NILS
Beilage zur Fuldaer Zeitung
IS. Ianuar
Erziehung zur Verankworllichkeik.
Cgidius P o st.
Das Kirchenjahr schließt seine Pforten mit den ernsten Gedanken vom Weitende. Mit demselben Gedanken hebt das neue an. Die Kirche wird wissen, warum. Wichtige Dinge können nicht oft genug gesagt werden. Die letzte Nummer dieser Beilage im vorigen Jahre brachte in der einleitenden Betrachtung das bedeutungsschwere Wort vom Geist der Verantwortung. Und die erste Ausgabe des neuen Jahres steht unter dem nämlichen Zeichen.
Das verlohnt sich des Nachdenkens. Verantwortlichkeit und Verantwortungsbewußtsein sind so sehr K e r n- und Herzstücke aller Erziehung, Laß es ein mehr als gewagtes Unterfangen ist, in einem kurzen Zeitungsaufsatz darüber sprechen zu wollen.
Ein Mensch ist soweit gebildet und erzogen, als er sich verantwortlich fühlt und verantwortlich handelt. Wein gegenüber verantwortlich? Der größeren Gemeinschaft gegenüber, in die er sich mit seinem Tun und Lassen einzugliedern hat. Menschliches Verantwortungsbewußtsein errichtet Schranken und erteilt ungeschriebene Gesetze, deren Verletzung ebenso allmählich wie unwiderruflich zur Zerstörung der Gemeinschaft und damit aller Kultur führen muß. Verantwortlichkeit hebt jene Hemmungslosigkeit auf, mit der ein einzelner oder eine Machtgruppe sich ohne Rücksicht auf das Wohl der anderen durchsetzen möchte.
Verantwortung fühlen und sie tragen bedeutet eine unangenehme Last, die zu übernehmen sich der Mensch von Natur aus zunächst sträubt. Unverantwortlich handeln ist viel bequemer und erscheint manchmal viel erfolgreicher. Wer Verantwortung bejaht, macht sein Gewissen zur Richtschnur seines Tuns, der stellt sein Handeln auf die empfindliche Wege der Ehre die sofort ausschlägt, wenn einmal der rechte Weg verlassen sein sollte. Der verantwortliche Mensch ist zugleich der gebundene Mensch, gebunden an Ehre und Gewissen. Aus welcher Gebundenheit allerdings erst wahre Freiheit erwachsen kann.
Diese Vorbemerkungen weisen darauf hin, daß das Kind noch verantwortungslos und daß es eine sehr schwierige Aufgabe ist, in ihm den Sinn und die Freude zur Verantwortung zu wecken. Gott und Natur bürden dem Kinde noch keine Last auf, dem seine Kraft einstweilen nicht gewachsen ist. Dies muß vorweg
Verantwortung und
Ein kleiner Vorfall gab mir vor einiger Zeit Veranlassung, über die angedeuteten Zusammenhänge nachzudenken und auch meine Jungen des dritten Schuljahres darauf hinzuweisen. Natürlich habe ich sie mit obigen Bezeichnungen verschont, weil sie für diese Altersstufe noch zu schwierig sind.
Wie in den meisten Klassen, so gibt es auch bei uns eine Reihe von Klassenämtern, die abwechselnd verwaltet werden. Das macht den Kerlchen viel Spaß. Sie reißen sich buchstäblich darum. Sicher spielen dabei Geltungs- ibieb und Tätigkettstrieb die Haupttolle. Doch das schadet im Grunde genommen gar nichts.
Ein Junge nun hat ständig die Aufgabe zu Beginn und zum Schluffe der Pausen die Schulzimmertür festzuhalten, weil sie bei geöffneten Fenstern durch den Luftzug von der Haustür her leicht zuschlägt. Eines Tages passierte es, daß ein etwas verträumter Schüler seine Obliegenheiten vergaß und mit den anderen auf den Hof ging. Als einer der Letzten hinaus wollte, schlug die Tür zu und klemmte ihm den Finger derartig, daß der kleine Verunglückte verbunden werden mußte. Nach der Pause rollten ihm die Tränen über die Wangen. Es war selbstverständlich, daß uns beim Wiederbeginn des Unterrichts die Angelegenheit beschäftigte. Cs entstand etwa folgende Unterhaltung, bei der ich die Schüler so viel als möglich sich selbst überließ.
(A., B. usw. sind Schüler, L. ist Lehrer.
j ! A. „Was hat denn der Kurt gemacht? Der meint B. „Er hat sich einen Finger an der Tür geklemmt'" C. „Da hast du dich aber sehr ungeschickt angestellt, Kurt, so was könnte mir nicht passieren!"
D. „Du bist doch sonst eigentlich kein steifer Bock!" Kurt (schluchzend). „Ihr habt gut schwätzen. Wenn euch der Wind die Tür grab vor der Nase zugeschlagen hätte, wärs euch grab so gegangen!"
Mehrere durcheinander. „Heinz muß sie doch halten — sie kann ja gar nicht zu — wie war denn das überhaupt?"
Kurt (zornig weinend): „Das wars ja gerade! Wenn der sie festgehalten hätte, wärs nicht passiert!"
Mehrere (aufgeregt). „Heinz ,dann bist du die ganze Schuld! — Wo warst du denn eigentlich?"
Heinz (verlegen stotternd). „Ich hatte es vergessen und war gleich mit runtergegangen!"
kräftig unterstrichen werden, weil sich unsere neuere Pädagogik barm gefällt, bem Kinde auf allen Gebieten zuviel unb manchmal ganz unwahrscheinliche Fähigkeiten zuzutrauen. Das ist höchst verderblich. Ohne griesgrämige Schulmeister zu fein, brauchen wir nur einmal das Durchschnittskind auf feine Verantwortlichkeit anzusehen, um sofort zu gewahren, wie es in der Hauptsache nur vom eigenen Vorteil ober Nachteil oder was es dafür hält bestimmt wird. Also genau das Gegenteil von verantwortlicher Handlungsweise. Tausende Beispiele aus der Erfahrung stehen jedem Erzieher zur Verfügung. Das Kind ist — und muß wohl fein! — oberflächlich und gedankenlos, wo es sich um Dinge der Lebensbemeiiterung handelt. Damit, solches vom Kinde zu behaupten, geschieht ihm alles weniger als Unrecht.
Weil Gedankenlosigkeit jedoch Wegbereiterin der Gewissenlosigkeit ist, ist es eine ungeheuer wichtige Angelegenheit, ob und wie der Heranwachsende Mensch zur Verantwortung zu erziehen ist. Das letzte Wort spricht da unbedingt das Leben, so daß niemand zu verzweifeln braucht, der ein „ungezogenes" Kind hat. Aber schon früh kann und muß einsetzen, daß das Kind verantwortliches Tun gewahrt und empfindet. Hier wird der unersetzbare Vorzug der gesunden Familienerziehung sichtbar, wo das Kind tagtäglich Verantwortliche am Werke sieht: Vater, Mutter, Geschwister. Die beste Anstaltserziehung vermag das nicht zu geben. Der Staat wäre um feine verläßlichsten Staatsbürger betrogen, wollte er die Erziehung in die Hand der Gesellschaft legen. Kinder lernen nur vom beispielhaften Vormachen, kein noch so geschickt aufgezogener Unterricht kann sittliches Bewußtsein „erarbeiten". Die Familie zieht das Kind unmerklich hinein in eine Verantwortung, unb zwar in eine solche, die es tatsächlich zu tragen, an der es feine Kräfte zu stärken unb bas seltsam Beglückende auch der kleinsten Verantwortung zu empfinden vermag.
Vor allem sollen wir Erwachsene uns hüten, den Heranwachsenden zuviel Verantwortung aufzuerlegen, wir sollen ihm keine Verantwortung zuschreiben, wo er noch gar keine aufbringen kann. Auch die besten Eltern und Erzieher werden nicht unter allen Umständen vor schwerer Enttäuschung bewahrt bleiben. Erziehung zur Verantwortung ist nicht Menschenwerk allein. „Wenn der Herr das Haus nicht baut, bauen die Bauleute vergebens."
Damit laßt uns eintreten ins neue Jahr von „Schule und Volksgemeinschaft."
Verantwortlichkeit.
C. „Das steht dir so recht ähnlich."
B. „Du hast aber deine Arbeit fein getan!"
E. „Jetzt kann der Kurt wahrscheinlich vierzehn Tage lang nicht rechnen und schreiben."
F. „Wenn einer in der Klasse etwas verspricht, das muß er auch halten!"
L. „Hat er denn eigentlich etwas versprochen?"
Pause. —
A. „Gesagt hat er weiter nichts. Aber er hat sich doch gemeldet und dann hat ers auch gekriegt."
F. „Das ist doch so gut, als wenn ers uns versprochen hätte!"
(Die Meisten stimmen lebhaft zu. Ms mich alles anblickt, pflichte ich bei.)
B. „Wenn es nicht nötig gewesen wäre, hätten mir doch das Amt gar nicht."
(3d) meife nun auf die anderen Aernier hin, und die Unterhaltung geht weiter.)
E. „Wenn die Wandtafel nicht sauber gemacht kst bann baeurt es nachher in der Stunde eine ganze Weile, und mir müssen solange warten!"
G. „In der Zeit hätten wir schon etwas tun können."
C. „Wenn die Bänke nicht richtig gestellt sind, bann sieht unsere Klasse nicht schön aus und man kann nicht gut durch. Es geht alles langsamer."
H. „Wenn die Blumen nicht richtig gegossen werden, werden sie dürr, und mir ärgern uns!"
D. , Wenn die Fehlenden nicht genau aufgeschrieben werden, dann kann sie der Lehrer am Samstag nicht richtig eintragen, und dann stimmts in der dicken Liste nicht."
F. „Wenn die Fenster nicht aufgemacht werden, so bleibt die schlechte Lust drin, und wir können leicht krank werden."
L. „Ihr habt mir nun von jedem Amt allein etwas gesagt. Villeicht kann einer etwas über alle Aemter in einem Satze sagen." —
Pause. —
A. „Wenn sie nicht richtig gemacht werden, dann ärgern wir uns."
F. „Dann hält uns das auf.“
E. „Wir kommen nicht so schnell weiter."
A. „Wir haben dann olle Schaden davon. Wenn aber jeder sein Amt richtig ausführt, dann haben wir alle Nutzen davon." — 1
Ich weise nun auf die Aufgaben hin, die dem Jungen zu Haufe übertragen werden. Es werden genannt: Holzholen, Stiefel sauber machen, Einkäufen, Geschwister beaustichtigen. In jedem Falle wird der Nutzen und Schaden genau herausgestellt. Wir finden: Wer ein Amt, eine Aufgabe übernimmt und ordentlich ausführl, bringt den anderen Nutzen, sonst Schaden. Deshalb muß man achtgeben, daß man alles richtig macht.
Wir kommen nun zu den Erwachsenen und merken, daß es da genau so ist, nur sind Nutzen und Schaden viel größer. Die Schüler führen an: Kraftfahrer, Maurer, Straßenbahnführer, Schupo usw.
So leitet uns der kleine Unfall hinüber auf bas Verhallen zum Mitmenschen, auf das Gebiet der Sittlichkeit, der Ethik. Wenn auch diese Altersstufe noch nicht alles übersieht, in den Kern bringt sie schon ein. Es wird sich später sicher Gelegenheit finben, das Begonnene zu vertiefen und auszubauen, z. B. die Verantwortung gegen sich selbst.
Bei der Besprechung des Beichtspiegels kamen wir plötzlich an die Frage: Habe ich meine Standespflichten immer erfüllt?
Da stutzten die Kinder zuerst, bann meinte Theo: --Herr Lehrer, bas ist für große Leute, wir haben ja noch keinen Beruf." Mein fragender Blick machte Theo unsicher, leise und verlegen kommen dann die Worte: „Ich bin Schüler."
„Richtig, Theo, du bist Schüler und bas ist dein Beruf, dein Stand. Ob du also auch Standespflichten zu erfüllen hast, ob du auch vor dem Herrgott über die Erfüllung deiner Pflichten verantwortlich bist, die dein Beruf dir auferlegt?"
Die Religionsstunde ist unterdessen zu Ende, und es schellt draußen bereits. Di« Kinder möchten aber nun gerne ihre Pflichten als Schüler kennen lernen, an die sie bisher nicht denken konnten, weil sie gar nicht ahnten, daß für einen Schüler überhaupt Standespflichten beständen. Wir bleiben also trotz der Pause im Klassenzimmer und sprechen uns aus.
„Herr Lehrer, wir müssen unsere Schulaufgaben immer ordentlich machen." — „Wir sollen nicht schmieren." — „Wir müssen in der Schule aufpassen."
So finden die Kinder eine Anzahl Aufgaben aus ihrem Kreis, die alle in Sttchworten an die Wandtafel geschrieben werden. Das machen wir immer so, wenn eine Menge Anregungen aus der Klaffengemeinschaft kommt, die wir nicht alle auf einmal bewältigen können. So wird keine vergessen, und alle Schüler kommen zu ihrem Recht.
„Wir wollen also nur von den Pflichten sprechen, die ihr der Schule gegenüber habt, nicht von den anderen, die chr gegen eure Eltern unb andere Menschen habt. Die wollen wir hier beiseite lassen. Wie steht es nun mit den Schularbeiten?"
„Wir sollen die Schularbeiten machen, die wir täg- I lich aufbekommen." — „Gut, Hans, aber warum denn?" „Damit wir keine Strafarbeiten bekommen". — „Meint ihr bas alle auch." Alle sind der Meinung, daß man seine Schularbeiten machen müsse, um vom Lehrer keine Strafe zu bekommen. Ich habe also nun die Aufgabe, die Kinder dahin zu bringen, daß sie ihre täglichen Arbeiten für die Schule nicht mehr unter dem Druck der in Aussicht stehenden Strafe anfertigen, daß sie sich vielmehr der Verantwortung bewußt werden, die auf ihren kleinen Schultern ruht, wenn sie zu Hause ihren Tornister auspacken und zu Blei oder Feder greifen. Das wird natürlich nicht von heute auf morgen gehen, daß alle Schüler gewillt sind, diese Verantwortung zu tragen, aber bas will ich auch heute noch nicht. In dieser Stunde sollen die Kinder nur ein- fehen, daß sie wirklich verantwortlich sind für Dinge, die sie bisher als nebensächlich unb belanglos ansahen und die sie nur ungern auf sich nahmen.
„So macht ihr also eure Arbeiten nur, um keine Strafarbeiten zu bekommen? Dann sollt ihr von heute ab keine Schulaufgaben mehr zu machen brauchen."
„Herr Lehrer, wir sollen aber doch etwas fernen."
„Richtig, Willi, du machst also deine Schularbeiten doch nicht immer aus Furcht vor der Strafe, sondern um etwas zu fernen, um ein tüchtiger und brauchbarer Mensch zu werden."
„Herr Lehrer, meine Mutter sagt immer, wir fernen nicht für den Lehrer, sondern für uns. Wenn wir in der Schule gut aufpaffen und unsere Arbeiten ordentlich machen, können wir später viel Geld verdienen."
Da meldet« sich also die egoistische Anschauung, die immer nur nach dem persönlichen Nutzen fragt und sich der Verantwortlichkeit gegen den Volksgenossen, gegen die Allgemeinheit nicht bewußt wird.
„Sieber Hubert, du mußt nicht nur an dich selbst denken. Der liebe Gott hat viele Menschen geschaffen, und wir haben doch kürzlich einmal zusammen darüber
Für den Erzieher ist diese Erkenntnis wichtig: Schon das Kind muß deutlich erfahren, baß fein Verhalten bedeutungsvoll für die anderen ist. Wenn man zur Verantwortlichkeit erziehen will, muß man schon dem Schüler Verantwortung auf- erlegen. Dann wird sich allmählich — wenigste.is bei den meisten Kindern — ein Gefühl der Verant. Wörtlichkeit herausbilden, es wird zu einer Gewisfenssache werden. Und das ist unser Ziel. Wir nennen ja auch den verantwortungsbewußten einen gewissenhaften Menschen, den anderen einen Gewissenlosen. Wie sehr uns heute allerorts Menschen mit Verantwortungsgefühl nötig sind, erfahren wir tagtäglich.
Alle Belehrung aber über dieses Gebiet wird fruchtlos bleiben, wenn nicht ein von allen miterlebtes Be- fpiel im Vordergrund steht, das den Zusammenhang hell beleuchtet. Solche Gelegenheit muß man im gegebenen Augenblick beherzt beim Schopf fassen. Es schadet gar nichts, wenn auf dem Stundenplan für diese Stunde eigentlich etwas anderes vorgesehen war. W. Scherz.
i in der Schule.
gesprochen, daß alle für einander arbeiten unb tätig sind. So ist es auch hier. Wenn ihr später einmal tüchtige Menschen geworden seid, bann müßt chr eure Kraft den anderen Menschen zur Verfügung stellen, müßt für sie arbeiten. Damit ihr das aber könnt, müßt ihr in der Schule ordentlich mitarbeiten. Wir wollen also von jetzt ab immer darauf achten, daß unsere Arbeiten sauber und ordentlich sind. Wir wollen daran denken, daß auch wir einen Berus haben, der uns von Gott gegeben ist und der uns Pflichten auferlegt über deren Erfüllung wir Rechenschaft abzulegen haben. Doch nicht nur die Schulaufgaben gehören zu euren Berufspflichten."
„Wir müssen auch aufmerksam sein, damtt wir alles behaüen, was der Herr Lehrer uns sagt." — „Wir müssen in der Klasse Ordnung halten, die Tafel muß immer blank sein, es darf kein Papier auf dem Boden liegen." „Wir sollen den Schwächeren bei der Arbeit helfen." — „Wir müssen für unsere Tiere und Pflanzen sorgen." So finden die Kinder noch eine Menge von Aufgaben aus ihrem Pflichtenkreise.
Die kurze Besprechung konnte nur Ausgangspunkt sein. In der Folgezeit kamen wir immer wieder auf diese Gedanken zurück und dachten an unsere Verantwortung. Die Ordner sahen nun ihr Amt mit ganz anderen Augen an, sie fühlten sich der Gesamtheit (der Klassengemeinschaft) gegenüber verantwortlich. Di« schwachbegabten Schüler, die bisher manchmal das Lachen und Gespött der übrigen erregt hatten, wurden aus dem neu erwachten Gefühl der Verantwortlichkeit heraus nun mit ganz anderen Augen betrachtet. Die einzelnen sind eben nicht nur der Gesamtheit gegenüber verantwortlich, sondern die Gesamtheit auch gegenüber dem einzelnen.
Aber auch der Lehrer, der ja mitten in der Klassengemeinschaft steht, zog Nutzen aus dieser wie zufällig aufgetauchten Betrachtung über den Beruf des Schülers. Er selbst wurde sich mehr als bisher seiner Verantwortung bewußt, sah klarer als bisher, daß gerade der Lehrerberuf ein gerütteltes Maß von Verantwortlichkeit von dem Berufsträger verlangt. Damit ging die Erkenntnis Hand in Hand, daß die beste Erziehung zur Verantwortlichkeit darin besteht, selbst vor Gott und der Volksgemeinschaft verantwortungsbewußt tätig zu fein und alle Arbeit unter diesem Gesichtspunkt anzu- greifen und zu vollenden. H. O. 21 bei.
Heileres aus der Schule.
Im Leseheft kommt das Wort „Sonderling" vor.
„Wer kann das Wort erklären?" —
„So heißt ein Mensch, der es anders macht als andere Leute!" —
„Da hast du Recht. Wir stehen z. B. am Morgen auf und gehen am Abend ins Bett. Wenn nun aber emand den gangen Tag schläft, am Abend aufsteht u. die Nacht hindurch wachbleibt, was für ein Mensch ist das?"
„Ein Nachtwächter!" —
*
Ein Schupo steht auf der Straße. Zwei Keine Mädchen kommen, stellen sich dicht neben ihn hin unb gucken ihn aufmerksam an.
„Was guckt ihr denn so, was wollt ihr denn von mir?" —
„Wir haben Sie morgen in der Schule auf!" —
*
Der Schulrat ist da. Trotzdem er sehr freundlich tut, gibt ihm die sehr schüchterne Elli keine Antwort. Ihre Nachbarin Frieda kann das schließlich nicht mehr mit ansehen, und sie ruft dem Angsthäschen ermunternd zur ,Los! Sags nur, Elli, der Mann beißt dich doch nicht!"
Kinder erzählen.
Als ich noch klein war, ging ich in Klebers. Einmal sagte der Herr Kleber zu mir: „Wir wollen einmal tauschen, ich gebe dir die Pferde und du gibst mir die Geißchen." Das war mir eine Freude, denn die Pferde wollte ich immer schon haben. Schnell lief ich nach Hause, holte die Geißchen aus dem Stall und wollte fort. Mein Vater fragte: „Wo willst du denn mit den Geißen hin?" Ich gab gar keine Antwort. Da kam aber die Mutter, und ich bekam Hiebe und sagte weinend: „Ich will nicht mehr in Klebers gehen!" „So ein Nichtsnutzer!", sagte sie und tat die Ziegen wieder in den Stall.
Als ich drei Jahre alt war, ging ich einmal fort. Meine Mutter suchte mich im ganzen Dorf unb fand mich nicht. Sie fragte alle Leute, ob sie mich nicht gesehen hatten. Aber die sagten: „Nein!" Da ging sie nach Haus« und sagte: „Ich finde das Mensch doch nicht! Wenn sie kommt, kriegt sie ihre Hiebe!" All- michlich wurde es Nacht, unb ich war immer noch nicht da-^-Beim Essen sagte die Mutter: „Ich muß doch mal auf den Bau gehen." Am selben Tage war die Res gestorben. Die Totenlade stand auf dem Bau, unb ich lag auf der Totenlabe unb schlief. Da sagte bie Mutter: „Hat das Kind mir einen Schrecken eingejagt!" Ich habe aber keine Schläge bekommen.
Ich wollte den Hühnern bie Schwänze klopfen, denn dann sollten sie viele Eier legen. Ich holte mir einen
Hammer und fing mir ein Huhn, legte es auf den Hackklotz unb wollte mit bem Hammer den Schwanz klopfen. Da horte ich jemand kommen. Schnell ließ ich das Huhn fallen und lief fort. Als ich wieder guckte, sah ich nichts mehr, nur der Hammer lag noch auf dem Klotz.
Ich sollte bei meiner Schwester bleiben, denn meine Großmutter wollte Feuer anmachen. Weil die Kleine aber meinte, wurde ich zornig und gab ihr zehn Pfennig, damit sie still sein solle. Sie wurde auch gleich brav, ich ging hinaus unb war sehr froh. Als aber meine Großmutter hereinkam, rief sie bie Mutter und sagte: „Warum ist denn bie Kleine so blau?" Da dachte ich an meine zehn Pfennig. Ich lief in die Kammer und versteckte mich hinter den Schrank und blieb dort, bis die zehn Pfennig wieder aus dem Halse meiner kleinen Schwester gefallen waren. Ich sollte Hiebe bekommen, aber meine Großmutter versteckte mich wieder.
Ich war vielleicht zwei Jahr« alt, da hatten wir Bienen für meinen Großvater. Es waren aber zu viele, deshalb wollte ich ein paar fangen. Aber ich durfte nicht in den Garten, damit mich die Bienen nicht stechen sollen. Da sagte ich: „Ich will kleine Vögelchen fangen." Sie ließen mich los, denn sie meinten, ich roolle richtige Vögel fangen, und die hätte ich ja doch nid)t bekommen. Ich aber freute mich, und sie hatten sich schwer geirrt, denn ich meinte die Bienen. Als '.ch nun bei den Bienen war und eine fangen wollte da verflachen sie mich, daß ich aus Leibeskräften schrie. iDcetne Schwester kam und wollte mich holen, aber die
Bienen verstachen sie auch noch: seit dieser Zeit mochte ich nichts mehr von den Vögelchen wissen.
Mein« Eltern waren aufs Feld gefahren. Mein Bruder und ich waren allein zu Hause, und wir wußten nicht, was wir treiben sollten. Endlich tarn mir ein Gedanke, es war bas Hühnerfangen. Ich sagte zu meinem Bruber, daß wir Hühner fangen wollten. Er sagte gleich: „Das wird gemacht." Wir trieben eine Anzahl ins Hühnerhaus. Dor das Loch hielt ich einen durchlöcherten Korb, und vor den Korb einen Eimer. Dann mußten sie durch bas Loch im Korb in den Eimer laufen. Mein Bruder ging in den Hühnerstall und trieb. Als ein Huhn im Eimer war, faßte ich es beim Schwanz und führte es im Hof umher. Gerade sprach ich zu meinem Bruder: „Wir wollen das Huhn ein wenig ruhen lassen" da kam meine Mutter vom Felde. Sie horte zu, wie ich das sagte. Vor Schrecken warf ich das Huhn in den Keller, denn ich war gerade beim Kellerloch. Die Mutter sagte: „Wenn der Vater kommt soll er euch mal verhauen." Ich hatte den ganzen Mittag Angst vor den Schlägen.
Heimlich schlich ich mich in die Scheune unb suchte Hühnernester. Alle Eier trug ich zusammen, es war ein richtiger Haufen. Dann holte ich mir eine Gabel machte kleine Locher in die Eier und trank sie alle aus. Die leeren Schalen legte ich wieder in die Nester und macht« mich aus bem Staube. Ich war so satt, daß ich bald nicht laufen konnte.
Ms mein Bruder am Abeich die Nester aushob, fand et die leeren Schalen, Er ging in die Küche unb sagte
es meiner Mutter. „Das hat sicher der Karl getan", sagte bie, unb ich bekam Schläge. Willst du bas noch einmal tun?", fragte die Mutter. „Nein", sagte ich, und seit der Zeit kann ich keine Eier mehr austrinken.
Meine Großmutter und ich waren einmal allein daheim. Die Mutter hatte zu mir gesagt: „Gretel, paß ja auf die Klückchen auf!" Die liefen im Hof umher. Ich tat sie alle ins Hühnerhaus, daß ihnen nichts passieren sollte. Nach einer Weile sah ich, daß sie wieder im Hof herum liefen. Nun warf ich ihnen den Besen nach, und bann lief ich ihnen selbst nach. Ein Klückchen hatte ich gleich, denn das hatte ich schon halbtot geschmissen. Zehn Stück bekam ich unb bie schlug ich alle tot. Elf waren es im Ganzen Ms nun meme Mutter heimkam, fragte sie gleich: Was für ein Ha- lunk mar, benn bas? Ganz sicher bie Gretel." Mit etwas Schokolabe lockte sie mich hervor. Da bekam ich so viel Schläge, als ich Klückchen tot gemacht hatte.
Einmal wollte mein Bruber Stroh runter werfen. Er ging auf das Gerüst. Ich schlich ihm nach. Als er mich sah, sagte er: „Willst du jetzt macken, daß du runter kommst!" Ich machte ihm eine lange Nase. Dann sagte er: „Soll ich einmal runter hopsen?" „Ja". Er nahm einen Anlauf und hopste. Auf einmal tat es einen Krach, die ganzen Balken fielen herunter und auf ihn. Langsam krabbelte er hervor. Ich lachte ihn aus und sagte: „Siehst du, was du angestellt hast!" Ich lachte immer mehr, und er ärgerte sich bald grün und sagte zornig: „Soll ich dir ein paar um bie Backen schlagen!" „Ja, probiere nur einmal!" -w.