Dorfbuben.
7] I. Herbert.
Franz nimmt das Hummelnest in die Hand, ballt sie zur Faust und drückt. Zwischen den Fingern quillt Honig hervor, und Franz fängt mit Wohlbehagen an zu lecken.
„Pfui, von den schmutzigen Fingern den Honig zu lecken, und die Würmchen find alle noch darin, davon möchte ich nichts." Karl schüttelte sich.
„Die Hauptsache ist, daß es gut schmeckt." Franz leckt behaglich weiter, und als der Honig alle ist, wirst er das leere Nest wieder weg, putzt die Hände an der Hose ab und meint betrübt: „Schade, daß keine Hummelsncster mehr da sind!"
*
Es waren schöne Tage, die Karl und Franz miteinander verlebten. An Unterhaltung fehlte es nie. Sie stellten den flinken Eidechsen nach, die im Steingeröll der Hecke hausten und sich an den heißen Mittagen gern auf den großen Steinen formten, die überall herumlagen. Leider gelang es ihnen nie, eine zu erwischen. Die Tierchen waren zu flink, und aus den kleinen Löchern, die ihre Schlupfwinkel waren, konnte man sie nicht herausholen, so große Mühe sich die beiden auch gaben.
An mehreren Nachmittagen schleppten sie Steine zusammen und bauten sich ein Haus, groß genug, daß beide bequem darin sitzen konnten. Das Dach bestand aus dichtbelaubten Zweigen, und als es eines Nachmittags regnete, faßen sie in ihrem Häuslein u. schauten dem Regen draußen zu. Wenn die Blätter in der Sommerhitze vertrocknet waren und ihnen das Dach nicht mehr dicht genug schien, flochten sie ein neues aus frischen Zweigen, die ja in der Hecke überreich vorhanden waren.
Neben das Häuslein hatten sie einen langen Haselstock gesteckt, an dessen Spitze ein Taschentuch befestigt war. Das Fähnlein flatterte lustig im Wind und war weithin zu sehen. Als sie dann in der Schule von Raubrittern hörten, nannten sie ihr Haus „Die Ritterburg", und sie waren die Ritter.
Als tapfere Ritter mußten sie natürlich auch Waffen haben; deshalb hatten sie sich Bohnenstangen mitgebracht und übten sich damit im Speerwerfen. Als sie das ein wenig konnten, gingen sie auf die Jagd und stellten den Ammern und Grasmücken nach, die ohnungs-
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los in der Hecke saßen und ihr fröhliches Liedlein sangen. Dann schlichen sich die beiden Jäger mordgierig heran, und wenn sie nahe genug zu sein glaubten, zählte Franz leise: „Eins, zwei, drei", die Speere flogen, und meistens hätten sie auch den Bogel getroffen, wenn er nicht vorl)er fortgeflogen wäre.
Wer weiß, wie lange sie ihr lustiges Leben da oben noch geführt hätten! Aber eines Tages wartete Karl oer- geblich auf feinen Freund, und am nächsten Tage erfuhr er, daß Franz nun hinten im Grund hütete, wo das Futter besser war als oben auf dem Berge.
Mittags meinte Karl und wollte nicht mehr auf die Weide fahren. Er wolle nicht mehr allein da oben sein, sagte er zur Mutter.
„Ich weiß gar nicht, was du nur haft!", sagte die Mutter. „Die Zeit her warst du doch immer so vergnügt, wenn es auf die Weide ging! Jetzt auf einmal willst du nicht mehr, weil der Franz nicht mehr oben ist. Sei doch nicht so töricht, Junge! Die paar Tage, die du noch auf dem Berg hüten mutzt, sind auch bald herum, dann darfst du auch zu den anderen in den Grund. Komm, nimm dir ein paar Birnen mit, ich wäre froh, wenn ich so auf die Weide fahren törarte wie du!
Karl hatte sich die Taschen voll Birnen gesteckt und war mit dem Vieh fortgegangen. Die paar Tage des Alleinseins da oben würden rasch vorbei fein, das war fein Trost.
Oben angekommen, setzte er sich in die „Ritterburg" und aß Birnen. Er wollte dem Pommer auch davon geben, aber der mochte keine und schnupperte bloß an den Stücken, die Karl ihm hmwarf.
So aß Karl seine Birnen allein und schaute dabei nachdenklich hinab ins Tal.
Auf den Wiesen beim Dorfe waren die Jungen und ließen ihre Drachen steigen. Einige der bunten Papiervögel schwebten schon in der Luft, einer stand sehr hoch, viel höher als der Kirchturm.
Eben ließen sie wieder einen aufsteigen. Karl sah, wie der Junge mit der Schnur lief, der Drache stieg ein wenig empor, sauste in der Luft hin und her, machte dann einen großen Purzelbaum und stieß hart auf die Erde. Die Knaben liefen zusammen und stritten miteinander, das sah Karl an ihren Bewegungen. Ab und zu hörte er auch ihr heftiges Geschrei.
Die Birnen waren mittlerweile alle geworden. Karl stützte den Kopf in die Hand und blickte unverwandt auf
das fröhliche Leben beim Dorfe, und je länger er hinab schaute, desto trübseliger wurde es ihm zumute. Wenn er doch auch dabei fein könnte! Fast hätte er wieder angefangen zu meinen.
Da sieht er zwei aus dem Dorfe kommen. Wo der Weg zu ihm abzweigt, bleiben sie stehen. Scheinbar wissen sie nicht recht, ob sie zu den anderen Kindern auf die Wiese oder auf den Berg gehen sollen, denn sie haben einen Drachen bei sich und wollen ihn steigen lassen.
Karl ist längst aufgesprungen und schaut gespannt hinab. Wenn die herauftämen. Er legt die Hände an den Mund und ruft mit aller Kraft: ,^he-la, he-la!"
Die da unten scheinen ihn zu hören, denn sie blicken sich suchend um. Zufällig schaut einer herauf, und sieht ihn. Der stößt den anderen an, und nun schauen sie beide herauf zu Karl, der mit beiden Armen winkt.
Die zwei bleiben noch einen Augenblick stehen und scheinen miteinander zu sprechen, dann gehen sie den Weg herauf, und oben schlägt Karl vor Freude einen Purzelbaum, weil er nun Gesellschaft bekommt. Dann befiehlt er dem Pommer, dazubleiben, und rennt den Berg hinab, den beiden entgegen.
Schullehrers Hans ifts mit seinem neuen Drachen, von dem er heute morgen in der Pause erzählte, und bei ihm ist Konrad, der neulich auch mit bei den Zigeunern war.
„Geht da oben bei dir der Wind gut?", ruft Hans, als Karl beinahe bei ihnen ist.
„Fein, viel besser als unten auf der Wiese. Kommt nur mal mit!"
Sie gehen zusammen hinauf, und Karl betrachtet sich den schönen Drachen, den Hans auf dem Rücken trägt. Aus blauem Pergamentpapier ist er gemacht. Das knistert undbauscht sich im Wind, als ob der bunte Papiervogel die Zeit Zeit nicht abwarten könne, bis er sich emporfchwingen dürfe in die blaue Luft.
„Du haft aber einen feinen Drachen, Hans. Wenn er nur auch gut steigt", sagt Karl.
„Der steigt schon, mein Vater hat mir dabei geholfen, meinst du, der könnte keine Drachen machen?"
Nun sind sie oben. Hans wickelt die Schnur ab, Konrad hält den Drachen gegen den Wind und ruft: „Eile dich, Hans. Er reißt mich beinahe um!“
Nun ist Hans fertig. „Los!, ruft er.
Rauschend und knatternd schießt der Drache empor,
und sich wieder aufrichten lernen. Nur wer in Gedul und Fleiß seine eigenen Kräfte und Fähigkeiten U spannt, ist auf dem Wege, ein selbständiger, tüchtig und zufriedener Mensch zu werden. Um hier die rich tige Mitte einzuhalten, ist ein reger Gedankenaustausi zwischen Eltern und Lehrer unbedingt nötig.
"Eltern und Lehrer sollen sich unterstützen und e, gangen. Die Schulkinder müssen auch zu Hause angi halten werden, ihre Schulaufgaben gewissenhaft zu ei ledigen und die Schulordnung pünktlich einzuhalten. S„ dürfen nicht urteilslos in Schutz genommen werden wenn sie sich über diese ober jene Maßnahme des Leb rers beklagen. Wenn die Eltern es gleich dem Lehr als ihre erste Pflicht erkennen, die Kinder zur pflich mäßigen Achtung gegen Lehrer, Seelsorger und Vv gesetzte zu erziehen, legen sie damit ein Kapital in em: fängliche Kinderherzen, dessen Zinsen ihnen selbst zugm kommen. Die Eltern können unmöglich die Absicht ha. ben, bas Gift der Zuchtlosigkeit in Kinberherzen zu säen, bas ihre alten Tage vergiften wirb.
Die Erziehung ist die größte, wichtigste und schwerst Aufgabe, die ben Menschen auf gegeben werben kann Es ist ganz gleich, ob ein Kind Schuster oder Schneider wird. Es ist aber noch lange nicht gleichgültig, ob sich im werdenden Menschen eine Raubtier- und Verbrecher- natur entwickelt, oder ob er ein gediegenes und religiöses Mitglied der menschlichen Gesellschaft wird. Wenn Eltern, Lehrer und Seelsorger einig und harmonisch mitten, kann nur Gutes daraus entstehen.
Eine Anfrage.
Zu Ostern ist mein ältester Junge in die Schute gekommen. Nun muß ich mich wundern über die Schrift, die der Junge lernt. Sie ist ganz anders als die, die wir ftüher gelernt haben. Auch hält er den Griffel anders, wie wir es früher gelernt haben. Er sagt, so müßten sie es in der Schul« machen. Da ich ihm immer bei den Schularbeiten helfe, möchte ich um Aufklärung bitten, da ich dem Jungen doch nichts Falsches bei- bringen möchte. ®. S. in F.
Ihre Anfrage ist von allgemeinem Interesse, berat in Ihrer Lage werden sich manche Eltern befinden. Die Schrift, die jetzt in der Schule gelernt wird, ist tatsächlich in Manchem anders als die, welche Sie ftüher gelernt haben. Darum ist auch die Federhaltung v«r. ändert. Sie tun am besten, wenn Sie sich mit Ihrem Lehrer besprechen. Der wird Ihnen gern näheres mit- teilen. Wenn Sie sich um die Schulaufgaben des Jun- gen kümmern, ist es vorteilhaft, daß Sie über bi« neue Schrift etwas Bescheid wissen. L.
Lustiges aus der Schule.
Es war im Rheinland. Ein hoher Kirchenfürst — « soll noch am Leben sein — hält nach der Firmung tz. der Schule die übliche Religionsprüfung. Dabei kommt auch die Rede auf den Papst und die Papstwahl, und der hohe Herr fragt bei der Gelegenheit:
„Nun, Kinder, kann denn auch ich zum Papste gewählt werden?" .
Erst allgemeine Stille. Dann hebt sich em Frager.
„Nun, mein Sohn, was meinst du denn?"
Nein!"
"Aber Mit berat nicht?" fragt der Herr etwa! betroffen. „
„Die wählen immer den Schlauesten.
*
Auf einem Spaziergange treffe uh vor dem Dorsi zwei Jungen, die demnächst zur Schule müssen. „Dm Gelegenheit ist günstig," denke ich, „da kann tch mich mit den beiden Burschen gleich etwas bekannt machen, dann verstehen wir uns später besser." Ich setzte aljo meine freundlichste Miene auf und rede sie so recht liebreich an: . ,, „„
„Na, ihr beiden, wo wollt ihr denn hm?"
„Das geht dich gar nichts an, wir gehen I« mch nicht in die Schule," kam es abweisend au3 dem Munde des größten, worauf sie sich an den Händen fatztea und 'schnellstens verschwanden. ,
Mit nicht gerade geistretchem Gesicht duckte iq ihnen nach.________________
und die beiden Jungen starren ihm mit offenem Mund» nach. „Der war aber fix droben", meint Karl.
„Er schwänzelt zu viel!", ruft Hans. „Wir müssen ihm etwas an den Schwanz hängen."
Er wickelt die Schnur auf, der Drache kommt herab. Karl hat schon einen Büschel Klee ausgerqM Der wird am Schwänze befestigt, bann steigt der Drach« zum zweitenmale auf. Jetzt steht er ruhig, und ftan wickelt langsam die Schnur ab. Höher und höher sie g der Drache. Unten im Tale werden sie aufmenfa Sie stehen und starren herauf nach dem blauen Soge , der himmelhoch über ihnen in der klaren Sommeri i steht, so ruhig, als wäre er da oben angenagelt.
„Das ist aber ein Drache, so grbts im ganzen Dors keinen mehr", ruft Karl begeistert und ist stolz, daß o Wundervogel hier oben bei ihm fliegt und nicht Tale bei den anderen.
,Lm ganzen Dorf?", meint Konrad geringsch „im ganzen Land gibt es so keinen Drachen t Vielleicht sogar auf der Welt nicht."
Hans hat inzwischen die Schnur abgewickelt. $1 kann der Drache nun nicht mehr steigen. Wie klem er aus, und er ist doch größer als einer der Jung«
,Laß mich ihn auch einmal halten!", bitte Karl.
Hans gibt ihm die Schnur und mahnt: „Halle ja fest, der zieht mächtig!"
„Ich glaube, der könnte ein Wägelchen 3ie* meint Karl, als er die Schnur eine Weile hat- reißt einem ja beinahe den Arm heraus.“
„Das wäre fein, wenn man den Drachen an Wägelchen spannen könnte. Da könnte man sich ? setzen und lenken. Vielleicht mach ich das mal , Hans nachdenklich. „Das müßte man aber unte der Straße machen, hier oben wäre nicht gut M
„Ob man sich wirklich auch oben auf den D» legen könnte? Ich meine, weil es fo in dem heißt, das wir neulich gelernt haben", sagt s „Was meinst du, Karl?“
„Das ginge doch sicher, nur müßte der Drache fein. Aber ich glaube, da oben würbe es einem 1C lig, das sind vielleicht zweihundert Meter."
„Nimm du die Schnur auch mal, Konrad, sich Hans ein. „Nachher wickeln wir auf, er 4» genug oben, und die Augen tun einem weh 00 künoullckouHP."
- (Schluß folgt)
Liebe Mutter!
Heute möchte ich Dir eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen. Es war vor vielen Jahren. Ich war damals neun oder zehn Jahre alt. Genau weiß ich das nicht mehr. Als ich an einem Mittwochmittag aus der Schule heimkam, sagte mir meine Mutter: „Kind, eile dich, du mußt mit mir in die Wiese gehen. Wir haben heute viele Arbeit, und da müßt ihr alle helfen. Dein Vater und deine Schwestern sind schon fort." Wie freute ich mich da. Schnell den Rechen auf die Schulter genommen und mit der Mutter gelaufen. Wir kamen an einer Bergwiese an. Hier sollten wir das Heu wenden. Erst blieb meine Mutter bei mir und unterwies mich in dieser für kleine Hände in einer Bergwiese immerhin recht schweren Kunst. Nach einer Weise sagte sie: „Ich muß jetzt zu deinem Vater gehen und ihm helfen. Kannst du das jetzt hier allein fertig machen?" Natürlich konnte ich das. Wer tarnt als Kind nicht alles? Und ich war ganz stolz darauf, daß meine Mutter mir diese schwere Arbeit allein anvertraut hatte. Aber bald wurde meine Freude klein und kleiner; berat die andern Dorfleute, namentlich ältere Mitschülerinnen, die vorbeikamen, ließen mich in Worten und Blicken und auch Spöttereien sehr deutlich merken, daß ich's noch gar nicht richtig konnte. Das tat mir so weh, daß ich dieses kleine Ereigttis noch so deutlich vor mir sehe, als sei es erst gestern gewesen, und daß ich jetzt nach nahezu 30 Jahren noch ben Namen dieser Mädchen weiß. Von da ab war meine Freude an der Arbeit dahin. Und mit Sehnsucht schaute ich immer wieder in die Ferne, ob meine Mutter denn doch nicht bald käme. Endlich sah ich sie. Was wird sie sagen? Wird sie mich heimschicken mit den Worten: „Du kannst aber auch gar nichts! Dich kamt man zu nichts brauchen!" Von all dem tat sie nichts. Ich glaubte damals, sie hätte gar nicht bemerkt, daß ich's nicht gut gemacht hätte — heute weiß ich, daß sie es wohl sehr gut gesehen hatte — dafür war sie in allen landwirtschaftlichen Arbeiten eine viel zu geschickte Frau. Sie sagte nur: „Bist du schon so weit oben auf dem Berg? Jetzt helfe ich dir, dann sind wir schnell fertig." Und als sie mich bann weiter so hilflos Wirtschaften sah, ba sprach sie in aller Güte: „Komm, ich zeig brr noch einmal, wie man'S besser macht. Sieh, so faßt man ben Rechen an, unb so geht man berat Schritt für Schritt voran." Von biefer Stunde an ging ich immer mit Freuden mit meiner Mutter arbeiten. Und dieser Stunde verdanke ich es, daß ich in meinen jungen Jahren, so lange ich noch int Elternhause weilen durfte und auch später in den Ferien gern in Feld, Wiese und Wald mithalf.
Warum erzähle ich Dir heute diese Geschichte? Ich dachte, vielleicht könntest Tw als Mutter ein klein wenig daraus lernen, wie Du Dich bei den Arbeiten Deiner Kinder verhalten kannst. Ich denke da sowohl an die häusliche Beschäftigung als auch an die Schularbeiten.
Es gab für meine Mutter drei Möglichkeiten. Einmal konnte sie in Ungeduld sagen: „Geh heim, mit dir ist doch nichts anzufangen, mit dir muß man sich nur schämen!" Was hätte sie damit erreicht? Hätte ich's denn nächstens besser gemacht? Nein, mir wäre die Arbeit eine Qual geworden, und ich wäre nur in Angst und Bangen künftighin mit ihr gegangen. Sie hätte mich auch verlachen und ausspotten können. Aber nein, dafür war sie eine viel zu gütige und liebevolle Mutter. Anstatt dessen zeigte sie mir immer wieder in Geduld unb Güte, wie mcm's recht macht. Ich habe mich später oft gefragt: „Warum ließ sie mich berat fo allein mit ber Arbeit?" Ich glaube, es war auch das klug und überlegt. Erst im Alleinsein erkannte ich die Schwierigkeiten unb daß ich doch noch nicht alles könnte. Wenn ich daran denke, daß sie uns Kinder auch später oft allein an eine schwierige Arbeit stellte — wohl um uns zur Selbständigkeit zu erziehen — dann wundere ich mich, daß meine Mutter, die doch nur eine einfache, schlichte Frau war und die zeitlebens viel Sorgen um
, ihre Familie tragen mußte, in der Erziehung so oft , das Rechte traf.
Sieh, liebe Mutter, bald kommt Dein kleiner Lieb- | ling, der in diesem Jahre zuerst die Schulweisheit in sich aufnehmen soll, nach Hause. Schon auf der Türe ertönt's: „Mutter, wir haben schreiben gelernt. Ich muß vier Reihen schreiben." Was wirst Du nun tun? Wirst Du die Tafel Deines Kindes in die Hand nehmen und sie versehen mit Deinen Schriftzeichen? Oder was dasselbe ist: eines Deiner älteren Kinder tut's. Hilfst Du damit Deinem Klemen? Wohl für den Augenblick. Aber nicht fürs Leben. Im Gegenteil, am andern Tage wird es die Fracht frentben Fleißes als sein eigen Werk bem Auge des Lehrenden darbieten. Ist das nicht Erziehung zur Unwahrhastigkeit? Wich nicht das Seine Menschenkind so lernen, sich mehr und mehr auf fremde Hilfe verlassen und unselbständig werden? Was tust Du berat? Vielleicht sind die ersten i ober f Deines Kindes noch recht schief und noch gar wenig schön. Wirst Du es dann ob seines Werkes auslachen oder verspotten? O, ich weiß, als Mutter kannst Du das nicht. Aber sei auf der Hut, die älteren Geschwister, die vergessen haben, wie schwer ihnen einmal diese Kunst war, werden in ihrer Ueberlegenheit gern ein spöttisches Wort für den Anfänger haben und so in dem Kitwesherzen jegliches Selbstvertrauen töten. Du ftagst mich: „Was soll ich denn tun?" Habe ein sehr wachsames Auge auf Deines Kindes Schularbeit, unterweise in unendlicher Liebe und Geduld das Kleine, sei namentlich bei dem- Anfänger nicht zu anspruchsvoll unb suche auch in ben älteren Jungen unb Mädchen eine Einsicht dafür zu wecken, wie man m rechter Art und Weise hilft, gtur das ist Dienst am Kind unb Dienst an der Schule. Nur so ist em Hand in Hand arbeiten mit der Schule möglich.
Daß Du auch den Größeren gegenüber ein wachsames Auge auf ihre Hausaufgaben — seies es nun schriftliche Arbeiten ober Einprägen von Gedichten ober Lehrstücken — haben müßtest, sollte eigentlich selbstverständlich fein. Unb doch muß ich leider aus meiner Erfahrung sagen, daß viele Ettern sich sehr bemühen um die Arbeiten ihrer kleinen Zöglinge, aber daß sie nicht mehr viel fragen, ob auch ihre erwachsenen Kinder voran- schreiten. Oder sie helfen ihnen in verkehrter Weife, indem sie ihnen das kleine Auffätzchen diktieren ober ihnen bie Rechenaufgaben selber lösen. Ich frage mich immer: „Sind die Ettern sich nicht bewußt, daß sie so zur Unselbstätwigkett, zur Geistesträgheit und zum Betrag erziehen?"
Noch eins möchte ich heute sagen bezüglich der Hausaufgaben. Ich bin einmal an einem Winterabend in entern Bauernhaus gewesen. Da sahen vier Kinder am Tisch, um ihre Schularbetten zu machen. Die Mutter, bie währenddessen das Vieh fütterte, ist zwar eine viel, ja allzuviel geplagte Frau, aber sie ist sich sehr ihrer Verantwortung bewußt unb bringt dem, was ihre Jugend innerhalb ber Schulmauern treibt, großes Interesse entgegen. Aber in biefetn Falle machte sie es doch verkehrt. Nachdem die Kinder gerade am Schreiben waren ,hieß es: „Maria, geh einmal Holz holen und lege dem Feuer nach!" Nach einer Welle: „Gertrud, du gehst in den Keller Kartoffeln holen!" Unb ein paar Minuten später: „Agnes, bu trägst die Milch fort!" Die Mutter hat gewiß die Hilft ihrer Kinder in all diesen Dingen notwendig, und es ist meines Erachtens sehr gut, wenn sie recht früh diese kleinen Handleistungen tun müssen. Nur geschah es hier zur unrechten Zeit; berat sollen bie Hausaufgaben nicht zerfahren und unordentlich ausfallen — was sich sehr übel im ganzen Charakter auswttkt — so muß man dem Kinde Muhe unb Ruhe geben. Ich habe auch nachher die Mutter darauf aufmerksam gemacht. Es hat mich gefreut, daß sie meine Worte verstand, und noch mehr freute es mich, zu beobachten, daß sie es von da aß besser machte.
Vielleicht sagst Du mir auch: Manchmal sollen meine I Kinder Hausaufgaben machen, und sie haben wirklich keine Zeit. Die Arbeit in Fell) und Wiese drängt und muß getan werden. Was ist da zu machen? Ich glaube,
WIIM
ich darf im Namen aller Lehrerinnen und Lehrer sprechen, toemt ich Dich bitte: „Komme dann zu uns unb besprich das mit uns!" Vielleicht sinb einige noch fremb im Dorf unb kennen bie Verhältnisse nicht. Aber in ber münblichen Aussprache läßt sich bie Angelegenheit am besten regeln. Aber verkehrt wäre es, wenn Du in bem Falle bie Jugend zum Ungehorsam unb zur Widerspenstigkeit aufhetzen würdest.
Nicht wahr, wenn Ihr int Sommer zur Erntezeit so recht mitten m der Arbeit drin steckt, dann geht's am besten, wenn alle Hände mitangreifen und einträchtig zusammenarbeiten. Elternhaus und Schule haben auch ein gemeinsames schweres Werk zu tun, das ist bie Erziehung des Kindes für Zeit unb Ewigkeit. Daß uns dieses Werk recht wohl gelinge, darum laßt uns in Treue, Vertrauen und Eintracht zusammenstehen. In diesem Sinne sagt Euch allen ein
herzliches Grüß Gott!
Eine Landlehrerin.
Harmonisches Wirken.
Von Josef Bremer.
Unter den Schulneulingen, die Jahr um Jahr teils mit Seufzen, teils mit Sehnen ben großen Augenblick erwarten, stand ein Mädchen, bas sich weinend und jammernd an die Mutter klammerte. „Herr Lehrer," fo sagte bie Mutter mit einem feuchten Schimmer im Auge, „sechs Jahre habe ich mein Kind wie einen Augapfel behütet, und nun bringe ich es ihnen. Sie können sich denken, wie da einer Mutter zumute ist. Seien Sie bitte gut zu meinem Kinde, es ist etwas schüchtern und ängstlich!" Die Mutter durste erwarten, daß sie an fein Herz von Stein pochte, denn ein rechter Lehrer liebt feine Schulkinder. Er bemüht sich, väterliche und mütterliche Eigenschaften in einer Person zu vereinigen. — So nahm ich denn bas kleine, schüchterne Mädchen bei der Hand und redete sanft und lieb zu ihm, und siehe ba, die Tränen wurden ganz trocken, und in den Aeug- lein blinkte es bald hell unb klar. Mit der Zeit wurden wir zwei ganz gute Freunde. Einmal, als ich dem Kinde, das zwar nur mäßig begabt, dafür aber vorbildlich fleißig war, beim Schreiben eines ganz schweren Buchstabens ein wenig geholfen hatte, legte es ben Griffel mit einem tiefen Atemzuge aus der Hand, breitete seine Aermchen aus, um mich lächelnd und liebkosend zu umhalsen. Mir stockte der Atem in diesem Augenblick, und ich habe ganz — ganz still gehalten.
Die Worte Eltern, Schulkind und Lehrer sind ein schöner Dreiklang, dem die Liebe eine wundersame Harmonie verleiht. Wer möchte diesen Dreiklang, dessen Mittelpunkt des Heilandes Lieblinge sind, unbedachtsam verwirren und stören!
Das vorgenannte Kind war, wie bereits gesagt, zwar nur mäßig begabt, dafür aber vorbildlich fleißig. Große Begabung ist eine große Gefahr. Sie ist eine Himmelsgabe, die leicht zur Selbstsucht und zum Dünkel, also zur Unnatur entartet, wenn sich der Begabte nicht mehr als andere in Demut unb Ehrfurcht dem Schöpser und den Mitmenschen verpflichtet fühlt. Die Ettern mögen ihr ganzes Augenmerk darauf richten, daß sie nicht einerseits ben Dünkel fördern und das gutbegabte Kind zum Götzen seiner selbst machen, noch andererseits durch lieblosen Tadel das schwachbegabte Kind entmutigen und verwirren. Gott, der neben das schwache Talent den Keim zum felsenfesten Willen legte, ist der beste Bundes- genosie unb schafft liebevollen Ausgleich. Wo die eigenen Kräfte tatsächlich fehlen, soll frembe Hilfe einspringen, jeboch nur in bem Maße, als die Not und die Notwendigkeit gebietet. Wer einem Kinde die Aufgaben und Antworten vorschreibt, vorrechnet und vorsagt, glaubt zwar, etwas Gutes zu tun, aber er ist schuld daran, wenn der Dumme und Faule nur noch bummer und fauler wird. Also liebe Väter und Mütter, werdet hart in diesem Sinne! Ein Kind, bas gehen lernen soll, darf nicht immer am Händchen geführt werden. Es muß selbst feine Strampelbeine bewegen, muß fallen