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Die Velken-Ahr.

Von Stefan M u s i u s.

Die Sterne kreisen ungerührt.

Ob neuer Tag, ob neues Jahr — das Zifferblatt der Weltenuhr bleibt dunkel. Nur ein Wetterleuchten zuckt wie ein Blitz, und langsam rückt der Sternenzeiger einen Schritt.

Du stumme Weltenuhr, o nimm mich mit! Laß über dunklen Grund mein leuchtend Wesen wallen, laß hie und da ein Wetterleuchten in mich fallen . . . Scheint "auch unendlich lang die Kette, die vom Himmel zu uns niederhängt — was sind wir Menschen anders denn das fallende und wieder hochgewundene Gewicht, an dessen Widerstand der Gang der Zeit sich bricht —

ein, werden unmerklich immer dichter — das ist die lange Dämmerung, in der es sich im dunklen Zimmer am pras­selnden Kamin so schön träumen läßt. Langsam stapfen draußen seltsame Gestalten durch den Schnee, kleine Fackeln schwanken über ihren Köpfen — Laternenanzün­der. Fliegenden Glühwürmchen gleich, huschen die roten, mit Nummern versehenen Laternchen der Jswoschtschiki hin und her, leuchten elektrische Birnchen an Fehmern- spitzen der Lichatschi. Hell Schimmern die Schaufenster und der Schnee knirscht singt unter den Tritten, bunt quirlt es auf den Straßen durcheinander und da­zwischen immer wieder der Warnungsruf: Eh beregiß!

Spät abends, wenn endlich die Läden geschloffen sind, beginnt eine Völkerwanderung in die Kirchen. Kein Gestühl füllt die weiten dämmrigen Räume. Arm und Reich, Hoch oder Gering, jeder bringt eine Wachskerze mit. Blitzende Heiligenbilder, deren eingelegte Steine oft ein Vermögen bedeuten, kniende Gestalten davor. Ein reicher Kaufmann entzündet seine armdicke Wachskerze an der ewigen Lampe, setzt sie auf einen der bereitstehen­den Lichthalter vor das Bild seines Schutzheiligen, ver­neigt sich dreimal tief, kniet nieder und verrichtet ein kurzes Gebet. Ein armes Mütterchen zieht unter dem groben Umschlagtuch ein kleines, dünnes Kerzlein hervor.

hält es mit zitternden frostverklammerten Fingern an das ewige Licht, setzte es vor ihrer Namensheiligen hin, kniet nieder und versinkt in stille Andacht. Bärtige Prie­ster in weißem, reich mit Gold und edlen Steinen durch- wirktem Ornat, zelebrieren die Messe und ein unsicht­barer wunderbar geschutter vielstimmiger Knaben- und Männerchor antwortet im Wechselgesang den Geistlichen. Immer neue Scharen Andächtiger strömen hinzu, weihen ihre Kerzen und füllen kniend den Raum zwischen den dicken grünen Malachllsäulen, deren Schaft sich oben im Dunkel verliert. Ganz oben in der Kuppel des riesigen Domes schwebt eine silberne Taube, nicht größer als eine lebende und doch mißt jeder einzelne Flügel zwei Meter. Dumpf dröhnt der tiefsten Glocke erster Schlag, andere fallen ein unS bald bimmelt, bammelt und brummt das ganze Glockenspiel in ohrenbetäubendem Durcheinander. Weit öffnen sich die Pforten, die Gemeinde verläßt das Gotteshaus, steigt die breiten Stufen herab, jeder fein brennendes Licht in der Hand, es vor Luftzug schützend — ein seltsamer Anblick diese stumme Prozession im Dunkel der Nacht. Still wandert jeder nach Hause, sorgsam darauf bedacht, seine Kerze ungefährdet heirnzu- bringen, um daran das ewige Lämpchen vor beim Hei­ligenbild in der Ecke zu entzünden. Nun erst beginnt all der liebgewordene traditionelle Unsinn: das Blei- gießen; im Spiegel wird der Zukünftige gesucht und manch zierliches Pantöffelchen fliegt in kühnem Bogen über eine schöne Schulter. Weist es mit der Spitze gegen die Tür, so muß das ungeduldige Seelchen noch minde­stens ein Jahr auf feinen Freier warten. Walnußschalen mit brennenden Lichtstümpfchen schaukeln in großen was­sergefüllten Gefäßen, jedes trägt einen Namen und wenn zwei sich berühren, gibfs nächstens eine Verlobung. Aber auch die „Ufer" sind mit allerlei Wünschen versehen und landet ein Kahn nach zögernder Fahrt endlich beim Reichtum, so ist das schließlich auch ein Trost. Zahllos sind die Gebräuche in den einzelnen Teilen des Riesen­reichs, sie suchen aber alle dasselbe zu ergründen — die heimliche Sehnsucht der Menschen nach Glück. Und wenn endlich die Kirchenglocken zu läuten beginnen und von der eisumftarrten Peter-Paulsfestung die Geschütze kra­chen, öffnen sich die Fenster, blicken frohe Gesichter in die Straßen hinab, wo an riesigen Feuern, welche bei strenger Kälte des Nachts immer brennen, Jswoschtschiki, Polizisten und die Aermsten der Armen sich wärmen und manch glückliches Menschenkind wirst eine Gabe in die abgezogenen Lammfellmützen, um auch jenen Freude zu bereiten, denen das Schicksal alles versagte. W. v. Klot.

Der Welhmchls- und Silveslerkarpseu.

Schmeckt der Karpfen oder nicht? — Ein berühmter Karpfenteich» Karpfen machen Reisen. — ANerlei Karpsen„latein".

lieber den Wert des Karpfens vom kulinarischen Standpunkt aus sind heute dse Meinungen recht geteilt. Es ist dem Karpfen nicht gelungen, sich die allgemeine Wertschätzung zu erringen, wie zum Beispiel der Forelle oder dem Flußlachs. Vor einigen Jahren fand darüber sogar ein literarisch-kulinarischer Streit zwischen den Schriftstellern Richard Skowronek, einem Karpfenliebhaber, und Ernst Heilbronn statt, der schließ­lich dahin auslief, daß der erstere das seiner Meinung nach einzig gute Rezept der Karpfenbereitung bekannt- gab. Und tatsächlich ist der Karpfen ja auch, was die Seltenheit und die Zuchtverhältnisse anlangt, kein be­sonders ausgezeichneter Fi!ch. Er gehört zu den „ge­meinen", d. h. häufigen, sich stark vermehrenden und leicht zu züchtenden Fischen und stellt weder an Nah­rung noch an Wasserverhältnisse besondere Ansprüche. Ja, er bevorzugt ruhige, schlammige und morastige Ge­wässer, und nicht selten beeinflußt dies ja auch feinen Geschmack, weshalb er oft nach dem Fang erst noch eine Weile ins feuchte Moos gepackt, außerhalb des Wassers aufbewahrt wird, damit er den dumpfigen Geruch und Geschmack verliert. Bei den Romern galt er wegen sei­ner starken Vermehrung — man hat bei Weibchen 600 000 bis 700 000 ja bis zu einer Million Eier gefun­den, — nur der Kabeljau und der Stör haben unter den Fischen eine größere Vermehrungsfähigkeit — als Sym­bol der Fruchtbarkeit und war deshalb der Göttin Venus geweiht.

In der Vergangenheit jedoch, vor etwa 300 bis 400 Jahren, galt der Karpfen als ein besonders guter und wohlschmeckender Fisch. Er war das F.ischgerichk der Reichen. Vor dieser Zeit tonnte man ihn fn Nordeuropa nicht. Zwar wissen wir aus Versteinerun­gen, daß er schon in der Eiszeit in Novdeuropa heimisch

war, er hat sich dann jedoch nach dem Süden und dem Osten zurückgezogen. Seine europäische Heimat war das Schwarze Meer, auch auf dem Balkan und in Italien kam er schon im Altertum vor. Erst vor 400 Jahren ist er nach Nord- und Westeuropa eingeführt worden, merkwürdigerweise mit einem recht ungleichen Erfolg. Er gedieh ausgezeichnet in Ostdeutschland bis zur Elbe sowie in Ungarn. In Westdeutschland war er schon weniger gut, und in Frankreich erlebte man ge­radezu Mißerfolge. Trotz aller Versuche, Karpfenteiche anzulegen, wie zum Beispiel auf Schloß Pontchantrain bei Versailles, dessen Karpfenteich heute noch berühmt ist, erzielte man in Frankreich nicht den guten Geschmack des deutschen Karpfens. Die Pariser Weihnächte- und Silvesterkarpfen wurden denn auch aus Deutschland, vornehmlich aus Lothringen, bezogen. Die Möglichkeit eines so weiten Transportes war auch in her Postkutschenzeit bereits gegeben, da der Karpfen ein außerordentlich zähes Leben hat wie kein anderer Fisch. In feuchtem Moos hält er sich tagelang. Auch läßt er sich leicht füttern, wie ja überhaupt feine Zutrau­lichkeit gegenüber dem Menschen bekannt ist — Karpfen lassen sich durch Pfeif- und sonstige Locktöne ans Ufer locken und können zu regelmäßiger Fütterung abgerich­tet werden. Man füttert die Karpfen in der Gefangen­schaft meist mit Brot, das in Milch ober Wein aufge­weicht ist. Mit solchem Futter versehen, machten früher auch die Karpfen ihre Postkutschenreife von Lothringen nach Paris. Im Jahre 1786 hat ein Karpfen sogar zweimal diese Reise gemacht, da er das erste Mal infolge feines hohen Preises — er sollte 25 Louisdor kosten — keinen Käufer fand.

Wie es dazu kam, daß der Karpfen gerade für den Heiligen Abend und den Silvesterabend Üblich wurde,

läßt sich nicht feststellen. Vielleicht ist der Brauch nur einfach daraus zurückzuführen, daß diese beiden Abende als Vigiltage vor Festen früher Abstinenz- und Fasttage waren und daß man, da man sie gleichwohl in gewisser Weise auszeichnen wollte, den edelsten Fisch, den man früher kannte und der vor einigen hundert Jahren eine Seltenheit war, auslischte. Vielleicht aber spielen auch alte abergläubische oder Dolksüderlieserungen mit, die mit der Einführung des Karpfens mit hinüberkamen und die ihren Grund darin hatten, daß der Karpfen schon bei den Römern mit religiösen Ueberlieferungen ver­knüpft war und daß er bei anderen Völkern das Stern­bild der Fische versinnbildete. Daraus könnte die heute noch anzutreffende Gepflogenheit hindeuten, Schuppen von den Weihnachts- oder Silvesterkarpfen in den Geld­beutel zu tun, was bekanntlich Glück bringen soll. Auch sonst ist über den Karpfen mancherlei „Latein" verbreitet. So schreibt man ihm vielfach ein ganz legen­däres Alter von 150 ja 200 und 250 Jahren zu. Durch­aus irrigerweise. Heute glaubt man nicht an ein höhe­res Aller als höchstens 30 bis 40 Jahre. Vielfach wird als Beweis für das hohe Alter angeführt, daß dem Karpfen eine Moosdecke über dem Kopf gewachsen sei. Auch das ist ein Mißverständnis. Dies sogenannte „Moos" ist nichts anderes als weißliche Warzen, die sich beim Männchen zur Laichzeit auf dem Scheitel und den Kiemendecken bilden. Auch die Größe und das Gewicht werden meist überschätzt. Zentnerschwere und meter­lange Karpfen gibt es nicht; allenfalls wird ein Gewicht von 70 Pfund und eine Länge von einem Meter erreicht.

Der Karpfen gehört zu den Fischen, die über die ganze Erde verbreitet sind Er kommt in China ebenso vor wie. in Australien, in Nordamerika und auf Java. In der chinesischen Literatur spielt er eine ähnliche Rolle wie bei uns; auch da gilt er als ein mit allerlei Heim­lichkeiten umgebener Fisch. In Japan ist eine Abart, der Goldkarpfen, ein beliebter Zierfisch. F.

Der „Gelbe Fluß" in China hat im vorigen Jahr­hundert sein Bett 22mal verändert. Seine jetzige Mün­dung liegt 480 Kilometer entfernt derjenigen ovr 100 Jahren.

SchnadahüpferlzumneuenIahr

Kalendersprüche unbekannter Reimschmiede

Gesammelt von Margarete h o d t.

Das Leben ist ein Tanzlokal, Drinn tanzen Mann und Frau, Der eine flott im Walzerschritt, Der andre kann das Tanzen nit Und stößt sich grün und blau.

*

Das Leben ist ein Pfannkuchen, Das Mus darin der Liebe Bild. Doch ach, ich muß dem Schicksal fluchen, Denn meiner, der blieb ungefüllt-

*

Die Liebe ist ein Omnibus, Auf den man lange warten muß. Und kommt er endlich angewetzt, So ruft der Schaffner: „Schon besetzt!"

*

Freund, halte die Brust nicht allzu kek

Den Pfeilen der Feinde offen, Denn hast du das Herz auf dem rechten Fleck So wirst du sichet getroffen.

*

Mit andern Künsten äugle nicht, Soll dir deine Kunst gelingen. Frau Venus zieht ein schief Gesicht, Wenn du sie zwingst zu fingen.

*

Und bleibst du ledig, o Mägdelein, Glaub nicht, daß verfehlt fei dein Leben. Es werden nicht alle Trauben Wein, Es muß auch Rosinen geben.

*

Doch eins ist sicher und ganz gewiß, Wie könnt es anders fein: Es sind wohl alle Rosinen süß, Doch sauer ist mancher Wein.

Fünf Minuten

Denksport.

Kreuzwort-Rätsel.

77

w

15

78

79

23

3ZT

Die Wörter bedeuten von oben nach unten: 1 Gott­heit des brahman. Hindu, 2 Kleiner Kahn, 4 Kopf­bedeckung, 5 Mißgunst, 6 Teil der Kirche, 7 Nord. Göt­tin des Todes, 8 Tifchlerwerkzeug, 12 Raum für Ge­fangene, 13 Bergspitze, 15 Alkohol. Getränk, 16 Teil fcxs Schisses, 18 Staatshaushalt, 19 Gewebe, 21 Eßgerät, 22 Nebenfluß der Donau, 24 Richtblei, 25 Raubfisch des Meeres, 29 Präposition.

Von links nach rechts: 3 Schönstes Jahresfest, 8 Feld­maß (Abkürzung), 9 Franz. Schriftsteller, 10 Viehfutter, 11 Dichter des 18. Jahrhunderts, 14 Alpenland, 17 Hand­werkszeug, 20 Tonart, 21 Verbandszeug, 23 Hunnen­könig, 25 Disch. Philosoph, 26 Insel der Kykladen, -27 Leuchtstoff, 28 Merkwürdiger Meerfisch, 30 Nahrungs­mittel.

Silbenrätsel.

Aus den Silben: a, ar, bei, bei, benf, chen, chil, chin, dech, di, di, e, e, e, e, ei, en, fiin, ga, ge, ger, gon, Hirsch, im, in, ja, fahr, tat, fett, la, land, le, le, II, lin, ma, mar, me mor, ne, neu, nu, o, pari, re, ru, ruh, sche, fe, ser, son, ftra, ta, thyst, ti, uh, um, un, veil, sind 22 Wörter zu bilden, deren Anfangsbuchstaben, von oben

nach unten gelesen, einen Neujahrswunsch für den Leser ergeben.

Die Wärter bedeuten: 1 Wohlriechende Blume, t Land in Asien, 3 Gewürzpflanze, 4 Wasserjungfer, 5 Beinbekleidung, 6 Fußbodenbelag, 7 Dtsch. Dichter, 8 Gestell für Bücher oder Nippes, 9 Pelz, 10 Herrschertitel, 11 Wareneinfuhr, 12 Ziergestein, 13 Jahresfest, 14 Klei­nes Reptil, 15 Dtsch. Dichter der Jetztzeit, 16 Ausgekleb- tes Kennzeichen, 17 Naturerscheinung, 18 Monat, 19 Halbedelstein, 20 Jägerwasse, 21 Niederländ. Maler, 22 Erfinder.

Auflösungen aus der letzten Sonntagsnummer.

Lösung des kreuzworlrätfels.

N

L

Auslösung des Silbenrätsels.

1 Arnati, 2 Lotos, 3 Lazarett, 4 Efeu, 5 Jesus, 6 Arrak, 7 Haiti, 8 Rumänien, 9 Einband, 10 Wolga, 11 Ilmenau, 12 Eislauf, 13 David, 14 Efendi, 15 Retorte, 16 Karawane, 17 Opfer, 18 Mangold, 19 Matratze, 20 Tamburin, 21 Delphi, 22 Allegorie, 23 Samlanb, 24 Charge, 25 Reger.

Das Lied lautet: Alle Jahre wieder kommt das Chri» stuskind auf die Erde nieder . . .

zichtet — hast dich mit deinem Ich umgeben wollen. Heute wie immer. Warum also siehst du mich so feind­selig an, als wolltest du mich nun loswerden. Das da bist du — überall du und niemand anders." Er klopfte an feine Stirn, feine Backen, [eine Nase — alles klap­perte dürr und vertrocknet, kalt und schaurig.

„Die elfte Stunde ist vorbei," ließ er sich dann ver­nehmen. „Wir gehen in die zwölfte hinein. Du wächst, wie jeder Mensch wächst, aber du bleibst hohl und un­ausgefüllt. Und einmal wirft du groß genug fein, daß du oben und unten an die sechs Wände aus Holz an- stößt — dann ist der ganze Sinn deines Daseins erfüllt. Einen anderen Hast du nicht . . .," er dehnte sich und reckte den plumpen Schädel nach oben, in die Länge, in die Breite. Zwischen dem Phantom und den Hüttenwän­den war nur mehr ein handbreiter Spalt — und nun war es auch keine Hütte mehr, es war ein riesiger Sarg, in dem das zusammengekauerte Menschlein vor der gi­gantisch aufwuchernden Larve faß. Fauler, uralter Ge­ruch von totem Holz durchströmte den Raum, es roch nach vermodernden Schränken, Schreinen und Truhen, in denen gleichmäßig der Holzwurm tickte.

Ganz ferne, von der Nachbarsalp, schnitt ein Jubelruf durch die Stille — plötzlich begannen in der Tiefe des Tales die Glocken der Kirche von Kippet zu läuten.

Da war Mitternacht, und die Tfchägätta stieß vollends an die Hüttendecke empor. Ihre grobe, schwere Masse schien Veith ßagger erdrücken zu wollen — er stürzte zum Fenster, hatte mit einem Male einen heißen, fie­bernden Wunsch nach Menschen —, wollte schreien. Aber der Nebel war stärker als er, drückte ihn mit unsicht­baren und doch zähkörperlichen Armen zurück, preßte ihn zu einem dumpfen, schweren Nichtwissen und Schla­fen zusammen.

Ms Veith ßagger erwachte, strömte die Sonne in den Raum, und jenseits der Talfurche stand wie ein Klotz aus flimmerndem Silber das gewaltige Bietschhorn. In der Ofenecke auf der Bank lehnte der Hans Rieder und schnarchte, vor ihm auf dem Boden lag die Tschägätta» laroe. Vom Wein stand noch ein Rest in der Flasche, ein Glas war umgeschüttet, und schaler, häßlicher Geruch stieg davon auf. Aber ein Morgenwind sprang um die Hütte, jagte Schneefahnen auf und hüpfte durch das Fenster, so daß Iter Weingeruch zerpflückt wurde.

Der Rieder erwachte etwas verlegen, entschuldigte sich daß er gar so unmanierlich lange geblieben sei, aber ber Wein sei so gut gewesen. Hnb nun müsse er ins Tal, zum Neujahrsgottesdienst.

Kannst mir gerade eine Depefche aufgeben, Hans," bat"Bagger. Und schrieb auf einen Zettel eine drin- genbe Einladung an Merz, den Rest ber Neujahrs­ferien hier zu verbringen. . Dann rechnete er an Hanb des Fahrplanes aus, daß ber Doktor unb ßuey abenbs heraufkommen könnten, unb begann ein Hüttensäubern unb Putzen, wie er es noch nie so froh unb lustig getan hatte.

Etwas vom Kalender.

In alten Zeiten hatte jedes Volk feine eigene Zeit­rechnung. Die Grundlagen waren bei allen verschieden. Man rechnete von einem bemerkenswerten Ereignis, z. B. vom Regierungsanttitt eines Fürsten ab. Auch die ßänge der Zeitabschnitte war verschieden. Doch tarn man sehr bald dazu, die Zeit nach regelmäßig wieder­kehrenden Naturereignissen zu messen.

So hatten z. B die Chinesen vor etwa 5000 Jahren ein Jahr zu 360 Tagen. Eine Periode von 19 Jahren umfaßte 12 Gemeinjahre zu je 12 Monaten und 7 Schaltjahre zu 13 Monaten. Der Jahresanfang schwankte zwischen dem 20. Januar und 19. Februar unseres Kalenders. Kaiser Dao führte um das Jahr 2258 v. Ehr. das Mond-Sonnenjahr ein. Im Jahre 1873 n. Chr. übernehmen die Chinesen den Gregoriani­schen Kalender.

Die Babylonier rechneten nach Mondjahren zu je 354 Tagen. Das Jahr war bereits eingeteilt in 12 Monate, die abwechselnd 30 und 29 Tage umfaßten. Bei Konflikt mit dem Sonnenstand bei Sichtbarkeit des ersten Mondviertels schaltete man willkürlich einen Mo­nat ein oder aus.

Die Aegypter hatten bis ins 4. unb 5. Jahrtausend vor Christus zurück ein reines Sonnenjahr. Sie kann­ten keine Schaltung. Der Jahresanfang durchlief in 1461 ägyptischen Jahren das ganze Jahr.

Bei den Griechen galt das Mond-Sonnenjahr zu 12 unb 13 Monaten. Ein Zeitraum von 2992 Tagen umfaßte 8 Sonnenjahre (Dttaeteris) ober 99 Mond­monate. Salon, ber bekannte griechische Gesetzgeber verbesserte 594 v. Chr. ben Kalender. Er verminderte das Oktaeteris auf 2923)4 Tage. Schon 432 v. Chr. nahm Melon eine weitere Aenderung vor, indem er einen Zy­klus von 19 Jahren zu 235 Monaten einführte. Da Ober auch diese Zeitrechnung noch keine Uebereinsttm- mung mit den zu Grunde gelegten Naturereignifsen brachte, verbesserte Kalypos (370—300 v. Chr.) den Kalender, indem er vier Meton-Zyklen zusammenfaßte unb diesen Zeitraum um einen Tag verminderte.

Die altgermanischen Völker benutzten ein unvoll­kommenes Mond-Sonnenjahr. Die Einschaltung gan­zer Mond-Monate erfolgte jeweils nach Bedarf. Die Feste lehnten sich an Neu- und Vollmonde an. Die Hauptjahrestage wurden festgelegt durch Beobachtung des Sonnenstandes an festen Steinmarken. Nach Ein­führung des Christentums wurde der römische Kalen­der übernommen.

Die Römer begannen ihre Zeitrechnung mit ber Er­bauung Roms. Diese erfolgte im Jahre 754 v. Chr. Dieser Kalenber wies im Jahre 47 v. Ehr einen Feh­ler von 67 Tagen auf. Julius Cäsar beseitigte diesen Fehler, indem er bas 46. Jahr v. Chr. ober bas Jahr 708 feit Gründung ber Stabt Rom (a. u. c. gleich ab urbe conbita) zu 445 Tagen zählte (annus confrfionis). Dadurch kam ber 1. Januar auf ben ersten Neumond nach dem Wintersolstitium, die Frühlings-Tag und

Nachtgleiche auf ben 24. März. Dieser sog. Julianische Kalender rechnete das Jahr zu 365% Tagen. Aus drei gemeine Jahre von 365 Tagen sollte ein Schaltjahr zu 366 Tagen folgen. Das Gemeinjahr hatte die Monate Jan. (31 Tage), Febr. (28), März (31), April (30) Mai (31), Juni (30), Quintilis (31), Sextetts (31), Sept. (30), Oktober (31), November (30) und Dezember (31). Im Schaltjahr erhielt der Februar 29 Tage, und zwar galt als Schalttag der 24. Februar.

Den ersten Tag eines Monats nannten die Romer Calendae, daher kommt unser heutiges Wort Kalender. Die Bezeichnung eines bestimmten Tages war damals nicht so einfach wie heute. In ben Monaten März, Mai, Juli (Quintilis) und Oktober hieß ber 7.. in ben übrigen Monaten der 5. Tag Nonae, während man ben 15. der vier erstgenannten und ben 13. der übrigen Idus nannte. Don diesen Tagen aus zählte man rückwärts, Pridie Calendas Martias, d. h. am Tage vor den Ka­lenden des März, würde die Bezeichnung des letzten Tages im Februar fein.

Bald nach Casars Tode geriet ber Kalender wieder in Unordnung, da man irrtümlich all« drei Jahre die Einschiebung des Schaltjahres oornahm Kaiser Augu­stus beseitigte 757 nach Gründung Roms (4 n. Chr.) diesen Fehler. Trotzdem blieb eine Differenz, unb zwar betrug diese in 129 Jahren einen Tag. Schon zur Zeit des Konzils zu Nikäa (325 n. Chr.) fiel die Frühjahrs- Tag- und -Nachtgleiche nicht mehr auf den 24., sondern auf den 21. März. Don diesem Tage ging dann auch bas Konzil bei ber Festsetzung des Osterfestes aus. Im 15. Jahrhundert rieten Gelehrte, u. a. auch Nikolaus von Cues, man möge einige Tage im Kalender strei­chen, um die Frühjahrs Tag- und Nachtgleiche wieder auf den 21. März zu bringen. Im Jahre 1474 beauf­tragte Papst Sinus' IV daher den Gelehrten Regio- montanus mit der Verbesserung des Kalenders. Regio- montanus (Königsberger, Kunisperger), eigentlich hieß er Johann Müller und war am 6. Juni 1436 zu Kö­nigsberg geboren), starb aber, ehe er feinen Auftrag ausführen konnte.

Erft ein Jahrhundert später ging man daran, den Kalenber zu verbessern. Papst Gregor XIII. berief eine Kommission, der der Bamberger Clavius, ber Spa­nier Ciaeonius, ber Italiener Jgnatio Danti und ffiarb. Sirtelli angehörten. Inzwischen waren feit Julius Cäfars Reform 13 Mal 129 Jahre vergangen. Die Früh­lings-Tag- unb Nachtgleiche fiel statt auf ben 24. auf den 11. März. Um sie nun gemäß ben Bestimmungen des Konzils zu Nikäa wieder auf den 21. März zu brin­gen, ordnete eine päpstliche Bulle vom 24. Februar 1582 an, daß in diesem Jahre 10 Tage ausfallen sollten unb Zwar sollte vom 4. Oktober gleich auf ben 15. Oktober gezählt werben. Um ben bisherigen Uebelftanb in ber Schaltung zu beseitigen, würbe jedes 4. Icchr durch einen Schalttag- verlängert. Nur die nicht durch 400 teilbaren Jahrhundertzahlen (1900, 2100 usw.) erhalten keinen Schalttag. Diese Schaltung ergibt eine Jahres­ringe von 365,24250 Tagen, ist also gegenüber ber jetzi­

gen Iahreslänge um 26 Sekunden zu groß. Die Befol­gung dieser Schaltung bewirkt, daß sich erst in 10 000 Jahren der Frühlingspunkt im Gregorianischen Kalen­der um einen vollen Tag verschiebt.

Die Einführung des Gregorianischen Kalenders er­folgte zunächst in den katholischen Bändern. Die kath. Bänder Deutschlands und die katholische Schweiz führ­ten ihn 1583 ein, Polen 1586, Ungarn 1587, Dänemark 1699. Im protestantischen Deutschland und in den Nie­derlanden gilt er seit 1700, in der übrigen Schweiz 1701, England 1752, Schweden seit 1753. Der christlich- Osten Europas, insbesondere Rußland und die Balkan- Halbinsel behielt zunächst noch den Julianischen Kalen­der bei. Da im Julianischen Kalender die Jahre 1700, 1800 und 1900 Schaltjahre waren, im Gregorianischen dagegen nicht, so war ersterer seit 1900 um 13 Tage ge­gen den Gregorianischen Kalenber zurück. Am 14. Okt. 1923 nahm die Griechisch-orthodoxe Kirche einen neuert Kalender an, ber bem unfrigen ähnlich ist. Die Ge­meinjahre haben wie bei uns 365 Tage, jebes 4 Jahr ist ebenfalls ein Schaltjahr. Von ben Säkularjahren sind dagegen nur die Schaltjahre, die bei der Division durch 9 ben Rest 2 ober 6 ergeben, z. B 2000, 2400, 2900 usw. Diese Schaltung ergibt eine Jahreslänge von 365,2422 Tagen, unb ist nur um 2 Sekunden größer als die augenblickliche ßänge des tropischen Jahres.

Auch die Türken, die bisher die Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina (16. Juli 622 n. Chr.) als Ausgangspunkt- ihrer Zeitrechnung ansahen, haben 1916 ben Gregorianischen Kalenber übernommen.

Wir sind heute gewohnt, den 1. Januar als Jahres­anfang anzusehen. Dabei ist es noch gar nicht so lang­her, daß es anders war. Der Jahresanfang fiel zu­nächst je nach ber Zeitrechnung auf einen anderen Tag.

Die Römer, auf die unsere heutige Zeitrechnung zu­rückgeht, begannen vor Cäsar ihr Jahr am 1. März. Daher haben noch heute September, Oktober, Novem­ber, Dezember, nämlich ber 7., 8., 9. und 10. Monat, ihre Namen. Die Russen behielten diesen brauch bis um 1250 bei. Die Bnzantiner, d. h. die Dftrömer, feierten ihr Neujahrsfest am 1. September. Dieses Datum griffen die Russen um 1250 auf, als sie ihren Kalender änderten (bis etwa 1700). Im Mittelalter war eine ganze Reihe von Neujahrstagen nebeneinander int Gebrauch, je nach dem Lande oder der Diözese, so neben dem 1. Januar der 25. März und 25. Dezember. In der Erzdiözese Köln fiel bis zum Jahr 1310 Neujahr auf Ostern. Im allgemeinen überwog der 25. März unb ber 25. Dezember. Erst zwischen 1500 und 1550 bürgerte sich der 1. Januar als Neujahrstag^ein. Die übrigen Staaten folgten allmählich, so 1563 Frankreich, 1575 die Spanischen Niederlande, 1579 Lothringen, 1749 Florenz, 1753 England, 1797 Venedig.

Heute ist man auch mit dieser Zeitrechnung nicht mehr zufrieden Es liegt bereits eine ganze Reihe von neuen Vorschlägen vor, von denen aber noch feiner ben Beifall aller Beteiligten gefunden hat.

K., Fulda.