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Nr. 20

um

Beilage zur Fuldaer Zeitung

25. Januar

Der Landmann im Winter.

»ach dem Chinesischen des Su-Tong-Po von Hans B e t h g e.

Nun ist der Winter da. Wie eine Wolke Von weißen Schmetterlingen sank der Schnee Ganz lautlos auf die harte, kühle Erde.

Des Landmanns Blick ist trübe und verloren, Still schließt er die Geräte in sein Haus, Sein Herz ist voll von namenloser Trauer.

Die Erde, seine Freundin, ist nun tot.

Da er im Frühjahr ihr die Saat vertraute. Gab er ihr alle seine Sehnsucht mit.

Als dann die Erde aufwuchs, fand er selig All seine Sehnsucht in Erfüllung wieder. Er jubelte und sang und war beglückt.

Doch nun ist alles aus. Wie eine Wolke

Von weißen Schmetterlingen sank der Schnee Ganz lautlos auf die harte, kühle Erde . . .

Wolfgang Amadeus Mozart.

Zum 175. Gedenk-Geburtslage des Meisters am 27. Januar 1931.

Unangetastet vom Streit der Parteien steht jetzt Mozarts Bild vor uns. Selbst die extrem modern ge­richteten Musiker nehmen ihn vieleicht nicht ganz mit Recht für sich in Anspruch, indem sie auf die kristallene Klarheit seine: Kunst, ihre formale Vollendung und ihren unpathetischen Ausdruck Hinweisen.

Jede Zeit schafft sich von ihren Geisteshelden ihr eigenes Idealbild. Für dieBeethovener" am Anfang des vorigen Jahrhunderts, die in ihrem Meister den Titanen verehrten, waren Haydn und Mozart überwun­dene Größen. Wenn später Wagner auf ihn das viel zitierte Wort vomLicht- und Liebesgenius" prägt, so spiegelt sich darin die Auffassung der Romantiker über­haupt, die in Mozarts Kunst nur das Helle, Sonnige erkannten und die tragischen und pessimistischen Züge sei­ner aus dämonischen Trieben quellenden Musik über­sahen. Andererseits betrachteten die Anti-Wagnerianer zu ihnen gehört vor allem auch Mozarts erster klassi- cher Biograph Otto Jahn Mozart als den Ihren ind spielten ihn als Inkarnation der unentweihten hohen Kunst gegen die verderbten Neuromantiker aus

Erst unser Jahrhundert hat den Weg gefunden, Mo­zart'in seiner Universalität zu begreifen, die Harmonie

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seiner menschlisch-künstlerischen Erscheinung zu erfassen, und die Summe aller Erkenntnis, so wie sie sich uns yeutzutage darstellt, liegt in Aberts grundlegender Bio­graphie beschlossen.

Mozart war ein Wunderkind in höchstem Sinne. Kaum der Notenschrift mächtig, begann er schon zu kom-

Der Mann vom Meer.

Von Julius Regis.

Uebertragen aus dem Schwedischen. G. Müller-Berlag, München

3] Die Nacht hak lausend Augen.

Willst du nicht nach Stockholm fahren?" fragte Erik.

Doch! Aber auf anderem Wege." Sie waren in den letzten Minuten mehreren Autos begegnet. Sofort schwenkte Colt in den nächsten Nebenweg ein. Er warf einen forschenden Blick auf Erik.Na? Hast du dich entschlossen? Sehnst du dich immer noch nach der Für­sorge der Polizei?"

Er erhielt keine Antwort, sah aber dennoch erleichtert aus, denn Eriks ganze Haltung sagte ihm genug. Eine Zeitlang saßen sie stumm nebeneinander. Der Weg schlängelte sich allmählich nach Stockholm zurück.

In Schweden kannst du jetzt nicht bleiben", sagte Colt plötzlich.

Du mußt über alle Berge sein, bevor die Leiche ge­sunden und die Untersuchng begonnen wird."

Nicht hierbleiben?" fuhr Erik auf.Außer Landes gehen, meinst du?"

Ja, natürlich. Du reist umgehend nach London, stellst dich im Kontor der Grubengesellschaft vor, und dann ob nach Kapstadt mit dem ersten Schiff. Südafrika war und bleibt bis zuletzt deine beste Chance." Colts Stimme nahm einen fast triumphierenden Ton an. der Erik un­angenehm berührte. Er versuchte Einwendungen zu ma­chen, aber der ältere Mann unterbrach ihn.Daß du die Anstellung erhältst, garantiere ich. Zwangsarbeit oder Freiheit fällt dir die Wah' so schwer?"

Aber mein Vater . . ."

,r3a gerade seinetwegen. Laß ihn gar nicht erfah­ren,'daß du hier gewesen bist. Nach einigen Jahren, wenn dies nächtliche Vorkommnis vergessen ist, kommst du dann wieder."

Eriks Gedanken kehrten zu der einsamen Villa und deren einsamen, stillen Gast zurück, und es durchschauerte ihn. Er verbarg das Gesicht in den Händen und sah eine ganze Weile stumm und gebeugt. Dann hob er langsam den Kopf.

Du hast recht", murmelte er.Ich muß ... ich muß . . ."

panieren; mit sechs Jahren reiste er als Virtuose und setzte die Welt als Komponist und Improvisator in Er­staunen. In allem bewies er eine einzigartige Früh­reife. Aber auch er ist nicht als Meister vom Himmel gefallen. Es war ein Glück für ihn, daß fein Vater Leopold ein sehr gediegener Musiker war, der mit größ­ter Sorgfalt den Studiengang des genialen Kindes lei­tete und sein technisches Können auf ein sicheres Funda­ment stellte. Sv konnte er im Alter von vierzehn Jah­ren, nachdem er bereits in Paris, London und Wien

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Das Geburtshaus Mozarts in Salzburg.

Triumphe gefeiert hatte, vor der Accademia filarmonica zu Bologna die satzungsgemäß vorgeschriebenen schwie­rigen Aufgaben lösen, auf Grund deren er zu ihrem Mitglied ernannt wurde.

Von seinen Vorbildern übernahm er, was keimhaft in seinem eigenen Innern entwicklungsbereit vorlag aber nur, um cs ganz persönlich neu zu formen. Phi!. Emanuel und Christian Bach, Haydn, Schobert, die Mannheimer Sinfoniker, das deutsche Singspiel, die fran­zösische und italienische komische Oper alle diese Quel­len haben sein Schaffen gespeist. So wenig diese Anre­gungen hinwegzudenken sind, so wenig ist er bei bloßer Nachahmung 'stehengeblieben, wenn wir von frühen Werken absehen, in denen es für ihn darauf ankam, erst bfe notwendige Sicherheit zu erwerben.

Schon in derEntführung" meldet sich, wenn auch noch nicht voll ausgeprägt, die eigene Individualität. Da ist bei aller Volkstümlichkeit nichts von der Plattheit des damals üblichen Wiener Singspiels. Die Gestalten ähneln noch den bekannten Typen, tragen aber doch bereits persönliche Züge.

InFigaros Hochzeit" tritt der politische Hinter­grund, der in dem Lustspiel von Beaumarchais wesent­lich ist, ganz zurück zugunsten der rein menschlichen Be­ziehungen.

Höchst eigenartig ist die Stellung desDon Gio­vanni". Dem Namen nach Opera buffa, hat sie, da Mozart abweichend von dem Brauch dieser Gattung den Stoff aus eine höhere^ Ebene gehoben hat, Anlaß zu der Streitfrage gegeben, ob wir es hier mit einer ko­mischen ober tragischen Oper zu tun haben! Das ist nicht mehr der gewohnte Opernheld, der eine Reihe galanter Abenteuer besteht und dann zur Beruhigung des Pub­likums vom Teufe! geholt wird, sondern ein vom Dä­mon seiner Leidenschaft getriebener Mensch, dessen Charakter sein Schicksal bestimmt. Wo hatte man vor­dem in einer Opera buffa Klänge vernommen wie hier, schon in der Ouvertüre angekündigt, bei der Erschei­

nung des Comthurs? Und wie scharf sind die Frauen­gestalten, die Don Juans Weg kreuzen, individualisiert!

Schon hier werden Klänge der Romantik vernehm­bar. Ihre Pforten öffnen sich in seiner letzten Oper, der Zauberflöte". Ihre Beziehungen zur Freimaurerei sind bekannt. Aber das verkündete Humanitätsideal gehört der ganzen Menschheit. Die Symbolkrast von Mozarts Musik erscheint in höchster Verklärung.

Mögen wir seine Opern betrachten oder die schier unübersehbare Fülle anderer Schöpfungen, mit denen er alle musikalischen Gattungen bereichert hat, überall weht uns der Atem heißer Leidenschaft entgegen Wie schon angedeutet, fehlt es auch an romantischen Zügen nicht; aber sie treten immer in gebändigter Form auf Selbst im Ausdruck tiefsten Schmerzes, in feiner G- Moll-Sinfonie, im Streichquintett derselben Tonarr, adelt er den Ausdruck durch Schönheit, so daß frühere in romantischen Vorurteilen befangene Beurteiler auch hier nur die heitere Grazie bemerkten. Wohl gehört er dem rationalistischen Zeitalter an; aber dessen oberflächliche liche Gcsühlständelei war ihm fremd, er schöpfte aus den Tiefen der Seele. Die Musik seiner Zeit war noch vor­wiegend Gesellschaftskunst. Er übernimmt ihre For­men, durchtränkt sie aber immer stärker mit dem persön­lichen Erlebnis.

Busoni, der Wegbereiter, der Moderne und zugleich begeisterter Mozart-Apostel, widmete ihm den Aphoris­mus:

Er ist jung wie ein Jüngling und weise wie ein Greis nie veraltet und nie modern, zu Grabe ge­

tragen und immer lebendig. Sein so menschliches Lächeln stral)lt uns, verklärt, noch an ...

Dr. Hans K l e e m a n n.

Mozart als Dichter.

Mozart als Dichter? Man wird ungläubig den Kopf schütteln. Mozart hat sich doch niemals selbst ein Text­buch geschrieben! Sehr richtig! Aber im Gelegenheits­gedicht hat er uns manch liebenswürd-ges Verslein ge­reimt. So schrieb er am 18. August 1774 von Wien au, an seine Schwester Nannerl folgenden gereimten Ver. lobungsgruß:

Du wirst im Eh'stand viel erfahren, was dir ein halbes Rätsel war;

bald wirst du au- Erfahrung wissen, wie Eva eicht hat handeln müssen, daß sie hernach den Kain gebar. Doch Sck)wester, diese Eh'standspflichten wirst du von Herzen gern verrichten, denn glaube mir, sie sind nicht schwer. Doch jede Sache hat zwo Seiten- Der Eh'stand bringt zwar viele Freuden, allein auch Kummer bringet er Drum, wenn dein Mann dir finstre Mienen, die du nicht glaubest zu verdienen.

in seiner üblen Laune macht, so denke, das ist Mäpnergrille und sag: Herr, es gescheh' dein Wille!"

Als das große Los noch ganz klein war.

500 Taler bestenfalls.Mehr Gewinne als £ofe.90 Zungfern spielten gratis mit.

Bis in das 16. Jahrhundert reichen die Ausspielun- > gen an Grundstücken, Waren und Geldern zurück. Im | Jahre 1614 wurde in Hamburg eine Geldloterie zur Errichtung eines Zuchthauses veranstaltet, und in Wien wurde im Jahre 1721 eine Lotterie mit 100 Klassen, von denen alle drei Monate eine gezogen wurde, also auf 25 Jahre berechnet, begründet. Stets verdiente der Staat Geld dabei, und der sparsame Preußenköniz Friedrich Wilhelm I. erteilte daher gleichfalls verschie­denen Gesellschaften gegen erhebliche Abgaben die Ge­nehmigung zur Ausspielung von Grundstücken, Geld und Waren und verbot das Spielen in ausländischen Lotterien.

Sein Nachfolger, Friedrich II., bedachte besonders die Berliner Realschule mit der Abhaltung von Lotte­rien. Die Lospreise betrugen in der ersten Klasse zwei­drittel Taler, in der zweiten eindrittel Taler, auch 800 Frylose" befanden sich in der ersten Klasse, und wer

Glück hatte, konnte sich an dem Hauptgewinn von 500

Talern erfreuen. Am 9. März 1752 fand die erste

Ziehung statt. Obwohl b e i 10 0 0 0 L o se n 10 8 0 0

Gewinne zur Auszahlung kamen und die Direktion ihre Lotterie

als einzige Lotterie ohne Nieten

rühmte, herrschte bei den Spielern keine rechte Freude, denn die meiiten Gewinne bestanden aus Büchern vom Verlag der Realschule, die so auf höchst einfache Weife ihre Verlagserzeugnisie losschlug. Es handelt sich um eine Sammlung auserlesener Predigten über alle Sonn- und gewöhnlichen Festtags-Evangelia, von eini­gen geistreichen Gottesgelehrten und Predigern". Die Hoffnung, in neunzig unter hundert Fällen für zwei Taler einen Ouartband Predigten von 1500 Seiten zu erhalten, erweckte keine Begeisterung für die Lotterie. Bald darauf genehmigte der König eine Lotterie zum Bau der katholiffchen Hedwigs- k i r ch e in Berlin, dann eine für die evangelische Domkirche.

Da erschien im Jahre 1762 ein Jtaliner namens Johann Anton Calzabigi, ein Abenteurer und Glücks­ritter, wie sie damals recht häufig auftauchten, und legte dem König einen Plan zur Einrichtung einer Staats­lotterie vor. Der Siebenjährige Krieg näherte sich sei­nem Ende, und der erschöpfte Staat brauchte Geld; so ging der König sofort darauf ein und erließ am 8. Febr.

1763 dasPatent" betreffend eine Königlich Preußische Lotterie".

Sie wich bedeutend ab von den heute üblichen Lotte­rien. Es gab nur 90 Nummern, die Zahlen von 1 bis 90 enthaltend, und jeder Spieler konnte jede Nummer be­setzen, wenn er wollte, bis vier Male. Kam eine von ihnen bei der Ziehung heraus, so konnte er im Ver­hältnis zum Einsatz einen Gewinn von einem Groschen bis einem Taler buchen. Die Lotterie hatte noch etwas Eigenartiges, nämlich

angehängte Jungfern",

Jeder der 90 Nummern, die sich bei der Ziehung in Kapseln befanden, wurde ein Zettel mit dem Namen eines armen Mädchens beigelegt. Diejenigen, die auf den ersten fünf gezogenen Zetteln verzeichnet standen, erhiel­ten bei ihrer Verheiratung eine Summe von 50 Talern. Da planmäßig alle drei Wochen eine Ziehung statt-and, kamen recht viele Bräute in den Genuß der Aussteuer.

Um die Lotterie auch in den Provinzen zu verbrei­ten, wurden Lotteriedirektionen in Breslau, Neu- fchatel (in der Schweiz, damals zu Preußen gehörig!, Cleve und Königsberg eingerichtet, aber die Provinzen wollten nicht viel vom Lotteriespiel wissen, und Calzr- bigi, der für das Privileg 60 000 Tlr. bezahlte, trat nn Jahre 1764 vom Vertrage zurück, da es ein Verlustge­schäft war. Dtiea n> g e h ä n g k e n Jungfern , die im Jahre 1764 allein 4250 Taler kosteten, ruinier­ten ihn! Die Lotterie wurde nun an andere Unter­nehmer für den halben Preis verpachtet, im Jahre 1794 wurde sie wieder in staatliche Verwaltung genommen.

Von dem eigenartigen Verlosungsplan Calzabigis kam man ab. Im Jahre 1768 verkaufte man Lose zu 10 Talern; die Hauptgewinne waren in den fünf Klassen 500, 800, 1000, 1500 und 10 000 Taler. Das große Los betrug also damals schon das Zwanzigsache des ur­sprünglichen Betrages. Daß es aber einmal eine halbe Million ausmachen würde, das hat jene Zeit sicher nicht geahnt. A. Strukat.

Verkehrte Welt. Sohn:Ich werde mein Spielzeug einschließen müssen!" Mutter:Aber, warum denn?" Sohn:Weil Papa meine Eisenbahn schon kaputt gemacht hat." (Matin")

3,

In Stockholm angekommen, hielt Colt vor einem Re­staurant in der Drottninggata, najjm Erik mit hinein und bestellte Frühstück. Erik vermochte keinen Bissen hinun- terzuschlucken, aber Colt mit gutem Appetit. Sein dunkles Gesicht verriet keine Spur von Gemütsbewegung. Er hatte ein Kursbuch herangezogen und studierte es eifrig.

12.38 geht ein Zug nach Göteborg ab," sagte er.Mit dem sährst du. Sobald du an Bord des Londoner Damp­fers bist, kannst du dich bann als gerettet betrachten. Ein Glück, daß ich dich wenigstens dazu vermocht habe, dir einen Paß zu besorgen!"

Er trank seinen Kasfee aus, ohne einen Blick von Erik abzuwenden.Du bleibst noch ein Weilchen hier, begibst dich dann nach dem Bahnhosspark und erwartest mich da. Im Hotel darfst du dich nicht mehr zeigen. Ich fahre jetzt hin, mache alles für dich ab und ja, du hast doch nur die große Handtasche, nicht wahr? Da sieht man mal wie­der, wie praktisch es ist, mit leichtem Gepäck zu reifen Er lachte zynisch.Ich werde sagen, ich müßte heute abend einer wichtigen Angelegenheit wegen mit dir nach Gävle fahren. Das erklärt dann unsere Abwesenheit."

Er ging, und nach einer Viertelstunde bezahlte Erik und begab sich auch auf den Weg. Wie im Traum befolgte er Colts Vorschriften. Er kam sich wie ein Gefangener vor und war doch nicht imstande, sich aus seiner Willen­losigkeit aufzürütteln. Schlafs und gedankenlos saß er auf einer Bank der Straßenlärm brauste, Kinder spielten um ihn herum er sah und hörte nicht. Die Uhr schlug elf bann zwölf. Endlich kam Colt eilig auf seine Bank zu. .

Hier ist deine Tasche, und eine Fahrkarte habe ich dir auch besorgt, du brauchst also nur in den Zug zu steigen." Sie gingen zusammen nach dem Bahnhof, ohne ein Wort zu sprechen, und erst auf dem Bahnsteig fragte Erik plötz­lich:Und du selbst? Was gedenkst du zu tun?"

Die Lokomotive entsandte ein zischende Dampfsäule. Colt betrachtete sie nachdenklich.Ich habe eine Arbeit, die bereits auf mich wartet. Unsere Wege trennen sich hier, und wir werden uns vermutlich nie Wiedersehen. Du hast jedenfalls nichts zu bereuen lebe wohl!"

Erik drückte ihm die Hand und stieg ein. Vom Fenster | aus gewahrte er noch einmal den Mann, der ihm zur

Flucht verhalfen hatte. Colt stand mit beiden Händen in den Taschen und begegnete seinem Blick, ohne zu lächeln. Dann setzte sich der Zug in Bewegung und glitt zur Halle hinaus. Colt verschwand und Erik blieb sich selbst überlassen . . .

Als er dem Freund zum Abschied die Hand drückte, war sein Herz voll ausrichtiger Dankbarkeit gewesen. Colt hatte viel gewagt, um ihn zu retten, und die kaltblütige Entschlossenheit des älteren Mannes flößte ihm Bewun­derung ein.

Aber als er im Coupe aufatmete und über feine Lage nachzudenken begann ,merft er zu seiner Verwunderung, daß diese Stimmung sich zu verwandeln begann. Eine sonderbare, ihm selbst unerklärliche innere Regung durch­wogte ihn. Der Kontakt mit einem stärkeren Willen war unterbrochen, und sein eigener Wille hatte wieder freie Bahn. Er versuchte, aufrichtig gegen sich sebst zu sein und sah ein, daß er sich durch die Trennung von Colt er­leichtert fühlte. Ein seelischer Druck war gewichen, und feine eigene Persönlichkeit kam wieder unbehindert zur Geltung.

Und sofort erwachte ein Zweifel in ihm. Hatte er recht gehandelt? Zum zweitenmal wandte er feiner Heimat den Rücken unterm Druck einer Schuld, die er sich nicht mit Bewußtsein zugezogen hatte, kam ihm bereits über­trieben vor schien ihm sogar ein Gepräge von Selbst­sucht zu tragen. Ja, er hatte getötet, aber nicht mit Ab­sicht nicht mit Vorbedacht. Hatte er überhaupt wirk­lich getötet? Gab es keine andere Möglichkeit? Nur un­gern und scheu befaßten sich seine Gedanken mit den Vor­kommnissen der vergangenen Nacht nein, es gab kein Schlupfloch für sein angstvolles Forschen. Der Traum (für den er sie anfangs gehalten hatte), die Fußspuren (die einzigen vorhandenen), der Degen unter seinem Bett, der Blutfleck an feiner Hand . . .

91 ein, die entsetzliche Kette hielt stand. Er war schul­dig, obwohl unschuldig. Aber barg die Lage nicht noch gefährlichere Tiefen in sich? War jener unselige Unbe­kannte wirklich ein Einbrecher? Waren Colt und er selbst dort nicht auch wie zwei nächtliche Einbrecher aufgetreten hatte der Unbekannte vielleicht gültigere Gründe, sich im Hause zu befinden? Das würde Eriks Sage unerhört verschlimmern! Und wenn er unter solchen Verhältnissen die Flucht ergriff, wurde nichts ihn reinwaschen können

seine Flucht mußte als gleichbedeutend mit einem Be­kenntnis betrachtet werden!

Ein grauhaariger Herr, der ihm gegenübersaß, beugte sich vor und rückte seine Brille zurecht:Was ist Ihnen? Sind Sie krank?"

Nein, nein", Erik erhob sich, ihm wurde bald heiß, bald kalt.Mir fiel nur eben ein . . . daß ich etwas ver­gessen habe!"

Er trat auf den Gang hinaus: Der Zug hatte die Brücke passiert und stürmte in den Södertunnel hinein.

Auf diese Weise zu fliehen, wie ein Verbrecher? Nein, das war ja Wahnsinn! Dadurch verscherzte er die einzige Möglichkeit zu einer freiwilligen, mannhaften Erklärung. Spezialisten würden selbstverständlich bezeugen können, daß somnambule Fülle, wie die seinen, bekannt und voll­kommen glaubhaft waren. Er preßte die Hände an die Schläfen. Wie die rußigen Tunnelwände sich erhellten, als der Zug sich dem Ausgang näherte, so ging in seinem büftern Grübeleien allmählich ein Licht auf. Er hatte sich feig benommen. Seine Mannhaftigkeit lehnte sich gegen eine schmachvolle Flucht auf. Olein, er wollte hierbleiben und dem Kommenden die Stirn bieten!

Der Zug begann langsamer zu fahren und rumpelte über die kreischenden Weichen der Station Liljeholm. Erik griff nach seiner Handtasche, rannte durch den Gang und (prang ab. Mit einem heißen Hauch von Dampf und Oel glitten die Wagen vorüber. Irgend jemand rief ihm aus dem Fenster nach.

Als er über die Schienen schritt, tarn ihm ein aufge­regter Bahnbeamter entgegenstürzt.Sie sind vom Schnellzug abgesprungen? Der fährt ja nach Göte­borg!"

Das weiß ich", erwiderte Erik.Aber ich habe die Absicht geändert. Ich fahre nicht mit."

4.

Erik stand in einem Zigarrenladen und blätterte im Telephonbuch. Die Rubrik Polizei hatte zwei dichtgedruckte Spalten zur Verfügung. Seine Augen machten bei der Kriminalabteilung (Agnegata. Ganzen Tag geöffnet) halt.

Dort würde sich sein Schicksal früher ober später ent- scheiben, ob er es wollte ober nicht. Er versuchte sich | einzureden, baß er Colts wegen davor zurückjcheute. Wo