NILS
11. Januar
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Wintermorgen.
Von Marie Jonghaus.
Bleigrau der Himmel — aus dem Wolkenflor Lugt sllbern roie Mondlicht die Winterlonne fahl, Die hungerdürren Arme streckt die Buche Wie flehend übers weiß besternte Tal,
Die Räderspuren auf dem totenstillen Weg Sind wie mit weißer Watte zart verbrämt, Einsamer Vogelruf — in Moll — in Moll, Als sei die kleine Kehle schmerzgelähmt.
Die hohen Schlote drohen schwarz nach oben, So mitleidlos, so steinern, kalt und tot, Ihr dumpfer Schrei weckt dunkles Echo droben. Und durch die Kälte schreitet stumps die Not.
VttnkerbUderbuch.
Don Karl Lütge.
„Skibaby" in Garmisch Marienkirchen.
Eine reizende junge Dame steht vor uns, eben aus dem eleganten Wagen gestiegen, auf der Straße, breitet die Arme aus und ruft selig: „Ach, meine lieben Waxen- steine!"
Im blauen Winterhimmel stehen in blendendem Weiß die schönsten Berge Oberbayerns: die charaktervollen Waxensteine, keck vor der Zugspitze. Daneben türmt sich, überm Kreuzeck, die gewaltige Alpspitze, und von fern lugt dreist der Tiroler Daniel. Ueber die Wettersteinwand in ihrer imponierenden Massigkeit sieht, wie die Dame, aus dem Auto mancher leicht hinweg und freut sich allenfalls des feisten Rückens des Wank und des Kramers, die der großen Alpenwelt Garmisch- Partenkirchens den letzten Schliff geben.
Die junge Dame begann ein paar Tage später ein entzückendes Stolpern auf den „Bretteln" an der großzügigen Sportanlage am Hausberge. Und dann ging sie auf die Hochalm, kaum dreißig Minuten vom Kreuzeck-Berghaus Ein berückendes Alpenbild: in einer Mulde, eingeschlossen von steilen Hängen und drohen überragt von der fast senkrecht ansteigenden Wand der Alpspitze, steht die puppenhaft wirkende Almhütte. In netter Ursprünglichkeit sitzen Winterfrischler bei kühlen dem Skiwasser oder Grog und verfolgen schmunzelnd das Holpern und Stolpern der Skibeflissenen — die ihrerseits dem eiferglühenden Buben des Hüttenbewirtschafters zuschauen, ber ihnen vom kleinen Sprunghügel kecke Fünfzehnmetersprünge vorsetzt. Eine Skipartie stiebt vorüber, aus der weißen Weite der Berge, zu Tal. Im Husch und Hui sind sie vorüber. Die Skibays seufzen. Der Skilehrer spornt sie an. Einigen gelingt es schon besser infolge der Aufmunterung, die die wilde Jagd brachte. In die lustigen Kapriolen kommt System. Die Beine gewinnen Halt. Die „Brettel" werden immer mehr gebändigt.
Die „Schneesäuglinge" verwandeln sich am Abend in elegante Damen und Herren und bevölkern Hotelhallen und Dielen in Deutschlands größtem Wmtersportpalast Und das ist der Reiz des vergnüglichen Wintersports: nach sauren Tagesstunden abends frohe Feste.
„Lob-tzeiU" in Schierke.
Bequem genug für den ausdauerndsten Langschläfer liegen im reizenden Brockenkurort Schierke die Spori- anlagen. Auf der Brockenbobsleighbahn gehen außer den spannenden Bobrennen auch Rodelrennen, soweit sie nicht auf Naturbahn ausgefahren werden müssen, vor sich. Der große Tag im heiter-n vielseitigen Sporttreiben des bekannten harzisckien Winterkurortes ist immer ein Tag mit Bobrennen, dem rassigsten Wintersport.
Bob Neun! — Drei--zwei--eins los!"
erklingt der Rus des Starters an der Brockenbobsleighbahn, in 960 Meter Höhe, am kleinen Brocken. Knirschend gleitet der zentnerschwere Bob, mit fünf Mann besetzt, über das Eis der abschüssigen, zwei Kilometer langen Bahn. Der Mann am Lenkrad duckt sich verwegen dem bevorstehenden brausenden Kampflärm entgegen. Der Blick geht die schmale Fahrbahn hinab, zu überhöhten, steilen Kuroenrändern, streckeabwärts, geradeaus — geradeaus: ins Ziel. Wind peitscht chm Eisnadeln ins Gesicht: der saufende Laus des Bob klingt brausend im Ohr. Unbekümmert starrt der Lenker
Der Ulatiti vom Meer.
Von Julius Regis.
(Uebertragung aus dem Schwedischen.) Georg Müller-Verlag, München.
Die Nacht hat lausend Augen.
L
Die beiden Herren, die am Tisch neben der Balkontür zur Nacht aßen, erregten hier und da Aufmerksamkeit. Jetzt schwiegen sie beide, aber erst nach einem heftigen Wortwechsel, den der jüngere von ihnen durch eine laute, hitzige Antwort abgebrochen hatte:
„Nach Südafrika reise ich nicht!"
Seine bisher knabenhaft frohen Augen hingen finster an dem Weinglas, das er zwischen den Fingern hin und her drehte. Das blonde Haar erschien wegen des sonnengebräunten Gesichtes noch heller. Er zählte neunundzwanzig bis dreißig Jahre. Sein etwa um zehn Jahre älterer Begleiter hatte ein dunkles, hübsches Gesicht mit energischen Zügen und schwarzen Augen, die unverwandt an dem anderen hingen.
Fast alle Tische des strahlend erleuchteten Restaurants waren besetzt, und das Stimmengewirr nahm zu, als auf Violinsolo fröhliche Revueschlager folgten. Die milde Luft des Juliabends stand still und durchsichtig über Stockholm, und an den Kais spiegelten sich lange Reihen von Laternen im blanken Wasser.
Eine junge Dame mit einer Zigarette im Munde beugte sich zu ihrem Begleiter hinüber und flüsterte, worauf dieser sich umdrehte und die beiden Herren betrachtete.
„Den Jüngerer, kenne ich", hört- man ihn sagen, da die Musik gerade verstummte. „Es ist Erik Reynold, der vor einigen Jahren als guter Sportsmann bekannt war, aber dann gab es in Uppsala irgendeinen Skandal, weswegen er die Universität verließ, sein Jngenieurexamen machte und außer Landes ging. Er muß erst ganz kürzlich zurückgekehrt sein. Der andere sieht aus wie ein Ausländer."
Erik Reynolds braune Wangen röteten sich. Er blickte auf und begegnete dem festen, schwarzen Blick feines Tischgenossen. Beide hatten scharfe Ohren.
geradeaus; das Schicksal der Mannschaft liegt in der Hand, die das Lenkrad hält. Die Mannschaft hängt eng zusammen hinter dem Führer aus niederem, breitem Stahlschlitten und schwingt sich in Kurven weit hinaus, nach Kommando, im Rhythmus, mit Bobfahrerinstinkt Der Bremser sitzt hinter den Vier, amtiert mit Entschlossenheit, ersahrungsgewitzt. Auf Sekunden komm: es an; in Kurven ist Bremsen verboten, lebensgefährlich; die richtige Zehntelsekunde will abgepaßt sein.
Wichtig ist Anlage und Beschaffenheit der Bahn. Je mehr Kurven, desto spannender und schwieriger das Rennen. Die Brockenbobsleighbahn ist eine der besten in Europa.
Hörnerschlilten in Schreiberhau.
Es gibt in Oberschreiberhau junge und alte Hörner- schlittenfahrer. Die jungen haben Schneid, die alten Umsicht. Alle behaupten beides zu haben. Bei der Auffahrt merkt man davon nichts. Die Auffahrt zum 1300 Meter hohen Kamm dauert rund zwei Stunden Sie ist voll Reiz und ohne Beschwer für den in dicke Decken gepackten Hörnerschlittenfahrer. Ein Pferd zieht den Schlitten. Der Sitz des Schlittens ist bei der Auf
fahrt gedreht, damit man statt des Pferdeschwanzes das grandiose Panorama sehen kann. Zwei Mann treiben das Pferd an: der Pferdekutscher und der Hörnerschlittenlenker. Neben der Aufsahrtbahn flitzen in ausge- fahreren Geleisen die Hörnerschlitten, zwischen ihnen ab und zu ein klüglich holpernder Rodel und seltener ein Skiläufer zu Tal.
Niedere Tannen, tief verschneit, überzuckert von Eis, starren unwirklich neben der Bahn in grotesken Figuren. Rübezahl mit bem Bart herrscht unter ihnen vor und verfolgt die aufwärtskevchenden Hörnerschlitten. Der Schnee liegt zwei bis drei Meter hoch. Der Nebel wird immer dichter. Er braut um Stangen, die allein die Bahn noch kennzeichnen. Unwirklich tief und fern liegt die Welt ---
Hei! Talfahrt! Sie geht rasch — unwirklich — ins Wunderbare gesteigert durch die rasche Folge des großartigen Winterbildes. Man schwebt förmlich den weiten Kamm hinab, durch den Wald, über freie Flächen--
immer tiefer--mit fröhlichen Rufen, unverständlichen
Antwortschreien der im Husch und Hui passierten Bewunderer --immer tiefer — bis in die Straßen von
Oberschreiberhau.
Biographie der Banknote.
Die Goldschmiede, die Vorläufer der Bankiers. — „Faust" H. als historischer Hintergrund. — Rekord der Kurssteigerung. — Der erste Vanknotenfalscher. — Instationen.
Es ist noch nicht lange her, da war die Banknote mit einem geradezu kapitalistischen Nimbus umgeben. Der gewöhnliche Sterbliche zahlte seine Verbindlichkeiten mit blanken, runden Silber- und Goldstücken, Banknoten bekam er nur im Ausnahmefalle einmal zu Gesicht. Heute ist die Banknote profaniert, Zehn- und Zwanzigmarkscheine knüllen sich in der Tasche und müssen sich gefallen lassen, als „Lappen" bezeichnet und behandelt zu werden. „Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt, ist so bequem, man weiß doch, was man hat", möchten wir mit Mephisto sprechen. Ja, wissen wir aber auch wirklich, was wir haben?
Das Papiergeld ist noch keineswegs alt. Es besteht eben erst 200 Jahre. Im Mittelalter kannte man es noch nicht. Damals galt durchweg nur das gute Gold und Silber. Zwar gaben die Goldschmiede, die im Mittelalter ein höchst einflußreicher Stand und die Vorläufer der heutigen Bankiers waren, über die ihnen in Verwahrung gegebenen und in ihren feuersicheren Gewölben lagernden Schätze Bescheinigungen aus, die unter guten Bekannten in Zahlung genommen wurden, so daß das Gold seinen Besitzer wechselte, ohne das Gewölbe zu verlassen, aber wie man sofort erkennt, waren das keine Banknoten, sondern nur Hinterlegungsscheine. Anlaß zu der Erfindung der Banknote wurden die französischen Finanzkalimitäten des 18. Jahrhunderts. Ein Schotte, John Caro, der Sohn eines Goldschmiedes, ist der Erfinder. Im Jahre 1716 gelangte er mit einem großen Vermögen nach Paris und gründete dort eine Privatbank, die erhebliche Gewinne abwarf. Dabei beschäftigte ihn fortgesetzt das Problem „Geld". Es müsse ein einfacheres System gefunden werden, um Zahlungen zu leisten und zu empfangen, als der umständliche Goldtausch. Wie alle Menschen der damaligen Zeit war er in dem Gedanken der absoluten Macht des Staates befangen. So kam er auf die Idee, daß der Staat nur Papiere zu drucken und mit einer bestimmten Wertbezeichnung zu versehen habe, um diese Papiere vollgültige Zahlungsmittel werden zu lassen. Wertgrundlage für diese Noten sei der Staat selber mit allen zu seinem Gebiet gehörenden Ländereien und Hoheitsbefugnissen. Die deutsche Rentenmark, die bekanntlich auf Grund- und Bodenwert beruhte, hat hier also ihren ersten Vorgänger gefunden. Diesen Plan trug er der französischen Regierung vor und fand Zustimmung. Der Staat übernahm im Jahre 1718 seine Bank, Law selber wurde zum Finanzminister ernannt, und nun druckte man lustig draus los. Im ganzen für 3071 Millionen. Metallgeld wurde sogar verboten. Im Anfang ging alles gut, eine große wirtschaftliche Betätigung setzte ein, das Volk jubelte, man glaubte, das goldene Zeitalter wäre angebrochen. Aber schon nach vier
„Laß uns gehen", murmelte Erik und leerte sein Glas. „Ich hätte darauf gefaßt fein müssen, aber ich gestehe, daß es mich reizt."
„Das sind so die kleinen Annehmlichkeiten des Daheimseins", sagte Maximilian Colt läch-lnd. „Deine Landsleute haben kräftige Stimmen und ein gutes Gedächtnis. Ich sage „dein", weil man mich beharrlich für einen Ausländer hält. Das ist mir einerlei, aber von diesem ziemlich trinkbaren Sherry möchte ich mich noch nicht trennen."
Er füllte sein Glas von neuem und richtete den Blick dann sofort wieder auf Erik.
„Hab ich dir schon mal erzählt, daß ich Spiritist bin? Zuweilen geben die dunklen Mächte denjenigen, die verstehen, Zeichen. Dir wird es hier nicht gut gehen. Ueberleg es dir, bevor es zu spät ist. Südafrika ist die größte Chance deines Lebens, und ich bins, der sie dir bietet."
„Zum letztenmal: nein!"
„Du hast deinen Entschluß gefaßt?"
„Hab ich mich nicht deutlich genug ausgesprochen?" „Du willst nach Hause zu deinem Vater?"
„Ist das so erstaunlich? Das Gegenteil wäre wunderbarer — das letzte kleine Ende der Reise aufzugeben, nachdem ich von soweit hergekommen bin!" Erik strich sich über seine von vielem Wein erhitzte Stirn. „Mir ist, als ob ich plötzlich erwachte. Weshalb bin ich drei Tage in Stockholm geblieben, ohne mich entschließen zu können? Das kommt mir jetzt ganz sinnlos vor."
Colts Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, das nicht von Heiterkeit, sondern von krampfhaftem Nachdenken zeugte. Das Orchester hatte feine Abendausgabe erledigt und die Musikanten gingeri von bannen.
„Die Reynolbschen Milliarben scheinen ihre Zauberkraft nicht eingebüßt zu haben," sagte Colt. „Ihr Reynolds seid eine sonderbare Familie. Seit zweihundert Jahren jagt ihr dieser sagenhaften Erbschaft nach, ohne auch nur einen Bruchteil davon zu finden, ohne auch nur ein geschriebenes Testament darüber zu besitzen — ja ohne noch dazu feststellen zu können, wo und wann euer Stammvater gestorben ist. Glaubst du denn nur im geringsten an die alte Mar?"
Jahren kam die Ernüchterung. Anlaß hierzu wurde eine groß aufgezogene Handelsgesellschaft zur Ausbeutung des Mississippi-Gebietes, deren Aktien fieberhaft gekauft wurden, so daß der Kurs auf das Zwanzigfache des Nennwertes stieg — wohl die höchste Kurssteigerung, die die Geschichte zu verzeichnen tat. Als man nun mit dem erlangten Kapital tatsächlich am Mississippi arbeiten wollte, da erwies das französische Geld seine Schwäche, ja Wertlosigkcit. Das Ausland nahm es nicht an. Es galt nur soweit, als der Machtbereich des Staates sich erstreckte. Die Gesellschaft brach zusammen, ungeheure Verluste entstanden, und damit brach auch das Papiergelbsystem -ufatnmen. Innerhalb weniger Monate sank ber Wert fast bis auf Null, und im Oktober 1720 mußte es außer Kurs gesetzt werden. Law floh unter Zurücklassung seines ganzen Vermögens nach Venedig. Er blieb von der Richtigkeit feiner Ideen überzeugt und war ber Meinung, ber französische Staat habe durch Unverstand und Ungesch.ck die Katastrophe selber verschuldet. Diese erste Papiergelbinflation der Weltgeschichte ist es, die Goethe im zweiten Teil des „Faust" dichterisch verwertet hat.
Man erkannte nun aber den richtigen Kern der Law- schen Idee. Was die Goldschmiede konnten, das konnte der Staat sicherlich auch, und zwar mit größerer Autorität und Sicherheit; aber er mußte bann auch wie bie Golb- schmiebe bie entsprechenden Werte in seinen Gewölben lagern haben, auf bie notfalls zurückgegrisfen werben konnte. Schon seit bem Jahre 1587 bestand ja auf Grund dieses Prinzips bie erste Staatsbank der Welt, bie Banco bi Rialto in Venebig. Und auch manche Städte wie Hamburg und Nürnberg, auch Wien, hatten solche Institute, die jedoch zu keiner rechten Bedeutung gelangten, da ihre Tätigkeit kaum über das Stadtgebiet hin- ausreichte. Nun aber wurden die Staatsbanken groß; allen voran die Bank von England, die im Jahre 1694 gegründet worden war. Im Jahre 1772 erfolgte die Gründung der preußischen Staatsbank, der sogenannten See- Handlung. Alle diese Banken erhielten das Recht, Banknoten zu drucken und auszugeben, jedoch unter Bedingungen, sog. Restriktionen, die eine Wiederholung der Ereignisse, wie sie in Frankreich stattgefunben hatten, ausschlossen. Seit ber Mitte bes 18. Jahrhunberts also gibt es Papiergelb.
Sogleich aber erschienen auch die Fälscher aus bem Plan. Die erste Banknotensälschung fand um bie Mitte bes 18. Jahrhunderts in England statt. Sie ging unter seltsamen Umständen und aus seltsamen Gründen vor sich. Ein Bankangestellter namens R. W. Vaughan in London liebte die Tochter eines reichen Kaufherrn, der jedoch von ber Werbung bes ziemlich armen Mannes
„Es war nicht mein Vorfahr. Es waren zwei Brüder, Erich und Bernhard Reynold. Der ältere ging ins Ausland, war erst Kaperkapitän in holländischen Diensten, und später Plantagenbesitzer und Kaufmann. Daß er ein reicher Mann war, steht fest. Der jüngere blieb in Schweden, und ich bin fein letzter Nachkomme in gerader Linie. Es ist also nur natürlich, daß ich wenigstens den Glauben und die Hoffnung meiner Vorfahren geerbt habe."
„Als ich dich in Amsterdam traf, schien es nicht so."
„Du weißt ja, daß ein dringender Brief meines Vaters mich bewog, nach Amsterdam zu fahren, um dort neue Forschungen anzustellen."
„Und diese ergaben —?"
„Ungefähr ebensowenig wie frühere Erkundigungen.
„Und dennoch kommst du artig nach Hause und opferst deine eigene Zukunft, um in einer Ecke zu sitzen und die Illusionen deines Vaters zu teilen."
Erik Reynold bewegte unmutig den Kopf, als ob sein Kragen zu eng geworden wäre. „Ich habe ja nicht gesagt, daß ich an bie Sache glaube. Aber ich lasse meinen Vater nicht im Stich, wenn er mich nötig hat."
Colt lachte roieber, und ber leicht berauschte Erik glaubte verfehlte Ironie in bem dunklen schmalen Antlitz zu gewahren. „Im übrigen begreife ich nicht, warum du durchaus willst, daß ich wieder weg reise!" rief er aus. „Ich hatte dich ja noch nie gesehen, als wir uns vor drei Wochen in Amsterdam kennenlernten."
„Well, my, boy, erstzns sind wir doch nicht umsonst Kollegen. Allerdings warst du Grubeningenieur in Algier und ich Wegebauer in Südafrika, aber immerhin... Außerdem sehe ich nicht gern, baß ein junger Mann so unpraktisch ist wie du. Ich wollte dir einen freundlichen Puff nach der rechten Richtung versetzen — das ist alles."
„Ich laß mich nicht gern puffen," murmelte Erik und winkte bem Kellner. Sie bezahlten und verließen schweigend bas Lokal.
Colt war kfjhl und gelassen wie immer, wiihrenb die Bewegung nach bem langen Stillsitzen auf Reynold einwirkte, so daß er lachende Mädchenangesichter und strahlend erleuchtete Tramwagen wie durch einen Schleier
nichts wissen wollte. Da erklärte dieser ihm, er sei keineswegs arm, sondern besitze ein großes Vermögen. Der Schwiegervater in spe forderte N weise. Da ging Vaughan zu einem ihm befreundeten Kupferstecher, und dieser fertigte ihm einen Hausen von falschen Banknoten an, mit ziemlich einfachen Mitteln und daher nicht eben schwer zu erkennen. Vaughan führte den Vater ber Geliebten bann vor eine Truhe, in der bie Geldscheine lagen, und ließ ihn einen oberflächlichen Blick hineintun. Der Vater ließ sich täuschen, erklärte sein Einverständnis, und die Hochzeit fand statt. Nach ber Hochzeit verbrannte Vaughan bie falschen Scheine, aber zwei behielt er unglücklicherweise zum Andenken zurück. Und nach einigen Tagen war er leichtfertig genug, einen derselben in Zahlung zu geben. Die Fälschung wurde sosort erkannt, Vaughan wurde verhaftet. Und so sehr er beteuerte, feine Hand- lungsroeife fei nicht viel mehr als ein Scherz gewesen, die damalige Justiz machte mit Banknotenfälschern nicht viel Federlesens; er vergingen keine vier Tage, ba rollte fein Haupt auf bem Schafsott. Auf Banknotenfälschung stand barnals bie Tobesstrafe.
Fast jeber Staat hat im Laufe bes 18. und 19. Jahrhunderts infolge Aushebung der sogen. Restriktionen einmal seine Papiergeldinflation erlebt. Frankreich wiederholte das Experiment vorn Jahre 1720 bereits ein Dreioierieljahrhundert später während ber französischen Revolution mit ben berüchtigten Assignaten. Englanb hob um bas Jahr 1800 bie Bankrestriktionen auf unb erlebte bis 1820 eine Inflation, bie bem Gelb ein Drittel seines Wertes raubte. Oesterreich erlitt basfelbe Schicksal zur gleichen Zeit (burch biese Inflation verlor u. a. ber Vater bes Dichters Grillparzer sein getarntes Vermögen, was auf bas Gemüt bes heranwachfenben Dichters einen schlimmen Einfluß hatte.) All biese Inflationen ber napoleonischen Zeit reichen jeboch an Wucht unb Ausbehnung nicht im entferntesten an biejenigen heran, bie ber Weltkrieg in ben meisten Staaten hervorge- rufen hat.
Der Hianti mit der Flöte.
Von Willy Reese.
Moskau lag in Eis unb Schnee. Der Winter war ungewöhnlich streng. Ein scharfer Norbost wehte über bie mit bitter Schneekruste bebeckten Häuser.
Genosse Gaspabin Iwan Nijinski, Sekretär auf bem kleinen Postamt auf bem Jljitsch-Prospekt, öffnete den Seinen Schalter. Sofort erschien in der kleinen, viereckigen Oeffnung ein großer, länglicher Kopf, umgeben von verwildertem, brandrotem Haar. Während der Beamte neugierig dieses merkwürdige Gesicht anschaute, reckte sich ber Ankömmling empor, so daß man seine hagere Figur, bie von einem altmodischen Rock umschlossen war, sehen konnte. Dieses Bild bitterster Armut vervollständigte eine alte Flöte, bie ber Mann unter den linken Arm geklemmt hatte. Der arme Kerl zitterte vor Kälte. Auf seinem abgehärmten Gesicht spiegelte sich eine Welt voll Leid unb Kummer unb Hunger. Die Demut, bie aus den großen, ausbruasootlen Augen leuchtete, rührte sogar Genosse Nijinski, ber in nicht zu barschem Tone fragte: „Sie wünschen?"
„Ich bitte sehr um Verzeihung — ich^heiße Peter Po- roarin unb wollte mich ertunbigen . . ."
„Nach einem Briefe, postlagernd, was "
Peter Powarin bejahte eifrig.
Der Sekretär steckte ben Kopf in die Tiefe feines Schrankes, unb nach einer Weile zog er einen Brief her- vor, auf ben oben in absonderlichen, ungelenken Schrift- zügen die Adresse gekritzelt war: Herrn Peter Powarin, Musikkünstler, z. Zt. in Moskau, postlagernd Amt 13. Diese sechs Zeilen, eine immer schlechter geschrieben als bie anbere, ließen in Bezug auf Kalligraphie alles zu wünschen übrig. Oberhalb biefer sechszeiligen Adresse prangte, mit Blaustift geschrieben, eine Ziffer, sowie ein Postvermerk, denn ber Brief war unfrankiert aufgegeben. Iwan Nijinski reichte Peter Powarin ben Brief mit dem Bemerken, bah er Strafporto zahlen müsse.
Mit gespannter Ausmerksamkeit las der Mann mit der Flöte bie Adresse, was einige Zeit erforderte, und gab bann ben Brief zurück.
„Ist er nicht für Sie?"
„Ja — nein — bas heißt — eigentlich . . . Doch nein,
sah. Colt ging auf sein eigenes, kleines, graues Sport- auto zu. „Unb die nächste Oase?" fragte er.
„Es kommt mir vor, als ob mir heute abend schon genug besucht haben," erwiderte Erik. „Ich stimme fürs Hotel." . , ,
„Mir solls recht fein." Colt fuhr langsam und sah aus, als ob er tief nachdächte. Erst nach einer Weile fragte er plötzlich: „Was war das für ein Vorfall in Uppsala?" , z „
Die Frage kam so unerwartet, daß Erik ihn betroffen ansah.
„D, du brauchst natürlich nicht zu antworten, wenn du.es nicht willst," fuhr Colt lächelnd fort. „Ader du hast schon mehrsach auf die Sache angespielt, und ich bin be* kanntlich ein neugieriger Mensch. Außerdem mache ich selbst so oft dumme Streiche, daß es mich freut, wenn andere es auch tun."
„Ich weiß nicht recht, ob Skandal ober bummer Streich bas rechte Wort bafür ist," erroiberte Erik Jägern. „Ader es war — ein sehr unangenehmer Vorfall. Ich war barnals breiunbzwanzig Jahre alt unb ftubierte in Uppsala Mineralogie. Mag sein, baß ich ein bißchen roilb war. Meine Clique gehörte nicht zu ben zahmsten. Aber was sich schließlich ereignete, war gänzlich unvorhergesehen. Nach einem großen Universitätsfest war ich nach Hause gegangen unb fest eingefchlafen. Eine Stunbe barauf kam ein Student in mein Zimmer herein, um irgendeinen Unfug zu machen. Da springe ich auf, hebe einen Stuhl empor, jage ihn die Treppe hinab und versetze ihm zum Schluß einen so furchtbaren Schlag über ben Kopf, baß er besinnungslos lieben blieb. Er mußte ins Krankenhaus gebracht werben, — aber nun kommt bas Merkwürdige. Ich war wieder zu Bett gegangen, sobald ich ihn niedergeschlagen hatte, und als ich frühmorgens geweckt wurde, hatte ich keine Ahnung von dem ganzen Vorfall."
Colt warf ihm einen scharfen Blick zu. „Wirklich nicht?"
„Nein, ich hatte es im Schlaf getan. Es wundert mich nicht, daß du es bezweifelst. Das tat man in Uppsala auch. Ich war mit offenen Augen aufgeftanben unb hatte sogar mit ihm gesprochen, aber baß ich nich in somnambulem Zustande befand, ist Tatsac' " Als