Fuldaer Land und ^lachvargeviet
— Dietershausen (Sr. Fulda). Sonntag abend fand hjer jm vollbesetzten Saale der GastwirtschaftM ü l ler cine Bolksvereins-Bersammlung statt. Pfar- rer Günther legte in einer kurzen Begrüßungsansprache die Ziele des Volksvereins dar. Mit Hilfe des Volksoereins müsse der deutsche Katholizismus wieder die Geschlossenheit finden, die er im öffentlichen Leben braucht, um die vom Heil. Vater gewünschte „Katho- mche Aktion" durchzuführen. Nach gemeinsamen Liedern, die von jung und alt mit großer Begeisterung gesungen wurden, sprach ein Redner aus Fulda über das Thema „Volk in Not" Er streifte die wirtschaftliche und politische Krise in Deutschland und betonte, daß das deutsche Volk alle äußeren Schwierigkeiten überwinden werde, wenn es innerlich gesund bleibe und den Glauben an die deutsche Zukunft nicht verliere. Er wies in diesem Zusammenhang auf die besondere Bedeutung eines geistig erwachten und selbstbewußten Bauerntums hin und forderte zum einmütigen Zusammenstehen gegen die Elemente auf, die auf Umsturz und Unruhe sinnen, um den Ausbau eines freien deutschen Volksstaates zu verhindern. Anschließend spielten die Mitglieder des Iungmädchen-Dereins noch drei lustige Stücke, die dankbaren Beifall fanden. Besonders gut und natürlich war die Ausführung einer kleinen Szene von Pfarrer Ludwig Nüdling „Am Dorfbrunnen", wobei die Darstellerinnen bewiesen, daß es in der Rhön doch noch Mädchen gibt, die das Zeug zu einer echten Bäuerin haben. Während des Abends wurde eine Sammlung
für die Missionen vorgenommen, die 25 Mk. ergab. Mit einem gemeinsamen Lied fand der gut gelungne Volksvereinsabend seinen Abschluß.
Die Drainage- und hulbereinigungsarbeiten in der hohen Rhön.
— Ein wildkahen-paar im Zoo. Bei Gelegenheit der deutschen E d e l k a tz e n-A u s st e l l u n g in Frankfurt a. M sei darauf hingewiesen, daß der hiesige Zoo außer einer schönen Sammlung von Großkatzen und kleineren ausländischen Katzenarten neuerdings ein prächtiges Paar echter europäischer Wildkatzen beherbergt, das aus Siebenbürgen stammt und einen geräumigen Freilustkäfig nahe bei den Wölfen bewohnt. Wildkatzen kommen heutzutage in Deutschland nur noch vereinzelt, hauptsächlich in Gebirgswaldungen, vor; sie gehören zu denjenigen Tierarten, die in unserem Vaterland der Ausrottung entgegengehen. Die Hauskatze stammt übrigens nicht von der europäischen Wildkatze ab; als ihre Stammform ist vielmehr eine verwandte afrikanische Art anzusehen, die nubische Falbkatze, die von den alten Aegyptern gezähmt und heilig gehalten wurde.
= Auf dem Sportplatz vom Tode ereilt. Der Leiter der Platzordnungskommission des Fußballsportvereins, Wilhelm Feick, erlitt am Sonntag auf dem Svortplatz an der Seckbacher Landstraße während des Ordnungsdienstes vor Beginn eines Wettspiels einen Schlaganfall und war sofort tot.
gekommen, verschwanden die Gauner auch wieder im Dunkel der Nacht. Die Schlüssel allerdings brachten sie dem Bankvorsteher nicht wieder ins Schlafzimmer. Schon nach zwei Stunden entdeckte man den Diebstahl und alarmierte das Ueberfallkommando und später die Kriminalpolizei von Frankfurt. Doch konnte ein mitgenommener Polizeihund keinerlei Spuren mehr sichern, weil sich inzwischen wohl zwanzig Personen den Tatort angesehen und alles Nachforschen durch die Polizei und den Hund zur Unmöglichkeit gemacht hasten.
Aufklärung des Mädchenmordes bei Ortenberg.
— Gießen. Der 21 Jahre alte Landwirt Wichelm Lehr aus Altenstadt, der unter dem Verdacht des Mordes an der 19 Jahre alten Martha Peppet aus Oberseemen festgenommen und im Amtsgerichtsgefängnis zu Ortenbetg in Haft war, hat die Mordtat in vollem Umfange eingestanden. Er hat das Mädchen am Sonntag, 4. Januar, abends, zwischen Ortenberg und Selters in die mit Hochwasser gehende Nidder geworfen, wo das Mädchen ertrank. Er kam zu dieser Tat aus dem Gedanken heraus, sich auf diese Weise des durch ihn schwangeren Mädchens zu entledigen, um keine Vaterschaftspflichten übernehmen zu müssen. Nach der Tat fuhr er mit einem Fahrrad nach Altenstadt zurück, während er die Fahrt nach Ortenberg mit dem Zuge zurückgelegt und dabei das Fahrrad aufgegeben hatte. Der Mörder wird nun nach Giejen in das Landgerichtsgefängnis überführt werden.
Tödliche Messerstiche im Allersheim.
— Bingen. Vor einigen Tagen wurde in der Hei- desheimer Landes-Heil- und Pflegeanstalt (Siechenhaus) der dort untergebrachte Pflegling Georg Kellermann aus Bingen von dem 82 Jahre alten Martin Eberhardt aus Groß-Winterheim mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Kellermann kam in das Binger Hospital, wo er nun feinen Verletzungen erlag.
Bäder und Kurorte.
— Wiesbadens Kurfrequen;. Die Wiesbadener Frem- denziffer für 1930 ist um 590 Besucher gestiegen und zwar von 151841 im Vorjahre auf 152 431. Dieses Plus ergibt sich trotz der schlechten Wirtschaftslage in Deutschland bar»
— Hilders. Die umfangreichen Drainage- und Hut- bereinigungsarbeiten in der Thüringischen Rhön und im Ulst er grün de, die dem Landwirt ein gutes Stück Geld gekostet haben, sollen auch in den kommenden Jahren fortgesetzt werden, da von ihrer erfolgreichen Durchführung die Rentabilität der Land- und Viehwirtschaft in der Rhön abhängig ist. An Stelle vieler Oedländer, großer Steinwüsten und ausgedehnter Sumpfstrecken sind fruchtbare Wiesen und Ackerländer getreten, die einen bedeutend höheren Ernteertrag gewährleisten. Das ist nicht nur durch die produktive Crwerbslosenfürsorge, sondern auch durch den Fleiß und die Opferfreudigkeit vieler Rhönbauern erreicht worden. Große Strecken warten noch der Bereinigung und der Trockenlegung, besonders auf der Hohen Rhön. Mit der dem Rhöner innewohnenden Zähigkeit dürfte es aber mit der Zeit gelingen, daß auch die letzten unfruchtbaren Stellen der Landwirtschaft zugeführt werden.
Zwangsweise Einführung ber Gekränkesteuer in Hanau
— Hanau. Der Bezirksausschuß in Kastel hat dte zwangsweise Einführung der Gemeindegetränkesteuer in Hanau beschlossen, und zwar ab 1. Februar b. I.
— Kassel. Regierungsrat Dr. Ohle ist auftragsweise vom preußischen Minister des Innern mit Ermächtigung des preußischen Staatsministeriums die Verwaltung des Landratsamtes des Landkreises Kassel übertragen worden. Dr. Ohle hat die Amtsgeschäfte des Landrats bereits übernommen.
Neues aus Frankfurt.
Wieder ein verwegener Bankraub.
2365 RM. geraubt. — Dem Vorsteher die Schlüssel vom Belt gestohlen.
Ein Bankeinbruch, der an Verwegenheit und einem gewissen Humor nichts zu wünschen übrig läßt, wurde nachts in der Sossenheim er Volksbank des Stadteils Sossenheim verübt. Die Diebe drangen mit einem Nachschlüssel in das etwas freistehende Haus, durch- ichnitten die Klingelleitungen und schraubten die Sicherungen der Lichtleitungen ab. Dann schlichen sie sich in das Schlafzimmer des Bankvorstehers und holten hier aus den Beinkleidern des fest schlafenden Herrn das Schlüsselbund heraus. Nun hatten die Kerle gewonnenes Spiel. Sie öffneten die Geschäftsräume und tier den großen Kassenschrank und die einzelnen Fächer. Aus diesen stahlen sie insgesamt 3865 RM. in Kassenscheinen, einigen Dollarnoten und zahlreichen Rollen Hartgeld. Leise wie sie
3n den Netzen von Darlehensbetrügern.
Sensationelle Verhaftung im Frankfurter Gerichtssaal.
Ein kleines Schöffengericht verurteilte den Kaufmann Felix Köster, der in der Schillerstraße in Frankfurt ein Büro für Darlehensvermittelung unterhalten hatte, wegen fortgesetzten Betrugs zu acht Monaten Gefängnis. In der Urteilsbegründung wurde der Angeklagte als „V l u t f a u g e r" bezeichnet, der feine Opfer in die Netze betrügerischer Makler trieb. Der Angeklagte wurde sofort verhaftet.
Köster ist ein foigniert aussehender Mann wechselvoller kaufmännischer Vergangenheit im Buchhandel, der Textilund Süßwarenbranche; vor einigen Jahren hat er den Offenbarungseid geleistet. In der Schillerstraße betrieb er eine Agentur des in Berlin erscheinenden „G e l d- markte s", eines sogenannten Kapitalfachblattes, das sich angeblich mit der Vermittelung von Darlehen beschäftigt. Der Verleger, ein gewisser Pasch, ist vor kurzem wegen Betrugs zu anderthalb Jahren Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust verurteilt worden. Die Verhaftung des Köster dürfte dazu beitragen, in das dunkle Gewerbe eines weitverzweigten Kreises von Personen hineinzuleuchten, die sich angeblich mit Darlehensgeschäften befassen, in Wirklichkeit aber ihre Opfer gegen Provision Schwindlern in die Arme treiben. Die Sache geht so vor sich, daß hauptsächlich in der Provinzpresse mit einem ländlichen Leserkreis, in Sonntagsblättern und Rundfunkzeitungen, Geldsuchend en in einem Inserat Darlehen zu besonders günstig en Bedingungen angeboten werden. Erscheint der Interessent auf dem Büro, so wird ihm zwar kein Geld, dafür aber ein Inserat in einem „Kapitalfachblatt" auf- genötigt. Da das Inserieren „völlig kostenlos" ist, gibt der enttäuschte Besucher schließlich sein Einverständnis. Erst für den „Erfolg", die alsbald einlaufenden „Offerten", ist eine Gebühr zu zahlen, die der Verleger per Nachnahme erhebt. Was dann geschieht, zeigen die in der Verhandlung gegen Köster zur Sprache gekommen Fälle.
Als Geldsucher erschien ein Schulhausverwalter, der durch die Krankheit seiner Frau in Schwierigkeiten geriet und 500 Mk. brauchte. Köster erklärte ihm die Bedeutung eines Inserats im „Geldmarkt", der in tausenden von Exemplaren erstklassigen Geldgebern, Großbanken und dem Auslandskapital zugeleitet werde. Wirklich erhielt der Mann auch nach einiger Zeit ein Bündel Offer
ten, für das er 40 Mk. Nachnahme zu zahlen hatte. Er wandte sich an zwei der Geldgeber, deren Angebote besonders verlockend waren und erfuhr, daß er gegen eine weitere Gebühr, die im einen Fall sechs, im anderen acht Mark betragen sollte, das Geld haben könne. Da dem Zeugen dünkte, er habe nun genug Gebühren bezahlt, beantwortete er eine Zuschrift, in der er nur zur Einsendung seiner Papiere aufgefordert wurde. Nachdem er geraume Zeit nichts mehr gehört hatte, bekam er auf wiederholte Reklamationen den tröstlichen Bescheid, daß er gegen Einsendung von drei Mark seine Papiere wiederhaben könnte.
In einem anderen Falle handelte es sich um die Witwe eines Landwirts aus dem Dillkreis, die auf ihrem Gütchen von drei Morgen bauen mußte. Auf ein Inserat im „Sonntagsgruß"' erschien sie in dem Frankfurter Büro des Angeklagten. Sie gibt ein Inserat über eine Hypothek von 3500 Mark auf. Für die eingehenden Offerten sind 90 Mk. zu entrichten. Unter Mitwirkung des Angeklagten entscheidet sie sich für ein Angebot Schneeweiß (Berlin), das 6 Proz. Zinsen in Vorschlag bringt und in dem auf jegliche Provision verzichtet war. Der Geldgeber erklärte sich sogar zur Uebernahme eines Teils der Notariatsgebühren bereit, die er mit 50 Mk. berechnete. Nachdem die 50 Mk. nach Berlin überwiesen waren, hüllte sich Schneeweiß in Schweigen. Die Frau wartet heute noch auf ihr Geld.
Lediglich die Papiere wurden ihr — aus Gründen der Diskretion, wie es in dem Begleitschreiben hieß — prompt zurückgesandt. ! '’te der Vorsitzende vermute!, um keine Unterlagen für Haussuchungen der Kriminalpolizei zu schaffen.
Als Dritte der Geschädigten erschien ein Zeuge, der dem Angeklagten Koster feine „Goldgrube" für 2000 Mk. ab getauft hatte. Damit sollte er die Generalvertretung für den „Geldmarkt" am Frankfurter Platz erworben haben. Der Angeklagte Köster führte ihn zwei Tage lang auf dem Büro in der Schillerstraße ein, dann verschwand er plötzlich und statt seiner tauchten randalierende Kunden auf, die unter heftigen Beschimpfungen ihr Geld zu- rütfoerlangten. Köster gab an, er habe eine Vertretung in der Schweiz übernehmen wollen, die fein Vater bis dahin inne gehabt hätte. Das Gericht nimmt an, daß die Zahl der Geschädigten bedeutend größer ist, als es den Behörden bekannt wurde.
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habens als Karstadt dank der Propaganda des Verkehrsamts wieder mehr hervortritt und die Zahl der ausländischer Besucher um 8067 auf 50106 gestiegen ist. Leider zeigt sich auch beim Besuch der Ausländer die Erscheinung des Rückganges der Uebernachtungszifser. Sie ist trotz der Zunahme des Besuches von 328 847 auf 267 963 gesunken. Die Fremdenziffer für 1930 mit 152 431 teilt sich in 111347 Passanten und 41 084 Kurgäste.
Theater und Musik.
— Der Altmeister des deulschen Geigenbaues 75 Jahre alt. Am 10. Januar feiert der Altmeister des deutschen Geigenbaues, W. Albin K e ßl e r in Frankfurt a. M., feinen 75. Geburtstag. Altmeister Keßler ist nicht allein noch von bewundernswerter körperlicher und geistiger Rüstigkeit, sondern hantiert auch heute noch in alter Meisterschaft mit Schnitzer und Hobel. Der Name Keßler als „Meister der Reparateure" hat bei den Besitzern kostbarer Instrumente in aller Well einen guten Slang und auch die etwa 150 Geigen, die er nach Stradivari selbst gebaut hat, sind Zeugen dafür, daß die Geige nicht durch bas Alter, sondern durch die Künstlerschaft ihres Erbauers ein Meisterwerk wird. Die Geigen Keßlers, des „jüngsten" Gliedes einer bis etwa 1700 registrierten Geigenbauerfamilie aus Markneukirchen i. S., zeichnen sich durch vollkommen durchsichtigen Oellack, durch die Wahl des Holzes und mustergültige Arbeit aus.
* Vom Klavier zum Backtrog. Eine K l a v i e r l e h re- rin in Köln, die sich trotz ihres Staatsexamens in ihrem eigentlichen Beruf nicht durchbringen konnte, sattelte kurz entschlossen vom künstlerischen zu einem in des Wortes eigenster Bedeutung nahrhafteren Erwerb um: sie ging zum Bäckergewerbe über. Dieser Tage hat sie bas Meisterexamenais Bäcker mit ebenso großer Auszeichnung bestanden wie seinerzeit bas Examen als Klavierlehreri»
* Ein geheimnisvoller Mädchenmord in Washington. Große Erregung hat in Washington infolge der ungewöhnlich geheimnisvollen Umstände die Ermordung eines 19jährigen Mädchens heroorgerufen. Man hatte zunächst geglaubt, bas Mädchen sei eines natürlichen Todes gestorben, aber der Vertreter des Beerdigungsinstitutes entdeckte an ihrem Schädel eine Schußwunde, die durch die sorgsam darüber gekämmten Haare verborgen war. Als die Polizei auf seine Anzeige hin an Ort und Stelle erschien, war die Leiche spurlos verschwunden. Die Untersuchung hat jetzt zur Verhaftung eines Polizisten geführt, der regelmäßig Patrouillendiertst in der Nähe des Wohnhauses des Mädchens gemacht hat. Es wurde festgestellt, daß er ein teures Haus gemietet hatte, in dem außer einer voll ausgestatteten Brennerei ein großes Arsenal von Gewehren und Revolvern gefunden wurde. Es verlautet, daß Präsident Hoover selb st ein gegriffen und den Washingtoner Polizeidirektor streng angewiesen habe, der Sache völlig aus den Grund zu gehen.
Eine verhängnisvolle Verwechselung, j Wie ein britisches „O"-Daot ein britisches U-Boot 3 ' versenkte.
In einem am Freitag in ß o n b o n erschienenen Buch „Auf gut Glück unb in Gottes Namen" („Gueß anb by God"), dessen Verfasser der ehemalige Navigationsoffizier der britischen Kriegsflotte William (Karr ist, wird Älät- termelbungen zufolge geschildert, wie er während des Weltkrieges „irrtümlich" ein b r i t i s ch es U-B o o t versenkte. Die Q-Boote waren U-Bootsfallen; sie waren als harmlose Fischdampfer aufgemacht, führten aber mehrere maskierte Geschütze. Die Besatzung des fraglichen Q-Bootes gtaubte bei einer Gelegenheit das deutsche Boot „U 6" vor sich zu haben und brachte den vermeintlichen Gegner durch mehrere Schüsse zum Sinken. Erst als das Boot unterging, bemerkte das Q-Boot, daß es das britische U-Boot „I 6" beschossen hatte. Mit diesem Boot, bas 34 Mann Besatzung hatte, gingen damals 19 b ritisehe Seeleute in die Tiefe; nur 15 Mann konnten gerettet werden.
In der amtlichen Untersuchung wurde erklärt, daß der Besatzung des Q-Bootes keine Schuld beizumessen sei. Sie erhielt wegen ihrer Treffsicherheit [ogar eine Belobigung (!).
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Der Teufet im Bombardon.
Von Franz Joh. B i e r f a ck.
Der Balthasar Rührmian hatte ein Häusel, ein Bom- rbon und eine Frau seine Alte. Das Häusel, mit den ichen Tagewerk Grund dabei, mit den Seifen und jünfen, hätte er längst in den tiefen Maßkrug gesteckt wäre nicht seine getreue Alte gewesen; am Bombardon aber hing er mit Leib und Seele; denn der Balthasar war eben ein richtiggehendes „Mndada-Herz" und seine Tage hüpften hinum und herum „mndada", überhaupt fein ganzes Leben, süß und sauer, war ein walzerfideles „Mndadad".
Aber, wie gesagt, er hatte auch eine Hauserin nämlich eine Kreszenzia, und die war dürr wie ein Nudel- brett und hatte auch kein ..Mndadad-Herz" in der Brust, so gab sie nicht nur allzeit und überall den Ton an sondern pfiff auch noch die traurigste Melodie zu dem fidelen Baß des beherzten Mannes, und so geschah es daß es manchmal ein arg zänkisches Lied war, das da aus dem Kamine des Rührmianhäusels qualmte
Die Kreszenzia rackerte, werkte und schimpfte schwitzend im Häufel herum — dieweil der Balthasar auf irgendeiner Kirchwech- oder Tanzmusik fröhlich fein „Mndada" blies — und die Hauserin hielt wohl so das Häusel in festen Händen, aber Balthasar den Krug in fester Hand, denn wiewohl er auch manchen schweren Batzen erblies — mndada — brachte er ihn auch spielend wieder los.
Es ist nun wiederum klar, so gewiß die Kreszentia ihrem Balthasar das „Mndada-Herz" nicht aus der Brust reißen konnte, so unmöglich war es dem Balthasar, das öde Werkherzerl seiner Alten zu oergemüHichen; darin lag die Tragik des Windes, der um das Häufel fauchte. Die Kreszenzia ichimpfte, war unglücklich — und der Balthasar schimpfte auch, aber unglücklich war er nie!
Wie es aber in dunkler Nacht einmal so weit tarn daß die touragierte Häuslerin vor ihrem Ehegesponst die Flinte ins Korn warf, das muß ich hier erzählen.
Balthasar spielte auf der Kirchweih zu Hinterberg- hofen, von der man fidi erzählte, daß man dort essen müsse, bis einem die Knöpfe vom Wamie sprängen: er war guten Mutes und trank immer noch eins. Die Knöpfe sprangen ihm zwar nicht vom Leibe aber desto mehr hüpften ihm die Sterne des nächtlichen Himmels im Kopfe herum, als er so durch die Nacht seiner Behausung zuschritt, das geliebte, blinkende, blecherne Blasmöbel unter dem Arm.
Aber er dachte, ja dachte noch, hinum — herum! Und woran er wohl jo dachte? An wen sonst als an seine Kreszenzia!
„Himmelhosenzwickel," brummte er, „wart' nur alte Greinerin, ich werd' dir schon schimpfen heut!" Und er lachte, daß die Sterne wackelten; dabei sagte er weiter zu sich selber: „Also Bartherl. du ziehst einfach deine Stiefel auf der Gerd heraußen aus . . . nachher kannst schimpfen. Alte aber schlafen mußt dabei und das Ker- zenstümperl räum' ich dir jchon weg, sehen brauchst schon einmal garnit zum Greinen . . ."
Der walzerfidele Balthasar zog herauhen seine Schuhwerk aus, hinum — herum, warf es in irgend einen Winkel, mndada, und stieg leise die Stieg hinauf, und es darf auch nicht verschwiegen werden, sein Bom- dardonherzel verlor dabei einen Teil seiner Rhythmik, mndada, mndada ging es zur Tür hinein.
Er stellte sodann sein Blasblech an den gewohnten Platz hinter dem Kasten, es ist klar, ganz pianissimo. ohne aber zu merken, daß da irgendein Lebendiges Schlummerndes unter die Schallöffnung geriet; aber es muß auch gejagt werden, er, der Balthasar Rührmian. beschwor dadurch den größten Heroismus herauf, der je sein Leben bekränzen durfte.
Unterdessen lag die Kreszenzia totenruhig unter ihrer geblümten Decke kaum daß sie atmete, und so verstecki daß man von ihrer spärlichen Jrdenheit nur jenen edlen Teil erkennen konnte, den Balthasar Rührmian bei feinem Ehegespons nur als „Amsel" (Nase) benamste und der eben jetzt so schwertscharf aus dem faltigen Gesicht heroorsprang und so geisterhaft vom Mondstcht bevorzugt wurde, daß es dem kuraschierten Kirchweih- spieler eiskalt über den Rücken lief, indem er nichts Gutes ahnte.
Wer aber denkt, daß die Kreszenzia schlief, bei dem macht sich das alte Sprichwort, daß irren menschlich sei aufs trefflichste zur Wahrheit, denn sie schlief eben nicht sondern gab auf jeden Schritt und jede Bewegung gewissenhaft acht, die ihr Ehegespons, mndada, zur Ausführung brachte, um sodann aus ihrem unerschöpflichen Wortschatz bei der Begrüßung die dem Tatbestand so recht angepaßte Auswahl treffen zu können.
„Gott sei Dank, daß sie schläft!" dachte sich Balthasar und wollte sich, ganz andantino dolce, auf seine Liegstast heben; aber der Strohsack ftreibelte und muschelte und kuschelte unheimlich stark und der Bettladen tat einen Knarzer daß es nimmer schön war.
Und da hast du es schon auch: „Was meinst, du Bär du ftinterter, schlafen tu ich, meinst?" tarn es aus der zweiten Bettlade heraus
Warum er denn nicht auf dem Misthaufen draußen übernachtete, er, der Ochs, der süffige, der Esel, der blitzdumme, der Lodrian, der Tänzelxfeifer , -, -
Balthasars Herz schwieg, er hatte ein Walzerherz, das pochte nicht leicht fforzato; es war bunt wie das Mieder eines tanzenden Bauernmädels, es war die Achtelnote einer himmelblauen Kantilene — darum schwieg es, und schlief bald; und träumte von Notenlinien aus Cngelhaar und wiegte sich dort hoch und tief, cantabile, und wollte selber ein Lidei fein, und konnte es nicht, con dolore, und fang und spielte über blühende Rosen und Nelken hin . . .
Auch Kreszenzia wollte schlafen, aber es gelang ihr nicht; Gedanken schlimmster. Art um Haus und Feld nagten an ihr; wohin das noch führe mit dem liederlichen Balthasar, fein kindhaft leichter Sinn! Seine Faulenzerei, feine Spielerei immer für andere. . . .
Indes geschah es!
Vom Winkel Hinterm Kasten, wo Balthasar für gewöhnlich fein Bombardon hinstellte, her kam es, schrecklich, greulich, abscheulich ....
„Pffffff---uuuuuuuu!" säuselte es.
Was war das? Ja, aus dem verdammten Blasmöbel. von dem alles Unglück hervorsprudelte, da kam es heraus. schrecklich, greulich, abscheulich.
„Pffffff---iiiiiii--uuuuuuuu!"
Gar unheimlich tat es; immer wieder! Ist leicht gar der Blasteufel drinnen, o jögerl, bann ist es aus, ganz aus! Oder leicht gar der Saufteufel, ach. Kreszenzia zitterte, aber Bathasar schlief, gemächlich, ruhig, mnda, mnda, perdendosi.
„Pffffff---iiiiiii--uuuuuuuu!"
Und kein Kerzenstümperl da und der Loder von einem Mannsbild kann schlafen und schnarchen; mnda mnda!
„Pffffff---iiiiiii--uuuuuuuu!"
„Bartl! — Bartl!"
„Bartl!"
Wie der Name in seinen Traum fiel, wie aus einer längst vergangenen, holderduftigen Ewigkeit.
„Bartl, hilf!"
„Was gibts denn nachher?"
„Psffffs---iiiiiii--uuuuuuuu!"
„Barterl, liebs Barteris, der Teufi ist in der Kammer!"
„Zu mir kimmi kein Teuft nit, müßt nit, warum, der will mir nix, laß mi schlafen!"
„Bartl, hör, hör!"
„Pffffff---iiiiiii--uuuuuuuu!"
Es tat schrecklich, greulich, abscheulich!
„Geh, Bartl, hilf, ich bitt di, geh, Bartl, mach Bartl!"
Sie lispelte es leise, ganz leise.
„Das ist die gerechte Strafe!" sagte der Bartl.
Krezenzia wollte auffahren, aber sie fuhr nicht auf: Kreszenzia wollte schimpfen, aber sie schimpfte nicht; denn womöglich, war Der Teufel in der Kammer!
„Bartl, i schimpf di nimmer, geh, Berti, mach, Bartl, lieber ..." .
„Versprichst du das ganz gewiß?"
„Pffffff---iiiiiii--uuuuuuuu!"
„Bis an dein seliges End?"
„Ja, Bartl, i versprichs!"
„Gut!"
Balthasar Rührmian sprang aus dem Bett, presto, und schlich sich leise und vorsichtig hin zu dem verhexten Winkel. ,
„Kriminal, no amol", seufzte er, „da is wirklich der Teufi drin!"
„Gib Obacht, Bartl, gib Obacht, daß er dir nix tut!"
Der Kreszenzia schlug das Herz vor schrecklicher Furcht; man hörte nun auch das Surren und Herumwerken des Leibhaftigen; da geschah es, daß der Bastha- sar das Instrument aufhob — und der Gefürchtete flugs in die Kammer hinirrte und herschwirrte.
„Sieh, die Augen, hu, wie daß die leuchten!"
Im Gehirn Balthasars aber dämmerte es; war ihm anfänglith nicht auch schauerlich zumute? Aber jetzt, rote gesagt, dämmerte es ihm, und er fing den Teufel mit großer List und Umsicht ein.
„Daß du mir kein Sicht nit anzündest, ich fags dir, sonst geschieht das größte Unglück!" _
„Na Bartl, tausendmal na — und hast ihn schon?
*
Balthasar Rührmian nahm alsdann die Mautz, d'.r Katze der Rührmiannehausung, u. trug sie unter tausend Liebkosungen aus der Kammer. „I dank dir halt recht schön, mein Mautzerl, daß du mir so viel geholfen hast, bist ein braus Mautzerl, ein gescheits Mautzerl . ."
Er hatte nämlich bet seiner Ankunft tn der Dunkelheit das Blechinstrument über die schlafende Katze gestellt vor lauter Kirchweih; mndada!
Von dieser Nacht an aber roar mehr Friede im Rührmianhäuserl Die Kreszenzia mußte noch in ihren alten Tagen die Erfahrung machen, daß bei den Mannsleuten mit Güte mehr ausgerichtet ist als mit Schimpf; hin und wieder wehte zwar noch ein kleiner Wind um den Kamin, wenn es der Bartl gar zu arg trieb mndada, aber der Bart! brauchte bann nur zu sagen: „Zenzi. tu dran denken!" und die Kreszenzia dachte bann jedesmal daran, daß jeder Kläger einen Richter finde und jeder Tag eine Nacht habe, in der einem ein schiecher, greulicher und abscheulicher Teufel anspringen könne.
Die Geschichte ist wahr; irgend wo in der Oberpfalz hat sie mir ein Anverwandter der Rührmianfeut erzählt Der Bartl aber ist längst tot; er hatte ein Häusel, ein Bombardon und eine Alte Das Häusel steht heute noch irgendwo am grünen Naabufer . das Bombardon wohl droben im Speicher' verstaubt unb verlassen im oben Winkel — unb die Kreszenzia Rührmian schläft neben ihrem Bartel unter der Erde, friedlich und stlll.
(Aus „Die Hochzeiterin im Himmel", Verlagsanstalt, vorm. G. I. Manz, Regensburg.) . ___