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Anzeiger für die Stadl Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk.

Ericheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter''. Rotationsdruck und Derlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift» :: leituno 1152. Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. n

Mittwoch, 12. November 1930.

Monatlich 1,80 einschliefil. Postgebühr (48 Pfg.»ohne Zustellg. Anzeigen-Preise: Kleinzeile ((Sol.) lokal 0,15 JUt, auswärts 0,20 -im. Rellamezeile: lokal 0,60 JUt, auswärts 0,80 JUt. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckk. Franks, a M 4051

57. Zatzrg.

zum 11. November.

gon Dr. Marx, Mitglied des Reichstags.

.. «nßre finb nunmehr verstrichen, seitdem am November 1918 in später Nachtstunde die »bkuMung der Waffen still st andskom-

10 n jm Walde von Compiegne mit der Unter» tominq des Waffenstillstandes beendet wurde.

Hirsen diese Gelegenheit nicht vorübergehen ' Stal ohne immer und immer wieder feierl,- ^en Protest gegen die ungerechtfertigten Ver- kumdungen zu erheben, die trotz aller Widerle- auch jetzt noch zuweilen das Andenken des frtMliqen Staatssekretärs Erzberger beflecken, -^uner noch werden Vorwürfe gegen ibn, der Nützlich den Kugeln nichtswürdiger Mr ":er er- 17a erhoben, als habe er seine Pflicht ersäumt «O die Interessen des deutschen Volkes in den Verhandlungen mit den Vertretern der siegreichen Entente nicht ausreichend wahrgenommen. Man intift die im Jahre 1928 in Druck erschienenen D o - kumente über die Waffen still st ands- nerhandlungen nachlesen, um zu erkennen, in welch sorgfältiger und aufopfernder Weise Staatssekretär Erzberger in der denkbar schwierig­sten Lage mannhaft die verantwortungsvollen Ver­handlungen geführt hat.

Am 8. November ließ Erzberger aus Compiegne an das große Hauptquartier in Spa einen Funk­spruch des Inhalts ergehen, daß, wie sich aus den umfangreichen Verhandlungen mit Marschall Fach ergebe, die von dem Marschall übergebenen Wai- ienstillstandsbedingungen bindende Verabredungen aller feindlichen Kriegsleitungen und Regierun­gen seien. Es solle versucht werden, in Einzel­besprechungen noch Milderungen einzelner Punkte zu erreichen, um in erster Linie Aufrechterhaltung der inneren Ordnung und Abwendung drohender Hungersnot zu erreichen. Nach dem bisherigen Eindruck sei allerdings nicht anzunehmen, daß über entscheidende Hauptpunkte noch Gegenvorschläge zur Erörterung zugelassen werden würden.

Es erging dann unter dem 10. November 1918 vom Größen Hauptquartier ein Tele­gramm nach Compiegns, in dem es heißt, daß in neun, einzeln aufgeführten Punkten eine Er- leichrerung der Waffenstillstandsbedingungen ver­sucht werden müsse. (Es handelt sich hauptsäch­lich um eine Verlängerung der Räumungsfrist, eine Verminderung der neutralen Zone, die Ver­ringerung des abzugebenden Eisenbahnmaterials, der Lastkraftwagen und der Flugzeuge und der­gleichen.) An die Aufzählung der neun Punkte Wog sich dann aber der Satz:

„®elingt Durchsetzung dieserPunkte nicht, so wäre trotzdem abzuschlie- §en."

Gleichzeitig erging von der Reichsregierung, insbesondere vom Auswärtigen Amt die Nachricht an die Friedensdelegation, daß die Reichsregierung die Waffenstillstandsbedingungen mnehme.

Man muß nun die Aufzeichnungen über die Schlußsitzung der Waffenstillstandskommission im Einzelnen durchlesen, um zu erkennen, mit welcher Entschiedenheit und welcher Klugheit Erzberger bei den Verhandlungen mit Marschall Fach den ihm .gewordenen Auftrag ausgeführt hat. In einer großen Reihe von einzelnen Punkten gelang es ihm, Erleichterungen zu erwirken. Zuletzt aber "ußte dann doch, auch der Weisung der Obersten Heeresleitung entsprechend, die Unterzeichnung des Waffenstillstandes erfolgen. Erzberger gab im An- daran, einem Auftrag der Reichsregierung emfprechend, namens sämtlicher deutscher Bevoll- unn -ter e’ne Erklärung ab, in der auf die unheilvollen Folgen der grausamen ?'*’mmungen des Vertrages hingewiesen ,1 °.,?rner betont wird, daß infolgedessen unter Winanden auch die weitere Erfüllung der Bedin- Srfn ..unmöglich gemacht werden könne. Der 7^ uy dieser von edlem Selbstbewußtsein getra­genen Erklärung lautet:

l°v^°s? deutsche Volk, das 50 Monate » .u standgehalten hat gegen eine uon Feinden, wird ungeachtet ®e m olt seine Freiheit undEin- ^ir wahren. Ein Volk von 70 Mil- sten leidet, aber es stirbt nicht."

auch diese Tatsachen wiederholt schon be= «?9eben worden sind, so glaubten wir doch, es Arzbergers schuldig zu sein, zum Mai h $ Waffenstillstandsvertrages noch ein- eg L^k""I.h^meisen zu sollen. Noch immer gibt tufrfc x ' °*e ihre patriotische Gesinnung da- $u müssen glauben, daß sie schmäh- ley “nö durchaus unbegründete Ver» verbreit unfle.n gegen das Andenken Erzbergers der A;.n: „Wir sind durchaus berechtigt, an Hand Enis ^stellen Urkunden dagegen mit aller heben ^Enheit Einspruch zu er-

gedenken der Toten.

tiqen1^ ^00. (Eig. Meld.) In der heu-

ienden ^^/.itagssitzung des vorberei- brach h.r snEr-J ü u n g s a u s s ch u s s e s unter« havds»»I Vorsitzende Loudon um 11 Uhr die Ver- toten h?en«r?m ^'e Mitglieder aufzufordern, allen zu to;hm5 Weltkrieges ein stilles kurzes Gedenken 11 N » ' ^°udon erklärte: ,,Es ist h e u t e d e r »Um derundllUhr. Zu Ehren und ich s, oochtnis aller Toten des Weltkrieges lütte tin«, «-'."ch zu erheben und eine Minute cmdäck- *,ebmer e e'9en den Toten zu widmen." Die Teil- Rd) non •f1amenn>^e^er Aufforderung nach, erhoben Utinuf. ; ren Pkätzen und verharrten ungefähr eine

D- andächtigem Schweigen.

>9e r U hierzu war von Vertretern der ; ii ;»oMfischxn Länder ausqegangen, wo

Seenx; Dem°et bekanntlich zur Erinnerung ort L. qunÄ des Weltkrieges und zum Gedächt-

Wo die Diktatur herrscht...

Maßnahmen gegen Diktatur-Gegner in Rußland und in Italien. Die Niederlage der österreichischen tzeimwehr-vewegung.

In den Ländern, m denen die Diktatur herrscht, ist es heute auch nicht viel ruhiger als in den demo­kratisch regierten Ländern. Auch Mussolini hat wieder Sorgen durch die Widersacher des Faschis­mus und die Russen bereiten ein neues großes Strafgericht gegen Kontrarevolutionäre vor.

Die Fronde in Italien.

wtb. Paris, 11. Nov. (Eig. Meld.) Petit Parisien gibt in einer aus dem an der französisch- italienischen Grenze gelegenen Ort Modane datier­ten Meldung ergänzende Mitteilungen zu der vor einigen Tagen von der Agencia Stefam veröffentlichten Meldung, daß 20 Personen wegen einer Verschwörung verhaftet worden seien und vor ein Sondergericht gestellt werden würden.

Den in Modane eingegangenen Meldungen zu­folge sollen sich unter den verhafteten Personen Schriftsteller, Pwfessoren, Rechtsanwälte, Militär« Personen (2 Generäle und, wie berichtet wird, auch der Polizeikornmifsar von Turin) und andere befinden. Von bekannteren Person- lichkeiten seien verhaftet worden der frühere liberale Minister Deklott, der Professor an der Universß tät Genua Giuseppe Rensi, ein Republikaner, dxr im Gefängnis gestorben fei, der liberale Professor und frühere Chefredakteur des Corriere della Sera, Farri, die republikanisch-gesinnten Pwfessoren Bauer, Rossi, Roberto und Contoni, der frühere soziakreformistische Abgeordnete von Florenz Pierac- cini, Professor an der Universität Flprenz, die Republikaner Ingenieur Calaci, Professor und Großmeister des Freimaurer-Ordens Meoni,. Inge­nieur Damiani und Pagani.

krylenkos Anklageschrift.

wtb. Moskau, 11. Nov. (Eig. Meld.) Wie die Telegraphenagentur der Sowjet - Union meldet, wurde gestern eine von dem Staatsanwalt der Republik Krylenko unterzeichnete Anklageschrift gegen eine konterrevolutionäre Organisation, die sogenannte .Zndustriepartei", verösfentlicht. An>- geklagt sind im ganzen 8 Personen. In der An­klageschrift wird ausgeführt, daß die Beschuldigten nicht nur versucht hätten, den wirtschaftlichen Aus­bau Sowjet - Rußlands zu sabotieren, sondern daß sie auch mit ausländischen Emigran- ten-Organisationen in Verbindung getreten seien. Außerdem hätten sie sich des Hoch­verrats schuldig gemacht, da sie auch mit fran­zösischen Generalstabsoffizieren plan­mäßig eine frühere oder spätere militärische Intervention vorbereitet hätten. Interessant an der Anklageschrift ist, daß in ihr die f r a n z ö - fische Regierung ganz offen beschuldigt wird, den Sturz der Sowjet-Regierung syste­matisch vorzubereiten. Dabei wird P o in- care zu den französischen Regierungskreisen ge­rechnet und in einem Atem mit Driand als Trä­ger des Kampfes gegen Sowjet-Rußland genannt.

Die Niederlage der heimwehren.

Nach dem Wahlausgang in Oesterreich sagt das gemäßigte christlich-soziale „Weltblatt , das Organ Kunschaks, folgendes:

„Es ist beachtenswert, daß nicht ein Heimat­blockmandat in Wien errungen werden tonnte und daß die Hoffnung, die man darauf gesetzt hatte, durch die Aufstellung von Heimwehrmännern auf der christlich-sozialen Liste, dieser eine erhöhte Zugkraft zu geben, enttäuscht wurde. Die Politik der starken Worte, die in den letzten Wochen betrieben wurde, hat nicht die erhoffte Wirkung gehabt. Der Wahlausgang läßt aber jedenfalls eine Revision der Taktik und der Methoden geboten erscheinen."

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Ein Kenner der Verhältnisse schreibt uns: Di« Wahlen in Oesterreich haben keiner der streiten­den Parteien Grund zur Siegesfreude gegeben. Wenn der Wahlkampf außewrdentlich scharf, ja erbittert geführt worden ist, so zeigt das Ergebnis, daß man ihn teilweise unter Mottve gestellt hat, die entweder prattisch nicht vorhanden waren oder deren Durchschlagskraft in Oesterreich zur Zeit zu gering ist, als daß sie im Volk grundlegende Umstellungen Hervorrufen könnten. Oesterreich hat mit einer sehr starken Beteiligung gewählt und man kann alles in allem sagen, daß der demo­kratische Gedanke bi« überwältigende Mehr­heit beherrscht hat.

Der eigentlich Geschlagene ist der I n n e n- minister Starhemberg, der unter dem Symbol des Hahnenschwanzes glaubte, die Politik Oesterreichs umstürzen zu können und der vor dem kläglichen Ergebnis steht, nicht einmal selbst em Mandat errungen zu haben. (Wer denkt nicht an unfern Herrn Treviranus, dem es ebenso erging? Die Schriftl.) Es war bis tief in die Nachtstunden des Wahlsonntags hinein zweifelhaft, ob die Heim­wehrleute überhaupt einen einzigen Sitz im Nationalrat erlangt hätten. Mit Mühe und Not haben sie das nach dem österreichischen Wahlrecht vorgeschriebene sogenannte Grundmandat ir­gendwo im Lande erzielt, auf Grund dessen erst die Reststimmen in den anderen Wahlbezirken ange­rechnet werben können.

Es ist also der unanfechtbare Beweis dafür er­bracht, daß Fürst Starhemberg, der sofort die De­mokratie töten und den Faschismus auf den Schild

erheben wollte, nirgendwo als die große oder auch nur populäre Persönlichkeit geschätzt wird, die zu fein er sich mindestens bis zum Sonntag abend eingebildet hat. Es spricht für das österreichische Volk, daß es auf den lärmenden Schwindel der Heimwehren nur mit recht geringen Zif­fern hereingefallen ist, aber es spricht nicht für Die österreichische Oesfentlichkeit, daß sie bisher der Hahnenschwanz-Bewegung viel stärkere. Anhänger­massen zugetraut hat, als sie nach dem eindeutigen Ausweis der Wahlen besitzt. Ja, man darf weiter sagen, daß es auch nicht für den psychologischen Tiefblick gewisser christlich-sozialer Prominenter spricht, wenn sie geglaubt haben, in den Heimweh­ren das Volk Oesterreichs führen zu können. Oester­reichs Volk steht ganz anderswo. Oesterreichs Volk hat sich im großen für drei Parteien entschieden, die auch schon vorhanden waren, ehe radikale Heimwehr-Propheten aus angeblich neuen Wegen das Land glaubten einer großen Zukunft entgegen­führen zu können.

Die „Kölnische Volkszeitung" redet von den Gründen, warum die Katholiken im Reich der Verbindung der Christlichsozialen mit der Heimwehrbewegung, zumal in ihrer komplizierten Gestalt, mit beträchtlichen Bedenken gegenüber st ehen mußten. Auf der ande­ren Seite ist natürlich stets die besondere österrei­chische Lage, im Auge zu behalten, und insbesondere nicht zu vergessen, daß schon bisher die Heimwehr- bewegung für die Christlichsoziale Partei ein Problem darstellte, mit dem sie sich irgendwie abfinden mußte, nachdem in den Anfangsjahren der österreichischen Republik die Grundlage einer anderen Entwicklung nicht gefunden worden, der Gegensatz also zwischen dem radikalen öfterreichä- schen Sozialismus und der Masse des Bürger- und Bauerntums ohne tragfähige staats- politische Ausgleichsmöglichkeit ge­blieben ist.

Das zweite politische Moment, das für die Be­urteilung der Lage, wie ffe sich nach den Wahlen darstellt, in Betracht gezogen werden muß, ist der Zerfall der bürgerlichen Einheits­front, die lange Jahre gegenüber dem Sozialis­mus das Feld behauptete. Auch jetzt noch ha­ben die nichtsozialistischen Parteien in Oesterreich eine ausreichende Mehrheit, wenn sie Zusammen­halten. Aber oh sie nach der scharfen gegenseiti­gen Bekämpfung vor dem Wahltag zu einer sol­chen Politik noch fähig und geneigt sind, erscheint im Augenblick mindestens fraglich. Zwar kann auch eine Minderheitsregierung, wenn sie gut ge­führt wird, ersprießliche Arbeit leisten und sich par­lamentarisch längere Zeit behaupten. Wenn man bedenkt, daß dem Kabinett ein kühler staatsmän­nischer Kopf wie Prälat Seipel angehört, sollte die Hoffnung berechtigt sein, daß auch die kommende fchwierige Lage parlamentarisch gemei­stert werden kann. Vielleicht ist gerade in Vor­aussicht der jetzt sich aufrollenden ernsten Probleme Seipel in das Kabinett Vaugoin eingetreten, dem ein Fürst Starhemberg angehört. Es wird viel, wenn nicht alles darauf ankommen, die Erziehung der Heimwehrbewegung zu staatspoliti­scher Arbeit auf den Boden der Demokratie vor- fichtig, aber zielklar fortzuführen, und zwar in dem Sinne, daß die gegebenen parlamentarischen Wög- lic^eiten taktisch berücksichtigt werden. (Erleidt tert könnte dies dadurch werden, daß sicher aufl das Gros des sogenannten Schoberblocks zu einer direkten Unterstützung der sozialdemokratischen Op­position kaum geneigt sein dürfte, zumal man sicher hier mit allen verantwortungsbewußten Po­litikern sagen muß, daß bei einem Verschütten aller parlamentarischen Möglichkeiten die Gefahr eines nicht verfassungsmäßigen Regimes in der Tat sehr ernst veranschlagt werden müßte! Ein solches Regime bedeutete zweifellos nicht nur innen-, sondern auch außenpojitisch ein außeror­dentliches schweres Risiko.

Als Katholiken haben wir schließlich festzustellen, daß die Gefahr eines gelegentlichen Zusammen­gehens von Sozialisten und Liberalen in kultur­politischen Fragen nicht gebannt ist, vielmehr durch die Zertrümmerung der bürgerlichen Einheitsfront als verschärft angefehen werden muß. Auch des­halb wird die künftige Entwicklung in unserem Bruderlande mit ebenso großer Klugheit wie Fe­stigkeit zu behandeln sein und auch unsere ernste Aufmerksamkeit und lebendige innere Anteilnahme verdienen. In diesen großen Volks- und Mensch­heitsfragen gibt es keine Schlagbäume und keine Grenzpfähle; um so mehr als Oesterreich nicht Ausland für uns ist und auch bei staatlicher Tren­nung ein wichtiges Glied am Körper des deutschen Geistes- und Volksle­bens geblieben ist und stets bleiben wird.

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? wtb. Wien, 11. Nov. (Eig. Meld.) Nach der jetzt vorliegenden genauen Ueberficht über die bei den Nationalratswahlen am Sonntag abgegebenen «Stimmen erhielten von den Parteien, welche Man­date errungen haben: Die Christlich-Sozialen 1 306 121, der Schvberblvck 422 141, der Heimat- block 228 229, die Sozialdemokraten 1509 755. Dir Gesamtzahl der bürgerlichen Stimmen betrug 2128737, bei marxistischen Stimmen 1529 434 gegen 2 085 772 bezw. 1555 754 im Jahre 1927.

nis der Toten kurze Gedächtnisfeiern in Form einer Verkehrspause und einer Schweigeminute stattfinden. Die deutschen, türkischen und bulga­rischen Vertreter in der Kommission haben bereits gestern den Vdrsitzenden Loudon darauf aufmerk- fam gemacht, daß fie an einem solchen Gedächtnis­akt nur teilnehmen würden, wenn er ausschließlich

den Charakter einer Erinnerung an die Toten des Weltkrieges haben und wenn aus diesem Anlaß keine Reden gehalten würden. Dieser Forderung hat der Präsident entsprochen und in feiner kurzen Erklärung jede Anspielung auf den Waffenstillstand vermieden.

Die radikale Wette.

Bei den Kommunalwahlen im Freistaat Ol­denburg, die am Sonntag stattsanden, haben in einigen Gemeinden die Nationalsozialisten ihren Erfolg vom 14. September noch wesentlich Über­boten. In der Stadt Oldenburg und in Rüstrm» gen haben sie mehr als 2 000 Stimmen gewonnen, während die Mittelparteien erheblich verloren. Di« Sozialisten und Kommunisten behaupteten sich. Das Wahlergebnis erbringt, auch wenn man di« B e s o n d e r h e i t en des oldenhurgischen Landes mit seiner auf die Nähe des früheren Kriegshafens im Jadebusen zurückzuführenden stark na­tionalistischen Einstellung berücksichtigt doch einen eeinbeutigen Semeis, daß die radikale Welle noch nicht am Ab- ebhen ist, wie viele Leute gemeint haben. Auch die nationalsozialistischen Stimmrückgänge im klei­nen Ziegenhain können diesen Beweis nicht erschüt­tern. ,2)ie Zunahme der nationalsozialistischen Stimmen um 20 Prozent ist ein ernstes Zeichen. Ebenso interessant aber ist die Tatsache, daß auch die Hu genbergpartei ihre Stimmen um 20 Prozent vermehren konnte. Katastrophal da­gegen ist der Zusammenbruch der Mittelparteien. Sowohl die bürgerliche Arbeitsgemeinschaft als auch die Demokraten sind schwer gerupft aus dem Wahlkampf-hervorgegangen. Für die Demokraten ist offenbar die jüngste Entwicklung von großem Nachteil gewesen, und es fragt sich, ob es selbst ei­ner politifch so aktiven Persönlichkeit wie dem Mi­nister Dietrich gelingen wirb, den drohenden Zer­fall aufzuhalten.

Man sieht nach dem Geheimnis des Er- folges. Es ist vielleicht bester als durch lange po­litische Betrachtungen durch einen Witz zu er­gründen, der durch die Zeitungen geht und also lautet:

Ein bekannter Berliner Rechtsanwalt reist nach Italien. In München muß er umsteigen. Obwohl der Aufenthalt sehr kurz stt, trottet der Gepäckträger gemüt­lich hinter ihm her. Der Reisende wird nervös und bittet um etwas mehr Tempo.

Der Träger bleibt die Antwort nicht schuldig. „War- ten's nur, Herr, wann dös Dritte Reich kimmt, nacha können's Ihr Gepäck selber tragen!"

Endlich erreicht man den Zug, das Gepäck wird ver­staut und der Anhänger des Dritten Reiches entlohnt. Bedanken tut er sich schon im zweiten nicht.

Aber schon meldet sich eine neue Kundschaft: ein ele­gant gekleideter Mann mit Monokel und Gamaschen er­sucht ihn, ihm fein Gepäck zu tragen. Der andere aber sagt gemütlich: „Da müesten's sich an an. Kollegen von mir wenden, i mach' jetzt Brotzeit."

Der Feine erstarrt vor Empörung: „Höchste Zeit, d g tz das Drittele ich k o m m t und mit euch Faulenzern ausräumt." < : ! ' ; n • ' J '

So ist's. Jeder denkt sich unter dem „Driften Reich", das, was er gerade brauchen könnte und — wählt Hitler.

Das evangelische Konkordat.

Als seinerzeit im Landtage über den preußi­schen Kirchenvertrag mit dem Vatikan abgestimmt wurde, haben nicht wenige Abgeordnete aus dem Grunde sich negativ verhalten, weil sie der Mei­nung waren, es müsse um der Parität willen gleichzeitig ein evangelischer Vertrag vorgelegt werden. Dis Mitteilungen der Regierung, daß auch dieses evangelische Konkordat beretts im Werden, aber noch nicht spruchreif sei, haben nicht verfan­gen, auch nicht die Tatsache, baß die Verhandlun­gen zwischen dem Helligen Stuhl und Preußen al­les in allem sieben Jahre dauerten, bis endlich bas Konkorbat in seiner heute gültigen Form abge­schlossen werden konnte. Man hat sogar, in gewis­sen Blättern der Rechten, immer wieder den Vor­wurf erhoben, die preußifche Regierung verschlepp den evangelischen Vertrag. Es ist erfreulich, daß diese Beschuldigung unbegründet sind. Wir hören mit Genugtuung, daß die Vorverhandlun­gen jetzt bis zu einem gewissen Abschluß gediehen sind.

Freilich scheinen noch einige wesentliche Punkte der Klärung zu bedürfen. Der wichtigste ist nach unserer Kenntnis der Dinge die Frage, ob der preußischen Regierung bei der Wahl der höchsten evangelischen Würdenträger aus politischen Grün­den ein Einspruchsrecht zugebilligt werden soll. Man erschrickt zunächst vor einem solchen Gedanken, aber wenn man ihn sich überlegt, muß man anerkennen, daß für eine solche Vorsichtsmaß­regel sich doch gute Gründe finden lasten. Daß freilich auf der preußischen Rechten dieses Verlan­gen heftigen Widerstand begegnet, ist begreiflich. Es hängt damit zusammen, daß in entscheidenden Zeiten der innerpolitischen Entwicklung in Preußen evangelisch und dentschnational von interessierten Partei- und Presteleuten gleichgesetzt worden sind. Die evangelische Kirche aber sollte sich diese Identifizierungen nickt zu eigen machen. Es ist oft genug, um nur ein Beispiel anzuführen, auf bestimmte Erzeugnisse des Scherl'schen, dem Abgeordneten Hugenberg unterstehenden Ver­lages hingewiesen worben, bie die beste nationale und die einwandfreieste christliche Ueberzeugung für sich in Anspruch nehmen, ohne aber im Grunde einen höchstens liberalen Geist zu verleugnen. Man hat bei ihrer Lektüre den sehr bestimmten Eindruck, als ob das gelegentlich zur Schau getra­gene Christentum nur ein recht dünnes, zu Partei­zwecken umgehängtes Mäntelchen darstelle. Wenn von diesen Gefichtspunkten aus die Regierung den Staat davor schützen möchte, daß ihm gelegentlich als Führer der Kirche Männer gegenüberständen» die den Volks st a a t ablehnen, so wird man das verstehen können. Es wäre sehr be­dauerlich, wenn um einer solchen Meinungs­verschiedenheit willen der Abschluß des Kirchenver- trages noch weiter hinausgezögert würde. Die evangelische Kirche braucht die gefetzliche Festlegung ihrer Rechte und Freiheiten umso dringender, als im staatlichen Leben allzu viele Kräfte der Un» kirchlichkeit und unchristlicher Anschauungen sich