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Verlage zur Auldaer Zeitung

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14. Dezember

*

Dritter Advent.

Süßes Wissen von geheimen Wundern, die verschwiegen keimen! — Engel reichen leise — leise, gar geheimnisvollerweise lächelnd sich von Hand zu Hand bis hinab zur Wintererde, bis zum Tag des Heilgen „Werde!" sternenklar — ein Wiegenband.

G. M i g e o d.

Der Landstreicher Vrunowski.

Von Wilhelm Aussermann.

Anatol Brunowsky hat einen schwächlichen und un- «ollkommenen Körper, und der leere Rucksack schwenkt herum wie ein Pendel an einer ruhelosen Uhr. Er sieh; beim Gehen wie ein Kind aus, obwohl er so lange Beine hat. Da geht er nun. Warum nur? Ich möchte die ganzen verantwortlichen Kommissäre der Sowjetunion hinter Brunowskys Rücken führen und sa- aen: „Das ist Anatol Brunowsky, ein junger Land­streicher, er will gern arbeiten, will aber kein Kommu­nist werden. Laßt ihn endlich arbeiten, bevor es zu spät ist!

Wir gehen seit heute morgen dieselbe Richtung. Alles, was ich sage, läßt Brunowsky unbeantwortet. Nur ein- n«rl flüstert er: „Heute sind es zwei Jahre her . . . Es war um die Weihnachtszeit!" Was er damit meinte, weiß ich nicht.

Sattesfen ist beim Gehen genau so wichtig wie ein paar deftige Schuhsohlen. Diesmal ist Brunowsky an der Reihe, auch hat er mir die Geschicklichkeit voraus Als wir durch ein Dorf kommen, sagt er nur: „Warte irgendwo!" Und geht sogleich in ein Haus hinein, wo sicher gerade die Bäuerin mit der Mahlzeit beschäftigt ist.

Am Ende des Dorfes warte ich und fetze mich neben -er Straße auf den Rand einer Wiese. Die Wiese ist schneefrei. Der Himmel ist blau und glänzt vor Källe. Der Frost steigt aus dem trockenen Staub der Straße. Wenn der Wind darüber hinwegfegt, nimmt er den griesigen Staub mit. der in die Augen beißt und wider­wärtig schmeckt. Dazu macken die Telegraphenstangen ihr wehmütiges Gesusel, und man muß an zu Hause denken.

Endlich kommt Brunowsky. Er hats eilig. Sein Ge­sicht ist heiß geworden und hat einen verlegenen Aus­druck. Er bringt diesmal ein Scheibchen Speck mit. Eine Seltenheit. „Wir müssen machen, daß wir weiterkom­men." sagt er und eilt in langen Sätzen vorwärts. „Hier dürfen wir nicht bleiben!"

Ich beachte nicht gleich, was er meint; erst als wir ein paar Schritte weiter gegangen sind, fallen mir fein: Worte auf und auch fein veränderter Rucksack. Der Rucksack ist kantig geworden, als wäre er über ein Mö­belstück gerutscht. Das ärgert mich gründlich, und ich beiße die Zähne zusammen. Ich kann es nicht glauben. Schließlich frage ich dock: „Du Brunowsky!" Und ich zeige dabei auf feinen Rücken. — „Das geht dich nichts an!“ gibt er fckroff zur Antwort. Da zweifle ich nicht länger. Ich habe mich bitter in Brunowsky getäuscht, er ist doch ein Landstreicher, ein Dieb, der vielleicht nicht einmal arbeiten will, sondern nur so tut. Ich bin recht ärgerlich auf ihn und fühle bei mir im stillen, daß ich ihn nur nach Verdienst behandeln werde, wenn ich an -er nächsten Straßenecke meine Richtung ändere und allein meines Weges gehe. Fehlt nur noch, daß sie uns bis dorthin erwischen. Nein, ich muß mich sofort von ihm trennen.

Als wir an einer Schneewehe vorbei kommen klage ich, daß meine Füße brennen und ich sie einreiben wolle. Aber ich habe mich verrechnet. Er geht nicht weiter Er packt seinen Rucksack ab und wartet. Während ich die Schuhe ausziehe, beobachte ich ihn heimlich; ich möchte mir gern wissen, was er eigentlich gestohlen hat.

Er faßt in den Rucksack hinein und bringt — eine halbe bunte Kiste zum Borschein. Hält sie zwischen seinen Händen und ruft mir zu, als wenn nichts vorgefallen wäre: „Du, schau her . . . Eine Puppenstube!"

Ich bin verblüfft.

Ich erkenne wirklich eine Puppenstube, mit bunten Tapeten, sogar kleine Glasfensterchen sind an der Seite.

Als sich meine Verblüffung löst, macke ich ihm in den heftigsten Worten, die ich finden kann. Vorwürfe; ob er sich nicht schäme einem Kind fein Svielzeug zu stehlen

Er antwortet nicht, sondern stellt die Puppenstube zu Boden und legt sich trotz der Kälte davor. Sogar kleine Stühlchen hat er und einen kleinen Tisch, ein Schränk­chen und ein kleines Sofa. Auch Gardinen haben die Fensterchen, ganz kleine Gardinen sind es, in grüner Farbe. Brunowskys Ernst ist erstaunlich. Er streckt sei­nen struppigen Kopf in das Stübchen hinein und stellt die Stühlchen rund um den Tisch und das Schränkchen in die Ecke. Dann streicht er mit dem Zeigefinger über den weichen Samt des Sofas, verändert schließlich alles wie­der vorsichtig und beginnt von vorn. Er streckt in feinem Eifer sogar die Zunge aus, als wenn auch diese sich be­teiligen wollte, und ist glücklich wie ein behaglicher Mensch — in einer guten Stube.. Sogar die Landschaft scheint ringsum zu schlafen, als wenn sie Brunows'y nicht stören wolle. Und jetzt erscheint auch mir alles so einfach und klar, kein Spiel, sondern bitterer, bitterer Ernst.

Ich schleiche, so vorsichtig wie ich kann, davon. Muß ich. Denn gestohlen hat er ja dock. Laufe atemlos über die Landstraße, die von zwei Reihen kahler Pappeln eingesäumt wird, die sich im Winde wiegen und wie Pärchen aneinander schmiegen. Die Telegraphenstangen suseln wieder. Singen mit unsagbarer Traurigkeit, um so mehr, als man nicht weiß, warum. Es ist wohl die Traurigkeit der Einsamkeit, die Traurigkeit der Gegen­wart, die nicht in den Tönen liegt, sondern in der Brust des Wanderers, der sie hört.

Ich sehe noch immer Brunowsky vor der Puppenstube liegen. Sehe seinen struppigen Kopf vor mir, mit den glücklichen Augen, wie er auf dem Bauch liegt und die Zunge und die hageren dünnen Finger nach den kleinen, weichen, behaglichen Stühlcken ausstreckt .... Weih jetzt auch, was bei Brunowsky zwei Jahre her ist Kann aber das keinen Grund nennen, zu stehlen. Es gibt ja Taufende von Brunowskys, die schon länger als zwei Jahre in keiner Stube mehr waren und kein Heim mehr hatten.

Und doch liegt gerade darin die Ursache, daß der Landstreicher stiehlt. Auch andere Dinge als Vuppen- stuben. Besonders in Rußland, dem armen Rußland!

Die Balalaika.

„Antip, ßütnmel, wo steckst du bloß wieder!" Suchend blickte der dickte Dienstmann Iegor sich um, nahm die Mütze ab, holte aus der unergründlichen Tascke feiner Pluderhosen ein rotes buntgeblümtes Tuch, wischte da­mit über die nasse Stirn und überzählte sorgenvoll den Inhalt feiner Handkarre, vier riesige Koffer und sie­ben Stück Handgepäck, die er aus der Wohnung der Staatsrätin M. im vornehmsten Viertel Petersburgs nach dem weit entfernten finnischen Bahnhof schaffen sollte. An—tip!!" Ein alter müder Droschengc-ul zuckte erschrocken zusammen, einige Passanten sahen sich um. Der. dem aber dieser Ruf galt, stand in der nahen Hauptstraße vor einem Musikgeschäft, preßte die kleine Stupsnase an die große Schaufensterscheibe und sein Blick hing sehnsüchtig versunken an einer, von anderen Instrumenten halb verdeckten dreieckigen gelben Bala­laika, deren schlanker Hols mit sechs, zu Paaren geord neten blitzenden Stahlsaiten bespannt war Wehmütige Erinnerungen zogen durch den Kopf des Vierzehnjähri­gen. er sah das ferne heimatliche Dorf im wogenden Ka- wyll, dem hohen seidigen Gras der endlosen Steppe und in seinen Obren begannen die alten vertrauten schwermütigen Lieder zu summen, welche die Burschen und Mädchen an füllen Sommerabenden auf der Dorf- ftrafje fangen, in buntem Wechsel zwischen Vorsänger und Ehor. Einst, der Tag stand in feiner Erinnerung, als wäre es gestern gewesen, hatte der Sohn des Dorf­ältesten aus der Stadt, wo er'Gerichtsschreiber war, eine solche Balalaika mitgebracht und aus ihr alle wohlbe­kannten Melodien hervorgezaubert, in seltsam schwingen­den zitternden Tönen, die bald dem Schluchzen eines müden Kindes, bald dem Lächeln des Steppengrases im Abendwind glichen, unvermittelt zu aufreizendem Tempo übersprangen, wie peitschender Sturmwind dahinfegten, plötzlich mit klirrendem Laut abbrachen, als rilse eine Saite und leise zirpend verhallten. Staunend hatten die Dorfbewohner den Musikanten umstanden, behutsam das seltsame Instrument hin und her gewandt, wohl auch ins Schalloch geblickt, als suchten sie drinnen einen Ko­bold oder Zauberer, dann hatten sie sich im Tanz gedreht, daß die bunten Röcke flogen. Damals hatte die Sehn­sucht nach dem Besitz eines solchen Wunderinstrumentes

Der stumme Knabe.

Eine Kurz-Geschichke von Will Wirth.

Es war einmal ein Stummgeborener. Traurig und Erschlossen ging er durch seine Kinderzeit. Er konnte

nicht mit den anderen Kindern spielen, weil er sich Men nicht verständlich machen konnte. Wenn er etwas Ren wollte, wenn trockene, gurgelnde Kehllaute aus ihm hervorsprudelten, dann fingen seine Spielkameraden an hn lachen und zu kichern und meinten:

„Wir wissen schon, was du sagen willst."

Und unverstanden trabte der stumme Knabe beschämt °°n bannen.

„Armer Narr!", mitleibete man wohl teilnehmend hin- . ihm her. Sein scheues, verschlossenes Wesen, sein oft Rentümlidjes Benehmen legten die Dorfbewohner als torretei !5 und glaubten von ihm, er sei nicht ganz "chiig in Oberstübchen.

Da geschah es, daß in das Dorf eines Tages ein Mäd- Rn aus der Stadt auf Besuch kam, um dort die Ferien j*u erleben. Goldlöckchen umrahmten sein Rosengesicht 7"e® ivar wunderschön anzusehen. Die Dorfkinder freu- en uch, einen neuen Spielgefährten gefunden zu haben; nn bas Mädcken wußte viele Spiele.

-Bon Ferne stand der stumme Knabe und sah mit Nimervollein Herzen den Spielen seiner Altersgenossen ta” Noch nie war ihm sein Unglück so beschämend er- L/ienen. D, wenn er doch dem feinen Mädchen auch ein- oie Hand geben dürfte! Seine Blicke saugten sich

Ccr srischlebendigen Gestalt fest. Wenn er doch auch nmal mit dem Mädchen spielen dürste, wie die anderen T e'- ,^ur. ein einziges Mal wollte er dabei, wie aus

• en’ über das Goldhaar streichen, ganz sacht! Wie iW>. faij es aussah!

- ^h ihn das Stadtmädchen und rief:

„Warum spielst du nicht mü uns? Komm doch her!"

B’e Buben platzten heraus:

^>er mit uns spielen?! Das ist ja ein Narr!" g^"Ler, ftumme Knabe verstand jedes Wort genau. bas*?1-“16 ihm in die Wangen. Nun wußte auch Eck h e Biädchen, das er so verehrte, von seiner

"onde! Mit gurgelndem Schmerzensschrei rannte er,

wie von seinem Schicksal verfolgt, von bannen nach dem Walde hin. Nun waren wieder alle seine Träume zu­nichte!

Hatte das Stadtmädchen den flehenden Blick des stum­men Knaben verstanden, oder hatte fein Benehmen ihm gelehrt, daß er doch Verstand hatte?! Wie es nun auch fei— jedenfalls kehrte es den Kindern den Rücken.

„Idioten!", rief es ihnen über die Schulter zu.

Die Kinder staunten über das fremde Wort, das das feine Mädchen ihnen zugeworfen hatte.

Dieses ging erst langsam, bann schneller, und schließ­lich lief es aus Leibeskräften dem stummen Knaben nach. Am Waldrande holte es ihn ein.

„Komm her zu mir!", rief es fast atemlos den stum­men Knaben.

Scheu trat dieser auf es zu.

„Was ist mit Mr?", fragte es noch keuchend. Der Knabe öffnete den Mund, und krachende Kehllaute ver­rieten dem Mädchen die Stummheit des Knaben.

„Ach! Du kannst nicht sprechen?!"

Der Knabe nickte.

„Aber verstehen tust du mich doch ganz richtig?"

Wieder Kopfnicken.

Gottseidank war er nicht taubstumm!

„Kannst du ichreiben?"

Leuchtenden Auges mehrfaches Kopfnicken.

„Da können wir uns ja ganz gut unterhalten!", sagte das Mädchen. „Du mußt dann halt ausichreiben, was du mir sagen willst."

Aus dem Strumpf zog es ein winziges Notizblöck­chen mit einem ebenso kleinen Bleistift, wie es die Stadt­mädchen eben haben. Dies gab es dem Jungen.

„Hier hast du!"

Dann fetzten sie sich am Waldrand und begannen sich zu unterhalten über alles Mögliche, wie es Kinder tun. Sie sprachen von zuhause, das Mädchen von der Stadt, den vielen Autos, den Straßenbahnen, der Junge von Feld und Wald und von den Tieren. Mit großen, ein wenig steifen Zügen schrieb der Junge alles auf, was das Mädchen wissen wollte und auch sonst noch, was ihm ge­rade einfiel.

Das Mädchen frug: »

„Wie heißt du eigentlich?"

den Knaben gepackt, tagelang hatte er den Eltern :n den Ohren gelegen, ihn in die Stadt zu entlassen, bis der Mutter Widerstand gebrochen und der Vater einge­willigt, froh einen Esser loszuwerden, denn die Hütte war eng geworden und der kleine Acker trug magere Frucht. So war Antip mit dem elterlichen Segen da­vongewandert, durch mancherlei Schicksalsfügung aus einer Stadt in die andere verschlagen worden, bis er endlich nach Petersburg gekommen. Der gutmütige Je- gor hatte sich des ratlos am Bahnhof herumlungernden Knaben angenommen, gab ihm Herberge und Kost und als Gegenleistung half Antip dem Träger Koffer schlep­pen und Gepäckstücke bewachen. Gewissenhaft tat er seine Pflicht, nur wenn irgendwo die lockende Auslage eines Musikgeschäftes winkte, zog es ihn unwiderstehlich hin, er vergaß alles und die Folgen waren persönliche Unannehmlichkeiten, wie beispielsweise eben, als Antip durch einen schmerzhaften Kniff ins Ohr zur Wirklich­keit erwacht und sich schuldbewußt vor Jegors Karre spannte. Das tat aber seiner Sehnsucht keinen Abbruch. Einen Sommer und Winter schon lief der Knabe früh­morgens auf nackten Sohlen, einen Stoß Zeitungen im Arm, durch die füllen menschenleeren Straßen, huschte (auslos Treppen herauf und hinab und stopfte jeden verdienten Kopeken in den dicken Wollstrumpf unter sei­nem Strohsack. Und der Strumpf wurde dick und dik- ker, bis eines Tages der sehnlichst erwartete Augenblick gekommen war. Schüchtern betrat Antip das Geschält eines der wenigen, in welchem dieses völlig in Verges­senheit geratene russische Nationalinstrument noch vor­handen war und kaufte die Balalaika. Wie eine Kost­barkeit trug er sie heim und begann daraus zu klim­pern, zaghaft erst, dann immer mutiger. Den ganzen Sonntag übte der Knabe, vergaß darüber Elfen und Trinken, mühte sich die halbe Nacht und legte sich end­lich enttäuscht nieder, er hatte geglaubt, das Instrument mit Leichtigkeit meistern zu können. Aber schon am nächsten Abend hielt Antip die Balalaika wieder im Arm und übte weiter. Seinem natürlichen musikalischen Empfinden folgend, welches den meisten Russen in hohem Grade angeboren ist, überwand er nach und nach die Schwierigkeiten und konnte nach wenigen Monaten fast alle Volkslieder spielen. Zu jener Zeit waren in allen vornehmen Petersburger Lokalen Zigeunerkapellen die große Mode. Solotow, ein reicher Kaufmann, der die­ser schmachtenden Musik allmählich überdrüssig gewor­den, suchte nach einer Abwechslung, hörte eines Abends während einer Spazierfahrt an der Newa die vibrieren­den Klänge eines ihm unbekannten Instruments ließ hatten, ging dem Schall nach und fand einen jungen Bauernburfchen, dessen Spiel ihn so begeisterte, daß er Antip, kein andrer wars, in sein Haus nahm. Jahre

Weihnachtstted.

Nach Johannes T a u l e r, f 1361.

Es kommt ein Schiff, beladen Bis an den höchsten Bord, Es bringt den Sohn des Vaters, Bringt uns das wahre Wort.

Auf heimlich füllen Wegen Das Schifflein zu uns kam, Es bringt uns reichen Segen Und Gaben wundersam.

0 daß das Schifflein triebe Zu euch mit süßer Last!

Das Segel ist die Liebe, Der heil'ge Geist der Mast.

vergingen. Nun gab Solotow wieder eins feiner be­rühmten Feste, von denen man in der Stadt und weit darüber hinaus sich Wunderdinge erzählte. Als die Gäste, unter denen sich alles befand, was Namen, Rang und Würden trug, an der mit den seltensten Leckerbissen beladenen Tafel Platz genommen, ertönte aus einem Ne- densaal eine Musik, wie sie bisher noch keiner der An­wesenden gehört, hinreißend, fordernd, in jähem Wechsel zu schwermütigen Melodien übergehend, so eigenarng, echt russisch daß alle in ihren Bann geschlagen, atemlos lauschten. Auf einen Wink des Han-h-^n öffneten sich die Flügeltüren. Vierundzwanzig Künstler in weißen Russenhemden, schwarzen Pluderhosen und hohen Schaftstiefeln meisterten ihre dreieckigen Zuvfinstrumente, deren Klangfülle jedes Zigeunerorchester übertraf. In tounberbarem Vortrag wechselten russische Volkslieder mit klassischen Stücken. Tosender, nicht endenwollen- der Beifall bat um weitere Zugaben, lächelnd verneigte sich der Dirigent, Antiv der einstige Bauernbub. nahm sein alles abgegriffenes Instrument in den Arm und intonierte ein Lied, schwermütig wie die trostlose Oede der Steppe, bann roieber sauchzenb in schäumenber Wild­heit, als brause ein Tariarenheer über die Ebene Ein klirrender Laut, als risse eine Saite — wimmernd, schluchzend erzählte die Balalaika von verschmähter Liebe. Haß loderte auf. wieder ein Riß — heulende Wölfe rauschende Wälder, bas bimmelnde Glöckchen einer Troika, immer ferner, bis es leise verhallte — ein Sieb, wie es die Burschen und Mädel im Dorf fingen, wenn die Sonne glutrot hinter der endlosen Steppe ver­sinkt und der seidige Kawyll sich leise im Abenbwind wiegt. » W. v. Slot.

Amei und der Gaukler/ von Ruth Schaumann.

Dies ist Amei: vier I'hre geworden im Herbst jetzt ist es Dezember. „Dickes" nennt sie der riesige Vater, „Mops" die ältere Schwester, manchmal auch sagt sie ...Elefant". Amei ist rundlich, aber sie hat nicht das Fell des Elefanten, sie weint über ihre Namen, Tränen aber begießen den Spott wie eine Pflanze und er wächst wie ein Unkraut. Heute aber find keine Tränen im Reifen und der Spott ist ganz welk.

Dies ist Ameis Weg: eine lange Brücke über ein schmutziges großes Wasser, Nebel kommt aus dem Was­ser und macht die Türme zwischen den Uferhäusern noch größer und finsterer. Die eiserne Brücke dröhnt, viele gehen jetzt darüber, Amei hat Angst, die Brücke bricht daran entzwei, aber sie kommen ohne Unfall hinüber, der riesige Vater, die Mutter. Rasaele, die Tante, die Ku­sinen, bei denen man wohnt, die Schwester und Amei selbst. Ihnen entgegen kommt eine leise Musik und bas Bunte von kleinen Fahnen im Nebel, die darin tun wie hungrige Vögel. Arme Fähnchen! Eigentlich ist Amei müde. Die fremde Stad: ist so groß. Am Morgen war sie mit in dem alten Schloß, es war da ein Feld­bett und rundum rote Seile. Die großen Leute besahen Möbel und Wände, es waren sehr viele Zimmer und Säle. Das Bett aber war friedlich. Amei fing an zu träumen, aber eine große Aufseherfaust ergriff sie und nahm sie herab von dem Bett wie ein Händlern vom Sofa des Herrn. Das Sterbebett des hochseligen Kai­sers! Der Aufseher schimvste, der Vater schall, Amei meinte. Mops, sagte die Schwester.

„Hermann!", schrieb der Knabe, „und du?"

„Ich heiße Ilse!", antwortete darauf das Mädchen.

Wie um feinen größten Trumps auszuspielen schrieb Hermann auf den letzten Zettel:

„Willst du ein Vogelnest sehen?"

„D ja!", sprang das Mädchen auf.

„Zaunkönige!", kritzelte der Junge noch schnell. Dann stand auch er auf, verstaute die Zettel wie eine Kostbar­keit in seiner Hosentasche und bedeutete dem Mädchen ihm zu folgen.

Lautlos schritten sie über weichen Boden. Es ging immer am Waldrand entlang. Der Knabe beutete auf eine Schlehdornhecke in der Ferne und legte den Zeige­finger an die Lippen.

„Ja, ich bin ganz still und vorsichtig", wisperte das Mädchen.

Aengstlich vermieden sie jedes Geräusch. Jetzt waren sie nahe daran. Da nahm Hermann Ilses Hand und zog sie sacht an sich. Vorsichtig bog er ein paar Zweige auseinander, und mit klopfendem Herzen erblickten die Kinder ein Nest junger Zaunkönige. Nicht lange, so ka­men auch Vater und Mutier, um die noch nicht flüggen Jungen zu atzen. Mit angehaltenem Atem standen die Kinder lange Zeit fest aneinandergeschmiegt. Ilse wollte vor Entzücken aufjauchzen (noch nie hatte sie so etwas gesehen!); doch sie drückte nur Hermann heftig die Hand. Da ließ er vorsichtig die Zweige los, und le>se schlichen die Kinder wieder davon.

Als sie ein Stück gegangen waren, sagte Ilse zu dem stummen Knaben:

„Das war schön von dir, Hermann!"

Der Junge strahlte. Wie lieb sie zu ihm war, weil er ihr das Vogelnest gezeigt hatte! Es mußte ihr doch große Freude gemacht haben."

„Du! Wir wollen jetzt jeden Tag, solange ich noch hier bin, Zusammengehen, und du zeigst mir all das Schone, was es hier zu sehen gibt."

Hand in Hand gingen sie in das Dorf zurück. Nei­disch blickten die Dorfkinder auf den Narren, der ihnen nun vorgezogen wurde. Es mußte doch wohl ein Schimpf­wort gewesen sein, das ihnen das Stadtmädchen vorhin zugerufen hatte!

Die Musik wird lauter, die Fahnen werden großer, sie sind in der Nähe ganz luftig auf dem großen runden Gebäude. Dahinein gehn sie jetzt alle, es ist laut darin und doch so, baß Amei nichts zu fragen wagt, alles ift runb von unten nach oben, auch die Bänke sind rund, darauf man fitzt, sie sind aus rotem Samt, sieht und be­fählt Amei staunend. Mitten in all dem runden Glän­zenden ist eine Runde aus Sand. Und es riecht fremd und erregend. Ameis Augen werden selbst rund und ihre Nüstern heben sich, als wollten sie vorsichtig trinken. Viele Menschen sind da, überall, unten, über und neben Amei, viele Lichter, und es geht ein roßes Raunen um­her. Die Kusinen geben Amei einen silbernen Apfel, sie tun ihr bas Silber herab, sie stellen den schwarzen Apfel hart auf die Brüstung, er zerfällt ganz von allein in viele saubere Scheibchen, Amei mag nicht davon essen, Wunder rührt man nickt an. Schellen erklingen und es geschehen Wunder auf Wunder.

Pferde fliegen herein und Feen auf den Pferden. Sie küssen ihre Hände und roerfen die Küsse zwischen die Menschen, ein Kuß fällt Amei gerade in das Gesicht, ganz sacht kommt ihre kleine rote Zunge hervor und leckt zaghaft über die Lippen. Sie will auch auf fliegenden Pferden stehn und Küsse werfen, wenn fie groß ist — sie vergißt ganz die Namen, Ne man ihr gibt.

Purzelnde Männer sind nun drunten im Sand. Amei muß immerfort lachen, die Schwester und die Kusinen essen die schwarzen Scheibchen auf, Amei merkt es nichr.

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Tagtäglich sah man nun Ilse mit Hermann zusam­men. Oft machten sie Streifzäge durch den Wald, wo Hermann dem Stadtmädchen all die Geheimnisse offen­barte, die er früher auf seinen einsamen Wanderungen entdeckt hatte.

Er blähte sichtlich auf. Früher hatte er ein mürrisches und furchtsames Gesicht zur Schau getragen, das dem einer Katze glich, die lauernd und geduckt in einer Ecke des Hähnerhofes kauert in ständiger Furcht, (hr Feind, der Hahn, der gerade majestätisch über den Hof schreitet, könne sie bemerken und verjagen. Jetzt konnte man ihm seine Freude am Gesicht ablesen, wenn er Ilse kommen sah. Ausgelassen konnte er mit dem Mädchen tollen und sich mit ihm necken; nur mutete es oft eigenartig, ja beinahe unheimlich an, wenn Hermann für Ilses fröh­liches Lachen und Zwitschern nur ein Grinsen ober Schmunzeln hatte. Er trug jetzt stets ein Blöckchen und einen Bleistift bei sich, falls er Ilse etwas mitzuteilen hätte; doch die Beiden verstanden sich beinahe ohne Worte — so hatten sie sich aneinander gewöhnt.

Eines Tages gab der ftumme Knabe Jlfe einen Zet­tel. Lange schon trug er ihn in seiner Tasche. Am Abend seines ersten Zusammenseins mit Ilse hatte er ihn mit heißem Kopf geschrieben. Es war darauf in feinen, säuberlichen Buchstaben zu lesen:

„Ich habe dich lieb, Ilse, weil du so gut zu mir bist. Noch nie war jemand zu mir so gut, wie du. Ich möchte dir so gern dafür einen Kuß geben. Durf ich?"

Das Mädchen wollte laut auflachen, doch als es die Augen des Knaben gespannt auf sich gerichtet sah und seines Kummers gedachte, sprach sie ernst und langsam:

„Du darfst es."

Doch als er sie nun freudestrahlend umarmen wollte- wehrte sie ihn ab und sagte:

,Hatt! Noch nicht! Erst mußt du mir versprechen, wenn ich von hier fort bin, mir ab und zu einmal zu schreiben vom Walde, von den Tieren und so. Wenn du auch nicht sprechen kannst, so kannst du doch so schön auf dem Papier erzählen. Ich will bann auch ab und zu an biet) schreiben. Sag’, willst du?"

Freudig nickte der Knabe Bejahung/

Da stand das Mädchen auf, und in seligem Entzücken küßte Hermann, der einfache, narrische Dorfbub, das feine