ab« den den Le« und ent«
jer verbrannte, die seinen Sohn vom Rechtstudium ielten, rettete er ihm doch noch den Vergil aus flammen, so sehr flehte ihn der Jüngling auf Enten an. Ws dieser später um das „Buch seines >tns* bestohlen war, trug er die Zeit des Verlustes Wiedergewinnens darin ein wie noch zwei weitere
iWettausend-Iahrfeier Vergils.
Lin Lrinnerungslag der Weltliteratur*).
ig Oktober, 70 Jahre vor unserer Zeitrechnung, in'kleinem Hause ein stiller, sinniger Mensch ”7 n _ den „jungfräulichen" nannte man ihn —, 1 „ Andenken heute von den Universitäten und Akademien in der ganzen Welt feierlichst begangen wird. - hanöelt sich hier wirklich um mehr als eine „poli- ♦ifdje Mache des faschistischen Italien", wenn es zu die« femgeft Erinnerungsplaketten und Briefmarken heraus- M und bei der Geburtsstätte des Gefeierten in der Nähe von Mantua einen Erinnerungshain anlegt, nachdem es dort vor Jahren bereits ein großes National- bentmal errichtete. Dieses Dichters Verserzählung von Aeneas, dem sagenhaften Stammvater des römischen Bolkes,'ist in der Tat mehr als ein prophetisches Ruh- Eljed auf den Mussolini-Staat, mit welchem Recht immer der Duce sich für den eigentlichen Erben jenes Mannes halten mag, zu dessen Ehren Vergil diese Dichtung schuf: Augustus, des weltbeglückenden Friedenskaisers. Wenn dieser Dichter in seinen „Georgica" das Landleben verherrlicht, so hat ihn sicher anderes bewegt als der Wille, damit der neu-italienischen Weizenpolitik und der Losung „Fort-aus-den-Städten" vorzukämpfen. Für die Lebens- und Kulturwerte bei diesem Dichter einer „toten" Sprache zeugen tatsächlich nicht allein Philologen und Altertumswissenschaftler oder Friedrich Schiller, der das 2. und 4. Buch der „Aeneis" Übersetzte.
Als z. B. der Vater Petrarcas die vermaledeiten BÜ-
m Zalkelzug in Millionen Btimöeu
Don Irmela Linberg.
I ... der Wind aus nördlichen Zonen, ®6 1qneinlaub blutet rot von den Balkonen, , ,.'7te5 Gold getauchte Lindenkronen
‘ e hn auf d-s Himmels blauem Königssamt. ' Schwäne ziehen rauschend auf vom Weiher, " ‘ Zjrten werfen ab den keuschen Schleier,
' uabE„ sich zu wilder Abschiedsfeier In Purpur und in Scharlach grell entflammt.
I Das ist ein Freuen und eil. erschwenden, ffin Btütenftreuen und ein bcu^tefpenben — ffin Fackelzug in Millionen Bränden o,. ghren jenem größten Herrscher: Tod! n»d nur der Mensch geht fröstelnd durch Alleen, Die rauschend, wie im Hochzeitsschmucke, stehen, ßr ist gleich einem Bettler anzusehen Unb fühlt sich namenlos bedroht.
’*">“ibe Tage in seinem Leben: den Todestag seines * und den seiner Laura. Jedermann kann das irtrm.iu NUN in der Faksimile-Ausgabe sehen, die der ।fföc Staat soeben von diesem Bande herausgibt, den Napoleon bereits nach Paris verschleppte, der jetzige Papst dann als Direktor der Ambrosiana zu Mailand wiffenschastlich bearbeitete. Von noch größerer Bedeu- dwg war Vergil für Dante, den gewaltigsten Dichter der Somanen" überhaupt. Selbst Voltaire, dessen Spott stch fönst an allem vergriff, blitzte die Mäkler ab: Wenn Wer den Vergil gemacht habe, gut, bann sei zweifel- “* eben dies Homers bestes Werk.
W Sewiß, Vergil ahmte in seiner „Aeneis" „Ilias" unb i " ""ch ohne den Akten der Tragik unb Serben« Waü, ohne den Duft der Frische bes originalen Genius. । „fanfte Ernst unb die Würde des römischen We- I-n-^dazu die „Gemessenheit wohlüberlegter Sunft« W« dämpfen Zeichnung und Farbe noch mehr, ohne d» cv .st°tt dessen etwas von dem römischen Metall vcipio unb dato, ber Sulla unb Caesar zu spüren mctL Unb doch, Vergil ist echt: der herrliche Aus« iebfra^et^nna ^cr iSchriftleikung. Da Vergil am 15. Ok- g,. <u ”• Thr. geboren ist, so sind feit seiner Geburt "st 1999 Jahre verflossen. Trotzdem Italien aber bereits in diesem Jahre die M^l'ENd-Jahrfeier zu Ehren feines großen Lands-
Das Bakkerienschiff.
Ein Roman in 7 lagen.
®°n Hellmuth Qua st «Peregrin.
Soprjrigtf) by Greiner u. Co., Berlin.
tat* Seifen Sie mir doch, ich kann sie nicht allein hal- !priiia-n' ».^e.n dreien zu. Der Steward wollte ihm bei« f ®<nhe n rfu m’tr* riß ihn zurück. „Halt, fassen Sie die Wtai an’ "uch Sie nicht, Sir Haigville, Mister Har-
i t)eute allein mit ihr fertig werden." — brauste auf:
‘ Bem, Frechheit von diesem Verbrecher, einer Nist "Erdienste zu verweigern . . ."
Sir Haigville hob abwehrend die Wvrt- ""^leidigen Sie diesen Herrn nicht, mit keinem ' dürste Sie gereuen . . ."
i Bez et n,evnten Sie noch die Partei dieses Menschen? Wtaten *a "trklich nette Zustände hier an Bord. Sie Hin« vergessen zu haben, wer Sie sind und wer ich |ta, pC^en den Amerikaner schelten und hasteten wei- ÖW* ? Qu6er Hörweite waren, drehte sich Urgejowitsch dem Offizier um:
■fekbe m-x'9D1Ue' 'ch befürchte, daß sie ein Opfer der Mir niÄ7„ ’ i>iese Ueberempfindlichkeit der Nerven gefällt
Dr -
| ”?)esn~' ®ic Miß Tscherskasina?"
| H.'mmelswillen!"
mir sehr wehe tun. Wir Menschen sind ™ Geschöpfe — armeselig und jammervoll —!
Mtaev EMeglicher Miene ging der Kapitän Oliver ■tat er ^r das Promenadendeck, nur einen Augenblick ■t&e ih„U t Möpsen. Er tat sich Zwang an, die Sor» M tach tg. quälten, sich nicht anmerken zu lassen, hatte an Bord sich Befindenden die Verantwor-
°uf dem Deck war das Kinberzimmer, der Sa«
bruck nämlich ber Zeit jenes Friebenskaisers, b. h. der nach bem Sturm hundertjähriger Revolution unb blutigster äußerer Kämpfe aufbämmernben Erkenntnis, wie wenig mit noch so großer Helbenkrast ein Weltreich aufrechtzuerhalten fei, baß Ordnung unb Völkerglück nur Bestand haben auf ber einen Grunblage ber Religion, ber Gerechtigkeit unb Selbstbeherrschung. Aus diesem Bewußtsein — nicht also wie Rousseau bes Zeitengewirrs unb -elenbs überdrüssig — wandte sich Vergil in der Na- turdichtung feiner „Bucolica" und „Georgica" von der Zivilisation der Städte ab. Die gottgegebene Ordnung in der Natur offenbarte ihm, wie die aus den Fugen geratene Welt wieder aufgebaut werden könne. „Dort hat die Göttin der Gerechtigkeit, als sie von der Erde wich, die Spur ihrer letzten Schritte zurückgelaffen." Wenn denn diese Dichtungen so einfach angelegt und sa,u- ber durchgeführt sind, fo hat das über den künstlerischen Wert noch eine sinnbildliche, tiefe Bedeutung.
Dieser Glaube Vergils an die sich verjüngende Lebenskraft der Völker gründete aber letztlich noch tiefer als in dem frommen Erlebnis der stets sich erneuenden Natur. Diese Hoffnung unb Sehnsucht läßt sich auch niu)t erklären aus einem nur natürlichen Gefühl ber Sünbigkeit und Hilfsbedürftigkeit. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, so meint auch der Geschichtsschreiber der Weltliteratur A. Baumgartner, daß einige Kunde von den messianischen Hoffnungen der Juden auch in die römische Welt gedrungen war. Einige Züge in Vergils Dichtung erinnern lebhaft an Stellen des Jfaias. So ist jene alte Auffassung nicht unbegründet, die diese Stellen der „Georgica" als einen dunklen Sehnsuchtsgruß betrachtet, den schönsten, mit dem das heidnische Altertum den kommenden Welterlöser begrüßte:
„Schicke dich an— schon nahet die Zeit — zum erhabenen Ruhme,
Göttern erkorener Sproß, du, Jupiters herrlicher Enkel! Schau, wie das Weltall bebet in schwer umlaffeter
Wölbung,
Länder und Räume des Meeres ringsum und die Tiefen des Himmels!
Schau, xoie alles sich freuet des künftigen Weltjahrhunderts!"
Gewiß, diese Weissagung bezieht sich zunächst auf einen bekannten jungen Römer. Wer aber den sonst fo einfachen Dichter nicht für närrisch überschwänglich erklären will, der muß zugeben, daß diese Schilderung sich an einen sybillischen Spruch antnüpfe, ber mit ber Geburt eines wunderbaren Knaben eine neue selige Weltzeit verhieß.
Dieser eigenartige Gehalt der Dergilischen Dichtung findet in der „Aeneis" seine Krönung in einer grandiosen Darstellung von Gott unb feinem Wirken, tm Leben von Mensch unb Natur wie im Fortleben ber Seele nach bem Tobe. Solcher, wie man sieht, bem Christentum nahe tommenber Glaube war es beim, ber den „geheiligten Lehrer" unb „erhabensten Dichter" zum Begleiter Dantes werben ließ — burch bie Schrecken ber Hölle bis hin vor bie Tore bes Himmels. Er war ber Bote ber Beatrice, jener Frau, bie von der Gottesmutter und hl. Lucia gesandt, den Strauchelnden rettet.
W. L—r.
Die Oeene Helferin.
Don Harold Schubert.
Als Grete Siewers nach Schluß der Arbeit aus dem Büro trat, stand ein fo leuchtendes Abendrot über der Straße, daß sie feine festliche Pracht nach all dem Verdruß, den sie heute mehr als sonst im Geschäft gehabt hatte, zunächst als etwas vollkommen Unverständliches empfand. Sie hätte sich vermutlich weniger gewundert, wenn sie am Himmel ebenso wie den ganzen Tag über in der Schreibstube lauter Schreibmaschinen unb mißgünstige Kolleginnen erblickt hätte. Immerhin kam sie mit ihren Augen von bem Glanze nicht los, ber sich bort oben immer purpurner entjünbete, so daß sie zum ersten mal vergaß, in ben Spiegelscheiben bes Juweliergeschäfts nebenan ihre kleine Puppenfigur zu mustern. Auch an ben viel kleineren Spiegeln in ben Augen ber Männer, ‘in bie sie sonst gern einen raschen Blick voll scheinheiliger Gleichgültigkeit warf, sah sie jetzt achtlos vorbei. Es tat fo gut, sich an ben Zauber bes Lichtwebens in ber Höhe zu verlieren, bas zum Weiterwanbern verlockte unb strah-
pitän hörte bas Kreischen unb Jauchzen ber kleinsten Passagiere, bas Herz krampfte sich ihm zusammen unb wie ein elektrischer Schlag durchzuckte ihn ber Gebanke, bie schauerliche Seuche unb achthunbertsechsunbzwanzig Passagiere, zweiundzwanzig Offiziere, Arzt, Zahlmeister, Proviantmeister, Funker, Postbeamte, Lotsen, sechzig Matrosen, zweihunbertzwanzig Stewarbs unb Stewardessen, zweihundertfünfzig Maschinisten unb Heizer — dreizehnhundertachtundsiebzig Menschenleben — ein unmerkliches Zittern durchlief den Körper des großen, stämmigen Mannes. Zuviel Last — zuviel der Sorge — zuviel ber Verantwortung für eines Menschen Schultern. Dann aber reckte er sich unwillkürlich straffer, ein harter, eherner, verkniffener Zug trat in sein ernstes Gesicht. „Superalor", der Ueberroinber, heißt ber Ozeanriese, ben er führt — ber Kapitän soll ein Ueberroinber fein! Langsam ging er in seine Kabine zurück.
Im gleichen Augenblick kam Haigville in bie Kajüte.
„Sie haben etwas versäumt, Herr Kapitän, ich habe Mister Urgejowitsch bereits mitten in ber Arbeit getroffen unb ich muß gestehen, fein Eifer war bewundernswert."
Mit wenigen Worten hatte er halb alles erzählt, was er wußte.
„By Jove, ein Lichtblick, bas ist ein Mann, ber Mut hat. Meinen Sie, baß er ben Doktor retten kann?"
Sir Haigville schüttelte ben Kopf.
„Nein, er hat ihn bereits aufgegeben, weil bie vorhandenen Sera machtlos gegen bie Seuche finb. Jetzt sitzt er in ber Apotheke unb experimentiert."
„Möge er Glück haben", brummte Oliver Sibney, bann stopfte er sich umständlich eine Pfeife und verließ mit Sir Haigville die Kabine, um auf die Kommandobrücke zu gehen, während ber Offizier sich zum Maschinenraum hinunterbegab. Hier schloß sich ihm Elliot an.
Sie betraten bie Galerie, bie rings dicht unter der Decke um den ungeheuren Saal lief, unb blickten in ben Maschinenraum. Da lagen sie schwarz unb massig rote riesige Schneckengehäuse, bie Turbinen unb bie blanken Maschinenteile baran funkelten tm Lichte ber Lampen, beim Stampfen unb Poltern ber arbeitenben Kolben nur ein bumpfes Surren unb das Ticken eines großen Uhrwerkes unterbrach die Stille.
lend um sie warb: „Die Welt ist ja so groß, und das Leben ist so schön. Auch du wirst einmal glücklich fein!"
Ströme von Menschen, die ebenso wie sie von der Arbeit tarnen, nahmen sie mit. Eine wohlige Ruhe erfüllte sie, während sie ohne bestimmtes Ziel durch Massen und Lärm dahintrieb, einer unerklärlichen Erwartung hingegeben, die sie froh und zuversichtlich machte. Bis sie an das Ufer kam, wo ein Kanal unter den breitbuschigen Kronen alter Bäume wie in tiefes Geheimnis eingebettet lag. Dämmerung umfing sie.
Auf einer Brücke stand ein Mann, an das Geländer gelehnt und starrte in das Wasser. Grelles Licht einer Laterne fiel von der Seite auf sein Gesicht. Sie erkannte ihn wieder. Vor einigen Wochen war sie ihm schon einmal begegnet. Damals.hatte er genau so ein trübseliges Gesicht gemacht wie heute und auf ihre Frage nach einer Straße fo bereitwillig unb umständlich geantwortet, als ob es sich darum gehandelt hätte, einen weitläufigenReife- plan zu entwickeln. Voll zärtlicher Behutsamkeit hatte er sie an den Arm gefaßt unb ihr bie Richtung gewiesen, bamit sie ja nicht etwa fehlginge, unb sich bann mit einem wunderlichen Leuchten in ben Augen verabschiedet, als sie ihm dankte.
„Er scheint es wieder einmal nötig zu haben, daß ich ihn nach einer Straße frage", dachte sie lächelnd, als sie den sonderbaren Kauz da oben so weltverloren hocken
'So schritt sie auf ihn zu und erkundigte sich nach einem Platz, der am anderen Ende bes Viertels lag. Sie mußte sich arg zusammennehmen, um ernst zu bleiben, aber als sie in bie gramumflorten Augen blickte, bie mühsam aus einer anberen Welt zurückzukehren schienen, verflog ihr ber Mutwille. Vermutlich hatte er sich in Gebauten schon auf ben Grunb bes« Kanals gelegt unb mußte sich erst wieder aus der liefe emporarbeiten. Heute würde eine Frage wohl nicht genügen, es würden mehrere nötig fein. Sö bat sie ihn mit gutgefpielter Hilflosigkeit, sie ein Stück zu begleiten. Sie fei in der Gegend fremd und würde sich allein bestimmt verirren.
Mit ber Beflissenheit eines Wohlerzogenen kam er ihrem Wunsche nach, ohne boch recht bei ber Sache zu sein. Sie merkte es, ließ sich aber nicht entmutigen und lockte ihn durch beiläufige Bemerkungen über allgemeine Dinge, aus denen sie leicht und geschickt zu Fragen persönlicher Natur überging, allmählich aus sich heraus. Bis er von selbst ins Erzählen kam und von sich zu sprechen begann. Sie hatte eine lange Leidensgeschichte erwartet, aber er streifte nicht einmal das, was auf die trübselige Verfassung Bezug haben mochte, in der sie ihn nun schon einmal angetroffen hatte. Im Gegenteil, er redete nur von schönen Augenblicken bes Lebens, bie freilich bereits eine Weile zurücklagen, unb taute so sehr auf, bah er sie nun nach ihrem Leben fragte unb bies ober jenes, was ihr bisher Schwierigkeiten bereitet hatte, in ein neues und freundlicheres Licht rückte. Unmerklich verschoben sich die Rollen. Sie glaubte, ihm geholfen zu haben, und empfand doch immer stärker, daß er Macht über sie gewann und sich zwischen ihnen ein Band wob. Immerhin, ein klein wenig fühlte sie sich durch feine neue Sicherheit doch in ihrem Stolze als Helferin beeinträchtigt. So beschloß sie, ihr Geheimnis preiszugeben, und erzählte ihm, warum sie ihn heute zum zweitenmal nach bem Weg gefragt hatte. ;
„Siebe, kleine Helferin", sagte er bankbar lächelnd unb fügte nach einer Weile stillen Nachdenkens hinzu: „Immer wieder habe ich in meinem Leben die sonderbare Erfahrung gemacht: Sobald die Luft um mich herum so dicht wurde, daß ich nicht mehr ein noch aus wußte und nach einem schrie, ber mir helfen sollte, kam ein anberer unb bat mich um Rat. Und mir wurde dadurch geholfen, daß ich selbst helfen mußtet"
Ihr erschien dies im ersten Augenblick als ein wenig ‘ überschwenglich und fremd, aber sie verstand doch dunkel den Sinn, während sie eine Zeitlang stumm nebeneinander hergingen. Nach ein paar Schritten bot er ihr den Arm. Sie hängte sich leicht ein, unb beide wußten nun, ohne Worte, daß diese Gebärde etwas besiegelte.
Was NNitet uns der Kölner Som?
Aum 50. Jahrestag feiner Vollendung.
Von Dr. Karl ißergmann.
Die meisten mit uns Lebenden wird es überraschen, daß es am 15. Oktober erst fünfzig Jahre her finb, feit „jenes ©teinrounber von Gestalt- Form und Ebenmaß" vollendet wurde. Schon 1248 begonnen, lag es noch vor gut hundert Jahren verlassen in „trümmerhafter Vollendung" da, als die von Frankreich einbrechende Revolutionssoldateska es zum „Frucht- unb Fourage-Ma- gazin" mißbrauchte. Wahrhaftig, Köln hatte bedeutungsvollere Kkrchcnbauten als diese einsturzdrohende Rpine: St. Maria im Capitol, von Papst Leo IX. 1049 selber, St. Kunibert, unter Assistenz Alberts des Großen eingeweihi, St. Gereon, von der hl. Helena gegründet, oder St. Peter, darin Rubens getauft. Es war in der Tat keine Selbstverständlichkeit, wenn man den nachmaligen Preuhenkönig Friedrich Wilhelm IV. bafiy zu begeistern vetsuchte, gerade diesen 25au zu vollenden. 22 Millionen RM. hat das deutsche Volk seit 1823 in Dombauverein und -lotterte dafür aufbringen müssen, nachdem unsere Väter im Mittelalter schon ungezählte Werte an Renten, Kollektengelbern unb Vermächtnissen bazu gestiftet hatten. Aus welchen Beweggründen man zu dieser Tat schritt, hat keiner lebendiger ausgesprochen denn Josef Görres: er hat diese Steine reden lassen in einer Bedeutung, die gelten wird, so lange ein deutsches Volk lebt.
Denn weshalb war dieser Dorn ein halbes Jahrtausend unvollendet geblieben, daß man den Torso als „ewigen Vorwurf" empfand? Man hörte — so schrieb Görres in seinem „Rheinischen Merkur" kurz nach der Schlacht bei Leipzig — den Geist der alten Baumeister daraus fluchen: „Sv lange soll Deutschland in Schande und Erniedrigung leben, preisgegeben eigenem Hader und fremdem Uebermut, bis sein Volk sich wieder der Idee zuwendet, von der es sich ber Eigensucht nachjagenb, losgesagt, unb bis es durch wahrhaftige Gottesfurcht, gründlich treuen Sinn, festes Zusammenhalten und bescheidene Selbstverleugnung wieder tauglich worden,
solche Werke auszuführen, wie sie es jetzt in seiner Versunkenheit aufgegeben!" *
Nun war aber unser Volk unter den PeitschenhRben Napoleons zu seinem besseren Selbst erwacht; heilige Begeisterung wollte zur ewigen Erinnerung an bie geschworenen Gelöbnisse ein mahnendes Denkmal ausführen. Da war es Görres, der vor einem Bau warnte, wie ihn unser heutiges Geschlecht 1913 bei Leipzig hingesetzt hat. Seine Worte darüber klingen wie zu uns gesprochen^ „Es sind der Reden viel gegenwärtig in gemeinem Umlauf von großen Denkmalen, die derzeit errichtet werden sollen. Wollen wir teutsch verfahren, dann wenden wir die Kraft, die eitel nach außen sich verbreiten mochte, gegen uns selbst zurück." Das deutsche Volk soll erst innerlich Gestalt werden und dazu selber „die Hand an sich legen, wie der Künstler sie an Erz und Steine legt Und wenn wir es dann zu einer rechten Gestalt gebracht und uns in einem rechten Willen aneinanderschlie- ßen, dann ist unser Volk selber eine leuchtende Ehrensäule, wie noch keine in der Geschichte gestanden hat". Wenn dann so „das Innere sein Recht erlangt“ und das Aeuhere an bie Reihe komme, bann dürfe jedoch die Gegenwart nicht eitel sich selbst suchen; sie muß zu vollenden trachten, „was unsere Väter an Großem wegen allzu mächtiger Oeroaltigteit der Ideen unvollendet zurückgelassen". Ein solch „heiliges Vermächtnis" fei aber der Dom zu Köln. Die Deutschen könnten in Ehren kein ander Werk erbauen, bis nicht dieses am Rhein „vollendet aufgeführt" sei.
Dann sei er aber — so schrieb Görres 1842 bei der Grundsteinlegung über den „Dom von Köln als Mahner" — ein echtes Symbol des geeinten deutschen Volkes. Umsonst hätten bis dahin bie „Steinkolosse der Pfeiler die breiten Schullern dargebo- ten", in ber Hoffnung, es werbe sich einer finben, „bie hohen Gewölbe ihnen aufzulegen, bamit sie in ihnen zu einem stammhaften Säulenvolke" sich verbänben. Bis
„Wunderbar", sagte Sir Haigville, der Anblick der Maschinen überwältigte ihn, „das sind also die Lungen und bie Muskeln unseres Riesen, herrlich, nicht wahr?"
„Allright."
„Nun wollen wir uns auch einmal bas Herz bes Giganten ansehen, wo die Blutwärme erzeugt wird, damit Lungen und Muskeln rastlos arbeiten können. Sie haben boch alles auf höchste Kraft stellen lassen."
„Auf höchste Kraft."
„Prüfen Sie von Zeit zu Zeit bie Manometer . . ." „Des, ich kontrolliere auch bauernd den Atmosphärendruck ber Kessel."
„Das ist recht. Also gehen wir in ben Kesselraum."
Mächtige Kolosse ragten bort empor, Röhren fliegen wie Schlangenleiber auf unb nieder, geräuschlos glitten eiserne Lowrys in Gehängen zu den Feuerungen, Klapptüren öffneten sich automatisch, Feuerschein zuckte auf, flammende Lichter tanzten über ausleuchtenbe Eisenkörper, gefräßige Mäuler schluckten gierig die aus ben auseinanderklappenben Behältern herabstürzenben Kohlenmassen. Russige, schweißglänzenbe Männer arbeiteten, nur mit Hosen befleibet, mit riesigen Schürstangen vor ben Feuerungen. Die einen befreiten die ungeheuren Rostankagen von den Schlacken und hielten die Durchzugskanäle in Ordnung, andere wieder schafften die sich schnell bildenden Halden verbrannten Materials aus den Aschenräumen. Alles hastiges, pulsierendes Leben und doch herrschte eine fast feierliche Stille, niemand störte den Ernst der Arbeit mit unnötigen Reden. —
Da — plötzlich gellte ein gräßlicher Schrei durch das riesige Gewölbe.
Alles schreckte entsetzt zusammen und alle Köpfe wendeten sich nach der Richtung, von wo der Schrei herübergegellt war. — Dann rannten drüben auch schon einige dieser schwarze» Zyklopen, ein Haufen ballte sich zusammen — was gab es da?
Sir Haigville und Elliot liefen hinüber.
„Was gibt es, Leute", übertönte die Stimme bes ersten Offiziers den entstandenen Lärm.
Der Knäuel der Heizer löste sich auf, nur einige blieben in dem Kreise, der sich rasch gebildet hatte, und waren mit etwas Herumliegenden beschäftigt.
„Was habt ^hr da? Ist jemand verunglückt?“
Sir Haigville trat ganz dicht heran und prallte entsetzt zurück.
„Weg davon, Leute — faßt ihn nicht an, — Hände weg, wenn Euch Euer Leben lieb ist.
Schaudernd blickte Sir Haigville nieder auf — einen Menschenkörper — entsetzlich verschmutzt und entstellt —« trotzdem erkannte der Offizier, daß die Leiche mit einem Smoking bekleidet war, — Korbatschero — ja, nur er konnte es fein. Bis zu dem Kohlenbunker hatte Sir Haigville die Spur des Flüchtigen verfolgt hier kam der Verbrecher wieder zum Vorschein als Leiche. Das Gesicht war nicht mehr zu erkennen, blauschwarz ins Grünliche schillernd, aufgequollen und grauenvoll verzerrt — Der Tote war der Seuche erlegen, von deren Ausbruch er selbst der Urheber war.
„Wo ist denn der hergekommen?“ fragte Sir Haigville die Umstehenden.
„Von da oben", antwortete einer, „ich schaufelte hier die Kohlen fort, die immer herunterrollen, wenn die Lowry da oben rüberftreift, mit einem Male kam der von da oben runtergefauft, direkt auf mich zu, ich dachte schon, er lebte und wollte mich packen."
„Es ist gut, Mann. Die Leute, bie ben Toten an- gefaßt haben, bleiben hier, die anderen weiter an die Arbeit! Wo ist der Maat?"
„Hier."
Ein kräftiger Mann trat aus der Gruppe.
„Der Maschinist soll die eine Lowry herunterlassen, der Tote wird ausgenommen und gleich in den Ofen geworfen."
„Sir", Elliot war ganz außer sich, „Sie wissen gär nicht, ob er schon tot ist . . .“
„Der ist tot. Hinein in die Feuerung mit ihm.“ 1
Der Befehl wurde ausgeführt.
„So, Maat unb jetzt gehen Sie mit den Leuten sofort zum Arzt und lassen sich desinsizieren. Daß Ihr aber unterwegs nichts anfaßt, jede Berührung wirkt an- steckend. Was das für eine Krankheit ist, habt Ihr ja gesehen."
„Wir wollen uns einen Rock anziehen", meinte einer.
„Nein, nein, wie Ihr geht und steht, Ihr dürst nicht in Eure Schlafräume, ehe Ihr nicht desinfiziert seid."
„War denn das ein Pestkranker?" fragte eine Stimme,
NIL
12. Oktober
Verlage zur Fuldaer Zeitung