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Beilage zur Fuldaer Zeitung

V NILS

11. Januar

lii

Fest der heiligen Familie«

Eingangslied: Spr. 23, 24 und 25.

Hoch freut sich der Vater des Gerechten. Dein Vater freut sich und deins Mutter, sie ist glücklich, die dich geboren hat (Ps. 83, 23), Wie lieblich ist dein Zelt, o Herr der Heerscharen! Meine Seele sehnt sich und schmachtet nach den Hallen des Herrn.

Evangelium: Luk. 2, 4252.

Al« Jesus zwölf Jahre alt war, gingen seine Eltern der Festsitte gemäß hinauf nach Jerusalem. Nachdem die Tage vorüber waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem zurück, ohne daß seine Eltern es be­merkten. In der Meinung, er sei bei der Reise­gesellschaft, gingen sie eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Da sie ihn aber nicht fanden, kehrten ffe nach Jeru­salem zurück und suchten ihn. Nach drei Tagen fan­den sie ihn im Tempel. Er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen an sie. Alle, die ihn hörten, staunten über sein Verständ­nis und seine Antworten. Als sie ihn erblickten, verwunderten sie sich, und seine Mutter sprach zu ihm:Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmer­zen gesucht!" Er erwiderte ihnen:Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet Ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" Doch sie verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte. Dann zog er mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Seme Mutter bewahrte alle diese Dinge in ihrem Her­zen. Und'Jesus nahm zu an Weisheit, an Alter und an Wohlgefallen vor Gott und den Menschen.

Er war ihnen untertan.

Was meinst du, Freund, ist das Untertansein, von dem heute im Evangelium die Rede ist, eine Sache, welche in erster Linie die Kinder oder die Eltern angeht?"

Natürlich geht sie vor allem die Kinder an. Denen darfst du es schon einmal richtig sagen, denn man hört ja allgemein, daß die immer fre­cher werden und nicht mehr gehorchen wollen."

Ja, das habe ich auch schon gehört. Es wird ia heutzutage über alles Mögliche geschimpft. Aber

wir wollen hier nicht mitschimpfen, sondern Klar­heit suchen. Jedes Ding hat seine zwei Seiten, auch das Untertansein. Das ist eine Sache, welche nicht nur die Kinder angeht, sondern auch eben­sogut die Eltern. Und wenn wir vom Iesusknaben hören, daß er seinen Eltern untertan war, so dür­fen wir wohl sicher annehmen, daß seine Eltern dies Untertansein nur in wahrhaft göttlichem Sinne verlangten."

Gibt es denn auch ein Untertansein in fal­schem Sinne?"

Ja. Da muß ich an jenen alten Bauersmann denken. Der erzählte nämlich, die Kinder hätten heutzutage auch gar keinen Respekt mehr. Wenn früher der Lehrer durchs Dorf gegangen sei, da wären die Kinder gelaufen, wer weiß wie weit. Heute fiele denen das gar nicht mehr ein. Die blieben ruhig stehen, im Gegenteil, sie unterhielten sich noch mit dem Lehrer, was sie früher nie ge­wagt hätten. Du selbst kennst vielleicht auch manche Familie, in der die Kinder zittern, wenn sie den Vater nur sehen. Diese Art von Gehorsam ist si­cher nicht das Untertansein, das heute im Evan­gelium gemeint ist."

Da meinst du also, es müsse alles eine Herr­lichkeit sein, und die Kinder mühten den Ellern auf der Nase herum tanzen."

Das wäre genau so falsch wie das erste. Da wären die Eltern Waschlappen, wie sie vorher Wü­teriche waren. Die rechteArt liegt inder Mitte. Sie ist begründet in das unbedingte Ver­trauen zu den Eltern, daß sie es gut meinen, auch wenn sie strafen. Zum rechten Untertansein der Kinder ist das rechte Elternsein so notwendig wie die Sonne zum Frühling."

Da meinst du also, die Hauptverant­wortung in all diesen Dingen läge auf feiten der Eltern?"

Gewiß meine ich das, und es wird wohl auch so sein. Die da schimpfen auf die Ungezogenheit der Jugend und auch der eigenen Kinder, die wollen nur auf eine bequeme Art sich selbst von der Ver­antwortung für diese Dinge drücken. Aber die Verantwortung bleibt ihnen trotzdem.An den Früchten werdet ihr sie erkennen", die Eltern näm­lich, und wenn du mit offenen Augen umherschaust so wirst du einsehen, daß das gewiß wahr ist, wenn es vielleicht auch einzelne Ausnahmen ge­ben mag.

Wie steht es in deiner Familie damit?

$ef( der heiligen Familie Spatfonnfag!

Die in der Fuldaer Bischofskonferenz vereinig- len Hochwürdigsten Bischöfe haben genehmigt, daß in allen Pfarreien

das Fest der heiligen Familie als Sparsonntag für den Wohnungsbau

begangen werde. Nicht mit einem Schlage, son­dern allmählich wird sich diese Einrichtung durch die verschiedenen Diözesen verbreiten: 1930 erst ein kleiner Anfang, 1931 ist die Zahl der sich betei­ligenden Diözesen bereits merklich gewachsen. Manch einer aber fragt sich: Sparsonntag, was ist das? Und am Ende fürchtet gar noch dieser und jener, es solle wieder einmal für einen neuen Zweck gebettelt werden und am Ende werde der liebe Gott noch zwei Sonntage in jeder Woche ein­legen muffen, um all die vielen Kollekten unterbrin­gen zu können! All solche Besorgnisse sind über­flüssig. Der Sparsonntag ist eben etwas ganz Neuartiges. Aber was ist er denn?

Sagen wir erst noch etwas deutlicher, was er n i ch t' ist. Er ist keine Betteleinrichtung, keine Kollekte. Er ist aber auch kein Rückfall in die Gebräuche jener Zeit einer platten, seichten Auf­klärung, in der man es für angebracht hielt, von der Kanzel herab die Gläubigen zu belehren, wel­ches die zweckmäßigsten Verfahren der Wiesendün- gung und welches die fortgeschrittenste Art der

Viehfütterung sei. Der Sparsonntag beabsichtigt nicht, den Gläubigen im Gottesdienst oder im Gotteshaus wirtschaftliche Unterweisungen über den Nutzen des Sparens, über sichere Anlage der Spargroschen, über Haushalts- und Buchführung zu vermitteln. Alles das ist recht nützlich, aber es gehört an einen andern Ort.

Für die Sparpredigt am Feste der heiligen Fa­milie steht im Mittelpunkt die christliche Fa­milie. Allerdings nicht nur ein Wunschbild im Traumreich, sondern die christliche Familie, wie sie in der Wirklichkeit des Lebens steht und kämpfen muß. Darum genügt es nicht, zu sagen, wie die christliche Familie beschaffen sein soll, sondern eg muß auch gezeigt werden, wie sie im Kampfe gegen die familienzerstörenden Kräfte sich durch­setzen und behaupten kann.

Die famSienzerskörenden Kräfte

sind doppelter Art: g e i st i g sittliche und stoff­lich-wirtschaftliche. Darum muß auch das Schwert, mit dem die christliche Familie sich wappnet, um diese zerstörenden Kräfte niederzukämpfen, sozu­sagen ein doppelschneidiges sein. Ganz gefehlt wäre es, wollte man die Familie nur wirt­schaftlich sichern. Dann würde sie die Er­fahrung lehrt es nur umso schneller den gei­stigen Zersetzungskräften schwächlich und weichlich

eine glückliche Elendstadt.

Deutschlands größte kath. Schwachsinnigenanstatt.

Eine komische Ueberschrist, fürwahr I Eine Stadt, in der viel Elend ist, soll glücklich sein? Das ist selt­sam und doch wahr.

Im lieben Schwabenland, zwischen Weiden, Acker­land und Wald, liegt Ursberg, im schönen Mindel- tal. Einst war dort ein Prämonstratenserkloster. Der hl. Norbert selber soll es 1125 eingeweiht haben. Seit der Säkularisation lag es zwecklos. Da kam 1884 ein Mann, der eine Familie gründen wollte und dafür ein großes Haus brauchte. Dominikus R i n g e i f e n hieß er und war ein armer Landpfarrer. Nichts anderes zeichnete ihn aus als eine große Liebe zu allen Armen und Unglücklichen und ein unbegrenztes Vertrauen zu seinem Herrgott. Seine Liebe hat ihm das Haus voller Kinder beschert. Wie manch armes Elternpaar hatte ein Kind, das es trotz Liebe nicht brauchen konnte, weil es gar so krüppelhaft, so schwachsinnig, oder gar idiotisch war. Nicht das allein! Es war taub, taubstumm oder blind dazu. Und darum konnte man es auch in keinem Heim brauchen. Nein, die armen Wesen, die mit zwei oder drei Gebrechen zugleich belastet waren, die waren überall im Wege, die wollte niemand. Doch, einer.

Ringeisen, der Jünger Christi, nahm sie zu sich als feine Kinder, um des Herrn willen. Er kaufte das Kloster und gab es ihnen als Heim. Und er gab den Kindern gute Mütter. Tapfere, unverzagte Jungfrauen holte er, die nicht fragten: Kann ich die Arbeit auch leisten? oder: Danken mirs die Kinder?, ja nicht einmal: Was wird aus mir, wenn ich alt und verbraucht bin? Wie eine Mutter nach alledem nicht fragt, sondern sich einfach opfert für ihre Kinder, die Gott geschenkt, so waren die Jungfrauen, und so opferten sie sich aus christlicher Liebe heraus.

So war der Grund zu Neu-Ursberg gelegt. Rasch drang der Ruf von der Zufluchtsstätte, die sich dort für die Verlassensten aufgetan, ins Land. Viel tiefem Leid und Elend war er Erlösungsruf. Es fand eine Heimat. Wie hoffnungsfreudig strömten sie herbei, die Aermsten, die nur ein ganz kleines flackerndes Lebens­

lichtlein hatten, das aber doch brennen und wachsen und wenigstens ein ganz klein wenig nützen wollte. Und wie voll tiefer Liebe kamen die Jungfrauen, um von ihrem großen, Hellen Licht den Armen abzugeben, um dem Elend Mutter zu sein.

So war das große Haus bald voll. Da mußte Vater Ringeisen ein neues bauen. Und das hat er nicht ein­mal, sondern vielemale tun müssen, denn alle Kindlein, die sich meldeten, wollte er aufnehmen. Er fragte nicht: Kann ich noch eins ernähren, kann ich noch eins klei­den, habe ich noch Platz? Die Sorgen, manchmal recht schwere Sorgen, warf er alle auf den Vater im Him­mel, und sein riesengroßes Gottvertrauen ist nie ent­täuscht worden. So ist aus dem Kloster Ursberg gar schnell die Elendstadt gewachsen. Heute zählt sie an 2000 Pfleglinge, die in vielen Häusern und eini­gen Filialen betreut werden. Und immer noch sind der Einwanderer mehr, als Platz da ist. Aus den Jung­frauen sind seit 1897 Schwestern geworden, die St. Jo- sefskongregation. Sie zählt heute über 800 Schwestern und an 200 Novizinnen, Postulantinnen und Kandidatin­nen. Ursberg ist Deutschlands größte katholische Schwach­sinnigenanstalt, die zweitgrößte Deutschlands überhaupt. Nur Bethel bei Bielefeld, das große Werk des evan­gelischen Pastors von Bodelschwingh, steht ihr voran.

Doch nun wollen wir einen flüchtigen Gang durch die Elend st adt tun, um zu sehen, ob seine Be­wohner auch wirklich glücklich sind.

Den großen kräftigen Burschen, die eben mit ihren Ochsengespannen aufs Feld wollen, klingt die Zufrie­denheit schon aus dem frohen Gruß und leuchtet auf dem Gesicht, trotzdem sie mit den Schwestern schwer schaf­fen müssen in der großen Oekonomie, die für so viele Menschen die Nahrung liefern soll.

. Auch das kleine, doch schon 50jährige Kind ist zu­frieden, das da ganz sorgsam seine Holzpferdchen hinter sich her zieht. In St. Vinzenz treffen wir noch viele solcher Kinder. Mit armen blöden Augen schauen sie uns an. Jedes hat seine eigene Sprache. Doch die Schwester versteht sie alle, wie die Mutter ihr lallen­des Kleinkind versteht. Viel Arbeit machen ihr die gro­ßen Kinder, doch sie ist froh und heiter in ihrem Kreise.

erliegen. Unzureichend wäre es aber auch, nur die religiösen und sittlichen Grundkräfte der Familie zu pflegen. Schon in den Weisheilsbüchern des Alten Bundes findet es sich ausgesprochen, daß in allzu drückender Not die Tugend nur sehr schwer gedeiht. Ein hl. Thomas von Aquin und die ganze christliche Ueberlieserung belehren uns, daß für die Mehrzahl der Menschen ein gediegenes, kerniges Tugendleben einigermaßen geordnete und gefieberte, nicht zu üppige äußere Verhältnisse zur Voraussetzung hat. Nun die Nutzanwendung dar­aus!

3m Sparen, wenn es richtig als christliche Tugend verstanden und geübt wird, ist der christ­lichen Familie jenes doppelschneidige Schwert ge­geben, das Mittel innerer sittlicher Erstarkung und äußerer wirtschaftlicher Sicherung. Aber ist denn Sparen eine christliche und nicht vielmehr eine bürgerliche" Tugend, die vonKapitalisten", der möglichst viel auf die hohe Kante legt, mit be­sonderer Inbrunst geübt wird? Nun, wir sprechen ja vomrichtig verstandenen Sparen", nicht vom Reichwerdenwollen um der Freude am Gelds wil­len. Richtig verstanden heißt Sparen so viel, als die Wunschmaßlosigkeir beherrschen, die rechte Wertordnung einhalten in ber Befriedigung der sich meldenden Bedürfnisse. Ist das nicht die hohe Schule der Selbstbeherrschung, der Grundsatzfestig­keit, hier hochherziger Großmut, dort selbstbeschei- dender Entsagung? Und in der Familie, ist dies nicht lebendig-praktische Erziehung der Kinder zu kernhaften Christen, die von früh auf sich gewöh­nen und den Eltern es absehen, daß man nicht der Laune und dem Einfall nachgibt, sondern mit Ueberlegung und nach seinem Gewissen handelt, auch im Kleinen, auch im Alltäglichen, auch da, wo man der menschlichen Natur ihr Recht gewährt auf Freude und Erholung?!

Nun aber heißt es:Sparsonntag für den Wohnungsbau". Das sagt uns, daß die christlich und tapfer geübte Sparsamkeit ein besonderes Ziel für die Familie haben soll: chr eine Wohnung, ein Heim zu schaffen oder, wenn nicht zu schaffen so einzurichten, wohnlich zu machen. Fehlt es doch heute gar so manchen Familien an einer Wohnung oder jedenfalls an einer ausreichenden Wohnung. Und viele Familien, die eine Wohnung haben, wissen doch nicht recht, sie zu bewohnen; sie haben das rechte Wohnen entweder verlernt ober sie ha­ben es überhaupt nie gelernt vielleicht weil ihre Wohnungsverhöltnisse immer zu elend und jämmerlich waren. Darum Sparen für den Woh­nungsbau ober das wird besonders dem Mäd­chen näher liegen für die Wohnungseinrichtung und -Ausstattung.

Eine ordentliche Wohnung bedeutet unsagbar viel für bas Leben der Familie. Eine zu eigen besessene Wohnung aber bedeutet noch viel mehr! Sie gibt der Familie eine ganz eigene Sicherheit und Festigkeit. Sicherheit in schweren wirt­schaftlichen Wechselfällen, wie Verdienstlosigkeit, Krankheit, in Arbeitskämpsen. Festigkeit, in­dem das eigene Heim ein Sammelpunkt wird, der die Familie nicht nur körperlich-räumlich zusam­menführt; indem es ein gemeinsames Kleinod der Familie wird, das alle pfleglich, ja mit liebender Sorgfalt behandeln, ausgestalten, schmücken; in­dem es nicht zuletzt für die Kinder Sinnbild und Inbeariff wird der elterlichen Fürsorge und damit der Kraft und Macht der Eltern, für ihre Kinder zu sorgen. Das stärkt den Zusammenhalt der Fa­milie, das gibt der elterlichen Autorität einen wertvollen Rückhalt gerade in der Zeit des Frühverdienens der Kinder!

Wir wir Katholiken es anfangen, mit prakti­schem Erfolg für den Wohnungsbau zu sparen, bas soll in Versammlungen und Besprechungen im kleineren Kreis gesagt werden. Alles ist bereits erprobt und bewährt; es gilt bloß, sich über die geeigneten Wege und zur Verfügung stehenden Einrichtungen zu unterrichten. Und bann mutig zur Tat!

O. v. Nell-Breurnng S. J.

Weihnachten in Rußland.

Von unserem russischen Berichterstatter.

Der 25. Dezember war für Moskau und die gesamte Sowjetunion ein Alltag, der vierte Tag der neuen bolschewistischen Woche. Geschäftig schritt die Masse zu ihren Arbeitsstätten, und es surrten die Drehbänke, Spindeln und Elektromotoren in Werkstätten und Fabriken. Es war eben Alltag .. und nur disReformisten" feierten ihre Weihnacht still und bescheiden. Den Wünschen dieser Gruppe entgegenkommend, Haden sich die Pfarrer der or« ihodoxen Erlöierkathedrale und der einzigen rö­misch-katholischen Kirche (in Moskau) bereit er­klärt, für ihre Gläubigen am 25. Dezember eine stille heilige Messe zu zelebrieren, die übrigens ohne Zwischenfälle verlief. Anwesend waren; in der Erlöserkirche rund 500 Beter, in der katholischen Kircke etwa 300. Die übrigen Kirchen waren leer, da die Mehrheit der Gläubigen beschlossen hat, Weihnachten nach altem Stil zu feiern, also am 7. Januar.

Wer aber nicht ruht, bas sind die Gottlosen. Langatmig haben sie ihre Vorbereitungen getrof­fen, und bereits seit vier Wochen steht Moskau und bas übrige Rußland im Zeichen der antireligiösen Propaganda Die aber wird sorgfältiger geführt als in den vergangenen Jahren, intensiver, aus­gehend von der sog.wissenschaftlichen Basis . Man hat rund einhundert Professoren von der Akademie der Wissenschaft mobilisiert, damit sie in den Städten Vorträge über dieSchädlichkeit der Religion" halten und vorn Standpunkt der Wissen­schaft auf dieungünstige Einwirkung der christ­lichen Mystik auf das menschliche Hirn" Hinweisen. Seit vier Wochen lausen in den Kinos nur noch antireligiöse Filme, in den Theatern antireli­giöse Schauspiele; sie werden ergänzt durch athei­stische Ausstellungen, die in den Wandelgängen der Kinos und Theaterhallen untergebracht sind. Uber. Haupt die antireligiösen Ausstellungen (bie üb­rigens nicht schlecht organisiert sind) und Museen schießen wie Pilze aus der Erde. Selbst in den kleinsten Dörfern fehlt es nicht an diesen Aus- stellungen. Auch der Rundfunk ist der atffeiftit scheu Propaganda dienstbar gemacht. Mit einem Wort, der Gläubige wird unter Kreuzfeuer genommen, ohne ihn auf sich selbst besinnen zu lassen . . .

Wie alljährlich, so ist auch diese Weihnacht der Schwerpunkt auf Massenkundgebungen gelegt, die begleitet werden von fliegenden Ver­sammlungen und humoristischen Veranstaltungen, die die Religion der Gläubigen schmähen. Ru«^ wird in diesem Jahr das bravourmäßige, unüber­legte abgedämpft, und man bemüht sich, sachlicher zu sein, zweckmäßiger. Das. was für die niederen Volksschichten bestimmt ist, hat zwar kein höheres Niveau erfahren; denn man hat feststellen müssen, daß karnevalistische Veranstaltungen, soweit ffe übertrieben sind, nicht jenen Erfolg zeitigen, der zu erwarten ist. Der Russe liebt eben das Be­schauliche. nicht aber das Uebertriebene. So hat man z. B. den Zirkusclowns vorgeschrieben, ihre Späße nicht allzu sehr auf die Spitze zu treiben und die Priester der Kirche als Trunkenbolde hin- zustellen, sondern im Gegenteil, sie als beharrliche Gegner der industriellen und kollektivistischen Ent­wicklung der Betriebe hervorzuheben. Dementspre­chend sind auch die Losungen derJugendbund- l e r gehalten.

Die FormelReligion ist Opium für das Volk ist zu abgegriffen, als daß sie noch Erfolg zeitigen könnte; denn man hat eingesehen, daß der Kampf gegen die Urdogmen der Religion undurchführbar ist.' Erfolg dagegen verspricht die planmäßige und üelbewußte Bekämpfung der äußeren Einrichtungen der russischen Kirche, die es gewiß nicht ganz verstanden hat, sich der Zeit anzupassen. Aber auch auf diesem Gebiet kommt Wandlung.

Der Riß, den die Gottlosen der Kirche zugefügt haben, wird überbrückt, und diese Ueberbrückung

Arbeitssaal steht an einer Tür! Schwerschwachsinnige große Buben sind drin, die teils lahm, teils epileptisch dazu sind. Eine Reihe kann nicht verständlich sprechen. Alle schaffen fleißig. Sie stricken Waschseil, flechten Bast- oder Strohtaschen, fertigen Peddigrohrkörbchen, sägen und malen Kinderspielzeug. Die Schwester er­muntert immer, lobt ober ermahnt mit freundlichen Worten, besonders bei den ganz Energielosen, denn die Arbeit ist ja das Heil- und Erziehungsmittel dieser Ar­men im Geiste. Eben springt einer auf, schlägt wie rasend um sich, will fort. Seine Nachbarn und die Schwestern sind gleich zur Stelle, und nach einigen Mi­nuten ist der Anfall vorüber. Man kann ihn wieder ruhig an seinen Platz bringen, wenn auch sein Geist noch eigene Wege geht. So etwas kommt öfters vor im Laufe des Tages.

Noch mehrere solcher Arbeitssäle können wir besuchen. Die Arbeit ist immer den Neigungen und Fähigkeiten der Kinder angepaßt, darum macht sie jedem Freude. Wieviel Geduld und Liebe der Schwestern und wieviel Fleiß und Willenskraft der Zöglinge dahinter steckt, bis die armen Verkrüppelten und Gelähmten die wunder­schönen Laubsäge-, Kerbschnttt- und Malerarbeiten, ja sogar künstlerisch geschnitzte Krippenfiguren fertig brin­gen, die wir in einem Saal sehen, das können wir nur ahnen.

Nun kommen wir zu den Handwerksleuten. Alle Handwerke, die man sich denken kann, sind in Ursberg vertreten. In allen Werkstätten sind Schwestern als Meisterinnen. Nicht die moderne Frauenbewegung, die Liebe hat sie dazu gebracht. Wie fleißig und ftoh sie schaffen inmitten ihrer vielen Gesellen und Lehrlinge. Ab und zu wird die Arbeit durch ein schönes Lied un­terbrochen, dann geht es noch mal so gut.

Alles, was eben kann, schafft in Ursberg. Arbeits­losigkeit, unser böses Zeitübel, kennt man dort nicht. Ist nicht das allein schon ein guter Grund, glücklich zu fein?

Den Großen stehen an Fleiß und Schaffenslust die Schulkinder nicht nach. Fünfjährig sind die Kleinsten, achtzehn- und neunzehnjährig manche in den Mittel- und Oberklassen. Sie fanden erst spät den für sie allein richtigen Weg nach Ursberg. Je früher die Kinder der

Anstalt zugeführt werden, desto eher ist auf Erfolg zu hoffen, denn mit ganz winzig kleinen Schrittchen geht es vorwätts. Mit dem gewöhnlichen Auge sieht man sie kaum. Und doch! In der Oberklasse sitzen, wenn sie frühzeitig in die Anstaltsschule kamen, Kinder, die fein lesen und schreiben können, die nicht nur in der Heimat, sondern auch in fremden Erdteilen daheim sind, die persönliche Ansichten haben und sich frank und frei bewegen. Die Schwester ist ihnen Freundin und Ka­meradin, der sie aber schnellen und freudigen Gehorsam schenken, weil die Liebe sie verbindet.

Die Schule ist gut ausgebaut. Sie zählt 2 Vor- bereitungs- und 2 Sprachheilklassen, 6 aufsteigende Schul- und 3 Fortbildungsklassen. Die Taubstummen wohnen und lernen in einem andern Haus, die Blinden in einer Filiale.

Nun dürfen wir auch die Schwesternschule nicht ver­gessen, das Mutterhaus, wo die Schwestern zu Müttern und Lehrerinnen der ärmsten und elendesten Menschen gebildet werden. St. Josef, der Arbeitsmann Gottes, und St. Franziskus, der alle und alles liebende Bruder Immerfroh, sind ihre Patrone, ihr Vorbild Vater Ring­eisen, der nun schon seit 26 Jahren von seiner schweren Arbeit ausruhen darf.

Vieles gibt es noch zu sehen in Ursberg, und vieles könnte man noch erzählen, wenn Worte nicht so arm wären. Sehen und erleben muh man solch riesengroßes Leid, und erleben muß man eine ebenso riesengroße Siebe, wie sie nur im Christentum möglich ist. Die christliche Karitas war immer schon, lange ehe der Staat an irgend eine soziale Maßnahme dachte, Retter von allen möglichen Unglücklichen. Sie wird auch nie zu entbehren fein, trotz so vieler öffentlicher, staat­licher Fürsorge. Denken wir uns einmal, die christliche Liebe, die in jedem, auch dem elendesten Menschenwesen, den Bruder in Christus, ja Christus selbst sieht, würde plötzlich aufhören, in diesen Häusern zu walten. Es würden Pfleger und Pflegerinnen an ihre Stelle tre­ten, die diesen heiligen Dienst um klingenden Lohn, als Broterwerb ausüben wollten, ob wir dann noch so glückliche Elendstädte und -Häuser finden würden, wie Ursberg und mit ihm viele, viele andere Häuser christ­licher Karitas es sind? G^trud Verhag.