache verteidigen, und zudem eine Sache, die offenkundig vor aller Welt Augen lag- Das gelang ihm nicht. Die Methoden, die er versuchte, um die deutschen Beschuldigungen
abzuschwächen, waren allzu spitzbübisch, als daß der Rat sie nicht hätte durchschauen sollen.
Selbstverständlich konnte es in einer Versammlung, in der Frankreich als mächtiger Freund Polens saß, nicht an Umwegen fehlen, auf denen man die deutschen Forderungen zu lähmen versuchte. Dr. Curtius hat sich diesen Experimenten gegenüber standhaft gezeigt. Dabei kam ihm die kluge Taktik, nicht bestimmte Sühneforderungen aufzustellen oder gar ein Ultimatum zu überreichen, zustatten. Es war klug, daß er sich mit dem Sühneverlangen alle Möglichkeiten offen ließ, so daß der Rat sejbst sich zu Vorschlägen verstehen mußte. Curtius hat auf der ganzen Linie einen Erfolg erzielt, den wir zwar nur als gerecht empfinden, den aber doch niemand erwartet hatte.
lleberlegen wir uns. was es heißt, in unserer Situation vor dem Völkerbunde gegen einen ausgesprochenen Günstling der ehemaligen Entente zu bestehen. Erst nach und nach beginnt ja das Odium von uns zu sinken, als ob wir Friedenszerstörer wären. Aber je mehr dieses Mißtrauen gegen uns schwindet, desto stärker wird auch auf der Gegenseite die Sorge, wir möchten auf friedlichem und ganz einwandfreiem Wege das Diktat von Verso.il- les, auf dem so viele Einzelheiten der Europäischen Politik fußen, zerschlagen wollen. Man fürchtet, mir könnten die Revision her Friedensverträge beantragen- Es ist darüber in den letzten Monaten in allen Ländern viel geschrieben worden, sodaß man sagen kann, dieser deutsche« Antrag liegt in der Luft. Auch in Eens stand er Lie ein Gespenst
hinter dem Verhandlungstisch. Aber Curtius hat ihn nicht ausgesprochen. Er hat sich vielmehr auf die Begründung der deutschen Bekchwerdenoten beschränkt und nichts anderes getan, als einen in den Völkerb'lndsfatzungen vorgesehenen Klageakt duvchzusechten. Daß die Greuel in Polen nur möglich waren, weil die Grenze ungerecht gezogen worden ist, wurde mit keinem Wort erwähnt, aber es lastete wie ein Alp auf allen Derhandlungs- teilnehmern. Das brachte unbewußt eine für die deutsche Situation günstige Stimmung hervor. Wahrscheinlich haben alle Mitglieder des Rates empfunden, daß da in Ostoverichl-'sien unter der Oberfläche noch Dinge spielen müssen, die in den deutschen Beschwerdenoten nicht erwähnt werden. Die deutsche Minderheit ist zahlenmäßig zu groß, als daß sie nicht durch falsche Annahmen hätte entstehen müssen. Der Gedanke, auf diese Grundlagen hinzuweisen, lag also dauernd nahe und konnte die Ratsvertreter nicht unbeeinflußt lassen.
Wenn aber das Wort Grenzrevision gefallen wäre, so wäre ein Chaos entstanden, in dem sicherlich, so wie die Dinge heute noch liegen, die deutschen Interessen untergegangen wären. Aber auch Polen mußte fürchten, in diesem Falle ernstlich Schaden zu nehmen, ernstlicher, als wenn es durch ein Eingeständnis der ja doch nicht zu leugnenden üblen Vorkommnisse die Rolle des Halbwegs reuigen Sünders übernahm- Dazu kam, daß Zaleski wohl überhaupt zunächst einmal aus der drückend gewordenen Genfer Atmosphäre herauskommen wollte. Bis zum Mai, wenn der Rat wieder zusammentritt, ist noch einige Zeit und vielleicht läßt sich bis dahin noch dies oder jenes mildernd ausgleichen. So mag wohl Herr Zaleski denken.
Wir aber haben, so dünkt uns, kaum Veranlassung, solche Erwartungen zu begünstigen. Der Rat hat gesehen, daß wir festbleiben wollen, und diese Meinung wollen wir ihm nicht verwässern. Auch Dr. Curtius selbst wird das begreifen. Er ist mit einem ausgesprochenen Erfolge heimgekehrt, selbst die gewerbsmäßige Opposition der Rechten muß, mehr oder weniger verklausuliert, zugeben, daß mehr erreicht worden ist, als jemand zu hoffen glaubte. Damit dürste der unverantwortlichen Hetze gegen Curtius der Boden entzogen fein. Die Außenpolitik des Kabinetts Brüning hat sich kraftvoll und zugleich maßvoll, energisch und klug gezeigt. Wer jetzt noch gegen sie wühlen wollte, würde sich damit allzu offensichtlich ins Unrecht setzen- Dem Radikalismus mag das gleichgültig sein, Parteien mit ehrlichen politischen Zielen überlegen es sich, ob sie eine Regierung bekämpfen wollen, die alles in allem auf dem Wege scheint, gültige Ziele mit politischen Mitteln zu erreichen.
Ob das Ergebnis von Genf einen wirklichen und dauerhaften Frieden mit Polen bedeutet, ist abzuwarten. Es hot alle Anzeichen eines guten Präliminarfriedens, weil es auf der Anerkennung des Rechts und der Verurteilung des Unrechts aufgebaut ist. Darauf aber muß immer und überall die Ordnung und damit die Sicherheit beruhen. In jedem Falle war der Genfer Ratsbeschluß ein Anfang.
* Auch die Türkei muß sparen. Aus Angora wird gemeldet: In einem Kabinettsrat wurde be« schlossen, das Budget für das am 1. Januar beginnende Finanzjahr gegenüber dem Budget des Vorjahres um 37 Millionen türkische Pfund auf 185 Mill, türkische Pfund herabzusetzen.
Der reichet versammelte Landtag.
Nationalsozialisten melden Obstruktion an. Kommunisten und Deutschnationale müssen sich „unsachliche Radau-Politik" vorwerfen lassen.
Der Preußische Landtag hielt am Dienstag seine erste Plenarsitzung nach der Weihnachtspause ab. Präsident Bartels eröffnete die Verhandlungen mit einer Trauerkundgebung für den verstorbenen Zentrumsabgeordneten D r. Herold, der ununterbrochen 41 Jahre lang dem preußischen Parlament angehört hat.
Vor Eintritt in die Tagesordnung kam es zu: einer lebhaften Geschäftsordnungsdebatte, in deren Verlauf Deutschnationale und Kommunisten die sofortige Beratung von Anträgen ihrer Fraktionen forderten. Der Sozialdemokrat Heilmann warf ihnen unter anhaltender Unruhe „unfachliche R a d a u p o l i t i k" vor, weil sie es nicht für nötig gehalten hätten, ihre Wünsche zur Tagesordnung in der vorausgegangenen Beratung des Aeltestenrates vorzubringen. Der Nationalsozialist Haake kündigte unter lärmenden Unterbrechungen an, daß die sechs Nationalsozia l i st e n im Preußenparlament nunmehr O b- struktion üben würden, weil die N. S. D. A. P., Tm Reich die, zweitstärkste Partei, wegen der Verweigerung von Neuwahlen im Landtag nicht einmal an den Ausschußverhandlungen teilnehmen könne. Ein Jnitiativgesetz der Regierungsparteien, das die Wahlzeit zu den Landwirtschaftskammer um weitere sechs Monate verlängern will, damit Zeit gewonnen wird für die parlamentarische Erledigung des neuen Landwirtschaftskammergesetzes, wurde gegen die Stimmen aller übrigen Parteien in erster und zweiter Lesung angenommen.
Die zur gemeinsamen ersten Beratung gestellten Novellen zur Grundvermögens-, Hauszins- und Gewerbesteuer gingen an den Hauptausschuß. Ohne wesentliche Aussprache wurde die preußische Verordnung über die Gehaltskürzung für Beamte um 6 Prozent und für Minister um 20 Prozent an den Hauptausschuß verwiesen und hieraus die vor Weihnachten abgebrochene Debatte über die Denkschrift der Oberrechnungskammer zum Etat für 1927 fortgesetzt.
Um WA Uhr vertagte sich das Haus auf Mittwoch: Zweite Lesung der Haushalte der ßanL= wirtschafts-, Gestüts- und Domänenverwaltung.
Arb etts dienflpfttcht?
Von unserem sozialpolitischen Mitarbeiter:
Nach dem neuesten Bericht der Reichsanstalt hat Deutschland zurzeit rund 4 800 000 Menschen, die Arbeit suchen. In einer solchen Situation ist es erklärlich, daß jeder Verantwortungsbewußte Mittel und Wege ersinnen muß, um der furchtbaren Arbeitslosigkeit Herr zu werden. Bisher ist es allerdings noch nicht gelungen, ein Allheilmittel zu finden. Es wird wohl auch keinem Land« allein geringen, die gegenwärtige Krise zu überwin. den. Diese Tatsache befreit aber nicht von der Verpflichtung, jeden Vorschlag, der zur Behebung der Arbeitslosigkeit führen soll, ernsthaft zu prüfen. Das gilt auch für den Vorschlag auf die Einführung einer Arbeitsdienstpflicht.
Hinsichtlich der Arbeitsdienstpflicht liegt ja auch bereits ein bis ins einzeln« ausgearbeiteter Gesetzentwurf der Wirtfchaftspartei im Reichstage vor- Fernex find in dieser Frage dem Reichsarbeitsministerium in der letzten Zeit eine ganze Reihe von Eingaben zugegangen, die zum Teil die Ar- beitsdienstpslicht fordern, zum Teil aber auch ablehnen. Auch die Presseäußerungen der letzten Mo- nate bewiesen das große Interesse der Oeffentlich- feit, das diese gerade an dem Vorschlag nimmt.
Es war daher zu begrüßen, daß das Reichs- arbeitsminifterium die Spitzenverbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und eine Reihe von Ew- zelpersönlichkeiten zu einer Aussprache darüber einlud, ob die Einführung her Arbeitsdienstpflicht möglich sei. Das Ergebnis dieser Aussprache wurde der Presse mitgeteilt: Keiner der Anwesenden hielt die Möglichkeit für gegeben die Arbeitsdienstpflicht fo, wie sie vorgeschlagen war, einzufübren. Auch der Abgeordnete Sachsenberg von der Wirtschafts- Partei, der sich bisher entschieden zu dem Gedanken der Arbeitsdienstpflicht bekannt hatte, mußte zugeben, daß, falls die von dem Referenten des Reichsarbeitsmin'sierinms vorgetragenen Zahlen richtig feien, die Einführung der Arbeitsdienstpflicht schon aus finanziellen Gründen scheitern müsse. Allerdings müsse er sich Vorbehalten, die Zahlen nochmals zu überprüfen.
Das Referat, das Sachbearbeiter des Arbeitsministeriums, Ministerialrat Dr. Lehfeldt, in der erwähnten Aussprache hielt, erscheint nunmehr in Nr. 3 des Reichsarbeitsblatts (Teil H) vom 25. Januar 1931. Es ist so jedem die Möglichkeit gegeben, sich mit dieser brennenden Frage der Arbeitsdienstpflicht eingehend auseinanderzusetzen. Interessieren wird aus diesem Aufsatz insbesondere die Ausführung, die sich mit den Kosten der etwa einzuführenden Arbeitsdienstpflicht befaßt. Dar. über fei aus dem Aussatz folgendes mitgeteilt:
„Von Interesse dürfte fein, sich zu erinnern, was uns gegenwärtig die Arbeitslosenversicherung kostet. Hier wurde je Kopf und Monat im Durchschnitt folgendes ausaegeben:
für Arbeitslosenunterstützung 66 Mark,
für die Krankenversicherung der Arbeits
losen 6 „
für Arbeitsvermittlung, Berufsberatung
und Verwaltungskosten 6 „
für Sonstiges (wertfchaffend« Arbeits
losenfürsorge und Maßnahmen zur Verhütung und Beendigung der Arbeitslosigkeit und dergleichen) 2 „
insgesamt 80 Mark, also jährlich rund 960 Mark.
Der Aufwand für jährliche Arbeitslosigkeit wird etwas geringer sein, weil diese Arbeitslose während ihrer Beschäftigung meist den unteren ober mittleren Lohnklassen angehören. Hier kommt man zu Durchschnittszahlen von etwa 720 bis 800 Mk. pro Kopf und Jahr. Nach diesen Zahlen kann man auch ohne weiteres sich ausrechnen, was insgesamt die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung an Unterstützungssätzen aufzuwenden hat.
Dem gegenüber muß man nun untersuchen, was die Ärbe'tsdienstpflicht kostet- Hier liegen eine Reihe von Berechnungen vor, unter anderem auch von dem Abgeordneten Sachsenberg. Aber all die bisherigen Berechnungen dürften zu optimistisch fein. Zunächst erscheint der Hinweis auf Bulgarien, das eine allgemeine Arbeitsdienstpflicht kennt, verfehlt. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse eines Agrarlandes wie Bulgarien sind nun einmal völlig verschieden von den eines industriell so hoch entwickelten Londes wie Deutschland. Zudem muß man den Zahlen, die Bulgarien über die finanzielle Seite dieser Dienstpflicht gibt, sehr skeptisch gegenüberstehen, da sie meist nur geschätzt sind.
Für die Naturalleistung, also Kleidung, Unter- fünft, Bildungswefen, Sanitätswesen und derglei. dien dürften ein zuverlässiger Anhaltspunkt die Aus- gaben fein, die die Reichswehr hierfür hat. Die Reichswehr rechnet auf den Kopf des Reichswehr- foldaten jährlich rund 1400 Mark für Natural- leiftung. Ob diese für die Arbeitsdienstpflichtigen niedriger sind, wird man bezweifeln dürfen, denn es ist zu überlegen, daß hie Reichswehr bei Berechnung ihrer Zahl keine Kosten für Neubauten einzustellen hat. Sollen aber die Arbeitsdienstpflichtigen mit Arbeiten, die auf dem Land, in Oed- länbereien und dergleichen auszuführen find, beschäftigt werden, so wird gerade auch ein erheblicher Aufwand für Neubauten entstehen. Deshalb wird man mindestens auch für die Arbeitsdienstpflicht von 1400 Mark ausgeben müssen.
Hinzu kommt noch die Aufwendung, die für eine Löhnung zu zahlen ist. Man wird wohl nicht von einem durchschnittlichen Tariflohn auszugehen brauchen, sondern es wird genügen, wenn man eine Tageslöhnung von 50 Pfennig annimmt Das mürbe bedeuten einen Mehraufwand von jährlich 180 Mark pro Kopf.
Wichtig ist nun weiter die Frage nach den Ma. terialkosten. Diese werden in den Berechnungen