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Anzeiger für die Stadt Julda und denLandkreis Jutda. Amtliches Kreisblatt.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Dienstag, 13. Ianuar 1931.

Monatlich 1.80 einschließl. Postgebühr <48 Psg.j obne Zustellg Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Gol.) lokal 0.15 RM.. auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswärts 0.80 RM. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckk Frankl a. M 4051

58. Zahrg.

Die 3tof diktiert.

Zu dem Essener Lohn-Schiedsspruch.

Es ist jetzt schon ungefähr d r e i v i e r t e l Jahre her, daß die wichtigsten, unmittelbar in den Staatsbetrieb eingreifenden Gesetze auf Grund des Artikels 48 der Reichsversasfung in Kraft gesetzt werden. Das ist wahrhaftig kein idealer Zustand, denn mit der Demokratie ist er nur noch mittelbar in Einklang zu bringen. Die Verfassung hat ihn aber weise vorausgeahnt und für Zeiten der Not dem Reichspräsidenten die Vollmachten verliehen, die ihm über den Kopf des Parlaments hinweg die Möglichkeit geben, zu tun und durchzusetzen, was die Not und was das Wohl­des Landes verlangen. Not kennt kein Gebot, Not diktiert, und sie ist die einzige Diktatur, der sich auch der Demokrat zu beugen hat.

Als im Frühsommer des vorigen Jahres die neue Regierung durchblicken ließ, daß sie sich ent­schließen könnte, über den Reichstag hinweg, nur mit der Vollmacht des Artikels 48, die Gesetze zu machen, die ihr unerläßlich schienen, hat es zunächst lange Erörterungen in der Presse und in den Versammlungen gegeben. Man sprach von der Vergewaltigung des Volkswillens und sah bereits den Fascismus sich der Ministersessel bemächtigen. Seitdem hat sich vieles geändert, freilich nicht ohne daß darüber der Reichstag aufgelöst werden mußte. Der Wahltag brachte dann der Geltung der De­mokratie die schwerste Schlappe, die sich heute noch täglich in den renommistischen Artikeln der natio­nalsozialistischen Presse auswirkt und die, ym mit Professor Dr. Kaas zu reden, den Reichstag fast in eine Kaschemme verwandelt hat. Diese Wand­lung hat namentlich der Sozialdemokratie die Augen geöffnet. Auch sie hatte bis zum 18. Juli, an dem der Reichstag entlassen wurde, geglaubt, das Parlament könne seine ewigen Streitereien immer noch fortspinnen. Der 14. September wurde auch für sie zum Damaskus.

Auch heute wieder muß die Notverordnung herhalten, weil Parteien, in diesem Falle Klassen, sich nicht verständigen können. Es stände uns, wenn es nicht zu einer Einigung käme, ein Arbeits­konflikt im Ruhrbezirk bevor, den die deutsche Wirtschaft und den vor allem die Arbeiterschaft -m Industriegebiet nicht ertragen könnte. Es wäre wahrhastig keine Kleinigkeit, wenn rund 300 000 Arbeiter streikend oder ausgesperrt feiern müßten. Deshalb hat die Regierung sich alsbald bemüht, zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern zu vermitteln, damit der Schlichter demnächst seinen Spruch in einem Sinne fällen könnte, der von beiden Parteien angenommen würde. Reichs­arbeitsminister Stegerwald hat tagelang im Ruhr­gebiet verhandelt, aber es ist ihm nicht gelungen, eine Einigungsbereitschaft zu erzielen. Dazu kam eine an sich nur theoretische, in ihrer praktischen Auswirkung aber verhängnisvolle Schwierigkeit, die darin besteht, daß nach einer Entscheidung des Reichsgerichts ein Schiedsspruch so gefällt werden muß, daß er'sich entweder auf die Seite der einen oder der anderen Partei stellt, bezw. beide für die sogenannte mittlere Linie gewinnt. An der Ruhr aber blieben die Bergherren bei ihrer Forderung eines 12prozentigen Lohnabbaus, während die Ar­beiter nur einen 4prozentigen Hinnehmen wollen. Nachdem Stegerwald einen Ausweg aus dieser Situation nicht fand, hat er dem Reichskanzler in einer Verhandlung in Küstrin vorgeschlagen, durch Anwendung des Artikels 48 den Spruch des Reichsgerichts gewissermaßen zu anullieren, und der Reichskanzler und das gesamte Kabinett haben sich diese Auffassung, zu eigen gemacht.

Die Notverordnung des Reichspräsidenten, der inzwischen durch Stegerwald ins Bild gesetzt wor­den ist, hat den Erfolg gehabt, daß der Schlichter in Essen in seinem Schiedsspruch einen Kprozenti- qen Lohnabbau anordnete, und zweifellos wird dann, obwohl- Arbeitnehmer sowohl wie Arbeit­geber protestieren, dieser Spruch vom Reichs- ärbeitsminister für verbindlich erklärt. Damit ist der Arbeitskonflikt an der Ruhr beigelegt,

wenigstens insoweit, als es weder zu einem Streik noch zu einer Aussperrung kommen kann.

Die Not diktiert. Die Art, wie die Regierung in diesem Falle vorgeht, ist wohl völlig neuartig, aber sie scheint der einzige Ausweg zu sein, der noch bleibt, nachdem die beteiligten Parteien selbst zu einer Verständigung nicht kommen konnten. Daß dabei die Bergherren am wenigsten ihren Willen durchsetzen können, dürfte dem Empfinden des Volkes entsprechen. Der Arbeiter ist in diesem Falle der wirtschaftlich Schwächere, und es ist gewiß schon hoch bedeutsam, daß die an den Taris- verhandlungen beteiligten Gewerkschaften aus eige­nem Willen bereit waren, in einen Lohnabbau von 4 Prozent einzuwilligen. Nun müssen sie sich in Gottes Namen mit einer weiteren Verknappung des Lohnes abfinden. Damit teilen fie das Schicksal vieler Kollegen aus anderen Berufskreisen, ebenso wie der Beamten und vieler Angestellten. Die Not diktiert.

Man kann alle diese Dinge nur begreifen, wenn man offenen Auges die Verhältnifse im Lande beobachtet und dabei auch politisch denkt. Die finanzielle Lage des Reiches .ist, wenn vielleicht auch in diesem Augenblick nicht mehr katastrophal, doch im ganzen so angespannt, daß eine all­mähliche Besserung nur erreicht wer­den kann, wenn jeder Einzelne Opfer bringt. Darauf geht das große Sanierungswerk Dr. Brünings aus, und das allein ist der Grund, weshalb er und mit ihm ein Mann wie Stegerwald unerbittlich auch da an ihrer Linie festhalten, wo die Aermsten der Armen mittragen müssen. Die gewaltsame Regelung der Arbeitsverhältnisse an der Ruhr hält eine weitere Steigerung der Ar­beitslosenziffer um Hunderttausende hintan. Das ist schon etwas. Nun kommt es darauf an, daß die Arbeiterschaft, wenn der Schiedsspruch Gesetzeskraft erlangt hat, die Nerven behält und sich nicht durch kommunistische Hetzer, die schon auf der Lauer liegen, aufputschen läßt.

Es ist ja nicht einmal unmöglich, daß selbst die Nationalsozialisten obwohl sie der Schwer­industrie vieles verdanken, jetzt ihr arbeiterfreund- liches Herz entdecken und, wie schon in früheren Fällen, mit den Kommunisten gemeinsame Sache machen. Das allein aber sollte einen berufsbewuß­ten Arbeiter davon abhalten, die Ruhe zu verlieren. Seine Interessen werden bestimmt weder von Moskauau snoch im Zeichendes Haken­kreuzes wahrgenommen, sondern nur von seinen eigenen Berufsorganisationen, die gleichzeitig sich auch als Vertreter deutscher, zum Staat positiv ein­gestellter Menschen fühlen, und sie Jollen schließlich auch nicht vergessen, daß die Minister, die jetzt durch Notverordnung einen Streik verhüten, Jtn Herzen ihre Kameraden sind, aber nicht an eine Schicht allein denken dürfen, sondern der Gesamtheit helfen müssen.

*

Die Vertreter der Gewerkschaften der verschie­denen Richtungen haben den Schiedsspruch ebenso wie die Arbeitgeber abgelehnt.

Von der kommunistichen Streikleitung der Ruhrbergarbeiter war die dritte Schachtdele-- giertenkonferenz auf Sonntag nach Duisburg ein­berufen worden mit dem Ziele, Stellung zu den Schlichtungsverhandlungen und der Streiklage so­wie zur Gründung eines Roten Ein­heitsverbandes der Bergarbeiter Deutschlands zu nehmen. Die Tagung dauerte etwa 6*Z> Stunden. Vertreten waren 134 Schacht­anlagen mit 1268 Delegierten. Zunächst nahm man allgemein Stellung gegen den Schiedsspruch und den von ihm festgesetzten 6prozentigen Lohnabbau und forderte zur Fortführung des Streiks am Montag auf. Dann beschloß die Konferenz einstim­mig die Gründung des Einheitsverban­des der Bergarbeiter Deutschlands.

Es handelt sich hier um eine sehr ernste Entwicklung im radikal en Sinne. Möge

Sie größte Lank Amerikas für Schuldenreimzierung.

rvtb. Newyork, 12. Jan. (Eig. Meldg.). Im Jahresbericht der Chase National Bank, der größ­ten Bank der Welt, gibt Albert H. Wiggins, der Vorsitzende ihres Governing Board, eine aufsehen­erregende Erklärung über die Reduzierung der amerikanischen Schulden, über die Schutz-Zollpolitik und die amerikanische Wirtschaftslage ab. Wie Mister Wiggins ausführt, wird die Frage der Streichung ' oder Herabsetzung der interalliierten Schuldenin großem Umfange in der ganzen Welt erörtert und die Wichtigkeit dieses Problems über­trifft bei weitem die Höhe der Dollarbeträge die­ser Schulden. Ohne auf die vielen Gründe und Gegengründe auf beiden Seiten oder auf die Frage der Gerechtigkeit der Schuldenstreichung einzugehen, so erklärt er ausdrücklich, bin ich fest davon über­zeugt, daß es ein gutes Geschäft für unsere Regie­rung wäre, in jetziger Zeit Schritte zur Herab­setzung dieser Schulden einzuleiten. Unter den das Wirtschaftsleben beeinflussenden ungünstigen Faktoren ist der gefährlichste das Unvermögen der sremden Länder, sich genügende Dollarbeträge zu beschaffen, um uns sowohl ihre Schulden verzin­sen und rückzahlen als auch in ausreichendem Maße unsere Ausfuhr bezahlen zu können. Von Mitte 1924 bis 1929 schoben wir die Auswirkung des ungünstigen Einflusses unserer hohen Zölle auf unsere Exporte hinaus, in dem wir in größe­rem Umfange ausländische Anleihen kauften. Die Folge davon war, daß die Zins- und Amortisa­tionslasten der fremden Länder von Jahr zu Jahr gestiegen sind und unser Markt für Ausländsan­leihen in Unordnung geriet. Wir stehen daher heute vor der Wahl, entweder unsere Zölle herab­

zusetzen oder unsere stark zusammengeschrumpfte Ausfuhr wieder aufzubauen.

Hinsichtlich der Aussichten für einen Konjunktur- umschwung erklärt Mister Wiggins, daß nach seiner Ansicht der Tiefstand der Depression etwa erreicht sei und die nächste größere Bewegung zu einer Be­lebung führen werde.Ich erwarte, daß die Wirt­schaftslage zu Ende 1931 erheblich besser als zu Ende 1930 sein wird; ich weiß zwar nicht, ob wir niedrigere Börsenkurse haben werden oder nicht, ich weiß aber, daß viele Aktien und Anleihen jetzt niedriger als in normalen Zeiten und zu Kursen gewertet werden, die für die Käufer einen Anreiz bieten sollten. Zur Lohnfrage erklärte Wiggings, es fei unrichtig, daß hohe Löhne geeignet feien, eine günstige Konjunktur herbeizuführen, vielmehr könne umgekehrt erst eine günstige Konjunktur die Hebung des Lohn-Niveaus begründen. Würden die Löhne höher gehalten als es dis Wirtschafts­lage rechtfertige, ginge, der Beschäftigungsstand und die Kaufkraft'der Arbeiter Amerikas zurück. Die Geschäftswelt habe während des letzten Jahres gu­ten Willen gezeigt, mit den Arbeitern hierüber zu verhandeln und'in vielen Industriezweigen dürfe sie von den Arbeitnehmern vernünftigerweise die Annahme einer mäßigen Lohnherabsetzung ver­langen, damit die Produktionskosten vermindert und der Beschäftigungsstand und damit die Kauf­kraft der Arbeiter erhöht werden könnten. Die Be­schränkung der Einwanderungen zusammen mit einem verhältnismäßigen Kapitalüberfluß und den natürlichen Hilfsquellen fei ein genügender Schutz für das amerikanische Lohnniveau.

sich aus der kommunistischen Bewegung kein Straf­gericht entwickeln für diejenigen, die mit den N a- t i on alsozialisten geliebäugelt haben und damit die Gefahr des Radikalismus besonders groß gemacht haben.

* Der bayer. Staatshaushalt 1931 fertiggestellt. Dank dem einmütigen Zusammenwirken aller in Frage kommenden Stellen mit dem bayerischen Finanzministerium ist es gelungen, das von dem derzeitigen Leiter des Ministeriums, Staatsrat Dr. v. Deybeck, gegebene Versprechen raschester Fer­tigstellung des Staatshaushaltes noch früher ein­zulösen, als ursprünglich vorauszusehen war. Der Ministerrat konnte den Etat bereits verab­schieden, so daß die Drucklegung schon im Gangrist. Die Vorlage an den Landtag, die für Anfang Februar in Aussicht genommen war, wird daher schon in der zweiten Januarhälfte erfol­gen können. Staatsrat Dr. v. Deybeck wird dabei die große Haushaltsrede halten. Bekanntlich ist der preußische Haushaltsplan bereits vor Weihnachten zur Vorlage gelangt und der Landtag ist in die Beratung eingetreten.

Deutschland und Polen.

wtb. kakkowih, 12. Jan. (Gig. Meldg.). Die vom Deutschen Volksbund an den Völkerbund ge­richtete Beschwerdenote zählt über 100 Terror­akte gegen die deutsche Minderheit auf, die be­sonders in den Monaten Oktober und November verübt worden sind und die durch ausführliche Protokolle, die allein 50 Aktenseiten umfassen, be­legt werden.« An den Ausschreitungen haben sich nach der Beschwerdeschrift nicht nur die Aufständi­schen beteiligt, sondern auch zahlreiche polnische Beamte. _____________

* Maltke Nachfolger Rauschers? Als Nachfol­ger des kürzlich verstorbenen Warschauer Gesandten Rauschers ist, wie dieVoss. Ztg." erfahren ha­ben will, der jetzige Dirigent der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes, Vortragender Legationsrat von Moltke, in Aussicht genommen. Als fein Nach­folger in der Ostabteilung wird der jetzige General­konsul in Leningrad Erich Zechlin genannt.

Rüpel!

Und hugenbergs wohlwollende Neutralität!

Was die Kommunisten sind und was die Natio­nalsozialisten sind, das weiß allmählich selbst ein politisches Kind, lieber die Deutschnationalen, die unter Hugenbergs glorreicher Führung ihre einstige politische Bedeutung durch die Hitler-Bewegung verloren haben, konnten immer noch Meinungs­verschiedenheiten bestehen. Es gab in der deutsch- nationalen Parte! doch sehr viele Leute, die eine gute Kinderstube hatten, deren anständige Gesinnung nicht in Zweifel gezogen werden konnte, deren staatspolitische Einsicht und deren Intelligenz fesi- zustehen schienen. In der Gemeinschaft mit den Rechtsradikalen müssen alle diese wertvollen Eigen­schaften restlos vergeudet worden sein. Nur so er­klärt es sich, daß die Hugenbergsche Berliner Nachtausgabe, geradezu mit ungehemmte m Wohlbehagen, über die nationalsozia- l i st i 's ch - k o m m un i sti s ch sn Rüpel-Sze­nen berichten kann, die sich anläßlich des Besuchs des Reichskanzlers Brüning in einigen oberschle­sischen Städten abgespielt haben. Die Nachtaus­gabe berichtet wörtlich aus Oppeln:

Die Bevölkerung Oberschlesiens nahm in ihrer großen Mehrheit an dem Besuch des Reichskanzlers so gut wie gar teinen 21 n t e i I. In Oppeln wurde der Reichs­kanzler von nationalsozialistischenHeil- Hitlerrufen!" undErwache Deutschland!" sowie Sturm­gesängen von Kommunisten und N a t i o n also­zialisten begrüßt. In Rosenberg waren geschlossene nationalsozialistische Trupps auf mar­schiert, die durch Rufe und Gesang Brüningbe­grüßten".

Wesentlich erregter war die Aufnahme in Beuthen, wo sich vor dem Bahnhof eine ungeheuere oppo­sitionelle Menschenmenge angesammelt hatte, die vorwiegend aus Kommuni st en bestand. Es gelang der Schutzpolizei nicht, das Einschlagen von Scheiben eines Autos zu verhindern.

Außer diesem einen Steinwurs und Anspeien der Wagen sind weitere Zwischenfälle infolge des starken Kriminal- und Schutzpolizeikordons nirgends eingetreten. In G l e i w i tz demonstrierten Eisenbahner gegen den gleichfalls anwesenden Generaldirektor der Reichsbahn- gefellschaft Dorpmüller, wurden aber ebenfalls von berittenen Schutzpolizeikommandos zurückgehalten. Er­regt war der Empfang in der Provinzhauptstadt Rati- bor, wo vorwiegend von Nationalsozialist en ein Pfeifkonzert den Reichskanzler beim Hinaus­treten aus dem Bahnhof >n Begleitung des Prälaten Ulitzka begleitete.

Kein Wort der Verurteilung gegen diese Rüpe­leien, die, was immer wieder von der Nachtausgabe festgestellt wird, gemeinsam oder abwechselnd von Nationalsozialisten und Kommuni­sten neranltaltet werde Alle Zeichen sprechen da­für, daß Hugenbergs Organ diesen Vorgängen, die eine Schande für Deutschland sind, mit wohl­wollender Neutralität gegenübersteht und nicht zu erkennen scheint, daß es G e i st e r gibt, die man ruft, um fie nicht los zu werden,, wenn man es sehr gern möchte. Kritiklos steht die Nachtaus­gabe auch einer ganz gemeinen Rüpelei gegenüber, die sich in Breslau abgespielt haben soll. Sie be­richtet:

In der Nacht zum 10. Januar ist das Palais des Breslauer Fürstbischofs Kardinal Ber­tram auf der Dominsel, wohin sich Reichskanz­ler Dt. Brüning nach seinem Empfang begeben will, in schlimmster Weise besudelt worden. Am Pa­lais selbst ist mit roter Lackfarbe eine etwa fünf Meter breite und % Meter hohe AnschriftTod der Hun­gerdiktatur" angebracht worden. An einer eben­falls zu dem erzbischöflichen Grundstück gehörigen Mauer stehen in der gleichen Schrift die WorteTod Brü­ning". Außerdem haben die Täter eine außerordent­lich wertvolle sic ; . . . . ..zur am Hauptportal

des Domes über und über mit roter Lackfarbe bemalt. Schließlich w'rde von ihnen ein Eimer mit roter Lackfarbe ,-n der. si auvtcingan des L

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werden mußte. Ostenbar handelt es sich um eine kom­munistische Demonstration aus Anlaß des Reichskanzlerbesuchs bei Kardinal Bertram.

lieber die politische Stellung des Kardinals Bertram in Breslau, der als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskon- ferenz in der katholischen Kirche großen Einfluß aus­übt, ist zu sagen, daß er sich kürzlich gegen übertriebenen Nationalismus ausgesprochen hat.

*

Hugenbergsstaatsmännische" Künste enden damit, daß er seinen Anhängern solcheHelden­taten" der sich berührenden extremen Flügelpar­teien ohne Stellungnahme serviert. Muß man an« nehmen, daß die Anhänger das einfach-so schluk- ken, was ihnen aufgetragen wird? Leider ist nach allen Erfahrungen der jüngsten Zeit diese An­nahme geboten.

Bei Brüninas Anwesenheit in Breslau haben sich die Radikalen so benommen, wie zu erwarten. Mit dem Gummi-Knüppel mußten sie in Schach gehal­ten werden. DieStraße", auf der anscheinend nach Hugenbergs Ansicht die Rettung Deutschlands liegt, umtobte den Kanzler. Sie hielt ihn nicht ab, die Wahrheit zu sagen. Im Gegenteil; Brüning sagte den Radikalen gerade in Breslau sehr deutlich das, was sie nicht hören wollen. Er sagte u. a.

Eine Reichsregierung wie die jetzige wird sich über Kritik, auch der schärfsten Art, in keinem Augenblick ner­vös zeigen dürfen. Aber als verantwortlicher Politiker bin ich 'verpflichtet, auf das entschiedenste Front zu ma­chen gegen Manner und gegen eine Presse, von der man fast glauben kann, daß es ihr unangenehm ist, daß end­lich etwas für den deutschen Osten von dieser Regierung getan werde. Wir werden mit allen Machtmit­teln, die uns zur Verfügung stehen gegen d i e wirklichen Saboteure der deutschen Ost- hilfe vorgehen. Wir werden der Oeffentlichkeit Auiklarung verschaffen, wer der Reichsregierung dir Mittel versagt hat, die Osthilfe auf ganz Nieder- schlesien auszudehnen, wer der Reichsregierung die 21« « leihemöglichk eiten zerschlagen hat, die Umschuldungsarbeiten von Mecklenburg bis Schlesien und Ostpreußen in einem Zuge sofort zu beginnen.

Wenn ich an dieser Stätte eine Mahnung richten darf an die schlesische Bevölkerung und ihre berufenen Führer, dann ist es die. sich ihrer großen Tradition zu erinnern, die in Schlesien besonders lebendig gewesen ist: Es gibt nur einen Staat und es gibt nur eme Pflicht, diesem Staat gegenüber zu opfern, sich diesem Staat hinzugeben und die Verantwortung zu überneh­men ohne Rücksicht auf die eigene Person, ohne Rücksicht auf die eigene Partei. Wenn dieser Geist lebendig ist, dann wird Schlesien und die Ostmark niemals unter­gehen.

Im Anschluß ergriff Reichsbankprasident D r. Luther das Wort. Das deutsche Volk habe den Beweis erbracht, daß es sich als ein Volk fühle, nicht nur in Zeiten des Glanzes, sondern auch in Zeiten der Not. In der Zeit des Währungsverfalls habe es jene Selbstrettung vollzogen, die als Wunder der Rentenmark durch die Weltgeschichte hindurch- gehen werde. Die Reise des Reichskanzlers fei der Beweis, daß Deutschlands neues Gesicht sich wieder dem Osten zuwende. Der Reichsbankpräsident warnte im weiteren Verlauf seiner Ausführun­gen in eindringlichster Weise vor Währungs­experimenten.

Von Breslau aus ist der Kanzler mit seinen Mitarbeitern noch in N i e d e r s ch l e s r e n ge­wesen und hat eine ganze Reihe von Städten und Kreisen besucht. In der Nacht auf Montag kehrte er über Grünberg nach Berlin zurück.

*

Der neue Führer der Deutschen Volkspartei, Herr Dingeldey, hat in Dresden wieder eine echt volks parteiliche Rede gehalten, über das Verhältnis der Deutschen Volkspartei zu den Nationalsozialisten erklärte &er Redn-r, daß zwischen beiden Parteien manche gefühls­gemäße Verbindungen beständen. Solange die . Nationalsozialisten nicht den Weg in die Ver­waltung fänden, hätten sie ihre Existenzberech­tigung nicht erwiesen. Man müsse von ihnen eme klare Stellungnahme zu dem heutigen Grundpro- blem verlangen. Eine Diktatur der Nationas- sozialisten sei auf die Dauer in Deutschland nicht möglich. Es sei bedauerlich, daß insbesondere die preußische Regierung durch kleinliche Polizeichikanen die nationalsozialistische Bewegung noch dauernd weiter in revolutionäre Bahnen dränge. Dadurch entstehe die Ge­fahr, daß der große nationale Impuls nutzlos ver­tan werde, anstatt die nationalen Kräfte^ für den Staat und das deutsche Volk einzufangen. Der Mann lebt in I l l u s i o n e n. Bei der. nächsten Wahl werden die Nationalsozialisten die Deutsche Volkspartei, die nicht den Mut und die Kraf» hat, scharfe Trennunaslinien zu ziehen, völlig verschlingen. Viel ist jetzt schon nicht mehr von der Partei Strefemanns da.

* Verhaftung eines polnischen Obersten wegen umfangreichen Betrügereien. Großes Aufsehen er­regte in Kattowitz die Verhaftung des Ober­sten Je len, der einem Warschauer Regiment angehört und in der Sanacja-Bewegnng eine große Rolle spielt. Ter Oberst wurde am Samstag in einem Kattowitzer Hotel verhaftet, und zwar wegen einer Reihe von Betrügereien und Unter­schlagungen, die er sich als Vorsitzender desP o - sener Verbandes der Vaterlandsver­teidiger" zu Schulden kommen ließ.

* Das Urteil in dem Neuhöfener Spionagepro­zeß. Der Vierte Strafsenat des Reichsgerichts ver­kündete am Montag nachmittag in dem Spionage­prozeß gegen den polnischen Grenzwachtkommissar Adam Biedrzynski auf Czersk im Zusam­menhang mit dem Grenzzwischenfall rn Ne u h ö'f e n vom 24. Mai vorigen Jahres folgen­des Urteil: Der Angeklagte wird wegen fortgesetz­ter versuchter Ausspähung militärischer Geheim­nisse versuchter Tötung und wegen Paß- und Waf­fenvergehens zu einer Gesamtzuchthaus- strafe von 10 Jahren verurteilt. Dem