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Anzeiger für die Stadt Aulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

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Erschein! sechsmal wöchentlich Wochenbeilagen:Die Welt im Bild" undBuchenblätter". Rotationsdruck und Berlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: «chrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Sonntag, 4. Januar 1931.

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58 Zahl!!.

Elf Jahre Völkerbund.

Von Sir Eric Drummond, dem Generalsekretär des Völkerbundes.

In dem Buche über den Völkerbund, von seinem Sekretariat unlängst herausgegeben, findet sich fol­gende Bemerkung:In diesem Jahrzehnt hat der Bund entschieden bedeutend an Stärke gewonnen, d. h. an Einfluß auf die öffentliche Meinung der Welt, auf die Regierungen und alle die Körper­schaften, durch welche die öffentliche Meinung han­delt."

Angesichts der Schwierigkeiten, unter denen die Welt heute leidet, mag diese Bemerkung reichlich kühn erscheinen, ich halte sie indes trotzdem für zweifellos richtig. Die Wirtschaftsdepression, unter der die Welt augenblicklich seufzt, trägt in erster Linie die Schuld an der politischen und sozialen Unruhe und sie hat geradezu so etwas wie einen Nervenanfall heraufbeschworen. Häufig hört man in diesen Tagen von drohender Kriegsgefahr spre­chen.

Ich bin ziemlich sicher, daß alle, die so leicht­sinnige Reden führen sich niemals ruhig überlegt haben, wie viel schwerer es heute dank dem Bestehen des Völkerbundes ist, einen Krieg zu ent­fesseln. Ich möchte meine Meinung etwas näher beleuchten. 1914 war dis Welt sehr gut für den Krieg, aber wenig für den Frieden gerüstet. Man kannte keine gegenseitige Verpflichtung der Re­gierungen, vor der Mobilisation Verhandlun­gen zu führen, und Versuche, die Parteien zu­sammenzubringen, wurden erschwert und schließlich vereitelt durch die Furcht, in militärisch ungünstiger Lage überrascht zu werden. Weil jedermann zu gut für den Krieg vorbereitet war, hielt man es schließlich für zu 'gefährlich, den Frieden aufrecht zu erhalten. Die Kriegsmaschine lief rasch und reibungslos und übte ihren Druck bereits zu Be­ginn jeder Krise aus. EineFriedensmaschine" gab es kaum; ste mußte von Fall zu Fall in der kriegerischen Atmosphäre improvisiert werden, un­ter Verhältnissen, wo die Zeit gegen sie arbeitete. Selbst wenn man nur eine einfache Konferenz zu Verhandlungen über eine Bedrohung des Friedens zusammenrufen wollte, waren erst Erörterungen über Zeit und Ort, die Tagesordnung, die hinzu- zuüehenden Mächte usw. nötig, abgefehen davon, daß die Staaten an sich schon eine Abneigung ge­gen derartigeKonferenzen hegten. Schließlich bestand auch noch die Tatsache, daß man die Völker nicht zu einer Zusammenkunft oder Einstellung kriegerischer Vorbereitungen zwingen konnte, um Zeit "für Verhandlungen zu gewinnen. Handelte es sich um die Erledigung von Streitigkeiten, so wurde die Sache noch vermittelter, denn wenn auch durch die Haager Verträge eine Art freiwilliger Gerichtsbar­keit eingeführt war, so bestand doch für keinen Staat der Zwang, fie auch in Anspruch zu nehmen. In her Tat galt allgemein die Auffassung, daß alle die Ehre oder Lebensinteressen berührenden Fra­gen also gerade die, welche am ehesten den Frie­den bedrohen unter keinen Umständen diesem Verfahren unterliegen sollten.

Demgegenüber betrachte man die gegenwärtige Lage: Man wolle zunächst an die Bemerkung Lord Greys und anderer Staatsmänner, deren Stellung im Jahre 1914 ihren Worten besonderes Gewicht verleiht, denken, daß der Krieg nicht aus- gebrochen sein würde, hätte esda m a l s f ch on einen Völkerbund gegeben. Taucht eine den Frieden drohende Krise auf, so steht die Maschi­nerie, sie zu behandeln, bereit, und nahezu alle Staaten sind verpflichtet, sich ihrer zu bedienen. Die Gewohnheit gemeinsamer Konferenzen, vor allem das Verfahren zur augenblicklichen Einberufung des Völkerbundsrats, die zu beobachtenden Regeln, für alles das herrscht heute so weitgehendes Ver­ständnis, daß kein in die Krise verwickelter Staat die Teilnahme an einer derartigen Konferenz ab­lehnen kann. Man vermag sich ferner kaum vor­zustellen, daß er sich weigert, die auf den Völker­bundsvertrag beruhenden Empfehlungen des Rats zu befolgen, und daß er während der Verhandlun- nen über die Krise kriegerische Vorbereitungen trifft. Das für die friedliche Schlichtung von Streit­fällen geltende Verfahren hat sich außerordentlich entwickelt: Die Staaten haben sich verpflichtet, alle, .selbst Ehre und lebenswichtige Belange berührende Streitigkeiten der Untersuchung durch den Rat dem Weltgerichtshof oder einem Schiedsverfahren zu unterbreiten. Die schnelle Ausdehnung der , Zu­ständigkeit des Welfgerichtshofes und der Schieds- gerickstsverträge braucht kaum betont zu werden: die Erfahrung und das Ansehen, welche der Völ- kerbundsrat in den letzten Jahren gewonnen hat,

der internationalen Schuldverpflichtungen auf ein vernünftiges Niveau herunterschrauben mutzen, statt einander gegenseitig die eigenen Länder aus Generationen hinaus zu verpfänden.

Schließlich macht auch der Bankier Speyer in einem Artikel, der von den Blättern veröffentlicht wird, auf die nachteiligen Folgen aufmerksam, die sich zwangsweise aus der für Deutschland bestehen­den gebieterischen Notwendigkeit, seine Ausfuhr unter allen Umständen zu steigern, für den amerikanischen Außenhandel ergeben müsse. Wenn man auch von Amerika keine Streichung der ge­samten Schulden erwarten könne, so sollte dock Owen D'Youngs kürzliche Mahnung befolgt und den Schuldnern gegenüber Milde geübt wer­den. Wenn Amerika feinen Schuldnern ein f ü n f- jähriges Moratorium bewilligen solste. so würden feine europäischen Schuldner zweifellos auch ihren Schuldnern gegenüber in gleicher Weise verfahren.

bieten m. E. die beste Bürgschaft für den Frieden. Der Krieg ist als internatio­nales Verbrechen geächtet, und der Völ­kerbundsvertrag hindert die Staaken, selbst zu ent­scheiden, ob für sie Selbstverteidigung vorliegt. Die Gemeinschaft der Nationen befindet letzten Endes darüber, ob ein Land einen Angriffs- oder Ver­teidigungskrieg führt, und sie handelt dann entspre­chend ihrer Entscheidung, indem sie den Friedens­brecher isoliert.

Heute kann andererseits kaum ein Staat noch voraussehen, was sich ereignen wird, wenn er zum Kriege schreitet. Die Völker stehen in immer enge­rer Abhängigkeit von einander, und kein Staat ver­mag heute mehr ganz aus eigenen Kräften mit Aussicht auf Erfolg Krieg zu führen. Beginnt ein Land entgegen den Verpflichtungen aus dem Völ­kerbundsvertrag doch einen Krieg, so ist es minde­stens zweifelhaft, wie weit es auf irgend welche tatsächliche Unterstützung, oder auf Lieferungen von der übrigen Welt rechnen kann, und die Gefahr der Isolierung ist groß. Eine Regierung, die sich in eine solche Lage begibt, kann nicht einmal auf die ungeteilte und begeisterte Unterstützung des eigenen Volkes zählen, die doch so wichtig ist, wenn Völker ihre ganzen Kräfte aufbieten müssen. Mit anderen Worten: durch den Völkerbund können die Staaken stets einen sicheren und ehrenvollen Weg zum Frieden finden, während man sich nur schwer vorzustellen vermag, daß es zum Kriege kommt, es sei denn, ein entschlossener, hartnäckiger Wille arbeite selbst auf die Gefahr von Entehrung und wahrscheinlicher Katastrophe darauf hin. Selt­samerweise wurde 1914 der Krieg, als er ausbrach, gewissermaßen mit Unglauben ausgenommen, als ein Irrtum oder ein Irrsinn, der höchstens einige Monate dauern könnte. Heute sprechen einsichtige Leute ganz ernsthaft über einen möglichen Krieg. Aus diesem scheinbaren Widerspruch ziehe ich die Folgerung, daß den Krieg, der 1914 den Leuten etwas Unwirkliches erschien, heute jeder als klar ins Auge gefaßte erschreckende Möglichkeit betrachtet. Sollte dieser Umstand nicht beim Ausbruch einer Krise schwer zugunsten des Friedens in die Waag­schale fallen?

Mit allem Nachdruck möchte ich jedoch betonen, daß der Völkerbund keinesfalls als wirksames Frie­denswerkzeug wirken kann, wenn ihn nicht die ihn bildenden Völker als ein solches a u f f a f f e n. Wenn jeder den Krieg für unmittelbar bevorstehend hält und die Politik der Staaten unter diesem Ge­sichtspunkt geführt wird, wird die Welt schließlich auch das bekommen, worauf sie sich v o r- be reit et. Erkennt andererseits die öffentliche Meinung unumwunden an, daß man die Leiden der Welt gemeinsam heilen kann und daß al­les vom Völkerbund Geleistete den Glauben recht­fertigt, den Krieg einst für immer verbannt zu sehen, so liegt die Zukunft trotz aller Schwierig­keiten voller Hoffnung vor uns.

Erfreulicherweise zeigte die letzte Völkerbunds­versammlung eine starke Neigung das Problem der Weltwirtschaftskrise in gemeinsa­mem Vorgehen anzufassen, und die Ueberzeugung, daß wir die Abrüstung beschleunigen müssen. Die Einrichtungen zur friedlichen Beilegung von Streitfällen wurden gestärkt und in verschiedenen Richtungen ausgebaut. Der Nervenanfall, unter dem die Welk zu leiden scheint, rührt zu einem nicht geringen Teil von unseren wirtschaftlichen Schwierigkeiten her; wenn man ihn jedoch richtig versteht, sollte er zu der erforderlichen internatio­nalen Zusammenarbeit den Weg zeigen als zu der wesentlichen Voraussetzung für die Rückkehr g e- sunder Zustände. Glaubt jemand, daß wir zu solchen durch einen Krieg gelangen können?

* Der Reichskanzler, der am Freikäg in Freiburg mit Stegerwald und Dietrich verhandelt hatte, ist Samstag früh wieder in Berlin eingetroffen.

* Kurzer Erholungsurlaub des Neichsaußeu- minifters. Wie wir erfahren, wird Reichsaußen- minister Dr. Curtius Samstag Berlin verlassen, um einige Tage int Schwarzwald zur Erholung zu verbringen. Es stehen ihm bekanntlich in Genf schwere Tage bevor.

* Staatssekretär ft rüget vertritt Dr. hirtsiefer auf der Ostreife. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist Staatsminister Dr. Hirtsie- fer gesundheitlich noch nicht völlig wie- d e r h e r g e st e l l k, so daß der Arzt ihm die Teil­nahme an der von der Reichsregierung beabsich­tigten Ostreise untersagt hat. Daher wird der zu­ständige Vertreter des Ministers als preußischer Staatskommissar für die Osthilfe, der Staatssekre­tär im preußischen Landwirtschaftsministerium Kru­ger, an der Reise teilnehmen.

Zum Jahresbeginn beschäftigen sich die New Yorker Blätter sehr eingehend mit dem internatio­nalen Schuldenproblem.Times" undHerald Tribüne" veröffentlichen die Neujahrsansprache des Reichspräsidenten von Hindenburg und des Reichs- wehrministers Dr. Eröner in voller Ausführlichkeit. Herald Tribüne" bringt die Ansprachen auf der ersten Seite mit der UeberschriftFührer des Reiches bezeichnen die Revision des Yoiingplanes als Ziel des Jahres 1931". Der Londoner Berichterstatter derTi­mes" befaßt sich in einem längeren telegraphischen Bericht mit der englischen Einstellung zum Schuldenproblem und betont, daß die gesamte eng­lische Geschäftswelt die Streichung der Kchist- deu sowohl ini europäischen wie auch im ameri­kanischen Interesse als notwendig betrachte. Du,ck die Konferenzen des letzten Jahrzehntes sei ein Sy­stem von politifchen Schulden geschaffen worden das in keiner Beziehung zur wirtschaftlichen Wirk. . lichkeit stehe. Zum Mindesten hätte man die Zahl

Amerika und das Schuldenproblem

Hür ein fünfjähriges Moratorium

Marschall Ioffrs f.

wtb. Paris, 3. Jan. (Gig. Meld.) Marschall Jofsre ist heute vormittag um 8.23 gestorben.

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Joseph Jacque Cesaire Josfre war am 14. Ja­nuar 1852 zu Rivesaltes in den Pyrenäen ge­boren, also Südfranzose. Schon im Kriege von 1870 war er als Pionier und Leutnant an der Verteidigung von Paris beteiligt. . In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde Jofsre im Kolonialdienst verwandt. Da er ein großes Bautalent hatte, nahm er in Formosa und Tonking an den kolonialen Bauarbeiten führenden Anteil, so am Bau der Sudan-Bahn und am Hafenbau von Diego Suare'z auf Madagaskar. Später kam er als Direktor des Genie(Pionier)-Wesens in das französische Kriegsministerium. 1908 wurde er Kommandeur des 2. Korps und 1910 Mitglied des Obersten Kriegsrats. 1911 wurde er Generalstabs­chef.. Als der Krieg ausbrach,..fiel ihm die Stelle des Höchstkommandierenden der französischen Ar- mee zu. In dieser Stellung hat er dann das voll­bracht, was die Franzosen als dasMarne- Wunder" bezeichnen. In dem Augenblick, als die deutschen Armeen auf dem rechten Flügel die Schwenkung auf Paris antreten wollten, setzte er, vor allem von dem General Gallieni beraten, zum Gegenstoß an, traf die deutsche Front mit Lieber« macht in der empfindlichen Schwenkungsstelle und gab so den Anlaß für den Rückzugsbefehl, den der deutsche Oberbefehlshaber an die erste und zweile Armee ergehen ließ. In dieser Phase der Ge­schichte des Weltkrieges wird bekanntlich vielfach der Ausgangspunkt für die deutfche Nieder­lage erblickt. Josfre ist seit dieser Zeit zum fran­zösischen Nationalhelden geworden, in dem man den Retter des Vaterlandes sieht. Militärischen Einfluß hat er seit der Marneschlacht nicht mehr gehabt. Im November 1915 wurde er durch Er­nennung zum Oberbefehlshaber aller französischen Streitkräfte kalt gestellt, weil er des Mangels an Erfolg, Tatkraft und Organisationsgabe geziehen wurde. Aeußerlich blieb er selbstverständlich in höchsten Ehren, wurde 1916 militärischer Beirat der Regierung, zugleich Marschall von Frankreich und 1918 Mitglied der Akademie.

Wie sehr Jofsre in Frankreich noch heute be­wundert und geehrt wird, zeigte sich während der Krankheit, der der Marschall jetzt erlegen ist. Der Todeskampf des fast 80jährigen Greifes, der an Zuckerkrankheit litt, zog sich viele Tage hin. Das Krankenhaus, in dem er operiert wurde, war stets von zahlreichen Personen umlagert, die auf Nach­richten über das Befinden des Marschalls warteten. Die führenden Persönlichkeiten Frankreichs statte­ten dem Kranken, der bis kurz vor seinem Ende bei vollem Bewußtsein war und sich mit seiner Um­gebung unterhielt, Besuche ab. Jofsre wird zu den Persönlichkeiten gehören, deren Name mit der Ge­schichte des Weltkrieges immer verbunden bleiben wird.

Militärisch ist Jofsre nach dem Kriege nicht mehr hervorgetreten, wurde jedoch mit Sondermissionen, io 1919 nach Spanien und 1920 nach Rumänien, betraut. Die letzten zehn Jahre lebte er zurück­gezogen in Paris. Jofsre war ein Sohn des Vol­kes. Sein Vater war in dem kleinen Weinort Rivesaltes Küfer. Es ist nicht ohne Interesse, diese Abstammung des gefeierten französischen Oberkommandierenden festzustellen, da in anderen Ländern in hohen Militärstellen meist nur Adlige oder sonstige Angehörige exclusiver Kreise zu fin­den sind.

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Letzte Aufnahme Ioffres (links), mit dem jetzt zum Generalissimus ernannten General Petam.

lieber den Tod des Marschalls Joffte bringt die Alliance Havas Einzelheiten: Um c,30 Uhr trafen am Krankenbett die Frau des Marschalls, sein Schwiegersohn, seine Schwiegertochter sowie mehrere Offiziere seines Stabes em. Der berbct= gerufene Geistliche erteilte dem Kranken das letzte Mal die Absolution und kniete am Lager nieder. Um 8,23 Uhr, als einer der Aerzte den Puls des Marschalls fühlte, während der Pater den Herz­schlag beobachtete, stellten beide den Tod fest. Um 8,50 Uhr erschien Ministerpräsident Steeg in der Klinik und brachte der Witwe Jofsres das Beileid der Regierung zum Ausdruck. Später erschienen der Präsident der Republik und der apostolische Nuntius.

Die Einbalsamierung der Leiche des Marschalls wird alsbald erfolgen und die Leiche wird dann in der Ecole Militaire aufgebahrt werden.

Die Irrlehre.

Schon das Wort Nationalismus bedeutet eine Uebertreibung, eine Ueberfteigerung eines an sich erlaubten, ja ehrenwerten und notwendigen Ge- fühls. Nationalismus ist die Vergötterung des Empfindens für die eigene Nation, ist die Hintan- Heilung der Vernunft und des Verständnisses für die Eigenart anderer zugunsten des Egoismus. Im k a t h o l i scheu Lager hat er bisher nicht sehr :eft Wurzel schlagen können. Die Deutschnatio- nalen, die ihm nach dem Kriege am stärksten sröhn- ten, waren niemals von katholischem Wachstum. Sie kamen aus Bezirken, in denen unsere Welt­anschauung wenig gilt, und diejenigen aus unseren Reihen, die sich trotzdem zum Nationalismus deutschnationaler Prägung bekannten, sind alles in allem seltene Vögel geblieben, und heute werden sie nur noch durch einige ganz wenige Außenseiter vertreten, die aber keinerlei nennens­werten Anhang besitzen.

Schwieriger wurde die Lage auch in den katho­lischen Reihen, seitdem in den letzten zwei Jahren die Hitlerbewegung nach früheren Mißerfolgen allgemein an Boden gewann. Zunächst eine Aeußerlichkeit: Hitler selbst und andere Führer seiner Partei sind Katholiken, und Göbbels hat aus seine Zugehörigkeit zum Katholizismus zum min­desten als Student noch entscheidenden Wert gelegt. Im Nationalsozialismus gibt es auf der andern Seite Gruppen, denen die religiöse Weltanschauung absolut Nebensache ist, und wenn neulich ein nationalsozialistischer Abgeordneter im, Reichstag einem Zentrumsredner jesuitische Infamie vorwarf, so bedeutet das, daß der Zwischenrufer bestimmt aus anderem Bezirk kommt, als Hitler und Göb­bels.

Unterdessen ist es schon zu schweren weltan- schaulichen Zusammenstößen in aller Oessentlichkeit gekommen. Die Stellungnahme des Mainzer Ordi­nariats ist bekannt und es ist für Katholiken selbst­verständlich, daß sie von den andern deutschen Bischöfen vollinhaltlich geteilt wird. Das mag auch die Neujahrskundgebung des Erzbischofs von Breslau, des Kardinals Dr. Bertram, beweisen, die dadurch für Zweifler ihre besondere Bedeutung erhalten dürfte, daß Kardinal Bertram der Vor­sitzende der Fuldaer Bischofs-Konfe­renz ist. Seine oberhirtliche Kundgebung ist vom Anfang bis zum Ende eine einzige Ableh­nung des Nationalsozialismus, obwohl das Wort selbst nicht genannt wird.

Kardinal Dr. Bertram nennt die Rassen- Verherrlichung die Ouelle zahlreicher verhäng­nisvoller Verirrungen. Heilig, so sagt er, ist uns opferwillige Liebe zu unsrem Volke und Vaterlande, ü »heilig ist und abstoßend wirkt die aus fanatischer Selbstverherrlichung ent­springende Blindheit und Rücksichtslosigkeit. Mev gelegentlich genötigt wird, mit einem deutschen Nationalisten über die Zustande in Reich und Staat zu diskutieren, der erschrickt in der Tat förmlich über die fanatische Blindheit, mit der diese an der Phrase und am Lärm sich berauschen­den Menschen über Dinge urteilen, von denen sie ganz offensichtlich nur unklare V o.r stellun- gen haben. Sie geben sich auch nicht die Mühe, das Dunkel ihrer Erkenntnis durch Studium und Prüfung zu erhellen. Ihnen genügt das Schmg- work und genügt der ganz mechanisch übernommene Haß gegen Andersdenkende. So wird gegenwärtig die Internationale der Gottlosen, welche Moskau in Berlin niederfetzen möchte, zum Anlaß genom­men, um der Zentr umsp artei Verrat an religiösen Interessen vorzuwerfen, obwohl gerade das Zentrum gegen den bolschewistischen Plan sehr energisch und vermutlich auch erfolgreich pro­testiert hat. Aber die Nationalisten haben eben mit allen Fanatikern das eine gemeinsam, daß sie die Wahrheit nicht sehen und hören können und vielfach auch nicht wollen.

In dem Hirtenbrief des Breslauer Erzbischofs werden auch die Redensarten vom nationalen Ehr ist ent um auf ihre Stichhaltigkeit unteriucht. Kardinal Dr. Bertram sagt dazu:Wir kathott- schen Christen kennen keine Rassenreliglon, sondern nur Christi weltbeherrschende Offenbarung, die für alle Volker den gleichen Glaubensschatz, die gleichen Gebote und Heilseinrichtungen gebracht hat.... Wir Katholiken kennen kein nationales Kirchen- gebilde." Das sind Kernsätze, die sich diejenigen unter uns zu Herzen zu nehmen haben, die dem nationalsozialistischen Gerede von der nationalen deutschen Kirche zu erliegen drohen.. Um dieselben Gedanken kreisen ja auch die Feststellungen, die der Mainzer Bischof treffen mußte, weil da-> offizielle nationalsozialistische Parteiprogramm die Irrlehre enthält, daß Christentum und Kirche der Nation unterstellt seien. Die katholische Kirche, so sagt Kardinal Bertram ausdrücklich, ist göttlicher Stiftung und daher unantastbar, und er nennt die -Idee, eine nationale Religionsgemeinschaft zu gründen, die nur vom Rassegedanken einer arisch-heldischen Heilandslehre beherrscht sein soll, ein törichtes Wahngebilde falscher Propheten. Es gehe also wirklich nicht an, Adolf Hitler als Religionsstifter gelten zu lassen.

lieber diese Eedankengänge hinaus hat die Neu­jahrskundgebung des Breslauer Kardinals aber auch eine politische Bedeutung. Er läuft nicht Ge­fahr, irgendwo mißverstanden zu werden, wenn er vor denen warnt,die mit Umsturz-Ideen spielen, um die weiseste Rettungsarbeit zu durchkreuzen". Hier spricht ein erfahrener Kirchenfürst, der schon in reifem Mannesalter an verantwortungsschwerer Stelle stand, als die Leute, die heute die Arbeit der Reichsregierung unterwühlen wollen, noch nutzt die Schulbänke drückten. Auch das ist ein Gestcksts- punkt, den diejenigen Katholiken, die den Redens­arten der Hitler und Göbbels sich nicht gewannen fühlen, nicht außer Acht lassen sollten. ^em Uca- tionalsozialismus wird nicht die Zukunft gehören, er wird in absehbarer Zeit zu anderen Irrlehren abgelegt werden, an oie henke schon niemand mehr ein Wort ver­schwendet.