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jjt, 295

Vierter Adventssonntag.

Eingangslied: 3s. 45, 8.

Tauet ihn, ihr Himmel, von oben! Wolken, *, spn Gerechten. Erde, tu dich auf und laß

Erlöser sprießen. (Ps. 18, 2.) Die Himmel ■hlen Gottes Ehre: was feine Hände vollbracht, Mdet die Himmelsfefts.

Evangelium: Luk. 3, 1—6.

fünfzehnten Jahre der Regierung des Kai- ^T'berius, als Pontius Pilatus Landpfleger ' gut>äa war, Herodes Vierfürst von Galiläa, Bruder Philippus, Vierfürst von Jturäa und r Landschaft Trachoniis, Lysanias Vierfürst von 'ilene: als Annas und Kaiphas Hohepriester wa- . tzg'erging das Wort des Herrn an Johannes, 'Sohn des Zacharias, in der Wüste. Er durch- die ganze Gegend am Jordan und predigte die «lause zur Vergebung der Sünden, wie geschrie- ° steht im Buche der Reden des Propheten ja5- „Eine Stimme ruft in der Wüste: Verei­den Weg des Herrn, machet eben seine Pfade! ie5 Tal soll ausgefüllt, jeder Berg und Hügel eiragen werden! Was krumm ist, soll gerade, z uneben ist, soll ebener Weg werden! Und al- Fleisch wird schauen das Heil Gottes."

Vor Weihnachten.

Zum drittenmal in den Sonntagsevangelien der oentszeit tritt heute der gewaltige Bußprediger Hannes vor uns hin. Wie ein ernster M^H- 1 steht er an der Schwelle des Weihnachtsfestes, lf ein Wächter, bereit, uns erst dann den Zutritt m Feste zu gewähren, wenn wir wirklich und chrhaftig Buße getan haben.

Bielleicht hältst du diese unausgesetzte Mahnung r überflüssig und meinst, wir würden heute un- r dem Drucke der schweren Zeit Buße ohnehin nufl tun! Und er brauchte uns das bißchen eihnachtsfreude nicht zu verderben mit seiner listen Predigt.

Wenn du so denkst, hast du Johannes falsch rstanden. Er will dir keine Weihnachtsfreude rderbcn, im Gegenteil, er will dir gerade zur hten Weihnachtssreude verhelfen. Vielleicht ist gut wenn wir miteinander überlegen, was wohl it dem Worte Buße gemeint ist'.

Viele Menschen denken dann gleich an schwere nge. die sie auf sich nehmen müssen, an lange gebetsöbiMgen, Fasten oder gar an Geißelunge: unb dergleichen, wie du es vielleicht schon von -eiligen gelesen hast. Gewiß, alles das sind Buß- ibungen, aber die werden von dir nicht verlangt, u iac.it vielleicht: „Ich habe auch schon gebeichtet id Hobe die Buße gebetet, also habe ich genug tan." Ja, so denken viele. Aber ob das die chie Buße ist, so wie sie Johannes meint, und ' sie genug getan haben? Ich glaube nicht.

Ja, was ist dann eigentlich rechte Buße? Das , daß du da treu bist, wo du vorher untreu arft, daß du da liebevoll bist, wo du früher lieb- s warst, daß du da hilfsbereit bist, wo du frü- t dachtest: „Was geht das mich an!" Das find uter selbstverständliche Dinge, nicht wahr! Leider, an darum werden sie meist übersehen. Aber wir, :eund, wir wollen uns gerade mit diesen nahen d alltäglichen Dingen befassen und wollen in ien und durch sie Buße tun, dann werden wir s ihnen emporsteigen zu Größerem.

Aber Johannes selber hat uns schon gesagt, e er das Wort „Buße" verstanden haben wollte, schultert durch seine Predigt, hatten ihn die ikscharen gefragt: „Was sollen wir denn tun?" o Johannes gab zur Antwort: „Wer zwei Röcke „Gebe dem einen, der keinen hat, und wer eise hat, tue desgleichen." Den Zöllnern sagte „Nehmt nicht mehr, als euch festgesetzt ist". • zu den Soldaten: „Tut keinem Gewalt und uecht an und seid mit eurem Solde zufrieden." es nicht auch hier selbstverständliche Dinge, Johannes den Fragenden als Buße bezeichnet? '5>e diese Dinge, die uns auf Schritt und Tritt

msin — Metropolit Sergius.

Eine parallele.

(Don unserem russischen Berichterstatter.)

Aamsin begnadigt! Sachlich und kurz sprach der An- £ diese Worte in das Mikrophon, und im Nu trugen ile Aetherwellen in sämtliche Kinos und Theater der *■ Das Publikum horchte auf, man tauschte Blicke den Nachbarn, lieber die Leinwand rollte der Filrn- und auf den Bühnen spielten die Schauspieler ! Nollen zu Ende. Das Publikum blieb teilnahmslos. Namsin begnadigtl Wie im Traum höre ich die Worte Ansagers, schließe dann die Augen und sinne nach P den Prozeß ,der tagelang im Kolonnenfaal des ehe- 'Sen Adelspalais und jetzigen Gewerkschaftshauses in blau zur Abwicklung gelangte. Ankläger und Ange- haben ihr täuschend ähnliches Material in langen, PPenben Stunden verlesen, und Rußland und die .. sichten mit angehaltenem Atem auf jedes Wort, , Pahl und wie aus Grabestiefe aus umgelegten Kopf» n und Lautsprechern in Ohr und Kirn aller drang.

WENko, der ehemalige Leutnant und jetzige Oberstaats- l“ am Revolutionstribunal der UdSSR, rief mit | Jlner; beherrschter Stimme: Wir klagen an . . . w Kamsin, der Gelehrte, antwortete ruhig und gelassen: . askennen uns schuldig . . . Bor dem Hauptportal h " die organisierte Masse, und wie Donnergrollen K? °Us abertausend Kehlen: Wir fordern den Tod!

anism steht in der grau umspannten Loge und liest, ।.er Wortflut schwelgend, fein „Bekenntnis". Vor >tii*5 ^'krophon, und noch acht Meter — die diplo- Utn? ®crtreter fremder Staaten. Abseits — die „ «Inten der Weltpresse. Ramsin bekennt Wort für u. °. 5> was im Manuskript steht. Warum ruft er an f.'eies Bekenntnis ist erpreßt! Ich bin unschuldig! $ wt mich zu dieser Aussage gezwungen . . .?

r neun Monaten schrieb der Hl. Vater seinen t Erdigen Brief an den Kardinal-Vikar von ina u toar &as Denkschreiben über die Christenver-

9 öer Sowjetregierung, und wie Zunder entflamm» L " estkundgebungen in ganz Europa. In Moskau m°n nervös. Nur der Kreml blieb ruhig. Stalin

Beilage zur Fuldaer Zeitung

Igr NILS

21. Dezember.

umgeben, sie geben uns die nächste und beste Ge­legenheit, im Geiste Gottes zu handeln. Das aber ist die rechte Buße: handeln im Geiste Gottes, wo man vorher vielleicht handelte aus stumpfer Ge­wohnheit oder aus Haß.

Wenn Johannes heute wieder käme, und die Menschen fragten ihn wie damals am Jordan, was er dann wohl sagen würde? Vielleicht denkst du ein wenig schadenfroh: „Da würde mancher die Wahrheit gesagt bekommen!" Das ist schon mög­lich. Aber ich meine, Johannes würde kaum an­ders sprechen wie seinerzsit am Jordan. Vielleicht auch würde dir der Heilige etwas Besonderes sa­gen. Denk einmal im Stillen darüber nach!

Bei dir und in der Nachbarschaft und überall wird nun schon auf Weihnachten gerüstet sein. Die sorgsame Mutter hat die Blätzchen gebacken, viel­leicht ist auch schon der Christbaum im Hause und harrt in einer verborgenen Ecke des Augenblicks, da er geschmückt im Lichterglanz erstrahlen darf. Ein Wehen von Freude geht durch die Welt und macht auch alte Herzen wieder kindlich und ahnungsfroh. Und wenn du mich recht verstan­den hast, so weißt du jetzt auch, daß der Bußpre­diger am Jordan in Wirklichkeit kein finsterer Wächter, sondern ein Freudebringer ist, der uns verspricht, daß wir das Heil Gottes schauen dür­fen.

Christus und das moderne Berufsleben.

Mutet die Ueberfchrift nicht schon wie ein Para­doxon an? Was hat Christus mit dem modernen Berufsleben zu tun, dieser Gier und Hast nach Erwerb, diesem rücksichtslosen Recht des Stärkeren? Christus gehört in die Kirche, der moderne Mensch aber in die Welt; so ungefähr ist die Auffassung vieler, auch christlicher Kreise. Der Beruf, so. wie es nun einmal unter dem Druck der Noi und Zeit geworden ist, kann überhaupt in den allermeisten Fällen nicht mehr im christlichen Sinne geführt werden, und wer es dennoch versuchen sollte, würde im Rennen ums Brot bald zu Fall kom­men. Wie ist unser Beruf verzweckt, wie abhängig geworden von tausenden Dingen dieser so „wich­tigen" Welt! So ist die Situation heute, und sie verschärft sich mit zunehmender Arbeitslosigkeit im­mer mehr. Hunger und Sorge sind oft mächtiger als die Forderungen des Gewissens.

Der Katholische A k a d e m i k e r b u n d hat, dem Gebote der Stunde gehorchend, auf seiner Herbsttagung, die in den ersten Tagen des Sep­tember in Salzburg stattfand, das Thema: „Chri­stus und das Berufsleben des modernen Men­schen" zur Diskussion gestellt. Die Tagung konnte natürlich nicht die vielen Aufgaben und Probleme lösen, die das moderne Berufsleben für den guten Christen mit sich bringt, aber sie zeigte die Tragik in ihrer ganzen Schwere, sie gab dem Gewissen neue Anker, sich in Christus zu verwurzeln. Wir wollen hier nicht eingehen auf die vielen Referate, die von Fachmännern und Gelehrten in gründlich durchdachter und wissenschaftlicher Form vorgetra­gen wurden, möchten aber doch im folgenden Ue- berblitf auf die Hauptideen und Gedankengänge, fo weit wie sie jeden angehen, aufmerf'am machen.

Denn darauf kommt es an, Christus und das Christentum nicht wie eine Ideologie, das heißt nicht wie einen schönen Traum beiseite schieben, sondern als Wirklichkeit zu er­leben, als Wirklichkeit im täglichen Beruf, als Wirklichkeit auch auf dem Potsdamer Platz zu Ber­lin. Die Berufsauffassung des Katholiken unter­scheidet sich von behen, die keine Hoffnung und keinen Glauben haben. Gerade der Beruf ist von einer Weltanschauung und geistiger Haltung her bestimmt. Der moderne Mensch erlebt Chri­stus auf psnchologischem Wege, er leitet Geist und Denkweise Christi aus dem Evangelium ab. Nichts ist verkehrter als das. Christus ist nicht etwa eine historische Größe, er ist eine ganz gegen­wärtige Größe, eine unmittelbar in uns woh­nende und beseelende Eotteskraft. Die Sakramente sind' für den Katholiken der sichtbare Christus. Durch den Beruf formt uns Christ! Geist, in ihm sollen auch wir unsere Mitmenschen formen zur Aufnahme und Auswirkung des Geistes Christi. Dieses hohe ideale Ziel müssen wir uns stets vor­halten, ob auch die „Welt" darüber lächelt. Es wird keinen anderen Weg geben, w-nN wir dem christlichen Gedankengut den Eingang m das heu­tige Wirtschafte.- und Gesellfchafts- leben mit all seiner List und Tücke und seiner Zwangsläufigkeit ermöglichen wollen.

Christliches Gedankengut' Wir müs­sen es erst selbst besitzen und so. daß es .ins zur

ersten und einzigen Heimat wird. Das Ist nicht einmal so schwer, wie es manchem scheinen macf. Durch die Menschen geht und seufzt eine Sehnsucht nach Weltanschauung, an uns Christen wird es lie­gen, daß diese Weltanschauung von Christus her und zu Christus hin gestaltet wird. Die Berufs­arbeit vollendet die menschliche Persönlichkeit als Person und Glied des Gottesreiches. Gewiß, grei­fen mir konkreter ins Berufsleben, überall türmen sich unüberwindbare Schwierigkeiten. Die starke Derufsoerdrossenheit der Arbeiterschaft hat nicht zu­letzt darin ihre Begründung, daß sie aus dem Gruppen- und Ständesnstem der Gemeinschaft los­gelöst ist. Wie ist die Berufsnot der Arbeiterwelt zu beheben? Sehr viele Arbeiter haben nicht ein­mal das Existenzminimum: notwendig ist, daß ihre Lebensbedingungen besser werden, vielleicht so, daß sie durch Kleinaktien am Gewinn beteiligt sind. Aber nicht allein materielle, wirtschaftliche Vorteile sind zu erkämpfen, vor allem soll der Arbeiter wie­der ein mitverantwortliches Glied und bewußter Träger im Produktionsprozeß werden. Eine Arbeitsgemeinschaft im eigentlichen Sinne des Wortes soll zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestehen.

Wir kennen heute gar nicht mehr die sittliche Gemeinschaftsidee und ihren sittlichen Wert: diese Idee, die von sich aus die Verbundenheit aller Personen fordert, die in der Wirtschaft tätig sind und das gleiche Produkt hervorbringen. Schwere und letzte Fra­gen; ob unsere Generation sie schon zu beantmriten vermag, ist gleichgültig, Hauptsache, daß wir diese Fragen überhaupt sehen und erkennen. Der Mensch hat nicht nur ein Recht auf Arbeit, sondern auch die sittliche Pflicht zur Arbeit; auf ’;efen Satz grün­det sich die organische und sittliche Berufsidee des Christentums.

Auch die geistigen Berufe beenden sich in schwe­rer Notlage. Wie oft kommt der Richter bei Ausübung feines Amtes in Gewissenskonflikt. Das Sittengesetz möchte viele wegfchieben, um an seine Stelle irgendeine subjektive und wandelbare Norm zu setzen. Hier wird der christliche Richter sich entaegenstemmen, mag ihm dies auch noch fo starke Anfeindungen bringen. Die Bestrebungen, die den Eid völlig ausschalten wollen, bedeuten eine Verschlechterung der Rechtspflege und weitere Lockerung des religiösen Gefühls weiter Volks­kreise. Der christliche Richter hält den Eid, die Anrufung Gottes zum Zeugnis der Wahrheit, not­wendig, denn er gewährt größte Bürgschaft für die Wahrheit einer Aus'age. Ebenso problematisch ist der Beruf des Ingenieurs und Tech- n i f e r s. Den technischen Menschen beschleicht oft das Gefühl, als ob ein geheimer Fluch auf der Arbeit ruhe. Die Technik gehört zum Bezirk des Geistes, mit dem das Seelische verschmolzen ist. Die Kluft zwischen Geistigem und Seelischem über­brücken wir leichter, wenn wir in der kommenden Entwicklung Gottes Willen sehen.

Staatsmann und Politiker! Kann der Politiker Christ sein, insofern er für den Staat tätig ist und seinen For­derungen dient? Der Christ gehört im Verlauf

befahl Menschinski, den Leiter der GPU, zu sich, beriet die Sachlage, und kurz darauf sauste ein Regierungsauto­mobil durch die Roschdestwenka und hielt vor dem klei­nen Häuschen des Metropoliten und Platzhalters des Patriarchenstuhles, Sergius.

Der Leiter; des Religionsausfchuffes legte dem Metro­politen fünf Schreibmaschinendurchschläge vor mit dem Ersuchen, sie zu "nterschreiben und am nächsten Tage den ausländischen Pressevertretern auszuhändigen. Fieberhaft flogen die klugen Augen des Metropoliten über die eng beschriebenen Durchschläge und noch fieberhafter arbeitete das scharfe Hirn des Kirchenfürsten. Hinter der klaren Stirn rasten die Gedanken: Unterschreiben oder nicht unterschreiben? — „Gemäß der Verfassung der UdSSR steht jedem Bürger das Recht auf freie Ausübung seiner religiösen Bedürfnisie zu". Das stimmt. Die Verfassung gestattet, aber die Praxis . . . lieber Praxis steht nichts in der Erklärung. Daß die Kapitalisten Feinde der UdSSR sind — stimmt auch. Und die Geschichte mit Rom? Die alte Feindschaft ist no< nicht erstorben . . . Und der Metropolit unterschrieb. Hatte er gelogen? Nein. Seine Handlung war die eines Sowjetbürgers, denn auch er ist den Gesetzen des Staates unterworfen. „Wenn ich nicht unterschreibe, tötet man mich und den gesamten Kle­rus. Dann ist es aus mit der Kirche... Die europäische Christenheit wird keinen Kreuzzug gegen Moskau unter­nehmen. Das lassen ihre Regierungen nicht zu, und Proteste allein ändern unsere Lage nicht. Solange Europa die Sowjetregierung stützt, ist mit dem Kreml schlecht Kir­schen essen."

Der Märtyrer-Metropolit unterschrieb, und als am nächsten Tage die ausländischen Journalisten erschienen, überreichte er ihnen wortlos die Durchschläge und ver­ließ das Audienzzimmer, ohne auch nur eine mündliche Frage beantwortet zu haben. Europa unternahm keinen Kreuzzug, und niemand kam der Märtyrerkirche zu Htlfe. Moskau reduzierte die Erschießungen auf ein Minimum, Europa — das christliche — protestierte und . . . ver­stummte. Die Welt hatte andere Sorgen. Ueber Mütter­chen Rußlands Erde sickerte langsam das Blut ihrer be­sten Söhne . . .

Wie ein Raunen geht es durch Rußlands Gefilde: Stalin führt uns in den Abgrund! In den

Garnisonen wird der Ruf laut: Nieder mit Stalin! Wo­roschilow erist nach Moskau und fordert Stalin auf, ent­weder zurückzutreten oder den Wahnsinn einzustellen. Desgleichen auch Syrzow. Aber Stalins Rücktritt kann den Bestand der Sowjetregierung gefährden. So wird denn ein Kompromiß geschlossen: der Diktator will seine Fehler korrigieren, sich vor der Masse rechtfertigen und dann . . . vielleicht dann abdanken. Woroschilow be­ruhigt die Armee.

Stalin verhandelt mit Menschinski, und der Plan ist fertig: Sündenböcke müssen gefunden und Stalins Schuld vertuscht werden. Man verhaftete die nichtmarxistischen Wirtschaftsführer, sperrte sie in Einzelzellen im sogen. Isolator der GPU auf der Lubjanka, legte ihnen die f e r- tigen Bekenntnisse vor und gab ihnen Zeit, sich die Tragweite ihrer moralischen Schuld zu überlegen. In der brütenden Einsamkeit der Zelle wuchs die Er­kenntnis dieser moralischen Schuld ins Gigantische, und hinter den schalldichten Mauern des ehemaligen Bankge­bäudes und jetzigen GPU erkannte Ramsin, daß, wenn er mit reinem Gewissen, d. h. aus voller Ueberzeugung, den Sowjets gedient hätte, die Wirtschaftskatastrophe nie­mals jene Ausmaße erreicht hätte, wie es heute der Fall ist. Weil er innerlich dem Regime feindlich gesinnt war, trachtete er danach, Stalin das Genick zu brechen, beein­flußte den Präsidenten des staatlichen Planamtes Kry- schanowfki, lieferte ihm gefälschte Unterlagen, die den Sieg des Stalinschen Wirtschaftsprogramms verkündeten, anftati ehrlich zu bekennen, daß dieses Programm das Land an den Bettelstab führt. Hier erreicht Ramsins moralische Schuld und die seiner Kollegen den Höhepunkt. Und noch eines: Ramsin war bas Spielzeug in Händen der ehemaligen Industriellen, die immer noch eine Re­stauration des alten Regimes erstreben. Dafür erhielt er bisweilen ansehnliche Summen überwiesen . . .

In der Anklageschrift, die fein „Bekenntnis" darstellt, liest Ramsin die Pläne der Emigranten. Es sind größ­tenteils Auszüge aus den Cmigrantenzeitungen „Rossija i slavjanstvo", „Wosroschdenije", „Nowoje Wrcmja", also mehr oder weniger monarchistische Organe. Ramsin aber ist kein Monarchist. Er ist Demokrat, und als solcher ver­urteilt er die Ideen der Monarchisten. Ihr Ziel ist, durch einen neuen Bürgerkrieg zur Macht zu gelangen; Ram-

seines Erdenlebens zwei Reichen an; er führt ein und dasselbe Leben als Staatsbürger und als Glied der Kirche. Kann man nun den Bürger der Kirche gegen den Bürger des Staates ausspielen? Nein, das wäre ein Unfug, wir sind geboren im Staate Christi und leben in ihm, wie der Christ als Christ zur Kirche gehört, fo gehört er auch als Christ dem Staate. Das Gemeinwohl ist das vornehmste aller zeitlichen Geister, weil von ihm die anderen abhängen. Verbindung und Ein­ordnung in die Kirche geben auch dem katholischen Publizisten und Erzieher das Rüstzeug. Beide müssen aufs engste mit Christus verbunden fein, der Sinngehalt ihres Berufes ist aposto­lische Tätigkeit. Menschlicher Geist darf nicht Selbstzweck werden, sich nicht als Autorität be­trachten, sondern muß auf die Autorität Hinweisen. Nicht die pädagogische Wissenschaft ist das wich« tigfte, sondern das Kennenlernen und die innere Aneignung des höchsten Menschheitserziehers Chri­stus. — Christliche Kunst und christliche Wissen­schaft setzen beim Künstler und Gelehrten voraus, daß sie sich vom Gehalt des Christentums innerlich durchglühen lassen.

Nicht zuletzt ist das Ethos der Frauenbe­rufe in seiner inneren Form durch Christus be­stimmt. Der natürliche Berus der Frau ist der als Gattin und Mutter, aber die individuelle Ei­genart der Frau, sich auf das Persönliche und auf das Konkrete und Ganze einzustellen, befähigt sie zu den mannigfachsten Berufen. Ein eucharistisches und liturgisches Leben wird mit dazu beitragen, den oft erschreckenden Abstand zwischen dem gefor­derten Berufsethos und dem durchschnittlichen Frauenleben der Gegenwart zu überbrücken.

Eine Betrachtung des Berufslebens zeigt, wie weit der moderne Mensch sich von Christus entfernt hat. Der Weg zu Christus ist weit und beschwer­lich, aber er muß angetreten werden. Aus die­sem Grunde forderten die in Salzburg versammel­ten Akademiker die katholische Universität, denn die großen Pflanzstätten katholischen Geistes feh­len. ' Daher fehlen auch dem katholischen Volk die ganz großen Führer. Möge der Geist des Volkes wieder fo werden, daß sich aus ihm die katholische Universität baut. Dann ist der Weg zu Christus im modernen Berufsleben nicht mehr so weit.

Aus den katholischen Vereinen.

Flieden. Krieg und Revolution haben auf vielen Ge­bieten alte, überlieferte Formen verdrängt. Auch das Bühnenspiel, das Theater, ist in diese umstürzende Be­wegung hineinger^ten. Nicht nur die hohe Kunst des Schauspiels und der Oper, sondern auch die Kleinkunst der Dilettantenbühne hat neue Wege beschritten. Die katholischen Iugendverbände haben sich den modernen Bestrebungen auf Verbesserung und Vertiefung des ..Theaterspiels" nicht verschlossen. Die einzelnen Vereine haben sich, gedrängt durch die erfolgreichen Laienspiele jugendbewegter Kreise höhere Aufgaben für ihre Klein­bühnen gestellt. Sie wurden hierbei unterstützt durch eine fortschrittlich eingestellte Theaterliteratur, wie sie vor allem der Bühnenvolksbund, aber auch andere Verlage brachten. — Es war deshalb zu begrüßen, daß sich auch in Flieden die katholischen Iygendvereine zusammentaten, um ein Adventsspiel aufzuführen. Man hatte ein Werk von M. Hüttig gewählt, betitelt „Weihnachtsrosen" (Ver­lag der Thomasdruckerei in Kempen a. Rh.). Die Auf­führung am vergangenen Sonntag hat von Anfang an die vielen Zuschauer in ihren Bann gezogen. Frau Welt lockt aus dem Saal eine bunte Reihe von Menschen zu ihrem Trinkgelage. Erst die warnenden Worte eines Blindgewordenen bringen die Weltkinder zur Besinnung und Umkehr. Sie suchen nach Erlösung aus ihren Sün­den und werden Zeugen der Verkündigung von der Ge­burt des Messias aus Maria der Jungfrau. Im zweiten Aufzug umranken geschickt gewählte Familienscenen die Begegnung von Maria und Elisabeth im Hause des Za­charias. Immer stärker kommt die Messiashoffnung dann im dritten Aufzug zum Ausdruck, da die Hirten von Beth­lehem noch unwissend, um wen es sich handelt, Maria und Joseph am späten Abend eine Unterkunft in einem Stall bereiten. — Die Einfachheit der in schlichtem Violett gehaltenen Stilbühne und bas lebendige Spiel der zum Teil noch sehr jungen Mitglieder schuf mit einigen trau­ten Adventsliedern eine Stimmung, aus der sich die Zu­schauer nicht so schnell trennen wollten.

siu und das russischen Volk aber verwerfen ihn. Nun gilt es, diese Tendenz zu bekämpfen und Ramsin ... un­terschreibt. Das Ausland wird mit hineingezogen, weil es bestimmt wird durch jene Emigranten, und so entsteht das Schreckenswort: Intervention.

Ramsin steht vor dem Tribunal, bekennt feine mora­lische Schuld und kritisiert — Stalins Wirt­schaft s p l a n. Im Hintergrund: das Schreckensge- spenst „Intervention". Der Effekt ist da: das Volk be­gehrt auf gegen die Einmischung des Auslandes in innere russische Angelegenheiten! Das Volk will aufbauen! Es will keinen Krieg! Ramsin liegt die Zukunft seines Volkes am Herzen, er bekennt feine moralische Schuld und sagt sich los von den Doktrinen einer vergangenen Epoche. Er ist Fachmann und kein Ideologe, warum also soll er sterben für eine Idee, die Europas Kasse be­reichert? Nein, er will mithelfen am Ausbau feines 53a« terlandes und an der Gestaltung des neuen Menschen. Er weiß, Stalin wird gehen müssen, und sein Bekennt­nis gipfelt in dem Appell an alle Fachleute: helft ehrlich mit am Aufbau unseres Vaterlandes! Und seine Kollegen haben ihn verstanden.

Ramsin bekennt . . . Vor ihm steht das Mikrophon und trägt feine Worte hinaus in alle Welt. Vor ihm sitzen ausländische Diplomaten und Vertreter der Welt­presse. Er ruft nicht: Dieses Bekenntnis ist er­preßt! . . . Nein, Ramsin hat die Zwecklosigkeit eines solchen Bekenntnisses eingesehen und erkannt, daß es Un­sinn ist, für ein sterbendes Westeuropa sein Leben zu lassen, denn dieses Europa wird ihn nicht vor den Kugeln der GPU bewahren!

Auch Sergiu- stand vor dem Mikrophon der Welt und — schwieg. Warum? Weil er sich auf das Gesetz stützte, das Europa nicht abändern wird. Ramsin hat auch nicht gesprochen; er las. und stützte sich auf das Gesetz und auf Tatsachen, die keine Macht der Erde abändern wi>d. Ser­gius ließ man weiterbauen an seiner Kirche, und sie wird nicht untergehen! Ramsin hat man begnadigt, mehr noch: man hat ihm das Recht eingeräumt, weiter im Fach ar­beiten zu dürfen. Das geschah aber nicht, weil der Kreml stark genug ist, sondern weil der S Haden wieder gut ge­macht werden muß . . . Und bas kann Ramsin. Stalin aber wird gehen müssen.