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Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt)

Samstag, den 10. Ianuar 193L

M7 Heimat

• 3U10O. Oe.. 9 Januar i>3<»

Mülak. Grueralvikar und Lomkapitular 2r. Müller gestorben.

Ein Dullerhbcn hat sein Ende genommen. In der vergossenen stacht hauchte der Generaloiiar der D.ö„ese, Domkapitular Dr. Dcüller seine Seele OU5. Geboren zu Fulda am 5. Februar 1875 machte er seine Vorstudien am Gymnasium in gulta. Seine theologrjchen Studien absolvierte er am hiesigen Priesterjeminar und an der Univer­sität in Innsbruck. Am Feste des hl. Joseph, sei­nes Namenspatrons, am 19. März 1898, wurde er zum Priester geweiht. Seine erste Anstellung er­hielt er am G.neraloikariat am 1. April desselben Jahres. Am 1. April 1899 wurde er wieder be­urlaubt, um an der Universität in Freiburg im Breisgau Rechtswissenschaft zu studieren. Im Som­mersemester 1902 promovierte er bei dem zurze.t noch in Berlin tätigen Kirchenrechtsprofessor Dr. Stutz mit einer Arbeit über das Offizialat. Nach Fulda zurückgekehrt, fand er wieder Anstellung als Sekretär des Generaloikariats. Später zum Asses­sor und Geistlichen Rat ernannt, wurde er am 3. Juni 1921 nach dem Tode Dr. Arenholds dessen Nachfolger als Generalvikar. Am 4. August 1928 als Domkapitular installiert wurde er auch bald darauf zum Hausprälaten Seiner Heiligkeit er­nannt.

Des verstorbenen Leben bewegte sich ganz in der Verwaltung der Diözese. Nur kurze Zeit hat er auch aushilfsweise die Seelsorge in der damals noch nicht eingerichteten Pfarrei in Künzell be­sorgt. Ein Gehörfehler behinderte ihn in der Seel­sorge. Umsomehr konnte er seiner Neigung und persönlichen Einstellung nach sich den Arbeiten der Verwaltung widmen. In allen einzelnen Zwei­gen derselben hat er gearbeitet und dadurch sfth eine Erfahrung gesammelt, die er dann mit seinem Wissen in unermüdlicher Arbeit als Generalvikar in den Dienst der Diözese stellte. Zu seinem größ­ten Bedauern wurde er mit den Jahren in steigen­dem Maße durch körperliche Leiden in seiner Ar­beit gehemmt, aber mit einer Energie ohnegleichen, die gepaart war mit stillem Bescheiden, hat er alle erbaut, mit denen er amtl'ch in Beziehung trat. Sein reiches theologisches und kanonisches Wissen, seine Lebenserfahrung, sein klares praktisches Ur­teil, seine Gewissenhaftigkeit, gepaart mit mensch­licher Teilnahme, befähigten ihn für sein Amt.

Die leßten drei Jahre verschlimmerte sich sein Leiden. Vor zwei Jahren mußte ihm der Unter­schenkel des einen Beines abgenommen werden. Ein Hautleiden machte seinen Leib zu einer ein­zigen Wunde. Aber immer wieder raff e sich die zähe Natur mit Arbeitsgeist wieder auf, bis er die leßten 5 Monate dauernd ans Bett gefesselt wurde, das für ihn zu einem Schmerzenslager wurde, wie es menschlicherweise schlimmer nicht gedacht werden konnte. Gatt hat an ihm die Macht seiner Gnade offenbart. Er litt und starb wie ein Heiliger. Nie hat er geklagt über sein Schicksal: es war keine stoische Resignation, sondern demü­tiges Bescheiden in Gottes Willen, wenn er in sei­nem ihm anvertrauten Amte, insbesondere bei der leßten Entwicklung der Diözese nach dem Konkor­dat. nicht mehr alles tun konnte, was er als Kano- nist und Eeneralvikar als feine Aufgabe betrach­tete. Bon Gott hat er noch bis in die leßten Mo­nate Hilfe erbeten, um wieder im Dienst der Diö­zese arbeiten zu können, ober auch inmitten der größten Schmerzen hat er sich mit voller Ergeben­heit, ja oft mit humorvollen Scherzen sich Gott für die Diözese zum Opfer gebracht. Seit Wochen von der Außenwelt fast vollständig abgeschlossen, durch seine vollständige Gehörlosigkeit und schließ­lich auch den Verlust des Augenlichtes, war er bei klarstem Bewußtsein auf sein Innenleben angewie­sen. So ist er gestorben, körperlich und seelisch im freudigen, gläubigen Bewußtsein, daß keine Lei­den zu vergleichen feien mit der Seligkeit, die Gott denen bereitet, die ihn lieben. — Sein Andenken lebt im Segen; er ruhe in Gottes heiligem Frie­den. • ___________

Goldene Hochzeit.

Heute können die Eheleute Nikolaus Bauer, Wallweg 2, in bester Gesundheit und geistiger Frische das Fest der Goldenen Hochzeit begehen.

- Dom Diözesan-Slerus.

Anweisung erhielt mit Wirkung vom 21. De­zember v. Is. Kaplan Dr. Georg Werner an der Hl. Eeistkirche in Fulda als Kooperator des Pfarrers Dunkelberg in Kirchworbis.

Beflaggung der Reichsdienstgebäude am Reichs- grnndungstage.

Aus Anlaß des 60. Reichsgründungstages wer­den am 18. Januar die Reichsdienstgebäude im ganzen Reiche nach den Bestimmungen des Er­lasses vom 20. März 1929 beflaggt.

Das Ergebnis der Verficherungskarlen-sioNkrolle.

Das Ergebnis der Ouittungskarten - Kontrolle hat, nach dem nunmehr vorliegenden Bericht der Landesversicherungsanftalt Hessen-Nassau im Jahre 1929 an insgesamt 4646 Tagen stattgefunden. Re­vidiert wurden 67 207 Betriebsinhaber, 37 474 Haushaltungsvorstände und 5331 sonstige Arbeit­geber, zusammen 110 012 Arbeitgeber, gegen 102 727 im Jahre 1928. 461 374 Karten von Ver­sicherten wurden der Prüfung unterzogen. Bei­tragsrückstände stellte man fest im Betrage von 1313 288 Mark, davon entfallen auf den Wies­badener Regierungsbezirk 829 561 Mark. 3003 Per­sonen wurden durch die Kontrolle zu der Versiche­rung angehalten. Strafverfügungen find im Be­richtsjahr in 1525 Fällen ergangen über den Ge- famtftrafbe rag von 14 900 Mark.

Die Feierschichten bei der Reichsbahn.

Nachdem es der Reichsbahn nicht gelungen war, zur Vermeidung von Ärbeiterentlaffungen mit den Gewerkschaften generelle Vereinbarungen über Feierschichten in den Werkstätten und in der Bahnunterhaltung zu treffen und nachdem auch ein von der Reichsbahn herbeigeführter Bermittlungs- verfuch des Reichsarbeitsministers erfolglos geblie­ben, hat die Reichsbahn die Entlassungen durch Feierschichtvereinbarungen mit den Arbeitern selbst zu vermeiden versucht. Dieses Vorgehen wird von den Gewerkschaften als Tarifbruch bezeichnet, gegen die sie mit Masienklagen vor dem Arbefts- gericht anqefpn wollen. Hier-n erfahren wir von der Reichsbahn, daß der Vorwurf des Tarif­bruches, der gegen sie wegen der Einlegung von Feierfchich en erhoben wird, unbegründet ist. Die Deutsche Reichsbahngesellschaft glaubt, sie könne rechtswirksam von Bestimmungen des Tarifvertra­

ges im Wege der einzelvertraglichen Regelung ab- weichen, wenn öie'e Bestimmungen abdingbar sind. Um eine solche abdingbare Bestimmung handelt es sich aber bei dem § 3 des Lohntarifvertrages für die Arbeiter der Reichsbahn, der die rege'mätz-ge Arbeitszeit regelt. Die Reichsbahn wird haher wei­ter bemüht bleiben, durch den Ab chluß der ört­lichen Feierschicht-Vereinbarungen Entlassungen von Arbeitern zu vermeiden.

Die Spartaffenaufrocrfung in Hessen-Nassau.

Zu den Meldungen, daß die für Hessen-Nassau festgesetzte Sparkassenaufwertung von 17 Prozent (wobei die bisherige Anzahlung non 15 Pro ent mit 2 Prozent nach'uoergüten ist) sehr bald erfolgte, teilr der Hessm-Nasnuische Spar- kassenverband Hanau mit, daß diese Erwartungen noch verfrüht sind. Zwar sei die 6. preußische Ver­ordnung zur Durchführung der Sparkasseng- -Wer­tung erschienen, nicht jedoch bisher b:e zur Durch­führung erforderlichen Aussührungsbestimmungen. Außerdem fei es durchaus ungewiß, ob es bei einem Saß von 17 Prozent bleiben werde. >r nur als vorläufiger Satz von der preußischen Verord­nung angenommen werde. Es fei durchaus denk­bar, daß dieser Saß nach der endgültigen Prü­fung der Aufwertungsbilan-en durch den Spar- kaffenverband geändert werde. Aus diesem Grunde könnten auch die verschiedentlich vom Sparer kom­menden Wunsch« auf Nachvergütung bzw. end­gültige Aufwertungsabrechnung vorerst nicht er­füllt werden.

Rechtsanwälte als Eheleute.

Franz Emmy Engel geb. Hansen aus Saar­brücken, die in Heidelberg, München und Frank­furt Rechtswissenschaft studierte und ihr Referen­darexamen in Frankfurt machte, wurde die er Tage als Rechtsanwältin beeidigt. Damit praktiziert in Frankfurt die dritte Rechtsanwält'n. Aber „der Fall Engel" gewinnt noch dadurch eine besondere Note, daß die Dame mit einem Rechtsanwa't, dem Rechtsanwalt Ernst Engel, verehelicht ist, der aus Fulda ftamm1. Beide üben ihre Praxis in Frankfurt aus; die Ehefrau wird sich auf dem Gebiete der Frauenfragen spe-'alisieren. Herr und Frau Rechtsanwalt Engel find das erste Anwalts­ehepaar in Frankfurt.

Das „Prelsrötfel"-Anwelen.

Darum werden die Dummen nie alle?

Wir berichteten vor einer Wo^e von der Auf­deckung eines „Rättelbüros" in Eisemroth, deren Inhaber, zwei Berliner, sich mit dem aug'iialick- lich in hoher Bliste stehenden „Preisrätsel- schwindel" beschäftigten und dabei sehr erheb­liche Summen infolge der großen Emfältigkeit chrer Mitmenschen einheimsen konnten. Daß d"s Ei'-'m- rother „Weltbüro" aufflog, war dem Eingreifen der Limburger Staatsanwaltschaft und der Frank­furter Landeskrim'nalvolttei *u verdanken. In dem Eisemro her Fall wurde besonders das Ausland mit den entsprechenden Anschreiben und Rätseln beglückt. Nunmehr haben die zuständigen amtlichen Stellen die Sonfurate aller in Frage kommenden Länder dringend gebeten, in ihren Mutterländern dafür Sorge zu tragen, daß in der dortigen ge­samten Presse vor dem Preisrätselschw.ndel ge­

warnt wird, und daß vor allem auch kein solcher Rätsel mehr ericheint.

Wie weit die Dreistigkeit dieser Preisrätsel- veranstalter geht, beweist die Tatsache, daß Frank­furter „Rätselrater" als „Preis" von einer Firma aus Hannover gegen Nachnahme von 2.20 Mark zwei kleine upd furchtbar verrostete Uhrket en, deren Wert höchstens auf drei Pfennige das Stück geschätzt wird, zugesandt erhielten. Die P^eisträ- ger haben gegen die Firma bei der Kr'm'nalpoli- zei Anzeige wegen Betrugs und Schwindels er­stattet.

Auch in Fulda sind, wie uns mitgeteilt wird, in der letzten Zeit eine gan’e Reihe von gutgläu­bigen Menschen auf den Schwindel der „Preis- rHtfe’=ftirmen" heremgefallen. Es sollte zum Grundsatz werden- Auf keinen Fall betei'iae ick mich an einem von unbekannter Seite aeranslal- teten Preisrätselraten.

Törichte Gerichte

werden wieder einmal in Stadt und Land aus­gestreut. Schon seit Neujahr geht eine solche Mär von blutigen Aufständen in Hamburg durchs Land. Namentlich in den abgelegenen, nur recht spärlich mit Zeitungen versorgten Dörfern des Kreises Hünfeld feilen diese Nachrichten G auben finden. Man darf wohl annehmen, daß es sich um Gerüchte handelt, die m die Welk gesetzt werden, um eine nervöse Stimmung im Vo'ke zu verbrei­ten, von der sich manche politische Phantasten eine Förderung ihrer Sache erhoffen. Wir möchten je­doch annehmen, daß zwar heute die Hysterie stark verbreit ist, aber gerade zwischen Rhön und Vogelsberg ein Menschenschlag wohnt, der sich in diesen verrückten Zeitläuften noch eine recht erhebliche Portion gefunden Men- schenverstandes bewahrt hat. Und das ist gut so!

= Der Oraforietro?re:n „Cacilia" hat den Wiederbe- qinn der Proben auf heute abend anaesetzt. Neben Chören aus dem herrlichen „Deutschen Reouiem" non Brahms setzt er sich zur Aufgabe d'e Einstt'dieruug des hervorragenden Meisterwerkes von Anion Bruckner, der großen Messe in F-moll für Sali. Chor, Orchester und Orgel. Die Schönheit dieser Komposition beurteilt wohl am treHenbften ein feinfühliger Kritiker, der nach der Aufführung durch die Singakademie in Berlin schrieb: . Habe heute die F-moll- Messe von Bruckner gehört. Für eine Welle versinkt alles vor dem Hauch des Einigen der aus solch e*n«nn Kunstwerk einem umweht. Paradiese leuchten auf. d>e i-s heute nur in der Kunst noch aibt. Kindheit ®oltes= kindschaft, werden lebendig und ftrahren an mit seligen Augen. Hoch über den Di na en schwebt m-m d-chin f^roige Kunst stricht. Sie stricht vom Allein Wert--allen Sie svricht vom Unvergänglichen. Sie läßt das Wogen der Gefühle von Frühllna. Sommer, Herbst und Winter --nbranden an die Gestade, wo der Friede wohnt, wo Gott ist wo das Unsichtbare von kristallener H-rrlichkeit ragt." Mögen sich dem Verein viele neue Mitglieder einreiben. Die Schönheiten eines solchen Chorwerkes erichließen sich nur voll und ganz denen, die an den Uebungsabenden teilnehmen.

= Die Okisgruove Fulda des Reich-orba^-es b't Ruhr- und Martcst"ndsdeamten und H'nt r'l'eben-n hält Dienstag, den 13. Januar, 16 Uhr, fe’ne Gmeral- rerfammtung im Gasthaus „Zur T-nbe" ab mir JahreS- uno Kallen'ellcht und Neuwahl und hofft auf das Erscheinen aller Mitglieder. (Siehe Anzeige.)

Die Lage in der EmaMe-Industrre unter besonderer Berücksichtigung ihrer Export-Verhältnisse.

Bon Kommerzienrat Ferd. Neitzert, Fulda, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Franks, a. M.-Hanau

In dem soeben erschienenen 2. Teil des Jahresberichtes des Verbandes der Hessen - nassauischen Handelskam­mern, der aufschlußreiche Beiträge über die Loge wichtiger heimischer Wirtschaftszweige enthält, fin­det sich auch ein interessanter Aufsatz über die Lage der Emaille-Industrie aus der sachkundigen Feder des bekannten Fuldaer Industriellen, Kommerzien­rat Ferdinand Neitzert. Wir bringen den Bei­trag über den für das Fuldaer Wirtschattsieben sehr bedeutungsvollen Industriezweig nachstehend zum Abdruck. Die Sdjriftl

Die deutsche Emaillewaren-Jndustrie hat sich von jeher unter denjenigen Gruppen befunden, welche in hervor­ragendem Maße Träger des deutschen Exportinteresses sind. Da alle Länder der WNt je nach dem Stande des kulturellen oder zivilisatorischen Entw-cklungsstadi- ums ihrer Bevölkerung an dem Gebrauch und damit auch an der Einfuhr deutscher Gebrauchsgegenstände aus emailliertem Eisenblech beteiligt waren, erklärt sich die ununterbrochen auffteiger.be Kurve dieser Jndustriegruppe bis zum Beginn des Krieges. Soweit in dieser Zeit im Auslande gleichfalls eine Industrie, die fick mit der Her­stellung von Haus- und Küchengeräten befaßte, vorhan­den oder im Aufbau begriffen war, beschränkte sich ihr Absatz, abgesehen von Einzelerscheinungen, die vor allem gualMtsmäßig bedingt waren, auf die heimischen Ge­biete, ohne in allen Fällen den tatsächlichen Bedarf auch nur einigermaßen decken zu können. So gehörte der deutschen Emaillewaren-Jndustrie tatsächlich der ganze Weltmarkt als Absatzgebiet, und es ist nicht verwunder­lich, daß mit den steigenden Absatzmöglichkeiten im Aus­lände auch in zunehmendem Maße eine Ausweitung der Vroduktionskavaz'tät der in Deutschland vorhandenen Betriebe und die Errichtung von neuen Industriebetrieben in nicht unbeträchtlichem Umfange erfolgte.

Im Jahre 1913 belief sich der deutsche Ex­port in emaillierten Haus- und Küchengera- ten ungefähr auf rund 280000 Dz. und hatte damit eine Höhe erreicht, welche die Erporizisfern alttr an­deren für gleichartige Verwendungszwecke brauchbaren, aus Eilen oder Metall hergestellten Gegenstände weit übertraf. Aber schon damals begannen sich in den ein­zelnen Staaten, insbesondere in den Vereinigten ‘Staa­ten von Nordamerika und in einigen anderen kontinen­talen Auslandsstaaten. Bestrebungen geltend zu machen, die im Aufbau begriffene und in ihrer weiteren Ent­wicklung gefährdet erscheinende heimische Industrie oiira) eine Erhöhung der Einfuhrzölle vor der ernsten Kon­kurrenz der deutschen Ware zu schützen.

Es ist an sich kein Zufall, daß gerade die Herstellung von Gebrauchsgegenständen aus Eisen oder Metall, die für den täglichen Bedarf der breiten Masse der Konsu­menten bestimmt sind, zu denjenigen Probuktiom-zwemen gehört, für deren Ausnahme sich olle Länder in allererster Linie entscheiden. Diese Industrien sind standortmäßig relativ unabhängig, to’e fertigen Gegenstände, deren Ab- fatzmöglichkeiten auf Grund der vorhandenen Bevotte- rungszissern verhältnismäßig einfach zu ermitteln sind und eine einigermaßen feststehende Größenordnung ha­ben. Bestrebungen, in Ländern, welche bisher ausschließ­lich auf die Einfuhr ausländischer Erzeugnisse angewiesen waren, solche Industrien zu errichten, begegnen daher in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle dem lebhaften Interesse der Staats- und Kommunalbehörden und ihrer weitgehendsten finanziellen und steuerlichen Unterftühung. Dies umsomehr, als sich derartige Betriebe der Cllen- uerarbeitung auch erfahrungsgemäß im besonderen Maße in politischen Notständen und Krisenzeiten zur Umstel­lung auf die Bedürfnisse des Staates, für Heeresaus- rüftung ufw. eignen.

Die deutsche Emaillewaren-Jndustrie sah sich, als sie nach Abschluß des Krieges daran ging ihre ab­gerissenen Verbindungen noch allen Teilen der Welt von neuem aufzubauen, vollkommen veränderten Ver­hält n i f f e n gegenüber. Sie fand eine Umgruppierung

des kontinentalen Europas vor, eine Unzahl neuer Gren­zen, neuer Zollmauern, neuer währungspolitischer Ein­heiten, neuer Nationalwirtschaften, die nach vollkommen anderen Gesichtspunkten aufgebaut waren als vor dem Kriege. Mit dem Auskommen neuer nationaler Ein­heiten war die starke Tendenz verbunden, die heimischen Industrien zu schützen, wobei vor allem die Staaten, welche den Krieg verloren haben, nach Herkunft und Preisstellung differenziert wurden. Dazu kam die völlige Lahm'egung der deutschen Schiffahrt und eine internatio­nale Welle des Protektionismus, von der auch Deutsch­land selbst nicht verschont geblieben ist und die sich im Ausland vor allem in der Behinderung der Einfuhr von Fertigerzeugnissen ausgewirkt hat.

Für die deutsche Emaillewaren-Jndustrie haben die dem Abschluß des Krieges folgenden Jahre in unauf­haltsamer Folge eine Reihe von Zollerhöhungen in kontinentalen und überseeischen Ländern gebracht, die den gesteigerten Exportnotwendigkeiten immer , neue Schwierigkeiten entgegenstellten. Es ist selbstverständlich, daß eine derartige Entwicklung des Protektionismus nicht ohne einschneidende Folgen für die Exportbetätigung der deutschen Emaillevaren-Industrie bleiben konnte. Wenn es ihr trotzdem gelungen ist, einen wesentlichen Teil der Ausfuhr Ziffern des Jahres 1913 wieder zu erreichen, so ist dies zweifellos vor allem darauf zu­rückzuführen, daß die Verkaufspreise im Laufe der Jahre so tief gehalten werden konnten, daß in vielen Fällen noch ein Üebersvringen der von den einzelnen Staaten geschaffenen Zollmauern möglich gewesen ist.

Als auch England 1929 einen Schutzzoll von 25 Prozent auf den Wert der Ware einführte, um dieser Preispolitik zu begegnen, zeigte es sich, daß die Anwen­dung von Schutzzöllen auch entgegengesetzte Auswirkun­gen zur Folge haben kann. In den ersten acht Monaten des Jahres 1930 wurden in England durch den Handel Ernaill-waren im Werte von rund 177 000 Lstr. gegen­über 156 000 Lstr. im Jahre 1929 Angeführt, trotzdem der 25"rozentige Schutzzoll in Kraft getreten war. _ Der Schußzoll hat aber auch, abgesehen von der Steigerung der Einfuhrmenge, der englischen Industrie wenig Nutzen gebracht: denn die auf dem englischen Markt infolge des Schutzzolles eingetretene Erhöhung der Preise hat einen scharfen Fall der Bestellungen verursacht, so daß die Ausfuhr von 192 000 Lstr. im Jahre 1929 auf 134 000 Lstr. im Jahre 1930 fiel; die Ausfuhr war alfo geringer als die Einfuhr, was vor dem Eintreten des Schutzzolles niemals der Fall gewesen war. Auch bei Bestehen des Schußzolles hat also der britische Markt für die deutsche Ernaillewar-n-Industrie seine uneingeschränkte Bedeutung behalten. Die durch den Schutzzoll eingetretene Eninnck- lung geht in England ähnlich wie in allen übrigen Län­dern mehr und mehr dahin, daß vor allem Waren bes­serer Qualität, besonders Dekorwaren, zur Einfuhr ge­langen. Dies zeigen auch die Durchschnittswerte. Trotz­dem die Preise für Emoilttwaren seit drei Jahren dauernd rückgängig sind, haben sich die Durchschnittswerte der Einfuhr in England je Tonne wie folgt entwickelt: 1028: 64 Lstr. 1929: 54 Lstr.. 1930- 1. Vierteljahr: 52 Lstr., 2. Vierteljahr: 55 Lstr., August 52 Lstr.

Die Einfuhr hochouastt"ttver Erzeugnisse muß also im Jahr 1930 unter 8<-rücffirhtigung des seit dem Jahre 1927 eingetretenen Preisrückganges um 20 Prozent tn sehr erheblichem Umfange zugenommen haben.

Wir haben der Entwicklung des Emaillewaren- Ervortes in England um deswillen eine besondere Be­achtung geschenkt, weil an diesem Beispiel in t y p i- f cf, e r Form nachgewiesen werden kann, wie sehr A b- sicht und tatsächlicher Nutzeffekt bei der Ein­führung eines Schutzzolles voneinander dif­ferieren können. Es darf daher erwartet werden, daß die in verschiedenen anderen Staaten vorhandene Ten- b<mz. zu einer weiteren Erhöhung ihrer Zollmauern zu schreiten, nicht weiter verfo'at wird. Es genügt nicht, wenn in einem Lande der Wille zur Züchtung einer na­tionalen Emailleindustrie und die hierfür erforderlichen

staatlichen ober privaten Mittel vorhanden sind; zur Her­stellung von Emaillewaren bedarf es eines reichen Schatzes technischer Kenntnisie und Erfahrungen und eines durch langjährige Tradition geübten und zuverlässigen Arbeiterstammes. Für den Absatz sind jahrelange per­sönliche Erfahrung der Verkausstechnik, der durch nativ, nale Eigenheiten bedingten Geschmacksrichtungen und Absatzmöglichkeiten sowie eingehende Kenntnis der Wett- bew-rbsoerhältnisse unerläßliche Voraussetzung.

Die Gesamtausfuhr der deutschen Emaille­waren-Jndustrie hat in den letzten Jahren folgende Ent­wicklung genommen:

Jan. Sept.

1 26 1927 1928 1929 1930

Menge in

dz 215 236 232125 214 086 227 300 153 939 Wert in

100» RM. 32181 31284 28 459 30 573 19 180

Diese Zahlen svrechen eine deutliche Sprache. Wäh­rend es der deutschen Emaillewaren-Jndustrie im Jahre 1929 gelungen war, eine erhebliche Verbesserung ihrer Ausfuhrposition gegenüber den Jahren 1928 und 1926 und eine annähernde Gleichstellung mit dem Jahre 1927 zu erreichen, wird das Ergebnis des Jahres 19 3 0 auf Grund der in den ersten neun Monaten erzielten Durchschn'ttsergebn'sse voraussichtlich einen erheb­lichen Absatzrückgang und einen feit dem Jahre 1926 nicht mehr verzeichneten Tiefstand in der Ausfuhr bringen. Die Gründe dafür sind offensichtlich. Bei email­lierten Haus- und Küchengeräten handelt es sich um Ge­genstände des täglichen Bedarfes für die breitesten Be- vilkerungsschichi-n. Die allg-meine W e lt Wirtschafts­krise, ausgedrückt in nie bagcroefenen Heeren von Ar­beitslosen, in einem allgemeinen Rückgang ber Kauf­kraft, insbeio-bere ber landwirtschaftlichen Bevölkerungs­kreise, muß sich in den Absatzziffern einer solchen In- buftrie ganz besonders deutlich widerspiegeln Dadurch, daß in Deutschland die Löhne, sozialen Abgaben, Steuern gegenüber den außerdeutschm Konlurrenzländern we­sentlich höher sind, wurde die Sage für Deutschland be­sonder« erschwert. .

Auf ber anderen Seite wies aber auch die Einfuhr von ausländischen emaUFerten Haus- und Küchen­geräten nach Deuttchland im Jahre 1936 einen für die h-ittsche Emaillewaren-Jndustrie durchaus erfreulichen Rückgang quf. Die CMw-cklung der Einfuhrziffern veranschaulicht nachstehende Tabelle:

Jan / ^epL 1913 1926 1927 1928 1929 1930

1656 655 840 1965 1693 729

165 84 105 389 214 118

Menae in Hz Wert in

Ein Gesamtüberblick über die deutsche Emaillewaren-Jndustrre ergibt also folgendes

58 %er Cxportanteil an dem Gesamtabsatz beträgt durchschnittlich auch heute noch 4 0 Prozent. jDabet sind w'chiige Absatzgebiete, wie Rußland, China und Ita­lien, ganz oder teilweise verloren gegangen. Während diese Märkte früher in erheblichem Umfange ber tsche­chischen Eniaillewaren-Industrie Vorbehalten waren, hak sich diese, um die erlittenen Ausfuhrverluste auszuglei- dien nunmehr auf alle diejenigen Gebiete konzentriert, die früher der deutschen Emaillewaren-Jndustrie fast aus­schließlich zugcf-llen waren, insbesondere auf Mittel- und Südamerika Hinzu kommt, daß die südamenkanischen Staaten durch die Begründung nationaler und von den Regierungen weitg-hendst unterstützter Emaillewaren-- Industrien nur noch in beschränktem Maße aufnahme­fähig sind. Im Nahen und Fernen Osten vollzieht sich das'Vordringen der in einer starken Entwicklung begrif­fenen und unter außerordentlich günstigen Bedingungen produzierenden japanischen Emaillewaren-Jndustrie un- ^Zu^den verminderten Absatzmöglichkeiten im Aus- lande tritt der außerordentliche Rückgang des In - landsabsatzes. Abgesehen davon, daß nn Osten und Westen wichtige Provinzen, die für die Ausnahme der Erzeugnisse der Emaillewaren-Jndustrie außerordent­lich wertvoll waren, verloren gegangen sind, ist die Kauf­kraft in Deutschland wesentlich geringer als in der Vor­kriegszeit. Man wird in Deutschland mit einer spür­baren Erhöhung der Kaufkraft nicht rechnen können, so­lange auf dem deutschen Volk die Reparationsschulden m ihrer bisherigen Höhe lasten und nicht eine grunblegenbe Äenderung ber allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse eintritt. Endlich kommt als erschwerender Saftor für bte Produktions- und Absatzverhältnisse der deutschen Ema'lle- waren-Jndustrie noch der Umstand hinzu, daß sowohl die Lieferanten der Vorprodukte als auch weite Kreise der Abnehmer organisatorisch straff zusammengefaßt sinkt und diese Machtstellung häufig in einer den Lebensmteresien ber deutschen Emaillewaren-Jndustrie nachteiligen Weise auszunützen wissen. ..

Allen diesen Faktoren gegenüber steht die deutsche Emaillewaren-Jndustrie heute in einem Daseinskampf, den jedes einzelne Werk für sich ifoliert und nn Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten: zu be stehen trachtet. Längst ist bie Erkenntnis bei der über- wiegenden Mehrzahl berjenigen Persönlichkeiten, welche sich für das weitere Schicksal der deutschen Emaillewaren- Jndustrie mü verantwortlich fühlen, vorhanden daß nur auf dem Wege der 23 e r e t n t q u n । aller Fnteresten und des engen Zusammenschlusses auf dem Ge­biete ber Fabrikation unb des Absatzes eine weitere Ver­schärfung der Gefaintlage ber Industrie verhindert wer­den kann. Es ist im Interesse der Erhaltung eines auf reiche Tradition zurückblickenden und >m Rahmen der bcutichen @eramnoirtMn:fr wichtigen Produktionszweiges ,u hosten, daß aus der Erkenntnis des notwendigen Zu- 'sammenschlusies möglichst oald auch ber Weg zur prak­tischen Verwirklichung gefunben w-rd.

Aus dem Gerichksfaal.

Der frühere Bürgermeister Les Dorfes N. bei Fulda wird beschuldigt, aus der von 'hm verwal­teten Stromgeld-Kaffe einen größeren Betrag ver- untreut zu haben. Insgesamt wurde bei vors.ch- t'aer Prüfung festgestellt, daß in der L.chlk. sie Betrag von zirka 1900 Mark fehlte, über den der Angeklagte keinen Aufschluß geben kann. Drr Ver­treter der Staatsanwaltschaft beantrag.? 9 Mo­nate Gefängnis Nach längerer Beratung verur­teilte das Große Schöffengericht den rlngek agten wegen schwerer Am sunterschlagung zu. 6 Manats Än” und Tramna Ser Sofien »; » rens. Daß er die Belege über die Lrchtkasfe ab- sichtlich bei Seite geschafft habe, wurde als nicyt nachweisbar angesehen. Der Verurte-.te will sich bei dleftm Urteil nicht beruhigen — Bet dem gro­ßen Schadenfeuer, das voriges Jahr am 4. Jun in der Stadt Tann (Rhön) wütete, brannte auch das Wohnhaus der Familie S. und A. Meies ab. Beide Familienväter reichten nun bei den Feuer* verficherungs-Gefellfchaften Schadens-Aufstellungen ein und führten dabei zahlreiche Gegenstände auf, die angeblich verbrannt oder gestohlen fein sollten. In Wirklichkeit waren aber verschiedene dieser Ge­genstände weder verbrannt noch gestohlen. Sowohl in der Voruntersuchung ro;e auch im gestrigen -ter* min vor dem Kleinen Schöffengericht entstanden große Widersprüche bei der Erörterung der ver- schiedenen Sachen. Der Vertreter der Staats*

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