1. Januar
Beilage zur Fuldaer Zeitung
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Heiliger Alltag /
„Klopf an! Klopf an! Ein sel'ges Jahr nah' dir heran! Klopf an! Klopf an!
Der Himmel hat sich aufgetan, Draus Heil und Seligkeit geflossen, Damit werdest du begossen!"
So beginnt ein altes Silvester-Lied der Nürnberger Meistersinger seine Wünsche zum Glück und Wohlergehen „der Frau, den Kindern und dem Mann":
„Gesundheit des Leibs und frischen Mut Und was sonst wohl dem Herzen tut."
So sinnig dieses unser „Neujahr-Wünschen" sein mag, es kann uns ebenso wenig das Glück im neuenJahre verbürgen wie das Kartenlegen oder die beim Bleigießen entstehenden Figuren, Fäden und Blasen.
„An tausend Wünsche, federleicht. Wird sich kein Gott noch Engel kehren, Ja, wenn es so viel Flüche wären, Dem Teufel wären sie zu leicht."
; So schrieb Eduard Mörike einem Freunde in den neuen Taschenkalender. Mit ihm haben es alle wirklichen Kenner des Lebens gewußt, wo allein das Glück zu fin- den ist, das wir für das neue Jahr erhoffen, daß es da liegt, wo es die wenigsten vermuten: im Alltag. — „Der Alltag ist das elementarische Dasein." Selbstverständlich, nicht für jenen Alltag kann dies Wort Jmmermanns gelten, den wir ohne Sinn, sinnlos dahin leben. „In alles einfliehen lassen einen höheren Geist!" Damit weist uns Christian Morgenstern an, wie wir den Alltag erfassen müssen. So, wie Goethe seinem Enkel ins Stammbuch schrieb:
„Willst du ins Unendliche schreiten, Geh nur im Endlichen nach allen Seiten. — Willst du dich am Ganzen erquicken. So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken."
Das heißt also, auch da „Ja" sagen, wo man verzagen möchte.
„Kommt üble Stunde dir, so nimm Sie an wie ungebetenen Gast;
Wenn du mit ihm geredet hast, War er zumeist nicht allzu schlimm."
Damit dürste Wilhelm Jensen für die meisten von all uns bevorstehenden trüben Stunden und Bedrängnisse recht haben. Es ist so, wie Goethe sagte: „Feiger Gedanken / Bängliches Schwanken, / Weibisches Zagen / Aengstliches Klagen / Wendet kein Elend, / Macht dich nicht frei. — Allen Gewalten / Zum Trutz sich erhalten, / Nimmer sich beugen, /Kräftig sich zeigen / Ru- set die Arme / Der Götter herbei." — Denn, [o begrün»
Silvester.
। Das altersschwere Jahr vergeht; Im Weltenraum schwebt der Planet. Und über ihm in Glast und Glanz Brennt lichterbunt der Sternenkranz. Wir fahren auf dem bunten Ball, Was mit uns fährt ist Schein und Schall. Durch Traum und Dunkel geht der Weg Hin über schwanken Sternensteg, Der uns ein neues Glück verheißt Und wirbelnd über Welten kreist. Fahrt alle mit, schwebt nur dahin! Raunend rauscht uns der Weltensinn Sein Lied ins Ohr: Durchs dunkle Tor Fahrt hin mit gläubigem Gemüt, Herauf das neue Glück schon glüht!
Hinein ins All, durch Schein und Schall Frohlockend tanzt der Ball.
. Karl Winter, Buttlar.
Works des Lebens zum neuen Jahre. Von paul Wilhelm.
bete es Paul de Lagarde, einer der riesenhaften Geistesarbeiter im vergangenen Jahrhundert:
„Gott fragt, damit du Antwort gebest;
Gott drückt, damit du dich erhebest.
Wenn vor dir ein Geheimnis schweigt. So heißt das nur: Du sollst ergründen . . . Was deiner Zeit und deinem Kreise fehlt, Ist deines Amts hinzuzufügen.
Nicht Unglück ist es, was die Menschen quält: Untätigkeit allein schafft Ungenügen."
Denn wir dürfen mit Justinus Kerner hoffnungsgewiß, die Zweifel keineswegs verleugnend, sprechen:
„Weiß nicht, woher ich bin gekommen. Weiß nicht, wohin ich werd' genommen, Doch weiß ich fest: daß ob mir ist Eine Liebe, die mich nicht vergißt."
Alles Leben, alles Sein mag uns mit Rätseln und Wirrungen bedrücken, — es bekommt sofort seinen Sinn,
Die Nacht kam, kaum daß man es merkte. Ich sah den Bauer mit der Laterne über den Hof gehn. Er rief etwas, was ich nicht verstand. Das Licht huschte über die Stiegen des Hauses, lag mit hellem Fmsteln auf dem Schnee und pendelte an den Wänden.
Der Brunnen, der bis gestern noch zugefroren war, lief wieder. Das verhaltene Plätschern des Wassers war monoton wie das Ticken der kleinen Uhr, die in der Bleibe hing. Als ich dos Fenster öffnete, war der Wind voll kühler Frische. Die Haut empfand ihn angenehm; denn der Ofen im Zimmer fauchte rotglühend vor sich hin.
Gerade verschwand das Licht im Stall, und das Klappern der Holzschuhe ebbte ab. Durch den Türspalt, der offen geblieben war, sah man Helligkeit und Wärme schwadenhaft herüberflimmern, fast wie Staub, der in Sonnenstrahlen glänzt.
Der Hund schlug an, zerrte an der Kette. Sein Kläffen überschlug sich, versank in Knurren und begann jäh von neuem.
Ein paar Burschen zogen vorbei. Einer von ihnen sang etwas vor sich hin. Borm Haus blieben sie stehn. Der Sänger klopfte gegen die Scheiben.
„Gehste mit, Koarl? Ins Dnurf? Ins Wirtshuis?"
Das Fenster wurde geöffnet. Eine Frauenstimme rief ins Zimmer:
„Koarl! Koarl! Gch her! Karls Stimme antwortete entfernter: „Gleich!" „Gleich!" sagte die Frau. Das Fenster wurde geschlossen.
Die Burschen standen allein im Hof. Es blieb für einige Zeit still. Dann wurde Sprechen vernehmlich. Etwas von Geld, Bier und „Könnche Schnaps". Der Wind wehte rauschend über die Bäume des nahen Rains und ließ nur wenige zerfetzte Brocken der gesprochenen Sätze herausgelangen.
Die Tür ging auf. Karl kam heraus. Als die Burschen ihn begrüßt hatten, wurden sie merkwürdigerweise schweigsamer, trotteten, den neuen Kumpan in der Mitte, am Stall vorbei, den Weg ins Dorf nehmend. Der Hund war diesmal fast still. Lag im Stroh, knurrte etwas vor sich hin und begann unsicher zu schlafen.
Als ich hinüberkam, fand ich im Zimmer die Bäuerin mit Lesen beschäftigt. Sie blätterte in einem alten Kalender und erhob den Blick zu dem Eintretenden. Die Karbidlampe blakte unverschämt.
„Na, boas hoste hü Oabend gösse?"
„Kakao, Brot, Butter und Spiegeleier."
„Kakao? Nä? Ich mach mer nischt aus däre Brieh."
Sie schaute mißtrauisch über die ungeputzten Brillengläser.
„Ja", sagte ich.
Ein Blick auf den Kalender schien ihr für einen Augenblick weltfernere Gedanken zu bringen.
„Ioh! Morre is boas Joahr schon weder oorbeei,
wenn wir es betrachten mit den Augen dessen, der es über uns schickt. Ist es nicht so? Sie Kirchenfenster blicken uns von der Straße her schwarz und öd an, wir aber leuchten sie auf von innen; wie verrückt und wirr schaut die Stickerei aus von unten besehen, von oben aber, eben „von rechts", wie herrlich fügen sich ihre Figuren und Linien in Harmonie und Ordnung. Dies, daß alles seine zwei Seiten hat, von dem Schöpfer her gesehen aber eine gute, läßt uns alle Tage beginnen mit dem Gebet Mörikes:
„Herr, schicke was bu willt, Ein Liebes ober Leides!
Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt."
Verleben wir fo alle Tage, die guten wie die schlechten, das heißt: Heiligen wir den Alltag, bann wirb jeber Abend für uns gesegnet fein wie für Friedrich Hebbel: „Jeglicher Abend ergreift mich, als wär' er der letzte von allen, der nach unendlichem Kampf ewige Ruhe verheißt." Hinaus also mit Goethe ins neue Jahr:
„Mein Erbteil wie herrlich, weit und breit!
Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit."
Silvester in -er Rhön.
on emmer heißts geschuft. Boas hat mer eigentlich vom Lüde?"
„Ja, ja", sagte -ch.
„Jetzter moß onser Bläß bald kalbe. Bann boas nur net schebb gelt. Die Dokter koste hall so vill."
„Ja. ja, ja", sagte ich. „Ich wollte fragen, ob ich ein paar Kalender zum Lesen haben könnte."
„Geürn. Die tonnfte gehoh, die tonnfte gehoh".
Die Magd kam herein, die Haarsträhnen im roten Gesicht, einen Eimer mit Kartoffeln schlenkernd. Ich ergriff die mir bestimmten Kalender. z
„Gute Nacht! Guten Beschluß!"
„Hä?", fragte sie.--Ich schloß die Türe.
In der Bleibe tropfte die Kerze. Ihr Flackern ließ die Schatten an der Wand und Sims zittern und schwanken. Die Kalenbergeschichten erzählten von Wil- berern und bekehrten Bauern, hinten standen Kasernenhofwitze, Ab und zu war auch ein „Kunstblatt" dabei. Eins ist mir in Erinnerung geblieben. Es hieß: „Das Edelweiß". Ein wildaussehender Tiroler hängt höchst kapriziös an einem Felsen, hinter ihm aber hat ein spukhaftes Totengerippe die grausige Hand erhaben. — Di« Kerze flackerte, die Lichter tanzten, die Schatten schminkten, der Tod stand hinter dem Edelweiß. Es mochte unheimlich werden.
Wie das Holz im Ofen knisterte, tauchten nebelhaft Bilder aus der Jugend auf. Das Schlafzimmer war feucht und die Decke so kurz, baß man sich rollen mußte wie eine Schnecke, um sich zu schützen. Des Nachts schrien bie Käuzchen um den Kirchturm. Daneben war der Kirchhof, und das Mondlicht stand zwischen den Kreuzen. Obendrein war am Dorfende eine Höhle, in der klang eine hohle Stimme, wenn man rief, und das alte Weib im Auszügerhaus der Oelmühle schleppte Reisig vom Wald, murmelte seltsames Zeug und strich den gespreizten Buckel ihres Katers. Dort und wo bie Felsen anfingen, spukten düstere Geschichten von Mord und Hexen. Irrlichtern und weißen Frauen. Die tanzten des Nachts auf den wildesten Triften, die Moorglocken läuteten schaurig, der Sput trieb feurige Räder und heulte wie ein wilder Fuchs, riß einem Haare aus und biß in die Waden. Das alles erzählte auch die Großmutelr, während sie bas Spinnrad trieb. Nachts aber spürten wir, wie es in allen Ecken lungerte, hinter uns vorbeischlich und sich im Taubenschlag am Dachfirst verkroch.---
Ich packte bie Kalender zusammen. Die Treppe polterte hohl unter meinen Schuhen, als ich hinabstieg. Drunten schnallte ich die Schneeschuhe an, die Stöcke brachten mich ins Gleiten. Dann schob ich mich zum Waldrand hinüber.
Die Nacht war wunderbar klar. Aus den dunkelblauen Flecken zwischen den Wolken flimmerten die Sterne. Der Schnee glänzte unendliche Weiten vor das
Die Holzlarve.
Bon Gustav Benter.
Beith Logger brannte in feiner Alphütte bie Lampe an und legte noch einige derbe Holzscheite in den Ofen. Draußen schleierte die Dämmerung aus den Tälern empor, und die Eisspitzen des Walliser Riesen glühten im letzten Brand des Tages. Aus der Tiefe des Löt- dientales drang leises, orgelndes Summen — bas Laster des Lonzabaches dröhnte wider die Eisdecke tnb versetzte diese in klingende, zitternde Resonanz- chwingungen. In die herbe Stille des Silvesterabends »rang von irgendwoher ein heller Schrei, dem aus einer nahen Berghütte eine jauchzende Antwort folgte Da schloß Beith Logger das Fenster, das er geöffnet batte, um die dumpfe morsche Luft der lange unbewohnten Hütte ins Freie zu lassen.
Er ärgerte sich. Diese Hütte hatte er jahraus, jahrein e, achtet, um hier oben Ruhe vor den Menschen zu „oen. Hierher zog er sich allsonntäglich zurück, fuhr ■u* den Stieren die Hänge entlang und freute sich in inet etwas düsteren, grilligen Art der großen Berg- -lt. Freute sich aber vor allem, daß er hier allein
Er war ein harter, im Beruf oerfinterter Jungte und liebte keinen Verkehr, keine Freundschaft, h diesen Jahresübergang verbrachte er hier oben, et' ihm das Lärmen der Jahreswendenacht in der tast widerlich war, weil Lachen, Jauchzen und Fest- ude ihn zu leidenschaftlichem Widerspruch gegen alles ufpeitschten, was vom Menschen zum Menschen ging
Und nun juchheile es hier, juchheite es drüben, bei en Hütten der Nachbaralp flammten Lichter, krochen sie zappelnde Leuchtkäfer durch das beginnende Dunkel, ürrten über bie weiten, welligen Schneehalben. Veith Lagger entsann sich mit großem Aerger, daß er es heute nit bem Alleinsein schlecht getroffen hatte. Er hatte den alten seltsamen Brauch der weltabgeschiedenen Löttchen- taler vergessen. Nun kam's ihm wieder in den Sinn, aber nun war es zu spät.
Er entfann sich, was er über bas Maskentreiben der Silvesternacht gelesen hatte: Vor vielen Jahrhunderten wütete bie Pest im Tale .und um sich gegen Ansteckung
zu sichern, taten bie Pestknechte hölzerne Larven vor. Der hygienische Wert dieser Larven mußte einer neueren Zeit zwar zweifelhaft sein, aber das Mittelalter mischte feine Gesundheitsregeln stets mit etwas Hokuspokus Die Pest ging, bie Larven blieben als Erinnerung an eine böse Zeit Mahnten stets, wenn bas alte Jahr zu Ende ging, drohender Möglichkeiten des kommenden eingedenk zu sein, und wurden, wie das bei der leichtsinnigen Jugend nun einmal geht, schließlich Ursache zu einem maßvoll fröhlichen Treiben auf den bewohnten Alphütten. Tschägätta nannten die Bergmenschen von Lötschen diese greulichen, an geschnitzte Südseegötzenbilder erinnernden Holzlarven. Mit ihnen angetan, vermummt, verpelzt, streiften die Burschen die in den Schnee gekerbten Alpwege ab, trieben um die Hütten spukiges Wesen und heischten Bewirtung, die ihnen nach altem Brauch nicht versagt werden konnte.
Das alles hatte Veith Logger vergessen, hatte sich gedankenlos in ein Maskentreiben begeben, wo er zweitausend Meter über dem Meere in menschengehässiger Ruhe und Abgeschiedenheit bei einem Buche und einem Glas Glühwein den Wendeobend zu verbringen gedachte. Es hotte ihn sogar einige Mühe gekostet, fein Alleinsein zu behaupten. Ein Amtskollege hotte gebeten, mit seiner jungen Frau kommen zu dürfen, in schöner Bergstille den Jahreswechsel zu begehen. Merkwürdigerweise hatte dieser Amtskollege, der junge Doktor Merz, immer und unveränderlich eine Art Zuneigung zu bem schrulligen Kameraden. So hätte Logger, wenn er gewollt hätte, Jugend, verliebte Jugknd um sich hoben können — er hotte sich mit oller- Kraft, zum Ende sogar mit unverblümter Grobheit, gegen den Besuch gewehrt. Umsonst, statt des lustigen Doktor Merz und seiner Lucy hatte er nun wahrscheinlich eine Tschägätta, eine Holzlarve auf dem Hals. Denn die Burschen streiften alle bewohnten Alphütten ab, um kein Glas Glühwein zu versäumen. Und was das Bedauerlichste war: einen Löt- scher Burschen konnte Lagger nicht einmal mehr ober minder eindeutig hinausweisen. Wer hier oben eine Hütte besaß, der war von den Leuten abhängig. Die Aelpker lieferten bie Milch, die Butter, verkauften das gar nicht leicht zu gewinnende Brennholz, trugen eher gegen gute Worte als gegen Geld ßebensmittelfenbungen von der Talpost zur Alp empor. Man mußte sich mit
den Leuten gut stehen, wenn man hier in weltabgeschiedener Behaglichkeit fein eingekapseltes Ich pflegen wollte.
Logger entnahm seinen Weinvorräten eine zweite Flasche, goß den goldflüssigen Inhalt in einen Aluminiumtopf, warf Zucker und Zimt hinein und — „Da ist schon einer", knurrte er und fetzte sich gleich daraus eine beherrscht freundliche Miene auf.
Im Vorraum tappten schwere Schritte, scharrten Füße den Schnee von den Absätzen, die Tür öffnete sich, und ein Ungetüm absonderlicher Art trat herein Aus einem in schwarzem, zottigem Schaffell verhüllten Körper saß ein grotesker Schädel mit zwei Hörnern, aus dem fletschenden Mund ragten zwei Eberzähne, und die Holznase stach weit, spitz und teuflisch vor. Diese Tschägätta war ein Meisterwerk der ländlichen Holzschneidekunst — vielleicht hatte schon der Ahn mit ihr Silvesterunfug getrieben.
Der Popanz trieb einigen derben Teufelsscherz und sagte Sprüchlein in der melodisch weichen, singenden Mundart des Tales. Das ließ Lagger mit gespielter Freundlichkeit über sich ergehen, wies der Maske schließlich einen Platz am Tisch an und trug den heiß wallenden Glühwein auf. Nun saß das Bergphantom da, saugte den Wein durch die hölzerne Mundöffnung aus einem Glasrohr und grunzte behaglich, ohne große Reden zu machen. Lagger wußte nicht, was mit dem seltsamen Gast beginnen, war nur bedacht, nicht gegen Brauch und Gastfreundschaft zu verstoßen und trank auch. Die schnarrende Pendeluhr an der Wand tat einen ächzenden Ruck, das Türlein sprang auf und der hölzerne Bär rutschte hervor, schlug mit der Tatze gegen bas Glöcklein — zehn Uhr.
Tabaksrauch füttte bie Stube, Lagger qualmte Zigaretten, bie Tschägätta hatte eine bargebotene Zigarre angesteckt. Nun könnte er enblich gehen, badjte der Städter, und könnte sagen, wer er ist. Wahrscheinlich der Iosap Lehner, der mir stets das Holz liefert — vielleicht auch der Hans Rieder, der mir meine Post aus dem Tal bringt. Zweifellos ein guter Bekannter, sonst wäre er nicht so seßhaft. Oder macht es der Wein — er ist gut gewürzt und auch sonst stark genug. Er könnte fast sröh-
Auge zaubernd, baß sich dennoch allem näher sand wie jemals zuvor. Die Wacholderbüsche waren weiße Türmchen. Steine waren sanfte Bollen, Wälle milden Hügelketten gleich.
Ein Harschfeld brachte plötzlich unerwartete Ge- chwindigkeit, und die Schwärze, bie jäh näherrückte: ber Wald, wurde eine bange Gefahr. Aber der Bogen gelang.
Am Sägewerk lag Holz, lagen Splitter, standen Karren. Alles verlassen und unbeachtet. Der hohe, schmale Schlot schien noch einmal so lang, so daß ich ängstlich von ihm fortblickte.
In den Birken schwätzte es. Mit bem Wind kamen lauere Luftschichten. Ich ballte Schnee. Es gab schon eisige Klumpen. Die Schneeschuhe liefen schwer. Ich tanb.
Drüben vom Dorf kam Lärm herüber. Schüße knallten. Erst eine ganze Salve. Ich hielt den Atem an. Es kamen ein paar Nachzügler, bann klatschte es nur noch spärlich. Ich wartete bie Stille ab und mußte mich nachher zwingen, sie zu unterbrechen.
Der Monb war aus den Wolken hervorgetreten. Er hatte eine strahlende Corona, ätherischen, überirdischen Glanz. Die Berge standen feierlich im Rund. Ich konnte sie mit ber Hand berühren und scheute mich davor — Müdigkeit brachte sachten Heimweg.
In ber Nacht bann noch ein gelindes Erwachen, ein Schneeball platzte ans Fenster, und weiter schlief ich —
Am Morgen war das Touwetter da. Die Wege waren eisig glatt. Die Leute blickten verschlafen gähnten und riefen: „Prost Neujahr!" Wir schlidderten los. Das Wasser floß und drang in die Schuhe. Grüne Flecke begannen die Wiesen zu verraten. Die Milseburg stand in grauer Nebelschicht. Auch vor der Wasserkuppe war es trübe. Der Weg dauerte fast eine Stunde Als mir die letzte Bodenwelle erstiegen hatten, lag das Dorf unter uns. Gerade begannen im Kirchturm die Glocken zu läuten. Günther Willms.
Silvester in Petersburg.
Ein Stimmungsbild aus dem Vorkriegsrußland.
Lustig scheppern bie Schellen am Halse der kleinen struppigen Iswoschtschik-Pferdchen. Hell klingt das abgestimmte Glockenspiel auf den Rücken weit ausgreifend ber Traber, welche sich gegenseitig überholenb, auf knir- schenben Kufen federleichte einsitzige schmale Schlitten durch die tief verschneiten Straßen der Riesenstadt ziehen. Keuchende Lastpferde schleppen hochbeladene Holzfuder, kunstvoll gestapelte Warenballen auf breiten niedrigen Schlitten. Schnaubende Dreigespanne, die Köpfe der beiden galoppierenden Seitenpferde nach außen geschnallt, während das mittlere unter steilem Krummholz trabt, bahnen sich den Weg durch das Gewühl, laut tönt der Warnungsruf der Kutscher „Eh beregih! Unermüdlich fegen die Dworniki den Schnee vom breiten Bürgersteig ihres Hauses und immer wieder gaukeln dicke Flocken vorn grauen Winterhimmel herab. Hohe Schneewälle türmen sich an den Bordschwellen, dicke gewölbte Polster hat der Winter auf alle Gesimse und Vorsprunge gelegt, Eiszapfen hängen von den Dächern und die Laternen tragen hohe glitzernde Zipfelmützchen. Vermummte Gestalten, die Hände tief in die Taschen vergraben, eilen bie Straßen entlang, dampfend steigt der Atem in die eisige Lust, setzt sich als weißer Reis an Pelzkragen und Schnurrbart, und friert nicht feiten beide aneinander. Emsiges Leben herrscht in der Stadt, viel einzukaufen gibts, denn der Russe feiert Silvester am liebsten zu Hause, im Kreise guter Bekannter. Hier trägt ein Bote einen schweren Korb auserlesener Leckerbissen, dort keucht ein Labendiener vor einem Hundeschlitten, dessen glucksender Inhalt, in Strohhüllen sorgsam vor Frost geschützt, dickbäuchige Sektflaschen verrät. Eilig windet sich em em- faches Mütterchen durch das Gewühl, ein dickes wollenes Umschlagtuch hüllt Kopf und Schultern ein. Aus ihrer Tasche lugt der schlanke Hals einer Schnapsflasche, Wodka — das Getränk der Armen. Vorsichtig birgt sie einen Schatz an ihrer Brust — einen Pärog, bas ist ein Blätterteig mit köstlichem Inhalt, ber entweder aus Sauer- kohl, Fleischwürfeln ober Reis besteht.
Langsam verlischt ber kurze nordische Muttertag; zarte graue Schleier senken sich auf die Stabt, hüllen alles lich machen, wenn Fröhlichkeit nicht ein oberflächliches, bummes Getue wäre.
Der Rauchnebel wallt immer dichter, und plötzlich schien es Logger, als ob bie Tschägätta in ber Zeit ihres Beisammenseins gewachsen wäre. Die blintenben Eberhauer waren länger geworden, schienen nun wirklich aus Bein, nicht aus angestrichenem Holz. Die Augenlöcher, hinter denen früher übermütige Jungenaugen heraus- geblitzt hatten, schienen sich gefüllt zu haben, langsam wuchsen große Glotzaugen hervor, bie aber farblos und leer waren.
„Wer bist du eigentlich?" fragte Lagger, um das Unheimliche dieses schweigsamen Gegenüberfitzens zu brechen.
„Wer ich bin?" sagte bie Tschägätta. „Das ist boch heute, zu dieser Stunde, Bar." Das Gespenst klopfte an feine Stirn — sie klang teer und hölzern. „Ich bin eines deiner Jahre — weiß nicht, das wievielte. Es ist ganz gleich. Eines wie das andere. Alles hohl und Holz."
„Seltsame Sprüche machst bu," lachte der Mann verlegen.
Die Tschägätta saugte wieder Wein auf und füllte auch Lagger bas Glas. Sie tranken, rauchten, schwiegen. Endlich: „Willst du nun nicht auch zu den andern Hütten gehen? Dort ist luftigere Gesellschaft."
„Was habe ich bei anderen zu tun? Ich gehöre zu dir."
„Zu mir?"
„Ich bin deine Zeit, ich wachse mit dir."
Lagger sah verstohlen an der Gestalt empor — ja, schon mußte er emporsehen. Sie war hoch hinaufgewachsen, ragte mit bem krauswolligen Scheitel schon über die Hängelampe empor, deren Licht immer kleiner wurde, nur mehr wie ein gelber Funke in bem blau« leutfjtenben Nebel stand.
Wieder rasselte die Uhr, wieder schob sich der Bär hervor und tappte elf Schläge an das Glöcklein.
„Du hast mich ja gewollt," sagte die Larve. „Mich allein. Hast dir nichts anderes gewünscht an diesem Abend. Hättest Leben und Liebe um dich haben können, Freundschaft und Freude. Darauf hast • ver-