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Af/LS

I I

Dezember.

Bon I. Endringer.

Die scheuen Tage röten sich kaum.

Blaß stiehlt sich das Licht am Wolkensaum &cs fernsten Himmelsrandes entlang.

Der Sturm ließ seinen zornigen Sang, »uende der Kamps, der Ergebung Hauch weht leise---Ergib dich auch,

du streitendes HerzI Denn in dem Schlaf der müdesten Nacht kam Gott und traf mit seinem Stern der Menschheit Gesicht — Unb in der heiligen Nacht ward Licht--

Das Gericht.

Von Stefan M u s i u s.

Der Dichter war gestorben. Man hatte zu Sebleiten bisweilen über ihn geschrieben. Hatte etliches *_ -um gelobt, etliches getadelt. Der eine oder andere jhm auch Unsterblichkeit prophezeit. Die meisten rften seinen Tod abgewartet, um sich mit ihm aus- -inanderzusetzen. Solange er lebte, hätte er sich wehren, Me widersprechen, widerrufen, Unerwartetes vollbrin- aen können. Das wäre unangenehm gewesen. Jetzt "war das nicht mehr möglich, er war tot, war Mate­rial geworden . . .

Jetzt mußte er sich richten lassen.

Zitternd, blaß, ein Schemen, erschien er vor Gericht. Wr feine Werke trug er unter dem Arm.

■ Die hohen Räte lächelten, als er die Bände vor sich p auf den Tisch legte. „Sie können sich die Mühe sparen", sagte der Vorsitzende. „Wir haben Ihre Werke sämtlich un Kopf. Neues können Sie uns nicht mehr bringen, denn Sie sind ja tot. Wir eröffnen nunmehr die De­batte, in die einzugreifen Ihnen streng verboten ist. Bedenken Sie, daß Sie ein toter Mann sind."

Der Dichter knickte vollends zusammen. Er war durch die Qualen des Todes so geschwächt, daß man ihm einen Stuhl anbieten mußte. Da saß er nun und wühlte aufgeregt in seinen Büchern, schlug dieses nach und blät­terte jenes auf.

„Zunächst erteile ich dem Advokatus Diaboli das Wort". erNärte der Varübende.

Ein Herr mit pergamentenem Gesicht und geknifse- nen Augen hinter scharfen Brillengläsern erhob sich

• „Me'me Herren," krähte er, „es ist nicht viel zu sagen. Ein Mann, über den man zu Lebzeiten nicht hat einig werden können, beweist daß er keinem Genüge getan hat. Der Rhythmus des modernen Lebens ist an diesem Dichter völlig vorübergegangen. Er hat sich nie in der Hauptstadt blicken lassen. Er ist nicht preisgekrönt Und die Clemente seines Schaffens — bemitleidenswert! Ein Schuß Romantik — heutzutage gänzlich unmodern —. daneben allerdings auch eine gewisse Lebensnähe, schön aber nicht die des — gestatten Sie, daß ich einen fran­zösischen Ausdruck gebrauche — des Connaisseurs. Ideen sodann — wir stehen ihnen mit Recht skeptisch ge­genüber nach der Ideeninflation vergangener Jahr­hunderte" Er hob seine Stimme. ..Ueberhaupt müssen wir den Dichterbegrisf völlig umgestalten. Exponent muß der Dichter sein, Exponent greifbarer Gruppie­rungen und Bestrebungen." Seine Stimme überschlug sich förmlich, „Ich vermisse den Charakter als Exponent und plädiere daher für den Abgrund der Vergessenheit."

Entsetzt blickte der Dichter den Sprecher an. Hist Himmel, er hatte verabsäumt, sich unter ein Programm zu stellen! Er hatte sich der Führung seines treuen Her­zens überlasten. Er hatte nicht einmal einem Verein angehört! Darum auch — nun erst fiel es ihm auf — war er nie preisgekrönt worden! Für ein treues Herz allein läßt sich keine Propaganda machen.----

"D e r Verteidiger!" fagte der Vorsitzende kurz.

Ein jovialer rundlicher Herr erhob sich, verbeugte sich nach allen Seiten und erklärte: „So sehr ich den Stand­punkt des Herrn Vorredners zu würdigen weiß. — ich W dieses Dichterleben von einem anderen Gesichts­punkt an Zugegeben, daß der Tote in unserer Zeit seh' am Platze war. Aber, meine Herren, warum denn das tragisch nehmen? Im Gegenteil! Die Reoistratur der geistigen Werte wäre entschieden unvollkommen, wenn wir nicht eine Art Appendix hätten, in dem d'e - lein Mund stülpte sich genießerisch vor — „die Au- WRiter die Registraturunfähigen, die enfants terribles des Archivs, die Unika, ihren Platz hätten " Er holte

ein wenig Atem, sah sich lächelnd um und witzelte: „Ein Hors d' veuvres, meine Herren, gehört nun mal zu ei­nem Menu. Verschmähen Sie es nicht, das sagt Ihnen einer, der sich auf kulinarische Genüsse versteht."

Ein Lachen durchzitterte den Raum. Groß standen alle Münder offen, einige schnalzten mit der Zunge, andere spitzten die Lippen, als schlürften sie süßen Wein. Nur einer stand entsetzt da, bleich, geisterhaft — der Dichter. Er hatte sich von einem Stuhl erhoben, stützte sich schwer auf seine Werke, die vor ihm lagen, und blickte im Kreise umher,

„Meine Herren", flüsterte er heiser, „meine Herren" Aber niemand hörte ihn, sein Flüstern ging in der allgemeinen Heiterkeit unter.

Da schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Bü­cherhaufen stürzten durcheinander, einige Bände fielen.

Augenblicklich herrschte Stille.

„Was wollen Sie?" schrie da der Vorsitzende. „Ihnen ist hier kein Wort gestattet. Sie haben zu schwei­gen und zu hören. Im Leben haben Sie Zeit genug ge­habt, zu wirken. Jetzt ist für Sie der Augenblick da, wo niemand mehr wirken kann."

„Gestatten Sie, das i st nicht richtig", bemerkte der Dichter.

„Nicht richtig? Weshalb?"

Die Stimme des Dichters bebte: „Was ich schuf ist nickt Stein der zerfällt. Ist nicht Stahl, der rostet Ist nicht Technik, die überholt wird. Ist nickt Entdeckung, die bekannt wird. Wc.s ich schuf, ist Geist der nicht stirbt. Ist Gedanke, der immer neu wird. Ist Gestalt, die immer wieder aufersteht. Ist Gefühl, das im Herzen lebt. Ist Sehnsucht die ins Unendliche greift . . ."

In seiner Brust arbeitete es gewaltig.

„Und daher, meine Herren, weil nienmanb von Ih­nen die Gewalt des Gedanken, die Kraft der Sehnsucht und das Walten des Geistes abschätzen kann, weil nie­mand weiß, wann und wie dies alles einmal lebendig wird, deshalb widerspreche ich jeglichem Gericht."

Seine Gestalt wuchs und wuchs. Groß stand sie jetzt über dem Tiick. über allen, die daran faßen. Mit einer gewaltigen Geste feines Armes schob er die Mauern des Saales beiseite, so daß man wie durch Fenster ins Weite blickte.

„Schauen Sie hinaus! Dort sehen Sie Unzählige — im Lampenschein an Familientischen, im Eisenbahn­

coupe, in Wäldern und an Landstraßen, an Wasiern. ja im Flugzeug in den Lüften — sie lesen meine Werke, begeistern sich an meinen Ideen, wärmen sich an meinem Feuer und gehen die Wege, die ich ihnen wies. Seien es jetzt Lebende, seien es künftige Geschlechter — ich weiß es nicht auch kümmert es mich nicht. Braucht es da ei­nes Gerichts? Einer Registratur, die säuberlich mein Soll und Haben bucht? Warum drängen Sie sich tu- tomatenhaft in den Strom meines Wirkens ein? Lassen Sie den Strom gewähren!"

Seine Stimme wurde leiser. Er beugte sich zu ihnen herab.' ,Und wenn Sie ein Übriges tun wollen, bann iuchen Sie die Goldkörnlein in meinen Werken aus, und gehen Sie damit an die Straßen, demütig, vorsichtig, als wenn Sie einen Sckatz in den Händen trügen. Und seien ehrfürchtig — ehrfürchtig vor einer Kraft, die Ihnen nicht gegeben ist, und die doch das Höchste darstellt das dem Menschen beschieden lein kann, der Kraft des Schöp­fertums, Ihr Amt fei priesterlich. Hüter des Heiligsten seien Sie! Ein Priester redet zart, selbst noch von seines Gottes Unzulänglichkeit."

Die Herren des Gerichts sahen gedankenvoll in den unermeßlichen Horizont, der sich vor ihnen auftat Nicht von dem Dichter, dessen Gestalt länqft in dem he^en Tageslicht, das durch die gläsernen Wände strömte, zer­flossen war, schienen die Worte zu kommen Sie kamen aus jener ungeheuren Weite. Sie kamen von Feld und Fluß, sie tarnen aus dem Waldesrauschen und von den Berggipfeln, von murmelnden Quellen und grünbeweg­ten Saaten. Und sie kamen von Tausenden von Men­schen, deren Herzen durch selsame Fäden mit all diesem verbunden waren, — Fäden, die sie in Händen hielten und zu entwirren versuchten. — vergeblich, bis eine schattenhafte feine und endlich schöne Hand kam und ihnen half.

Noch einmal erklang die geheimnisvolle Stimme. Sie sprach mit den Worten Fichtes: „Es steckt etwas hin­ter dieser Welt, das wir erst begreifen, wenn wir zer­brechen." Und setzte hinzu: „— und das wir erahnen, wenn wir dichten."

Und da spürten die Herren, daß auch zu chren Her­zen wunderbare Fäden liefen und daß auch ihnen eine seine schattenhafte Hand half, sie zu entwirren.

Und in die unendliche Stille dieses Mysteriums wagte sich kein Wort . . .

halb — hielt es Fräulein Petermann nicht mehr aus. Sie ergriff den langen Spinnbefen und klopfte gegen die Decke. Einmal,- zweimal, dreimal!

Das Maschinentreten hörte sofort auf. Leise Füße schlichen über die Dielen, eine Tür klappte ganz schwach, bann war es still.

„So, nun geht sie endlich zu Bett!" stellte Fräulein Petermann fest, „so was ist ja noch nicht dagewesen!"

Und jetzt, nachdem sie auch die Näherin in den Fe­dern wußte, schlief sie tief und fest.

Fräulein Petermann hatte ihr undurchdringlickltes Gesicht aufgesetzt, als sie am nächsten Margen die Treppe emporstieg und an die Tür der Frau Mark klopfte Eine blasse, sehr schmale, sehr gebeugte Frau öffnete. Als sie das Fräulein erkannte, nahm ihr müdes Gesicht einen ängstlichen Ausdruck an.

„Fräulein Petermann, nicht wahr? Sie kommen sicher, sich zu beschweren. Sie müssen entschuldigen, ich habe nicht gewußt, daß Sie Besuch hatten!"

Fräulein Petermann setzte sich auf den angebotenen Stuhl und sagte: ,Zch hatte durchaus keinen Besuck!"

Das Gesicht der Frau drückte Ratlosigkeit aus „Ja, aber dann--» weiß ich wirklich nicht---Der

Hauswirt hat mir doch versichert, daß Sie über dem Fremdenzimmer nicht das Geringste hören könnten'"

„Kann ich auch nicht! Warum ich geklopft habe? Weil ich es nicht mehr aushalten konnte, daß Sie lo lange arbeiten, daß Sie sich ruinieren, jawohl, rui­nieren!"

Frau Marks ausdruckslose Augen hatten sick zu einem ehrlichen Staunen geweitet Ja, war das denn überhaupt möglich? Jemand hatte Sorge, daß man sich übernahm, sich zuviel zumutete? Die Frau im Er­werbsleben, die Frau, die immer und überall auf sich allein angewiesen ist, wird mißtrauisch gegen alles, felbft gegen Güte Fräulein Petermann sah Unglauben und Verwunderung im Gesicht der anderen.

Sie lächelte. „Ja, Frau Mark, so ist das: man lebt fein stilles Leben, Tag für Tag. und es hat keinen In­halt und keinen Zweck, einzig den, daß man lebt. Und Sie wohnen da über mir und schaffen und arbeiten sich zu Tode. Wofür? Wofür?"

Frau Marks Gesicht verklärte sich wunderlich. „Wo­für? Ich habe zwei Kinder, Fräulein Petermann, denen es nicht an allem fehlen soll, die ihr Essen und ihre Bekleidung haben müssen und — dazu auch noch etwas vom Ehristkind. Es ist doch bald Weihnachten — —"

Es ist doch bald Weihnachten! Fräulein Petermann wußte nie etwas Besonderes aus Weihnachten zu ma­chen. Daß es Winter geworden, hatet man mit leisen Unbehagen festgestellt. Aber dann war eines Tages die Heizung im Keller an gefacht worden, und seitdem spürte man nichts mehr von Kälte. Frau Mark aber mußte jeden Tag in den Keller steigen und sich den Brand nach oben holen. Eine mühsame Arbeit war das. Auch mußte man sehr sparen damit.

Fräulein Petermann ließ sich das Hinterzimmer lei­gen, das über ihrem Fremdenzimmer lag. Es war kle>n, feucht und nicht heizbar. Und dahinein setzte sich die Frau, um unten nicht zu stören!

„Ich will Ihnen etwas sagen", raffte sich das alte Fräulein auf. „Mein Fremdenzimmer ist immer behag­lich warm und immer unbewohnt; wer sollte mich wohl mal besuchen! Nähen Sie bei mir! Und die Kinder können manchmal bei mir sein. Ich glaube, ich kann noch Märchen und Geschichten erzählen."

Frau Mark konnte es zuerst nicht glauben. Dreimal wiederholte das alte Fräulein ihr Anerbieten, ehe sie nach vielem Zureden annahm.

Nun war Fräulein Petermanns Wohnung nicht mehr so still und tot. Nach der Schule tollten die zwei Mark'.

Advents-Mahnung.

Heut in Hütten und Palästen, heut, bei frohen, hellen Festen denkt der Armen! —

Denn auch ihnen ward Erbarmen in dem erogen Gott geboren.. Seht, daß sie nicht angftoerloren, an dem Tag, der unferm Leben höchster Gnade Heil gegeben, traurig bleiben! — Und erkennt fo den Sinn des Gottgewollten — im Adveni.

H. Migeod.

3m vierten Stock und darüber.

Eine weihnachtlich endende Geschichte.

Fräulein Petermann bewohnte in einem Mietbarste die höchste Etage, das heißt, es gab noch eine darüber, aber die zählte nicht mehr mit, denn bei ihrer Wohnung waren der Personenaufzug und die Heizung zuende. Eigentlich waren die Mansarden über ihrer Wohnung als Hausmädchenzimmer gedacht, erst zur Zeit der Woh­nungsknappheit waren sie in Notwohnungen umgeän­dert worden. Fräulein Petermann wußte von den darüberliegenden Räumen nicht viel. Bisweilen begeg­nete ihr auf der Treppe dieses oder jenes blasse, un­wesentliche Gesicht; sie hatte sich nicht weiter darum ge­kümmert. Nun aber dachte sie ernstlich daran, sich mit den Mietern über ihrer Wohnung einmal zu beschäftigen, mehr noch, als sie am ersten Dezember ihre Miete auf öen empfangbereiten Tisch des Hauswirts legte, beklagte sie sich über den neuerlichen Lärm über ihrer Wohnung. Von morgens bis abends Getrappel und Herumlaufen, und dann finge Nähmafchinengeraffel an und dauere fort bis in die halbe Nacht. Das alte Fräulein gab zu, daß das einzig Tröstende der Umstand fei, daß die fo lärmend bewohnten Zimmer über ihrer Küche und ihrem Fremdenzimmer lägen; wären sie über dem Wohn- und dem Schlafzimmer, nicht auszudenken---

Der Hauswirt verstand die Klage der geschätzten Mie­terin. Fräulein Petermann, seit Jahren ganz allein- stehend, liebte Stille und Beschaulichkeit. Ihrem Sehens» gleichmaß mußte der lebendige, pochende Pulsschlag der Arbeit und der Sorge um Verdienst ihrer Wohnung Ab­bruch tun.

„Ja, Fräulein Petermann, da verstehe ich Sie voll­kommen", meinte er ein wenig ratlos, „aber was kann man machen? Die Mieterin über Ihnen, die Witwe Mark, ist stellenlos geworden. Sie hat jahrelang in einem Wäschegeschäft genäht und ihre Kinder sind tags­

über in ein Heimgetan. Das Geschäft ist eingegangen, und seitdem arbeitet die Frau wie toll für laufende Kundschaft und eine Wäschefabrik, um sich und die Kin­der zu ernähren." Er schaute zu Boden. „Aber na­türlich will ich es ihr sagen. Vielleicht kann sie sich in acht nehmen."

Fräulein Petermann hatte ebenfalls den Blick nieder­geschlagen, etwas von Bedauern gemurmelt und leise gemeint, wenn die Frau arbeiten müsse---

„Ich will es ihr ruhig einmal sagen. Sie ist eine nette Frau, sie wird das verstehen und nach Möglichkeit still fein!" schloß der Hauswirt und geleitete Fräulein Petermann höflich zur Tür.

In her Folge ertappte sich das alte Fräulein dabei, daß sie ihr Wohnzimmer häufig verließ und in die Küche hinüberging, dem Lärm zu lauschen. Aber der Lärm hatte sich nach dem Fremdenzimmer verzogen Vermutlich hatet der Hauswirt erklärt, daß das Frem­denzimmer das am wenigsten benutzte Zimmer in ihrer Wohnung fei. Heber dem Fremdenzimmer also rasselte die Maschine bis spät in die Nacht hinein. Ach, wie spät----Es war ja ganz und gar lächerlich,

aber das alte Fräulein konnte nicht mehr ruhig schlafen. Nicht, daß auch nur ein Laut von der Tätigkeit der Maschine in die Stille ihres Schlafzimmers gedrungen wäre, aber Fräulein Petermann ertrug den Gedanken nicht, daß da oben eine junge Frau saß und chre Ge­sundheit ruinierte. Jawohl, ruinierte! In ihrem spaßigen Morgenrock aus dunkelbuntem Flanell schlich sie manche Nacht durch Wohnzimmer und Küche bis ins hinterste Zimmer. Richtig, diese schreckliche Maschine raffelte noch. Ob die Frau denn gar nicht wußte was sie tat? So nächtelang arbeiten, das war ja Selbst­mord! Und in einer Nacht — die Uhr zeigte zweiein-

Ikr 283.

Beilage zur Fuldaer Zeitung

■■ . ■■ ■• ..... . .....-

Der Futzball.

Von Lotte Tiedemann.

m- ?a lag er nun. Sag im verstaubten Fach eines alten unh Crre®a*5 *n der Amtsstube des Polizeireviers Nr. 7 nf*. O?rtete' ob einer käme, ihn einzulöfen. Und dieser traf»S“.9enuÖte Ball zog ebenso weitgehende Kreise, als .l*1 öderes „Corpus delicti!" irgend eines anderen Sinrn Folgendes war geschehen: In einer stillen ein-m hotte ein geschickter Fußballspieler aus h-n s?chu>arni von Gymnasiasten und Volksschülern in h; ein offenes Fenster im ersten Stock mitten feil unantastbare Ordnung einer Witwenstube geroor« et nicht unabsichtlich, denn die dort wohnende alte Bort» u die Spielenden durch Drohungen und Schelt- Snnn Mehrfach gereizt. Ohne den von den Jungen mit Srnuu® ^warteten zornigen Redeschwall war die alte auf h er nun' wit dem Ball unterm Arm, schnurstracks fehrpnh5 I,af,e Polizeirevier gelaufen und hatte, heim- mif nut. den noch schwatzend umherstehenden Schülern minhor1nU®tit.Bn9 versichert, daß die Einlösung des Balles la» r® fünf Mark kosten würde. Nach ihren Worten dann i„ x otemlvfe Stille über der Knadenschar, bie sich ternew. der von Mund zu Mund verhaltenen Tones wei- löfte ffnxr2 Frage: „Wem? Wem ist denn der Ball?" ttnb «in »r • h^ß es: „Dem da, dem, dem Heyermann!" ' tojtfpin,, ..ewes. schmächtiges Kerlchen war plötzlich der Sehrp<£>„ Wit Zitternder Unterlippe und in tödlichem

aber er”' erklärte er: „Ich hab den Ball mitgebracht, Freimh -1 nicht mir, ich hab ihn gepumpt bei mei’m bann muß ihn wieder haben, ich muß . . ." und fünf 'sm “3 einer Pause, verzweifelt: „Ich hab’ aber die betroffen ®*e besser gekleideten Schüler sahen

fletfenh? sunif ,im vertragenen, ;>iel zu großen Anzug eine !lnil und fühlten sich unbehaglich. t>er

p(öbi;J, r ondere schlich sich unbemerkt weg, zwei hatten sie fi* „a vlerstunbe. Mehr und mehr verkrümelten Noch m l , schließlich stand der kleine Heyermann nur beiden Gymnasiasten auf der Straße. Don den brach! n®*6 einer: „Warum hast du den Ball rnitge- der nut n,n er dir nicht gehört, du Simpel!" — „Weil", spiele latioi» errötete tief, „west fe mich sonst nich mit- i auch s;'' m ~ „Wer?" fragten die beiden. „Ei, alle, sechse,»»» > sschüler nid)!" Die beiden Gymnasiasten jlkb Kleinod"- Bück, bann sagte der eine: „Na, tröste führ rZ 7 ®,r sammeln das Geld, wir waren unge« PoU ein;« 6°er 9*6t fünfzig Pfennig und du lost den

Der Kleine verharrte in feiner verzweifelten Starr­heit: „Des tut feener, teener tut des!" murmelte er nur. — „Ja, ich muß jefet an meine Algebra, tschüs!" und damit nahm der Größere der beiden feine Mappe unter den Arm und entfernte sich. Nun blieb Wolfgang Wink­ler allein mit dem kleinen Heyermann, der immer noch am selben Fleck stand. Seife rührte ihn der andere an: „Du, wenn der Ball doch deinem Freund gehört, erklärst du einfach ..." — „Is kei Freund," unterbrach ihn der Kleine mit müder Kinderst'mme, wohnt bloß bei uns im Haus, der, der schlägt mich tot, wenn ich den Ball bis Sonntag nich hab'!"

Wolfgang überlegte. Er sah sich um. Das war mal wieder echt, daß er hier allein mit dem Kleinen stand, und die anderen alle verschwunden waren. Warum eigentlich? Rein aus Zufall hatte er sich an dem ver­wünschten Spiel beteiligt. Der lange Wagner, der den Ball ins Fenster geworfen hatte, war natürlidi als er­ster entwischt. Ader die kleine, verzweifelte Gestalt mit der grauen Gesichtsfarbe, dem Ausdruck der Augen, aus dem Elend und Hunger der Vorfahren beredt sprach, war zu kläglich, um sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Er kannte den Jungen gar nicht, wußte nichts von ihm. „Sag mal, Kleiner, kannst du denn rocht deinen Vater um die fünf Mark bitten?" fragte Winkler und fühlte während des Sprechens das Ausstücktende, Törichte sei­ner Frage. Heyermann sah auf. Erstaunt, bann mitlei­dig lächelnd wie ein alter Mann sagte er langsam: „Nee, mir ham kei Geld!" Und nack einer Weile, ohne jede Bitterkeit: „Mir Ham doch nie Geld!"

Wolfgang überlief eine Gänsehaut. „Armer Teufel!" dachte er. Als dem Sohn wohlhabender Eltern griff ihm diese, als. selbstverständliches Sos empfundene Armut ans Herz. „Erwarte mich morgen um 12 Uhr 30 an der Schule, ich gebe dir die fünf Mark!" fagte er warm. Da lächele Heyermann zum ersten Mal ein wenig, und kleine, braune Zähne wurden sichtbar, die kreuz und quer in seinem Munde wuch'en. „Also, morgen bestimmt!" versicherte Wolfgang noch einmal und ging schnell nach Hause Er fühlte, ohne'sich umzuschauen, daß der Kleine ihm noch nachsah. Erft als er in die Nebenstraße ein­bog atmete er erleichtert auf. Einige Minuten gegangen, ergriff ihn das Empfinden eines peinlich fühlbaren Ver­lustes und diesem nachspürend, fielen ihm die fünf Mark ein, die er sozusagen schon fortgegeben hatte. F ü n f Mark, fein ganzes Wochengeld! Und wofür! Was ging ihn dieser Heyermann überhaupt an? Da sah er das verängstigte Kerlchen mit dem alten Gesicht wieder

vor sich,---ja, aber dem konnte es doch gleich sein,

wer das Geld gab. Er beschloß, morgen mit den andern ZU sprechen. Heute war Donnerstag, also wenn bis Samstag das Geld gesammelt war, kam ja alles in Ord­nung. Jedenfalls wollte er doch versuchen, sich der über­flüssigen Zahlung zu entledigen.

Am nächsten Morgen zeigte es sich, daß die Schüler, zum Teil unauffindbar, zum Teil nur mühsam zusam- mengetrommelt, alle mehr ober minber von einer Samm­lung nichts wissen wollten. Keiner hatte ursprünglich ben Kleinen gedrängt und ben Ball erbeten, der eigent­liche Täter nur aus ber allgemeinen Stimmung gehan- belt, feiner sah sich zur Hilfeleistung verpflichtet, unb ohne bies klar aus.rusprechen, verlor sich bie mühsam zu- sammengebrachte Schar merfroürbig scknell roieber im Getümmel bes Schulhofes. Wo'fgang Winkler ärgerte sich: So eine gemeine Banbe! Wegen 50 Pfennig! Da war er benn doch anbers! Aber fünf Mark! Für eine Sache, bie Ihn gar nichts anging! Er arbeitete sich in eine grimmige Wut. Den ganzen Unterricht über mat er zerstreut, von gehässigen Empfinbungen erfüllt. Unb als nach Sch'uß ber kleine Heyermann blaß unb schäbig vor ber Schule ftanb, erregte er mit bem roartenben Blick aus bem grauen, alten Gesicht statt Mitleib ein gereiztes, peinl'ches Gefühl in Winkler. Der gut getleibete Gym­nasiast trat auf ben Kleinen zu unb sagte ziemlich oben­hin: „Morgen kriegst bu bein Geld, heute habe ich nichts bei mir, morgen, morgen, verstehst bu?"

Des Knaben matter Blick verlor bie leise Snannung bes Wartens unb Hoffens, würbe roieber ganz mübe. unb ber Munb mit ber zitternden Unterlippe fagte. schon nicht mehr zu Winkler: „Des raufst ich. des muht ich!" Sann wandte ber Knabe sich um unb trottelte auf feinen schief getretenen Stiefeln nach Hause.

Wo'fgang zuckte bie Achseln unb ging schnell unb Gottseibank in anberer Richtung heimwärts. Das Blut schaß ihm plötzlich brennenb ins Gefickt. Pfui, wie batte er sich benommen! Unb trotz bem Einspruch, baß es boch bis morgen Zeit habe m-t den fünf Mark, konnte er bas Gefühl unrettbarer Versäumnis nicht los werben. „Des mußt ich. bes mußt ich!" Diese drei Worte quälten ihn. Hätte er boch! Aber bas war setzt sinnlos! Asio bestimmt morgen! Unb ber mit Schularbeiten unb Sport über­lastete Nachmittag ließ ihn ben unerquicklichen Einbrucf vergessen. Am nächsten Tag steckte er die fünf Mark sorg­lich ein. Es war ihm freier unb leichter zu Sinn, unb als bie Schule zu Enbe mar, suchte er mit ben Augen schon das elenbe Bübchen mit einem Empfinden, das an

Liebe grenzte. Ader bas Kind war nirgends zu sehen. Wolfgang wartete und spähte straßauf, straßab, doch ver­gebens. Nur buntbemützte Gymnasiasten bevölkerten die Straße. „Aha, also feitber gestrigen Erfahrung glaubte ber Junge nicht mehr an bie Gelbgabe! Na, bann eben nicht. Hol ihn ber Teufel!" bachte Winkler unb wollte mit ben fünf Mark in ber Tasche nach Hause gehen. Aber morgen mar Samstag! Unb der Knabe war allzu ver­zweifelt gewesen! Seine Abresse wußte Winkler nicht. Es mar doch besser, er ging eben auf bas Polizeirevier unb erfunbigte sich, ob der Ball eingelöst fei, anständiger war es; vielleicht hatte er Glück!

Und schnell entschlossen lief er zum Revier, da es schon zehn Minuten vor 1 Uhr mar. Angekommen, stolperte er die Treppe hinauf, Zimmer 5, Wachtstube. Er klopfte. Auf ein „Herein" von drinnen trat er ein. Drei Polizisten, zroei am Tisch, einer am Telephon: „Ja, ja, am besten fragen Sie nach der Adresse. . ." Wolfgang Winkler ftanb unb roartete. Es roch stark nach Briketts, bie wohl in bem kleinen Eifenofen schlecht brannten, er sah sich um unb bemerkte bicht beim Ofen ben kleinen Heyermann, blässer noch als sonst, mit zitternben ©lie­bem. Das Telephongespräch mar beendet unb ber Wacht­meister trat vor und fragte gutmütig: „Na, wollt Ihr benn." Der kleine Heyermann nestelte an feinem bün- nen Jäckchen unb hörbar klirrten einige Markstücke auf ben Boben, nach benen sich ber Knabe hastig bückte, wäh­rend er murmelte: „Der Fußball, ei, für ben Fußball, ben Fußball!", um verzweifelt ungeschickt bas Gelb zu­sammenzusuchen. Die brei Polizisten lachten. „Ja, ihr oerbammten Bengels, eigentlich sollt' es ja Straf’foften, ober biesmal lassen wir's euch noch burckgeben, wenn ihr in Zukunft aufpaßt!" meinte ber dicke Wachtme'ster unb holte gemächlich t'en alten Lederball aus Je nem staubigen Fach.' Wolfgang Winkler [ah. wie Heyermann iotenblafo wurde, merkwürdig erstarrt ben bicken Ball nahm und grußlos bie Stube verließ.

Wolfgang sah auf ber Straß- ben Kleinen eilig vor sich hertrotteln. Er holte ihn 6alb ein. „Du. Kleiner, ick habe bir bie fünf Mark geben wollen!" Der Junge sah gerabeaus unb schwieg. Wolfgang hielt ihm bas Gelb in ber offenen Hanb hin: „Hier, ba siehst bu’s, bestimmt!" Der Kleine roanbte nicht einmal den Kopf. „So ant­worte mir boch, zum Donnerwetter!" schrie Wolfgang unb riß ben Knaben herum. Da traf ihn ein trostloser Blick aus ben blauumränberten Augen unb zugleich ließen bie Hänbe ben Ball fallen weil ein heftiges Schluchzen p'ätz'ich ben sch"'"ch'gen Körper bes Kleinen