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NILS

IS. Januar

Verlage zur Fuldaer Zeitung

Hoffe immer.

Don Franz Cingia.

Manche Straße mußt du gehen Ganz von Schatten eingehüllt. Manche Stunde wird verwehen Die dein Sehnen nicht erfüllt.

Wie voll Trauer ist dein Schreiten, Frohe Zeichen siehst du nicht. — Laß' die Hoffnung nie entgleiten. Einmal führt sie dich zum Licht.

Der deutsche Edeling.

Zu Achim von Arnims 100. Geburtstag am 21. Ianuar.

Der freie Stand der Edlen entartete unter der Sonne der Monarchie zur Klaffe des Adels. Deshalb müssen wir schon das altgermanische Wort wieder aufnehmen, um jene Lebenswerte anzudeuten, die der vielgenannte, doch wenig gekannte Weggenosse Clemens Brentanos noch heute für uns darstellt. Der aus ältestem märkischen Gutsadel geborene Sohn des Intendanten der Berliner Hofoper war kein yunfer, sondern das beglückende Bei­spiel der Unabhängigkeit und Wahrhaftigkeit, wie Joseph d. Eichendorfs ihn beschrieb: „Männlich schön, von hohem, edlem Wüchse, freimütig, feurig und mild, wacker, zuver­lässig und ehrenhaft in allem Wesen, treu zu den Freun­den haltend, wo diese von allen verlassen. So war Arnim in der Tat, was andere durch mittelalterlichen Aufputz gern scheinen wollen: eine ritterliche Erscheinung im be­sten Sinne." Dieser Dichter gehört wahrhaftig nicht nur der Literaturgeschichte an.

Gewiß, Arnim wird ewig weiterleben als Schöpfer jener Sammlung deutscher Dichtungen, die unter dem Na­men „Des Knaben Wunderhorn" 1808 zu Hei­delberg erschien und von der Goethe wünschte, sie solle „von Rechts wegen in jedem Hause, wo frische Menschen wohnen, am Fenster, unterm Spiegel oder wo sonst Ge­sang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden sein, um aufgeschlagen zu werden in jedem Augenblick der Stimmung oder Unstimmung, wo man dann immer et­was Gleichtönendes oder Anregendes fände". Denn „es ist der Geist der Nation, der auf dem Ganzen ruht". Dies Urteil von Görres findet seinen Beweis in den Freiheits­kriegen, die sich eben an diesem Buch entzündeten.

Arnim wäre aber niemals auf den Gedanken einer derartigen Sammlung gekommen, hätte eben ihn nicht selber dieser Geist beseelt. Als echter Edelmann fühlte er sich dafür verantwortlich, ihn in dem darniederliegen­den Volke wieder aufzuwecken. Er spürte das Herannahen der Umwertung aller Werte, die das Hohe erniedrigte, damit das Niedrige sich groß fühlen konnte, getrieben von der „Sucht des Bösen, die Welt sich gleich zu ma­chen, alles aufzulösen, was enger als ein umzäuntes Feld an den Boden des Vaterlandes bindet." Arnim wußte aber, gegen derartige Anarchie — besonders wenn als Demokratie maskiert — kämpft man umsonst mit Ge­setz und Gewalt. „Wer das Schlechte besiegen will, muß erst die eigene Schlechtigkeit überwinden" und so dazu beitragen, „in der gesinnungskranken Zeit die Sitte wie­derherzustellen". Zu dem Zweck hatte er auch in seinen Romanen und Dramen „große Erinnerungen der Vorzeit, alte Sagen und Geschichten keck mit der Gegenwart ver­flochten", damit diese sich auf den Ursprung und Ursache besinne, denn „nur Völker, die sich selbst nicht achten, kön­nen verächtlich mit den Gebeinen ihrer Voreltern ver- fahren. Nicht also in Geld und Wirtschaft sah Arnim das Heil. Berthold, der Held des ersten Bandes der „Kro­nenwächter", errichtet auf den Trümmern der Barbarossa- Burg Waiblingen zusammen mit dem Schneider Finger­ling eine Tuchfabrik und wird ein mächtiger Handelsherr: trotzdem stecht er dahin aus Mangel an Blut: an der Krankheit des „Fabrikgeistes". Obwohl man in Arnims Romanen schon fliegt und Unterseeboote erfunden werden, weiß er doch, daß die Quellen der Volksstärke tiefer lie­gen als in der Technik, tiefer auch als in Kunst und Wis­senschaft, in jenem tiefsten Bereich nämlich der „Wahr­heit, die wir Andacht und Religion nennen."

Nur darin hat Bestand, worauf er als Edelmann mit lebendigem Sinn für Herkunft und Folge die Augen be­sonders gerichtet hielt: Blut und Rasse. Heute, da Ehe und Kind zur Frage geworden, werden wir besonders aufhorchen, wo dieser „Mann" unter den Romantikern, wie Gundolf ihn nennt, in der „Gräfin Dolores" die

Der Mann vom Meer.

Von Julius Regis.

Bebertragen an« dem Schwedischen. «. Müller-Berlag. München.

2] Die Nacht hat tausend Augen.

Das Auto sauste einen langen Hügel hinab. Erik rich­tete sich auf und gähnte. „Sind wir nun bald in Ruß­land?" murmelte er. „Selbst schwüle Hotelzimmer ha­ben ihre Vorzüge. Sie stehen still und enthalten Betten."

„Die Fahrt ist zu Ende," erwiderte Colt und stoppte. „Dein Bett erwartet dich in zwanzig Meter Entfernung."

Erik merkte erst jetzt, daß sie vor einem Staket hiel­ten, hinter dem zwischen Bäumen hindurch eine Villa zu sehen war.

„Hier? Aber es ist ja dunkel und zu!"

„Natürlich, da niemand zu Hause ist. Mach die Pforte auf, damit ich hineinsahren kann."

Nachdem er zaudernd gehorcht und die Pforte wieder geschlossen hatte, ging Erik den Kiesweg hinauf. Colt tjatte die Autolampen abgestellt. Jetzt stand er mit den Händen in den Taschen und betrachtete das hübsche, zweistöckige Haus. Dann holte er einen Schlüsselbund hervor und begab sich nach der Rückseite.

„Küchentüren lassen sich leichter überreden," sagte er.

„Aber — bist du hier schon mal gewesen?"

„Merkst du denn nicht, daß ich mich hier ganz zu Hause fühle?"

„Wem gehört denn die Villa?"

„Einem guten Freund von mir." Coll probierte einen Schlüssel nach dem andern aus. „Einem Künstler — Fingal Renberg. Du kennst ihn vielleicht. Er ist jetzt in Italien."

„Aber —“

„O, ihm wird es recht sein, wenn wir hier unge­laden zu Gaste kommen. Er hat mich sogar dazu auf­gefordert. Du brauchst dir also keine Gewissensbisse zu machen, old man!"

Erik lachte. Er hatte nichts gegen dies Abenteuer einzuwenden, das ihn an ausgelassene Studententage er­innerte. Sie betraten einen dunklen Gang, der zur Dor­

Ehe nicht süß romantisiert. Auch hier getrieben von sei­nem männlichen Bewußtsein, jene Kunst sei „schrecklich, die betrügt: die rechte Kunst ist wahr, sie heuchelt nie den Frieden, wo sie ihn doch nicht geben kann" — stellt Arnim die Ehe resolut dar als den Kampfplatz der menschlichen Leidenschaften und der göttlichen Gebote. Wo er die Leidenschaft als einen Zauber verherrlicht, richtet er sie als ein Derhängnis; ihre gesellschaftsbindende, seelenbil­dende Macht kann die Ehe nur entfalten, wo irdisch ge­wählte Pflicht erfüllt und irdisch verstrickter Trieb gebän­digt wird. Mutig stellte Arnim so den gelockerten Sit­ten seiner Standesgenossen, französischer Genießerei und dem Abenteuerspiel der Begierden entgegen „das Gebot ewiger Gesetze, sittlich gesollter, natürlich gemuhter" (Gun­dolf). Hier liegt der tiefe Sinn jenes Wortes in den „Kronenwächtern", bedeutungsvoll für unsere Zeit, die vielfach mit Demokratie Vermassung der Edlen meint, statt Veredlung der Massen: Zu einem echten Ritter werde man geschlagen „nur durch das harte Geschick": solcher Ritter Sporn sei aber „die Treue und ihr Schwert, der Glaube an das ewige Bestehen der Geschlechter und daß dieselbe Herrlichkeit aus dem Stamme immerdar rote»

halle führte, in der Colt den Lichtkreis seiner Taschen­lampe tanzen ließ. „Die Treppe hinauf!" kommandierte er. „Die Schlafzimmer sind oben."

Sie stiegen die breite, teppichbelegte Treppe hinan und befanden sich nun in einem Flur, der am äußer­sten Ende ein Fenster auswies. An den Wänden prangte eine reichhaltige Sammlung von Stoßwaffen verschiede­ner Zeitalter: Pallasche, Speere, malaiische Krise, ara­bische Chandschare. türkische Krummsäbel, Duellwaffen, Assagais und japanische Schwerter.

„Das ist ja ein kriegerischer Künstler!" bemerkte Erik, indem sie das nächste Zimmer betraten. „Und reich muh er auch sein," setzte er hinzu, als er den Lichtschalter gefunden hatte urh sich in dem eleganten Rauchzimmer mit seinen schweren Klubsessen umsah, während Colt auf das Fenster zuging, hinausblickte und dann die Gardinen vorzog.

„Wenigstens dürfte er guten Whisky haben," ent­gegnete er und fand denn auch bald in einem Wand­schrank eine Flasche, zwei Gläser und einen Siphon, die er auf den Tisch stellte.

Sie ließen sich nieder und tränten, aber das Ge­spräch wollte nicht recht in Gang kommen. Colt war zerstreut, begann eine abenteuerliche Geschichte aus Betschuanenland zu erzählen und verstummte, bevor sie zu Ende war.

„Du fährst also morgen mit dem Zwölfuhr-Dampfer nach Jagaro?" fragte er dann ganz unvermittelt und stand auf, als Erik bejahte.

„Ich glaube, wir sind reif zum Schlafengehen," sagte er und blickte mit dem Glas in der Hand aus Erik hmo'' „Ein Hoch auf die Reynoldschen Milliarden! Möchten sie bald in die rechten Hände gelangen!"

2.

Es war sieben Uhr morgens, als Erik erwachte. Sein Bewußtsein wogte in panischem Schreck von irgendeinem fürchterlichen bösen Traum empor, und er warf sich unruhig im Bett hin und her. Die Traumbilder er­bleichten allmählich, aber eine Szene hielt hartnäckig stand: er hatte barfuß auf dem kühlen Fußboden ge­standen ... er war furchtbar erregt gewesen . . . vor ihm lag eine regungslose menschliche Gestalt mit dem

dergeboren werde, wie ihr das Wasser dieses Brunnens ruhig abfließen laßt und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet".

So war der Protestant Arnim — Eichendorfs hat das frank und frei erklärt — in seinen Dichtungen wesentlich katholischer als die meisten seiner katholisierenden Zeit- und Kunstgenossen. In einer Zeit unedlen Leichtsinns und philosophischen Vornehmtuns hatte sich ihm das Leben der Kirche in seiner ursprünglichen Schönheit entdeckt; er meint im Grunde die Kirche selber, wo er von ihren Bau­werken rühmt: „Welche Einheit und Ausgleichung aller Verhältnisse; wie fest begründet alles an der Erde und doch alles dem Himmel eigen, zum Himmel führend, an feiner Grenze am herrlichsten und prachtvollsten geschlof-- sen. Zum Himmel richtet die Kirche wie betende Hände unzählige Blütenknospen und Reihen erhabener Bilder empor, alle zu dem Kreuze hinauf, das die Spitze des Baues als Schluß des göttlichen Lebens auf Erden be­zeichnet, ... die höchste Pracht der 6rde, die sich dadurch zu unendlichen Taten begeistert fühlt."

Dr. Bergmann.

Gesicht nach unten am Boden ... ein unbekannter Mann in braunem Anzug . . . tot!

Schaudernd streckte Erik die Arme von sich. Der alte Angsttraum, getötet zu haben, hatte ihn wieder be­fallen — natürlich weil von seinem Somnambulismus die Rede gewesen war! Das Herz pochte noch heftig, und sein Mund war heiß und trocken — sie hatten ge­stern wohl auch reichlich viel getrunken. Unwillkürlich öffnete er die Augen und sah sich nach Wasser um.

Keine Karaffe zu sehen! Auch die Möbel waren ihm fremd, und das Fenster befand sich nicht da, wo er es erwartet hatte. — Ach ja, er lag ja in einem frem­den Hause, dessen Besitzer er weder kannte noch je ge­sehen hatte. Alles war still. Im Nebenzimmer lag Colt und schlief. Die ganze Situation, die ihm gestern spaßig vorgekommen war, dünkte ihm jetzt minder be­haglich. Er beschloß, sofort aufzustehen und die Villa zu verlassen, sobald er Colt dazu bewegen konnte.

Nun saß er auf dem Bettrand und hob die rechte Hand, um sein wirres Haar zurückzustreichen, aber mit einemmal stockte diese Geste, und er sperrte die Finger auseinander. Zwischen Daumen und Zeigefinger war die Haut rauh und gerötet, wie von einer dünnen, dun­keln Kruste. Er untersuchte die Hand, ohne irgendeine Wunde entdecken zu können. Daß sie am Abend zuvor nicht dagewesen war, wußte er bestimmt. Mit steigern­dem Unbehagen warf er einen Blick auf seine nachlässig beiseite geworfenen Kleider und stand rasch auf.

Da trat er auf einen Metallgegenstand, der halb unterm Bett lag, und hob ihn auf, um ihn verwundert zu betrachten. Es war ein spanischer Degen mit To­ledoklinge und schalenförmigem, mit Gold und Perl­mutter eingelegtem, durchbrochenem Griff.

Aber die Klinge war nicht blank. Sie war — wie von einer unsichtbaren Macht geschleudert stand Erik plötzlich mitten im Zimmer. Sein Herz benahm sich wie ein schlechter Motor, setzte ein paar Schläge aus, um dann wieder heftig und ungleichmäßig zu klopfen. Ein kalter, unbarmherziger Lichtstrahl durchschoß sein noch halb benebeltes Gehirn.

Dies war kein Traum. Er war wach! Er hatte ge­träumt, aber jetzt war er wach. Geträumt? Hatte er wirklich geträumt? Ein Stöhnen entrang sich seiner

Allgewalt des Aberglaubens.

Die „Geister- machen den Eingeborenen das Leben schwer; sie wuchern mit dem Loden, sie treiben die Menschen von Haus und Hof!

Soziasttudie von den Sunda-Infeln:

Wenn ein Eingeborener der Inseln im Indischen Archipel sich ein Haus bauen will, ist sein erstes, sich einen tüchtigen Baumeister zu suchen, der die Leitung der Ar­beiten aus sich nimmt. So groß die technischen Fähigkeiten unserer europäischen Architekten auch sein mögen, — für diese Ausgabe würden sie nicht in Frage kommen. Kei­nen Europäer würden die Eingeborenen für fähig halten, ein so einfaches Haus zur Zufriedenheit des Bauherrn fertig zu stellen. Der würde es unter allen Umständen für unbewohnbar erklären und sich halsstarrig weigern, es zu beziehen. Denn die technische Fähigkeit des Archi­tekten zählt erst in zweiter Linie; die Hauptsache ist, daß er über die Gabe verfügt, mit den Heerscharen der guten und bösen Geister in Verbindung zu treten, welche Ein­fluß haben auf den Bau des Hauses und das fernere Schicksal seiner Bewohner. ,

Dies beginnt bereits beim Aussuchen des Bodens, auf dem das Haus erstehen soll. Baugrund gibt es im lieber» fluß, und er befindet sich in keines Menschen Eigentum, aber doch ist die Wahl der Parzelle sehr schwierig. Dor allem muß vermieden werden, daß man ein Bauterrain benutzt, das bereits von den Geistern in Beschlag genom­men ist. Alte Begräbnis- und Opferplätze, Stellen, an denen ein Mord oder ein schwerer Unglücksfall ftattgefun» den hat oder einmal der Blitz eingeschlagen ist, sind von vornherein ausgeschlossen. Derartige unheilvolle Plätze haben immer eine besondere Anziehungskraft für die „Un­sichtbaren", die einen Einbruch in ihre Rechte schwer stra­fen würden. Aber selbst mit Terrains außerhalb dieser gemiedenen Plätze muß man vorsichtig sein, weil es durch­aus möglich ist, daß sich auch dort ein Geist unter oder über der Erde niedergelassen hat oder daß ein „Geister­pfad" hinüberführt, den die umherschwärmenden Geister regelmäßig benutzen. Solch ein übernatürlicher Bewoh­ner wäre durchaus kein angenehmer Nachbar, und vom Verkehrswege der Geister könnte nur allzu leicht Unheil in die Wohnungen der Menschen einbringen.

Es ist nun die erste Aufgabe des Baumeisters, solche verborgenen Eigenschaften des Terrains aufzuspüren. Zu diesem Zweck kann er verschiedene Mittel anroenben. So wirb man zum Beispiel an ben vier Ecken bes ausge­suchten Gelänbes ein Loch graben unb einige Reiskörner unb etwas Salz hineinlegen. Stellt sich nach Verlauf einer Nacht heraus, baß einige Reiskörner verschwunben finb, bann haben bie Geister sie weggenascht. Ist bas Salz naß geworben, so weist bies auf bas Vorhanbensein von Grunbwasser; was immer bas Merkmal einer unterirbi» scheu Geisterwohnung ist. Um in Erfahrung zu bringen, ob ein Geisterweg über bas Gelände führt, stellt man einen Teller mit sorgfältig glatt gestrichenem Reis in big Mitte bes Baugrundes. Ist der Reis am nächsten Mor­gen durcheinandergeschüttelt, so ist dies ein Beweis da­

Boöen« und Heimstättsnprobleme.

für, daß Geister darüber hingewandelt finb. In allen solchen Fällen muß man sich ein geeigneteres Stück Sanb suchen.

Hat man enblich eine Baustelle gefunben, bie nicht von ben Geistern beansprucht wird, bann muß ber Erdgeist, der der wirkliche Besitzer ist, dazu überredet werden, sie den Menschen zu Überlassen. Er hat dafür das Recht auf ein Opfer, und der Baumeister muß sich nun durch Be­fragen van Orakeln über die Gröhe des Opfers unterrich­ten, bas als Kaufpreis verlangt wirb. Man fängt bamit an, ein sehr geringes Opfer zu bieten, zum Beispiel ein Küchlein, unb läßt bann eine in zwei Teile geschlagene Pinangnuß an ber Klinge eines Schwertes entlang auf ben Bvben, beibe mit ber runden ober flachen Seite nach eben, bann ist ber Geist mit bem Angebot einverstan­den. Fallen sie jedoch verschieden, so verlangt er mehr, unb bas Angebot muß erhöht werben. So wirb man nach vielem Fordern unb Bieten mit bem Erdgeist endlich einig, und dieser bekommt sein Schwein oder seinen Och­sen als Kaufpreis für den Baugrund. Zeigt er sich je­doch allzu anspruchsvoll, so kommt es auch vor, daß man den habgierigen Geist mit feinem Stück Land sitzen läßt und auszieht, ein anderes Terrain zu suchen, für das weniger hohe Forderungen gestellt werden.

Hat man den Boden auf diese Weise erhalten, dann suchen der Baumeister und seine Helfer das Baumaterial im Walde aus. Als erstes einen tüchtigen Baumstamm, der geeignet ist, als „Mutter des Hauses", als Haupt­pfahl zu dienen. Dafür wird natürlich ein schöner, gera­der Stamm ausgewählt, aber das genügt noch nicht. Der Baum muß an einer Stelle gesunden werben, bie in ber Richtung liegt, von ber Glück zu erwarten ist, also in ber Richtung bes Meeres ober ber ausgehenben Sonne. Kei­ner seiner Zweige barf durch Sturm ober Blitz abgebro­chen sein, weil bann auch bestimmt ein Zweig ber Fa­milie, bie bie neue Wohnung bezieht, abgebrochen wer­ben wirb. Ist enblich ber geeignete Baum gefunben, bann muß ber Baumgeist, ber ihn bewohnt, auf freund­schaftliche Weise bazu gebracht werben, sich einen anderen Wohnplatz zu suchen. So sah ich einmal auf Celebes einen Baumeister zu diesem Zweck mit einem Sack auf einen Waldriesen klettern, in welchem er sehr geschickt den Baumgeist einzufangen wußte, um ihn dann in dem Sack auf einen andern Baum zu transportieren, in dessen Wipfel er den Sack wieder ausschüttete, so daß sich der gefangene Baumgeist dort niederlassen konnte.

Wenn alle Materialien mit großer Sorgfalt zusam­mengebracht finb, kann bie Bauarbeit enblich ihren An­fang nehmen. Mit Assistenz ber helfenben Geister er­mittelt ber Bauleiter bie günstigste Lage bes Hauses, ba­mit alles Glück burch bie Tür hineinkommen kann, alles Unheil bagegen burch bie geschlossene Hinterwanb zurück­

gehalten wirb, unb steckt nach biefen Anweisungen ben Grunbriß ab. Dann kommt ber wichtigste Teil bes ganzen Werkes: bas Aufstellen des Hauptpsahls, der als „Mutter des Hauses" seine ganze Last zu tragen hat und der Sam­melplatz für die schützenden Hausgeister werden wird. Hierzu werden große Festlichkeiten veranstaltet.

Ist der Hauptpsahl aufgestellt, bann folgen dessen „Kinder", bie übrigen Pfosten und Balken, aber ohne viel llmftänbe, wie es guten unb gehorsamen Kindern zukommt. Auch die weitere Fertigstellung des Hauses geht dann mit Unterstützung der Dorfgenossen schnell von- ftatien, zum mindesten, wenn sich keinerlei ungünstige Vorzeichen zeigen. Aber es kann Vorkommen, daß wäh­rend ber Arbeit eine Krankheit unter ben Bauleuten ausbricht, ein Unglücksfall eintritt ober ein SterbefaU in der Familie des Auftraggebers. Das ist dann ein deut­licher Beweis, daß bie Geister trotz aller Vorsorgen boch nicht für ben Plan eingenommen finb. Und wenn das Haus auch schon fast fertig ist, sobald ein ernster Zwischen­fall eintritt, wird kein Finger mehr dafür gerührt, und es bleibt verlassen stehen. Mit frischen Kräften werden bie Arbeiten für ein neues Haus an einer anberen Stelle be­gonnen oder, wenn das Geld dazu fehlt, müssen die Ar­men mit der alten, verfallenen Wohnung vorlieb nehmen.

W. A. P e n a r d (Java).

Der Einbrecher.

Einer wahren Begebenheit nacherzählt

Frau Ulrike Kannebier lag mäuschenstill in ihrem Bette. Sie wagte vor Spannung nicht einmal zu seufzen. Und doch hätte sie am liebsten gemeint.

Die Abende, die ihr Mann außerhalb des Hauses verbrachte, gehören zu den größten Kümmernissen ihres Daseins, unb heute lag ein besonders schwerer Fall vor. Der Studienrat Ambrosius Kannebier war zu einem Festkommers alter Kommilitonen gegangen. Ulrike miß­gönnte ihm solche Wonnen keineswegs. Im Gegen­teil. Sie hatte ihn ermahnt, ben Abend nicht etwa ihret­wegen abzukürzen, ihm einen berückend schönen Schlips­knoten gebunden unb ihn noch in letzter Minute bewogen, bie gute gestreifte Hose anzuziehen, bie ihre treuforgenbe Hanb mit märchenhaften Bügelfalten geschmückt. Aber mit bem Augenblick, ba er bas Haus verließ, war bas ganze Elenb ihrer Einsamkeit über sie hereingebrochen. Sie hatte ganz einfach Angst, sinnlose Angst.

Der Gatte wußte von dieser Not. War ihm doch selbst nicht ganz wohl, wenn er sie abends allein zurück­ließ. Sie wohntei vor der Stadt zu ebener Erde, und das Mädchen schlief außerhalb des Hauses.

„Du öffnest unter keinen Umständen bie Tür, hörst bu?" hatte er gemahnt. „Laß es klingeln, so viel es mag."

Ein stummes, ergebenes Nicken war ihre Antwort.

„Ulle, ich stelle dir das Telephon ans Bett. Bei dem geringsten verdächtigen Geräusch im Hause rufst du das Ueberfallkommando an, hörst bu? Dann bist du sicher, daß binnen fünf Minuten die Polizei da ist. Das be­ruhigt." —

Sie hatte ihrem Gatten einen tapferen Abschiedskuß aufgebrückt, war mit leidlicher Haltung zu Bett ge­gangen unb sogar für ein paar Stunden eingeschlafen. Aber jetzt fanb sie feine Ruhe mehr. Es hatte zwei Uhr geschlagen, unb Ambrosius mußte jeben Augenblick kom­men.

Plötzlich horchte sie auf. Da — war bas nicht ein Laut? — Nein, sie hatte sich wohl getäuscht. Aber jetzt — noch einmal . . . Das kam nicht vom Flur — bas war ein leises Knirschen brauhen auf bem Kiesweg. Jetzt näherte es sich, ganz fachte--nun mußte es

vor ihrem Fenster fein. Ulrike war förmlich vereist vor Schreck. Sie konnte kein Glieb rühren. Aber jetzt — bas war ein bumpfer Ton wie ein Druck ober Stotz gegen bie Hauswanb . . .

Ulrike war plötzlich aus bem Bett, sie wußte nicht wie. Seife, mit zitternden Hänben öffnete sie bas Fen­ster. Im Rolladen war ein Schlitz. Schräg hinaus sehend, konnte sie in der Finsternis bas kleine Speise- tammerfenfter im Kellergeschoß erkennen. Dort schien sich eine buntle Masse zu bewegen, unb mit Grausen unter- schieb Ulrike schließlich ein langes Bein, bas burch be­sagtes Fenster nach innen verschwand.

Mit fliegenben Pulsen stürzte sie ans Telephon.

Das Ueberfallkommando meldete sich. Fünf Mann würden sofort eintreffen, alle Zugänge besetzen unb von

Brust: was er im Traum gesehen zu haben glaubte — es war ber Flur jenseits ber Tür!

Blindlings tastete er sich zur Tür hin. Er wollte sie nicht öffnen, tat es aber doch, hastig und unsicher. Er wollte nicht nach der Richtung Hinsehen, aber er tat es.

Mitten im Gang lag etwas Regungsloses auf dem staubigen Linoleum. Ein Mensch lag ba — unnatür­lich zusammengekrochen, mit bem Gesicht nach unten. Ein kleiner Mann in braunem Anzug.

Nach einem vollkommen unermeßlichen Zeitraum ge­wahrte Erik noch etwas anberes. ^n ber Staubschicht auf bem bläulichen Linoleum waren deutliche Spuren feiner eigenen nackten Füße zu sehen — in einer hop­pelten Reihenfolge, hin unb wieber zurück. Ein er- stickenbes Gefühl unsagbarer Hilflosigkeit übermannte ihn. Er mußte sich am Türpfosten stützen.

Der Unbekannte hatte kurzgeschnittenes braunes Haar. Der linke Arm war lang ausgestreckt. Daneben lag eine Taschenlampe. Unb er regte sich nicht. Er lag ganz still.

Erik rannte quer über ben Flur unb klopfte an Colts Tür. Er wollte sie nicht offnen, aber sie ging gleich auf, unb Colt ftanb auf ber Schwelle. Er war noch in Hembsärmeln unb banb eben seinen Schlips um.

„Colt," stammelte Erik, „als ich — soeben auf­wachte — ich träumte — ber Degen lag unter meinem Bett ..." Er fuhr fort, zusammenhanglose Worte zu stottern.

Die schwarzen Augen weiteten sich langsam. Sie roanberten zwischen bem Degen in Eriks Hanb unb ber am Boben liegenben Gestalt hin unb her. Plötzlich ging Colt rasch braus zu unb beugte sich über sie. Erik ber ihm folgte, sah, baß ber Unbekannte einen kurzen, bunfeln Schnurrbart hatte. Die rechte Hanb war zur Hälfte vom Körper bedeckt unb umfaßte einen Revolver. Colt blickte zu feinem Kameraden auf.

„Tot?" wisperte dieser.

„Ja. Von hinten erstochen, zwischen den Schulter­blättern." Colt deutete auf die Fußspuren im Staub. „Du siehst — es nützt nichts, die Wahrheit abguleug- nen. Du bist einmal zu oft .genadjtroanöelt."

Erik ließ ben Degen fallen unb drehte sich um. Im Schlafzimmer sank er auf einen Stuhl nieder unb suchte