Dienstag, 2. Dezember 1930.
57. Mrs.
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FuldaerZertung
M Anzeiger für die Skadk Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.
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U™ Antrag stimmten wie schon kurz ge- wurde, in der Freitagssitzung des Haus-
»ieVeschlüffe desReichskabinetts ifammenfaffung zu einer Notverordnung. — Die Krankenschein- gebühr fällt für alle Erwerbslosen und Invalidenrentner.
Haltsausschusses die Kommunisten und die Nationalsozialisten, beide unbekümmert um die finanzielle Tragweite eines solchen Beschlusses. Nach einer in der Sitzung selbst vorgetragenen amtlichen Berechnung würde diese weitere Beihilfe mnd 350 Millionen Rm. beanspruchen, für die kein Pfennig Deckung vorhanden ist.
Die kommunistischen Demonstrationsanträge sind zu bekannt, als daß sie noch ernst genommen würden. Ein gleiches kann auch von der Hilfsstellung gesagt werden, die die Nationalsozialisten nicht zum ersten Male der Kommunistischen Partei gewährten. Gerade die Nationalsozialisten haben oft genug gezeigt, daß sie, wenn sie selbst am Ruder sitzen (siehe Thüringen) nicht daran denken, zu gleichen oder ähnlichen Maßnahmen zu schreiten.
Wenn die Nationalsozialisten gut Deckung eine schärfere Heranziehung der Gewinne aus Börsengeschäften beantragen, dann klingt diese Forderung gerade aus ihrem Munde wie ein ü b l e r S ch e r z. Daß aus „Börsengeschäften" schon fest geraumer Zeit keine Gewinne M erzielen sind, nicht Meßt durch die glorreichen Wirkungen nationalsozialistischer Demagogie, dürfte auch den Antragstellern dieser Partei im Haushaltsausschutz bekannt sein.
Sfäbfe unter Vormundschaft.
Keine Selbstverwaltung, weil keine Selbstverant- wvrlung.
Von einer kommunalpolitischen, zugleich im Wirtschaftsleben stehenden Seite wird uns geschrieben:
Mr erleben zur Stunde ein niederdrückendes Schauspiel: eine ganze Reihe deutscher Städte, die Reichshauptstadt voran, haben sich unter Vormundschaft begeben müssen, weil die Stadtparlamente den Mut zur Selbstverantwortung nicht ausgebracht haben. Nachdem die berufenen Vertreter der Selbstverwaltung versagt haben, muß nun ein Beamtenvörmund bestelst werden, der auf Grund des allgemeinen Landrechts vom Staate bestellt wird und die Aufgabe hat, die durch Mrdikalisierung oder durch Mangel an Verantwortungsgefühl arbeitsunfähig gemachten Stadtverwaltungen durch diktatorische Maßnahmen zu zwingen, ihren Pflichten nachzukommen. So haben sich unter solcher Zwangsvormundschaft neben Berlin auch schon andere sehr bedeutende Städte wie Frankfurt a. M., Magdeburg, Breslau, Nürnberg, Stettin — um nur einige zu nennen — begeben müssen, und schon mangelt es an Staatskommissaren, denen der Bollzug der Staatsaufsicht obliegt.
Selb st Verwaltung war zu alten Zeiten das höchste Prinzip, aber auch der h ö ch st e S t o l z der Kommunen. Daß sich in diesem Augenblick soviele Städte dieses vornehmsten Rechtes, das eine Ehrung der Bürger bedeutet, begeben, hat gewiß seinen Grund zu einem guten Teil in der gerade die Städte und Gemeinden bedrängenden Wirtschaftsnot, die Hauptursache aberliegt doch darin, daß viele Gemeindeverwaltungen sich einfach scheuen, die Verantwortung für die Folgen einer bis dahin getriebenen und übertriebenen Finanzwirtschaft zu übernehmen. Viele Gemeinden haben nicht nur von der Hand in den Mund gelebt, nicht nur das sofort wieder aufgezehrt und verwendet, was sie an Einkünften hatten, sondern sie lebten über ihre Verhältnisse, unbekümmert darum, ob für die Ausgaben auch die Deckung vorhanden sei. Jetzt rächen sich die vielfach geradezu unsinnigen Ausgaben mancher Gemeindeverwaltungen, dis auf Bauten, Stadien und dergleichen verwandt worden find. Nachdem nun durch die Zuspitzung der wirtschaftlichen Notverhältnisse die Gemeinden auch von Seiten der sozialen Notwendigkeiten hart bedrängt wurden, mußte sich allmählich eine unhaltbare Lage herausbilden, der man nur mit außerordentlichen Mitteln hätte beikommen können. Die für die Beschaffung dieser Mittel gegebenen Maßnahmen wurden aber vielfach vom Radikalismus rechts und links sabotiert, oder aber die Parteien hatten nicht den Mut zu Berantwortung und es erschien ihnen besser und ihrem eigenen Parteiinteresse dienlicher, wenn sie nicht selbst diese Zwangsmittel zu verantworten brauchen, sondern wenn sie sich solche Maßnahmen von außen her aufzwingen ließen!
Das ist ja das charakteristische Zeichen unserer Zeit: Scheu vor der Verantwortung. Wir sehen diesen Zug nicht nur durch die gemeindliche, sondern auch durch die Reichsverwaltung hindurchgehen, und wie es nun jetzt den Gemeinden gegenüber geschah, so wird, wenn die Parteien den Mut zur Verantwortung nicht aufbringen, eine entschlossene Reichssührung s e l b st handelnd eingreifen müssen.
Zwangsemführung der Bürgersteuer in Köln und anderen rheinischen Städten.
Aus Köln wftd gemeldet: Der Regierungspräsident hat mit Anordnung vom 29. November 1930 die Bürgersteuer in den Städten Köln, Ber- gisch-Eladbach, Bergneustadt undDuis- bürg, die Gemeindebiersteuer in Bergisch - Gladbach und die Gemeindegetränkesteuer in Bonn unter Zustimmung des Bezirksausschusses eingeführt. Die Nachprüfung der Finanzlage der genannten Städte hat ergeben, daß die Einführung der erwähnten Steuern zur Verminderung der vorhandenen Fehlbeträge auf keine Weise zu vermeiden war. Unter diesen Umständen war die Einführung der Bürgersteuer durch die Aufsichtsbehörde bis zum 30. November geboten. Nur bei Innehaltung dieser Frist sind die Gemeinden von den erheblichen Kosten befreit, welche die Einziehung
ssNB Berlin, 1. Dez. (Eig. Meld.) Die ^Lacktsitzung des Reichskabinetts war erst nach &3Ubr am Montag morgen zu Ende. Das Kabinett hat ten ganzen Fragenkomplex, der durch Not- nerortmung geregelt werden soll, durchgearbeitet, Ifc daß jetzt nur die redakktionelle Fas- s u n q durch die Ressorts zu erledigen ist. Man rechnet damit, daß diese Arbeiten im Laufe des Zaaes beendet werden können, sodaß der Kanzler noch heute abend zum Reichspräsiden, ten gehen könnte, um seine Unterschrift zu erbitten. Es muß besonders betont werden, daß die ffräge, ob ein Notstand gegeben ist, nach der Verfassung ausschließlich vom Reichspräsi. -enten entschieden wird. Die Veröffentlichung ist für heute abend oder morgen früh zu erwarten.
Während man in politischen Kreisen noch gestern knit zwei Notverordnungen rechnete, hat das Kabinett beschlossen, alles in eine Berord- nung zusammenzufassen. Die Gründe, die dafür ausschlaggbend sind, sollen technischer Natur sein. Die Abänderungen der alten Notverordnung erfolgen unter dem Gesichtspunkt, daß Härten herabgemindert werden sollen. Einer der westntlichsten Punkte ist der Beschluß, die Gebühr für den Krankenschein nicht mehr bestimmten Kategorien, sondern allen Erwerbslosen und den Invalidenrentnern zu erlassen. Man glaubt auch, dafür die Zustimmung der Deutschen V olkspartei zu erreichen, da die letzten Berechnungen ergeben haben, daß diese Regelung einen Ausfall von etwa 8 bis 10 Mill. Rm. bedeutet, während die Ersparnisse, die durch Einführung der Gebühr überhaupt erhielt werden, nach den seinerzeit angestellten Schätzungen 420 Mill, ausmachen. Bei der Bürgerabgabe ist noch interessant, daß die zunächst vorgesehene Ermäßigung des untersten Satzes nicht erfolgt. Die mittleren Sätze werden dagegen in der Staffelung weiter auseinandergezo- gen; dazu kommt noch eine stärkere $ e la« stung der großen Einkommen.
Das sogenannte Plafond-Gesetz, das die Höhe der Etats der Länder und Gemeinden begrenzt, ist io umgearbeitet worden, daß es nicht mehr versäffungsändernd ist. Die Gehaltskürzung für die Beamten der L ä n d e r und Gemeinden wird besonders geregelt und ebenso wie alle übrigen verfassungsändern- den Vorlagen auf den ordentlichen Weg gebracht.
Sozialdemokraten und Volverordnuvgen.
Der .Vorwärts" beschäftigt sich mit der Stellungnahme der Sozialdemokraten zur Notverord- nung. Das Blatt schreibt:
Im Reichstag sitzen 107 Nationalsozialisten und 77 Kommunisten, zusammen 184 Abgeordnete, die für eine sachliche Mehrheitsbildung für notwendige Erfordernisse nicht in Betracht kommen. Soweit diese 184 Abgeordnete ein politisches Ziel haben, ist es die Zerstörung der Demokratie. Von den übrigen bürgerlichen Parteien sind mehrere von der faschistischen Ansteckung ergriffen. Die Ansteckung hat aber nicht alle bürgerlichen Parteien "griffen, und so gibt es auch keine ausgespro- chene faschistische Mehrheit in diesem Reichstag.
ist das Bild des parlamentarischen Schlachtfeldes. Auf diesem Kampfboden muß die Sozialdemokratische Partei manöverieren. Ihr nächstes »el ist immer dasselbe, mag es sich um die Be- eines parlamentarischen Mehrheitsbeschlusses oder um die Beeinflussung von Gesetzen ddiÄeln, die die gegenwärtige Regierung durch ^ Notverordnung zu erlassen gedenkt. Sie hat schliche Arbeit im Interesse der Arbeiterschaft zu '"sten, die bestehenden Gesetze zu verbessern, die ontmenben in ihrem Sinne zu beeinflussen. Sie
$u diesem Zweck mit der Reichsregierung ver- l""delt. Es ist begreiflich, daß sie nicht alles er= ul*** hat, was sie für notwendig hielt. Trotzdem 1 anzunehmen, daß es der hartnäckigen Arbeit der ”®Mbernotratie gelungen ist, die Regierung da- «°n zu überzeugen, daß ohne eine weitgehende cnberung der alten Notverordnung auf eine Ver- > noigung mit der Sozialdemokratie nicht gerech- " werden kann. Wenn auch noch nicht endgül- 9 lestiteht, wie die Reichsregierung die alte Not- '"g abändern wird, so sind doch wesent- n^^^arungen bei dem Arzneischein und ande- Bestimmungen der Krankenversicherung, aber “r bei der Arbeitslosenversicherung und insbeson- e bei der Kopfsteuer zu erwarten.
»J^r Reichskanzler glaubt in seiner Rolle als hi Kommissar mit der neuen Notverordnung für
Öffentlichkeit diesseits und jenseits der Gren- i» x- Lasten Willen zu bekunden, Ordnung lneJ,!'e Reichsfinanzen zu bringen. Wie . Programm wirklich eine Sanierung be- rÜrttx ist zweifelhaft. Die Sozialdemokratie fieocn 'h1 "«ch wie vor mit großerSkepsis
Der Gipfel der Demagogie.
o m m u n i st e n haben im Haushalts- ES?uo des Reichstages einen Antrag einge- aJ*’1' ifach dem den Erwerbslosen, Sozial- und ein, Wftnern, sowie allen Fürsorgeberechtigtcn i^»-^.Ä^beihilfe aus den Mitteln des Reiches werden soll. Diele 9»-’'•?('<. r-vr für d e jeb^ n !r^üfeungsempfänger 40.— Mark, für M i-k " echEwigeberechtigten 12.— Mar° 'M ELrLD?n Empfänger von 12.— Mark
"uaen.
der Steuer verursacht. Angesichts der drückenden Finanznot der beteiligten Städte hielt sich der Regierungspräsident für verpflichtet, ihnen diesen keineswegs unbedeutenden finanziellen Dorte il zu sichern.
Die Wahl in Bremen.
Bemerkenswerte Dahl-Lrgebnisse in Bielefeld, wo infolge eines Eingemeindungsvorganges StaM- verordneten-Verfammlung und Kreistag neu gewählt wurden. — Die Rationalfozialisten steigerten ihre Stimmen feit dem 14. September von 16 600 auf über 22 000. — was traut man nun eigentlich der Hitler-Partei zu?
Am Sonntag wurde das Parlament des Bremer Staatsgebietes gewählt. Das amtliche Endergebnis der Wahl im gesamten Bremer Staatsgebiet ist folgendes:
Sozialdemokraten 62 555 Stimmen 40 Sitze; Deutschnationale 9641 Stimmen 5 Sitze- Zentrum 4238 Stimmen 2 Sitze; Kommunisten 21679 Stimmen 12 Sitze; Deutsche Volkspartei 25 271 Stimmen 15 Sitze; Deutsche Staatspartei 7216 Stimmen 4 Sitze; Wirtschaftspartei 3362 Stimmen 2 Sitze; Haus- und Grundbesitzer 8730 Stimmen 5 Sitze; Nationalsozialisten 51324 Stimmen 32 Sitze; Konservative Volkspartei 1894 Stimmen 1 Sitz; Christi. Soz. Volksdienst 1389 . Stimmen kein Sitz; Kommunistische Opposition 799 Stimmen kein Sitz-Nationale Einheitsliste 1820 Stimmen 1 Sitz; Deutsche Demokratische Partei 1121 Stimmen kein Sitz, Vegesacker Gemeinschaftsliste 544 Stimmen kein Sitz; Bürger!. Liste für Allgemeinwohl 442 Stimmen kein Sitz.
Gültige Stimmen 202 025, ungültige 1 637. Wahlberechtigt waren 259 730 Personen; Wahlbeteiligung etwa 80 Prozent.
Bremen besaß seit 2% Jahren einen Senat der Großen Koalition mit sieben bürgerlichen und fünf sozialdemokratischen Senatoren. Die alte Bürgerschaft zählte 60 bürgerliche, 50 sozialdemokratische und 10 kommunistische Vertreter.
Interessant ist das Ergebnis in Bremerhaven. Es erhielten: Sozialdemokraten 3974, Nationale Einheitsliste (DNVP. 'und Wirtschaftspartei) 1820, Deutsche Demokratische Partei und Zentrum 1121, Kommunisten 1349, Dtsch. Volkspartei 1215, Nationalso zia- liften (Hitler-Bewegung I) 622, Nationalsozialisten (Hitler-Bewegung H) 2214 Stimmen. Die Hitler-Bewegung trat hie also mit zwei Listen auf.
rotb. Eutin, 1. Dez. (Eig. Meldg.). Bei den gestrigen Wahlen zum Landesausschuß des Ol- denburgischen Landes teils Lübeck, die ruhig verlaufen fmd, wurden gewählt: 3 Bürgerliche (9), 7 Sozialdemokraten (9), 1 Kommunist (0), 7 Nationalsozialisten (0). — Im Wesentlichen haben also die Nationalsozialisten den Bürgerlichen die Mandate abgenommen. „Großartig" ist die Politik Hugenbergs! I
Wahlen in Bielefeld.
Nach Durchführung des Bielefelder Eingemeindungsgesetzes fanden am Sonntag die Kreistagsund Stadtverordneten wählen statt. Die Wahlhandlung vollzog sich reibungslos. Die Wahlbeteiligung betrug 84,5 Prozent. Das Fazit ist ein Stimmenverlust bei sämtlichen Parteien mit Ausnahme der Nationalsozialisten, die gegen die letzte Reichstagswahl, bei der sie 16 641 Stimmen erhielten, mit 22131 Stimmen einen bedeutenden Gewinn zu buchen' haben. Die Mandate der Sozialdemokraten haben sich um 3 vermehrt. Die Deutsche Volkspartei und die Staatspartei haben schwer, die Wirtschaftspartei und die Deutschnationale Volkspartei ebenfalls verloren. Das Zentrum hat seinen Mandatsbestand gehalten.
Ergebnis der Stadtverordnetenwahlen: Soz. 29 371 Stimmen 22 Mandate (1929: 18 025 Stimmen 19 Mandate); D. Vpt. 4291 (9050) Stimmen 3 (9) Mandate; Wirtschaftspartei 5840 (5045) Stimmen 4 (5) Mandate; Deutschnationale 3154 (987) Stimmen 2 (3) Mandate; Zentrum 3122 (2822) Stimmen 2 (2) Mandate; Deutsche Staatspartei 1192 (2593) Stimmen 0 (2) Mandate; Evangl. Volksdienst 3758 (2543) Stimmen 2 (2) Mandate; Kommunisten 4068 (2533) Stimmen 3 (2) Mandate; Nationalsozialisten 15 936 (2244) Stimmen 12 (2) Mandate; Stadtwächterpartei 976 Stimmen kein Mandat. Insgesamt 50 Sitze gegen früher 46.
Für den Kreistag erhielten Sozialdemokraten 13 757 Stimmen 12 Mandate; D. Vpt.. 2046 Stimmen 1 Mandat; Wirtschaftspartei 938 Stimmen kein Mandat; Deutschnationale 3307 Stimmen 3 Mandate; Zentrum 674 Stimmen kein Mandat; Staatspartei 334 Stimmen kein Mandat; Evangel. Volksdienst 3544 Stimmen 3 Mandate; Kommunisten 1379 Stimmen 1 Mandat; Nationalsozialisten 6403 Stimmen 5 Mandate.
Ein Vergleich gegenüber den letzten Reichstagswahlen ergibt sich aus folgender Zusammenstellung:
Kreistags- und Stadtverordnetenwahlen (Groß-Bieleseld-Stadt und Land): Soz. 42 946 (letzte Reichstagswahl Bielefeld-Stadt und Land); 48 056) Stimmen; Deutsche Volkspartei 7498(9817) Stimmen; Wirtschaftspartei 7886 (7352) Stimmen; Deutschnationale 6698 (6844) Stimmen; Zentrum 4060 (4148) Stimmen; Deutsche Staatspartei 1526 (3977) Stimmen; Evangel. Volksdienst 5137 (7279) Stimmen; Kommunisten 4742 (6684) Stimmen; Nationalsozialisten 22132 (16 641) Stimmen; Stadtwächterpartei 976 (0) Stimmen.
Von insgesamt 124 694 Stimmberechtigten haben 103 808 Wähler ihre Stimme abgegeben.
Vaterlandsliebe.
Es ist selbstverständlich, daß sie der Motor für alles politische Tun fein sollte. Wo sie als letzter Beweggrund fehlt, wird aus dem Staat eine Zweckgemeinschaft, die keinen höheren Anspruch erheben kann, als den, ein Verwaltungsapparat, eine Ordnungsmaschine zu fein. Erst aus der Liebe zu Volk und Land fließen die Kräfte, die das menschliche Handeln in der Oeffentlichkeit und für die Allgemeinheit zu sittlichen Taten machen. In ruhigen Zeiten ist die Vaterlandsliebe eine mehr oder weniger schlummernde Kraft, ja wir haben es erlebt, daß sie sich eigentlich nur an gewissen Festtagen bemerkbar machte, an denen sie gleichsam vorgeschrieben war, an denen sie aber nicht selten Gefahr zu laufen schien, durch eine tor- bulente ßuftigfeit ersetzt zu werden. Schlimmer noch war es, wenn anstelle von Volk und Land ein persönliches Idol oder gar ein persönlicher nicht uneigennütziger Ehrgeiz gesetzt wurde. Auch das haben wir erlebt, und es scheint, als ob Begriffsverwechslungen auf diesem Gebiet recht häufig wären.
Der größte Ausbruch vaterländischen Wollens, der über Deutschland in den letzten hundert Jahren hingebraust ist, war die Begeisterung, die in den Augusttagen des Jahres 1914 die Gesamtheit des Volkes erfaßte. Deutschland empfand den Krieg als ein schweres Unrecht gegen feine Friedensliebe, als eine Bedrohung seiner Freiheit und als einen Verrat neidischer Nachbarn. Es gab kaum jemand bei uns, der damals nicht die heiße natürliche Liebe zu seinem Lande in sich gespürt hätte. Wir waren, was ein echtes Zeichen der Siebe ist, zu jedem Opfer bereit, und die mehr als eine Million Kriegsfreiwilliger, die damals mit ins Feld zogen, haben nur aus einem Gefühl her- ausgehandelt, daß sie dem geliebten und jetzt bedrohten Lande helfen müßten, auch mit Einsatz ihres Lebens.
Der Krieg ist für uns schlecht ausgelaufen. Unfähige Regierungen und kurzsichtige Generals haben die ganze Furchtbarkeit des Geschehens nicht überblickt. Dazu kam, daß wir uns nicht gegen die ganze Welt siegreich verteidigen konnten. Als der Hunger sich immer selbstsicherer in Deutschland festsetzte, als die letzten Vorräte schwanden und die Materialien auch nicht durch kunstvollsten Ersatz mehr zu beschaffen waren, mußte das Ende kommen, wie es gekommen ist. An Stelle der Monarchie trat die Republik und es zeigte sich, daß die einst an der Macht Gewesenen in der bittersten Stunde versagten und die früher Verachteten und Zurückgedrängten das Steuer ergreifen mußten, um das Reich zu retten. Die Vaterlandsliebe dieser Männer hat das Deutsche Reich wieder in seinen Grundfesten im wahrsten Sinne verankert. Erst langsam kamen die andern, die sich von jeher für die besten Patrioten gehalten hatten, wieder hervor.
Auch heute sind sie und die inzwischen Heranwachsende jüngere Generation ihrer Meinung nach Träger des nationalen Gedankens. Aber sie verstehen darunter teils die R e sta u r a t i o n, die Wiederherstellung früherer Zustände, die nach menschlicher Berechnung niemals wieder in Frage kommen kann, teils die Reaktion, das ängstliche oder trotzige Zurückdrehen der Rader der Zeit- teils nur eine sture Abneigung gegen alles das, was sie l in ks nennen. Die Linke beginnt bet ihnen an dem Punkt, an dem Stresemann stand und gestorben ist und geht von da über das Zentrum und die Demokraten zu den Sozialdemokraten, die ihnen besonders verhaßt sind, weil sie als stärkste Partei großen Einfluß auf die Entwicklung der deutschen Politik und, was am wenigsten verzeihlich ist, auf die Besetzung der amtlichen Stellen gewonnen hat. Man sieht, daß die Motive, die hier alle als Vaterlandsliebe ausgegeben werden, trübe und dürftig sind. Das deutsche Volk ist in schwerster Not, nicht infolge etwa einer Mißherrschaft oder falschen Regierung, sondern infolge des verlorenen Krieges, an dessen bitterem Ausgang gerade die, die so gern auf das gegenwärtige System schimpfen, am wenigsten unschuldig sind. Man nimmt heute die Vaterlandsliebe für sich in Anspruch, weil man einen weitfaltigen Mantel für all das braucht, was man ehrhlich nicht gut zeigen kann. Aber es gelingt nicht immer, alle Blößen zu verdecken.
Unter denen, die den Patriotismus in Erbpacht zu haben glauben, marschiert der Stahlhelm in der ersten Reihe. Wie hat er immer die deutsche Tradition hochzuhalten behauptet, wie hat er das Deutschtum im Gegensatz zu anderen Nationen zu bringen versucht, wie trieft er förmlich von Redensarten über Frontsoldatentum und Frontgeist! Und was geschieht? Er sendet eine Abordnung zum Diktator eines Landes, das uns im Anfang des Krieges in einer ewig schmachvollen Weise die Treue brach. Der Stahlhelm huldigt Mussolini, der einst zu den Kriegshetzern gegen Deutschland gehörte. Die Vaterlandsliebe des Stahlhelms, die ihm genau vorschreiben müßte, was Takt, Anstand und Würde ist. mußte zurücktreten vor der Begeisterung dieser Reaktionäre gegenüber dem faschistischen Diktator. Die Führer des Stahlhelms möchten auch in Deutschland einen Mann kommandieren sehen, der nach ihrer Meinung Ordnung schaffen und sie anstelle der Vertreter de? Volkes in Aemter und Würden einsetzen würde. Solche Vorstellungen und Hoffnungen sind io stark in ihnen, daß sie völlig vergessen, was gerade sie dem Vaterlande schuldig sind, weil sie am lautesten immer seinen heiligen Namen im Munde führen. Der Stahlhelm hat für seine unwürdige Haltung einen schweren Tadel seines Ehrenmitgliedes von Hindenburg einstscken müssen.
Der Vorfalls dem wir übrigens leicht eine ganze Reihe ähnlicher an die Seite setzen könnten, beleuchtet die Situation. Dem anderen Erzpatrioten Hitler hat das MagdeburgerReichsbannerSchwarz- rot-gold in einem offenen Briefe vorgehalten, welch ' fadenscheiniger Natur seine immer wieder markt-