Einzelbild herunterladen
 

24. Dezember.

Beilage zur Fuldaer Zeitung

—* NILS

Vaterland.

kaufte fassen um Hebel und Räder, Stimmengewirr über Schienengeäder, E-nlck und Maschinen sind ein Gesicht, Je Stimme, die also spricht:

Vaterland, sie warfen dich nieder, erschlugen dein Herz, zermürbten die Glieder, kein Volk ward stärker geknechtet als deins.

Wir aber, wir in Hütten und Hallen, beim Sägensurren und Hammersallen, in Werken, Werften, Schächten und Stellen, beim Kolbengestampf und Förderkorbrollen sinnen nur eins, denken nur eins: Und wärst du nichts als Sorge und Not, Wir schaffen Sonne, erzeugen Brot, gleue Lieder wollen wir singen, g,ir hauen dir neue Schwingen — Vaterland!

Johannes Heinrich Braach*

* Aus dem vom Reichsverband der katholischen Ar- »roereinc und von der Werksugend hernusgegebenen Mbändchen „Heimat, Volk, Vaterland" (Soziale Dich- aen, Nr. 6, Werkjugend-Verlag, Köln).

Velhaachtsglückwünsche

- dem dritten Reich. — Ein Schreiben des Fuldaer .ationalsozialistifchen Schüler- und Schülerinnenbun- ’^6« __ Unsere Antwort: Das junge Zentrum ist zur «isligm Auseinandersetzung mit der Hitlerjugend bereit. Mrd die Hitlerjugend die Erlaubnis zu einer Aussprache M den Razl-Führern erhallen? Drohungen schrecken

uns nicht, obwohl wir den Frieden wollen.

Weihnachten ist das Fest des Friedens. In der Weihnachtszeit wenigstens sollte deshalb jeder die Streit* arf begraben; auch im politischen Kampf sollte man sich »um mindesten eines anstä»,digen Tones befleißigen. Ja, scheint aber den idealen und heroischen Menschen, die im Dritten Reich die Heldenrolle als Beherrscher des deutschen Volkes spielen möchten, nicht möglich zu jein. Gerade jetzt laufen auf den Redaktionen der ka- lholischen Zeitungen so viele wüste Schmäh- und Droh­briefe ein, daß man über den Haß fast erschrecken könnte, den die radikalen Agitatoren in den Herzen der Menschen gesät haben. Die Jünger des Dritten Reiches scheinen der verfl . . . „Zentrumsjournaille" —- inte das schöne deutsche Kraftwort des famosen „Fuldaer Beobachter" heißt — die Weihnachtsfreude gründlich verderben zu wollen. Der gemeine Ton ihrer anony- nen Zuschriften ist kaum noch zu überbieten. Auch dem Schriftleiter des „Blatt der Jugend" sind als Weih­nachtsgeschenke anonyme Zuschriften auf den Redak- iionstisch geflogen. Den bedauernswerten Spendern niöchte ich nicht mehr erwidern, als daß ich mich nicht ^urch dumme Drohungen einschüchtern lasse. Wir vom ungen Zentrum wissen uns schon zu verteidigen und aten keinem der durch verantwortungslose Hetze ver- oirrten jungen Menschen, etwa einen „Ueberfall" zu üszenieren.

Eine Zuschrift aus dem Hitlerlager stach von den brigen Schmähschriften durch ihren vornehmen Ton ib. Dieser Tage schickte uns nämlich auch die Fuldaer .Hitlerjugend" und der „nationalsozia- istische Schüler- und S ch ü l e r i n n e n b u n d" men Brief, der zwar ohne Unterschrift war, was aber :i verstehen ist, weil die Jungen befürchten, daß ihnen Zchwierigkeiten in der Schule und zu Hause erwachsen, wenn ihre Namen bekannt würden. Wenn man die mgefleischten Nationalsozialisten auf den höheren Schu- ien auch schon kennt, so war es für sie doch ein zu -kroßes Wagnis, .offen als organisierte „Hitlerjugend" «der „Schülerbund" aufzutreten. Doch haben sie un­nötige Sorge, wenn sie glauben, daß wir jemanden, der iich mit uns in anständiger Form auseinandersetzen will, bei den Behörden „verpetzen" würden.

In dem Schreiben beschwert sich der Schreiber, der ■"ir die nationalsozialistischen Schüler und Schülerinnen ichnet, darüber, daß das „Blatt der Jugend" zur Propaganda für den Windthorstbund, für ■ns Jung-Zentrum benutzt würde. Weiter wird gesagt, t-aß sich die Hitlerjugend nicht durch Schimpfereien von ihren Führern abspenstig machen lasse. Man werde den Sumpf mit dem jungen Zentrum schon aufnehmen und itets für die nationalsozialistische Bewegung fechten, selbst auf die Gefahr hin, deshalb von der Schule verwiesen >u werden.

Da ich leider die Führer der Hitlerjugend bezw. des «chulerbundes nicht kenne, muß ich diesen Brief schon ati dieser Stelle beantworten. Der Vorwurf, daß das »Blatt der Jugend" Propaganda für den Windthorst­bund mache, trifft mich nicht. Man könnte mir nur einen Vorwurf machen, wenn ich nicht eindeutig Stel­lung zu den politischen Bewegungen genommen hätte. Daß es den Nationalsozialisten nicht gefällt, wenn wir bereit sind, mit aller Kraft gegen das Eindringen der nationalsozialistischen Irrlehre in die katholische Jung-

Ms Zumper, Flieger und Mer I in Süd-Amerika.

Von Bernhard Schroeder-Wiborg.

Copyright by Fischer Verlag, Berlin.

8, -------------

Nach kurzer Zeit begann mein Gefährte plötzlich über Fußschmerzen zu klagen. Alle Augenblicke setzt« sich, und wo er Gelegenheit fand badete er fein« 8üße.

„Meine Füße sind geschwollen" jagte er, „das “Nitmi von dem vielen Laufen."

„So so", entgegnete ich gedehnt. Di« Füße waren uumljch gar nicht geschwollen; sie hatten nach dem Bude dasselbe Aussehen wie vorher. Ich merkte b?= teifs, wo das hinausgehen sollte.

Zwei Tage später befanden wir uns bereits ir Mvinz Salto. Dort kehrten wir in einer kleiner W r Mt an einer Bahnstation ein.

Mein Geführter bestellte eine Fl usche Wein W ■ sanken, und er bestellte neuen. Das fiel mit am ■®enn vor einigen Tagen sagte er zu mir, daß er nur ""ch drei Peso besäße.

h „Cs ist mir unmöglich, noch weiter zu laufen." er» "Urte er mir dann, „ich werde mit der Bahn nach Jujuy tu den englischen Zuckerfabriken fahren. Es tut mir ja >chr leid, daß du hier bleiben mußt. Aber es geht nicht Aders."

a „3a, ja", sagte ich und sah an ihm vorüber. Mein ^sühl hatte mich also nicht getäuscht.----

Die Bahnfahrt kostete aber eine gute Summe Also le der edle Landsmann doch noch Geld! Unwillkür-

mannschast zu kämpfen und eine Front gegen die offe­nen und versteckten Feinde des katholischen Volkes zu bilden, verstehen wir recht gut. Daß die Führer der Nationalsozialisten im „Blatt der Jugend" beschimpft worden wären, stimmt nicht, wir Haden nur nicht mehr länger still geschwiegen, wenn gewisse Herren in frecher Weise den katholischen Grundsätzen entgegen­gehandelt ober gesprochen haben. Und wir werden wei­ter auf der Wacht bleiben. Unsere Reihen wachsen von Woche zu Woche.

Die „Hitlerjugend" will den Kampf mit dem jungen Zentrum aufnehmen. Wohlan! Wir nehmen an, daß der Schreiber nicht einen Kampf mit Stuhlbeinen und Schlagringen Meint. Schlägereien lehnen wir ab; (da­mit ist nicht gesagt, daß mir uns eventl. Terrorakte der S. A.-Leute gefallen lassen; ich wiederhole: mir sind auf der Wacht!) Doch sind wir nicht abgeneigt, uns mit den jungen Menschen, die aus Begeisterung im hitlerlager stehen, geistig auseinanderznfehen. Wir werden sie mit ihren Führern zur gegebenen Zeit zu einer offenen Aussprache einladen.

Daß man auf den Schulen die nationalsozialistifchen Schülerbünde nicht duldet, dafür können wir nichts; uns wäre es sogar lieber, jeder Schüler konnte sich offen als Gefolgsmann des Adolf Hitler bekennen. Dann, wäre mit dem Fortfall der Romantik der „verbotenen Schülerverbindungen" schon ein gut Stück ihrer Wirkung auf Obersekundaner und Unterprimaner verpufft.

Auch im „Blatt der Jugend" wollen wir uns einmal über die Frage: „Warum Nationalsozialis­mus an den höheren Schulen?" unterhalten. Jeder soll zu Wort kommen, ohne daß sein Name der Oeffentlichkeit durch uns bekannt wird.

Kürzlich hat man sich in der Jugendbeilage der „Märkischen Volkszeitung" über dieses Thema ausge- svrochen. Interessant ist, was ein Berliner katholischer Gymnasiast über die Nationalsozialisten an seiner Schule, die nur von wenigen Katholiken besucht wird, schrieb:

,Zch glaube, daß die Obersekunden und Unter­primen (von unteren Klassen weih ich nichts) am mei­sten nationalsozialistisch eingestellt sind. Wahrscheinlich weil andere ober selbständige Meinungen noch im grö­ßeren Maße fehlen und es vor allem aber immer noch zum Milieu der höheren Schule gehört, rechts eingestellt zu fein. Ich glaube aber auch, baß je höher die Klaf­fen, desto mehr diese in den meisten Fällen irgendwie aufgezmungene Anschauungen zurückgehen.

In meiner Klasse (Oberprima) gibts etwa sieben Na­zis bei 19 Schülern. Sie sind aber nicht in der Hitler- Jugend.

Wichtig erscheint mir, daß man die Nazis in zwei Klassen einteilen muß. Die einen, die meist von zu Hause den Nationalismus mit sämtlichen Phra- sen übernommen Haden, und so, mit den ganzen väterlichen Autorität hinter sich, sich gesichert fühlen, große Reden schwingen, meistens aber sehr arm an Geist sind, aber immerhin doch alle unselbständigen Geister auf ihre Seite ziehen. (Dabei kann man die tollsten Philistermeinungen hören.) Die zweite Art sind diejeni­gen, die wirklich ethische Werte in der NSDAP, suchen, die durch die nationalsozialistischen Ideen end­lich wieder einen Lebensinhalt gefunden zu haben glau­ben, die in ihnen Kraft finden. Einer sagte mir, es wolle mal sehen, ob er nicht auch Zucht und Selbst­überwindung besitze und nahm sich vor, ein halbes Jahr feinen Alkohol mehr zu trinken, was er wohl auch durch­geführt hat. (Eine ziemliche Leistung für einen Pen­näler.) Diese zweite Art steht aber ost auch kritisch zu einzelnen Sätzen ober Führern ber NSDAP., wie sie sich überhaupt burch etwas Denken auszeichnet.

Eine Oberprima und zwar die Musterklasse ungefähr von unseren fünf Oberprimen, hat nur einen einzigen Nazi, dagegen sehr stark sozialistisch denkende Schüler.

Die Ursache des Anwachsens der Nazis an den höhe­ren Schulen ist wohl lediglich der Krach. Früher war alles deutschnational (bloß, daß man sich dafür eigentlich nicht begeistern konnte), heute ist man Nazi."

Das Gesicht der jungen Generation von 1930

Unter ber Ueberfchrift „Die Bataillone der jungen Generation" versucht ein junger Lehrer ber Freien Schulgemeinde Wickersdorf, Joachim G. Boeckh in der Beilage „Für Hoch­schule und Jugend" der „Frankfurter Ztg." ein Bild von dem Leben der jungen Generation der Nachkriegszeit zu geben. Er sagt selbst, daß er dieser Generation nicht mehr angehört, sondern ihr als kritischer und doch liebevoller Beobachter gegenübersteht. „Leicht war es nicht, die junge Generation zu finden, obwohl sie doch viel öffentlicher lebt als h;e nnr ibr. Wo Massen in ben Bataillonen nnlitikher K-mwkb''mbe .mfammenge« fügt sind, wo ber Einzelne eingeschlossen ist in bas Team eines sportlichen Kampfes, schweigen d i e Stimmen, die das Persönliche kundtun, schieben sich die Meinungen, Gesamtziele, Uniformen, Wogen der Stimmung und Wogen ber Verstimmung vor das Jndivibuum. Oft ist es kaum mehr möglich, hinter dieses Sverrfeuer zu gelangen.

Vor ein, zwei ober drei Jahrfünften war es noch viel leichter, die Jugend in ber Wirklichkeit ihres Erlebens zu belauschen, den Einzelnen in seinem Mitschwingen in größeren Strömen zu erspüren. Der „B u n b" ber nun als „Jugend" abgetretenen Generation war wohl in sich geschlossen, aber verlockend für den, ber sich „von außen her" um diese Jugend bemühte. Und vor Ollem: jeg'ich« Lebensfoxm, ob Schulgemeinde, Wandergruppe, Ta­gungsschar, feiernder Bund mar in sich differenzierter."

Nach dieser Einleitung zeichnet Boeckh das Gesicky der Nachkriegsjugend, wie es sich ihm offenbart hat. Sie ist anders als die Jugend, die um die Jahrhundertwende ge­boren wurde. Diese war gestaltlos. Sie nahm teil an der „Kultur" ihrer Väter ober nahm auch nicht teil; sie lebte ihr Leben, im ganzen noch eingebettet in ben „na­türlichen" Gang von Familie unb Beruf. Aus der amor­phen Maffe erhoben sich die K a m p f f ch'a r e n, die Revolutionäre, die Sucher, Verneiner, kurz der Teil ber Jugend, die jenes so beglückenden Erlebnisses teilhaftig wurde: des „Aufbruchs" ber Jugendbewegung. Wohin ber Weg führen sollte wußte fast niemand. Die Bewegung an sich war bas Wesentliche.

Heute gibt es keine in stolzer Isoliertheit lebenden „Gruppen". Die heutige Jugend hat als Gesamt- generation Gestalt gewonnen. Diese Tatsache ist außerordentlich wichtig und muß in ihrer ganzen Be­deutsamkeit gewürdigt werden.

Leicht ist es freilich nicht, diese Gestalt zu erkennen. Vielleicht das am meisten in die Augen fallende Merkmal ist, daß diele Jugend als M a s s e sich erkennt. Nicht mehr nur eine Bewegtheit revolutionärer Spitzen- unb Son- bergruppen, die sich zudem deutlich von ihren Alters­genossen distanziert, ist zu erkennen, sondern bie junge Generation ist als Ganzes ein sozialer Stand, eine Ge­samtheit, bie von sich weiß und ihren Platz im Volks» törper kennt unb bementsprechend Anerkennung unb Be­achtung forbert. Das Wunschbild-der besten Jugend­

lich fiel mir dabei ein, was er mir einst versprochen hatte. Was sein war, sollte auch mein sein, wir waren ja Diehmarscher!

Still nahm ich meinen Rucksack, wünschte dem ehe­maligen Freude viel Glück und verließ, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, die Wirtschaft, Den auf- gerissenen Mund aber und die erstaunten Augen dieses Dithmarschers sehe ich heute noch vor mir!---

Ohne auch nur noch einmal zurückzusehen ging ich den Bahndamm nach Norden entlang. Die Nacht kam. und ich dachte schon daran, mich unter einer kleinen Eisenbahnbrücke schlafen zu legen. Da sah ich links am Berge ein Lickt schimmern. Nun ging ich darauf zu und klatschte näherkommend kräftig in die Hände.

„Adelante senor'H" tönte es mir entgegen. Zugleich fpranaen große Hunde aus der Dunkelheit auf mich zu. Ein Mann schalt unb warf mit großen Holzstücken nach ben rasenden Tieren.

Dann führte mich ber Unbekannte an bas Lickt. Nun stand ick bei einer Wellbleckbaracke vor dem Aufseher einer Eisenbahnarbeiter-Abteilung unb bat um einen Schluck Wasser. Man bot mir freundschaftlich einen Platz auf ber Bank an und reichte mir das Gewünschte nickt nur sondern auch noch ein gutes Abendessen.

Dann fraate mich der Caoataz (Aufseher), wohin des Weges und ob ich nicht bei ihm arbeiten wollte? Dies Anerbieten nahm ich dankbar an.

In der Kolonne waren etwa vierzig Arbeiter ve- schäftigt. Unter Argentiniern Chilenen Peruanern. Russen und Indem war ich der einzige Deutsche.

In der Nacht lagen wir unter Wellblechbaracken auf dem sandigen Boden, welcher geradezu eine Brut-

l) Treten Sie näher, mein Herr!

bünde, die I u n g m a n n s ch a s t, ist da! Freilich sieht sie wesentlich anders aus, als historisierende Träume sie sich vorstellten. Nicht Lager und „Herzog", nicht Speer­schwung und Landknechtslied, nicht platonische Akademien und Festfeier bei Kerzenfchein deuten ihre Erscheinungs­formen an.

Sondern: das Härteste, das Unromantische, das Not­geborene sei zuerst in seiner nüchternen Traurigkeit ge­nannt. Das sind die deutschen Jungen, die du überall auf ben Landstraßen triffst. Nicht die Wander­vögel von ehemals, fonbern die Arbeitslosen. Mit nichts in ber Tasche, mit jämmerlichem Schubwerk ziehen sie landauf landab, finden manchmal Arbeit, selten genug, müssen sich mit ber Polizei herumschlagen ober ibr aus dem Wege gehen, müssen fechten ober stehlen, müssen sich unzähligemal abweisen lassen, müssen in traurioen Her­bergen auf nacktem Drahtgefleckt übernackten ober auf Bänken im Park ober unter Büschen im Freien frieren, müssen Auto auf Auto an sich vorbeifahren sehen.

Jugend von heute: Das sind die Massen im Tritt der Demonstrationszüge, in ber Uni­form des politischen Bundes, genormt von den primitiven Lebensformen unseres politischen Gärungsprozesses, von Schlagwort und Losungsruf, von scheinbar so einfachen Programmen, bie Befreiung versprechen vom dumpfen Druck ber Gegenwart; Massen, die nur eines wollen: einmal eine Zukunft sehen, denn sie haben keine. Die Summe der Mitkämpfer fcheint magische Zauberkraft, ein Neues zu erzeugen. Wie soll es anders sein, da doch die „Führer" es ihr so sagen!

Jugend von heute: Das sind die Massen der S t u d en t e n, von minimalen Summen lebend, unb auch sie ohne Zukunft. Geht in eine Universität unb seht bie Gesichter biefer Jugenb: verhüllt von ber Aus­sichtslosigkeit ihres Arbeitens, zerguält von dem Kummer der wirtschaftlichen Enge ihres Tages, zerrissen von dem Gegensatz ihrer bürgerlichen Ideologie unb ihres de facto proletarischen Daseins, Einzige Lösung scheint auch ihnen zu sein: der Verbanb. Daher die starke Zunahme des Korporationswesens, daher die Massen demonstrieren­der Studenten.

Jugend von heute: Das heißt aber auch, bah man sie auf bem Sportplatz sieht, wie sie fanatisch ben Körper übt. Auch hier ist ber Verband alles ober fast alles. Aber man kann wohl sagen, daß diese Gene­ration ihres Wortes nicht wirklich froh wird. Zu sehr lastet auf allen ber Krampf bes Rekorbes, ber Zelotismus ber Spitzenleistung, bie Eifersüchtelei bes Vereinswesens.

Jugend von heute: Soll man ihre typischen Züge suchen in ben Wandervogel- unb Pfadfinder- b ü n b e n, in ben Landschulheimen, bie noch vor weni­gen Jahren als „typisch" galten? Ich glaube nicht, bas ist schon alles Historie geworben. Su­chen muß man sie dort vor allem, wo neue Sch i ch -

Hätte der Flohe zu sein schien. Oft hatte ich, wenn am Morgen der Capatez weckte, noch gar nicht geschlafen

In dem Flußtal, wo wir Dammsckäden an ber Bahn nusbefserten, kamen fast jeden Mittag, wenn Windstille war, Scharen von kleinen Fliegen angeflo- aen, die uns in Ohren, Augen und Nase krochen. Wo diese abscheulichen Insekten stacken, blieben schwarze Punkte in der Haut zurück, die bei mir erst nach Mo­naten wieder verschwanden.

Sturm war hier selten. Trat er aber auf, wurde er unerträglich, weil er den trockenen Flußsand auf- wirbelte und uns in die Augen und in das Hemd schleu­derte. Besonders ich hatte viel zu leiden, denn der Sand scheuerte mir unter dem Hemd die Haut blutig.

Für die Mittagszeit wurde das Essen für uns Ar­beiter im Freien bereitet. Es bestand hauptsächlich aus Maissuppen und Bohnen.

Unter ben Argentiniern waren zwei Kreolen, deren Zuneigung ich mir bald gewonnen hatte. Dagegen wollte mir dies bei bem Kolonnenkoch nicht gelingen, er war offenbar mein Feind. Er hatte als Mineur bei einem Grubenunglück in Bolivien die Sprache verloren, war aber wohl der einzige von den Arbeitern, welcher schreiben konnte. Leider trank er gern viel Zuk- kerrohrschnaps und geriet dadurch in Delirium und be­lästigte mich oft.

Während einer Mittagsmahlzeit, als der Koch wie­der einmal stark betrunken war, fuchtelte er mir mit sleffckenden Zähnen das lange Messer vor der Nase herum.

Es gelang mir, ihm die Waffe mit dem großen Füll» löffel aus der Hand zu schlagen. Gleichzeitig warf ich ihn zu Boden.

(Fortsetzung folgt.)

ten sich bilden, die vorher unkenntlich oder bedeutungs­los waren in der amorphen Masse. Ich möchte Hin­weisen auf die deutschen Lehrlinge, die heute in den Fach­schulen herangebildet werden unb ein Maß an Bewahr­heit, Wissen um ihren Stanb, ein Maß an Selbstsicher­heit, sich grünbenb auf reale berufliche Kenntnisse und Fertigkeiten, besitzen, bas sie aufs stärkste abhebt von bem gebrückten unb oft geprügelten Lehrling früherer Generationen. Uebertjaupt scheint mir am allerbezeich- nenbften für das Gesicht ber heutigen Jugenb zu sein bas Aus st eigen begabter Schichten aus bem Proletariat und Kleinbürgertum. Das ist ein langsames Reifen von Früchten, bie aus ben Sa­men entstauben, die weitsichtige Männer schon vor dem Krieg ausgestreut hatten. Ohne Zweifel aber waren es erst die neuen Möglichkeiten, bie ber neue Staat bot, bie biese Pläne Wirklichkeit werben ließen. Es leuchtet ohne weiteres ein, baß ein solcher Vorgang Jahre braucht, bis er erkennbar wirb. Die Wirklichkeit sieht so aus, daß in diesen Schichten, die, dem Prole­tariat unb Kleinbürgertum entsprungen, dessen Elite darstellen, ein höchst positiver, höchst wirksamer Bll- dungsprozeß sich vollzieht, dessen Wirkungen nicht aus­bleiben werden. Es ist hier nicht der Ort, dies auszu­führen.

Sehr klar ist bas, was Boeckh über

bas Wollen der Nachkriegsjugend

schreibt. Diese Jugend ist nach ber Meinung a®V Männer, bie bie Jugenb kennen, beweglich, freier in ihren Lebensäußerungen, lebenstüchtig. Diese Jugend ist ein g u t e r D u r ch s ch n i t t. Aber kann man eigent­lich von einer Jugend etwas Schlimmeres sagen, als baß sie guter Durchschnitt sei? Man kann es nicht, benn nichts ist so unjugendlich als sich einem Mittelmaß an­passen. Vor allem einem Mittelmaß, einem Bild von „Durchschnitt", das so entsetzlich „durchschnittlich" ist wie das, das diese junge Generation bietet.

Hier muß ich deutlich werden: Ich glaube, baß es nie in ber beutschen Geschichte eine Generation gegeben hat, bie so unfrei war, bie so wenig ihr Jungsein erleben konnte, bie unter einem solchen Druck stand. Wenn diese Jugend nach Freiheit ruft, fo hat sie in diesem Drang recht!

Wir sind alle in die Krise der Weltwirtschaft hinein­verflochten. Wir leiden alle unter einem verlorenen Krieg. Wir tragen alle an der Unvollkommenheit unserer erst 60 Jahre alten Staatsgeschichte. Aber wir Aelteren zeh­ren noch von ber Mitgabe einer Geisteswelt, bie im Krieg verloren ging — ich weiß nicht, wo sie jetzt ist, unb biese Jugenb weiß es erst recht nicht. Wir haben noch gerabe unsere Positionen schassen können — biese Jugenb kann nicht mehr „schaffen", fonbern nur hoffen kann ber Ein­zelne, daß er vielleicht zu jenem kleinen Teil Junger ge­hört, ben ber Probuktionsprozeß brauchen kann. Im übrigen kann er nur eins: warten. Diese Jugend fand bei ihrem Erwachen ein Chaos vor — und vor sich sieht sie eine Mauer! Diese Jugend klagt an — völliges Unrecht tut sie wahrlich nicht, wenn sie anklagt. Diese Jugend erwartet von ber älteren Generation wenig ober gar keine Hilfe.

Was will biese Jugenb? Lebensraum! Sie will es mit einer fast männlichen Härte, ja einer Verbissen­heit, bie erschrecken muß.

Wir von der Jugendbewegung haben einst geforbert:; Politisierung der Jugend. Was mir forderten, ist da. Die Politisierung ist vollkommen. Die Jugend will ben Staat. Diese Jugend will Staatsbürger sein, ob sie proletarische ober bürgerlich-nationalistische Ju­gend fei.

Aber wir wollen bas Negative nicht unterschlagen. Diese Jugend ist politisiert — aber sie hat keine poli­tischen Kennntnisse! Wie platt ist oft bie Form, wie platt oft der Inhalt ihres Wollens. Wer aber hat Schuld daran? Ist es nicht bie alte Generation, bie viel zu wenig biese Jugend geschult hat, bie vor allem weniger für bie Jugend denkt als daran, wie sie diese Jugend b e» nütze für ihre Zwecke.

Wundervoll dieser Wille zum Staat bei ben Jungen — wunbervoll ihr Bekenntnis zur „Sachlichkeit". Aber bedrückend zu sehen, wie diese Sachlichkeit völlig versagt, wenn es gilt, ein reales Staatsbild hinzusiellen. Hier an diesem entscheidenden Punkt fängt diese Jugend plötzlich an zu träumen, Ideologien zu ersinnen ober zu übernehmen, so unsachlich, wie eben nur Jugend sein kann.

Berückend der Glanz, der um ben jungen Natio­nalismus wittert. Wir wollen bas sehen, wir wollen nicht immer nur bie Auswüchse, bie Gassenereignisse neh­men unb uns baburch ben Blick verrammeln. Diese Ju­genb ist in Gefahr, dem vagen Zauber brünstiger Zu­kunftshoffnungen zu erliegen — wie viele von unserer Generation. Diese brünstigen Zukunftshoffnungen sind nur bie Kehrseite einer anberen viel bebrihfenberen Tat­sache: der ungeheuerlichen allgemeinen Desillusio­nierung biefer Jugend. Ein furchtbares Schicksal! Wie ist der Horizont verengt worden! «Wahrlich nicht durch die Schuld ber Jugenb!

Noch eines wage ich hier auszusprechen: Er­schreckend unchristlich ist diese Jugend. Diese Feststellung hat mit „Religion" im engeren Sinn nichts zu tun. Sondern sie gründet sich auf bie Tatsache, baß durch das Christentum bie Güte, das Verzeihen, bas ge­meinsame Schuldbekenntnis in bas europäische Kulturbe­wußtsein eingegangen ist. Hier aber wirb es bewußt negiert — unb im Hintergrund tauchen barbarische Jbeologien auf.

Es ist oben gesagt worden, daß für diese Jugend gelte, daß sie „l e b e n s t ü d) t i g" sei. Immer wieder konnte ich beobachten, daß Freunde dieser Jugend feststellten, daß hinter dieser Lebenstüchtigkeit, die eigentlich nur techni­schen Charakter hat, etwas ganz anderes. Konträres steckt, eine große Unsicherheit. Ihre Wurzel ist ein bedrückendes Erlebnis dieser Generation: sie kam im­mer zu spät. Sie hat am Weltkrieg keinen Anteil mehr gehabt, sie fand die Revolution fertig vor, sie mußte sich in den neuen Staat hineinfinden. Der Rahm ist ab­geschöpft; was bleibt, ist Armut, Enge und — Überall besetzte Stellen, Übervolle Berufe. Dieses Jnferioritäts- gefühl findet eine besonders starke Ausprägung in der leidenschaftlichen Wendung gegen die Jugend­bewegung. So paradox es zunächst scheint: diese selbst so stark bewegte Jugend will mit all den Wander­vogel- und Pfadfinderbünden nichts zu tun haben, ob­wohl viele ihrer Wurzeln dorthin gehen.

Und: Diese Jugend ist.ta pfer! Kann man etwas Besseres zu ihrem Lobe sagen? Jeder weiß, daß ich da­mit nicht die Wirrköpfe und Raufhelden der Straße meine, sondern jenen wirklichen guten Durchschnitt, ber in all ber Not unb Enge um ihn und in ihm nicht verzagt, fonbern an eine neue Zukunft glaubt. Unb bazu gehört eine männliche Haltung. Sie eignet biefer Generation, pielleicht mehr als der unseren.