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irr. 4

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt)

Dienstag, den 6. Januar 1931

Aktive deutsche Außenpolitik.

Oer Führer des Zentrums, Prälat Dr. Kaas, gibt in Kassel bemerkenswerte Richtlinien sür die außenpolitische Stellungnahme unserer Partei. — Nicht „Wunsch-Ziele", sondern Mindestziele.

In den letzten Tagen waren in Kassel aus al­len Teilen des Reiches die an verantwortungs­vollen Posten der Zentrumspartei stehenden Per­sönlichkeiten um die Führer versammelt, um sich in dieser verworrenen Zeit über die entscheidenden Fragen des öffentlichen Lebens klar zu werden. Sowohl der Chef der Deutschen Zentrumspartei Prälat K a a s , als auch der Chef des preußischen Zentrums, D r. Heß, nahmen an den Verhand- lungen bestimmenden Anteil, wodurch die Bedeut­samkeit der Auseinandersetzungen hinlänglich ge­kennzeichnet sein dürfte. Von sachkundigen Re­ferenten wurden die Erscheinungen des politischen Lebens der Gegenwart in ihrer Grundlage dar­gelegt, namentlich dem Nationalsozialis­mus, seinen mannigfaltigen geistigen Quellen, seinen Folgerungen, seinen Aussichten, seinen u n- bewußten und bewußten Helfern und Fördern weitgehende Beachtung geschenkt.

Die Kasseler Parteifreunde unter ihrem Vor­sitzenden Rektor Dietrich hatten die Tagung mit Sorgfalt und innerer Anteilnahme vorbereitet.

Jeder Teilnehmer spürte unwillkürlich die liebe­volle Vorbereitung und an aufrichtigem Dank wird es den Kasseler Freunden nicht fehlen. Würdig und eindrucksvoll war auch die öffentliche Kundgebung, die am Abend des Samstags im Evangelischen Vereinshaus stattfand. Die große Halle war voll besetzt. Außer den Kasseler Ka­tholiken aus allen Ständen waren auch Persönlich­keiten aus anderen Lagern erschienen, vorab Re- gierlLcgs-Präsident Dr. Friedensburg. Es sprachen der Arbeiterführer Joos, der Mann der Wirt­schaft, Geheimer Finanzrat Bürgers und der Parteichef Prälat Dr. Kaas. lieber die örtliche Auf­gabe der Kasseler Veranstaltung hinaus gingen be­sonders auch die Ausführungen des Prälaten Kaas über die Außenpolitik. Angesichts der oft recht primitiven Auffassungen, die über Ausgangs­punkt, Methoden und Ziel der deutschen Außen­politik in der Nachkriegszeit in weiten Kreisen noch bestehen, sollten sie mit Aufmerksamkeit gelesen werden.

Prälat Dr. Kaas, dem ein jugendlicher Natio­nalsozialist häufig Zwischenrufe machtes der Zwi­schenrufer wird keine angenehme Erinnerung an diese Auseinandersetzung mit nach Hause genom­men haben) erklärte u. a.:

Wenn man die Agitatoren der äußer­sten Linken und Rechten hört, möchte man annehmen, daß im ganzen vergangenen Jahrzehnt für Deutschlands Wieder­aufbau und Befreiung nichts getan sei. Ich glaube, Sie kennen alle meine Stellungnahme zur auswärtigen Politik, zu dem Kämpfe um die langsam ansteigende Befreiung Deutschlands von den Fesseln des Versailler Vertrages. Das ist das vergiftende, das unser Volk auseinanderreißende Moment in dem gegenwärtigen Kampfe,

daß man aus einer Methodenfrage eine Gesiunungsfrage macht.

Es gibt keinen unter uns, und da nehme ich eine Partei aus, der nicht aus innerstem Her­ren seinem Volke möglichst schnelle Befreiung wünschte. Aber Politik heißt nicht Wünsche aus- fprechen und Ziele aufstellen, Politik heißt Wege suchen und finden und bahnen durch ungeheure Schwierigkeiten und Dickichte bis zum praktischen und greifbaren Erfolge.

Ja, es ist langsam vorwärts gegangen mit dem, was die Regierung getan. Das leugnet keiner von uns, aber dann sind Sie, Herr Zwischenrufer, verpflichtet, uns einen Weg zu zeigen, auf dem das Tempo beschleunigt werden kann. Rach diesem Wege suche ich, suche ich seit dem 14. September in den Reden der äußer st en Rechten.

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Und ich suche darin nach einer Uebereinftimmung zwischen dem, was heute, und dem, was imWahl- kampse geredet worden ist. Seien Sie vorsichtig mit Ihrer Forderung nach Beschleunigung des Tempos und mit Ihren Zeitrechnungen.

Von der Tribüne eines Versamm­lungslokales sehen die Dinge sich viel simpler an, als wenn man sei bst die politischen Dinge mitgestaltet.

Das Ausland hat über den deutschen Wieder­aufbau trotz aller Mühen und Rückschläge ein Urteil gefällt, das der Wahrheit viel näher liegt. Da ich dem politischen Gegner gern alles mögliche konzediere, will ich auf das Zeugnis eines ita­lienischen Staatsmannes zurückgreifen, der gesagt hat: „Ich weiß nicht, wann Deutschland größer war, während des Krieges, wo es mit seiner Wehrmacht eine ganze Welt in Schach gehalten hat, oder während der furchtbaren Jahre der Nachkriegszeit, wo es einen Wiederaufbau durch­geführt hat, der ohnegleichen war." Mussolini, der für die radikale Rechte eine große Autorität ist, hat den Kampf Brünings um das Sanierungs­programm in geradezu bewundernden Worten gefeiert. — Und Sie, Herr Zwisch enrufer, Sie sagen: Die Regierung, die tut ja nichts! Alles geht zu langsam!

wir müssen den Mut und die Wahrhaftigkeit haben, uns vor Augen zu führen, aus welchen Nie­derungen wir haben emporsteigen müssen, um überhaupt den heutigen Stand zu erreichen.

wenn man mit Methoden vorge^angen wäre, die heute von der äußersten Rechten empfohlen werden, wer würde zu hoffen wagen, daß wirheutenocheinepo-

litische Einheit wären.

wir haben zweimal ein Fehlkalkül großen Aus­maßes angestellt. Das erste Rlal war es im Krieg, und am Ende dieses falschen Kalküls stand der Zu­sammenbruch. Die zweite falsche Rech­nung war der Ruhrkampf. Niemals werde ich über den Ruhrkampf ein verurteilendes Wort sprechen, seine moralische Bedeutung steht trotz seines Ausganges über allem Zweifel, aber es läßt sich nicht leugnen: wir hakten unsere Kräfte überschätzt, und die furchtbaren Folgen haben sich in der Inflation und in der Z e r st ö r u n g einer ungeheuren Menge deutscher Vermögenssubstanz gezeigt. Solche Spu­ren sollten schrecken, sollten wenigstens erreichen, daß man, bevor man von neuem eine große Kraft­probe wagt, feine Kräfte mißt und die des Geg­ners. wir alle wollen die deutsche Freiheit, aber davon sind wir noch mellenweit entfernt, wir ha­ben noch unendliche Etappen ’u durchlaufen bis zur Befreiung. Aber wir wissen auch,

wer zuviel auf einmal wagt, wer mit dem ehrlichen Vollen nicht auch ein nüchternes wägen verbandet, mag in seinem Gewissen ehrlich und rein sein, aber er ist kein politischer Führer, sondern ein, wenn auch gut gläubiger Illusionär.

Und am Ende des Weges, den er führen w'rd, wird Enttäuschung und Jammer stehen. Und diese Verantwortung ist es, die allein uns den weg, die Methoden, das Tempo unserem Befrei­ungskämpfe vorschreibt.

Es gibt keinen weg, als den, dem deutschen Volke klar zu sagen, daß so wie in der Vergangen­heit auch in der nächsten Zukunft nur auf dem Wege der Verständigung, des geistigen RIn­ge n s mit dem Gegner das Schicksal Deutschlands langsam gebessert werden kann. In dem Augen-

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blick, wo wir frontal gegen den Versail­ler Vertrag anrennen, werden wir an die­sem Felsen zerschmettern. Es gibt nur ens: sich mit den vernünftigen fireifen des Auslandes zusammenzutun, um ihnen klar zu machen, daß unsere Katastrophe auch ihre Katastrophe ist, daß unsere Gesundung auch ihre Gesundung ist.

Tatsächlich ist es doch so, bah die große Wirt schaftskrije gar nicht mehr zu meistern ist, wenn die Anarchie der Welkwirtschafi nicht beseitigt wird durch eine planvolle Regelung auf dem Wege der Verständigung zwischen den einzelnen Kul­turstaaten.

Deutschlands außenpoliksiche Ziele sind flat. Ich meine h-er nicht die Wunschziele gewisser Kreise, sondern diejenigen Mindestziele, ohne die ich mir keine beuffdie Freiheit denken kann. Aber die Me­thoden wollen mit nüchterner Sachlichkeit gewählt und überlegt fe’n, um nicht an bas Ende einer fol Aktion Enttäuschung und Zusammenbruch bruch zu sehen.

Ich gebe zu daß das, was sich heute immer wieder in Deutschland gegen die Gewaltpolitik von Versailles und gegen den Unverstand der Sieger­staaten r'chket, nicht oemacht ist: das ist gewach­sen, das ist Wirklichkeit, der man in irgend einer weise Erfüllung geben muß. will man nicht die erplosiven Wirkungen in Kauf nehmen die sich aus enttäukchten Ansprüchen an die Weltgerechtig­keit ron selbst ergehen.

Ich habe vor ein paar Tagen, ohne zu ahnen, welches Echo unter Umständen entstehen könnte, in einem Vorwort zu dem außenpolitischen Werk eines Iournalisten auf das Beispiel Samsons hingewie­sen, wenn der Unverstand der Gegenseite Deutsch­land zur Hoffnungslosigkeit verurteilt-, dann kannte der Augenblick kommen, wo die Hüter des status guo unter den Trümmern des eigenen Hauses wr- fchwettert werden könnten. In dem gleichen Vor­wort steh' "b-r klar und deutlich mein Bekennt nis zur Verständigung und friedlichen Befreiungspolitik, so daß bezeichnender­weise die Rote Fahne fante. es Jein ein Anbiede­rungsversuch an Frankreich, während französisch" Blätter schrieben, es fei eine klare militärische Dro- hung gegen Frankreich.

Ls gibt keinen anderen Weg für die deutsche Befreiung, als den des geistigen Ringens um Ge­rechtigkeit. Aber es gibt auch Entwicklungsphafen in der Weltgeschichte, wo. wenn die Gerechtigkeit

zu brutal verletzt wird, mit der Macht eines Na­turereignisses sich Gemütsrxplosionen zeigen, gegen die keine vernunstspolitik anzukommen weiß.

wir nähern uns diesem barometrischen Tiefstand in Deutschland. Drüben in Rußland sehen wir, wessen eine solche Stimmung fähig .st. Glaubt man denn in Frankreich auf einer I n- felder Seligen leben zu können, wenn Oft- uud Mitteleuropa vom bolfchewistifchen Brande erfaßt würben? Glaubt man, baß bet Funke dieses Brandes nicht auch bas eigene Dach entzünden werde? Diejenigen, die in bet Hütung des status guo den Gipfel bet politischen Weis­heit erblicken, beneide ich nicht um diese Weis­heit, denn es könnte ein Tag kommen, wo sie aus­wachen und sehen, daß sie ein leeres Grab bewa­chen."

Ich hoffe, baß biefer Augenblick, wo ich mit ge- mcinsamen Freunben hier vor unseren Kasseler Barteifreunben aus ber politischen und religiösen Diaspora Rechnung lege, für uns alle ein Anlaß ist, sich darüber klar zu werden, daß es letzten Endes heute gar nicht mehr um die Partei geht, sondern um die Arbeit, die für Volk und Vater­land zu leisten ist. Das ist ja eigentlich die Signa» für des Kabinetts Brüning und feiner Regierung», arbeit. Es ist die Arbeit eines Zentrumsmannes, ja, es ist eine politische Arbeit, herausgewachsen aus den ethischen und politischen Ueberzeugungen des Zentrumsgedankens, aber es 5ft

eine Arbeit, deren primäres Profil bas Staatspolitische ist.

Im Iahre 1914 sagte ber Kaiser: „Ich kenne feine Parteien mehr, ick kenne nur ein Volk." heute, wenn man Deutschlaub ansieht, müßte man sagen: Ich kenne fein deutsches Volk mehr, ich kenne nur noch Parteien! (Sehr richtig!) was ist bas für eine politische Arbeit, bte letzten Endes nicht ber Sammlung, sondern der Zerreißung, nicht ber Zusammenschweißung bes nationa» (en Willens, fonbern ber Verhetzung b i e nf! wie wird man auf diesem Wege das ver­wirklichen, was man so aufdringlich bei der Wahl proklamiert hat: Deutschland erwache! Brot und Freiheit. Das würde ein furchtbares Cr- wachen fein!

Die Versammlung dankte bem Redner durch jubelnden Beifall.

Sie kommunistische SlreikhetzeinMuhrgMel

Abflauen bet Streikbewegung. — Oertliche Zwischenfälle und Zusammenstötze. — 3 Tote, mehrere Verletzte.

wtb Berlin, 5. Ian. zCig. Meldg.). Im Ge­gensatz zu arlarmierenben Nachrichten und lieber« schriften in der Presse über die Lage im Ruhr­gebiet, wird von unterrichteter, preußischer Seite darauf Hingeiviesen, daß es sich bei den kommuni­stischen Streiks nur um eine verhältnismäßig g e- ringfügige Bewegung handelt, dis im we­sentlichen nur im nördlichen Ruhrgebiet Erfolg ge­habt hat. In den übrigen Gebieten herrscht über­all Ruhe und Arbeitswilligkeit. Auch in dem nördlichen Gebiet hat die Streikbewegung heute erheblich nachgelassen. Der Gesamtdurch­schnitt der Streikend en wird von den ört­lichen Behörden, die die Lage als durchaus nicht bedrohlich ansehen, auf h ö ch st e n s 9 Prozent der Belegschaften geschätzt.

Ueberall ist es der Polizei gelungen, die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Zu grö­ßeren Zusammenstößen ist es nirgends gekommen. Zwischenfälle, die lediglich lokaler Natur waren, konnten von der Polizei beigelegt werden, ohne daß Verstärkungen von außerhalb zugezogen zu werden brauchten.

Zusammenbruch des Streiks im Bezirk Recklinghausen.

wtb. Recklinghausen, 5. Januar. (Eig. Meld.) Die Streiklage im Präsidialbezirk Recklinghausen hat sich heute früh erheblich gebessert, so daß der Streik als zusammengebrochen bezeichnet werden kann. Auf den in diesem Bezirk liegenden 54 Zechen mit 91000 Bergleuten arbei­teten sämtliche Belegschaften. In Buer

ist der Streik ebenfalls abgeflaut. Auf der Zeche Westernholl arbeiteten von 1155 Bergleuten 420 nicht. Auf der Zeche Scholven von 1053 414, auf den übrigen Schachtanlagen ist alles angefahren. In Gladbeck wird mit Ausnahme der Zeche Zwickel überall gearbeitet. Auch in Bottrop ist auf den Prosperschächten die Arbeit überall wie­der ausgenommen worden. Es fehlten nur unge­fähr 65 Mann zur Frühschicht. Auch in ©elfen- kirchen ist der Streik erlahmt, da auch hier die Polizei große Sicherheitsmaßnahmen getroffen hatte. In Reckllnghausen wurden sechs Personen und in Buer vier Personen festgenommen. In Westerholt fand man heute früh einen Arbeits­willigen, der schwer verletzt wurde. Auch hier wur­den einige Personen sestgenommen.

Ein Sabotageakt.

Aus der Zeche Pluto in Wanne-Eickel wurden am Sonntag drei Förderwagen in den Schacht gestürzt. Durch den Sabotageakt ist die Förderung auf beiden Schächten der Zeche unterbrochen, da es sich bei dem betroffenen Schacht um die Förderanlage für beide Schächte handelt. Soweit es sich bis jetzt übersehen läßt, wird die Belegschaft bis zum Freitag mit der Arbeit aussetzen müssen.

Stegerwald im Ruhrgebiet.

wtb. Berlin, 5. Januar. (Eig. Meld.) Der Reichsarbeitsminister Stegerwald hat sich heute in das Ruhrgebiet begeben, um vor Beginn der Schlichtungsverhandlung en mit den Par­teien Fühlung zu nehmen.

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Thüring. Amtsgericht Geisa.

n i so Beschluß.

Das Konkursverfahren über das Vermögen des Land- und Gastwirts Bernhard Wilhelm Rauch in Birx wird nach Abhaltung des Schlußtermins hiermit auf ehoben.

Ostheim vor der Rhön, den 16. Dezember 1930.

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