Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Wzesllmvmtt 10 W. (MWskk. Beilage 15 vfg>
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Erscheint sechsmal wöchentlich Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Äctiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrist- :: leitung 1152, Fuldaer Äctiendruckerei 1150 und 1151. ::
Samstag, 20. Dezember 1930.
Monatlich 1.80 einschließl. Postgebühr <48 Psg.) ohne Zustellg Anzeigen-Preise: Kleinzeile <Col.) lokal 0.15 RM. auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM., auswärts 0.80 RM Bei Wiederholungen Rabatt Postlcheckk Frankl a M 4051
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Zmmer w eder Aus^chre'lungen
— Berliner Produktenbörse vom 18. Dez. Amtl, 'estgesetzte Preise. Getreide und Oelfaatcn per 1000 Kilg. sonst per 100 Kg. In Reichsmark Weizen märk 246—248, Roggen märk. 152,5-154,5 Braugerste märk. 201-218, Gerste, märk. V0—194 Haier märk. 140—146, Mals loko Bert. 000—000, Weizenmehl per 100 Kg. fr. Brl. br. inkl. Sack (feinste Marken über Notiz) 28,75—36,75, Roggenmehl per 100 Kg. fr. Brl. br. inkl. Sack 23,60—26,75, Weizenkleie fr. Brl. 9,75-10,25, Roggenkleie fr. Brl. 9,00 - 9,50 Wetzenkleie-Melen 00,00—00,00, Raps 000—000, Lein- faat 00—4)0, Viktoriaerbsen 24,00—31,00, kl. Speiseerbsen 23,00—25,00, Futtererbsen 19,00—21,00, Peluschken 20,00 bis 21,00, Ackerbohnen 17,00-18,00, Wicken 18,00-21,(10, Lupinen, blaue 00,00—00,00, Lupinen gelbe 1)0,00—00,00, Seradella, neue 00,00 - 00,00, Rapskuchen 9,20 — 9, 0, Leinkuchen 15,20—15,50, Trockenschnitzel 5,50 - 5,90, Soya-Schrot 12,80—13,00, Kartoffelflocken 00,00—00,00.
3m Segel-Boot über den Ozean.
wtb. Niami (Florida), 19. Dez. (Eig. Meldg.) Zwei Estländer ,Atho und Ekontwaler, trafen hier in einem 8 Meter Segelboot aus Reval, das sie am 7. August verlassen hatten, ein.
Vulkan-Ausbruch in Japan.
Bereits 15 Todesopfer. — Große Derwü u gen.
wtb. Batavia (Java), 19. Dez. (Eig. Meld.) Der Vulkan Merapi im Mittelpunkt Javas befindet sich in vollem Ausbruch. 15 Todesopfer sind bereits zu beklagen. Weite Flächen fruchtbaren Landes sind in eine Wüste ver- wandelt worden.
Zum Tode Rauschers.
Aus Warschau wird gemeldet:
Das Hinscheiden des langjährigen deutschen Gesandten Ulrich Rauscher hat in der hiesigen deutschen Kolonie t'efe Bewegung und Teilnahme hervorgerufen, doch auch in polnischen Kreisen wird der Tod des sehr geschätzten Gesandten allgemein bedauert. Kurz nach dem Bekanntwerden der Todesnachricht erschien der Chef des Protokolls im polnischen Slußenmin'sterium, Graf Romer, in der deutschen Gesandtschaft, um dem deutschen Geschäftsträger, Herrn v. Eintelen, im Namen der polnischen Regierung das Beileid auszusprechen. Weiter kondolierte noch 'm Namen der Westabteilung des polnischen Außenministeriums der Referent Herr Lechnicki. Auch der französische und der englische Botschafter sowie zahfre'cbe Gesandte fuhren zur Botschaft, um dort persönlich zu kondolieren.
Die Mittagspresse bringt schon Nachrufe für den Verstorbenen. Der im Regierunoslager stehende „Przeglond Wieczorny" rühmt die Objektivität Rauschers und stellt fest, daß Deutschland mit ihm einen hervorragenden Vertreter der Nachkriegsdiplomatie verliere.
Wirbelsturm über Algerien.
Sämtliche Verbindungen von der Küste nach dem Landesinnern unterbrochen. — Allein im Hafen von Algier Sachschäden von 30 Millionen Franken.
wtb. Paris. 19. Dez. (Eig Meld.) Gestern ging über Algerien nach monatelanger Dürre ein Wirbelsturm nieder, wie man ihn seit 1898 nicht mehr erlebt hat. Man rechnet mit einem gewaltigen Schaden. Allein im Hafen von Algier wird der durch das Unwetter angerichtete Schaden auf 3 0 Mill Franken geschätzt. Es steht noch nicht fest, ob Personen ums Leben gekommen sind.
Wetterwarte-Flugzeug abgestürzt.
Pilot und Beobachter tot.
wtb. Königsberg, 19. Dez. (Eig. Meld.) In der Nähe des Gut-s Kleinvickbold bei Tharau stürzte heute morgen kurz nach 8 Uhr das Flugzeug der hiesigen Wetterwarte ab. Die beiden Insassen, Flugzeugführer Mcr-Schwabe und der Beobachter Dr. Rudolf Otto Steiner kamen dabei ums Leben. <
Meder ein Fehlschlag der Opposition.
Die Witzlrauensantrüge der Deukschnationalen im preußischen Landtag abgelehnt. — Eine eindrucksvolle Rede Severiugs.
von der Art des Herrn Hitler in die Arme, was wäre damit gewonnen? Dann würde mit einem Schlage das Vertrauen, das Deutschlands wirtschaftliche Arbeit und Kraft heute immer noch in der Welt besitzt, zum Teufel sein. Die gesamten bei uns arbeitenden, im Vertrauen auf die Aufrechterhaltung der Ordnung in Deutschland gegebenen ausländischen Gelder würden fluchtartig zurückgezogen. Milliarden strömten ab. Riesenhafte Arbeiterentlassungen wären die erste Folge. Zusammenbrüche der mittleren, kleinen und kleinsten Geschäftsleute würden in noch nie dagewesenem Maße, eintreten. Außenpolitische Schwierigkeiten ohne Ende würden folgen, und im Inneren des Landes würden Bürgerkrieg und Hungerrevolten das ihrige tun, um unser Vaterland auseinanderzusprengen und die einzelnen Teile in völliger politischer Ohnmacht jedem außenpolitischen Gegner als willkommene Opfer hinzuwerfen.
Unsere deutsche Rot von heute ist nicht nur aus uns beschränkt. Die Welt ist krank, sie leidet an den Folgen eines Krieges, der sie gerade in ihren höchstkultivierten Teilen bis ins Mark getroffen hat und von denen sie sich noch auf lange Zeit hinaus nicht zu erholen vermag.
Mon fordert von uns Deutschen als Tributzahlungen aus dem verlorenen Kriege in einer in der Menschheitsgeschichte noch nie gekannten Form und Härte jährlich Milliarden. Jeder Verständige weiß, daß wir diese Milliarden, wenn überhaupt, so höchstens nur inSachlie ° ferungen, in Waren, in Erzeugnissen deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes und deutscher Jngenieurkunst leisten können. Aber man nimmt uns die Waren n i ch t ab und erschwert zudem ihren Absatz auf dem Weltmarkt durch übertriebene Sperr- und Zollmaßnahmen. Europas Völker und das große Gläubigerland jenseits der Großen Ozeans müssen zu der Einsicht kommen, daß wir mit den gegenwärtigen Wirtschafts- und politischen Methoden nichtweiterkommen, sondern den Zustand des Nach- kriegschaos noch verewigen. Nur wenn sich überall der Mut zur A b r üst u n g findet und gleichfalls zu der Erkenntnis, daß es eine wirtschaftliche Solidarität der Menschheit gibt, die man praktisch durch eine falsche und törichte Wirtschaftspolitik nicht dauernd ungestraft verleugnen darf, darf die heute lebende Generation auf eine Besserung ihrer Lage rechnen.
wtb. Duisburg, 19. Dez. (Eig. Meld.) Bei Auflösung einer kommunistischen Kundgebung wurden den Polizeibeamten Stühle. Gläser und andere Gegenstände entgegenoeworfen. 7 Personen wurden festgenommen. Als bei Straßenansammlungen mehrere Beamte mit Steinen beworfen wurden, gaben die Beamten einige Schreckschuss e ab. i
Ausschreitungen juaendiicher Kommunisten in ! Königsberg.
In Königsberg eröffneten am Mitt« woch jugendliche Kommunisten während einer Sitzung des S^adtparlaments ein Steinbombardemmt auf das Rathaus. Dadurch wurden im Sitzungs- fall ein Doppelfenster und im benachbarten Erfrischungsraum vier Doppelfenster zertrümmert. Ein Stadtverordneter wurde durch einen Stem- wurf an die Srhulter getroffen. Die Bol"e, no^fn sofort die Verfolgung der Flüchtenden auf. Ein Jungkommunist wurde feftgenommen.
PDZ. Berlin, 19. Dez. (Eig. Meld.) Im Preußinen Landtag wurde heute der Mißtrauensantrag Deutschnationalen gegen M nisterpräsi- dent Braun und Innenminister S e o e r i n g
224 Stimmen der Regierungsparteien gegen 182 Stimmen der Opposition bei 2 Stimmenthaltungen abgelehnt.
Uluffollnis Defizit.
900 Millionen. — Das Rezept des Faschismus.
wtb. Rom, 19. Dez. (Eig. Meldg.). Im Senat erklärte Mussolini, daß das Defizit im Rechnungsjahr 1930 auf etwa 900 Mill geschätzt werden könne. Andere Ersparnismöglichkeilen a l s H e r- absetzung der Beamtengehälter gäbe es nicht. Auch eine Einschränkung der Militärausgaben fei im o^genwärtigen Augenblick n i ck t m ö g l i ch wo ai c Mächte stark rüsteten, jo viel sie auch vom Frieden sp r ä ch e n. Die Gesetzesvorlage i-b-w fie Gehaltskürzungen wurde dann vom Senat angenommen. !
Mussolini verweist auf Deutschland zur Nachahmung. '
Bei Behandlung des Preisabbaus und der damit im Zusammenhang stehenden Maßnahmen kam Ministerpräsident Mustolini vor dem schen Senat auch darauf zu sprechen, daß in Deutschland seit einiger Zeit der Wert des Pfennigs wieder genau in Rechnung g e st e l l t werde. Das sei ein W e r f moralischer Sanierung, das mit dem der wirt- lchaftlichen Sanierung Hand in Hand gehe. Wenn Deutschland heute auch ein sehr starkes Defizit habe, so versuche doch Reichskanzler Brüning mit h e r o i s ch e n M i t t e ln dieSa- nierung des Staatshaushalts durchzuführen.
Bekanntlich beschimpfen die deutschen Bewunderer Mussolinis den Reichskanzler Brüning. den Mussolini selbst wegen seiner „herorischen Mittel" lobt. Man sieht- auch die Nationalso-m- listen sind von dem deutschen Erbübel nicht frei, das F r e m d e zu bewundern und das Eigene nicht
Am Donnerstag stand im Mittelpunkt der Erör- t-runaen zur ersten Lesung des neuen Haushaltsplans eine große Rede des Innenministers S e - n»rin 9 den die Nationalsozialisten mit dem Ruf Der Gurnmiknuppeldiktator" empfingen.
QU dem gegen ihn vorliegenden deutschnationalen Mißtrauensantrage sagte der Minister, der Antrag stütze sich auf Ze tungsmeldungen, wonach das -Innenministerium auch die amerikanische Fassung s65 Remarque-Films als nicht zu einem Verbot rwingend bezeichnet habe. Er stelle ausdrücklich dft daß er sich über die Wirkung des Films nach der Vorführung überhauptnichtgeäußert batte und daß daher eigentlich die Deutschnationalen ihren nur darauf gegründeten Mißtrauensan- zurückz ehen müßten. Severing erinnerte dann an die verschiedene Haltung des Auswärtigen Amtes zu dem Film und daran, daß die ersten beiden Aufführungen n'cht den geringsten Widerspruch fanden. Die Polizei habe dafür zu sorgen, daß d'e Ruhe nicht gestört werde, die Polizei kapituliere nicht vor weißen Mäusen. Stach seiner Meinung sei der Remarque-Film ein hohes Lied auf deutsche Kameradschaft und deutsche Tapferkeit. Die Pol zei werde weiterhin nicht dulden, daß friedliche Bürger von politischen Rowdys überfallen werden und ebenso, daß die Studenten Unruhen an der Universität begehen.
Von den Dcutschnationalen ist gegen das D e m o n- strationsverbot protestiert worden, das der Oberpräsident von Oppeln erlassen hat. Dieses Verbot ist aber erlassen worden mit vorheriger Zustimmung aller örtlichen Parteien von den Nationalsozialisten und Seutschnationalen bis zu den Kommunisten. (Zurufe oon den Kommunisten: Das ist gelogen! Die Kommunisten waren nicht damit einverstanden) Das Demonstrationsverbot ist auch von der deutschnationalen Schlesischen Zeitung gebilligt worden. Wenn behauptet wird, es sei an eine Heranziehung des Reichsbanners zur Unterstützung der Polizei gedacht, so ist das vollkommen falsch. Der Schutz der staatlichen Einrichtungen ist Sache der staatlichen Organe. An diesem Grundsatz wird in Preußen nichts geändert. Wir brauchen weder auf das Reichsbanner noch auf irgendeine andere Organisation zurückzugreifcn. Was wäre ich für ein elender Stümper als Porizeimi- nifter wenn ich erklären müßte, daß die Schutzpolizei zur Erfüllung ihrer Aufgabe nicht ausreiche. Die preußische Polizei ist ihrer Aufgabe gewachsen, und ihr Aufbau soll auch >n diesem WiMer nicht geändert werden.
Auf die gegen mich geäußerten Drohungen kann ich nur antworten, ich erwerbe weder in Dänemark noch in der Schweiz eine Villa. Ich bleibe in Deutschland, und ich kaufe mir auch (eine blaue Brille, lvehr gut! links).
Unser Dank gebührt allen Sparten der Polizei für das, was sie in den letzten schweren Monaten geleistet haben. Diese Anerkennung gilt nicht nur den Mannschaften. sondern auch den Offizieren. (Lärm bei den Kommunisten. Der Kommunist Kasper erhält zwei Ordnungsrufe.) Auch das Offizierskorps der Polizei ist Aatstreu und wird in jeder Situation feine vaterlän- difche und republikanische Pflicht tun. (Beifall). Um dein Dank an die Polizei auch einen sichtbaren Ausdruck zu geben, wollen wir vom 1. Februar 1931 ab den Erekutivbeamten wenigstens einen Teil des Gehaltsab- Mgs wieder ersetzen. tBeifall.)
Die Nationalsozialisten irren, wenn sie meinen, daß Ä Material für das Verbot ihrer Organisation sammele, jwn jch fje verbieten will, dann genügt dazu ein Entschluß (Rufe: Der starke Mann!) Das hat nichts zu wn mit Stärke, sondern nur mit der Vereinfachung des «fahrens. (Beifall.) Ich habe Verständnis für S t u- "entenulk. Es berührt mich nicht, wenn Berliner ««denten singen: „Alle Ringe rollen, bloß der Severing (Heiterkeit.) Wenn aber ein Mann wie Geheim- M Baumgarten in der übelsten Weise als Landesver- ™rcr beschimpft wird, wenn junge Studenten gewaltsam ?E'wmte Professoren an ihren Vorlesungen hindern wol- dann hört die Gemütlichkeit auf. Dann ist es die 'Mgabe der Polizei, rücksichtslos gegen die Ordnungs- Iwrer einzuschreiten. (Lebhafter Beifall.) Ich bin ein meund der Jugend, aber ich mache die schädliche U m- lg>weichelung der Jugend nicht mit, die jetzt allen Parteien geübt wird. Sie führt dazu, daß junge «Mdenten sich einb'lden, sie brauchten nichts mehr von er Erfahrung der Alten zu lernen, sie seien schon die .-rufenen Herrscher Deutschlands, während junger Mensch seniler ist als ein ft;Lr e 1 j te r tatkräftiger Alter. (Lebhafte Zu- b-«mung. Abg Kube (NS.): Die Sozialdemokraten Ha- Ml doch den Zwanzigjährigen das Wahlrecht gegeben!) e" Sie denn für die Heraufsetzung des Wahlallers (fiZ? e.n' H°rr Kube? (Abg. Kube: Jetzt nicht mehr! weiterteif)
lii 3” der gegen den Oberpräsidenten Haas x« vorgebrachten Beschwerde kann ich nur sagen, daß ich s, samten besonders schätze, die sich an antisaszistischen st-«, Hebungen beteiligen. Unberechtigt ist auch die Dar» z> volksparteil'cher Redner, als sei die preußische waitung heute viel schlechter als früher. Wer die lied m ? *r e n des (für ft en Bülow aufmerksam (tu* h”r& dieser Auffassung nicht zuftimmen. Es muß m J0” erinnert werden, daß Herr vom Stein flüch-
•' weil er sich mit der preußischen Verwaltungs- hj^werie nicht verständigen konnte. Wir wollen doch z^zLroßen Leistungen, die auch in der Verwaltung der Sek,ra9Sieit 3U beobachten sind, anerkennen und auf EI so Grundlage weiterarbeiten. (Lebhafter Beifall bei n Regierungsparteien.)
zmAg. Borck (DN): Die Einleitung unseres vchss» gensantrages gegen den Minister Severing ber» "ach seiner heutigen Erklärung än- können den Antrag selbst aber lei- urückziehen. (Große Heiterkeit -ben m , Ruse: „Leider" sagt er!) Wir müssen jetzt «„I. S .aufrechterhalten, weil der Minister ^^^En^agiich die Billigungserklärung zum Re
marquefilm abgegeben hat, auf die sich unser Satz stützt.
Von den Nationalsozialisten sprach Abg. Kube. Er machte dem Innenminister sogar Komplimente. Er sprach z. B. von der persönlichen Integrität Severings, und daß er den Minister als einen absolut anständigen und ehrenhaften Menschen und Politiker achte. Jch habe, so sagte er, es immer für geschmacklos gehalten, die schwarz- rotgold ene Fahne zu beschimpfen.Wer zu dieser Fahne steht, sollte aber daran denken, daß sie nicht das Panier eines Metternich war, sondern seines Gegners, des Freiherrn von Stein. Wer sich auf Stein beruft, muß sich gegen die Metternich-Methoden der Verwaltungsorgane wenden. Der Redner begrüßte die Erklärung des Ministers Severing, daß die Polizei fest in der Hand des Staates sei. Dann könnten die Nationalsozialisten wenigstens nach der nächsten Wahl ein zuverlässiges Instrument übernehmen. Wenden müsse er sich gegen die Rundfunkrede des Ministerpräsidenten, der im Gegensatz zu Severing nur der Prototyp seiner Partei sei, während Severing das Recht auf die eigene Persönlichkeit behaupte. (Rufe der Kommunisten: „Kube und Severing Arm in Arm!") Nein, aber wir sind zu unseren gefährlichsten Gegnern am ritterlichsten. Schließlich verteidigte der Redner den vom Zentrumsabgeordneten Dr. Heß erwähnten Antrag der Nationalsozialisten gegen die Ansiedlung von Katholiken in Mecklenburg. Nach dem Reichssiedlungsgesetz sollen in überwiegend katholischen Gebieten Katholiken, in überwiegend evangelische Evangelische angesiedelt werden.
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In der Sitzung am Freitag wurde die Debatte fortgeführt. Für das Zentrum sprach Dr. Lauscher. e
Für die Demokratie!
Der preußische Ministerpräsident Dr. Braun hielt im Rundfunk eine Rede über das Thema: die Demokratie erschüttert?" Er führte il a. aus:
Das gesamte öffentliche Leben Deutschlands befindet, sich in einer schweren Krise: Wie in solchen Fällen üblich, fehlt es nicht an Rezepte- machern und Kurpfuschern, die ihre einzig Erfolg versprechenden Heilmethoden anpreisen.
Sie fügen, die Demokratie sei schuld, wenn das deutsche Volk aus politischen Krisen und Wirtschaftsnöten nicht mehr herauskomme. Nach dem militärischen Zusammenbruch 1918 erwies die Demokratie, das junge volksstaatliche System, ihre starke Lebenskraft und ihre Fähigkeit zur Neugestaltung. Und unter ihrer Herrschaft konnte ein Wiederaufbau einsetzen, wie er in der Geschichte der Welt nicht viel Gegenstücke aufzuweifen hat. Man hätte meinen sollen, daß diese Wendung ein stolzes Glücksgefühl im Volke hätte auslösen müssen. Statt dessen haben wir uns in einen Haufen von Parteien zersplittert, von denen manche gar nicht mehr eine irgendwie scharf umrissene und in großen Volksteilen verwurzelte Weltanschauung vertreten, sondern einfach die Wahrung nackter, enger privatwirtschaftlicher Interessen bestimm- ter Gruppen besorgen. Diese jämmerliche Jnteressenpolitik vieler Gruppen hat es dahin gebracht, daß viele im Parlament nicht mehr den Brennpunkt aller politischen und geistigen Interessen der Nation sehen. Demgegenüber muß mit aller Schärfe und Deutlichkeit gesagt werden: Nicht die Demokratie hat versagt. Versagt hat lediglich ein erheblicher Teil der heut- schen Menschen, weil er mit dem Parlamentarismus noch nichts rechtes beginnen konnte.
Das Schönste und Größte wäre es und ein Ehrentitel des damit seinen politischen Hochstand beweisenden deutschen Volkes, wenn wir in einem Parlament in der Zusammenarbeit und im geistigen Ringen einiger weniger großer Weltanschauungsparteien die Gegenwart des deutschen Volkes meistern und seine Zukunft zimmern könnten. Mit dem jetzigen Parlament, verfälscht in seiner Wesensart durch Jnteressenvertreter ohne verantwortliche Bindung gegenüber dem Allgemeininteresse und gestört durch Parteien, die das Chaos und den Bürgerkrieg als Mittel zur Heilung der Not des deutschen Volkes ansehen, kann man leider diese Aufgabe nicht erfüllen. So muß eine Reichsregierung, die nicht gegenüber den entfesselten Leidenschaften und nackten Interessenvertretungen politisch abdanken, sondern wirklich im Namen des Volkes und zu seiner Selbstbewahrung vor politischem Irrsinn und staatlichem Zerfall'regieren will, zu außergewöhnlichen Maßnahmen schreiten. Nur durch eine solche, jede einseitige Jnteressenpolitik von sich weisende und dem grundsätzlichen und demagogischen Widerstand der 'antiparlamentarischen Opposition hinwegfegende entschlossene Regierungspolitik kann die Reichsregierung heute das große Erbe des deut- fchen Volkes vor dem Zerfall schützen und uns vor dem Aeußersten bewahren. >
Die vernünftigen und verantwor- tungsbe wußten Parteien des Reichstags wahren in diesem Falle Ehre und politisches Ansehen des Parlamentes, wenn sie der Reichsregierung dabei zur Seite stehen. Rur so vereiteln wir die Taktik der antiparlamentarischen Gruppen, erst die Arbeit des Parlaments lahmzulegen und dann hohnlachend in alle Welt hinauszuschreien: „Seht doch, das Parlament versagt; bas ist das Ende des parlamentarischen Regimes, nur der Diktator kann uns retten!"
Nein, kein Diktator kann uns retten. Würfe Deutschland sich heute einem Diktator etwa
Kabinett Steeg behanptet sich.
Sieben Stimmen Mehrheit.
In der französischen Kammer blieb bei der Abstimmung über den ersten Teil der von der radikalen Linken eingebrachten Tagesordnung, in dem der Regierung das Vertrauen ausgesprochen wird, die Regierung Steeg mit 291 Stimmen gegen 284 Stimmen in der Mehrheit.
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Zu dem Abstimmungssieg des Kabinetts Steeg schreibt der „Matin": Wenn die Abstimmung auch nicht die Konzentration ergeben Hat, so beweist sie doch, wie Herriot und Louis Marin mit Recht betont haben, einen Wendepunkt in der Geschichte der gegenwärtigen Legislaturperiode. Zwischen den beiden einst in einem Duell bis aufs Messer einanderbekämpfenden Blocks hat die Mitte geschwankt. Jetzt hat sie sich gespalten.
Das nationalistische „Echo de Paris" schreibt: Die Regierung Steegs ist die Regierung eines reinen Kartells der Linken, das dank außerordentlicher Umstände am Leben ist und niemals unter normalen Verhältnissen wird existieren können.
Die radikale „Republique" schreibt: Heute früh gibt es einen Besiegten: die Reaktion, einen Toten: die Rechtsmehrheit, einen Sieger: die Republik, eine lebendige Wirklichkeit: die Linksmehrheit. Die Gegner der Demokratie sehen ihre Macht in Trümmer gehen.
In der Ere Nouvelle schreit Ed. Herriot: Ich beschränke mich heute darauf, mit sämtlichen linksstehenden Elementen zu rufen: Hoch die Republik! Gewiß ist die Lage schwierig, aber immerhin ist eine neue Situation geschaffen.
Der sozialistische Populair erklärt: Für den Augenblick kommt es gar nicht darauf an, ob die Mehrheit des Kabinetts Steegs schwach ist und Gefahren ausgesetzt bleibt. Die Hauptsache ist, daß die Regierung den neuen Ansturm Tardieus überlebte, daß das Märchen von Tardieus Allseitigkeit geklärt ist.