NILS
9. Januar
Beilage zur Fuldaer Zeikung
Begegnung.
Schon wähnt' ich dich versunken
In einem fernen Land.
Nun fühl' ich freudetrunken
Doch wieder deine Hand.
Und deine Worte klingen Bezaubernd auf mich ein Mein Herz kann wieder singen Und wieder selig sein.
Die Frau als Familien-Erzieheriu.
Erziehung stützt sich auf Verständnis, Einsicht, Nachgiebigkeit, Geduld und Liebe und Konsequenz. Dazu bedarf es der Autorität der Frau im Rahmen der Familie. Unsere Zeit ist sehr geneigt, die Bedeutung der Frau als Familienerzieherin zu unterschätzen.
Es ist Pflicht jeder Frau und Mutter, ihren Kindern einen sittlichen Schatz fürs Leben mitzugeben. Das vermitteln dieses Schatzes ist das Höchste, was die Frau auf dem Gebiete der Familienerziehung leisten kann. Diese Erziehung bedarf, wie Marianne Hainisch so treffend sagt, keiner langatmigen Lehren, keiner besonderen Strafen, — sie wurzelt im Glauben des Kindes an die Eltern, der die natürliche Autorität bedeutet.
Autorität der Frau und Mutter stützt sich auf eine gute und verständnisvolle Führung. Sie muß auf den Wert und die innere Macht der Persönlichkeit, nicht auf
die äußere Macht und diktatorischer Gewalt aufgebout sein. Es ist das Merkmal einer richtigen autoritativen Erziehung, daß sie die Frau nicht blindlings kommandieren und regulieren läßt, sondern das Kind veranlaßt, auf Grund erarbeiteter Ueberzeugung zu handeln. Die Autorität der Frau und Mutter, die nicht auf Aeußerlichkei- ten, sondern auf innerem Wert beruht, wandelt das Kind zum Freund der erzieherischen Frau. Die heranreifende Jugend soll, wenn sie eines guten und erzieherischen Rates bedürftig ist, ihn bei der Frau als Familienerzieherin suchen, ihn nicht aufgedrängt erhalten.
Autorität ist im Werte gesunken. Man muß das ganze Zeitsystem und die „Diktatur" der Obrigkeit dafür verantwortlich machen und auch die Unkenntnis, die die neue Generation gegenüber dem Begriff „Autorität" zeigt. Richtige und rechte Autorität ist nirgends zu entbehren, nicht in der Familie, nicht in der Schule, nicht im Gemeinde- und Staatswesen, wichtige Autorität ist im tiefsten Grunde nichts anderes als die Freundschaft eines überlegenen Urteils, begründet auf reifer Erfahrung.
Keinem Zeit- und Sittenwandel ist die Autorität unterworfen. Eine Erziehung, die den Versuch helfend, beratend, fördernd einzugreifen ablehnt, verurteilt die Autorität, die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls durch Rat un8 Beispiel. Wo die Autorität der Frau als Familienerzieherin nicht vorhanden ist, kann es wohl Familie geben im oberflächlich-gesellschaftlichen Sinn, nicht aber in rein menschlicher Bedeutung . . .
M. Agnes.
Sie katholische Frau und die Not der Zeit.
Von Dr. Hans Friedrich Bergemann-Berlin.
Wir leben augenblicklich in einer schweren wirtschaftlichen Notzeit, die nicht nur den Staat und die Gemeinden aufs Schlimmste erschüttert, die vielmehr auch tief in das Familienleben eingreift. Man braucht nur an die Arbeitslosigkeit überall in deutschen Landen zu erinnern, um zu wissen, daß zehntausende von Familien buchstäblich um ihr armseliges Stückchen Brot ringen müssen, daß hunderttausende nicht wissen, wovon sie sich am nächsten Tage nähren sollen. Die wirtschaftliche Not hat sich allenthalben zur Volksnot ausgewachsen und es bedarf nur eines Ganges auf die Wohlfahrtsämter oder zu einer sozialkaritativen Anstalt, um festzustellen, wie ungemein schwer diese Sorgen in das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit eingreifen. Wohl sucht man nun die Not zu lindern, aber weder die staatlichen, noch die privaten Mittel sind ausreichend, um all die Armen, Geplagten und Niedergedrückten zu erreichen, um überall da zu helfen, wo materielle Not herrscht. „Erbarmet euch in diesem Winter eurer notleidenden Mitbrüder und Mitschwestern", sagt der Kölner Kardinal Dr. Schulte vor wenigen Tagen in einem lesenswerten Hirtenbrief, ein Mahnwort, das gerade bei der katholischen Frau auf fruchtbaren Boden fallen sollte. Denn neben der leiblichen Not gibt es auch eine geistige Not zu stillen, eine Aufgabe, die der Frau umso eher zufallen muß, als sie in vielen Fällen leichter den Zugang zum Herzen der Mühseligen und Beladenen findet, also aus ihrem reichen Frauentum heraus, den Balsam eines tröstenden Wortes zu gewähren weiß. Es hat einen ganz anderen Sinn, wenn eine praktische Hausfrau und Mutter zu einer notleidenden Familie kommt und nun einmal alle Standesunterschiede beiseite läßt, um in Rede und Gegenrede festzustellen, wo es fehlt, und wo Hilfe am dringendsten nötig ist. Und gerade die Frau, die sich vielleicht bisher allen sozialkaritativen Ausgaben fern gehalten hat, wird, wenn sie mit einem klaren Blick und gesundem Sinn die Verhältnisse überblickt, in allererster Linie geeignet sein, als tätige Helferin einzugreifen. Dies kann natürlich — und vielerorts wird dies wohl auch das zweckmäßigste fein — in Verbindung mit einem bestehenden sozialen Verband, etwa den Elisabethvereinen ober örtlichen Nothilfen geschehen, kann aber auch aus eigener Initiative heraus besorgt werden, wenn sich die Frau die Mühe macht, die Armen und Notleidenden ihrer näheren Lebenssphäre aufzusuchen.
Aber noch eine andere Mahnung steht ebenfalls im Hirtenbrief des Kölner Kardinals. Er sagt: „Ebenso wichtig, fast noch wichtiger als Mildtätigkeit erscheint mir heutzutage die stille und ständige Rücksichtnahme auf die große Volksnot durch die Art der Lebenshaltung. „Erbittere den Armen in feiner Armut nicht", heißt eine ernste Warnung und Mahnung in der hl. Schrift. Wo
fo viele Herzen weh und wund find, wo so viele Mitbürger, vielleicht in eurer unmittelbaren Nähe frieren und darben, da wollt ihr, weil ihr bisher von der Not verschont geblieben seid, doch gewiß nicht in gedankenloser Eigenliebe dem Vergnügen nachjagen und dafür Geld vergeuden. Ueberhaupt ist es für alle Volkskreise wichtig, ihre Ausgaben zu beschränken und größte Einfachheit und Sparsamkeit walten zu lassen". Diesen Worten ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Sie sprechen eine klare deutliche Sprache! Jede Frau sollte es sich einmal ernsthaft Überlegen, welchen Eindruck es auf die Armen machen muß, wenn sie sehen müssen, daß gewisse Vergnügungslokale in den Städten noch immer überfüllt sind und wenn sie gleichzeitig feststellen können, daß sich in der luxuriösen Lebenshaltung gewisser Kreise nichts, aber auch garmchts geändert hat. Gewiß soll einem harmlosen Vergnügen keinerlei Hindernis in den Weg gelegt werden, aber es ist in heutiger Zeit, bei aller billigen Rücksichtnahme auf die wirtschaftlichen Forderungen des beteiligten Gewerbes, wirklich nicht notwendig, daß schon sofort nach Neujahr in einigen Städten die ersten Maskenbälle stattsinden, ebensowenig wie es erforderlich ist, daß Sonntag für Sonntag auf dem Lande Tanzmusiken stattfinden, die natürlich auch mit den verschiedensten alkoholischen Exzessen verbunden sind. Eine einfache, bescheidene, gesunde und dabei doch fröhliche Lebensweise tut uns not, die des lieben Nächsten nicht vergißt, die aber auch getragen ist von der Erkenntnis, daß die gemeinsame Not nur durch die Hilfe aller für alle überwunden werden kann. Und daß diese Erkenntnis Gemeingut all der Menschen wird, die bisher noch gedankenlos in den Tag hineinleben, dazu ist die Frau berufen und ganz besonders die katholische Frau als Trägerin der Gedanken einer wahrhaft christlichen Nächstenliebe.
Kleine Wunden im Haushalk.
Von Dr. med. F. Moser- Berlin.
Kleine Wunden im Haushalt, die sich die Hausfrau ober auch der dienstbare Geist, Tag für Tag zu ziehen können, werden im allgemeinen nicht sehr beachtet. Man betrachtet sie als etwas Selbstverständliches, bas notwendigerweise mit der Arbeit hingenommen werden muß. Wenns hoch kommt, lutscht man eine Wunde aus und bindet ein Läppchen darum, das in der Regel noch nicht einmal sauber ist, nach Auffassung der Hausfrau gerade noch gut genug, um ein wenig Blut aufzufangen und bann fortgeworfen zu werden.
Hand aufs Herz, liebe Hausfrau, ist es fo ober ist es etwa nicht so? Hast bu immer bie kleinen Wunden, einen, Riß, einen Schnitt, einen Splitter usw. so be
handelt, wie es den Gesetzen der Hygiene einigermaßen enffpricht? Da will ich dir einmal eine kleine Geschichte erzählen! Als junger Assistenzarzt wurde ich eines Nachts aus dem Bette zu einer eben eingelieferten jungen 23jährigen Frau gerufen, die plötzlich eine Riesenschwellung des linken Armes bekommen hatte, sodaß als die Schmerzen immer mehr zunahmen, der Arzt gerufen wurde Der hat bann festgestellt, baß bie Frau iich vor drei Tagen beim Gemüfeputzen geschnitten hatte. Sie achtete die Wunde nicht, verband sie nachlässig mit einem Stückchen Leinenlappen, den sie unter dem Putzzeug sand und ging wie immer ihrer Arbeit nach. Wenige Stunden später verspürte sie Schmerzen, bie immer stärker wurden, doch wurde der Arzt erst herbeigeholt, als sie es vor Schmerzen kaum noch aushalten konnte. Am nächsten Vormittag hat ihr der Chirurg bann den Arm ab genommen, eine Operation, bie damals mit großen Schmerzen verbunden war. Aber es mar schon vergeblich. Das Blut war vergiftet! Nach fünf Tagen ift die junge Frau in der Hochblüte ihres Lebens gestorben.
Das ist eine ganz einfache, schlichte Geschichte, deren Tragik erst der ganz versteht, der den Jammer des jungen Ehemannes gesehen hat. Und trotzdem brauchte dieser tragffche Fall Überhaupt nicht einzutreten, wenn die Frau aus ihrer Hausapotheke, die in keiner Familie fehlen darf, ein wenig essigsaure Tonerde verdünnt, wenn sie die Wunde sorgfältig ausgewaschen und ein Stückchen reinen Verbandsmull darum gebunden hätte, den man in jeder Drogerie für einige Pfennige haben kann. Die Wunde wäre in wenigen Tagen verheilt gewesen und es hätten sich voraussichtlich keinerlei Komplikationen eingestellt.
Sauberkeit ist allerdings bei jeder Verwundung im Haushalt notwendig. Es muß als ein großer Unfug bezeichnet werden, wenn z. B. die beliebte Stopfnadel als Instrument zur (Entfernung von Splittern herhalten muß, dieselbe Stopfnadel, die vorher vielleicht zum Stopfen eines Strumpfes benutzt wurde, dessen rnirkos- kopisch feine Wollfasern vielleicht ungewaschen und un- desinfiziert an ihr kleben. Dabei kostet eine kleine, eigens zu diesem Zwecke gehaltene Pinzette, die man zudem jebesjeit auskochen, also steril machen kann, ganz gewiß nicht die Welt.
Es ist vieffach nur die liebe Bequemlichkeit und e’ne schwer wieder gutzumachende Unüberlegtheit, wenn in diesen Dingen im Haushalt nicht mit der größten Sorgfalt vorgegangen wirb, die sich 99 mal gut anlassen kann, im hundertsten Falle aber zu dem oben geschilderten tragischen Ende führt. Ein Menschenleben aber sollte doch so wertvoll sein, daß man cs nicht auf diese leichtfertige Art in bie Schanze schlägt.
Die Pflege der Herren-Anzüge.
Von Lieselotte H e n n o ch.
Die Kleider, die der Mann trägt, werben von der guten und vorsorglichen Hausfrau in Ordnung gehalten Das gehört zu einem Teil ihrer Pflichten, und sie hat Sorge dafür zu tragen, daß die Sachen des Mannes in einem tadellosen Zustande sind.
Wie werden nun bie Herrenanzüge gepflegt?
In der kalten Jahreszett kommen die wärmeren Stoffe, die dunklen Anzüge und bie Wintermäntel wieder in den Gebrauch. Sie sind schwerer zu behandeln, als das Material, aus dem die Sommersachen gefertigt sind. Andererseits behalten sie besser Form und sie sind zudem weniger empfindlich.
Dunkle Anzüge
müssen vor allen Dingen fleckenlos fein. Die Hausfrau muß wöchentlich einmal den Anzug einer gründlichen Reinigung unterziehen. Das Klopfen geschehe mit einem bezogenen Klopfer. Die Knöpfe werden mit besonderer Vorsicht behandelt, damit sie beim Klopfen nicht zerbrechen. Die Taschen'werden umgekehrt, die Nähte aus« gebürstet. Kleine Reparaturen an der Innentasche sind sofort vorzunehmen, damtt das Futter nicht einreißt. Aeuhere Reparaturen sollen, solange der Schaden noch klein ist, der sachkundigen Hand des Schneiders übermittelt werden. Erstens einmal sieht eine zerrissene Tasche sehr schlecht aus, und dann verhindert man einen größeren Schaden, wenn man sie sofort ausbessern läßt. Die Knöpfe werben auf Stiel genäht, sofern sie lose sind. Der lose Knopf soll ab getrennt und neu aufgenäht werden. Ein baumelnder Knopf fft schon aus dem Grunde schwer zu befestigen, weil der lose Faden der Nadel entgegenarbeitet. Niemals darf der Knops
durch bas Futter genäht werden. Das ist eine biletan- tische und schlechte arbeit Wenn der Anzug geklopft und repariert ist, bekommt er seine zweite Reinigung. Zu diesem Zweck wird er auf einen mit einem sauberem Tuch bedeckten Tisch gelegt und glatt mit dem Strich gebürstet. Die Bürste muß vorher nachgesehen werden, damit sie sich in einem tadellos sauberen Zustande be» finbe. Flecken entferne man mit einer Lösung von Salmiak und Wasser. Wasser und Salmiak werden zu gleichen Teilen in eine Schale gegossen und mit einem Läppchen, am besten in der Farbe des Anzuges, kann der Reinigungsprozeß vorgenommen werden. Man tupfe die Lösung- aus den Flecken, reibe aber nicht darauf herum, damit das Abgehen der Wolle verhindert wird. Schwere Flecken, besonders Flecken von Fett ober Oel, reinige man mit einer Benzinlösung und zwar zwei Teile Benzin auf einen Teil Wasser. Auch hierbei empfiehlt sich das Tupfen, während das Reiben stets Nachteile mit sich bringt. Aus doppelten Gründen nehme man die Benzinbehandlung am offenen Fenster vor: Das birgt keine Feuersgefahr in sich, und zudem verdunstet Benzin bei Luftzufuhr viel schneller, sodaß die Flecken rasch verschwinden.
Das Beinkleid
soll von seinem Besitzer allabendlich in den Streckbügel gespannt werden. Die Falten werden gut eingelegt, und das Beinkleid kommt in die Nähe des Fensters, wo es frei hängen soll. Der Saum und der Umschlag müssen von Zeit zu Zeit auf ihre Tadellosigkeit hin untersucht weihen, da die „ausgefranste Hose" immer den Eindruck des Ungepflegten hervorruft.
Der Mantel
behält nur bann feine Form, wenn er unmittelbar nach bem Tragen auf einen Bügel gebracht wird. Wenn man ihn auch „vorläufig" nur hinhängt, weil man ihn vielleicht noch einmal anziehen will, um fortzugehen, so soll er auch in der „Vorläufigkeit" die Wohltat des Bügels bekommen. Auf den richtigen Sitz des Kragens und der Reverse soll besonders geachtet werden. Das Reinigen des Mantels geschehe durch ein vorsichtiges Klopsen mit dem bezogenen Klopfer, während das Bür- sten sich meistens als überflüssig erweist. Spritzer von Feuchtigkeit und Straßenschmutz sollen mit einem wollenen Läppchen ausgerieben werden.
Diese kleinen Handgriffe bedeuten für den Mann eine ungeheuere Hilfe. Häufig auch eine große Ersparnis, weil sie Anzüge und Mäntel ihre Form und ihre Untadelhaftigkeit weit länger behalten.
Praktische Winke.
Schlechten Geruch aus Flaschen zu entfernen. Die Flasche wird bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, bem man einige Löffel Senfmehl zusetzt. Dann wird die Flasche verkorkt und einige Minuten gut durchgeschüttelt. Sie bleibt hierauf eine Stunde verschlossen stehen. Dann wird das Wasser herausgeschüttet und sorgfältig mit warmem und foltern Wasser nachgespült. Jeder unangenehme Geruch wird dann verschwunden sein.
Naßgewordene Federn zu kräuseln. Natzgewordene Federn, insbesondere Federpelze, Boas, Straußfedern usw. werden im Haushalt auf neu geträufelt, indem man sie noch feucht gut mit Kochsalz einreibt, lieber bem offenen Herdfeuer — Vorsicht, damit nichts an* brennt — werden sie dann so lange geschüttelt, bis sie trocken geworden und die letzten Salzreste herausge- fallen sind. #
Die Fenster im Winter. Um das lästige Gefrieren der Fenster zu verhindern, werden sie mit einer Spiri- tuslösung abgerieben, in denen einige Tropfen Bernsteinöl und ein Löffel Glyzerin aufgelöst sind. Gefrorene Fenster werden mit einem in heißes Salzwasser getauchten Schwamm aufgetaut. Das Anlaufen der Fenster verhütet man durch das sorgfältige Verreiben eines Tropfens Glyzerin mit einem weichen Wollappen. Anstelle des Glyzerins kann man auch einen Zeitungsbogen nehmen, der in Spiritus eingeweicht und gut ausgedrückt ist. Ein Nachreiben hat bann zu unterbleiben.
Heiteres»
Karlchen: „Du Onkel zeig' mir doch einmal deine Rie» fenstiefel"! Onkel: „Aber Junge, wie kommst Du denn auf diesen sonderbaren Einfall? Ich trage doch immer nur Schuhe!"
Karlchen: „. . . Bloß Schuhe, Mama hat doch erst gestern zu Papa gesagt, er solle sich in achtnehmen, wenn er mit dir ausgeht, denn du verträgst einen riesigen Stiefel.....I"
Enrica von Handel-MazzeM.
Der Dank der Deutschen an ihrem 60. Geburtstag.
Am 10. Januar richten sich die Herzen des ganzen geistigen Deutschland nach Linz an der Donau, um der großen österreichischen Frau zu danken für das, was sie unserem deutschen Volke gegeben hat: ein ragendes, Herzen erwärmendes, Willen bezwingendes Bild jener Tugend, der gerade wir Heutigen — wieder einmal in um
'erer Geschichte — so bitter entraten, der Achtung vor lern andersdenkenden Bruder.
Auch dem Kurzsichtigen hat das vergangene Jahr die Abgrundtiefe gezeigt, zu der die Spaltungen in unserem Volke ausgerissen sind. Der fanatische Kampf um den Weg aus der Not unseres Landes, die Gemeinheit, zu
der wir uns habet in bem politischen Meinungsstreit vergreifen, hat uns wieder in eine babylonische Sprach- roirrung geführt, wie sie damals über unser Volk kam: im Zeitalter der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges. Eben jenes Enffetzliche, unfer ganzes völkffche Sein in Frage stellende Jahrhundert der aufeinanderprallenden Gegensätze aber, an das man ängstlich nicht rühren mag, hat Enrica v. Handel-Mazzetti ausgesucht. Wir erkennen darin das Bild unserer Zeit und sehen — bei allem neu aufblutenden Weh — zu unferm Trost wie Ermahnen, wie diese Frau es mit eisernem Griff bezwingt.
Die Romane ,Hesse und Maria" und „Die arme Margret" sind wirklich nicht nur eine künstlerische Tat ersten Ranges. Damit sie das sein konnten, mußte die in ihnen sich auswirkende Dichterkrast zu jener Höhe reinen Menschtums gereift sein, nach der wir heute so sehnend auf-, ja aus,(bauen. Es geht darin um die Tragik, die uns Deutschen bei unserer maßlosen Gründlichkeit und unersättlichenChrlichkeit unabwendbar scheint. Wir kennen dies schicksalhafte Entweder-Oder. Entweder ist der Andersdenkende unser Gegner, d. h. Feind; ober er ist der unglücklich Irrende, den aus den rechten Weg zu führen geradezu Gebot der Nächstenliebe erscheint; schließlich wird es unserem Eifer unerklärlich, baß Gott dem „wirklich guten" Menschen nicht sollte die Gnade der Erkenntnis verleihen; er - muß also ein schlechtes Wesen fein. So geraten wir blind in einen Hochmut, vor dessen Unerbittlichkeit keiner so sehr gewarnt hat als eben der, um den es gebt: Christus.
„Die Liebe ist in Wahrheit ein überaus köstliches Gut; nichts ist süßer als bie Liebe, nichts stärker, nicht; erhabener nichts bester im Himmel und auf Erden. Denn sie ist aus Gott geboren. Seine Mühe achtet sie, klagt nicht über Unmöglichkeit; sie bringt alle Dinge zustande.
Wie eine brennende Fackel flammt sie empor, trotz aller Mühsal und Hindernisse". Diese Sätze aus Thomas v. Kempens „Nachfolge Christi" führen an der entscheidenden Stelle des ersten großen Romanes unserer Dichterin, „Meinrad Helmpergers denkwürdiges Jahr", die Entscheidung herbei. Diese Sätze beschließen bie Weltanschauung der Dichterin in sich. Noch wuchtiger erscheint sie in „Jesse und Marie". In diesen beiden stehen sich Protestant und Katholik gegenüber, beide wertvolle Menschen, beide von der Wahrheit ihrer Bekenntnisse aufs höchste überzeugt, beide darum innerlich verpflichtet, für die Ausbreitung ihres Glaubens zu sorgen. Da sie nicht zu dem Ziel kommt, schlägt ihre Liebe zur Wahrheit um in Haß gegen den Andersdenkenden; Maria ruft das Ketzergericht gegen Jeffe an. Auf dem Wege besucht sie ihren Bruder, einen Kapuzinerpater. Dieser hat bas Ideal des geistlichen Standes erreicht: alle Selbstsucht, auch der Blutsliebe, abzufterben, dafür aber wirklich alle Nächsten zu lieben wie sich selbst. Durch alle anders scheinenden Aeußerlichkeiten fühlt er bei feiner Schwester den Hochmut durch, und zu tiefunterft das Rachegefühl für die Gefährdung ihres Gatten durch den Ketzer. „Um denselben Menschen — den lutherischen, falls sie ihn abstrafen, wirst meinen." Und als sich Maria beschwert, daß er ihr keine brüderliche Liebe erweise, fährt er fort: „Weißt du es denn nicht, daß wir geistlichen Männer Brüder und Schwestern dem Fleische nach nicht haben? In Christo aber sind alle Menschen unsere Gebrüdern, und ist gleich, ob es Gute ober Böse, Heilige ober Mörder, Christen ober Ketzer sein. Maria, der Ketzer, von dem bu hast gerebt, ist auch dein Bruder."
Die Dichterin läßt uns diesen Kampf hier so wenig wie in der „Armen Margret" als eine geschichtliche Angelegenheit sehen. Das ist es. was wir ihr danken. Auch Ricarda Huch kennt wie sie diese Zeit bis in die Gewand- falten genau. Aber ihr „Großer Krieg" kommt nicht heraus aus der Ferne selbstzwecklicher Historie, des „Objektiven", d. h. Relativen. Von Enrica v. Handel aber rühmte Erich Schmidt, der damalige Literaturpapst Deutschlands, in der „Deutschen Rundschau", seit langem sei „kein poetisches Werk erschienen, worin Zustände und
Menschen, Gegensätze und Ereignisse einer fernen Zeit mit solcher Gewalt aufgefaßt und mit solcher seelilchen Durchdringung eines Stückes Kulturgeschichte vergegenwärtigt wären als hier". Das war unerhört in einer Zeit, als der Roman den Stempel der Alltäglichkeit in Gedankenwelt und Sprache trug. Diese Frau hatte den Mut der Vollgewalt des Ausdrucks. Wo Ricarda Huch die Empfindung ihrer Gestalten durch die Kühle der indirekten Rede von uns abrückt, reißt uns die handel mit durch die pochende Wärme des dramatischen Dialogs, hinein in bie Kämpfe der Herzen und die Wehmut der tragischen Schicksale, daß wir sie mitleben, mit leiden müssen. Zur Reinigung unserer Seele.
Es war ihr eigenes Leben, das die Tochter des erz- katholifchen Generalstabshauptmanns in den geschichtlichen Stoff dichtete. Sie erlebte den Gegensatz des katholischen Vater-Erbes zu dem des freisinnigen Jofe- finismus ihrer Mutter. Sie mußte aber noch fo viel andere Menschen heben und achten, die sich nicht streng zu ihrem katholischen Glaubensbekenntnis hielten. Und sie sah, wie Siebe und Lauterkeit der Gesinnung im wirklichen Leben solche Gegensätze überbrücken; sie erlebte bei ihrer Mutter eine religiöse Umkehr ohne jeden Zwang, nur durch das lebendige Beispiel. Nicht also nur, wie Erich Schmidt meinte, „Rang und Wesen einer wahren Freifrau" hoben sie hinaus aus der Niederung menschlicher Kleinheit. Das hätte höchstens zu einem neuen „Nathan" geführt. Ihre Leidenschaft hat bie Zündung nicht in der Humanität, sondern in jenem überirdischen Bereich, aus dem allein uns Kraft zuströmt, in das Wesen auch des Fremden einzudringen, es zu lieben um seines Daseins willen als Mitgeschöpf desselben Gott-Vaters. Das ist jene wunderbare Liebe, die wir die franziskanische nennen, die uns nicht blendet, sondern sehend macht, hellsehend.
Daß sie uns notgepettschte, boktrin- und intereffe- blinde Menschen den Glauben an diese Liebe gab, das danken wir der österreichischen Dichterin: nicht weniger als den Lebensgrund unserer deutschen und europäischen Zukunft. Dr. Wilhelm Schulte.