«r. 243
Beilage zur Fuldaer Zeitung
19. Oktober
Besinnung.
Don Hellmut Schwabe.
Sprecht, Menschen, nicht so viel und laut; holt Atem unter eurer Bürde!
So manches gibt es, was erbaut und was euch hell beglücken würde.
Erdrosselt eure Seele nicht im dumpfen Kampf um Geld und Speise! Verdunkelt nicht das gute Licht und rastet einmal auf der Reise.
Zum Ziel, das früh genug ersteht! Ein schöner Herbst ist in den Auen und lodert, ehe er vergeht, daß fchütternd stehen, die ihn schauen.
Männer -er Konzentration.
Kedächlnirstarke Musiker, Staatsmänner und Detektive.
Von Dr. Paul Brasch.
$is in neuester Zeit wieder viel erörterte Lchre von Sedächtniskunst (Mnemonik) besaß bereits in den griechisch-römischen Rednerschulen zahlreiche Anhänger. So rühmte sich beispielsweise der Sophist Hippias aus gli3, mittels eines geheimen Kunstgriffes imstande zu sein, 50 nacheinander gesprochene Namen sofort zusammenhängend zu wiederholen.
Die „G r o ß e Kun ft" des Raimundus Lullus 1234 bis 1315) war im Grunde genommen nichts weiter als eine mittelalterliche Neubearbeitung der antiken Mnemotechnik. Die Verse des Cisto-Janus, dieses Vorläufers des gregorianischen Kalenders, sind ebenfalls als Ausdruck mittelalterlicher Gedächtnispflege anzusehen. Wir wissen ferner, daß Leibn,iz sich zeitweise sehr eifrig mit der Lehre der Gedächtniskunst beschäftigte und mit ihrer Hilfe eine für alle Sprachen brauchbare Weltein- heitsschrift zu schaffen versuchte. Als Newton gelegentlich von einem seiner Bewunderer befragt wurde, wie es ihm möglich gewesen sei, seine weltberühmten Entdeckungen zu machen, antwortete der große Physiker gelassen: „Indem ich an nichts anderes dachte." Sein ganzes Sein, all sein Denken und Empfinden konzentriert sich bei ihm auf seine bedeutende Lebensaufgabe, und so gelang ihre Lösung endlich der beharrlichen Entschlossenheit seines Willens.
Jeder geistig regsame Mensch besitzt ein gewisses System der Gedächtniskunst — der Volksmund spricht von „Erinnerungsfächern" — das nur ihm eignet und dessen er sich nicht selten ganz unbewußt bei allen möglichen Gelegenheiten bedient. Männer mit überragender Tedächtniskraft gab es zu allen Zeiten. Musiker, Schriftsteller, Staatsmänner und Detektive stellen erwiesenermaßen das Hauptkontingent dieser Ausnahme- naturen.
Der junge Mozart kann in dieser Hinsicht als Musterbeispiel gelten. Als Kind hörte er gelegentlich dm berühmten Knabenchor in der Sixtinischen Kapelle. Tregorio Allegris „Miserere" gelangte zum Vortrag, dieses geheiligte Meisterwerk italienischer Tonkunst, das damals einen besonderen Schutz vor jeglicher Profanierung genoß und von dem weder einer der Zuhörer noch der Mitwirkenden auch nur den geringsten Teil niederschreiben durfte. Mozart berauschte sich an der Schön- Oeit dieser Musik. Einige Nächte später fand Vater Mv- Mt seinen hoffnungsvollen Sprößling an seinem Pulte schlafend vor, und neben dem Knaben lag die gesamte Partitur der „Miserere". Mozart hatte sie fehlerlos aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Sein eminent musika- »schcs Gedächtnis hatte damit das Meisterwerk seines meheimniffes entkleidet und cs tongetreu der Mit- und Nachwelt vertyittelt.
~ 5r ,u r ° Toscanini, der jüngst in Bayreuth die vestplele mit gleicher Virtuosität leitete wie früher die Sitzen Aufführungen der Mailänder „Scala" oder der Myorker Philharmonischen Symphonie, besitzt eben- L-j ein ganz außergewöhnliches Gedächtnis. Er diri- mie.. übrigens auch mancher namhafte deutsche 1>'er, ständig aus dem Gedächtnis heraus, auf das er ^E^ingt^erlaffen^kann. Bei einer Lohengrin-
Das Vakkerienfchlff.
Ein Roman in 7 Tagen.
Son Hellmuth Quast-Peregrin.
Copyrigth by Greiner u. Co., Berlin.
»Kein, lieber diesen Türen steht geschrieben: Lasciate itn coi ch'centrete." (Lasset alles Hoffen drau- £r> °ie ihr hier eintretet).
er, daß ich zu Ihnen komme, das können Sie mir "Hi -erwehren."
h "ehren kann ich es Ihnen nicht, doch ich sehe »uyr gern."
*n einer Stunde."
6ie"hi^-t' ne*.n' ich werde Ihnen Nachricht geben lassen, c>-..*? "i<ht herunterkommen."
Corh begab sich in den Rauchsalon.
ftflg y. Shrewsbury hatte des Guten zuviel getan, mein« Don 1 o k'äiste er dem Kommenden entgegen.
i|B :Q *■ ^-vrdship, wo bleiben Sie denn? Ach so, Du tßo fteit'C!n Schwiegersohn, old boy, stoß mit mir an. topf?« öenn der Dudley, hat er wieder seinen eigenen
ßorh
len in rlri/U£l.ei9^ fühlte einen offensichtlichen Widerwil- seiner g-? ""Quellen. Sollte er diesem alten Manne in ^|eubern?1'etIaUne die gräßliche Wahrheit ins Gesicht ter auffü^en vielleicht ein noch widerlicheres Thea- kttenU;^e^ nnd White haben sich schlafen gelegt, sie .rnhalle einen Match ausgetämpft und „Nu» x bie lassen sich durch mich entschuldigen.
^etosh'n, 05 roitI ich gelten lassen", knurrte Lord Nte?^' "Nicht wahr, Professor," wandte er sich an ich, £ie si», "6as ,ann man gelten lassen. Ja, was sehe ich nicht,- dem leeren Weinglas? Nein, das dulde Sts Don”^?’6 ^iosche und goß mit zitternder Hand das 8orb kn l n eigenes darüber zu vergessen.
. ®Wenbnf^ iesite sich neben feine junge Frau.
tet anqftDnr[n- er9r*ff Zärtlich feine Hand und sah ihn , F” tragendem Blick in die Augen. Sie wollte |
Probe unterbrach Toscanini einmal den Vortrag des Orchesters und wies die Musiker auf einen Spielfehlcr hin. Sie behaupteten indessen, sich streng an die Partitur gehalten zu haben und erklärten, die Stelle jahrelang nie anders gespielt zu haben. „Dann sind Ihre Partituren an dieser Stelle verdruckt", behauptete Toscanini, steif und fest. Er ließ sich das Wagnersche Original kommen und bewies dem erstaunten Orchester schwarz auf weiß, daß Tausende von Ohren und Augen jahrelang von diesem Druckteufel hintergangen worden waren.
Gedächtniskunst ist die Fähigkeit des lebhaften Erfassens und Festhaltens von Eindrücken, Gedächtnisschwäche im Grunde genommen nichts weiter als eine Schwäche des persönlichen Interesses eines Menschen. Den Schauspieler interessieren charakteristische Köpfe, szenische Vorgänge, den Maler bildhafte Vorstellungen, den Statistiker Zahlen, den Musiker Töne. Im Gehirn werden die Vorstellungen gleichsam in eigens dazu bestimmten Zentren aufbewahrt. Wir sprechen vom Sprachzentrum, Musikzentrum, Formen- und Farbcn- zentrum, volkstümlich von „Erinnerungsfächern".
Der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt erregte auf Grund seiner Fähigkeit allgemeines Aufsehen, die Seite eines beliebigen Buches zu überfliegen und ihren Inhalt bann Wort für Wort aus dem Gedächtnis versagen zu können. Französische Abgeordnete rühmen an Raymond Poincare fein stark ausgeprägtes Zahlengedächtnis, das es ihm häufig ermöglichte, bei den Beratungen des Finanzausschusses der
Kammer stundenlange Vorträge zu halten, in deren Verlauf er die verwickeltsten statistischen Angaben, mitunter ganze Tabellenreihen, frei aus dem Gedächtnis machte. Hoovers früherer Gegenkandidat, Gouverneur Smith, zeichnet sich auch durch ein sehr zuverlässiges Gedächtnis aus. Er diktiert seinem Stenographen gewöhnlich seine Vorträge und Ansprachen und stellt den Wortlaut im voraus den Tageszeitungen zum Abdruck zur Verfügung. Dann spricht er frei und ohne Vorlagen, und seine Ausführungen decken sich in der Regel wörtlich mit den bereits itn voraus gedruckten Referaten der Zeitungen.
Von einigen berühmten Londoner Detektiven wird behauptet, sie kennten jeden Beamten des großen Scotland Darb sowie die Vorgeschichten aller im Verbrecheralbum befindlichen schweren Jungen. Der Portier eines hochangesehenen englischen Junggesellen-Klubs kennt sämtliche Mitglieder — es sind mehrere hundert — genau bei ihrem Namen. Er irrt sich, wie ihm der Klubvor- stand wiederholt bezeugt hat, niemals. Und wenn man alle diese Männer der Konzentration nach den Ursachen ihrer ungewöhnlichen Gedächtniskraft fragt, so wissen viele von ihnen selbst keine einleuchtende Erklärung dafür, während die übrigen von Willenstraining, Gedankenschulung und kleinen systematisch angewandten Kunst- grfffen des Verstandes sprechen. Das liebel unserer Zeit, die dem Spezialistentum so große Vorrechte ein- räumt, heißt Zersplitterung. Nur der Wille zur Konzentration kann dieses liebel überwinden.
Tiere wandern.
Sine zoologische Plauderei von Clara Hepner.
Wenn wir Schwalben und Störche sowie Stare haben fortziehen sehen, würde das Herz uns schwer werden, wenn wir nicht wüßten, sie kommen wieder, kommen zurück in die Heimat. Denn nicht in Italien ober Aegypten ist ihre Heimat, sondern bei uns, wo sic ihre Nester bauen und ihre Kinder aufziehen. Dort unten suchen sie nur ihre Nahrung.
Die Vogelarten, die von Körnern leben und sich daher auch im Winter hier ernähren können, die Finken, Amseln, Meisen bleiben ruhig bet uns. Wo aber sotten Schwalben und Stare bei Schnee und Kälte ihre Mücken- und Käfermahlzeiten herbeziehen ober der Storch feine Frösche?
So heißt es also reifen. Aber nicht allein, immer tun sie sich zu großen Gesellschaften zusammen, als glaubten sie, vereint den Gefahren unterwegs besser widerstehen zu können. Einen Kalender für den Tag der Abreise brauchen sic nicht und eine Landkarte oder einen Fahrplan ebensowenig. Ein erfahrener Akter übernimmt die Führung, und sein scharfes Auge und ein ganz fabelhafter Ortssinn lassen ihn immer das Ziel finden. Ein Vogel, der einmal die Reise gemacht hat, kann im nächsten Jahr schon selbst Führer sein und kennt den Rückweg so genau, daß er im Frühjahr sein altes Nest in der Heimat unfehlbar wiedersinbet.
Die Schwalben, die Flugmeister unter den Vögeln, könnten die Reise nach Afrika in einem Tage machen. Aber solche Eile haben sie nicht. Sie ruhen unterwegs gern aus und auf dem Flug übers Meer lassen sie sich sogar bisweilen auf Schiffen nieder. Andere, weniger schnelle Zugvögel müssen größere Ruhepausen machen und werden bann, namentlich in Italien, wo npch immer eine grausame Vogelfängerei ber Brauch ist, zu laufen« bey gefangen. Auf einem Markt in Florenz sah ich schaudernd unsere lieben Drosseln, Lerchen und Nachtigallen gemordet an einer Schnur aufgereiht als Leckerbissen zum Kauf angeboten.
Neben diesen Weitgereisten gibt es noch eine Gruppe, die man Strichvögel nennt, z. B. die Haubenlerche und der schönsarbige Eisvogel Die reifen nicht zu bestimmten Jahreszeiten, sondern streichen, wenn sie die Jungen ausgebrütet haben, regellos aus einer Gegend in die andere, immer den reicheren Futterplätzen nach.
In Nordamerika zichen die Wandertauben in ungeheuren Schwärmen von Ort zu Ort. Wie dunkle Wolken kommen sie angesaust, und wo sie sich mit rauschenden Flügelschlägen niederlassen, da bleibt in Saatfeldern und Siebelungen kein Korn übrig. Die Pflanzer feuern
in den Schwarm hinein, was sie können; trotzdem wird die Masse nicht geringer, und wenn sie sich erheben, lassen sie völlig vernichtetes Gebiet hinter sich.
Ebenbürtige Kameraden haben diese Wanderer in der Jnsektenwelt. Wir kennen sie schon aus der Bibel, die Wanderheuschrecken, von denen es dort heißt: „Sie bedeckten das Land und verfinsterten den Himmel, sie fraßen alles Kraut und alle Frücyte auf den .. . 4 und ließen nichts Grünes übrig in ganz Aegyptenland". Auch nach Südrußland, Ungarn, Südamerika wandern sie und lassen, wo sie gelagert haben, auch noch ihre Eier zurück, ein gar schönes Gastgeschenk.
Geradezu schreckenerregend wirkt eine Ameisenart in ihrer verheerenden Wandertriebkraft. Ihre Heimat ist der afrikanische Busch, die Dschungel, und jede Trägerkarawane, die dieser unheimlichen Völkerwanderung begegnet, stürzt in wilder Flucht davon. Dieser Heerwurm erscheint wie ein schwarzes Band, das sich stetig vor- wärtsschisbt. In musterhafter Ordnung marschieren dichtgedrängt in ber Mitte die Arbeiter, an den Flanken und als Vorhut schwärmen die Soldaten. Was diesem zu einem riesigen Raubtier vereinigten, wimmelnden Haufen entgegentritt, wird angegriffen und ist ihm verfallen. Diese Ameisen fressen alles Lebendige, es mögen Würmer oder sonstige Kleintiere sein, es ist aber auch unter Umständen ein Elefant, wenn er sich nicht beizeiten rettet. Milliarden kriechen an ihm hoch, überziehen seinen empfindlichen Rüssel, fressen sich ein in Augen und Ohren, selbst in die lederdicke Haut bringen bie furchtbaren Kneifzangen. Eingeborene versichern, daß ein solches Ameisenvolk innerhalb dreier Tage einen Elefanten bis auf bie Knochen verzehrt. Sie haben übrigens kein festes Ziel, sondern gehen nur auf Beute aus.
Fast allen anderen Wandertieren ist hauptsächlich daran gelegen, günstige Orte für die Nachkommen zu suchen. Diese Fürsorge treibt auch manche Arten von Fischen auf die Reise. Die Heringe vor allem sind solche Wanderfische. Zur Zeit, da sie ihre Eier ablegen wollen, Laichzeit nennt man sie, treibt sie ein tiefgewurzelter Instinkt aus den Tiefen des Meeres heraus an die Küsten Europas und Amerikas, denn sie brauchen für bie Eier und beren Entwicklung ruhigere, seichte Gewässer. In ungeheuren Scharen, bicht gebrängt, kommen sie herangezogen unb sind ben Fischern ber Küsten willkommene Beute. Milliarben von Heringen werden um diese Zeit gefangen, und doch wird dieses fruchtbare Fischvol? nie aussterben, denn ein einziges Weibchen legt mehr als 50 000 (Eier.
roeiterreben, aber das Benehmen ihres Vaters lenkte sie ab, es ärgerte sie, benn ber alte Her schwenkte fein Glas fröhlich hin unb her unb tränt ben Amerikanern zu, bie am Nebentifch mit Vera Tfcherfkasina saßen.
„Papa," sie legte ihre Hanb auf feinen Arm.
„Was willst bu, meine Tochter?"
„Wir gehen jetzt. Kommen Sie, Lorb Shrewsbury."
Der alte Herr wollte noch Einwenbungen machen, aber Huxleih schob seinen Arm in ben feines Schwiegervaters unb zwang ihn auf biefe Weise zum Abbruch der solennen Kneiperei.
25.
Nacht. In rafenber Fahrt durchschneibet der riesige, schwarze Schiffsleib die wogenden Fluten des Atlantic und ein mächtiger zerteilter Wellenberg umquirlt, umbraust sprühend und zischend ben scharfen Bug. Grell- glühenb starren erleuchtete Bullaugen, unb ihr Schein tanzt glitzernb auf ben Wellenkämmen. Dicke Rauchwolken quellen sich überstürzenb, roirbelnb aus ben gewaltigen Schloten, ber Sturm packt unb zerreißt sie und die jagenden Schwaden versinken wie ein zerstiebender Geisterschwarm in der unergründlichen Tiefe der Nacht.
In einer 8er Zellentüren des Hospitals erschien eine Gestalt im weißen Operationsmantel — Dimitri —. Der Arzt trat in den Gang unb gab so bie Türe frei, aus ber vermummte Männer mit einer Bahre heraustraten, auf ber sie einen Menschenkörper trugen.
Die Männer hatten die Gesichter mit Tüchern verhüllt, daß nur die Augen frei waren und ihre Hände waren umwickelt. Glichen sie nicht unheimlichen Geistern der Unterwelt, Lemuren?
Wieder tarnen Männer mit einer Bahre, waren es Leichen, die man fortschafste?
Eine dritte, eine vierte —.
Die Leichenträger schritten den langen Gang hinunter, dort war die Treppe, die zum Backdeck führte.
Jetzt tauchten die Träger mit der ersten Bahre aus der Versenkung auf, sie schritten mit ihrer Last zur Reeling, die nächsten folgten ihnen dicht auf den Fersen und bann — ba drüben stand der Kapitän — dann warfen die Männer einen Körper nach dem andern über Bord in das bewegte Meer.
Die Teilnehmer der gräßlichen Prozession verharrten noch einige Zeit dort an der Reeling.
Dann kehrten sie um, um neue Last für ihre Bahren zu holen. Sie holten Professor Gibbons, den Chinesen unb den toten Affen aus den Kabinen, in denen sie die ganze Zeit gelegen hatten. Abermals kamey sie mit den Leichen am Kapitän vorüber.
Oliver Sidney ließ den Kopf auf die Brust sinken, eine Träne feuchtete seine Wimper, rasch wischte er sie mit dem Handrücken weg.
„Sir, es ist schauerlich," wandte er sich an dem neben ihm stehenden Dimitri,,,glauben Sie, daß die Seuche noch viele Opfer fordern wird?"
„Herr Kapitän, das weiß ich nicht, fieberhaft arbeite ich jede freie Minute in der Apotheke — ich will das richtige Serum zusarnrnenstellen, aber mir fehlt zu viel, wir haben kein Laboratorium an Bord."
„Was brauchen Sie? Der Funker muß lange Nacht machen und feinen Hilf.eruf ununterbrochen ausfenben, man wirb ihn auffangen unb uns helfen."
Urgejowstsch zuckte mit ben Schultern.
„Wer soll uns helfen, wer kann es? Lassen Sie vor allen Dingen Desinfektionsmittel anforbern, unser Vorrat ist bei bem ungeheuren Bebarf halb erschöpft. Lysol. Formalbehyb.
„Gut, ich werbe es anforbern. Ich gehe jetzt zu unserem Funker Jenkin, unb, wenn etwas befonberes vorfallen sollte in dieser Nacht, Sir, dann kommen Sie zu mir."
„Herr Kapitän, ich halte es für besser, sie kämen nicht so häufig mit mir zusammen, ich bin schließlich Bazillenträger . . ."
„Reden Sie mir nichts drein, lieber Mister Urgejo- witsch, ich bin der Hausvater dieses großen Hauses unb habe mich um die mir Anvertrauten zu kümmern. Also nun," gute Nacht."
Er bot dem Arzte die Hand, der lehnte lachend ab.
„Nein, Herr Kapitän, so weit geht die Freundschaft nicht.
Betroffen blickte Oliver Sidney den anderen an.
„Sie zürnen mir wegen Ihrer Verhaftung? Mußte ich nicht meine Pflicht tun? Ich hatte doch Befehle aus Newyork zu befolgen."
„All right, Sir, goob night," sagte Dimitri kurz, ließ den Kapitän stehen, schloß eigenhändig Gibbons Sabine unb nahm den Schlüssel an sich. Oliver Sidney war ein I
Auch die Schellfische und Sardinen ziehen in Scharen an bie seichten Küsten, verschaffen ihrer Brut eine sichere Kinberstube unb kehren bann ins Meer zurück.
Noch merfroürbiger sind bie Reisen der Lachse, bie ja auch Salzwasserfische sind, b. h. Bewohner ber Meere; ihre Kinder aber brauchen fürs erste „süßes" Walser, iiarnüch bas der Flüsse unb Bäche. So beainnc'.' b >a im April und Mai bie Lachse in großen Gesellschaften aus dem Meer in die Flüsse hineinzuschwimmen, in ben Rhein, in die Elbe, Weser, Oder, Weichsel. Alle Hindernisse, hohe Dämme ober Wehre werben übersprungen, in die Nebenflüsse wird eingelenkt, bis sie den feinen Sandboden gesunden haben, ber für die Eier am zuträglichsten ist. Für die Reise von den Rheinmünbungen bis Basel brauchen bie Lachse zwei Monate. Dafür geht bann bie Rückreise um so schneller. Die jungen Lachse die nach drei bis vier Monaten aus den Eiern kommen, bleiben bas erste Jahr in ben Flüssen, im zweiten aber versammeln sie sich unb reisen immer flußabwärts, bis sie ins Meer gelangen.
Gerade umgekehrt macht es ein Süßwasserfisch, der Aal. Die Weibchen dieser schlangengleichen Fischart finden das Meer am geeignetsten für ihre Brut und schwimmen im Spätherbst in Scharen dorthin. Im nächsten Frühjahr wandern dann die Jungen in die Flüsse ein und bevölkern alle Nebengewässer. Dabei schrecken sie vor keinem Hindernis zurück; ist ihnen etwa ein Wasserfall im Wege, so schlängeln sie sich seitwärts die Ufersel- sen hinauf, bis sie wieder an ruhiges Wasser kommen.
Auch unter Säugetieren gibt es Reisende. Das Renntier wandert in Gruppen nach anderen Futterplät- zen, bleibt aber in den nordischen Landstrichen, und ein ' kecker Wanderbursche, ein kleines munteres Nagetier, -’ng genannt, macht sich durch seine gelegentlichen Überfälle und feine Freßgier dort sehr unbeliebt.
Jas schlimmste Wanbervolk aber, das, aus Osten kommend, um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa eindrang, sind bie Wanberratten. Gegen biefes zähe Volk war unb ist jeber Kampf vergeblich. Sie haben sich auch keineswegs auf Europa beschränkt, sondern sind — wie echte Weltreisende — zu Schiff nach Amerika und haben die ganze bewohnte Erbe erobert. Es ist eine ungemütliche Vorstellung, zu benten, baß in ben untersten Lagerräumen jener prachtvollen großen Luxusbamp- fer, auf denen die reichen Leute aller Nationen ben Ozean überqueren, die graue Wanderratte ohne Paß und Zoll mitfährt als wahrhaft - internationale Reisende. Nun freilich, Vergnügungsreisen sind das nicht; alle Tierwanderungen haben immer nur den Zweck, bessere Lebensbedingungen für sich oder die Nachkommen zu suchen, allen Gefahren zum Trotz.
Feierabend.
Von Theodor Vogel.
Herr Walther, den sie den Vogelweider nennen, sitzt vor seinem Haufe in der Nachmittagsfonne. Die Herbst- roärme tut ihm gut: er hält die Augen geschloffen und träumt unb denkt einstiger Sommertage.
Zu Mittag ist der Geyer von Giebelstabt bei ihm gewesen. Der Alte ist ein häufiger unb lieber Besuch auf ber Vogelsburg. Immer trägt er ein wenig frisches Leben unb Heiterkeit ins Haus, weiß ben Vogelweiber von ben Dingen der Welt zu unterhalten und mit fröhlichen Geschichten zum Lachen zu bringen.
Auch ber Geyer kommt gern zu Herrn Walther.
„Wißt Ihr!" hat er heute zu ihm gesagt: „Meine jungen Leute zu Haus finb mir zu laut. Kinbergeschrei, wenngleich . . ."
Der ©iebelftäbter ist plötzlich verstummt. Mit einem heimlichen, beinahe zärtlichen Lächeln auf seinem zerrissenen Gesicht, hat er dann seine Worte von vorhin leiser zu Ende gesprochen:
„. . . wenngleich solch junges Volk dennoch meines alten Herzens Freude ist . . ."
Unb plötzlich hat er roieber, wie sonst immer schon, von seinen Enkeln baheim erzählt, von ihren luftigen Streichen, ihren ersten welschen Reben, ihren Wegen und Gängen.
Der Vogelweiber hat solches mit einem stillen Lächeln gehört und mit seinem Kopf bazu genickt, aber kein Wort
paar Schritte gegangen, er blieb plötzlich stehen, roanbte sich um unb kam zurück.
„Mister Urgejowitsch, wir wollen nicht im Bösen aus- einanbergehen, keiner von uns beiben weiß, ob er dies« Nacht überlebt, lassen Sie uns Freunde sein, denn ich schätze Sie hoch, um des Dienstes willen, den Sie mit Ihrer jetzigen Tätigkeit hier an Bord leisten."
„Und halten mich doch für einen Verbrecher, obgleich ich Ihnen sagte, daß ich unschuldig bin."
„Sir, wir sind alle arme, irrende Menschen . . .*
„Je länger wir im Irrtum befangen bleiben, desto armseliger werden wir."
„Doktor, seien wir Freunde," mit. entgegengestreckten Händen trat Oliver Sidney auf den Russen zu.
„Gut, seien wir Freunde und dienen wir mit vereinten Kräften denen, bie uns brauchen."
Und ber feste Hänbebruck besiegelte ihren Bunb.
26.
„Suzanne!"
Leise, schwach klang ber Ruf.
Die treue Zofe eilte herbei.
„Madame?"
„Suzanne, bist du bei mir?“
„Madame, ich bin hier."
Langsam schwer hoben sich Vera Tscherskasinas Augenlider.
„Suzanne,- habe ich geschlafen ober war ich ohnmächtig?"
„Mabame, Sie haben geschlafen, fest unb ruhig. .
„Du lügst —" unruhig zuckten bie Augen ber Sängerin hin unb her, die schweren, langen Wimpern, bie starken Augenbrauen zeichneten sich scharf von ihrem weißen Gesicht ab, gaben ihm etwas Totenhaftes, Gespenstisches.
„Suzanne, du sprichst nicht die Wahrheit — wie spät ist es?"
„Zwei Uhr, Madame."
„Zwei Uhr und stehst noch im Kleid vor mir? War- um bist du nicht schlafen gegangen?"
„Falls mich Madame noch brauchen sollten . . .“
„Siehst du null ein, daß du die Unwahrheit sprichst, wenn ich ruhig und fest geschlafen hätte, würdest du unbesorgt zu Bett gegangen sein. Setze dich zu mir, Su-