irr 299.
Beilage zur Auldaer Zeitung
28. Dezember m ■!■■■■! hi—wm---i
Heimkehr.
(Eine Weihnachtsgeschichke.
Don F. $). Schwank-Telfan.
2>r. Rolf Preusch warf einige Geldstücke auf die blanke Marmorplatte des Kaffeetischchens und rief nach , ‘ Zellner. Die Münzen rollten bis zur leeren Taffe u. blieben dort mit einem leis nachklingenden Laut liegen, der wie ein verhaltenes Seufzen klang.
'' Der Mann, ein schlanker Fünfziger mit weißen Schläfen und schorfgeschnittenem Gesicht, trat' auf die Strafe6- ®r ^lug den Mantelkragen hoch, da ein leichtes Frösteln über ihn himvehte. Nein, es kam eigentlich nicht von außen, dieses plötzliche Frieren, nicht von scharfen Dezemberwind, der die Schneeflocken mut- ifltg um die Ecke wirbelte, auch nicht vom Anblick des massen Asphalts der Straße, jener Straße, auf der die «irten Schneeblumen längst von den dahineilenden Menschen zu einer grauen, formlosen Maffe zertreten dies Frösteln kam von innen heraus, es war ein Erschauern vor Alltag, Leere und Einsamkeit.
Dr. Preusch lebte seit fast zehn Jahren in der Welt- ttabt, in der tagaus, tagein Millionen von Menschen sich aneinander vorbei schieben, nebeneinander wohnen UTTb leben, aber nur immer nebeneinander, stets ohne ein Zusammen. Wie seelenlose Schatten und Schemen erschienen sie oft dem Manne, die von einem Dämon gesagt und gehetzt werden ins Ufer- und Wesenlose. 10 Arhre, — eine lange Zeit! Eine Zeit, die dem Leben eines Menschen einen gewißen Stempel ausdrücken muß.
Preusch überdachte noeb einmal alles, was zu dieser langen Einsamkeit geführt hatte, als er planlos die nassen Straßen 'entlang wanderte, vorbei an den Menschen, an den Wagen, Gebäuden, Plätzen, ganz ohne Ziel, nichts bewußt sehend von seiner Umgebung, ganz in sich und sein Sinnen versunken.
Es war im Grunde eigentlich banal, fast alltäglich, wenn man bei Hellem Tageslichte und ruhigen Sinnes betrachtete. Er nannte ein junges, blühendes Weib fein eigen. Drei Jahre ungetrübten Glückes waren wie ein einzigen Sonnentag vergangen. Da plötzlich kamen die. Schatten und legten sich beklemmend auf sein Leben.
Er konnte es heute, nach so langer Zeit, immer noch nicht recht sagen, was es eigentlich gewesen war. Es war so unfaßbar, so unbestimmt, und doch so allgewaltig, dieser Drang, diese starke Sehnsucht nach Einsam- teit und dann jene Angst, im weiteren Zusammensein mit der Geliebten sein eigen Ich, sein inneres, wertvollstes Selbst aufgeben zu müssen, es langsam, aber sicher zu verlieren. Diese Umstände trieben ihn auf Rei- :cn. Don Zeit zu Zeit kehrte er heim, und immer fand er die Frau still, liebe- und verständnisvoll seiner harten. Stets kam sie ihm froh entgegen, ihm das „mater ,'ttecroV, das er dann so gern aus reumütigem Herzen ^sprachen hätte, mit einem Willkommkuß von den OipPm nehmend, jede Beschämung seines männlichen Stolzes mit weicher Frauenhand wegstreichelnd. Aber Zie Reisen wurden länger und länger, die Lichttage der Heimkehr immer seltener. Die Frau ermüdete, das lächeln beim Empfang des Gatten ward mählich oer- 'rampft, ihre sonst sinnenfrohe Hingabe immer zurückhaltender, kälter, ja, es war, als lege sich langsam ein Reif aus Eis um dieses heiße, in Liebe brennende Frlmenherz.
Preusch fühlte diese Veränderung seiner Frau sehr wohl. Aber so schmerzhaft ihm dies Erkennen auch das Herz zerriß, so wenig konnte er dem wilden Drange widerstehen, der ihn stets in neue ferne Weiten un- stiiten Wanderns riß. Mochte er auch die ganze Welt durchrasen im Taumel des Wanderrausches, mochte er sich einspinnen in Indiens Märchenzauber, mochte er sich sortreißen und mitwirbeln lassen vom Strudel amerikanischer Weltstadt, mochte er in stilloersonnenem Träumen an den übersinnlich klaren Fjords nordischer Länder die weißen Nächte durchwachen, — immer wieder bohrte tief und bitter in seinem Herzen der Stachel der Sehnsucht nach seinem Weibe. Dies Sehnen malte ihm ein Wiedersehen mit der Geliebten in den rofigften Farben, lockte und lockte mit schmeichelndem Ton m^d kosendem Wort. Einmal, es war in den Eiswüsten Sibiriens, da faßte ihn dieser Wiedersehenswunsch mit
solcher Macht, daß er innerhalb einer Stunde fein Gepäck auf einem Schlitten verstauen ließ und in rafendem Tempo zur nächsten Bahnstelle fuhr, um den transsibirischen Expreß zu erreichen, der ihn nach der geliebten Heimat bringen sollte. Schon nahte die mitteldeutsche Stadt, nur eine knappe Stunde vom eigenen Heim entfernt, ein Zugwechsel hätte ihn seiner Gefährtin zugeführt. Wer da kam wieder die Furcht vor dem müden Gesicht der Frau, vor den durchfurchten Zügen, die fein Fernbleiben in das geliebte Antlitz geprägt. Mit einem verzweifelten Ohnmachtsgefühl und wildem Weh im Herzen kehrte der Mann wieder um, fuhr mit dem nächsten Zug zur Reichshaupfftadi, um dann für immer im Menfchenfchoß Berlins unterzutauchen. Und nun waren es fast zehn Jahre her, feit er sich wie ein Dieb in der Nacht weggeschlichen hatte von Heim und Weib, von stillem Geborgenfein und trautem Frieden, weg ins Ungewisse, in die grenzenlose Einsamkeit der Welfftadt.
Preusch irrte noch immer ziellos durch die Straßen seit Stunden schon, ohne es recht zu wissen. Schwere, Bittere Gedanken hinter der Stirn, einen beißend widerlichen Geschmack im Munde. Was war denn sein Leben noch? Konnte man dies Vegetieren zwischen Schlafftelle, Speise- und Kaffeehauis überhaupt noch Leben nennen? Wo war der Zweck, wo der Sinn eines solchen Daseins? Wo die große, tragende Idee, von der er einstens geträumt, und die allein ein Leben lebenswert macht?!
Alles war leer und schal, alles grau und erschütternd sinnlos.
Der Einsame rang mit dem verzweifelten Entschluß, dies zwecklose Dasein wegzuwersen, diese hohle Lebenslüge endlich zu vernichten. Ein kurzer entschlossener Schluß war doch immer noch diesem gemein feigen, inhaltlosen Dahindämmern vorzuziehen.
Ein schrilles Quietschen, verhallend in ein Jaulen verendenden Wehklagens vermischt mit derben Sttaßen- flüchen, riß den Mann aus seinem finsteren .Gedanken. Der Fußtritt irgend eines Menschen beförderte den zerfetzten Körper eines kleinen Hundes, den man soeben überfahren hatte, in den Rinnstein, gerade vor Dr. Preuschs Füße. Er blieb stehen und starrte auf die leblose zotttge Maffe dort am Straßenrand, während
der Verkehr weiter tobte, unbekümmert, nach neuen Opfern suchend ....
Gewiß, es war nur ein Hund, der eben hier verendete, den ein rücksichtsloser Fußtritt aus der Fahrbahn der eleganten Limousinen und schweren Lastwagen in die Goffe geschleudert hatte. Die Welfftadt hat für den Tod weder Raum noch Zeit.
Wie unbarmherzig, wie grausam waren doch diese Menschen! Mit Abscheu fühlte Preusch, daß man auch so über ihn hinwegsehen würde, mit einem Fluch und einem Fußtritt, wenn er sein Vorhaben ausführte und fein Leben wegwarf. Aber dieser Gedanke, so nebensächlich er km großen Fragenkomplex feines Lebens auch fein mochte, erschütterte den Mann doch zutiefft. Man sollte wenigstens Ehrfurcht vor dem Tode haben, der doch letzten Endes auch schrankenlos über diese gehetzte, zeillose Menschheit der Welfftadt herrschte.
In tiefen Gedanken schritt Rolf Peusch weiter. Ja so plötzlich kam der Tod mitunter, und genau wie jenes Sterben des Hundes, würde auch das Sterben der Menschen gewertet. Doch war es für den Sterbenden selbst schließlich nicht gleichgültig, was nachher mit ihm geschah? Ein ungewisses Gefühl sagte Nein, denn der Mensch sollte menschenwürdig auch im'Tode sein.
Da zog plötzlich leises Glockengeläute durch die Luft, schwoll an und drang mächtig durch all das Tosen und Toben der Straßen. Preusch verhielt den Schritt. Ja, richtig, heute war Weihnachtsabend, Christnacht! Das Fest der Liebe und das hohe Fest des Friedens.
Seltsame Gedanken löste dies Singen und Klingen der Glocken in dem Einsamen aus. Wie glücklich, wie jauchzend froh waren die Weihnachtstage gewesen, die er mit der Gattin zusammen gefeiert, dort im trauten Landhaus unter dem kerzenflimmernden Tannenbaum. Wieviel Liebe hatten sie sich als schönste Festesgabe gegenseitig dargebracht. Sollte das nun alles unwiederbringlich vorbei fein?
Mit einer nie gefühlten Stärke brach da mit einem Male die Müdigkeit bei diesen Gedanken über den Mann. Nun fühlte er plötzlich das Alter schwer auf sich lasten, fühlte die Sehnsucht nach der trauten Ruhe, nach dem stillen Frieden, den er früher stets so sehr gefürchtet, fühlte sich unwiderstehlich hingezogen zu
Vas neue Sttllnet Funkhaus e« der Nuwelhsng.
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Das Funkhaus auf dem MeffegelSnde aus der Vogelschau.
Das von Professor Poelzig erbaute Gebäude der Funkstunde Berlin, der Deutschen Welle und der Reichsrundfunkgesellschaft steht vor der Vollendung. Mitte Januar wird die feierliche Einweihung stattfinden.
jenen stillen Stunden stummen Sichoerstehens, die kein Wort der Aussprache selbst mehr nötig haben.
Freudig hätte er den Rest seiner Tage hingegeben, wenn er jetzt vor ihr, der lieben, so lange verlassenen Gefährtin, hätte knien können und. alles Weh der Einsamkeit still in ihren mütterlichen Schoß meinen, während leise und tröstend, verstehend und verzeihend die feinen Frauenhände über feinen grauen Scheitel strichen.
Er wußte, daß die Gattin noch immer in dem kleinen Heim lebte, das einst so glückhafte Tage gesehen, und mit dem sie in den langen Jahren vergeblichen Wartens so recht innerlich verwachsen war. Er wußte, daß sie um diese Tageszeit bald den Tannenbaum rüsten würde, sein Bild vor sich stellen und mit wehmütigen Gedanken und ergeben gefalteten Händen int Sessel sitzen und die grausame Weihnacht der Einsamen durchleben würde. Genau so einsam und so sehnsuchtweh würde ihr zumute sein, wie ihm, der hier durch die fremden Straßen der Hauptstadt irrte.
Aber war das nicht alles Wahnsinn?!
Zwei Menschen lebten, sehnten sich nach einander,, waren nur durch wenige Stunden Bahnfahrt voneinander getrennt und fanden sich nicht?! Fanden nicht den Weg zu einander, sprachen nicht das vermittelnde Wort der Liebe, das alles Eis der Trennung im Augenblicke zum Schmelzen brachte?!
Hell und leuchtend blitzte da in dem Manne der Gedanke auf: „Ja, geh nur diesen Weg! Sprich nur das Wort der Liebe! Geh, sie erwartet dich!" Und der Schall der Glocken fang gleiche Melodie.
Ohne eine Sekunde zu zögern schlug Rolf Preusch den Weg zum Bahnhof ein. Ehe er recht zur Besinnung kam, daß er im Zuge, der ihn in die stille Weihnachtsnacht hinausführte. Wie gebannt daß der Mann am Fenster des jagenden Zuges und schaute auf das zauberhaft schöne Winterbild, das vom Zauber und der Weihe der Christnacht überstrahll war. Wohlig ließ er sich einspinnen in dies wundersame Weihnachtsmärchen. Alle Liebe, die jahrelang dem dämonischen Wandertrieb geopfert hatte. Auf stumm und scheu erhobenen Händen brachte er sein Herz, gläubig und vertrauend, glaubend an die Macht der Liebe, die Raum und Zeit Überwindet, vertrauend der gleichen Macht, die alles verzeiht und alles versteht, um der Liebe willen.
* •
Die Fahrt tft zu Ende. Ein kurzer Weg durch dichtverschneiten Wald bringt den Mann zum langentbehrten Heim.
Aber plötzlich schüttelt ihn Entsetzen. Wie, wenn sie nicht mehr lebte, wenn sie ausgelöscht wäre, gestorben, allein, ganz einsam ausgelöscht?! Müde geworden durch die langen Jahre des Wartens, zu müde, um noch leben zu wollen?!
Doch nein, schon blinkt freundlicher Lichffchimmer aus den Fenstern, deren Läden nur angelehnt sind.
Hart klappt die Gartentüre, blechern scheppert die rostige Glocke durch das Haus. Alles wie einst.....
Der Mann tritt vorsichtig den Schnee von den Schuhen, ihm ist zumute wie einem Gläubigen, der in das Allerheiligste treten will.
Eine Tür schlägt. Heller, warmer Lichtschein ergießt sich in den Hausflur und dann eine Stimme, ihre liebe, geliebte Stimme:
,Zst jemand da?"
Stumm steht der Heimkehrer, umfaßt mit kosenden Augen die geliebte Gestalt, fein Blick streichelt, Verzeihung erbittend, das schlohweiß gewordene Haar.
Da geht ein zitterndes Erkennen durch die Frauen-
Sie Fuldaer Zeitung ist auch den Fuldaern, die in der Ferne wohnen, als Bote aus der Heimat ein lieber Freund.
Sie ist
das Fuldaer Heimal-Slstt!
brand in der Steppe.
Roman von E. A. Stein.
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»Was Sie tun sollen, Herr Direktor — das soll ich Ahnen sagen? Nein, das kann ich nicht. Das müssen Sie sich selber sagen lassen — von Ihrem Herzen, Herr Direktor!"
14. Kapitel.
Felix zog die llhr vor. Es war noch nicht 1 Uhr. ®enn er ein rasches Tempo einschlug, konnte er um 3 Uhr draußen bei Mr. Penkinson Jein. Was er dort wollte, ®ar ihm nicht völlig klar. Aber er war sich bewußt, daß tos sein nächster Schritt sein mußte.
Er klingelte und befahl, sofort den stärksten Wagen, zur Verfügung stand, vor das Portal zu stellen. Dann stürzte er in fein Zimmer hinauf und zog sich um.
9n wenigen Minuten saß er im Wagen, und der lülwarze Chauffeur jagte durch die Straßen. Durch die -Vororte ging es dann, einen baumlosen Weg entlang, der asphaltiert war und auf dem das Auto seine höchste Geschwindigkeit entwickeln konnte. Getreidefelder flogen zu oetben Seiten vorbei, dann kamen weite steinige Oed- midereien, es ging bergan, in ein steiniges, hügeliges ®etänbe hinein, jenseits dessen schon das erste Riedgras "Uchs, das dann später die ganze Steppe einnahm.
Unterwegs überlegte Felix, was er nun eigentlich tun wollte und sollte. Er erwog diese und jene Möglichkeit, .”m stdoch zu keinem Entschluß. Das eine nur stand bei m fest: er wollte freizukommen suchen. Wie jedoch, das ganz im Ungewissen. Es durfte für Lora Penkinson W verletzend fein; ihr brutal,seine Sinnesänderung ins eW zu sagen, dazu war sie'ihm zu schade.
sollte sich wie von selber entwickeln, das Ausein- Nüerzehen. War gestern abend nicht schon eigentlich <5 erste vorbereitende Schritt dazu geschehen? Er M>te diese Entwicklung nur weiterlaufen zu lassen. So erschiedenartig wie Lora und er waren, da mußte sich ’ ' "enn er es nicht verhinderte, sondern sogar darauf ui ~e' e’n Gegensatz herausbilden, der wie von selber e/ennung führte. Er pries jetzt sein Geschick, daß tos ernste, bindende Wort noch nicht gesprochen hatte. Er traute seinen Augen nicht, als er genau wie das
erste Mal, Lora Penkinson im Reitdreß auf der Terrasse des Hauses stehen sah. Sie mußte ihn erwartet haben. Mit dem ihr eigenen sicheren Instinkt. — Oder war das Auto schon aus der Ferne gesehen worden?
Entgegen seinen Erwartungen schritt sie fteundlich auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und freute sich offenbar wie ein Kind. Ihr Groll, dem sie gestern fo sichtbar Ausdruck gegeben hatte, schien völlig geschwunden. Wahrscheinlich war sie der Meinung, er habe durch sein Kommen alles wieder gut gemacht.
Es blieb ihm also nichts übrig, als sich in ihren Willen — sie schien wieder einen Ritt machen zu wollen — schicken. Und so wandelte er wieder den blauen Gang entlang, fand sein Zimmer völlig imstande und bereit, ihn aufzunehmen, sand feinen Reitdreß liegen und kleidete sich an.
Aber nur mit Unlust tat er es. Statt der weichen Stiefel aus Krokodilleder hätte er feste, harte Rindleder- ftlefel haben mögen, und die leichte Kappe auf dem Kopf war zwar durch das Klima geboten, aber ein Helm wäre ihm fast lieber. Immerhin mußte er sich sagen, daß eine Aussprache draußen ihre Vorzüge hatte.
Als er den blauen Gang entlang ging, stand eine der Türen offen. Es war die Tür, aus der er bei feinem ersten Besuch den Gesang gehört hatte. Er blickte hinein. Was er aber sah, veranlaßte ihn, stehen zu bleiben. Hinter dem ersten Zimmer eröffnete sich der Blick in einen weiteren Raum, augenscheinlich den Ankleide- und Frisierraum . Ein Mädchen saß in einem Sessel vor einem Spiegel, die Reitpeitsche in der Hand, vor ihm beugte sich der nackte Rücken eines dunkelhäutigen Mädchens, das fast noch ein Kind zu sein schien, und empfing lautlos ein paar heftige Schläge mit der Peitsche. Nun sah das Mädchen, das die Peitsche führte, auf und in den Spiegel hinein, so daß sie ihm ihr Gesicht zuwandte — die Aehn- lichkeit mit Lora Penkinson war auffällig, es mußte also eine ihrer Schwestern sein.
So nahe beieinander also wohnte bei dieser Rasse das sehnsüchtige, weiche, träumerische Lied und die Peitsche?
Mit einer herrischen Bewegung bedeutete das Mädchen der Dienerin, die Türe zu schließen, was diese auch tat.
Gedankenvoll schritt Felix weiter. Es war schwer, aus diesen Menschen klug zu werden. Wenn er an Lora dachte — gewiß führte auch sie beim Ritt die Peitsche, aber er hatte auch nicht ein einziges Mal bemerkt, daß
sie ihrem Tier mehr als eine leichte Berührung damit angetan hatte. War Lora von anderer Art als ihre Schwester oder kannte er sie nicht ganz?
Er fand sie wiederum schon bei den Pferden stehen. Sie wartete sein Kommen nicht ab. Sobald sie ihn auf der Terrasse erscheinen sah, schwang sie sich in den Sattel und ritt davon.
Ohne ein Wort miteinander zu sprechen, ritten sie lange Zeit dahin. Schon war das Herrenhaus ihren Blicken entschwunden, und die unendliche Steppe tat sich vor ihnen auf. Welk und trocken stand das Gras da, lange schon hatte es nicht geregnet. Auch die Blätter der Büsche hingen schlaff von den Zweigen.
Felix war von den zwiespältigsten Gefühlen bewegt. Das Mädchen vor ihm war gewiß ein herrliches Geschöpf. Von einem Ebenmaß und einer Grazie, die nicht so leicht ihresgleichen fanden. Aber einige Meilen entfernt weilte Gerda, an deren Brust sich herrlich ruhen mußte, die ein Mensch mit gleichen Gefühlen war wie er, zu der man sprechen konnte, wie es einem ums Herz war, und die mit einem leisen Streicheln ein ganzes Sorgenheer hinwegscheuchen konnte. Diese scheuchte die Sorgen und Kümmernisse mit ihrem Reiz und mit — ihrem Golde hinweg.
Sie ritt übrigens langsamer und ruhiger als sonst. Und es dauerte nicht zu lange, da ließ sie die Zügel locker und das Pferd stand. Sie wartete auf ihn, der mit Absicht stets hinter ihr geblieben war. Anscheinend hoffe sie, er würde abfteigen und sie wie ehedem vom Pferde heben.
Er sagte jedoch nur: „Steigen wir ab?"
Sie streifte ihn mit einem Blick, nickte und sprang auch sogleich aus dem Sattel. Sie warf dem Pferde die Zügel über, gab ihm einen leichten Schlag, und es trabte davon und schnupperte den Boden ab.
Dann schritten sie nebeneinander über die Steppe hin.
„Das Gras ist ttocken," sagte sie. „Es kann ein Brand kommen."
„Hoffentlich nicht in diesem Augenblick," scherzte er. „Denn bann wären wir verloren. So schnell wie der Funke läuft kein Pferd."
Sie zog ihre Kappe ab, ihr dunkles Haar quoll hervor.
„Rauchen Sie?" fragte sie dann und zog zugleich ein goldenes Zigarettenetui hervor.
„Ist es nicht gefährlich?"
Sie zuckte die Schultern. „Wenn Sie Angst haben, lassen Sie es bleiben."
An dem Zigaretenetui befand sich ein Feuerzeug, sie zündete sich eine Zigarette an, und steckte sie zwischen die Lippen.
Das war ja nun eigentlich die von Felix gewünschte Atmosphäre. Trotzdem war ihm nicht wohl. Er fühlte, daß Lora Penkinson offenbar ihm die Initiative überlassen wollte, sich nicht gerade ablehnend verhielt, aber doch so reserviert, daß er früher oder später später eine Aussprache herbeiführen mußte.
Sie sah sich um.
Die Pferde folgten in einiger Entfernung.
„Viel schlimmer würde ich es finden, wenn es den Pferden etwa einfallen sollte, davonzulaufen, und uns hier unserem Schicksal zu überlassen," sagte sie.
„Ist das denn denkbar?"
Sie zuckte wieder die Schultern.
„Wenn sie etwa einen herannahenden Orkan wittern würden oder sonst eine Gefahr —"
„Wäre es bann nicht besser, wir behielten sie am Zügel?"
„Ich finde, Sie sind für Ihr Leben sehr besorgt. Was wollen Sie, ich bin doch bei Ihnen."
Das klang fast wie eine Drohung. Wie eine Aufforderung, nun endlich auf das persönliche Gebiet überzugehen.
Er hätte viel darum gegeben, wenn die Sache fo einfach gelegen hätte, daß er sie nur um ihres Goldes und um feiner Stellung willen begehrt hatte.
Dann hätte er jetzt stillgehalten und hätte ihr das alles einfach vor die Füße geworfen, mit derselben Entschiedenheit, mit der sie ihn unverblümt aufforderte, sich zu äußern. Daß er jedoch immer noch in seinem Innern irgendetwas für sie fühlte, und wenn es nur Mitleid war, das machte ihm fein Verhalten schwer.
„Miß Penkinson," sagte er endlich, „ich fürchte, ich bin Ihnen neulich lästig gefallen mit meiner Zudringlichkeit —"
Er bemerkte, wie sie zusammenzuckte. Sie tat ein paar tiefe Züge und stieß dichte Rauchwolken aus dem Munde aus, fo daß ihr Gesicht wie mit Wolken umgeben war.
Er fuhr fort: „Ich muß Sie um Verzeihung bitten —"
(Fortsetzung folgt.)