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Das Batterienschiff

Ein Roman in 7 Togen. i^011 Hellmuth Qua st-Peregrin.

t. ^»pyrigth by Greiner u. Co., Berlin.

geistige Produktion im Traum.

. $on Professor Dr. M. H. Baege-Jena.

i «verholt ist von einzelnen Denkern, Forschern, k«nftlern und Erfindern die Behauptung aufgestellt wor-

’ c a6 Lösung eines Problems bezw. das Motiv «einem Kunstwerk oder die Behebung einer Denkschwie- W.tzje sie trotz tage- oder wochenlangen Bemühens Wacharbeit nicht finden konnten, plötzlich und un- Rgrtet jm Traum gefunden hätten. Namhafte Traum- ISJL haben aber immer wieder eine solche Möglichkeit Mitten und den Verdacht ausgesprochen, daß es sich W eine Selbsttäuschung oder Erinnerungsfälschung handele.

sfjgee hat nun recht? Es ist ohne weiteres klar, daß Wlkt der Stellungnahme zu jener Behauptung von der Messung abhängt, die wir uns über das Wesen und Mandekommen von Schlaf und Traum gebildet haben. Mer im Traum eine besondere Form der Betätigung Mscher Kräfte oder gar die Auswirkung ganz beson­der seelischer Fähigkeiten sieht, wird geneigt sein, die sMglichkeit der behaupteten Borgänge anzunehmen. Wer shmgegen im Schlafvorgang einen absoluten Ruhezustand Per Seele oder, physiologisch gesprochen, einen Lähmungs- zusiand des gesamten Gehirns sieht, muß notgedrun­gener Weise dazu kommen, die Möglichkeit irgend welcher produktiver Betätigung im Schlaf zu bestreiten; denn Mr ruhende Seele oder ein gelähmtes Gehirn kann doch Düne Mistigen Leistungen hervorbringen. Die moderne Khlassorschung hat nun aber gezeigt, daß keine dieser Heiden gegensätzlichen Auffassungsweisen den wirklichen (Tatsachen entspricht. Weder wirken sich im Traum be­sondere seelische Kräfte aus, noch ruht im Schlaf die ge­samte Tätigkeü des Gehirns, sondern es ruhen immer nur — vielleicht mit Ausnahme des Tiefschlafstadiums, dos aber nur eine bis eineinhalb« Stunde andauert — — einzelne seiner Teile, während andere sich weiter, wenn auch vielfach in mehr oder weniger veränderter Weise, betätigen. Dabei kann es nun vorkommen, daß Hirn­teile, von deren Funktion bestimmte Denkbetätigungen abhängig sind, nicht einschlafen, sondern — besonders in­folge von Uebereignung oder Ueberanstrengung —weiter und so auch gelegentlich eine int Wachleben schon Hiifig gesponnene Gedankenkette zum Abschluß bringen. Erfinden, Erdenken und Entdecken beruht ja letzten lfndes darauf, daß zwischen bestimmten Ausgangsvor­stellungen und einer bestimmten Zielvorstellung eine Ver- fctnöung hergestellt wird. Voraussetzung dazu ist erstens M Bestehen einer großen Anzahl von Verbindungsbah- Mn im Gehirn, die durch Beobachtung, Erfahrung und gründliche Beschäftigung mit einem Problem geschaffen "erden, zum anderen eine rege Phantasie, d. h. physiolo­gisch ausgedrückt: die Fähigkeit, die Nervenerregungen m neue Bahnen einströmen zu lassen: psychologisch aus- Wruckt: zwischen Vorstellungen und Gedanken bald in Wr, bald in jener Richtung Verbindungen herzustellen, ? WWid) ein spätes Beleben der Verbindüngspro-

wle von der Zielvorstellung aus.

fe^äenn sich nun ein Künstler, Forscher ober Erfinder wXir r ®aF wochenlang mit einem Problem eingehend Wogt, leitet er — um im physiologischen Bilde zu neu ~ Erregungsströme in verschiedene Nervenbah- ald von den Funktionsherden der Ausgangsvorstel- gen, bald von dem der Zielvorstellung her aufeinan- ^Mtt dem Augenblicke ihrer Vereinigung ist die Ver- ^^"g hergestellt, die Erfindung ober Entbeckung ge- o)' eine neue Theorie gefunden. Unter ganz beson-

. "Mitänden kann nun dieser Bereinigungsprozeß w Lchlaf stattfinden: richtiger ausgedrückt: in einem

stchrvo er mit donnernder Stimme feine Worte den (tr R. e*lCn entgegenrief, schien er zu wachsen in ekstati- ter '^Achtbarkeit. Jetzt sank er in sich zusammen, ein r°nx^e*?en und Kasteien zermürbter Muni, ein ^ddhjstjscher Mönch, er wandte sich um uni) an9iam den Gang entlang, zurück in seine Ka- g,

m Un^ betreten standen die eben noch so erreg- *Nen ^ete — die Bohrenträger des Urgejowitsch voll- i, «jj wr trauriges Werk, keine Hand wehrte ihnen, sand ein Wort des Einspruches. Langsam, EL !9 gingen sie mit den Lasten hinunter in das '.besten Bereich niemand von den Hereingebrach- Ali V®e*'ei! Süßen verließ — Lasziate ogni speranza! leR- mit seiner Todeskarawane die Hospital- Efafi hörte er auf dem Gange, der zur dritten tz, rJ. wahrte, einen fürchterlichen Lärm, eine Schlä- IftfirrL ^°rt stattzufinden. Er verließ feine Leute Sltiien ■Crf?°r^ln’ woher das Getümmel ertönte. Da |EL Stewards und Passagiere mit den Matro- gym. bie als Posten den Zugang zum Hospital und Uns,, '-"iurklasse bewachten.

legendem Mantel kam der Russe daher. . . .

geht hier vor? Was tobt Ihr hier ? Störet die 2 me,nc Patienten so nötig brauchen."

6 die Kranken auf, die wir brachten. War-

ob» " n'/)t seiest und ließt uns erst von den

1 Sraubärtiger Mann hatte aus dem Lärm firge &°ne 3ugefd)rien.

bernün^x^ brüllte zurück, damit es jeder der Schel- jgÄ . uurcheinander Redenden hören sollte: ^Nklaü 6 ^eben erst die Kranken aus den anderen M;, « 9ef)o(t, jetzt kommen die Euren an die

erft die anderen, die Reichen. Wir können aen wie das Vieh . .

Regentag.

M fröftelnber Morgen, ein Regenmorgen. K. henft an graue spinnende Sorgen, Keiles was Herzen Mühe schafft. — K» hofft auf Sonne, auf Mut, auf Kraft.

Veaenabenb — ein Plätschern, ein Gießen, «n denkt an ein Kind, dessen Tränlein fließen | mutier, die selber leis weinend spricht: KL nicht! Weine, nicht!

; FridaSchanz.

Beilage zur Fuldaer Zeitung

schlafähnlichen Zustande, in dem zwar gewisse Hirnteile ihre Funktion eingestellt haben, diejenigen aber, deren Funktion die Beschäftigung mit dem Problem ist, weiter arbeiten und dabei schließlich — natürlich immer nur nach genügender Vorbbreiiung — auch einmal zum Abschluß einer Gedankenkette gelangen können.

Eine Rundfrage, die Professor Hoche in Freiburg i. B. an hundert Hochschullehrer über ihre Traumerlebnisse ge­richtet hat, bringt auch einige Berichte von Gelehrten über solche Problemlösungen int Traum. Ein Professor berichtet z. B. davon, daß er bei feiner Doktorarbeit auf mathematische Schwierigkeiten gestoßen sei, die ihm wo­chenlang zu schaffen machten. Wieder ging er eines Abends recht bedrückt zu Bett, denn wieder war ihm die Lösung seiner Aufgabe nicht geglückt. Er schlief sehr schlecht, ba fein Gehirn im Traum weiter arbeitete. Als er am anberen Morgen aufwachte, besaß er bie Lösung seiner Ausgabe. In biesem Bericht kommt nicht nur der Umstand klar und deutlich zum Ausdruck, daß schon wochenlang an der Lösung der Aufgabe gearbeitet wor­den ist, sondern aucy der, daß im Schlaf, der deshalb als besonders schlecht empfunden wird, die Beschäftigung mit dem Problem fortgesetzt wurde.

Ein anderer Gelehrter berichtet davon, daß er tags­über mit der Entzifferung einer koptischen Handschrift beschäftigt gewesen sei, wobei ihm ein Wort besondere Schwierigkeiten bereitete. Als er sich bann enblich zum Schlaf niebertegte, begann er im Traum bie Handschrift zu betrachten, dabei stieß er wieder auf die Schwierigkeit, und nun kam ihm plötzlich der Einfall, daß die schwierige Wortform an der und der Stelle im Lexikon zu finden wäre. Darauf erwachte er, stand sofort auf, schlug im Wörterbuchs nach und fand sofort die Lösung. Die im Wachzustand gesponnene Gedankenkette war eben im

Schlaf, während einige Hirnpartien ruhten, von den an­deren infolge von Ueberreizung weiter tätigen zu Ende geführt worden.

Was hier „als im Traum geschehen" bezeichnet wird, ist aber kein wirkliches Traumgeschehnis — denn bei diesem ist die Tätigkeit der Zentrale ausgeschaltet und damit auch die Fähigkeit zu logischem Denken — sondern ein Weiterarbeiten bestimmter Hirnpartien beim Ruhezu­stand anderer. Kurz, im wirklichen Traum sind wir we­gen Ausschaltung der Zentrale gar nicht in der Lage, lo­gische Urteile zu fällen. Was uns in unseren Traurn- erlebnissen als vollzogenes Urteil erscheint, ist nicht das Ergebnis einer Stellungnahme des Ich zu dem Denk- moterial im Sinne einer begriffsmäßigen Zerlegung, son­dern die Auswirkung eines noch vom Wachleben her ur­teilsmäßig geordneten Materials.

Die sogenannte Leistung des Traumes beschränkt sich also sowohl bei der Konzeption künstlerischer Einfälle als auch bei der Erledigung wissenschaftlicher Probleme dar­auf, daß in jenem Teilfchlafzustande die zwar schon in der Nähe liegende, aber im Wachen vergeblich gesuchte Schlußverbindung von Ausgangs- und Zielvorstellung gefunden wird. Das beweist auch die Schilderung des Chemikers Kekule, wie er, im Halbschlaf am Kamin sitzend, zur Ausstellung seiner Theorie des Benzolrings gekommen ist. Auch hier handelte es sich um oft und lange Zeit durchdachte und der Lösung schon recht nahe gebrachte Gedankengänge, die nun plötzlich ihren logischen Abschluß fanden. Man geht wohl nicht fehl mit der An­nahme, daß der in solchem Halbschlafzustande sich ein­stellende Wegfall der mancherlei Hemmungen des Wach­zustandes und die ihm eigene Steigerung der plastischen Anschauungsfähigkeit an der Erreichung des Zieles star­ken Anteil haben.

Mschzug im brennenden Meer.

Eine Erinnerung an die Krim.

Es ist Abend. Wir fitzen im „Blitz", einem Kaffee­haus, das von zwei Hängelampen matt erhellt und ganz mit Tabakgualm erfüllt ist. Alle Tische sind besetzt. Ei­nige Gäste spielen Domino, andere Karten, wieder an­dere trinken Kaffee ober genießen einfach nichtstuerisch Wärme und Licht.

Plötzlich bemerke ich, wie Christo mir mit den Augen winkt. Er ist nicht allein. Mein Lehrmeister und Füh­rer Iani sitzt neben ihm.

Ich trete zu den beiden. Christo fordert mich zu einer Partie Domino auf, und während wir scheinbar in bas Spiel vertieft sind, flüstert er mir, mit den Steinen klap­pernd, zu: „Nehmt Eure Disane, Herr, und begebt euch, möglichst ohne Aufsehen zu erregen, mit Iani an den Hasen. D i e ganzeBucht ist voll von fetten Meereschen. Die „Schweine" haben sie an- getrieben."

Disane sind feine Netze von sechzig Ssaschen (ca 135 m) Länge und einem Ssaschen (ca. 2,25 m) Breite. Sie werden in drei Streifen ausgelegt. Die zwei äußeren ha­ben weiten Maschen, das innere hat enge. Die kleine Skumbria geht zwar durch die weiten hindurch, ver­wickelt sich jedoch in den engen. Umgekehrt geraten die breitgestirnten großen Fische, sobald sie nur mit dem Maul das innere Netz berührt haben, und sich erschrocken umwenden, unfehlbar in die weiten Maschen der äuße- ren. In Balaklava bin einzig ich im Besitz derartiger Netze. —

Heimlich und besorgt, niemandem zu begegnen, trage ich mit Iani die Disane an das Ufer. Die Nacht ist so finster, daß wir nur mühsam Christo erkennen, der unser schon im Boot harrt. Schnauben, Grunzen und schwere Seufzer schallen von der Bucht empor. Sie rühren von Delphinen her, den „Schweinen des Meeres", wie die griechischen Fischer diese Tiere bezeichnen. Eine unge­heure vieltausendköpfige Schar von Fischen haben bie Delphine in ben engen Meerbusen getrieben und fahren nun roilb zwischen ihnen her und hin, sie auf ihren Zü­gen unbarmherzig, in Massen verschlingend.

Das, was wir planen, bedeutet zweifellos einen Raubzug. Einem alten Krauch zufolge ist es innerhalb der Bucht nur gestattet, Fische mit der Angel oder in

Reusen zu ködern. Ein einziges Mal im Jahr und auch dann nicht länger als drei Tage, fängt ganz Balaklava sie in gemeinschaftlich ausgestellten Netzen. Dies gilt als festes — wenn auch ungeschriebenes — Gesetz.

Aber die Nacht ist so schwarz, das Seufzen und Grunzen der Delphine weckt derart leidenschaftliche Jagdgelüste, daß ich, unwillkürlich eine letzte reumütige Regung unterdrückend, mich ins Boot schwing- Wäh­rend Christo lautlos rudert, hilft Iani mir bie Netze ausfpannen. Er ordnet den unteren, mit großen Blei- ftütfen beschwerten Rand, während ich gleichzeitig den oberen richte, der mit Schwimmkorken versehen ist.

Da aber fesselt mich ein wundervolles Schauspiel. In nächster Nähe, an der linken Bordwand, erklingt das laute Schnauben eines Delphins und auf einmal ge­wahre ich wie um bas Boot herum unb unter dem Boot hervor in rasender Geschwindigkeit, einem Feuerwerk ähnlich, zahllose Silberfäden sich schlängeln. Hunderte, ja Tausende von emporschnellenden Fischleibern sind cs, die vor ihren gefräßigen Verfolgern bie Flucht ergriffen. Unb nun bemerke ich auch, daß bie gesamte Mee­resoberfläche g le ich f am in Flammensteht. Auf ben Kämmen ber kleinen, leise plätschernben Wellen liegen Milliarben blauer Edelsteine verstreut. Dort, wo die Ruder das Wasser aufpflügen, erglühen in zauber­haftem Glanz tiefe leuchtende Furchen. Ich tauche bie Hanb ins Wasser, und als ich sie hervorziehe, rinnt ein Strahl glitzernder Brillanten nieder; lange nachher noch blinken an meinen Fingern bläulich phosphoreszierende Fünkchen. Es ist eine jener verzauberten Nächte, von der die Fischer sagen: „Das Meer brennt."

Ein neuer Schub Eschen jagt in rasender Eile unter dem Boot hin, das Wasser wie mit kleinen Silberpfeilen durchbohrend. Und jetzt vernehme ich das Prusten eines Delphins unmittelbar neben uns. Da ist er! Einen Augenblick lang erscheint er unb verschwinbet roieber vor dem Bug unseres Bootes. Er schwimmt tief, doch mit außergewöhnlicher Deutlichkeit kann ich feinen kraftvollen Zug und ben Umriß des gewaltigen Körpers erkennen, ber von zahllosen Leuchtkörpern sorgsam nachgezogen wird, so daß er einem durchsichtigen Skelett ähnlich sieht.

„Die anderen waren zuerst gemeldet, niemand wird bevorzugt. So — Nun bringt Eure Kranken, aber schnell, jede Verzögerung bedeutet Gefahr . . ."

„Sie, Doffpr, ist wirklich die Pest an Bord? Sterben bie Kranken alle?"

„Wir müssen alle einmal sterben, bie einen früh, bie anberen spät . . ."

„Das ist keine Antwrt auf unsere Frage. Haben wir eine Epibemie auf bem Schiffe ober nicht. Ja ober Nein?"

Da packte Urgejowitsch eine maßlose Wut über dies sinnlose Treiben ber Leute, er sprang noch brei Schritte vor, mitten unter die erregte Menge unb schrie sie an:

„Weg mit Euch, fort von hier! Wir haben eine Seuche an Borb — Schlimmer als bie Pest, nun wißt Ihr, was Euch bevorsteht!"

Als wenn ein Blitz in bie Menge gefahren wäre, so wirkten biese Worte, kreischenb, aufbrüllend prallte ber Haufen zurück, bie Sorbeten rissen bie hinter ihnen Stehenben zu Boben, eine wahnsinnige Panik bemäch­tigte sich ber von Schrecken unb Grauen Ueberroältigten. Sie stolperten, trampelten übereinanber fort . . .

Urgejowitsch hatte Lust bekommen. Er ließ bie Er­krankten ber brüten Äajütklasse holen, sein Hospital war überfüllt; in ben Betten, auf bem Fußboden, in den Gängen lagen die in Fieber tobenden Todgeweihten unb ber Russe ging von einem zum anbern unb machte bie Seruminjektion. Heute war er unruhig unb erregt bet seiner Arbeit, roieber hat er Vera Tscherskasina oben bei der erregten Menge gesehen, abseits hatte sie gestanden und ihn angesehen und ihr Blick —

In ihm war alles wund und weh, er haßte sich selbst und seine unselige Leidenschaft.

Reue Gedanken ftürnüen aus ihn ein, marterten, pei­nigten ihn — die Worte des Mahatma — einen Tag und eine Nacht würde ber Tob noch wüten — würbe er bas Mittel zur Bekämpfung finden? Würde es vielleicht schon dieses Serum sein, das er gestern nacht hergestellt hatte? Und unwillkürlich lispelten seine Lippen ein Gebet aus seiner Kinderzeit, die längst, längst hinter ihm ver­sunken war. —

Dann — Schreien und Lärmen tönte vom Treppen­schacht herüber, der in bie tieferen Stockwerke bes Schiffes führte.

Alles blickte hin — was---?

Da — Elliot stürzte schwankenb, blutüberströmt aus ber Tiefe herauf, er stolperte an Deck — unb hinter ihm kamen — brei — vier — fünf — sechs schwarze halb­nackte Gestalten — heulenb, tobenb, Irrsinn ber Angst im Blick — bie Heizer meuterten. Dimitri sah ben Ernst der Situation — aufschreiend, lärmend hasteten die eben noch ergebenen Passagiere durcheinander — die Angst vor den wilden, drohenden Gestalten verzweifelter Menschen jagte sie — alles stand auf dem Spiele —- eine schauerliche Panik drohte auszubrechen — Dimitri stieß die ihm im Wege Stehenden beiseite, rannte auf Elliot zu und fing den Taumelnden mit beiden Armen auf.

Die rasenden Heizer stutzten — der ba vor ihnen — bas war ber Arzt — sie stürmten alle auf ihn zu.

„Helfen Sie uns, Doktor, ber Tob ist im Heizraum, in unseren Kammern, im Speiseraum überall — Sie müssen uns helfen ..."

„Ja. ich will Euch helfen, allen will ich helfen, aber Ihr müßt nicht verzweifeln . . ."

In biesem Augenblick kam ber riesige Barkett herbei­gestürzt.

„Ihr Hunbe, was geht hier vor. Hinunter mit Euch — an Eure Arbeit —!"

Er riß seinen Browning aus ber Tasche.

Ein stämmiger Heizer stellte sich breitbeinig vor ihn hin unb streckte seine rußdebeckte, nackte Brust ihm ent­gegen.

„Schieß mich nieber, Kerl, schieß zu. Ich bin Vater von fünf Äinbern, aber lieber will ich auf ber Stelle tot­geschossen werben, als ba unten an ber Beulenpest kre­pieren."

Wie ein Stier brüllte er, jammerndes Geschrei und Aufkreischen unter ben Passagieren antwortete ihm.

„Die Beulenpest."

„Wir sind alle verloren." .

„Sterben — alles sterben."

„Ruhig, Leute ruhig. Ich habe das Mittel, Euch alle zu retten", schrie Urgejowitsch in den Lärm hinein, er hatte Elliot zu Boden gleiten lassen, stand bei ihm unb fuchtelte mit beiben Armen in ber Lust herum, um aller Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

„Leute, selb vernünftig, geht hinunter an Euren Dienst, in einer Viertelftunbe komme ich zu Euch unb mache jedem eine Schutzimpfung, die unfehlbar hilft. . “

Der Heizer fuhr grimmig auf ben Arzt los.

26. Oktober

Christo rubert vollkommen lautlos unb Iani hat nur ein einziges Mal mit ben Bleigewichten geklappert. Das Netz liegt georbnet unb wir können beginnen.

Langsam nähern wir uns dem jenseitigen Ufer. Joni hat sich breitbeinig an der Spitze des Bootes aufgestellt. Ein Stein, um den ein Seil geschlungen ist, entgleitet fei­nen Händen, klatscht kaum hörbar auf bas Wasser und sinkt zum Grunde. Ein Schwimmkorken taucht auf und liegt als kleiner schwärzlicher Flecken auf dem leicht be­wegten Wasser.

Jetzt beschreiben wir mit unserem Boot einen Halb­kreis, "bie ganze Länge bes Netzes entlang, nähern uns wieder dem Ufer und versenken ein zweites Gewicht.

Wenn wir uns nicht auf einem Raubzug befinden würden, sondern „offen" arbeiten dürsten, so würden mir jetzt beginnen, bie Fische zu bedrängen, das heißt, sie durch Geschrei und klalschende Ruderschläge in die aus­gestellten Netze treiben. Aber unsere Tätigkeit scheut Licht und Laut, und so gleiten wir nur stumm von einer Seite der Küste zur anderen, wobei Christo mit dem Ruder unhörbar das Wasser äufwühlt, daß es in prächtig blauen, leuchtenden Blasen brodelt. Zum brüten Male am Ausgangspunkt angelangt, beginnt Iani am Kiel bes Bootes stehenb, ben linken Fuß ein wenig vorge- stemmt, in rhythmischen Bewegungen — halb bie rechte halb bie linke Hand hebend, — bas Netz zu ziehen. Ich sehe, wie es burchs Wasser gleitet und jede Masche, je­des Fädchen zu herrlich feurigem Gewebe sich wandelt. Ich vernehme, wie große Fische schwer und naß auf die Bretter bes Bootes klatschen, krampfhaft zittern und mit ben Schwänzen gegen bas Holz peitschen.

Allmählich nähern wir uns dem gegenüberliegenden Ufer unb ziehen unter ben früheren Vorsichtsmaßregeln auch das andere Netz heraus. Jetzt ist es an mir, bie Ruder zu ergreifen. Die beiden anderen beginnen schon bie Fische aus ben Maschen zu losen. Christo weiß sich vor Freude nicht mehr zu lassen und wirst mit glückselig verhaltenem Gelächter eine breite, silbrig schimmernde Meeresche über Janis Kopf hinweg vor meine Füße.

Der vermahnt ihn leise. Zwar fällt es uns schwer, bas herrlich lohende Wasser zu verlassen. Wir machen einen Umweg unb noch einen, obgleich bie Vernunft schon lange gebietet, in bie Stabt zurückzukehren. End­lich lanben wir an einer oben, menschenleeren Stelle. Hier hat Iani einen Korb versteckt, unb nun fliegen bie fleischi­gen Großköpse, nach benen es so frisch und aufmunternd duftet, handvollweise hinein ....

Zehn Minuten später befinden wir uns wieder im Kaffee. Auf verschiedenen Wegen sind wir gekommen, und jeder erfindet einen Vorwand, der seine Abwesenheit entschuldigen soll. Aber unsere Joppen sind feucht, und an Janis Schnurbart kleben Fischschüppchen. Zudem riechen wir alle durchdringend nach Salzwasser, Tang und Tran. Christo, berauscht vom Glück ber 3agb, be­ginnt sogar prahlerische Anbeutungen zu machen.

,^ch bin eben am Kai spazierengegangen," sagte er, „ihr könnt euch nicht vorstellen, wie bie „Schweine" in ber Bucht Hausen. Geradezu ungeheuerlich!" Unb ba- bei zwinkert er mir mit halb geschlossenem, schlau fun­kelndem, schwarzem Auge zu.

Iani dagegen, der ben Korb in ein sicheres Gewahr- sam gebracht hat, sitzt bich neben mir und murmelt in feine Tasse hinein: „Tausend und zwei, und dabei nur bie allergrößten . . . Dreißig habe ich in Ihre Woh­nung befördert, Herr..."

Das ist mein kleiner Anteil an der großen Beute.

Ich nicke nur einverstanden mit dem Kopf. Mein Gewissen wird ein wenig unruhig bei der Erinnerung an bie eben begangene Missetat. Doch plötzlich fange ich verschiebene schnelle, verschmitzte und verständnisvolle Blicke anderer Fischer auf; und weiß nun, daß m dieser Nacht nicht nur wir drei geräubert haben . . .

Nach dem Russischen des F. A. Suprin von Irmela ß t n b e r g.

Allerlei Weisheit.

In Australien vermieten sich die Dienstmädchen immer nur für eine Woche.

Einer eiten Urkunde nach kannte man in Deutschland den Regenschirm schon zur Zeü Karls des Großen.

In 75 Prozent aller Fälle von Verletzungen ber Gliebmaßen finb bie rechten davon betroffen.

JEßarum haben Sie bas nicht längst getan? Warum mußten erst unsere Kollegen sterben unb viele liegen noch unten unb fein Mensch kümmert sich um sie. Sind wir keine Menschen? Sind wir Vieh?"

„Habe ich hundert Hände", brüllte Urgejowitsch ihn an, „bin ich ein Wundertäter? Ueberatl kann ich nicht zugleich fein."

„Warum verringert man die Geschwindigkeit bes Schisses? Erst mußten wir heizen wie verrückt unb bann heißt es stoppen. Will man uns erst alle sterben lassen, ehe wir bie Küste erreichen?"

„Verfluchter Hunb, bas kümmert Dich gar nichts", schrie jetzt Barket unb hielt bem Heizer ben Browning dicht oors Gesicht.

„Runter mit Euch ober . . ."

„Ruhe ba —" tönte gewaltig unb besehlenb bie Stimme bes Kapitäns, er war telephonisch durch den Obermaat gerufen worden.

„Ruhig, Leute," wie ein König stolz und frei, stand er vor ihnen, „Ihr bekommt dreifachen Lohn, tut Eure Pflicht, der Arzt hilft soweit er kann, mir alle sind nur Menschen. Männer, helft mir die Passagiere zu retten, arbeitet für Euch und Eure Kameraden, Männer, wir sind über eintausenddreihundert Menschen an Bord, es gilt das Leben, helft mir, alle zu retten."

Er streckte dem Heizer seine Rechte hin.

Da ging eine seltsame Bewegung durch den unheim­lich und wild aussehenden Mann, er packte die Hand des Kapitäns mit seinen mächtigen Pranken und drückte sie, feucht funkelten seine Augen.

„Herr Kapitän, Sie sind ein Mensch, topp, wir ma­chen es."

Er ließ die Hand des Sapüäns fahren und drehte sich zu seinen Genossen um.

„Los, Jungen, runter. Wir fahren! Wir heizen und wenn uns alle ber Teufel holt, wir heizen, an uns soll es nicht liegen."

Alle gehorchten bem Räbelssührer, sie gingen zur Treppe unb polterten hinunter, schwer unb wuchtig wie Titanen, Titanen bes Willens zur Pflicht.

27.

Der Funker Jenkins arbeitete wie im Schlafe, bald konnte er nicht mehr, bie Nacht burch hatte er bie Appa-