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| 58. Zahrz

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilogen:Die Welt

1fr t» 1K >m Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernruse: Schrist-

Dienstag, 20. Januar 1931

:: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151.

zeichnet« Bestimmung gestrichen worden ist. Dem Vernehmen nach ist dies darauf zurückzuführen, daß die preußische Staatsregierung bei den Beratun­gen im Reichsrat Einwendungen dagegen erhoben Kat. Diese Tatsache wäre umso weniger oerftänb^ lief?, als bisher die preußische Staatsregierung durchaus im Sinne eine intensiven Wetterführung der ländlichen Siedlungstätigkeit eingestellt gewe­

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sen ist. Wir fragen daher das Staatsministerium: 1. Trifft es zu, daß die preußische Regierung bet den Beratungen des Gesetzentwurfes zur Veroilli- gung des mit öffentlichen Mitteln geförderten Kleinwohnungsbaues im Reichsrai Einwendungen gegen die Abzweigung besonderer Mittel aus dem chauszinssteueraufkommen zur Förderung der Siedlungstätigkeit erhoben hat, dis die Streichung dieser Vorschrift zur Folge batten? 2. Wenn ja, auf welche Erwägungen ist dieser Widerspruch der preußischen Staatsregierung zurückzuführen?

Am Sonntag empfing Briand nicht weniger als 5 Außenminister, nämlich Benesch (Tschecho­slowakei) Procope (Finnland), Herzog von Alba (Spanien), Hymans (Belgien) und Dr. Curtius. Von französischer Seite wird zu diesen Emp­fängen mitgeteilt, daß Briand den weiteren Ver­lauf der Europakonferenz und die Erledigung der auf der Ratstagung zur Behandlung kommenden großen politischen t Fragen optimistisch beurteilt. Der Berichterstatter für die oberschlesischen Fragen, Yoshisawa (Japan), hat, wie wir erfahren, außer mit Dr. Curtius auch mit dem polnischen Außenminister Zaleski das Verfahren für die Behandlung der großen deutschen Beschwerden be­sprochen. Der spanische Botschafter in Paris, Quino nes de Leon, der am Dienstag den Bericht über die Einberufung der Abrüstungskon­ferenz erstatten wird, hat mit den verschiedenen Quellen zum Zweck der nochmaligen Ueberprü- fung dieses Berichtes Besprechungen gehabt. Er scheint sich zu gewissen Aenderungen in der ur­sprünglichen Fassung des Berichtsentwurfes ent­schlossen zu haben, nachdem er sich überzeugt haben dürfte, daß ohne diese Aenderungen die Zu­stimmung des deutschen Ratsmitgliedes zu dem Bericht auf keinen Fall zu erreichen sein werde.

Augenblick nicht nach den Motiven zu forschen, aus denen heraus von Italien her eine solche Vor­bedingung gestellt wird. Immerhin wird es zweck­mäßig sein, nicht sofort in den alten deutschen Fehler zu verfallen, nun schon an eine spezifische italienische Vorliebe für unser Land zu glauben. Mussolini hat sehr konkrete und durchaus egoistische oder auch nationalistische Gründe. Tas ändert' aber nichts an der Tatsache, daß die von ihm erhobene Forderung in erster Reihe Deutsch­land angeht, und zwar in einem Maße, das auch die Frage der Revision der Friedensverträge ein­schließt. Mussolini hat in letzter Zeit wiederholt deutlich zu verstehen gegeben, daß auch er eine solche Revision für notwendig hält. Aber feine Be­dingung würde sich auch auf Rußland mitbeziehen, und auch von Moskau ist zu erwarten, daß es für die Gleichberechtigung Deutschlands eintreten wird. So wurde dem französischen Außenminister sofort eine sehr schwierige Wunschgabe auf den Tisch des Hauses gelegt.

Die zweite Voraussetzung, mit der Era.^i sich an die Arbeit machen will, ist fast noch schwieriger und angesichts der Gesamtlage auch fast noch kühner. Es drückt sich darin der Aerger Italiens über die mangelhaften Ergebnisse der Londoner Flotten­konferenz aus, den es eigentlich niemals zu ver­bergen sich bemüht hat, und den es allerdings seinen Partnern in keinem Augenblick weniger willkommen servieren konnte als jetzt in Genf. Grandi verlangte die Erfüllung der Ab rü­st ungsverpflichtungen, welche die Nationen der Entente im Völkerbundspatt unterschrieben haben und fügte hinzu, die Herabsetzung der Rü­stungen könne allein die Lösung des Sicherhests- problems bringen. Das ist ein direkter Vorstoß gegen Frankreich, welches die entgegengesetzte Mei­nung verficht. Aber Grandi hat recht: je mehr die Völker rüsten, desto weniger sicher können sie sich fühlen. Italien ist zur Abrüstung, wie schon früher gesagt worden ist, bereit, wenn die anderen ebenfalls bereit sind. Diesen Vorbehalt kann man ihm nicht Übelnehmen, aber es nimmt damit Frankreich einen guten Teil seiner morali­schen Position, denn wenn es den Franzosen mit der Abrüstung ernst ist, dann können sie sie im Verein mit Italien schon ruhig wagen, da ja Deutschland so wie so bereits wehrlos ist.

Man darf darauf gespannt sein, wie die euro­päische Konferenz in Genf sich nun weiter ver­halten wird. Sie ist über den Rahmen einer bürokratischen Angelegenheit, an die niemand gfaubte, zum Angelpunkt weltgeschichtlicher Ent­schlüsse geworden. Wenn Frankreich das erkennt, kommt Europa in diesen Tagen weiter.

keit in den nächsten Jahren die Abzweigung be­sonderer Mittel aus der Hauszinssteuer vorgesehen; für 1931 sollte ein Betrag.von 40 Millionen Rm. diesem Zweck dienen. Bei den Beratungen des Gesetzentwurfes im Reichsrat ist die fragliche Be­stimmung gestrichen worden. Im Interesse der dringend notwendigen Förderung der ländlichen Siedlung ist es lebhaft zu bedauern, daß die be­

Der österreichische Vizekanzler und Bundes­minister für Auswärtige Angelegenheiten, Dr. Schwbei, hat in Genf den deutschen Reichs­außenminister besucht. Er überbrachte für Reichs­kanzler Dr. Brüning und Reichsaußenminister Dr. Curtius eine Einladung der österreichischen Re­gierung, Wien einen Besuch abzustatten. Der Reichsaußenminister nahm diese Einladung nach Verständigung mit dem Kanzler dankend an. Der Besuch wird im Laufe des Februar statt­finden.

Die Zusammenkunft gab den beiden Ministern Gelegenheit zu einer Aussprache über die politische Lage der beiden Länder und ins­besondere über die im Rahmen des europäischen Studienkomitees Deutschland und Oesterreich be­sonders interessierenden Fragen.

Besprechung zwischen Curtius und Grandi.

wtb. Genf, 19. Januar. (Eig. Meld.) Reichs­autzenminister Dr. Curtius hatte heute vor­mittag eine etwa ein stündige Unter re d ung mit dem italienischen A n ß e n m i n i u e r Grandi. Die auf der Tagesordnung stehenden Fragen wurden in freundschaftlicher Weise besprochen.

Die deutsche Front.

Proiestenlschließung des Katholischen Lehrer­verbandes des Saargebiets.

Aus Saarbrücken wird gemeldet: Der Borstand des Katholischen Lehrerverbandes des Saargebiets hat in feiner Sitzung vom 14. Januar folgende Entschließung gefaßt: Der Vorstand des Katholi­schen Lehrerverbandes des Saargebiets erhebt er­neut gegen die in letzter Zeit wieder mit den Mit­teln finanziellen und wirtschaftlichen Zwanges be­triebene Propagandatätigkeit für die franzö­sische Schule energischen Protest. Er steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß für ein deutsches Kind nur die deutsche Volksschule in Frage kommt.

82. Tagung des völkerbundsrates eröffnet Am Mittwoch Polen-Debatte.

wtb. Genf, 19. Jan. (Eig. Meld.) Die "62. Tagung des Völkerbundsrates wurde heute vor­mittag 10.30 Uhr unter dem Vorsitz des britischen Außenministers Henderson mit einer nicht­öffentlichen Sitzung eröffnet. In der Hauptsache befaßte man sich mit dem Programm der nächsten Tage. Am Dienstag findet die Berichterstattung über die Einberufung der Abrüstungskonferenz, statt. Am Mittwoch wird der Rat die gro­ßen Beschwerden der Deutschen Re­gierung und des Deutschen Volksbundes über die Vorgänge bei den deutschen Wahlen in Ost- cberschlesien behandeln.

Unmittelbar im Anschluß an die nichtöffent­liche Sitzung eröffnete der britische Außenmini­ster Henderson die öffentliche Sitzung des Rates, die unter großem Andrang des Publikums und der Presse be­gann. Zunächst wurde auf Vorschlag des Vor­sitzenden beschlossen, an den neugewählten Präsi­denten des internationalen Gerichtshofes, Adatfchi, ein Glückwunschtelegramm zu senden. Sodann trat der Rat in die Erledigung seiner Tagesordnung ein, die zunächst keine wich­tigen Punkte aufweist.

Bewegung in Genf.

Die Europakonferenz, die eigentlich nur so nebenher laufen sollte, hat in ihrer ersten Sitzung mehr dramatisches Leben entwickelt, als jemand erwartet hätte. Man erinnert sich wie die Sache erwartet hätte. Man erinnert sich, wie die Sache Fragebogen, die er an die erwünschten Mitglieder des Bundes verschickte, wurden von einigen Emp­fängern so kühl und stimmungslos beantwortet, daß es, als man dann in Genf zum ersten Male sich mündlich über die Angelegenheit unterhielt fast so schien, als fei ein mehr oder weniger stilles Begräbnis des Paneuropagedankens nicht zu ver­meiden, und es wirtte fast nur wie eine Höflich­keit gegenüber Briand, daß man überhaupt eine weitere Besprechung anfetzte.

Diese aber, die am Freitag begann, hat dann plötzlich, wenn man auch nicht vermuten kann, die Paneuropaidee sei schon der Verwirklichung näher­gerückt, doch ihre Väter und deren Anhang unver­mutet in Bewegung gebracht. Schon der Vorttag des holländischen Außenministers über die euro­päische Zollwirtschaft mit feinen sehr pessimistischen Ausblicken, die gewissermaßen in die Form eines Ultimatums gekleidet waren, mußte verblüffen und konnte nervös machen. Die Herren in Genf haben sich ja daran gewöhnt, zwar über die europäisch: Krise, ja über die Krise der Welt zu seufzen, im übrigen aber Gottes Wasser über Gottes Land lausen zu lassen, was in diesem Falle bedeutet, daß sie gar nicht daran denken, irgend eine Maßnahme zu ergreifen, die für ihren eigenen Staat mit Opfern oder auch nur mit Zugeständnissen ver­bunden fein könnte.

Nun kam sofort Dr. C u r t i u s mit einem pein­lichen Antrag, in dem er auf die wiederholt betonte Notwendigkeit hinwies, daß einem europäischen Staatenbunde wirklich alle Staaten des Erd­teils angehören müßten, auch wenn sie nicht Mit­glieder des Völkerbundes seien. Bezüglich der Türkei würden solche Bedingungen wahrscheinlich nicht allzugroße Schwierigkeiten machen, aber das andere Reich, das dem Völkerbund bisher fern­blieb, aber doch schließlich zu Europa gehört, ist Rußland mit seiner Sowjetwirtschaft, und damit möchten namentlich die Franzosen sich möglichst nicht infizieren. Die Rede des deutschen Außenministers ging daher sofort schnurstracks auf die Schwierig­keiten des eigentlichen Themas los, und selbst einem so geschickten Taktiker wie Briand dürste es dabei etwas unbehaglich zumute geworden sein. Der zweite Vorschlag von Dr. Curtius, die wirt­schaftlichen Fragen voranzustellen, erfuhr zu­nächst in der Rede des Holländers seine Verwirk­lichung, aber wir haben gesehen, daß diese Rede kein fröhlicher Auftatt der Verhandlungen war.

Die eigentliche Ueberraschung aber, die manchem Teilnehmer geradezu in die Glieder gefahren fein mag, brachte erst die Rede des italienischen Außen­ministers Grandi, der sofort nach Curtiussprach. Grandi wird als Vertreter der Meinungen Musso­linis immer mit besonderer Aufmerksamkeit an- gehört, und wir wissen von früheren Gelegenheiten her, daß er nicht davor zurückschreckt, auch einmal sehr deutlich zu werden und sich eine Geste zu gestatten, die in der wohltemperierten Luft Genfs nicht üblich ist. Grandi erhob als Vorbe­dingung für eine erfolgversprechende Behandlung des Paneuropaproblems zwei Forderungen, über die in Deutschland seit Jahren gesprochen und geschrieben wird, die aber gerade in der letzten Seit in der deutschen Oeffentlichkeit immer wieder vorgetragen worden sind und von denen wir wissen, daß sie namentlich von den Franzosen als sehr unbequem empfunden werden. Mussolini verlangt durch feinen Außenminister völlige politische und rechtliche Gleichstellung sämtlicher europäischer Staaten. Wir brauchen in diesem

Ein Rückblick.

Zehn Jahre werkMcffende Erwerbslosen- < fürforge".

In Essen wurde mit einer Ansprache des preu­ßischen Wohlfahrtsministers Dr. Hirtsiefer die AusstellungZehn Jahre werteschasfende Er­werbslosenfürsorge in Preußen" eröffnet. Die Aus- stellung gibt einen lückenlosen Ueberblitf über die Arbeiten,' die seit zehn Jahren in Preußen mit den Mitteln der werteschaffenden Erwerbslosenfürsorge geschaffen worden sind. .

Minister Dr. Hirtsiefer sprach über die schwie­rige Arbeitsmarktlage der Gegenwart und die da­mit zusammenhängende Aufgabe der werteschaf­fenden Arbeitslosenfürsorge, zusätzliche Arbeitsge­legenheiten für die langfristig Erwerbslosen zu schaffen, um ihre Arbeitskraft zu erhalten, ihren Arbeitswillen zu prüfen und ihre Kräfte volks­wirtschaftlich nutzbar zu machen. Mit besonderem Nachdruck hob der Minister die Bedeutung des Landarbeiterwohnungsbaues für die Bekämpfung der Landflucht her­vor. Die größte Umsiedlung von Erwerbslosen aus dem Ruhrgebiet ging in das Aa­chener Gebiet, wo bereits 680 Wohnungen für Umsiedlungen errichtet und bezogen wurden. 400 weitere befinden sich noch im Bau.

An die Rede des Ministers schloß sich die Be­sichtigung der Ausstellung durch die geladenen Gäste.

Graf Posadowski über Bülow.

Graf Posadawski bekleidete von 1897 bis 1907 den Posten eines Stellvertreters des Reichskanz- . lers Bülow. Die nachfolgenden Ausführungen über Bülows Memorien und Person fließen also aus der am ehesten berufenen Feder.

Nach dem Kriege wurde die Oeffentlichkeit durch die Herausgabe zahlreicher Denkwürdigkeiten, Er­zeugnisse von sehr verschiedenem Werte über­schwemmt. Da kehren unsere Gedanken unwill­kürlich zu dem monumentalen Werke des Fürsten Bismarck zurück, das für alle Ewigkeit ein Lehr­buch für das deutsche Volk und ein Denkmal der Geschichte sein wird. Auch Fürst Bülow, als ehe­maliger Reichskanzler, hat sich verpflichtet gefühlt, seine Erlebnisse und Ansichten über Menschen und Verhältnisse der Oeffentlichkeit nicht vorzuenthal­ten, obgleich er früher erklärt hatte, er wolle Denk- Würdigkeiten nicht veröffentlichen. Die Zeit, in der Fürst Bülow als Staatssekretär des Aeußern und dann nach dem Ausscheiden des Fürsten Ho­henlohe als Reichskanzler tätig war, fällt in dis Spanne vom Ende des letzten bis zum Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts, also in einen Ab­schnitt, in dem man die politischen Richtlinien des Fürsten Bismarck glaubte verlassen zu können und gleichzeitig die Einkreisung Deutschlands das heißt der'Weltkrieg sich vorbereitete. Die bei­den Vorgänger des Fürsten Bülow, Graf Caprwr und Fürst Hohenlohe, waren wefentlich andere Persönlichkeiten als der Verfasser der neuesten Denkwürdigkeiten. Graf Caprivi, durch und durch Soldat, diplomatischen Intrigen und Parlamenten« scheu Machenschaften innerlich und sachlich fern­stehend. aber mit eisernem Fleiß bemüht, sich m die Aufgaben seines Amts einzuarbeiten. Er hatte eine harte Jugend durchlebt, war infolgedessen in seinen Lebensbedürfnissen und Neigungen von spartanischer Einfachheit und Anspruchslosigkeit. Jedes'äußere Heroortreten seiner Person vermied er soweit wie möglich. Seine Lebenserfahrungen hatten ihn zu einer gewissen Herbe seines Urteils geführt, namentlich über wirtschaftliche Gesell- schaftsschichten, wenn sie mit Ansprüchen an den Staat hervortraten, die seiner Ansicht nach mit dessen ßebensbebingunaen und mit der wirtschaft­lichen Gerechtigkeit nicht vereinbar waren. Fürst Hohenlohe, das Muster eines Diplomaten der alten Schule, ein sehr feiner Kopf, vorsichtig tastend und zurückhaltend, ohne Belastung mit gesetzlichen oder tieferen wirtschaftlichen Kenntnissen, aber klarem und gesundem Urteil. Aus Temperament und Klug­heit, ruhig abwartend, vermied er es, voreilig oder aus persönlichem Ehrgeiz in den Gang der Er- eignisie einzugreifen. Von feinen Vorgängern we. sentlich verschieden war Fürst Bülow; er hatte in vielen Ländern und an verschiedensten Hofen ge­lebt, legte Wert auf die Aeußerlichckeiten des Le­bens und auf Lebensgenuß, nicht von tiefen le­bensführenden Grundsätzen geleitet, sondern schvste- rige Lagen durch geschickte Ausnutzung mensch­licher Schwächen, namentlich der Eitelkeit, vorüber-

Parlaments-Reform.

Zur Reichstags-Eröffnung am 3. Februar.

In derRepublikanischen Korrespondenz" be­faßt sich Reichstagspräsident L ö b e in einem sehr beachtenswerten Artikel mit der politischen und ge­schäftsordnungsmäßigen Lage, die der Reichstag beim Wiederbeginn der parlamentarischen Ver- hanblungen vorfinden wird. Er nimmt indirekt Bezug auf den bisherigen Verlauf der Etatdebat­ten im Haushaltsausschuß und untersucht vor allem die technische Seite der Frage, ob es iiberhapt ge­lingen wird, die Etatsberatung im Reichstag sach­lich durchzuführen oder ob unter Umständen der Etat auf dem Wege der Notverordnung durchge­setzt werden konnte.

In feiner Eigenschaft als Reichstagspräfident gM vor allem auf die technische Seite der ganzen Frage ein, nimmt Stellung zu den frühe­ren Notverordnungen und sagt, daß die zweite vom 1. Dezember nach Lage der Dinge und bei dem Zu- Züstand der deutschen Wirtschaft und der deutschen Finanzen unvermeidlich gewesen und der einzigmögliche Ausweg gewesen sei. Das deutsche Parlament habe die ordnungsgemäße Erledigung überaus wichtiger Staatsgeschäste selbst verhin­dert, die Regierung mußte deshalb den Weg der Notverordnung beschreiten. Dann sagt er:

Das gilt auch färbte Zukunft und für die nächsten Monate. Entweder das Parlament gestaltet feine Arbeitsweise so, daß es die ihm ge­stellten Ausgaben zur rechten Zeit lost oder es drängt die jeweilige Regierung wieder auf den Weg, unabweisbar nptwendige Dinge mittels einer Verordnung auf Grund des Artikels 48 durchzu­führen." v ,

Daß ein solcher Tatbestand durchaus unerfreu­lich ist, braucht keiner Erklärung. Aber die Schuld liegt nur beim Parlament. Denn, wie Lobe sagt, ist die Frage der Notverordnung nicht mehr eine Frage der Regierung, sondern des Parlaments. Das gilt für jede Regierung, gilt für jedes Parlament vor allem, das sich mcht g entscheiden weiß nach den Erfordernissen der aats- und Wirtschaftspolitik-

Es ist deshalb die Frage zu untersuchen, wie es ermöglicht werden könnte, daß der Reichstag den Etat in diesem Jahre bis zum 31. März durch- brinqt, ganz abgesehen von der politischen Gestal- fitnq der Etatgesetze. Denn der Reichstag muß den neuen Haushalt in dieser Frist erledigen, sol­len nicht die finanziellen , und wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch vergrößert und alle Ansätze zur Besserung zerschlagen werden

Lobe will die drei Losungen der Gesetze auf iwei reduziert sehen, ein Vorschlag, der übrigens auch schon von anderer Seite gemacht wurde. Nur ist es fraglich, ob sich der Reichstag schon jetzt mit einer solchen Abkürzung einverstanden erklären wird. Soll die Neuerung nicht sofort in Kraft treten können, schlägt Lobe einen Stundenplan vor, auf den sich Ausschuß und Plenum einigen müßten und der die rechtzeitige Erledigung garan­tieren würde. , < v < .,

Das englische Unterhaus hat bereits tiefgreifende Aenderung der Geschäftsordnung vor- aenommen, um seine Arbeitsfähigkeit zu sichern. Wenn nämlich bis zu einem bestimmten Tage vor Ablauf der Session das Budget nicht erledigt ist, hort jede Debatte über die noch gusstehenden Punkte auf. Es wird nur noch abgestimmt ganz gleich, wie wichtig die noch nicht debattierten Etatsposten sein mögen. Eine solch scharfe Begren­zung der Parlamentsrechte brauchen wir nun nicht gerade anzuwenden. Aber ähnliche Wege muffen unbedingt beschritten werden, um em sachliches Arbeiten des Reichstages zu sichern.

Zweitens schlägt Lobe vor, daß Vorsorge zu treffen sei, daß im Reichstag aus Rücksicht auf die Wähler nicht einfach Ausgaben beschlos­sen würden, für d i e eine Deckung n i et)-1 vorhanden sei. Solche Anträge auf Aus­gabenerhöhungen sollen nur dann als angenom­men gelten, wenn von der gleichen Mehrheit die Deckungsmittel dafür bewilligt und bud- getmäßig nachgewiesen feien. Das ist ein Vor­schlag, dem wir unter allen Umständen zustim - men. Wieoiele Anträge werden in der Tat nur deshalb gestellt, um die W ähler zu t auf ch en, weil man ihnen in Wahlzeiten Versprechungen machte, die einfach nicht gehalten werden können.

Weitere Anregungen Lobes gehen in der Rich­tung einer noch größeren Verschärf un g de r Orv nun Asbest immun gen d e s Reichs­tags Auch in diesem Punkte stimmen wir rück­haltlos zu. Die verschiedensten Reichstagssitzungen der letzten Jahre blieben ja oftmals nur deshalb beinahe ohne jedes Ergebnis, weil sie gewaltsam gestört wurden und durch persönliche Auseinander­setzungen, durch Vortragen irgendwelcher Pro­grammpunkte, während man zur Sache selbst über­haupt nicht sprach.

Lobe schließt seine Ausführungen, die wirklich stärkste Beachtung bei allen Parteien und darüber hinaus im ganzen Volke finden müssen: ,

Fruchtbare Parlamentsarbeit kann m einer Zeit, wie der gegenwärtigen nur geleistet werden bei strengster Selbstdisziplin der Volksvertretung. Wer die fruchtbare Ar­beit will, muß auch DisZ'plin wollen. Das Hause of Commons hot sich in seiner 600jahngen Geschichte nicht gescheut, innerhalb kurzer Zeit einige Hundert Aenderungen der Geschäftsordnung vorzunehmen, um seine Arbeitsfähigkeit zu sichern. Diese Reformen sind stets von beiden großen Par­teien betrieben worden, weil sie sie als eine tech­nische Angelegenheit des ganzen Hauses erklärten und das Parlament erst instand setzen, seine Pflicht zu erfüllen. Vor den gleichen Fragen steht heute der deutsche Reichstag."

* Förderung der ländlichen äiedlungslätigkcil. Im preußischen Landtag haben die Zentrumsabge­ordneten Dr. Graß und Maaßen folgende Kleine Anfrage eingebracht: 3n dem Gesetzentwurf der Rcichsregierüng zur Verbilligung des mit öffent­lichen Mitteln geförderten Kleinwohnungsbaues war zur Förderung der ländlichen Siedlungstätig-

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Anzeiger für die Stadl Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.