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Heimat

Fulda, den 23. Januar 1931.

vom Rathaus.

Nach seiner Einführung als Beigeordneter der Stadt Fulda hat Herr Vankdirektor Franz En- d e r s sein Stadtverordneten-Mandat niedergelegt An seiner Stelle wird von der Vorschlagsliste des Zentrums, wie wir hören, Herr Büro-Angestellter August Jahn, Werrastraße 3, in die Stadtver- ordneten-Verlammlung eintreten.

Eine ungewöhnlich begehrte Stelle.

Der Leiter des Limburger städtischen Gym­nasiums Overstudiendirektor Dr. Jöris tritt wegen Areichung der Altersgrenze am 1.' April m den Ruhestand. Die Stelle des Oberstudien­direktors ist vom Magistrat öffentlich ausqefchrie- ben worden- nicht weniger als 91 Be­werber haben sich darauf 'gemeldet.

Aenderung des Landesschulkassenbeitrages.

Infolge der sechsprozentigen Gehaltskürzung ist es möglich geworden, die Landesschulkassenbeiträqe vom 1. Februar ab etwas h e r a b z u s e tz e n. Ter Beitrag beträgt fortan für eine Schulstelle 341 anstatt bisher 350 Mark monatlich. Das Be­schulungsgeld vermindert sich dagegen je Kopf und Monat um 10 Pfg. auf 3,60 Mk., es beläuft sich also für eine Schulstelleneinheit von 60 Kin­dern auf 216 anstatt bisher 222 RM., die auf obige 341 RM. in Anrechnung kommen. Die von den Schulverbänden für jede Schulstellen­einheit zu leistenden Einzahlungen betragen dem­nach monatlich 125 anstatt bisher 128 RM.

Wanderungsbewegung

und Wanderungsschutz.

Auf der Suche nach Arbeit. — Skandorls- verschiebung der Arbeilslosigkeit.

Die Schutzmaßregeln, durch die die stark bevöl­kerten Industriestaaten der Welt sich heutzutage vor den bedenklichsten Folgen der internationalen Wanderungsbewegungen: der Vergrößerung der Arbeitslosigkeit, zu bewahren versuchen, haben in den letzten Jahren die heftigsten Erörterungen ge­weckt und sind nicht unbeteiligt geblieben an dem Entstehen weltpolitischer Spannungen. Das ist ohne weiteres begreiflich; man braucht nur auf Australien zu verweisen, wo auf einem Raum von der Größe Europas nur 6 Millionen Einwohner sitzen, während in Japan mehr als 60, einschließlich der Außenbesitzungen sogar rund 90 Millionen Einwohner Zusammengedrängt sind und nur ungefähr ebenso viel Japaner außerhalb Ja­pans leben, wie Schweizer außerhalb der Schweiz, obwohl die Bevölkerung der Schweiz nur 4 Mil­lionen Köpfe zählt und der Beoölkerungsüberdruck in Japan ungleich viel größer ist, als in der Schweiz.

Aber trotz aller Schutzmahregeln werden die großen Wanderungsbewegungen in Zukunft im­mer stärkere Bedeutung gewinnen. Das ist wenig­stens die Ansicht des Internationalen Arbeitsamtes, das deswegen feine Weltwanderungsstatistiken aus­baut und sich bemüht, die Zusammenhänge zwi­schen der Wanderungsbewegung und den Erschei­nungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens gründlicher zu erforschen. Daß die internationalen Wanderungsbewegungen andern und noch unge­klärten Gesetzen unterworfen send, als die sonsti­gen soziologischen Erscheinungen im Leben der Völ­ker, gebt wiederum aus Tatsachen, die sich im Fer­nen Osten abspielen, hervor. Trotz allen Bevöl- lerungsüberdruckes in Japan z. B. ist Japan eines der wichtigsten Einwanderungsländer für Chine­sen und Koreaner, die denn auch wiederum den größten Prozentsatz der Arbeitslosen in den japa­nischen Industriestädten ausmachen.

Aehnliche Tatsachen beginnen übrigens in die­ser Zett rapide sich steigernder Arbeitslosigkeit auch für Europa bedeutsam zu werden. Die durch den Krieg entstandenen Menschenoerluste sind — wenigstens der Zahl nach — schon wieder aufgeholt; als Beweis dafür kann Deutschland gel­ten, wo bereits wieder 20 Millionen Männer im Alter zwischen 15 und 60 Jahren leben, gegenüber 18 Millionen Männern dieser Altersklassen im Jahre 1913. Gewisse Ströme der binneneuropäi- fchen Wanderungen prägen sich immer deutlicher aus. Wir kennen in Deutschland das Problem der p o l n i schen Saisonarbeiter; Frankreich — zwischen dem Wunsch nach Blutauffrischung und der Angst der ethnologischen Überfremdung schwan­kend — beschäftigt in gewissen Wirtschaftszweigen

fast ebenso viel Ausländer, wie Einheimische. Der Saldo für die steberlandeinwanderung nach Frank­reich beträgt für das Jahr 1929 rund 140 000 Men- smen — die stärkste Wanderungsbewegung, die in Europa überhaupt zu registrieren war. Aus solchen Tatsachen wird ohne weiteres ersichtlich, welche Bedeutung die Bestrebungen des internatio­nalen Arbeitsamtes haben, bindende Vereinbarun­gen über die Behandlung der Ein- und Auswan­derer zwischen möglichst vielen Staaten herbei,zufüh- ren, wenn man sich auch darüber klar sein muß, daß die Wanderungsbewegungen bei der gegen­

wärtigen Weltwirtschaftslage kaum eine Minde­rung der Arbeitslosigkeit, sondern höchstens «Ine Standortsverschiebung dieser zur Zeit die Welt be­herrschenden Erscheinung herbeiführen können.

katholische Wett.

— Erzbischof von Goorik gestorben. Aus Wien wird gemeldet. Erzbischof D. Gregor von Goorik, Generalabt der armenischen mechitarislischen Kongregation, ist im 91. Lebensjahre gestorben.

Medizinisches Mosaik.

Das Narkoseproblem. — Der Mnikfähige Snoblauch. — Ein probates Schnupfenmittel.

In dieser Zeit der Zeileis und Weißenberg, der Kurfurscher jeder Prägung, sind sachliche Berichte über Probleme und Erkenntnisse, über die ganze Pionierarbeit der Medizin unserer Tage, besonders am Platz, denn es gibt kaum einen Menschen, der nicht heute oder morgen Objekt dieser Wissenschaft werden kann, die im wahrsten Wortsinne überfein Wohl oder Wehe entscheidet.

An der Spitze aller Schrecken steht für den Laien die Operation, d. h. eigentlich die Narkose; denn von allen Operationen spürt er doch in den selten­sten Fällen viel.

Es sind mehr als 80 Jahre vergangen, fest die erste Narkose von Simpson durchgeführt wurde, und es soll auch hier nicht über die bekannten Nar­kosemittel, Archer, Cloroform, Chloräthyl und die jüngeren ebenfalls gasförmigen Narkosemittel, wie Aethylen und Narcylen, gesprochen werden, son­dern von zwei neuen Mitteln, die noch nicht lange verwandt werden, von dem Avertin und Pernok- ton. Beide unterscheiden sich in ihrer Anwendung und in ihrer Wirkung wesentlich von den seither eingeatmeten Narkosemitteln. Das Avertin ist ein Tri-Brom-Aethylalkohol und wird in Form eines Einlaufs in den Darm gegeben. Die Maske fällt fort, das Gefühl der Erstickung bleibt aus, dec Patient bekommt lediglich einen Einlauf, und we­nige Minuten später schläft er so tief, daß er weder den Transport in den Operationssaal merkt, noch die Operation, noch den Transport zurück, sondern ex erwacht erst, wenn alles längst vorüber ist.

Gleichzeitig mit dem Avertin kam auch das Pernokton auf den Markt. Es gehört chemisch zu der Barbitursäuregruppe, mit der auch die meisten unserer wirksamen Schlafmittel, wie Veronal, Somnifen und viele andere verwandt sind. Seine Anwendung ist nicht unangenehmer, als die des Avertin. Auch das Pernokton wird nicht etwa mit Hilfe einer Maske eingeatmet, sondern kurz vor der Operation in eine Vene gespritzt. Der Patient

schläft ein, und sein. Verhaften ist das gleiche wie bei der Anwendung des Avertins. Die außeror­dentlichen Vorzüge, die Annehmlichkeiten für den Patienten, liegen klar auf der Hand. Die Erleich­terung für den Operateur bei Operationen im Gesicht, am Schädel, am Hals, wo er jetzt ohne die Behinderung durch die Maske arbeiten kann, sind ebenfalls leicht erkennbar. Doch journalistische Ehr­lichkeit verlangt, auch auf den Nachteil dieser beiden Methoden der Avertin- und der Pernoktonnarkose hinzuweisen: Bei allen Jnhalationsnarkosen, Ae­ther, Chloroform usw. hat es der Narkotiseur in jedem Augenblick in der Hand, die Narkose zu ver­tiefen oder oberflächlicher zu gestalten, je nach der Reaktion des Patienten oder dem Stadium der Operation; er kann also die Narkose steuern. Bei der Verwendung von Avertin oder Pernokton wird jedoch vor der Operation im Körper ein Giftdepot angelegt, auf das kein Einfluß mehr ausgeübt werden kann, d. h. die Narkose ist steuerlos gewor­den. Wie man sieht, ist also auch mit diesen bei­den Mitteln das Narkoseproblem noch nicht restlos gelöst, und man ist schon verschiedentlich zu einet Verbindung der verschiedenen Methoden, z. $, Ein­lauf von Avertin und Ergänzung durch Aether- rausch, übergegangen. Immerhin sind Avertin und Pernokton zweifellos eine Bereicherung unserer Mittel zur Herbeiführung einer Allgemeinnarkose.

*

Salonfähig wird der Knoblauch infolge sei. nes Geruchs nur schwer werden, aber klinikfähig ist er inzwischen geworden. Seine Heilwirkung ist zwar schon seit Jahrhunderten bekannt. Neu ist, was LehMann im Archiv für experimentelle Pa­thologie und Pharmakologie mitteilt, daß der Knoblauch nach seinen Feststellungen durch Hitze seine wirksamen Bestandteile verliert, so daß also die meist üblichen Extrakte oder mit Zucker auf­gekochten Säfte, medizinisch gesehen, eigentlich

Zum Abschluß der Round Table-Konferenz.

*•1

-

Das indische Parlaments- nnd Regierungsgebäude in Delhi,

das nun nach den Ergebnissen der Jndienkonferenz wirklich die Regierungszentrale des indischen Reichs wird. Obwohl formell keine neue Verfassung gegeben worden ist, hat Indien doch einen Grad von Selbständigkeit erreicht, der ihm fast den Rang eines Domininos sichert.

wertlos find. Der pharmazeutischen es aber gelungen, vor einiger Zeit ein Präparat herzustellen, das die roi standteile des Knoblauchs in chrer ursprünglichen Form enthält. Dieses Allisatin ist vor allem wirk- fam bei akuten Darmkatarrhen, ist bei Durchiäl'en auf jeden Fall der Verwendung von Opiaten vor­zuziehen und hat eine besonders günstige Wirkung auf die abnorme Darmflora, d. h. bei Anwesen­heit von bestimmten in normalen Darm nicht vor­handenen Bazillen. Allisatin beruhigt die Darm­peristaltik (rourmförmige Bewegung) und stillt den Durchfall, ohne zu einer langwierigen Verstopfung zu führen, wie es z. B. die Opiate meistens tuen. Unangenehme Neben- oder Nachwirkungen find auch bei großen Dosen dieses pflanzlichen Präpa­rates im Klinikoerfuch, wie Dr. Schubert in der „Medizinischen Welt" nach den Protokollen der medizinischen Universitätspoliklinik in Breslau mit« teilt, nicht beobachtet worden.

Die Zeit des Schnupfens ist wieder ge­kommen, und es ist am Platze, eine Methode an- zugeben, die Geheimrat Bier einmal angegeben hat. um den Schnupfen schon im Entstehen abzuwür- gen. Bei dem ersten Zeichen, daß ein Schnupfen irn Anzug ist, soll man einen (nicht mehr!) Tropfen Jodtinktur in einem Glas Wasser einnehmen. Schon noch wenigen Stunden geht die Reizung der Schleimhäute zurück, hört das Niesen auf; kurz, der Schnupfen ist bereits in die Flucht geschlagen, bevor er richtig con dem Patienten Be­sitz ergreifen konnte. Diese prompte Wirkung des Jods beim Schnupfen ist schon länger bekannt und wird jetzt in der Münchener Medizinischen Woch-en- schrift erneut von Weiß in Bonn in Erinnerung gebracht. Mancher Aerger über ein rotes Näschen, das sich durch keine Puderschicht verdecken läßt, kann so dem schönen Geschlecht erspart werden — durch einen Tropfen Jodtinktur.

— hippokrates. —

Pariser Stratzen-Namen.

Ein Streifzug. durch die Straßen einer Weltstadt bietet von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, auch von demjenigen ihrer Bezeichnung reichhaltigen Stoff zur Betrachtung. Heute möge unser Blick auf Pariser Straßennamen, und von diesen nur auf selche hingelenkt sein, die zu Deutschland in irgendwelcher Beziehung ste­hen, wobei jedoch Namen elsässischer oder schweizerischer Herkunft ausgeschaltet feiert. Mancher deutsche Leser wird wohl erstaunt sein über die Menge vertrauter Na­men, die ihm da aus der französischen Metropole ent- gegentönen. So gibt es z. B. zwei „Deutschland" be­nannte Straßen; von deutschen Landschaften finden sich merkwürdigerweise nur Sachsen und — Masuren, letz­tere aber nicht etwa nach der Masurenschlacht benannt, denn die Bezeichnung stammt aus der Vorkriegszeit. Mehrere deutsche Städte begrüßen wir in Straßen­namen, die allerdings zum großen Teil mehr von fran­zösischer „glorie" der napoleonischen Kriege künden sol­len, wie Berlin, Danzig, Hamburg, Hannover, Lübeck, Magdeburg, Tilsit, Ulm und Jena. Die Namen der Flüsse Rhein, Mosel, Donau und Weichsel prangen an Straßenschildern. Auch eine stattliche Anzahl deutscher Geistesheroen wurde der Straßenverewigung würdig be­funden. Soweit sie nicht infolge der Kriegspsychose etwa verschwunden sind, findet man Beethoven, Koper- nikus, Gluck, Goethe, Gutenberg, Heine, Humboldt, Kep­ler, Leibniz, Mozart und Weber. Zum Schluß sei noch Karls des Großen (die Franzosen betrachten übrigens Karl den Großen als einen der Ihrigen. Die Schrift!.) gedacht sowie eines, der zu ihm in engster Beziehung stand, der, herangereift in der Bildungsstätte des stillen Klosters Fulda, fein Vertreter und Bidgraph wuvdap " Eginhard (Einhard). Beider Namen — rue Charle- magne und rue Eginhard — begegnen uns im ältesten Teil der Stadt F. M., Fulda.

Ein gelehriges Kind. Der Lehrer erklärt den Schü­lern in der Schule die Bedeutung des Wortes „anonym" und sagt: „Also ich wiederhole noch einmal, ein „Ano­nymus" ist ein Mensch, der unerkannt bleiben will." — In diesem Augenblick ertönt irgendwo in den Hinteren Bänken, wo gewöhnlich den Worten des Lehrers weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird, unterdrücktes Kichern eines Schülers. — „Wer hat da hinten gelacht?" — Dar­auf antwortet aus den Hinteren Bänken eine Stimme: — „Ein Anonymus".

Newyork

4,20

4,21

4,20

4,21

Brüssel

68,57

68,69

68,56

68,68

Holland

169,11

169,65

169,01

169,35

London

20,40

20,44

20,39

20,43

Pari«

16,47

16,61

16,46

18,50

Schwei«

81,35

81,51

81,31

81,47

Spanien

44,21

42,29

44,36

44.44

Italien

22,01

22,05

22,0

22,04

Dänemark

112,33

112,54

.112,27

112,49

Norwegen

112,32

112,54

112,27

112,69

Schweden

112,56

112,77

112,47

112,69

Prag

12,44

12,46

12,43

12,45

Wien

59,10

59.22

59,08

r.9.20

Agatha.

Von Ludwig Matbar (Köln).

Immer auf und nieder, auf und nieder! Auf dem schmalen Bürgersteig, quer über das Plätzchen der Groh- stadt, in der Nähe des Hauptbahnhofes, wohin der Ver­kehr aus den engen, vollen Seitenstraßen in tollem Strudel wirbelt. Hundert Schritte nur vom Museum bis zum Brunnen. Immer auf und nieder, auf und nieder. Wie das Raubtier hinter den Cifengittern seines Käfigs. Im grellen Licht der mächtigen elektrischen Bo­genlampe. Immer auf und nieder!

Und wenn dann die stille, einsame Nacht graust, wenn der letzte trunkene Schrei unter der Bogenlampe verröchelt, der letzte gierige Blick zum Bürgersteig ver­flogen. die unbarmherzig kalte, klare Wlnternacht.

Immer auf und nieder, auf und nieder!

Ha! und dann schleichen wie gierige Wölfe die Ge­danken: Ein Hundeleben ist das! Raus aus dem Käfig! Eine» Pflasterstein in die Bogenlampe, daß es tote, leere Nacht wird! Ein paar Schritte nur bis zur Brücke, in den Strom.

Dann bohrt und pocht es im Hirn, indes die eis­kalten Füße in den dünnen Seidenstrümpfchen auf und nieder trippeln: Ach, hättest du nicht, ach, wärest du nicht.....

Sie war nicht schlecht. Aber sehr jung und sehr leichtsinnig.

Als sie in der letzten Schulklasse war, verlor sie die Mutter. Eine Wäscherin im düstersten, schmutzigsten Altstadtoiertel, die dem Ohm, dem Henn, so nebenbei die Wirtschaft führte. Und dieser Ohm Henn, hahaha! Die­ser widerborstige Junggeselle, dieser lächerliche Sonder­ling! Den ganzen Tag in seiner engen, muffigen Bude, über seinen toten oder tickenden Uhren.

Mit dem sollte sie beisammen hausen! Das Nachti- gällchen mit der Eule! Trällerte sie, so brummte der wie ein Bär. Machte sie sich fein, so hielt der schlim­mer denn der Pastor die Predigt. Hüpfte sie flink aus dem Bauer, so schrie der dem Vögelchen zittrig und heiser Schimpf und Schande nach.

Und dann sein Leben der Heiligen, hiihi! Dieser vergilbte, langweilige Schmöker! Stundenlang konnte er abends bei dem qualmigen Petroleumlämpchen darüber brüten. Da las sie lieber in den Groschen- Heftchen die schönsten, wildesten Geschichten. Natürlich nachts in ihrem Verschlage hoch oben unferm Dach, bei der Kerze, bis zum Morgen.

Mit einem guten Zeugnis dann aus der Schule. Ja, sie lernte leicht. Wenn auch den Kopf voller Flauten. So kam sie als Lehrmädchen in das riesengroße Waren­haus. Hei, das war ja wie in einem Zirkus einem zoologischen 'Garten! Was einem da nicht alles vor die Nase kam! Freilich, in ihrer Lebensmittelabteilung mars nicht so fein. Sirup aufwickeln, Seife einschmie­ren, Heringe einpacken, brr! Am liebsten wäre sie in die Putzabteilung gekommen. Dieses märchenbunte Allerlei, dieser weihnachtliche Flitter! Und die noble, pickfeine Kundschaft. Sammethütchen, Seidenblusen, Taffetröckchen bis über die Knie, Bembergerstrümpfe wie Spinngewebe so dünn, Saffianschühchen, so win­zig wie Puppenfüßchen! Das mußte sie auch haben, und wenn sie, und wenn sie ... . Sie hatte doch eine ganz andere Figur!

*

Hipphipphurra! Das nixnutzige Mienchen aus der Putzabteilung flog zur rechten Zeit. Ja. lange Finger! Und richtig, der Rayonchef, der fesche Otto, wollte ihr wohl Bimbamgloria, nun stand man da richtig hinter der Theke!

Warte nur, Ohm Herr, Brummbär, Tugendbold, wenn man erst die Lehre hinter sich hat! Dann such dir eine andere, die dir deine schmierigen Hosen klopft, deine schmutzigen Teller spült, in der Hundehütte unterm Dach kampiert!

Und eines Tages war sie richtig verschwunden, blieb einfach fort.

Ein schönes, feines, warmes, molliges Zimmerchen hatte ihr der Herr Otto versorgt.

Dann aber, als das Kind kam, warf er sie auf die Straße.

Sie fand keine Stelle mehr. Ein Glück, daß das Kind bald an der Diphteritis starb.

Sie kroch als Dienstmädchen unter. Lernte sich buf­fen, schmale Bissen schlucken. Kampierte wieder im Dachverschlag.

Und doch noch so blutjung. Und wollte doch auch so nobel Sonntags mit ihrem Karl, dem Friseurgehilfen, ausgehen, wie die Madam'.

Und das Amüsieren in dem Tanzlofal draußen in der Dorstadt kostet — der Karl ließ sich freihalten — ein Heidengeld.

Ein Griff in die Brieftasche des Herrn! Der we>ß Montags doch nicht, was drin ist.

Man fand den Hundertmarkschein im Strohsack ihres fein glatt gestrichenen Bettes.

Da lernte sie auch die Fron des Gefängnisses kosten,

Hundearbeit von morgens hahnenfrüh, schmale Kost, Parieren aufs Wort.

Und im kahlen Hof, in der Pause, das Auf und Nieder, das Auf und Nieder!

Auf dem schmalen Bürgersteig, quer über das Plätz­chen, im grellen Licht der Bogenlampe. Wie ein Raub­tier im Käfig.

Immer auf und nieder, auf und nieder!

Nun rennt sie wirklich wie ein Tier hinter den Eisengittern feines Käfigs.

In der unbarmherzig kalten, klaren Wlnternacht.

Immer auf und nieder, auf und nieder.

Ob der Ohm Henn noch lebt?

Wer putzt, kocht und wäscht ihm?

Wenn man sich einmal hineinschliche?

Ach, was! einen Pflasterstein in die Bogenlampe und dann hinein in das tiefe, schwarze Wasser!

Nein, sie stiehlt sich doch einmal hin ,

Pst, ja, er ist nicht drinnen.

Wird drüben in der Kirche fein. Ist ja Ewiges Ge­bet. Das weiß sie noch. Da fehlt er nicht, und wenn er sich schleppen müßte.

S>a! Da knarrt jemand die wackelige Treppe herauf Wenn man sie hier erwischt! Wer einmal lange Finger gemacht hat ... .

Gott sei dank! in dem engen, dunklen Gang sieht man die Hand vor den Augen nicht.

Wie das hier aussieht.

Das ist ja noch schlimmer als früher, diese Lotter­wirtschaft! Dieses schmutzige Bett ward seit Tagen und Monaten nicht mehr gemacht. Das klebt ja vor Dreck. Und wie lange steht wohl das Waschwasser In der Schüssel? Tassen und Teller neben dem Margarine- fopf ungespült. Ans dem brüchigen Stuhl von Dazumal Hemd und Hose, Rock und Strümpfe kunterbunt durch­einander. Auf dem Arbeitstisch ein Gewimmel von toten, kranken, gesunden Uhren und Urchen, Weckuhren, Taschenuhren, Ärmbandührchen.

Ticketack! ticketack! Was stach im Strohsack? Was stach im Strohsack? Verdammt! sie schmeißt den Plun­der an die Wand!

Natürlich, die ganzen Wände noch immer voller Vogelbauer. Verrückt! wo er selber nichts zu beißen hat! Denn diese Uhrmacherei, man sieht es, bringt doch nur Schwarzbrot und Margarine ein.

Wie das zwitschert, wie das pickt! Wie das wider

'das Gitterchen springt! Immer auf und nieder, auf und nieder!

Hätte Lust euch fliegen zu lassen. Doch er füttert euch ja, der Vogelnarr. Draußen, ja, da heißt's frieren und fasten.

Was! im Kaffeetöpschen ist fein Loch mehr von dem Muck! Da muß sie aber doch wirklich mal aufräumen!

Der alte Schmöker ist auch noch da!

P. M. Vogels „Lebensbeschreiibung aller Heiligen Gottes"!

„Auf alle Tage des Jahres", da muß sie sich aber wirklich mal setzen!

„Mit zur Nachfolge ermunternden Lehrstücken"! hahaha!

Was hat er denn heute gelesen, der Betbruder? Seine Brille steckt ja noch dazwischen.

„Die heilige Jungfrau und Märtyrerin Agatha"?

Dann hat sie ja Namenstag heut'! Richtig, das hat sie total vergessen.

Wie war das auch noch? Er pflegte es ihr dazumal am Namenstag immer vorzulesen, der Ohm.

Und nun sitzt sie auf dem wackeligen Stuhl und liest und liest.

Wie ein Schulmädchen, Wort für Wort, laut, mit nachfolgendem Finger:

„Quintianus aber wollte noch keine Gewalt brauchen, sondern übergab die Jungfrau einer gewissen Aphrodi- fia, der berüchtigten Kupplerin des Ortes, welche . . . .“

Das tanzte ihr wie Feuer vor den Augen:

Es läßt sich leicht erachten, welche Versuchungen die Tugend unserer Heiligen zu bestehen hatte, in einem Hause....,"

Das gellt ihr wie Höllengelächter in den Ohren:

„Dreißig Tage mußte sie in dem Hause der Schande zubringen . . . ."

Agatha liegt mit dem Kopf auf dem Buch und schluchzt und schluchzt.

Ha! kommt da nicht der Ohm?

„Als die Kupplerin jeden Versuch scheitern sah, sprach sie zu Ouintianus:

„Leichter ist's, den Marmor flüssig zu machen, das Eisen wie Blei zu biegen....."

Da sinkt Agatha vom Stuhl in die Knie. Schlägt in wilder Scham, in heißer Reue die Hände vors Ge­sicht.

Und vergißt Stunde und Ort um sich herum.

Der Ohni ist aus der Kirche heimgekehrt

Langsam streichelt er das schluchzende, tiefgebeugte Haupt.