Ar. 243
Beilage zur Fuldaer Zeikung
19. Okkob
Arbeitet das Mnd gerne?
Diese Frage, die für die Erziehung des Kindes zur Arbeit von größter Bedeutung ist, kann getrost mit Ja beantwortet werden, wenn wir unter „Arbeit" eine Art Beschäftigung meinen, die ihren Ursprung in dem natürlichen Tätigkeits- und Spieltrieb der Kinder findet. Wir müssen die Frage, ob Kinder gerne arbeiten, aber mit Nein beantworten, sobald wir Arbeit als p l a n m ä ß i ge körperliche oder geistige Tätigkeit auffassen, die einem bestimmten Ziele zugewandt ist.
Wer dieses letztere zugibt, erkennt damit an, daß es gar nicht leicht und vergnüglich sein wird, Kinder und Jugendliche zur Arbeit zu erziehen, weder zu Hause noch in der Schule. Haus und Schule knüpfen in Würdigung der menschlichen Natur die Erziehung zur Arbeit an den erwähnten Spiel- und Beschästigungstriob an. Sie ergreifen die ihnen von der Natur selbst dargebotenen Handhaben. Das Leben macht sich weniger Mühe, ja, es betreibt die Erziehung zur Arbeit ausgesprochen rauh und fühllos. Es zwingt einfach, indem es den Brotkorb so hoch hängt, daß selbst dem Unlustigen keine andere Wahl bleibt. Gott sei Dank lassen es nur die wenigsten darauf ankommen, aber unsichtbar steht ein heilsamer Druck hinter uns allen, der uns zur Arbeit anhält. Wenn nach einem Worte der Schrift der Mensch zum Arbeiten geboren sein soll, wie der Bogel zum Fliegen, jo lehrt doch nüchterne Erfahrung, daß sich das höchstens auf seine Eignung, nicht aber seine Neigung beziehen kann. Weil dos Leben ohne alle pädagogischen Rücksichten vorgeht, ist es für alle Erzieher geboten, durch Erziehung zur Arbeit dem harten Eingreifen des Lebens vorzubeugen, nötigenfalls mit Nachdruck. Denn dem Kind fehlt noch, was uns Erwachsene an ihre Pflicht gemahnt: Verantwortungsbewußtsein!
Wenn man den Auslassungen mancher Pädagogen glauben dürfte, müßte nichts leichter sein, als das Kind zur Arbeit, ja sogar zur selbständigen, freiwilligen Arbeit zu bringen. Es müßte ein wahrer Ausbund von Arbeitsfreudigkeit und -eifer sein. Jede Mutter erfährt zu ihrem Leidwesen das Gegenteil. Wie gerne drückt cs sich an aufgetragenen häuslichen Verrichtungen vorbei oder erledigt sie so flüchtig wie möglich. Schließlich tut Mutter es lieber selber, so falsch das auch ist, weil sie das Selbstmachen weniger aufregt als das ewige Nachlaufen und Antreiben ,auch wenn dieses Antreiben durch Versprechungen oder in Aussicht gestellte Vergünstigungen verzuckert sein sollte. Und warum arbeitet sozusagen jedes Kind lieber bei anderen Leuten als im eigenen Haufe? Die Erklärung, daß daheim kindliche Leistungen stillschweigend oder gar nörgelnd zur Kenntnis genom
men würden, indes sein bescheidener Fleiß im Nachbarshause großes Lob ernte, reicht nicht hin, um die Zuneigung des Kindes zur Arbeit für erwiesen zu halten. Wenn schon, nach einem treffenden Scherzwort, Erwachsene die Arbeit nicht erfunden haben sollen und wollen, um so unschuldiger sind Kinder an dieser „Erfindung".
Das hindert nicht, daß Kinder gelegentlich unglaublicher Anstrengungen und Leistungen fähig sind. Der Nachdruck ist auf das Wort „gelegentlich" zu legen. Wo Beharrlichkeit und Dauer verlangt werden, da bedürfen die meisten Kinder fortwährender Aufmunterung und Aneiferung von außen.
Dies wird am offenkundigsten bei planmäßiger geistiger Anstrengung, wie z. B. die Schule sie verlangt. Die Gegenwartspädagogik gefällt sich zwar in allerlei Zugeständnissen an die Schaffens- und Schöpferkraft im Kinde. Sie ist geneigt, Mißerfolge einzig dem Ungeschick der Erzieher und Lehrer in die Schuhe zu schieben. Lassen wir uns doch nicht beirren in vorsichtig zurückhaltender Beurteilung kindlicher Kräfte und Selbsttätigkeit, mögen uns auch die verblüffendsten „Beweise" vorgelegt werden. Man hat da sehr oft den Eindruck, als wenn bei solchen Beweisen nicht alles ganz echt und der Anteil dahinterstehender Erwachsener verschwiegen wäre.
Es wird also auch in Zukunft so bleiben, daß alle Erziehungsarbeit am Kinde schwer und aufreibend und denjenigen nicht genug zu danken ist, die sich ihr unterziehen. Der Glaube unserer Gegenwartspädagogik, daß es nur an den angewandten Methoden liege, ob sich Erfolg einstelle oder ausbleibe, ist zwar ein liebenswürdiger, nichtsdestoweniger verhängnisvoller Irrtum, am meisten für das Kind selbst. Eine Methode kann viel, sehr viel, aber sie ist außerstande, naturgegebene Schwächen so gründlich in ihr Gegenteil zu verkehren, daß das Unwahrscheinliche Ereignis würde.
Weil also das Leben keine zarte Rücksichtnahme kennt und aller Selbsttäuschung abhold ist, wollen und dürfen wir es nicht darauf ankommen lassen, ob und wie sich das Kind zur Arbeit in diesem strengeren Sinne stellt. Nichts ist unversucht zu lassen, ihm Geschmack und Freude an der Arbeit einzuflößen. Nicht nur der Erziehung zur Arbeit wegen, auch um alle anderen Er- ziehungs-, Bildungs- und Schulfragen willen täte uns not, uns gründlicher mit der kindlichen Natur, Veranlagung und Seelenkunde aus- e in anderzufetz e n. Nicht zuletzt hätten wir dazu Eltern nötig, die sich den klaren Blick für ihre Kinder nicht durch Voreingenommenheit irgendwelcher Art haben trüben (offen. Wer antwortet einmal?
Liebe Mutter!
Liebe Mutter! In meinem Heimatdorfs lauschte ich neulich dem Gespräche zweier kleinen Mädchen. Es sind Zwillinge, acht Jahre alt. In ihrem Charakter sind sie grundverschieden. Gertrud ist ein ernstes Kind, nachdenklich; in ihren kleinen Arbeiten zwar langsam, aber gründlich. Maria dagegen ist rascher, oberflächlicher, viel weniger besinnlich. Sie unterhielten sich über ihre Zukunft. „Wenn ich einmal verheiratet bin", bemerkte Maria, „dann kaufen wir uns keine Kühe und Schweine, dann haben wir auch nicht so viel Arbeit und keinen Misthaufen vor dem Hause, das ist viel feiner". Aber Gertrud war anderer Ansicht. Sie erwiderte ihrem Schwesterchen, für das sie alles hergäbe: „Aber Maria, dann habt ihr doch keine Milch!" „O, die gehe ich kaufen". „Aber wenn du kein Geld hast?" „Dann sage ich einfach: „Ich bezahle morgen". Die Mutter der Kinder hatte mit mir das Gespräch belauscht. Sie schüttelte ganz ernst den Kopf und sagte am Abend, als wir noch ein Stündchen beisammen saßen: „Siehst du, die Kinder sind schon wie die großen Leute, alle wollen heute fein sein, keiner will mehr dreckige Arbeiten machen. Auf uns Bauersfrauen guckt man nur mit Verachtung. Ich muß mich ja viel plagen von morgens früh bis abends spät mit meinen sechs Kindern. Aber ich schasse gern. Nur das kann mich doch ärgern, wenn es dann so seine Dämchen auch in unserem Dorfe gibt, denen es noch zu wenig ist, ein Wort mit unfereinem zu sprechen. Man sagt doch immer nur: die „dummen" Bauern, die „dreckigen" Bauern. Wenn ich manchmal in die Stadt gehen muß zum Einkäufen, dann sieht man ja, wie man behandelt wird, weil man nur eine Bauersfrau ist, weil man nicht vornehm gekleidet ist und nicht hochdeutsch sprechen kann. Ich wundere mich gar nicht, wenn die großen Jungen und Mädchen, die in die Stadt kommen u. das alles mit anhören und ansehen müssen, nicht mehr gern daheim bleiben". Ich konnte dieser jungen, geweckten Bauersfrau nicht unrecht geben. Nur zu oft hatte ich es mit Merger und
Verdruß erlebt, wie man die einfachen Arbeiter- und Bauersfrauen geringschätzig, ja fast mit offenkundiger Mißachtung behandelte. Die Mutter fügte dann hinzu: „Was an mir liegt, so will ich alles tun, daß meine Kinder Freude an der Arbeit bekommen, auch an der aller- einfachsten. Wenn sie sich abends ins Bett legen, bann sollen sie sich sagen können: „Heute hast du deine Pflicht erfüllt". Dann schläft man nochmal so gut. Ich denke, wenn sie klein sind, muß man sie schon dran gewöhnen, mitzuhelfen. Will man erst anfangen, wenn sie groß sind, dann ist es zu spät. Siehst du, unsere Agnes ist jetzt 10 Jahre alt, die hilft mir schon jeden Mittag beim Spülen. Vorgestern fiel's ihr schwer, sie machte ein ganz unfreundliches Gesicht, da habe ich ihr gesagt: Agnes, du kannst gehen, wenn du nicht gerne hilfst, dann mache ich es lieber allein". Das hat mehr gewirkt als Strafe. Den ganzen Nachmittag ist sie um mich herumgeschlichen, und war nicht eher zufrieden, bis ich ihr wieder eine Arbeit gab. Was meinst du, die Zwillinge schälen mir schon immer die Kartoffeln. Und sie sorgen dafür, daß das Futter für die Schweine gekocht wird. Unsere kleine Elisabeth freut sich schon, wenn sie mir am Abend sagen kann: „Mutter, ich habe dir auch Reiser gebrochen, bann kannst bu auch morgen früh fein bas Feuer anmachen. Mathilbe weiß ganz genau, baß sie nach bem Melken bie Milch forttragen muh. Es gibt ja noch so viele Arbeiten, wo Kinberhänbe mithelfen können, beim Kehren im Haus, im Keller unb vor bem Haus, beim Schuhwichsen unb noch viel mehr. Wenn sie bas kleine Werk getan haben, können sie noch viel unb lang spielen. Dazu muß man ihnen ja auch Zeit geben. Man weiß ja von sich selbst, bah man als Kinb gerne spielt". Ich habe barauf ber Frau ermibert: „Da hast du eigentlich ganz recht, daß du sie von klein auf an bie Arbeit gewöhnst. Siehst bu, ich habe in W. eine Frau gekannt, eine sehr tüchtige, bie hat noch mit 65 Jahren alles gekocht unb geflickt, obwohl sie brei große Mäbchen hatte. Ms sie bann rasch weg-
starb, haben tiefe vor ber Haushaltung geftanben wie hilflose Kinber. Das geht benen ihr ganzes Leben nach. Unb zu einer andern geplagten Mutter habe ich einmal gesagt: „Dann laßt doch eure Kinder ein bißchen mithelfen!" da hat sie mir geantwortet: „O, bann ärgere ich mich zu Tob, bie Kinder machen doch alles nur halb, sie zanken miteinander. Dann schaffe ich noch lieber alles allein". „Das glaube ich gern", erwiderte mir die Frau: „Oft würde man allein die Arbeit schneller tun, aber dann lernen doch die Kinder nichts fürs Leben. Man muß gewiß viel Geduld und Nachsicht haben; vor allen Dingen muß man jedem Kind feine bestimmte Arbeit geben, dann kann kein's es auf das andere schieben, bann ist auch jedes nachher froh und stolz auf die Arbeit, die es allein getan hat. Ich muß ja sagen, ich habe von meiner ältesten Schwester, von unserer Maria, viel gelernt, wie man Kinder richtig anpacken muß. Die hat auch ihre von Jugend auf herangezogen. Ms ihr ältestes Mädchen etwas größer wurde, da hat sie schon mit ihm überlegt, wie man dieses und jenes am besten schafft. Ms sie nun vor 8 Jahren im Kindbett starb, da hat dieses Mädchen sich gesagt: „Jetzt will ich aber für die anderen eine Mutter sein, daß ber Vater unb unsere Kleinen nicht so viel spüren, baß ihnen bie Mutter fehlt". „Ja, ja!" fügte ich hinzu, „vor bem Mäbchen muß man große Hochachtung haben, ich war schon mehreremale im Hause, wie ist ba alles in Drbnung, unb bie Kinber finb immer so sauber unb nett angezogen unb finb auch alle so brav. Das Mäbchen war ein Segen für das Haus".
„Was hast du denn vor mit deinen Kindern, wenn sie einmal groß finb? Hältst bu sie alle baheim? Läßt bu Feins fortgehen, um etwas zu lernen?" „Das weiß ich ja jetzt noch nicht, wenn sie gut lernen, und wir haben Geld, dann kann das eine oder andere studieren. Aber das sage ich dir jetzt schon: „Auch die müssen arbeiten lernen unb müssen auch in ben Ferien noch helfen, sie sollen immer wissen, woher sie finb, sie sollen nie benten, wir finb mehr als bie anberen, wir finb zur Urbeit zu schab. Dann benke bir boch einmal, so ein verwöhntes, verkehrt erzogenes Mäbchen wirb Lehrerin, ober so ein Junge Lehrer ober Geistlicher, werben bie benn richtig umgehen können mit ben einfachen Leuten. Nein, bas werben keine rechten Führer unb Erzieher bes Volkes. Zu benen hat auch bas Volk kein Vertrauen".
So faßen wir noch eine Weile beisammen unb besprachen tiefes unb jenes. Ms ich nach Hause ging, bn gingen mir bie Gebauten nochmals alle burch ben Kopf. Lange lag ich noch wach. Ja, ich konnte es gut verstehen, baß bie Arbeiter unb Bauern leiben unter ber Mißachtung. Ich hatte selbst vor einem Jahre einen Jungbauern kennen gelernt, ber in seiner Arbeit sehr tüchtig war, ber aber so stark unter ber Verachtung litt, daß er sich lange mit bem Gebauten trug, seinen Berus aufzugebeu, um in der Stabt sich einen neuen zu schaffen. Zum Glück fiel mir bamals Heinens Büchlein: „Jungbauer erwache!" in bie Höube, ich gab es ihm, unb er hat es besinnlich gelesen. Als er mirs nach einem halben Jahre zurückbrachte, sagte er: „Der Mann hat auch Hochachtung vor ben Bauern, jetzt weiß ich, jetzt wirb es mir nicht mehr so schwer, daheim zu bleiben". „Ach," dachte ich weiter für mich, „die Schriften von Anton Heinen müßtest du auch dieser wackeren Frau bringen. Nach mehreren Tagen gab ich ihr bas Büchlein: „Von Mutterleib unb Mutterfreub" unb bas anbere: „Lebensführung, ein Buch für junge Mäbchen", mit ben Worten: „Ich glaube, bie gefallen bir". Ms sie mich in ben nächsten Ferien wieber- fah, war ihr erstes Wort: „Das finb aber schöne Bücher. Wenn ich abenbs auch noch so müde bin, lese ich noch ein tlein wenig baraus, bas tann man immer brauchen".
Siebe Mutter, auch bir möchte ich btefe Büchlein in bie Haub geben unb sagen: „Nimm unb lies unb werbe bei- nes Landlebens wieder froh!"
Das wünsche ich dir von Herzen.
Eine Landlehrerin.
ein werkstätten vesuch.
Die Schularbeit soll vom Leden durchflutet sein, sie soll auch hinführen zur rechten Auffassung beruflicher Tätigkeit und zur Wertschätzung der Arbeit bes Einzelnen im Dienste ber Volksgemeinschaft.
Dieser Erziehungsarbeit bienen in erster Linie Besuche von Arbeitsstätten mit anschließenber Besprechung in ber Klassengemeinschaft.
Wir suchten vor kurzem eine Metallfabrik auf. Die Räber ber Maschinen schnurrten, ein Dröhnen unb Tosen umfing uns. Wir waren kaum fähig, uns zu verstänbi- gen. UeberaU stauben schwarzberußte Männer an Maschinen unb Essen unb arbeiteten im Schweiße ihres Angesichtes. Man sah, wie schwer ihnen ihre Arbeit fiel. Trotzbern entdeckten wir auf vielen Gesichtern ein freundliches Lächeln, eine stille Zufriedenheit. Wir sahen ver
schiedenen Arbeiten zu, ließen uns viel erklären unb waren zum Schluß alle recht froh, als wir wieder Höllenlärm entflohen waren und gemütlich in unseren, Klassenraum saßen.
„Wir haben es doch besser als die Männer," bas erste, was.bie Jungen aufatmenb hervorbrachten.
Da fragte ich sie unvermittelt: „Wer von Euch möchte benn einmal in einer solchen Werkstatt arbeiten?"
Keiner meldete sich. Alle hatten von dem Besuch einen gewissen Widerwillen gegen derlei Arbeit betone men. War das der Erfolg unseres Unterrichtsganges?
Dann fingen einige an zu erzählen: „Mein Vater ist in der Grube, da muß er noch schwerer arbeiten* — Mein Bruder muß bie Steine tragen bei ben Neu, bauten, er ist abenbs ganz tnübe." — „Ich bin in be» Ferien auf bem Lanb gewesen. Die Bauern mußtet auch sehr viel arbeiten. Um vier Uhr ftanben sie fcho, auf. Ich möchte kein Bauer fein."
So ging es burdjeinanber. „Warum bein Vater wohl in ber Grube arbeitet, Heinz?"
„Er muß für uns bas Gelb oerbienen, bamit Muüq Brot taufen tann."
„Sieh, ba hat bein Vater also etwas, bas ihn da hin, unter in die schwarze Grube treibt. Er dentt an [eine Familie, an dich und deine Geschwister, an die Mutter und freut sich, daß er für sie arbeiten tann. Des Abend, bringt er bann jebem etwas mit."
„Vielleicht haben auch bie Männer in ber Fabrik deshalb so freundlich ausgesehen. Sie haben vielleicht auch an ihre Familie gedacht."
„Wahrscheinlich. Die Arbeit wird ihnen bann lange nicht so sauer, wenn sie wissen, für wen sie sich mühen
unb plagen." 3
„Herr Lehrer, müssen Sie auch so arbeiten?" Alle» lacht.
„Nun, was meinst bu, Gerharb?"
„Der Herr Lehhrer arbeitet ja hier in ber Schule.
Er muh uns Lesen unb Schreiben unb Rechnen lehren.' „Das ist aber fein. Ich will auch Lehrer werden.* i „Nein, da muß man so lange lernen, viele IahW Ich will lieber hinaus in die Fabrik, da ist es luftiger!
„Aha, einer. Und ihr anderen, was wollt ihr wen ben?" -W
„Herr Lehrer, ber liebe Gott will haben, baß wir
hier arbeiten."
„Recht, Junge. Dente einmal an bas, was wir in ber Bibel gelernt haben. Im Schweiße beines Angesichtes ..." J
Alle fallen ein. Sie erinnern sich an bie barnaue Bibelstunbe. Wie Gott bie Arbeit im Parabiefe befiehlt. Wir benten auch an bie stille Werkstatt bes Zimmev manns von Nazareth, wo Jesus bem Pflegevater W ber schweren Zimmermannsarbeit half. 1
So kommen bie Kinber von selbst auf bie Wohrh«
von ber gottgewollten Arbeit. Die Arbeit ist zum Zweck, niemals Zweck an sich. Durch bie können wir uns wertvolle Schätze sammeln, auch geistiger Arbeit. J
Im weiteren Verlauf ber Besprechungen machen « uns bie Notwenbigteit ber einzelnen Berufe klar, j
„Was gäbe es aus uns, wenn keiner mehr hmui« fahren wollte in bie Grube?"
„Wir hätten keine Kohle, wir müßten frieren. W
Pater hätte keine Arbeit, der ist Kohlenfuhrmann." M
„Alle Fuhrleute, die uns die Kohlen bringen, wärfll dann arbeitslos." (Das Gespenst der ArbeitslosiM steht allen Kindern in industriellen Gebieten lebhaft ■
Augen.)
So kommen wir auf den Wert der Arbeit jeocs zelnen für bie Volkswirtschaft unb bamit für bie VoB gerneinschaft. Wir arbeiten alle für einanber.
Alle hängen von einanber ab, sie brauchen sich gege« feitig. Es ist babei ganz gleichgültig, welche Arbeit «r richtet wirb. Der Straßenkehrer gehört in tiefe K« ebenso hinein wie ber Fabrikbirektor, ber geistige J beiter nicht mehr als ber körperliche Arbeit Verrichten«
Die Kinder arbeiten aufmerksam. Sie erkennen « einem Mal den Wert von Vaters Arbeit in rech«
Lichte. . _ .3
„Meinen Vater brauchen sie auch." Mein -B™* arbeitet für uns alle da unten im Schacht." A
„Die Bauern sorgen für bie Stabt, sie geben W Nahrungsmittel." — „Die Bauern bekommen von M Arbeitern ihre Maschinen, mit benen sie bas Land H arbeiten."
Die Kinber, benen schon bas Wort „fiebensgeme. schäft" aus ber Naturkunde her wohl bekannt ist, « fühlen nun das Wesen einer Gemeinschaft, hier <■ Volksgemeinschaft. Alle helfen sich gegenseitig. 1
Nach der Stunde kommen eine ganze Reihe äw» zu mir und sagen mir, daß sie Bergmann ober: Fad« arbeiter werben wollen. Otto Abe
Lisbeth.
Von Josef Bremer.
Zu meinem Namenstage bekam ich einen schriftlichen Glückwunsch, ber mich tief erschütterte. Er war auf dem Sterbebette geschrieben. Lisbeth, unsere Schulbiene- rin, fühlte am 18. März 1930 nach langer, überaus schmerzvoller Krankheit ihre Sterbestunbe kommen. In ihren Tobesnöten ließ es ihr keine Ruhe, bis ber Glückwunsch zu Papier gebracht und auf die Post gegeben war. In derselben Nacht, ehe ihre Glückwünsche mich irreichten, ist sie gestorben.
Einige Jahre vorher: Meine Wohnung liegt zwischen Himmel uftb Erde, das heißt auf dem ersten Stock. Während ich nach getaner Arbeit hier oben sitze und mein Tagewerk überdenke, wirb unter mir Bank um Bank von ber Stelle gerückt. Ein Besen fährt tlappernb hin unb her. Lisbeth ist an ihrem Geschäft. Trotzbern sie die Siebzig schon weit hinter sich hat, fegt und kehrt sie heute noch ebenso unverdrossen wie vor 30 Jahren. Lisbeth liebt ihre Arbeit. Sie wird ihren Besen und ihr Wischtuch erst dann in andere Hände geben, wenn ihre Hände ganz und gar nicht mehr können. Sie liebt ihr Geschäft nicht des Gewinnes unb ber Ehren wegen. Es ist an Gewinn ebenso mager wie an Ehren arm. Sie liebt es, weil sie ein Leben lang mit ihm verwachsen ist, unb weil sie weiß, baß ihre bescheibenen Dienste in ber Schule gerabe so notwendig finb wie bie nimmermübe Sorge einer Mutier im Kreise ber Familie.
Wenn unsere Abc-Schützen fingen: A, a, a, ber Winter, ber ist ba, bann vermag Lisbeth bie Freude, die in diesen Worten steckt, beim allerbesten Willen nicht zu teilen. Der Winter ist für sie bie schlimmste Zeit.
Sie muß bann Kohlen herbeischleppen, um morgens ben gefräßigen Schulöfen eine neue Seele entfachen zu können. Das ist gar nicht so einfach. Einer unserer Schulöfen, ein altgebienter, rostiger Geselle, besten Leib bie Narben eines Jahrhunberts an sich trägt, benimmt sich manchmal so eigensinnig unb launenhaft, baß in Lisbeths Augen ganz heimliche Tränlein rinnen. Es ist auch ge- rabezu fürchterlich; Der Ofen soll Winb schlucken und Feuer fangen. Statt dessen qualmt er wie ein Vulkan. Dieses alten Lümmels wegen muß Lisbeth die letzte halbe Stunde des schönsten Schlafes entbehren. An den kurzen Tagen des Jahres kommt sie in der Morgendämmerung schlürfenden Schrittes durch Frost und Nebel. Die eine Hand hält den Besen geschultert wie ein mittelalterlicher Nachtwächter seine Hellebarde. Die andere verwahrt sorgfältig in der Schürze etwas vorgewärmtes Holz. Das will sie dem Todfeinde zum Frühstück bringen für den Fall, daß er wieder schlechte Laune hat.
Lisbeth liebt es, wenn ich bei ihrem Kehrgeschäfte ben Kopf burch bie Schultüre hineinstecke. Dann gibt sie ihrem Besen Urlaub unb setzt sich anbächtig in bie nächste Bank. Sie weiß, baß bann ein gemütliches Pläuberchen kommt, bei bem es gewöhnlich etwas zu lachen gibt. Es schabet ja keinem Menschen, wenn er wenigstens einmal am Tage tüchtig lacht unb fein Herz vor Freube hüpfen läßt.
Lisbeth hat mich zum Geheimfekretär ernannt. Wenn sie irgendeine Eingabe an die Behörde zu machen hat, fo leihe ich ihr ebenso gern meine Feder, wie sie ihren Besen in unfern Dienst stellt. Und wenn unsere Schule ein öffentliches Fest hat, bann labe ich sie ein als Ehrengast. Vor aller Oefefntlichkeit ist sie mir ein Wort ber Begrüßung wert. Einmal, weil sie zur Familie gehört. Dann aber auch, weil sie mir und meinen Schülern
ein Stück Lebensweisheit anschaulich macht. Auch bie bescheidenste Arbeit ist ehrenwert, wenn sie pflichttreu und selbstlos getan wirb!
Unb nun ist Lisbeth gestorben unb erntet in einer andern Welt ben Lohn für ihre treuen Dienste. Es war uns ein Herzensbebürfnis, ihr auf bem letzten Gange bas Ehrengeleit zu geben. Zwei Mädchen trugen einen von ber Gemeinbe gestifteten prächtigen Kranz. Der Bürgermeister schritt unter bem Trauergefolge. Die Kinder fpenbeten aus eigenem Antriebe ein Scherflein für ein Seelenamt. Bei dem Liede: Deutsche Frauen, deutsche Treue — denkt man wenig ober gar nicht an Frauen von Art unb Gesinnung unserer treuen Lisbeth. Unb boch! Niemanb hat lebenswahrer, ebler und selbstloser ben Sinn tiefer Worte erfüllt als sie! Das Vaterlanb könnte ohne Sorgen in bie Zukunft schauen, wenn Lisbeths Pflichttreue unb Berufsfreube Erbstück aller Deutschen würbe! _______________
Lustiges aus der Schule.
In einer Stadtschule wurde zum ersten Mal das Radio vorgeführt. Nachher entsteht eine lebhafte Ms- sprache über das neue Wunderding, und der Lehrer hat seine liebe Not, den Kindern alles zu erklären. Ms da nun die Fragelust fo ziemlich erschöpft ist, steht der Fritz auf und sagt in aller Seelenruhe und mit spitzbübischem Lächeln: „Wenn der am Mikrophon nun aber da rein schwätzt und es hört ihm niemand zu, gelt, da ist er aber angegangen!“
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Eine Geschichte vom lieben Gott. Vom Schulfenster aus beobachte ich zwei Knirpse von vier unb fünf Jahren. Sie sind damit beschäftigt, über einen kleinen
Graben zu hopsen und prahlen gefährlich bannt, ! hoch und weit sie springen können. Natürlich vertz jeder den anderen zu übertrumpfen. 1
„Unser Hans hüpft über ’ne Deichsel, glaubst diu „Ooch, wie wenn das was wär. Unser Jakob spft über unsere Hecke, die ist sooo hoch!“ a
„Aetsch, ber liebe Gott kann aber noch viel h» hopsen!“ . .
„Ja, der kommt mit gleichen Beinen über... ” die Schule hin.“ . j
Das ist nun doch dem Anderen etwas zu Vieh' höhnisch schreit er: „Das glaubst du selber nid»«' hoch kann keiner hopsen!“
„Doch!!“
„Nein!!“
„Gerade!!“
„Gerade nicht!!“ W
Da Worte nicht überzeugen, gehen sie zu schlag^ Beweisen über, und im Mgenblick ist die schönst ” gelei int Gange.
„Wollt ihr aufhören, ihr zwei!“ schallt's da s Schrecken der Kämpfer dicht neben ihnen. Sie M sich überrascht los und erblicken Nachbars zehnfah Fritz, der ein mächtiges Stück Brot verzehrt und Gerte schwingt. Er läßt sich den Fall vortragen entscheidet bann: «.
„Ihr Dummköpfe, der liebe Gott hat überhaupt
Beine!“
Sprichts und zieht mit vollen Backen und gefd) * gener Gerte weiter. Die beiden anderen stehen Weile wie begossene Pudel verdattert da. Endlich IP* der eine das erlösende Wort:
„Keine Beine? Wie will et denn da laufen töt«*