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NILS

irr. 16

Verlage zur Fuldaer Zeitung

21. Iarnrar

Nicht verzagen!

Wenn graue Nebel düster mich umhingen, Und ich allein dastand in meinem Jammer, Packt ich nur sester meinen Hammer Und könnt ihn wieder schwingen!

Wenn graue Nebel dumpf im Kopf mir wallten Und hemmten Tatendrang und Mut, Dann schwamm ich durch die klare Flut — Und konnte wieder lachen.

Wenn graue Nebel düster mich umfingen, Lauscht ich dem Herzschlag der Natur, Sucht ihres Schöpfers Spur — und konnte wieder singen.

Otto K l ü b e r, Harmerz.

Em Vermächtnis.

Mus dem Leserkreis des „Blatt der Jugend" wird uns aus Anlaß des Todes des greisen Abgeordneten Herold geschrieben:

Das katholische Deutschland steht an der Bahre eines seiner besten Männer, des Alterspräsidenten des Reichs­tages, Abgeordneten Herold. „Bor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und die Person des Greises ehren". Bor einem Manne, der 4 Jahrzehnte hindurch treu seinem Bolke, seinem Glauben und seinem Vaterlande gedient hat, haben auch wir „Jugend von heute" Ehrfurcht und Dankespflicht. Stark wie eine Eiche steht die Treue und Geschlossenheit dieses Charakters in all den stürmischen und bewegten Zeiten seiner Tätigkeit vor uns. Die Wiege und das Grab dieses Mannes sind umschleiert von einer Zeiterscheinung, einer Geistesmacht, die große Aehnlich- keit miteinander haben. Das Morgenrot dieses Lebens lag in der Zeit der Aufklärung, des Kulturkampfes am Ende des alten Jahrhunderts, der Lebensabend am An­fang des neuen Jahrhunderts, eines Jahrhunderts mit Aufklärung und Kampf auf der ganzen Linie.

Scheint es uns da nicht dort von dem Sarkophag wie eine heilige Beschwörung zu kommen, wie ein teures Ver­mächtnis: „Katholische Jugend wache auf, sei auf der Hut, werde einig und stark wie es deine Väter waren!"

Wache auf! Wir wissen es jetzt, worum es geht, weshalb man uns bekämpft. Es ist die Idee, die Gei­stesmacht, die dahintersteht, unsere Weltanschauung, un­ser Glaube. Diesen gilt der Kampf. Hat man das erst einmal beseitigt oder morsch gemacht, dann wird das „Neue Reich" siegen und triumphieren, tausendweis wird man in seine offenen Arme laufen. An die Jugend geht man heran! Sie ist heute an der Front, sie bietet Ge­währ auch für die Zukunft. Ganz deutlich ist man diesen Weg in den letzten Jahren in Italien gegangen. Ange­fangen wurde mit den katholischen Jugendverbänden. Sie wurden von staatswegen verboten und aufgehoben. Das hielt man für das beste und wirksamste, um die Jugend in die Arme des Faschismus zu treiben. In unseren Tagen geht dasselbe und auf dieselbe Art in Litauen vor sich. Durch einen Erlaß des Innenministeriums vom 22. 12. 30 wurden dort alle katholischen Organisationen, deren Mitglieder in die Hunderttausende gehen, aufgelöst. Fort­an dürfen nur rein religiöse Kongregationen bestehen, die sich in keiner Weise mit Unterricht, Erziehung, Karitas, Sport und ähnlichem befassen. —

Das geht an den Grenzlanden Deutschlands vor. Und was wäre bei uns gekommen, wenn wir nicht eine starke Partei hätten? Hat man in Deutschland nicht auch schon offen angefangen, und zwar von unten, bei der Schule, der Erziehung und Ausbildung der Jugend? Und geht man diesen Weg mcht hintenherum dauernd weiter? Sol­len bei uns nicht ähnliche Zustände kommen, dann heißt es: „Katholische Jugend wache auf, erkenne die Zeichen der Zeit, sammle dich zur Abwehr!" Der Kampf ist auf der ganzen Linie entbrannt. Wache auf! Viele unserer katholischen Jungmannen stehen uns noch fern, sind in anderen Lagern. Wir können sie verstehen. Es ist nicht Feindschaft und Gegnerschaft in der Weltan­schauung, die die meisten von uns trennen, sondern es sind oft andere Gründe, Verärgerung, Not, Unkenntnis, Versprechungen, Hetze. Aber, ich frage sie: Sind Euch noch nicht die Augen aufgegangen bei den anderen? Habt Ihr noch nicht eingesehen, wo die Wahrheit und Erfül­lung ist? Jetzt ist es Zeit, der guten und höchsten Sache wegen, diese persönlichen Dinge zu verschmerzen, und die Pflicht zu tun. Habt Ihr noch einen Funken Glauben und ein Gewissen, das Verantwortung spürt, bann heißt es, in unsere Reihen emzutreten, um eine geschlossene starke Front zu bilden.

Wenn wir offene Augen haben, dürfen wir auch nicht übersehen, daß unsere schlimmsten Feinde in unseren eigenen Reihen stehen. So wird auch aus Litauen gemeldet, daß dort der Kulturkampf von „Katholiken" inszeniert wird. Die Minister sind fast alle „katholisch getauft". Man benützt seinen Glau­ben, bewußt ober unbewußt, als Deckmantel, um die

Ms jumpet, Flieget und Zöget in Süd-Amerika.

7] Von Bernhard Schroeder-Wiborg.

Dieser Zug fuhr nicht weit, gegen Morgen hielt er auf feiner Endstation. Der Mexikaner, der hier Arbeit suchen wollte, ging seines Weges.

Ich kaufte mir Käse und Brot und kochte mir auf der Station meinen Mate in der Konservendose.

Man hatte mir erzählt, daß man von Rosario bis Buenos Aires schlecht jumpen könnte, da auf dieser Strecke die Polizei streng war. Aus diesem Grunde hatte ich vorsorglich das Reisegeld für diese letzte Fahrt fest- gehalten. Meine Sehnsucht ging nun mal nach Buenos Aires.

Bis zum Nachmittag wartete ich auf dem Südende der Station, als endlich ein Güterzug einfuhr. Dann [prang ich auf den langsam auslaufenden Zug und ver­kroch mich unter einer Zeltplane, welche über mit Mais gefüllte Säcke ausgebreitet lag.

Als wir eben die nächste Haltestelle passiert hatten, hörte ich es neben mir arbeiten. Was bedeutete das? Ein Mann war dabei, einen Sack Mais durchzuschneiden!

Als er mich sah, erschrak er heftig. Dann faßt er sich schnell und meinte, es wäre jetzt die beste Saatzeit für den Mais. Damit band er die zwei Hälften des Sackes wieder zu, warf sie vom Zuge hinunter und sprang selbst kurz vor der nächsten Haltestelle ab.

Nun schlug ich mir wieder die Plane über und fühlte, als wir wieder ausfuhren, einen warmen, schweren Druck auf den Kopf.

Es war das Hinterteil eines Menschen. Und eben wollte ich rufen, da fühlte ich den Druck nicht mehr Der Mensch hatte wohl die Unterlage als zu hart empfun­den und seinen Sitz verändert.

Jedenfalls rührte ich mich nicht, weil ich fürchtete, daß der Maisdiebstahl entdeckt und ich als Täter ver­haftet werden konnte.

Als der Zug abermals hielt, hörte ich, daß die Poli­zei einen Mann von meinem Waggon herunterrief und ihn fragte, wo er aufgestiegen sei und ob er vor der vor­letzten Station Mais abgeworfen hätte. Der Mann aber konnte sich durch ein Papier ausweisen, daß er erst auf der letzten Haltestelle aufgeftiegen fei.

Mir klopfte das Herz ganz niedlich bei diesem Ver­hör. Wahrscheinlich hatte der Bremser den abgewor­fenen Mais gesehen!

Wenn nun die Polizei auf den Wagen stieg und mich fand, würden mir wohl meine Unschuldsbeteuerun- gen sehr wenig nützen. Aber es kam nicht so weit. —

Der Zug lief wieder aus, und bann schlief ich ein.--

Als ich erwachte, war es Nacht. Um mich her tief­ster Friede. —

Die Plane leicht zurückziehend, bemerkte ich, daß mein Waggon allein auf einem Nebengleise vor einem Vahnarbeiterhause stand. Die Fenster des kleinen Ge­bäudes waren weit offen, und lautes Schnarchen tönte heraus.

Hell schien der Mond. Wenn Hunde da waren?

Wenn die Leute mich mit meinem Rucksack auf dem Waggon erblickten?

Aber es ging alles gut. Als ich die Kleinstation in meinem Rücken hatte, wickelte ich mich in meinen Pancho und legte mich in das Gras zum Schlafen nieder.

Hier mußte ich drei Tage warten, bis endlich ein Güterzug auf dieser unbedeutenden Station hielt. Dann ging die Fahrt auf Rosario zu.

Hier fuhr der Zug eine ganze Strecke durch die Stadt, bevor er in den Bahnhof einlief Aus Furcht, auf der Station verhaftet zu werden, sprang ich schon in der

Leute dumm zu machen und so leichter zu kapern. Solche Katholiken gibt es auch bei uns, in unseren Vereinen, außerhalb unserer Vereine. Es sind diejenigen, die dau­ernd hetzen und wühlen und die großen Risie und Spal­tungen in die Gemeinden bringen. Da heißt das Gebot der Stunde: Abschneiden, säubern und an den Pranger stellen; denn eine Bekehrung ist hier unmöglich. Hätten wir nur diese „Katholiken" nicht, wir brauchten nichts zu fürchten.

Werdet einig! Einigkeit macht stark! Weshalb kommen in fast ganz katholischen Ländern wie Mexiko, Litauen usw. solche Dinge vor? Weil die Katholiken, die gut sind, sich nicht einig sind. Man hat wohl manches getan und gegründet, ist aber in sich nicht einig gewesen und dadurch ist keine starke Front entstanden, die jedem Ansturm getrotzt hätte. Ueber kleine Privatinteressen ver­gißt man die große, gemeinschaftliche Sache. Dieser un­gesunde Zustand ist auch bei uns noch in der katholischen Deutschen Jugend zum Teil zu beklagen. Man hat viele Vereine und Organisationen, aber sie sind sich nicht einig. Man bekämpft sich so­gar, verdrängt sich. Ueber Kleinigkeiten des Namens ober bes Ortes vergißt man die große katholische Linie. Möge auch hier bie Zeit Lehrmeister sein, möge auch hier feber katholisch benfen lernen.

Der Schaben ber Zersplitterung ist wirklich zu groß, als bah man noch Bedenken haben sollte. Deshalb auch

Theaterabende

Bon Joseph M.

Da- Theaterspiel des Volkes, das früher künstle­rischen Zwecken diente, scheint heute größtenteils eine reine Geschäfts angelegenheit der Vereine zu sein. Ober täusche ich mich? Wie ber einzelne Rosenstrauch im ländlichen Gemüsegarten zwischen den Kohlköpfen, so hebt sich aus den einzelnen Zeitungsbe­richten mit der Angabe ber gespielten Stücke hie und da der Titel eines literarisch wertvollen Werkes ab Ich nehme aber an daß doch mehr gute Stücke auf der Ver- einsbühne zu sehen sind, als diese Zeitungsberichte an­geben; denn jene Spielergruppen vermeiden vielleicht den Weg in die Presse, um nicht in der gleichen Spalte mit dem von ihnen bekämpften Kitsch wohlwollend ge­lobt zu werben.

Die Kohlköpfe von den edlen Rosensträuchern zu un­terscheiden, ist für den Dörfler gar nicht so schwer, auch beim Theaterspielen nicht. 'So fragte ich neulich einen alten Bauer allen Ernstes, ob das Theaterstück „Kreuz und Sowjetstern" vom Staat bezahlt wäre. Er hatte ein Gefühl dafür, daß das Stück Konjunktur ausnutzt. Und in der Tat ist es weiter nichts, als eine üble Auf- machung mit russischen Namen, wobei weder das reli­giöse, noch das politische Problem Rußlands im Kern berührt wird. Auch die Rührseligkeit des unter Tränen­fluß oft gespielten Stückes „Solang noch lebt ein Müt­terlein" hak sich manch ein 'Bauernurteil erhoben; denn ber arbeitsharte Bauer weiß, daß durch solche Gefühls­duselei keine wahre Mutterliebe geweckt wird. — Man muß dem Bauern nur das Rechte zeigen. So aber bieten ihm bte Spielleiter minderwertige Theater- mache und behaupten bann, der Bauer habe keinen besseren Geschmack. Sie vergessenn, daß selbst unsere größten Dichter an dem Volksgut vergangener Jahr­hunderte ihren Lehrmeister gehabt haben.

Ich las vor einigen Wochen mit zwei Dorfjungen zwei Handwerksburschenstücke. Die Titel ähnelten einan­der. „Der fidele Landstreicher" nannte sich das eine, das andere war der „Bruder Lustig" von Gumbel-Seiling. Ich gebe zunächst den kurzen Inhalt vom „fidelen Hand- streicher" wieder: Ein aufgeblähter Bauer will seinem Sohne eine „ordentliche Bildung" verschaffen. Er engagiert einen Professor, der auch die Geige tüchtig streichen kann; denn der bildungsbeflissene Sohn wünscht vor allem eine musikalische Ausbildung. Da tritt der fidele Landstreicher in das zufällig offenstehende Zimmer, klaut nach Noten und mihmt dem später hinzukommen- ben Sohne gegenüber den engagierten Professor. Später kommt doch noch der richtige Professor. (Schon eine Unmöglichkeit in sich: Ein Professor als Hauslehrer auf einem Bauernhof!) Es kommt zu den unmöglichsten Verwechslungen. Endlich wird ber Landstreicher bei weiteren Klauoersuchen doch noch unter großem Hallo verhaftet. Gerade der Schlußauftritt wirft ein Schlag­licht auf die Geschmacklosigkeit, mit der das Stück fabri­ziert worden ist. Wie kann die Verhaftung eines Diebes Anlaß zu einem Lustspiel sein? Oder soll sich etwa der Verhaftete darüber freuen? Ober ber Polizist für den eine solche Attake immer eine Aufregung ist? Man muß schon sein Publikum entsprechend schätzen, wenn man ihm solch karge Kost vorsetzt.

Nun zum „Bruder Lustig": Da begegnet uns wieder ein Vagabund, es ist ein entlassener Soldat aus früherer Zeit, ber vom König nur „ein Kommisbrot unb drei Kreuzer Löhnung" zum Abschied bekommen hat. Aber

hinweg mit den Siandesunterschieden, die uns trennen und zu Fremden machen in unferm eignen Lager. Ob Akademiker ober nicht, ob Beamter ober Arbeiter, ob Gesellenoerein ober Jungmünneroerein, ob Arbeiterver­ein ober KKV.» ob Stammverein ober DJK. — bas muß im Grunbe gleich sein, benn bie Arbeit, bie hier ge­leistet wird, die Idee, nach ber gestrebt wird, ist bie gleiche, es ist die große katholische Idee.

Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit ist bei den Mit­gliedern in viel größerem Maße schon vorhanden als bei den Führern. Was würden unsere Vereine wachsen, wenn diese Unterscheidungen fallen! Sie sind es gerade, die die meisten fern halten. Möge die Vereinigung bald allgemein kommen, wie sie mancherorts schon ist.

Wenn ber Vater ober bie Mutter auf dem Sterbebette bem Kinde eine Mahnung mitgeben, ihm ein Versprechen abnehmen, bann ist diese bem Kinde heilig, solange es lebt. Manchen, der im Leben verkommen und auf Ab­wege gekommen, hat die Erinnerung an dieses Vermächt­nis in letzter Stunde vor dem schlimmsten bewahrt und gerettet. Ist dieser Ruf an der Bahre Herolds zur Einig­keit, zur Sammlung, nicht auch eine heilige Pflicht, die uns die Zeit auferlegt, eine Mahnung, die uns von den höchsten, geistigen Führern, den Bischöfen, dem heiligen Vater, zugerufen wird in ber Verkünbigung ber katho­lischen Aktion? Möge sie jebem bewußt unb teuer fein, ein heiliges Vermächtnis. B.

auf dem Dorf.

Wilhelm.

es ist ein Mensch von Fleisch unb Blut, ben wir ver­stehen, ber fröhlich und unbekümmert in den Tag hin­einlebt und den Herrgott einen guten Mann fein läßt Selbst ber heilige Petrus, ber eigens auf bie Welt kommt, um ben Bruder Luftig auf den Himmelsweg zu führen, muß wie ein besorgter Vater kopfschüttelnd ab­ziehen und den sorglosen Bruder seinen eigenen Weg gehen lassen. Aber ein solcher Gesell, ber wie die mei­sten von uns zwischen Himmel und Hölle dahinlebt, ver­dient auch nicht gerade die Höllenstrafe, so kommt er letz­ten Endes doch in den Himmel, um GottesGüte zu loben.

Unb die Dorfjungen, ob die wohl das echte unb tiefe Stück von ber Flickschnsterei bes bloßen Theaterschrei­bers unterscheiden konnten? Freilich meinte einer, uer „fidele Landstreicher" hätte schöne Szenen, wo ein ge­höriger Krach auf ber Bühne fei — aber bie anderen flüsterten schon beim Vorlesen des Bruder Lustig: „Das ist ein Kerl! Die Rolle möchte ich spielen! Den Petrus mache ich!" Und nachher wurde schon gar nicht mehr von dem „fidelen Landstreicher" gesprochen, weil die Charakterrollen des „Bruder Lustig" bereits aus bem Stegreif gemihmt würben. — Nur ich dachte auf bem Heimweg noch einmal an ben armseligen Land­streicher. Ja, hinter dem nötigen Krach auf der Bühne verbarg sich die Notdürftigkeit des Stückes!

Freude am Inhalt, Freude am Oarfteb (en einer Rolle, bas ist ber echte Anlaß zu einem guten Spiel. Wo bie Proben eine Qual für Spielleiter und Spieler sind, da ist das rechte Stück nicht getroffen. Schon dies ist ein Hinweis auf ben Gehalt bes Stückes. Daß in einzelnen Fällen eine unglückliche Verteilung ber Rollen mit daran Schuld fein kann, fei nicht bestritten. Eine zweite Probe für die Güte bes Werkes bietet sich allerdings erst bei ber Aufführung: Lacht das Publikum an ben ernstesten Stellen, bann ist bie Gewähr gegeben, baß die Stelle unecht unb ber Verfasser ein Pfuscher unb kein Dichter ist.

Wonach sollen wir aber auswählen, um Kitsch zu

Gibt es noch ein Oorflieb? Die Zeiten sinb heute vorüber, in benen man sich bes Abenbs nach Feierabenb unter ber Dorslinde oder an einem anderen trauten Plätz­chen zusammenfand, um bei froher oder ernster Unter­haltung bie alten Lieber, bie schon seit Menschenaltern im Dorfe lebten, zu fingen. Wo hört man heute noch wirklich aus bem Volksempfinben heraus gesungene Lie­ber, Schätze aus bem überaus reichen Quell unseres beut» scheu Volksliedes?

Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Sitten. Es ist eine bedauernswerte Erscheinung, daß man in unserer hastenden Zeit keinen Sinn und kein Empfinden mehr für ein echtes Volkslied hat. Ja, singt man denn dann überhaupt nicht mehr? Wohl kann man bei allen möglichen Gelegenheiten auch heute noch Lie­ber erklingen hören. Der Volksgesang stirbt so leicht nicht aus, aber bas, was man singt, hat sich geroanbelt. Was hört man denn heute noch zum größten Teil an Liebern. In ber Hauptsache sind es bie vielen, bauernb wechselnben Schlagermelobien, bie eine Zeit lang

oermeiben? Da gibt es zunächst einen trefflichen Bera­ter vom Bühnenvolksbund, das „Taschenbuch für Laienspieler". Darin findet sich eine Stückauswahl für Stadt unb Land, eine Zusammenstellung für bie verschiedenen Jahres- und Festzeiten. Wer z. B. geeig­nete Stücke für die Fastnacht wünscht, findet dort neben ben Schwänken von Hans Sachs bie luftigsten Narre­teien von lebenden Dichtern, die noch ein Empfinden für den Humor des Volkes haben. Gott fei Dank ha­ben wir noch neben ben Theaterfabrikanten, bie in ihrem Leben vierzig bis fünfzig Ein- und Mehrakter für die Vereinsbühne schreiben, auch heutigentags noch wirkliche Dichter, aber es sind ihrer wenige.

Neben dem Taschentuch für Laienspieler bes B. V B. nenne ich die Sammlung ber Deutschen Volks- und Märchenspiele vom Verlag Breit­kopf und Härtel in Leipzig. Dort ist ber genannte Bru­der Lustig erschienen. — Auch den Hauptkatalog von Franz Wulf in Warendorf möchte ich anführen. Aber die Auswahl bedarf einer strengen Prüfung. Hier fin- bet sich u a. eine wuchtige Dramatisierung der Gestalt des Herodes im „Feind des Messias" und im „Speer­werfers des Judenkönigs". Im Verlag von Valentin Höfling in München finden wir Bauernstäcke von Dörf­ler, die auch für die Dorfbühne geeignet sind.

Schon beim Wulfkatalog zeigt sich aber eine Gefahr für die einseitige Vereinsspielerei. Wir finden dort säu­berlich getrennt die Herrenbühne neben der Volks­bühne und der Mädchenbühne. Wenn dem Thea­terschreiber vereinstechnifche Bindungen nachegelegt wer­den, bann ist bie Kunst gefährdet. Das Leben kennt keine strenge Scheidung der Geschlechter. Wenn aber eine solche Scheidung vom Verein aus erwünscht ist, warum führt man darum die Kunst in Versuchung? Gibt es nur Theater? Läßt sich nicht auch durch Schattenspiele, durch ein Kasperltheater ober durch Singen und Vorlesen ein genußreicher Abend veranstalten? Es ist nicht nö­tig, darum zum Kitsch zu greifen. Freilich ist auch bei derartigen Veranstaltungen die Gefahr zum Entgleisen gegeben. Die „harmonischen" Zeitungsnotizen mit ei­nem Programm von Vorträgen, Gesang, Theaterszenen, Verlosungen und Schauturnen zeigen das zur Genüge!

Hier sei ein Wort über Theaterkritik der auf dem Dorf gespielten Stücke eingeschaltet. Ist die Zeitungs­notiz das rechte Mittel? Kritik sollte Förderung brin- gen. Warum übernehmen wir Dinge, die für das städtische Berufstheater Sinn haben, fchablonenmäßig auf das Dorf? Für wen soll ein solcher Bericht sein? Für die Dorfbewohner, die bas Spiel gesehen und sich eine eigene Meinung gebildet haben? Oder zur Aner­kennung sür die Spieler? Anerkennung gab bas Bei­fallklatschen, wenn bas Stück gut war. — Will man eine fruchtbringende Kritik, so bestelle man sich lieber aus den Nachbarbörsern geeignete Zuschauer, die sich nachher mit den Spielern zusammensetzen unb ihre Meinung austauschen. Die Zeitungsnotiz dagegen schimmert immer nach Gönnerschaft unb Eigenlob — unb nutzt nichts.

Mit den Hinweisen, die ich oben zur Stückauswahl < vv gab, ist nur eine erste Orientierung angebeutet. Es seien bamit gute Werke anderer Verlage, die auch für die Dorfbühne geeignet sind, keineswegs abgestritten. Bei der Auswahl des Stückes harrt Spielleitern unb Vereinsvorstänben aber eine Verantwortung, die be­weist, ob sie das Publikum nur als Geschäftsobjekt auf­fassen, ober ob sie seine Eigenar» verstehen unb achten. Gerade dem Landvolk, das fernab von den Darbietun­gen ber Stabt steht, sollte eine Kost gereicht werden die seiner Art entspricht. Das Beste ist hier am Platze. Nur wer feind Zuschauer weder achtet noch liebt, greift zu minderwertigen Stücken.

wie eine Modeerscheinung auftreten, um bann wieder neuen „Volksliedern" Platz zu machen. Daneben hört man häufig solche Lieder, bie sich von biesen Schlagern mit ihrer Sentimentalität in Ton unb Wort nicht wesent­lich unterscheiben. Man mag über derlei Lieder denken, wie man mag, das ist sicher, daß sie an Wert nicht im mindesten an unsere ursprünglichen, aus der Volksseele sprechenden Lieder heranreichen.

Worin liegt nun der Zerfall bes Volksgesangs begrün» bet? In erster Linie hängt biese Erscheinung mit ber Kulturwanblung, (bie man besser mit Kulturkrise bezeichnet) auf bem Lande allgemein zusammen. Man hat heute vielfach auch auf bem Dorfe keinen Sinn und kein Verhältnis mehr zu dem alten Volksgut, bas sich nicht nur bei den Liedern, sondern auch in Sitte und Brauchtum äußert. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle den Wert dieser Kulturgüter für ein gesundes, ländliches Volkstum darzulegen. Das fei aber erwähnt, daß mit bem Verschwinden all dies-r äußerlich scheinen­den Dinge eine Wandlung vor sich geht, deren Auswir-

Wie stehl es mit der Pflege des Liedes auf dem Lande?

Stadt von bem immer noch ziemlich schnell fahrenden Zuge und schlug mir dabei ein Knie auf.

Dann humpelte ich in eine Budicke unb ließ mir einen halben Liter Wein geben. Später fuhr ich wie ein ehrlicher Mensch im Personenzug nach Buenos Aires.

Hier besaß ich noch ausgerechnet fünfundvierzig Centavo, bie gerade noch für eine Schachtel englischer Zigaretten reichten, bie ich lange nicht geraucht hatte.

Jetzt begab ich mich zu meinem Freunde, welcher mir auch für bie ersten Tage Obdach gewährte. Und ich hatte Glück. Ich fand Stellung als Lagerverwalter in der Textilbranche.

Die Freude war leider nur kurz. Der Ein- unb Ausgang ber Ware im Lager war äußerst rege. In ber Aufregung verschrieb ich mich häufig, da ich die Buch­führung in Spanisch zu machen hatte und all die neuen Worte mich verwirrten. Am Telephon versagte ich ganz, unb nach einem Monat muhte ich den Posten auf geben.

Nun stand ich wieder auf ber Straße! Zu dem Freunbe wollte ich nicht von neuem gehen. So ließ ich mir durch eine Arbeitsvermittlungsstelle einen Poften als Adjutant des Majordomos auf einer Estanzia in ber Provinz Buenos Aires sichern unb fuhr roieber auf ben Kamp. Mein Geld reichte gerabe bis zum Endziel Hier erfuhr ich bann, daß die Estanzia nur vierzig Kilometer von der Bahn lag, hin gelangte ich natürlich trotzdem.

Doch die Stellung als Adjutant des Majordomos war bereits besetzt. Was sollte ich nun beginnen?

Nach kurzer lleberlegung ließ ich mich als Arbeiter bei der beginnenden Klee-Ernte einstellen. Der Klee, Alfalfa genannt wurde durch Schlitten zusammenge­fahren und durch Kräne, die durch Pferbekraft getrieben würben, zu großen Mieten aufgebaut.

Nach sechs Tagen fehlte ein Mann bei einer Mäh­maschine. Nun setzte ich mich auf feinen Platz unb wurde Grasmäher. Acht Tage darauf war ber Alfalfa mit den sechzehn laufenden Maschinen geschnitten.

Nun fehlte ein Mann auf einem auch zur Estanzia gehörigen Sambo — Melkstation. — Hier wurde ich Melker, und meine ganze Arbeit bestand nur darin, von morgens drei Uhr bis vormittags elf Uhr zu melken. Dann war ich den ganzen Tag frei.

Da ich vom Lande war, konnte ich ja gut melken, aber ach, ich schaffte nur hundertfünfzig Liter am Vor­mittag, meine Kleider, mein Gesicht und meine Haare waren um elf Uhr von einer Schicht Kuhschmutz über­zogen. Meine Knie zittern bedenklich von dem acht­stündigen Hocken, die Handgelenke schmerzten furchtbar.

Dabei hatte ich wenig verdient, denn wir arbeiteten in Akkord, und bie anderen Melker schafften in derselben Zeit zweihundertfünfzig bis dreihundert Liter.

Die Estanzia besaß sechs solcher Tambos zu je sechs­hundert bis siebenhundert Kühen, außerdem nach Tau­senden zählende Jungvieh- und Ochsenherden. Dazu kamen noch die Ländereien für Alfalfa und Getreide.

Der Betrieb in den Tambos war folgendermaßen: Nachdem man die Kühe bereits vor drei Uhr nachts in den Korral getrieben hatte, begannen einige halbwüchsige Burschen mit kleinen Lassos etwa zwanzig soeben einge­lassene Kälber; welche sich an das Guter ihrer Mütter hängen wollten, einzusangen. Die Kälber waren schon am Abend vorher von ihrer Mutter getrennt worden. Das eingefangene Kalb wurde nun an den Hals der Mutter feftgebunben, denn nur so gibt die Kuh ihre Milch her. Der Melker trägt den Schemel um ben Leib gebunden, damit er möglichst schnell von einer Kuh zur anderen kommt.

Die Milch wurde per Auto in die Molkerei gefahren und entrahmt. Der Rahm ging mit dem Zuge nach Buenos Aires, während bie Magermilch zurückblieb, um enttäft zu werden. Der Käfestoff wurde an ber Sonne getrocknet, fein gestoßen unb nach Norbamerika versandt, wo man ihn zu Knöpfen und anderen Ge­genständen verarbeitete. (Fortsetzung folgt.)