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Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Wzesllmvmtt 10 W. (MWskk. Beilage 15 vfg>

irr. 294

Erscheint sechsmal wöchentlich Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Äctiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrist- :: leitung 1152, Fuldaer Äctiendruckerei 1150 und 1151. ::

Samstag, 20. Dezember 1930.

Monatlich 1.80 einschließl. Postgebühr <48 Psg.) ohne Zustellg Anzeigen-Preise: Kleinzeile <Col.) lokal 0.15 RM. auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswärts 0.80 RM Bei Wiederholungen Rabatt Postlcheckk Frankl a M 4051

57. 3ahtff.

zu

achten.

Zmmer w eder Aus^chre'lungen

— Berliner Produktenbörse vom 18. Dez. Amtl, 'estgesetzte Preise. Getreide und Oelfaatcn per 1000 Kilg. sonst per 100 Kg. In Reichsmark Weizen märk 246—248, Roggen märk. 152,5-154,5 Braugerste märk. 201-218, Gerste, märk. V0—194 Haier märk. 140—146, Mals loko Bert. 000—000, Weizenmehl per 100 Kg. fr. Brl. br. inkl. Sack (feinste Marken über Notiz) 28,75—36,75, Roggenmehl per 100 Kg. fr. Brl. br. inkl. Sack 23,60—26,75, Weizenkleie fr. Brl. 9,75-10,25, Roggenkleie fr. Brl. 9,00 - 9,50 Wetzenkleie-Melen 00,00—00,00, Raps 000—000, Lein- faat 00—4)0, Viktoriaerbsen 24,00—31,00, kl. Speiseerbsen 23,00—25,00, Futtererbsen 19,00—21,00, Peluschken 20,00 bis 21,00, Ackerbohnen 17,00-18,00, Wicken 18,00-21,(10, Lupinen, blaue 00,00—00,00, Lupinen gelbe 1)0,00—00,00, Seradella, neue 00,00 - 00,00, Rapskuchen 9,20 — 9, 0, Leinkuchen 15,20—15,50, Trockenschnitzel 5,50 - 5,90, Soya-Schrot 12,80—13,00, Kartoffelflocken 00,00—00,00.

3m Segel-Boot über den Ozean.

wtb. Niami (Florida), 19. Dez. (Eig. Meldg.) Zwei Estländer ,Atho und Ekontwaler, trafen hier in einem 8 Meter Segelboot aus Reval, das sie am 7. August verlassen hatten, ein.

Vulkan-Ausbruch in Japan.

Bereits 15 Todesopfer. — Große Derwü u gen.

wtb. Batavia (Java), 19. Dez. (Eig. Meld.) Der Vulkan Merapi im Mittelpunkt Javas befin­det sich in vollem Ausbruch. 15 Todesopfer sind bereits zu beklagen. Weite Flä­chen fruchtbaren Landes sind in eine Wüste ver- wandelt worden.

Zum Tode Rauschers.

Aus Warschau wird gemeldet:

Das Hinscheiden des langjährigen deutschen Ge­sandten Ulrich Rauscher hat in der hiesigen deut­schen Kolonie t'efe Bewegung und Teilnahme her­vorgerufen, doch auch in polnischen Kreisen wird der Tod des sehr geschätzten Gesandten all­gemein bedauert. Kurz nach dem Bekanntwerden der Todesnachricht erschien der Chef des Protokolls im polnischen Slußenmin'sterium, Graf Romer, in der deutschen Gesandtschaft, um dem deutschen Ge­schäftsträger, Herrn v. Eintelen, im Namen der polnischen Regierung das Beileid auszusprechen. Weiter kondolierte noch 'm Namen der Westabtei­lung des polnischen Außenministeriums der Re­ferent Herr Lechnicki. Auch der französische und der englische Botschafter sowie zahfre'cbe Gesandte fuh­ren zur Botschaft, um dort persönlich zu kondolieren.

Die Mittagspresse bringt schon Nachrufe für den Verstorbenen. Der im Regierunoslager stehende „Przeglond Wieczorny" rühmt die Objektivität Rauschers und stellt fest, daß Deutschland mit ihm einen hervorragenden Vertreter der Nachkriegs­diplomatie verliere.

Wirbelsturm über Algerien.

Sämtliche Verbindungen von der Küste nach dem Landesinnern unterbrochen. — Allein im Hafen von Algier Sachschäden von 30 Millionen Franken.

wtb. Paris. 19. Dez. (Eig Meld.) Gestern ging über Algerien nach monatelanger Dürre ein Wir­belsturm nieder, wie man ihn seit 1898 nicht mehr erlebt hat. Man rechnet mit einem gewaltigen Schaden. Allein im Hafen von Algier wird der durch das Unwetter angerichtete Schaden auf 3 0 Mill Franken ge­schätzt. Es steht noch nicht fest, ob Personen ums Leben gekommen sind.

Wetterwarte-Flugzeug abgestürzt.

Pilot und Beobachter tot.

wtb. Königsberg, 19. Dez. (Eig. Meld.) In der Nähe des Gut-s Kleinvickbold bei Tharau stürzte heute morgen kurz nach 8 Uhr das Flugzeug der hiesigen Wetterwarte ab. Die beiden Insassen, Flugzeugführer Mcr-Schwabe und der Beobach­ter Dr. Rudolf Otto Steiner kamen dabei ums Leben. <

Meder ein Fehlschlag der Opposition.

Die Witzlrauensantrüge der Deukschnationalen im preußischen Landtag abgelehnt. — Eine eindrucksvolle Rede Severiugs.

von der Art des Herrn Hitler in die Arme, was wäre damit gewonnen? Dann würde mit einem Schlage das Vertrauen, das Deutschlands wirt­schaftliche Arbeit und Kraft heute immer noch in der Welt besitzt, zum Teufel sein. Die gesamten bei uns arbeitenden, im Vertrauen auf die Auf­rechterhaltung der Ordnung in Deutschland gegebe­nen ausländischen Gelder würden flucht­artig zurückgezogen. Milliarden strömten ab. Rie­senhafte Arbeiterentlassungen wären die erste Folge. Zusammenbrüche der mittleren, kleinen und klein­sten Geschäftsleute würden in noch nie dagewese­nem Maße, eintreten. Außenpolitische Schwierigkeiten ohne Ende würden folgen, und im Inneren des Landes würden Bürger­krieg und Hungerrevolten das ihrige tun, um unser Vaterland auseinanderzusprengen und die einzelnen Teile in völliger politi­scher Ohnmacht jedem außenpolitischen Gegner als willkommene Opfer hinzuwerfen.

Unsere deutsche Rot von heute ist nicht nur aus uns beschränkt. Die Welt ist krank, sie leidet an den Folgen eines Krieges, der sie gerade in ihren höchstkultivierten Teilen bis ins Mark ge­troffen hat und von denen sie sich noch auf lange Zeit hinaus nicht zu erholen vermag.

Mon fordert von uns Deutschen als Tribut­zahlungen aus dem verlorenen Kriege in einer in der Menschheitsgeschichte noch nie gekannten Form und Härte jährlich Milliarden. Jeder Verständige weiß, daß wir diese Milliarden, wenn überhaupt, so höchstens nur inSachlie ° ferungen, in Waren, in Erzeugnissen deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes und deutscher Jngenieurkunst leisten können. Aber man nimmt uns die Waren n i ch t ab und erschwert zu­dem ihren Absatz auf dem Weltmarkt durch über­triebene Sperr- und Zollmaßnahmen. Europas Völker und das große Gläubigerland jenseits der Großen Ozeans müssen zu der Ein­sicht kommen, daß wir mit den gegenwärtigen Wirtschafts- und politischen Methoden nichtwei­terkommen, sondern den Zustand des Nach- kriegschaos noch verewigen. Nur wenn sich überall der Mut zur A b r üst u n g findet und gleich­falls zu der Erkenntnis, daß es eine wirtschaftliche Solidarität der Menschheit gibt, die man praktisch durch eine falsche und törichte Wirtschafts­politik nicht dauernd ungestraft verleugnen darf, darf die heute lebende Generation auf eine Besse­rung ihrer Lage rechnen.

wtb. Duisburg, 19. Dez. (Eig. Meld.) Bei Auf­lösung einer kommunistischen Kundgebung wurden den Polizeibeamten Stühle. Gläser und an­dere Gegenstände entgegenoeworfen. 7 Personen wurden festgenommen. Als bei Straßenansamm­lungen mehrere Beamte mit Steinen beworfen wurden, gaben die Beamten einige Schreck­schuss e ab. i

Ausschreitungen juaendiicher Kommunisten in ! Königsberg.

In Königsberg eröffneten am Mitt« woch jugendliche Kommunisten während einer Sit­zung des S^adtparlaments ein Steinbombardemmt auf das Rathaus. Dadurch wurden im Sitzungs- fall ein Doppelfenster und im benachbarten Er­frischungsraum vier Doppelfenster zertrümmert. Ein Stadtverordneter wurde durch einen Stem- wurf an die Srhulter getroffen. Die Bol"e, no^fn sofort die Verfolgung der Flüchtenden auf. Ein Jungkommunist wurde feftgenommen.

PDZ. Berlin, 19. Dez. (Eig. Meld.) Im Preußi­nen Landtag wurde heute der Mißtrauensantrag Deutschnationalen gegen M nisterpräsi- dent Braun und Innenminister S e o e r i n g

224 Stimmen der Regierungsparteien gegen 182 Stimmen der Opposition bei 2 Stimmenthal­tungen abgelehnt.

Uluffollnis Defizit.

900 Millionen. — Das Rezept des Faschismus.

wtb. Rom, 19. Dez. (Eig. Meldg.). Im Senat erklärte Mussolini, daß das Defizit im Rechnungs­jahr 1930 auf etwa 900 Mill geschätzt werden könne. Andere Ersparnismöglichkeilen a l s H e r- absetzung der Beamtengehälter gäbe es nicht. Auch eine Einschränkung der Militärausgaben fei im o^genwärtigen Augenblick n i ck t m ö g l i ch wo ai c Mächte stark rüsteten, jo viel sie auch vom Frieden sp r ä ch e n. Die Gesetzesvorlage i-b-w fie Gehalts­kürzungen wurde dann vom Senat angenom­men. !

Mussolini verweist auf Deutschland zur Nachahmung. '

Bei Behandlung des Preisabbaus und der da­mit im Zusammenhang stehenden Maßnahmen kam Ministerpräsident Mustolini vor dem schen Senat auch darauf zu sprechen, daß in Deutschland seit einiger Zeit der Wert des Pfennigs wieder genau in Rechnung g e st e l l t werde. Das sei ein W e r f mora­lischer Sanierung, das mit dem der wirt- lchaftlichen Sanierung Hand in Hand gehe. Wenn Deutschland heute auch ein sehr starkes Defizit habe, so versuche doch Reichskanzler Brü­ning mit h e r o i s ch e n M i t t e ln dieSa- nierung des Staatshaushalts durch­zuführen.

Bekanntlich beschimpfen die deutschen Bewunderer Mussolinis den Reichskanzler Brü­ning. den Mussolini selbst wegen seiner „herorischen Mittel" lobt. Man sieht- auch die Nationalso-m- listen sind von dem deutschen Erbübel nicht frei, das F r e m d e zu bewundern und das Eigene nicht

Am Donnerstag stand im Mittelpunkt der Erör- t-runaen zur ersten Lesung des neuen Haushalts­plans eine große Rede des Innenministers S e - n»rin 9 den die Nationalsozialisten mit dem Ruf Der Gurnmiknuppeldiktator" empfingen.

QU dem gegen ihn vorliegenden deutschnationa­len Mißtrauensantrage sagte der Minister, der An­trag stütze sich auf Ze tungsmeldungen, wonach das -Innenministerium auch die amerikanische Fassung s65 Remarque-Films als nicht zu einem Verbot rwingend bezeichnet habe. Er stelle ausdrücklich dft daß er sich über die Wirkung des Films nach der Vorführung überhauptnichtgeäußert batte und daß daher eigentlich die Deutschnationa­len ihren nur darauf gegründeten Mißtrauensan- zurückz ehen müßten. Severing erinnerte dann an die verschiedene Haltung des Auswärti­gen Amtes zu dem Film und daran, daß die ersten beiden Aufführungen n'cht den geringsten Wider­spruch fanden. Die Polizei habe dafür zu sorgen, daß d'e Ruhe nicht gestört werde, die Polizei kapituliere nicht vor weißen Mäusen. Stach seiner Meinung sei der Remarque-Film ein hohes Lied auf deutsche Kameradschaft und deutsche Tapferkeit. Die Pol zei werde weiterhin nicht dulden, daß friedliche Bürger von politischen Row­dys überfallen werden und ebenso, daß die Studen­ten Unruhen an der Universität begehen.

Von den Dcutschnationalen ist gegen das D e m o n- strationsverbot protestiert worden, das der Ober­präsident von Oppeln erlassen hat. Dieses Verbot ist aber erlassen worden mit vorheriger Zustimmung aller örtlichen Parteien von den Nationalsozialisten und Seutschnationalen bis zu den Kommunisten. (Zurufe oon den Kommunisten: Das ist gelogen! Die Kommu­nisten waren nicht damit einverstanden) Das Demon­strationsverbot ist auch von der deutschnationalen Schlesischen Zeitung gebilligt worden. Wenn behaup­tet wird, es sei an eine Heranziehung des Reichsbanners zur Unterstützung der Polizei ge­dacht, so ist das vollkommen falsch. Der Schutz der staatlichen Einrichtungen ist Sache der staatlichen Organe. An diesem Grundsatz wird in Preußen nichts geändert. Wir brauchen weder auf das Reichsbanner noch auf irgendeine andere Organisation zurückzugreifcn. Was wäre ich für ein elender Stümper als Porizeimi- nifter wenn ich erklären müßte, daß die Schutzpolizei zur Erfüllung ihrer Aufgabe nicht ausreiche. Die preu­ßische Polizei ist ihrer Aufgabe gewachsen, und ihr Auf­bau soll auch >n diesem WiMer nicht geändert werden.

Auf die gegen mich geäußerten Drohungen kann ich nur antworten, ich erwerbe weder in Dänemark noch in der Schweiz eine Villa. Ich bleibe in Deutsch­land, und ich kaufe mir auch (eine blaue Brille, lvehr gut! links).

Unser Dank gebührt allen Sparten der Polizei für das, was sie in den letzten schweren Monaten ge­leistet haben. Diese Anerkennung gilt nicht nur den Mannschaften. sondern auch den Offizieren. (Lärm bei den Kommunisten. Der Kommunist Kasper erhält zwei Ordnungsrufe.) Auch das Offizierskorps der Polizei ist Aatstreu und wird in jeder Situation feine vaterlän- difche und republikanische Pflicht tun. (Beifall). Um dein Dank an die Polizei auch einen sichtbaren Aus­druck zu geben, wollen wir vom 1. Februar 1931 ab den Erekutivbeamten wenigstens einen Teil des Gehaltsab- Mgs wieder ersetzen. tBeifall.)

Die Nationalsozialisten irren, wenn sie meinen, daß Ä Material für das Verbot ihrer Organisation sammele, jwn jch fje verbieten will, dann genügt dazu ein Ent­schluß (Rufe: Der starke Mann!) Das hat nichts zu wn mit Stärke, sondern nur mit der Vereinfachung des «fahrens. (Beifall.) Ich habe Verständnis für S t u- "entenulk. Es berührt mich nicht, wenn Berliner ««denten singen: „Alle Ringe rollen, bloß der Severing (Heiterkeit.) Wenn aber ein Mann wie Geheim- M Baumgarten in der übelsten Weise als Landesver- ™rcr beschimpft wird, wenn junge Studenten gewaltsam ?E'wmte Professoren an ihren Vorlesungen hindern wol- dann hört die Gemütlichkeit auf. Dann ist es die 'Mgabe der Polizei, rücksichtslos gegen die Ordnungs- Iwrer einzuschreiten. (Lebhafter Beifall.) Ich bin ein meund der Jugend, aber ich mache die schädliche U m- lg>weichelung der Jugend nicht mit, die jetzt allen Parteien geübt wird. Sie führt dazu, daß junge «Mdenten sich einb'lden, sie brauchten nichts mehr von er Erfahrung der Alten zu lernen, sie seien schon die .-rufenen Herrscher Deutschlands, während junger Mensch seniler ist als ein ft;Lr e 1 j te r tatkräftiger Alter. (Lebhafte Zu- b-«mung. Abg Kube (NS.): Die Sozialdemokraten Ha- Ml doch den Zwanzigjährigen das Wahlrecht gegeben!) e" Sie denn für die Heraufsetzung des Wahlallers (fiZ? e.n' H°rr Kube? (Abg. Kube: Jetzt nicht mehr! weiterteif)

lii 3” der gegen den Oberpräsidenten Haas x« vorgebrachten Beschwerde kann ich nur sagen, daß ich s, samten besonders schätze, die sich an antisaszistischen st-«, Hebungen beteiligen. Unberechtigt ist auch die Dar» z> volksparteil'cher Redner, als sei die preußische waitung heute viel schlechter als früher. Wer die lied m ? *r e n des (für ft en Bülow aufmerksam (tu* h”r& dieser Auffassung nicht zuftimmen. Es muß m J0” erinnert werden, daß Herr vom Stein flüch-

•' weil er sich mit der preußischen Verwaltungs- hj^werie nicht verständigen konnte. Wir wollen doch z^zLroßen Leistungen, die auch in der Verwaltung der Sek,ra9Sieit 3U beobachten sind, anerkennen und auf EI so Grundlage weiterarbeiten. (Lebhafter Beifall bei n Regierungsparteien.)

zmAg. Borck (DN): Die Einleitung unseres vchss» gensantrages gegen den Minister Severing ber» "ach seiner heutigen Erklärung än- können den Antrag selbst aber lei- urückziehen. (Große Heiterkeit -ben m , Ruse: „Leider" sagt er!) Wir müssen jetzt «„I. S .aufrechterhalten, weil der Minister ^^^En^agiich die Billigungserklärung zum Re­

marquefilm abgegeben hat, auf die sich unser Satz stützt.

Von den Nationalsozialisten sprach Abg. Kube. Er machte dem Innenminister sogar Komplimente. Er sprach z. B. von der persönlichen Integrität Severings, und daß er den Minister als einen absolut anständigen und ehrenhaften Menschen und Politiker achte. Jch habe, so sagte er, es immer für geschmacklos gehalten, die schwarz- rotgold ene Fahne zu beschimpfen.Wer zu dieser Fahne steht, sollte aber daran denken, daß sie nicht das Panier eines Metternich war, sondern seines Gegners, des Freiherrn von Stein. Wer sich auf Stein beruft, muß sich gegen die Metternich-Methoden der Verwaltungsorgane wen­den. Der Redner begrüßte die Erklärung des Ministers Severing, daß die Polizei fest in der Hand des Staates sei. Dann könnten die Natio­nalsozialisten wenigstens nach der nächsten Wahl ein zuverlässiges Instrument übernehmen. Wenden müsse er sich gegen die Rundfunkrede des Mini­sterpräsidenten, der im Gegensatz zu Severing nur der Prototyp seiner Partei sei, während Seve­ring das Recht auf die eigene Persönlichkeit be­haupte. (Rufe der Kommunisten: „Kube und Severing Arm in Arm!") Nein, aber wir sind zu unseren gefährlichsten Gegnern am ritterlichsten. Schließlich verteidigte der Red­ner den vom Zentrumsabgeordneten Dr. Heß erwähnten Antrag der Nationalsozialisten gegen die Ansiedlung von Katholiken in Mecklenburg. Nach dem Reichssiedlungsgesetz sollen in überwie­gend katholischen Gebieten Katholiken, in über­wiegend evangelische Evangelische angesiedelt wer­den.

*

In der Sitzung am Freitag wurde die Debatte fortgeführt. Für das Zentrum sprach Dr. Lau­scher. e

Für die Demokratie!

Der preußische Ministerpräsident Dr. Braun hielt im Rundfunk eine Rede über das Thema: die Demokratie erschüttert?" Er führte il a. aus:

Das gesamte öffentliche Leben Deutschlands befindet, sich in einer schweren Krise: Wie in sol­chen Fällen üblich, fehlt es nicht an Rezepte- machern und Kurpfuschern, die ihre einzig Erfolg versprechenden Heilmethoden anpreisen.

Sie fügen, die Demokratie sei schuld, wenn das deutsche Volk aus politischen Krisen und Wirt­schaftsnöten nicht mehr herauskomme. Nach dem militärischen Zusammenbruch 1918 erwies die Demokratie, das junge volksstaatliche System, ihre starke Lebenskraft und ihre Fähigkeit zur Neu­gestaltung. Und unter ihrer Herrschaft konnte ein Wiederaufbau einsetzen, wie er in der Ge­schichte der Welt nicht viel Gegenstücke aufzuwei­fen hat. Man hätte meinen sollen, daß diese Wen­dung ein stolzes Glücksgefühl im Volke hätte auslösen müssen. Statt dessen haben wir uns in einen Haufen von Parteien zersplittert, von denen manche gar nicht mehr eine irgendwie scharf umrissene und in großen Volksteilen ver­wurzelte Weltanschauung vertreten, sondern ein­fach die Wahrung nackter, enger privat­wirtschaftlicher Interessen bestimm- ter Gruppen besorgen. Diese jämmerliche Jnteressenpolitik vieler Gruppen hat es dahin ge­bracht, daß viele im Parlament nicht mehr den Brennpunkt aller politischen und geistigen Inter­essen der Nation sehen. Demgegenüber muß mit aller Schärfe und Deutlichkeit gesagt werden: Nicht die Demokratie hat versagt. Versagt hat lediglich ein erheblicher Teil der heut- schen Menschen, weil er mit dem Parla­mentarismus noch nichts rechtes beginnen konnte.

Das Schönste und Größte wäre es und ein Ehrentitel des damit seinen politischen Hoch­stand beweisenden deutschen Volkes, wenn wir in einem Parlament in der Zusammenarbeit und im geistigen Ringen einiger weniger großer Welt­anschauungsparteien die Gegenwart des deutschen Volkes meistern und seine Zukunft zimmern könn­ten. Mit dem jetzigen Parlament, verfälscht in sei­ner Wesensart durch Jnteressenvertreter ohne ver­antwortliche Bindung gegenüber dem Allgemein­interesse und gestört durch Parteien, die das Chaos und den Bürgerkrieg als Mittel zur Heilung der Not des deutschen Volkes ansehen, kann man leider diese Aufgabe nicht erfüllen. So muß eine Reichsregierung, die nicht gegenüber den entfesselten Leidenschaften und nackten Interessen­vertretungen politisch abdanken, sondern wirklich im Namen des Volkes und zu seiner Selbstbewah­rung vor politischem Irrsinn und staatlichem Zer­fall'regieren will, zu außergewöhnlichen Maßnahmen schreiten. Nur durch eine solche, jede einseitige Jnteressenpolitik von sich weisende und dem grundsätzlichen und demagogischen Wider­stand der 'antiparlamentarischen Opposition hinweg­fegende entschlossene Regierungspolitik kann die Reichsregierung heute das große Erbe des deut- fchen Volkes vor dem Zerfall schützen und uns vor dem Aeußersten bewahren. >

Die vernünftigen und verantwor- tungsbe wußten Parteien des Reichstags wahren in diesem Falle Ehre und politisches Ansehen des Parlamentes, wenn sie der Reichsregierung dabei zur Seite stehen. Rur so vereiteln wir die Taktik der antiparlamentarischen Gruppen, erst die Arbeit des Parlaments lahm­zulegen und dann hohnlachend in alle Welt hinaus­zuschreien: „Seht doch, das Parlament versagt; bas ist das Ende des parlamentarischen Regimes, nur der Diktator kann uns retten!"

Nein, kein Diktator kann uns retten. Würfe Deutschland sich heute einem Diktator etwa

Kabinett Steeg behanptet sich.

Sieben Stimmen Mehrheit.

In der französischen Kammer blieb bei der Abstimmung über den ersten Teil der von der radikalen Linken eingebrachten Tagesordnung, in dem der Regierung das Vertrauen ausgesprochen wird, die Regierung Steeg mit 291 Stimmen gegen 284 Stimmen in der Mehrheit.

*

Zu dem Abstimmungssieg des Kabinetts Steeg schreibt der „Matin": Wenn die Abstimmung auch nicht die Konzentration ergeben Hat, so beweist sie doch, wie Herriot und Louis Marin mit Recht betont haben, einen Wendepunkt in der Ge­schichte der gegenwärtigen Legislaturperiode. Zwi­schen den beiden einst in einem Duell bis aufs Messer einanderbekämpfenden Blocks hat die Mitte geschwankt. Jetzt hat sie sich gespalten.

Das nationalistische „Echo de Paris" schreibt: Die Regierung Steegs ist die Regierung ei­nes reinen Kartells der Linken, das dank außerordentlicher Umstände am Leben ist und niemals unter normalen Verhältnissen wird existieren können.

Die radikale „Republique" schreibt: Heute früh gibt es einen Besiegten: die Reaktion, einen To­ten: die Rechtsmehrheit, einen Sieger: die Repu­blik, eine lebendige Wirklichkeit: die Linksmehrheit. Die Gegner der Demokratie sehen ihre Macht in Trümmer gehen.

In der Ere Nouvelle schreit Ed. Herriot: Ich beschränke mich heute darauf, mit sämtlichen links­stehenden Elementen zu rufen: Hoch die Repu­blik! Gewiß ist die Lage schwierig, aber immer­hin ist eine neue Situation geschaffen.

Der sozialistische Populair erklärt: Für den Augenblick kommt es gar nicht darauf an, ob die Mehrheit des Kabinetts Steegs schwach ist und Gefahren ausgesetzt bleibt. Die Hauptsache ist, daß die Regierung den neuen Ansturm Tardieus überlebte, daß das Märchen von Tardieus All­seitigkeit geklärt ist.