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Sonntag, 28. Dezember 1930

r. 299

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Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Äctiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Äctiendruckerei 1150 und 1151. ::

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Anzeiger für die Stabt Julda und denLandkreis Jalba. Amtliches Kreisblalk.

politische Wochenschau.

Das Weihnachisfest ist vor>'ter. Es har denen, k ür die alles zur Agitation wird, keine Ruhe ge- | sie wollten in Berlin anstelle der verbote­nen Demonstrationen angeblich harmlos gemeinte MSvaziergänge der Erwerbslosen ! Richtiger wäre es gewesen, vorher, statt einer hemmungslosen Hetze zu dienen, sachlich auf- chlären. Auch uns ist alles das, was Heals ge­schehen muß, um Wirtschaft und Finanzen des Reiches in Ordnung zu bringen, wenig nach dem «M. Aber weil es fein muß, weil andere Wege, die zur Rettung des Reiches führen, nicht gezeigt worden sind, darum fügen w>r uns. Wir möchten aber die so gerne mehr oder weniger verhüllt ' ausgestellte Behauptung zurückweifen, als ob es nur den Anhängern der k o m m u n i si i f ch e n Partei schlecht ginge oder als ob alle Erwerbs- - losen Kommunisten wären. So liegen die Dinge nicht, wohl aber darf man glücklicherweise sagen, baß viele, die das diesjährige Weihnachtsfest mit Entbehren und Darben begehen mußten, deswe- qen den Glauben an eine bessere Zukunft und die Hoffnung auf den Erfolg zielbewußter staatlicher Arbeit nicht verloren haben. Das hat sich auch in bsn kirchlichen wie in den anderen Weihnachts­feiern gezeigt. Im Ganzen ist von einem kom­munistischen oder national-völkischen Einschlag nichts zu verspüren gewesen. Das Christkind und seine heilige Mutter haben auch in diesem Jahre ben Weihnachtsgedanken durchaus beherrscht.

Die Politik der Woche stand zum Teil unter ben Schatten, den die Genfer Ratstagung im Januar vorauswirft. Der Reichsaußenmini­ster hat sich durch Bereisung Oberschlesiens und Ostpreußens von den Verhältnissen überzeugt, die durch die unselige Grenzziehung und durch den polnischen nationalistischen Terror geschaffen wor­den sind. Was er hier sah, wird in Genf zur Sprache kommen, und es heißt, daß Dr. Curtius, der diesmal den Vorsitz führen sollte, auf dieses Amt verzichten wird, um sich restlos und völlig unbefangen der Vertretung der Beschwerden wid­men zu können, die Polen vor dem Völkerbund in feiner wirklichen Gesinnung zeigen werden. Da­bei werden selbstverständlich die Terror-Akte während des letzten polnischen Wahlkampfes eine große Rolle spielen, und wenn nicht der Völker­bund eine Vertretung von Herren wäre, die fort­gesetzt leisetreten, dann müßte auch zur Sprache iommen, wie aus Befehl des Marschalls Pilsudski die Maischen Abgeordneten, nur aus politischen Gründen, in der Festung Brest-Litowsk behandelt worden sind. Aber zu einer solchen Diskussion wird es vermutlich nicht kommen, nachdem Eng­land bereits hat verlauten lassen, es sehe keinen Anlaß, sich in die innere n Verhältnisse Polens einzuinischen. Wir sind eben noch nicht so weit, daß die Demokratie als eine Angelegenheit der gesamten Menschheit angesehen würde. Soweit aber wird es eines Tages kommen müs­sen, wenn der Bund der Völker auch eine poli­tische Vertretung der Menschheit sein soll.

Der Reichskanzler Dr. Brüning hat vor eini­gen Tagen Gelegenheit genommen, sich mit den Syrern der deutschen Beamtenschaft zu bespre­chen. Es wird allmählich das akut, was die Be­amten nach den bisherigen Sonderabgaben am härtesten trifft: die sechs prozentige Ge­haltsabgabe. Und sie trifft ja nicht nur die Beamten, sondern auch die sog. Reichsangestellten sowie alle die, die zu irgendwie gearteten soge- ' annten Körperschaften des öffentlichen Rechts ge­hören. Der Kreis ist also recht groß, und es war gut, daß der Kanzler den Beamten noch einmal darstellte, wie n o t w e n d ig es ist, daß die Reichs- oerwaltung in diesen Wochen und Monaten sich weniger von Mitleid, als vielmehr von der Sorge um den Bestand der allgemeinen Notwendigkei­ten leiten läßt. Dabei konnte er auch entschieden betonen, daß die Regierung, die hier und da laut gewordenen Angriffe auf die Beamtenschaft für unberechtigt hält.

3m preußischen Landtag hat es wieder einige Kämpfe um die Koalition gegeben. Daß das Land Preußen von einer Mehrheit int Sinne der Wei­marer Koalition regiert wird, läßt die Opposition von rechts her nicht ruhen. Sie spürten ganz rich- "8, daß der Schlüssel zur Macht in Deutschland 'm preußischen Kabinett bewahrt wird, und daß uie Sicherung der Ruhe und Ordnung wesentlich auf den gefestigten Zuständen Preußens beruht. 4>arum benutzen sie auch die unpassendste Gele- genhcit, um gegen die preußische Koalition Sturm ta taufen. Diesmal war es die Haltung, die der -Ministerpräsident Braun und der neue Jnnen- Rmister Seoering zu dem Film „Im Westen nichts bceues" eingenommen haben sollte, wobei sich in öer Aussprache herausstellte, daß der Mißtrauens- antrag gegen Severin überhaupt nicht gerechtfer- ngt war, weil dieser sich zu dem Film nicht ge­äußert hatte. Es sieht den Deutschnationalen ähn- uw, daß sie den Antrag trotzdem aufrecht erhiel- ren Er ist natürlich abgelehnt worden. Die Mehrheit in Preußen ist stark genug, um diese W-kauensvoten ied^mal ohne große Mühe ab- chlagen zu können. Das ist umso bemerkenswer- p als die preußischen Regierungsparteien nicht ein Herz und eine Seele sind, sondern zwi- «yen den Sozialdemokraten und dem Zentrum ^ernd gewisse Spannungen bestehen, die von grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten auf kul- ink°t ^em Gebiet herrühren. So mußte auch t.-RÖIefen Tagen wieder der preußische Zentrums- ftem r Dr. Heß bei dem Ministerpräsidenten vor- L/fta werden, weil geplant wird, die; kommuni- ’ p® Internationale der Gottlosen in Berlin an- vnn In. Dr. Heß hat es für richtig gehalten, mn vornherein bei den zuständigen Stellen in JLplien keinen Zweifel darüber zu lassen, bas Zentrum eine solche Förderung bol- ^^Mrscher Kulturpropaganda in Berlin uner-

Für Oberschlesien.

Der Berliner Vertreter der Gleiwitzer ober- schlesischen „Volksstimme" übermittelte seinem Blatt ein Interview mit Reichsinnenminister Dr. W irth, in dessen Verlauf Dr. Wirth mitteilte, daß die Reichsregierung und die preußische Staatsregierung sich entschlossen haben, zur bevor st ehenden Zehnjahresfeier der Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März nächsten Jahres den Oberpräsidenten von Oberschlesien mit einer Spende von 100 000 RM. auszu st alten, um besondere Hilfsmaßnahmen kultureller oder sozialer Art als Reichsdank für die Treue der Oberschlesier durchzuführen.

Unter Bezugnahme auf seine kürzliche Ober­schlesienreise bemerkte der Reichsinnenminister Dr. Wirth:

Mit großer Freude habe ich in Oberschlesien erneut feststellen können, wie stark das Gefühl der Treue und Zusammengehörigkeit ist. Aus dieser Treue werden auch die besten Zu­kunftsmöglichkeiten für dieses hartgeprüfte und ge­fährdete Grenzland ersprießen. Zuversichtlich glaube ich die Hoffnung aussprechen zu können, daß diese Treue zum Reich und unser aller Zusammengehö- rigkeitsgesühl, unterstützt durch die von der Reichs­regierung getroffenen und noch zu treffenden Maß­nahmen, in baldiger Zukunft ein friedliches Wiederaufblühen und Gedeihen Ober- schlesiens im Gefolge haben werden.

Was Graf Posadowsky sagt.

Der in der Vorkriegszeit um die deutsche In­nenpolitik hochverdiente Graf Posadowsky, der be­kanntlich, in erster Linie durch das Zentrum unter­stützt, die deutsche Sozialpolitik aufgebaut hat, hat in letzter Zeit als Vertreter der Aufwertungspartei Meinungen geäußert, die man aus feinem Munde nicht recht verstehen konnte. Jetzt liegt eine Aeußerung des hochbetagten Staatsmannes vor, die von verständlichen Gesichtspunkten e'ngegeben zu fein scheint. Graf Posadowsky schreibt:

Nach dem Sturz der Monarchie hat man dem Deutschen Reiche eine Verfassung gegeben, von der einer der vielen vorübergehenden Reichskanzler er­klärt hat, es wäre die freieste Verfassung der Well.

Diese Aeußerung war insofern berechtigt, als der Aufbau der Reichsverwaltung allerdings gegen­über den Anforderungen der Staatsautorität und gegenüber dem nötigen politischen Einfluß der oberen und besitzenden Klassen soweit geht wie keine Verfassung anderer Kulturländer. Es kommt indessen nicht nur auf den Wortlaut der Ver­fassung, sondern auch auf den politischen Geist an, in dem sie ausgeführt wird. England hat außer der Magna Charta überhaupt keine geschrie­bene Verfassung und ist doch ein Land anerkannter politischer und bürgerlicher Freiheit. Auf Grund einer neuen Verfassung einen alten eingefahrenen Staat neu auszubauen, ist eine politische Aufgabe, die ein feines Augenmaß und großen Takt erfor­dert. Bei einem derartigen Neubau des Staats­wesens werden sich stets politische Theoretiker fin­den, die ohne genügendes praktisches Wissen und ohne ausreichendes staatsmännisches Verständnis die Gelegenheit zu benutzen suchen, ihre alten Lieb­lingsgedanken ins Leben zu rufen und neue poli­tische Gebilde zu schaffen. Dabei wird aber ver­gessen, daß es bei einem politischen Umbau des Staates zunächst nicht darauf ankommt, die beste­henden öffentlichen Einrichtungen übereifrig nach theoretischen Auffassungen zu gestalten, son­dern daß es vielmehr in diesem Falle die Haupt­aufgabe des Staatsmannes ist, die Bevölkerung, die in die alten Verhältnisse ein gelebt war, all­mählich mit dem neuen Staatswesen zu befreunden und zu willigen Mitarbei­tern an dessen Aufbau heranzuziehen. Der Zu­sammenbruch des alten und der Aufbau des neuen Staates auf völlig veränderter politischer Grund­lage greift tief in das wirtschaftliche Leben und damit in die Finanzen des Staates ein. Hierzu treten für Deutschland noch die unerträglichen Re­parationslasten und das schwere nationale Unglück der Arbeitslosigkeit in einem nie dagewesenen Umfange. Nach Neufestigung unserer Währung ist man indes nicht mit der finanziellen Vorsicht vorgegangen, welche die tatsächliche Lage des Lan­des erfordert hätte. Gleichzeitig hat man die Be­völkerung durch Aeußerlichkeiten vielfach zw e ck l o s verstimmt. Aus diesen Verhält­nissen, verbunden mit dem wachsenden Steuer­druck, ist eine stille Unlust entstanden, die äußer­lich zu schweren Zersplitterungen geführt hat. Zwölf Jahre nach dem Umsturz muß indessen un­ser politisches Leben endlich in ruhigere sach- liche Gleise gelangen. Wir sind über- politi fiert; die Forderung der Gegenwart ist nicht politische Therorie, sondern Heilung der leidenden Wirtschaft und dauernde Ordnung der Finanzen. Zur Lösung die­ser Ausgaben sollte jeder "Staatsbürger unter Zurückstellung eigenen Begehrens und der Beschränkung persönlicher Wünsche seine Hilfe leisten, soweit er hier­zu berufen ist.

Diese Auffassungen, die wahrlich nicht für einen neuen Umsturz und ein „Drittes Reich" sprechen, kann man im allgemeinen nur unterstrei­chen. Wesentlich weniger weise klingt das, was zwei andere betagte Herren mit gleichfalls klingen­den Namen in der Weihnachts-Nummer der Deut­schen Allgemeinen Zeitung von sich gaben. Die Redaktion dieser zwischen der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei schwebenden Zei­tung hatte die Frage gestellt: Was halten Sie von einer Regierungs-Partei Hitlers?" Der Gene­raloberst v. Seeckt, der bekanntlich sei dem 14. September dieses Jahres ein Reichstagsmandat inne hat, gab folgende aufschlußreiche Antwort:

Die Frage, ob eine Regierungsbeteiligung der Hitlerpartei wünschenswert ist, beantworte ich mit einem uneingeschränkten Ja. Sie ist mehr als das; sie ist notwendig. Ich möchte dieses Ja nicht im engen parteipolitischen und parlamentarischen Sinn verstan­

den wissen; denn ganz abgesehen davon, ob die Partei gleich stark bleibt, sich an Zahl und Kraft vermindert oder verdoppelt — das was in dieser Bewegung den echten Kern bildet, das nationale Empfinden, der Wehr­wille, das soziale Verständnis, alles getragen von einem jugendlichen, reformbestrebten Auftrieb, alle diese Ele­mente sind ein notwendiger Bestandteil der Regierung der Zukunft. (Der Herr Generaloberst scheint bislang nur ausgewählte Proben ber nationalsozialisti­schen Anhängerschaft gesehen zu halben, sonst würde er nicht eine so optimistische Auffassung haben. D. Schrift­leitung).

Diese Regierung muß die Form eines Keils haben, dessen stählerne Spitze die Vernu.uft ist, die von der Macht vorwärts getrieben wird gegen die Wand wirtschaftlicher Hemmnisse und äußerer Feindschaft. An diesen führende» Keil schließen sich rechts und links, ihn verstärkend und seine Wirkung verbreiternd, alle die Kräfte des Volkes an, die reinen Wollens und festen Willens find. Zur Entfaltung der vollen Stoßkraft bedürfen wir ebenso der Masse der im ®nmb ihres Her­zens deutschen, gegen russisches Gift gefeiten Arbeiter­schaft wie der national begeisterten Jugend aller. Stände aus Stadt und Land.

Parteien spielen bei diesem Zusammenschluß keine Rolle; daher kommt es auch nicht darauf an, aus wel­chen der bisherigen Parteien sich die führenden Kräfte bilden; wenn nur bei ihnen die Vernunft und die Macht vereinigt sind, dann wird sich die Gefolgschaft von Rechts und Links schon finden.

Bei dem Stoß dieses Keils werden Späne fliegen, das ist unvermeidlich. Das werden die Feigen sein und die Lauen und die Undeutschen, die Formalisten und die Bureaukraten, und es wird nicht schade um sie fein. (Den genannten Gruppen wird sicher ayi wenig­sten passieren. Die Lauen, Formalisten und Bureau­kraten werden auch im „Dritten Reich" auf dem Posten fein. D. Schrift!.).

Damit glaube ich auch den zweiten Teil der Frage beatnroortet zu haben, den pach den Folgen der Regierungsbeteiligung der Hitlerpartei.

Uns erscheint die Vorstellung des Generals von der Abwicklung des politischen Prozesses zu „ blu- m i g". Etwas zu hausbacken dagegen ist die Vor­stellung, die sich der jetzt in seinem hohen Alter wieder in den Reichstag eingerückte ostpreußische Rittergutsbesitzer von Oldenburg- Ja n u s ch a u von der Sache macht. Er schreibt:

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hat nach meiner Ueberzeugung das unstreitige Recht, an den Regierungsbildungen der Zukunft beteiligt zu werden. Ich verstehe nicht, wie Leute, welche dieses Recht der Sozialdemokratie ohne weiteres einräumen, es den Nationalsozialisten be­streiten wollen. Die Nationalsozialisten haben in den Regierungen, an denen sie beteiligt waren oder sind, bisher dem Gedanken der Ordnung und des Deut sch tu ms durchaus Rechnung getragen. Ihre Zusammensetzung ist als einheitlich noch nicht zu bezeichnen, und sie werden den Beweis erbrin­gen müssen, daß sie hinlänglich über Persönlichkeiten verfügen, welche Ministerqualität besitzen, und zwar eine Ministerqualität, wie wir sie früher an kaiserliche und königliche Beamte zu stellen gewohnt waren.

Wenn die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" wieder die „kaiserlichen und königlichen Beamten" wie sie dem o st preußischen Rittergutsbesit­zer als Ideal vorschweben dürften, (mög­lichst von Adel, Korps, Leutnant der Res. bei Garde-Regiment und sonstigen bekannten Voraus­setzungen, mit einem Wort: exclusiv). in Stellung gebracht hat., werden sie in den Augen Olden­burgs sicherlich alle Anerkennung finden. Aber man scheint in Rechtskreffen doch nicht ganz sicher zu sein, daß sich die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" des Herrn Goebbels in dieser Weise ihre Regierungstaktik vorstellt. Ein weite­rer Befragter, der Prof. Dr. Schußler, aus Rostock ist skeptisch und meint bedeutungsvoll am Schluß:

Damit erhebt sich die ernste Frage: ob es für den Fall eines Fehlschlags der Hitler-Bewegung ir­gendwelche „A u f n a h m e st e l l u n g e n" gibt, um die zerrütteten Massen zu sammeln und sie dem lauern­den Bolschewismus zu entreißen? Genügt dazu die Minderheit derjenigen, die noch nicht in Parteikaser­nen eingepfercht sind und sich den Blick für den Staat und den Willen zur Gerechtigkeit gegenüber allen Klassen und Parteien bewahrt haben?

Hoffen wir, daß die Führer unseres Volkes auch dafür zu sorgen wissen.

Gott fei Dank, daß wir nicht lediglich auf die Hoffnung des Herrn Professors angewiesen sind, sondern Brüning, Dietr'ch, Stegerwald, Wirth und die anderen bereits die Aufnahmestellung ausgebaut haben.

* Staatsrat Dr. v. Kahr tritt in den Ruhestand. Der Präfident des bayerischen Verwaltugsgerichts- hoses, Staatsrat Dr. Gustav v. Kahr, tritt am 1. Januar wegen Erreichung der Altersgrenze in den dauernden Ruhestand. Dr. v. Kahr war von März bis September 1921 bayerischer Ministerpräsident, Minister des Innern und Mini­ster des Aeußeren und vom September 1923 bis Februar 1924 Staatskommiffar für Bayern. Okto­ber 1924 wurde er zum Präsidenten des Verwal- tungsgerich-shofs ernannt. Er hat bekanntlich bei dem Hitler-Putsch eine bemerkenswerte Rolle ge­spielt, im letzten Augenblick aber sich der besseren Einsicht von dem unheilvollen Unternehmen nicht verfchloffen. ___________________________

* Johannes IRumbauer f. Im 64. Lebensjahr ist der Pfarrer Johannes Mumbauer in Kreuznach, feiner Vaterstadt, verstorben. Mit Karl Muth, dem Streiter des „Hochlandes", mit Schaukal, Eichert, Expeditus Schmidt und P. Ansgar Pöllmann zu­sammen hat er im „Literaturstreit" aus der Vor­kriegszeit in lebendiger Erinnerung, die Sache der katholischen Jugend geführt. Er hat die Gültigkeit der üblen Nachrede „catholica non leguntur" mit ertötet, so daß heute kaum eine Literaturgeschichte an katholischem Schrifttum vorbeigehen kann, ohne sich an der Objektivität und Sachlichkeit zu versün­digen. Leider ist fein letzter großer Plan, eine Lite­raturgeschichte der letzten sechzig Jahre von unserem Standpunkt aus zu schassen, nicht mehr zur Vollen­dung gekommen, wenn auch der weitaus größere Teil im Manuskript oorliegt. Hoffentlich erfüllt man an dem Toten die erste geistige Pflicht, indem man dieses Werk von geeigneter Hand vollenden

läßt. Durch Jahre hindurch hat er durch feine Auf­sätze im „Hochland" und im „Heilgen Feuer" und durch die Herausgabe des „Literarischen Ratgebers" unverhohlen die Dichtungswelt unserer Zeit an sei­nem kritischen Blick vorüberziehen lassen. Darüber hinaus hat er uns durch seine mühevolle und fleißige Arbeit im Hausen-Verlag (Saarlouis) eine Reihe literarisch wertvoller Neufchopfungen und Neuentdeckungen und eine Fülle von erneuerten alten Schriftgutes zugänglich gemacht, so daß feine kritischen Ideen schon gleich wieder volkserzieherisch umgefetzt werden konnten. Auch seine Herausgabe einer dreibändigen Auswahl der Schriften W. E. v. Ketteler und des bis dahin viel zu wenig erschlosse­nen Schweizer Erzählers Jeremias Gotthelf erwei­sen neben hen von ihm ebenfalls herausgegebenen „Selbsttäuschungen" von I. B. von Hirscher Mum- bauers wissenschaftliche Exaktheit und sein hohes literar-historisches Einfühlungsvermögen.

Gegen die Doppelverdiener.

Die sozialdemokratische Reichs­tagsfraktion ersucht in einem Antrag die Reichsregierung, alsbald in einem Gesetzentwurf zu bestimmen, daß allen 'n Reichs-, Staats- oder Kommunaldiensten und in den Diensten öffentlich- rechtlicher Körperschaften ständig beschäftigten Per­sonen die Uebernabme und Ausführung außer» dienstlicher entgeldlicher Berufstä­tigkeit grundsätzlich untersagt ist. Der Reichsarbeitsminister soll ermächtigt werden, für Berufe, die besonders unter der Beschäftigung von Doppelverdienern und unter Schwarzarbeit zu lei­den haben, den Zwang zur Meldung aller offenen Stellen bei den Arbeitsämtern und zur Benutzung der Arbeitsämter einzuführen. Schließ­lich sollen die Arbeitsnachweise verpflichtet sein, Personen, die in anderen Berufen oder Betrieben berufsmäßig als Arbeitnehmer tätig sind, nur bann eine zusätzliche Beschäftigung zu vermit- teln, trenn für diese Beschäftigungen geeignete Ar­beitslose der in Betracht kommenden Berufe nicht zur Verfügung stehen.

* Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Eduard David ist Mittwoch an den Folgen einer Grippe im Alter von 67 Jahren gestorben. In den entscheidenden Jahren der Begründung der deutschen Republik hat Eduard David mit in vorderster Reihe gestanden. Aus der Eymnasial- lehrerfchaft hervorgegangen — Philosophie, Germa­nistik und Geschichte waren seine Spezialfächer — hatte er sich schon früh der sozialdemokratischen Partei angeschloffen, an bereit marxistischem Agrar­programm er stark Kritik übte. Er war ein Füh­rer ber sogenannten Revisionisten. Im Kriege war er mit der Haltung der Mehrheitspartei nicht nur einverstanden, sonoem er lieferte ihr grädezu die geistigen Grundlagen. Bei der Parlamentarisierung im Oktober 1918 wurde er ins Auswärtige Amt entsandt, als Unterstaatssekretär. Im Februar 1919 war er kurze Zeit der erste Präfident der Ncftio- nalverfammlung zu Weimar und wurde dann Reichsminister ohne Portefeuille, zeitweilig auch Reich sinnenminister. Den gebürtigen Hessen ent­sandte die Reichsregierung später als ihren bevoll­mächtigten Vertreter nach Darmstadt. 1925 bedenk­lich ertrankt, zog er sich 1927 in den Ruhestand zurück. Schriftstellerisch hat er sich auch in späteren Jahren noch ausgezeichnet; mit einer seiner Schrif­ten hat er einen amerikanischen Friedenspreis davongetragen. Er war allgemein geachtet, auch im nicht-sozialistischen Lager.

Deutschland und Oesterreich.

Reue Verträge.

wtb. Wien, 27. Dez. (Eig. Meld.) Der National­rat hat heute ben Handelsvertrag zwischen Oesterreich und bem Deutschen Reich mit bem Ab­kommen über ben kleinen Grenzverkehr, ferner mit bem Vertrag über die Rechtshilfe in Zoll­fachen unb bem Äusführungsgesetz-Tarif sowie dem Vertrag zwischen Oesterreich unb bem Reich über bie Sozialversicherung nach ben Berichten ber Re­ferenzen unb kurzer Debatte angenommen. Zur Debatte sprach nur bie sozialdemokratische Ab- georbnete Freundlich, bie bem Wunsche Ausdruck gab, ben Handelsvertrag burch Vertiefung unb An­gleichung ber wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten weiter auszugestalten unb zu bie» fern Zweck einen gemeinsamen Ausschuß aus deutschen unb österreichischen Parlamentariern zu bilben. Der deutsche Gesanbte Graf Lerchenfeld wohnte in ber Diplomatenloge ber Sitzung bei.

* Der Thron-Prätendent der französischen Roya- listen, ber Herzog von Guise, hat in Beantwor­tung eines Glückwunschschreibens anläßlich ber Verlobung seines Sohnes, des Grafen von Paris eine Kundgebung erlassen, in ber er seinen Anspruch auf ben Thron in Frankreich erneuert. Die Kunbgebung schließt: Die Franzosen müßten wissen, baß ber, ber bas Königsprinzip verwaltet, bas Frankreich geschaffen hatte, zur Stelle ist. daß er an bas Tor bes Vaterlanbes klopft unb bereit ist, sich allen ruhmreichen unb schweren Arbeiten für bas öffentliche Wohl, ben sozialen Wohlstand, die Ordnung unb den Frieben zu roibmen, bie eine unvergleichliche Ehre unb bie solide Größe ber Jahrhunberte alten französischen Monarchie aus­gemacht haben. — Es hanbelt sich um eine Pro­klamation ohne praktischen Hintergrund

* Keine Ossiziersverschwärung in Sübflaroien. Die Agentur Avala in Beigrab bezeichnet die in ber ausländischen Presse verbreiteten Meldungen über bie Verhaftung von 17 angeblich mit ber Re­gierung bes Königs Alexanber unzusriebenen Offi­zieren bes südslawischen Heeres als tenben» ziose Erfinbungen.

* lieberfall auf ein 3efuitenttofter. Wie aus Gilo in Spanien gemeldet wird, hat die Zivil-