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Sonntag, 28. September 1930

auf Grund des Artikels 48 der Reichsoerfassung er­lassenen Notverordnungen protestiere und ihre Durchführung ablehne. Die Entschließung wurde vom Städtetag jedoch nicht an genommen.

* Isrned Pascha übernimmt die türkische Kabi­nettsbildung. Isrned Pascha hat auf Drängen Ke­mal Paschas die Bildung des neuen Kabinetts übernommen. Mit Ausnahme des Wirtschafts-, Arbeits- und Justizministeriums wird es sich aus Mitgliedern des alten Kabinetts zusammensetzen. Für die Ministerien sind vorgesehen Mustafa Che- ref Bei, Zekai Bei, Esat und Kemal Bei.

* Vor der Bildung einer Rechtsregierung in Braunschweig. Die Verhandlungen der hinter der bürgerlichen Einheitsliste stehenden Parteien und der NSDAP, zum Zwecke der Regierungsbildung in Braunschweig haben zu einer Einigung geführt. Die Regierung soll statt von bisher drei, nur noch von zwei Ministern gebildet werden. Von den Bürgerlichen wird der frühere Finanzminister Dr. K ü ch e n t h a l vorgeschlagen werden. Der natio­nalsozialistische Ministerkandidat ist Amtsgerichts- rat Dr. Anton Franzen in Kiel. Amtsge­richtsrat Dr. Franzen ist als Spitzenkandidat der NSDAP, für Schleswig-Holstein in den Reichstag gewählt worden. Die Wahl der Regierung im Landtage dürfte kommenden Mittwoch erfolgen.

* Die Neuwahlen zum Schlesischen Sejm. Laut der am Freitag veröffentlichten Verordnung des Staatspräsidenten werden die Neuwahlen für den Schlesischen Sejm zum 2 3. November d. I. festgesetzt.

daß angesichts des st a r k e n W i d e r st a n d e s das Kabinett von dem Gedanken einer G e h a l ts- kürzung der Beamten wieder abge­kommen fei. Es dürfte aber feststehen, daß die schon jetzt vorgenommene Gehaltskürzung in Ge­stalt des N o t o p f e r s die ursprünglich bis zum 31. März nächsten Jahres berechnet war, bis auf weiteres be st eh en bleiben wird.

Im Laufe der nächsten Woche sollen dann die Besprechungen mit den Parteifüh­rern beginnen.

Wie verlautet, steht jetzt schon fest, daß infolge der Mindereingänge der Steuern das Reich wieder in die Zwangslage versetzt sein wird, die Banken um einen Ueberbrückungs- k r e d i t a n z u ge h e n, der in den Jahren 1931 und 1932 zurückgezahlt werden soll.

heule Abschluß der kabinellsberalungen.

Verlängerung des Itotopfers statt Kürzung derVeamtengehälter?

Notverordnung vom 26. 7. 30 den Gemeinden neuerschlossenen Einnahmequellen seien im Hin­blick auf' diese Entwicklung um so mehr. völlig unzureichend, als die Wirtschaftskrise sich in den letzten Wochen erneut außerordentlich verschärft und die sonstigen Einnahmen hinter den Voran­schlägen stark zurückbleiben. Die Hauptverwaltung des Deutschen Städtetages weise deshalb die zu­ständigen Stellen darauf hin, daß sofortige Abhilfsmaßnahmen unerläßlich sind, wenn nicht die deutschen Städte einer auch für das Reich und die Gesamtwirtschaft untragbaren Finanzkatastrophe entgegengehen fallen.

Als sofortige Abhilfsmaßnahme bis zu einer endgültigen Regelung befürwortet die Entschließung dann dringend die unbefristete Aus­dehnung der Krisenfürsorge auf alle Berufe gemäß § 211 ÄVAVG. und die Uebernahme des Ge - meindefünftels bei der Krisenfürsorge auf das Reich. Nur unter der Voraussetzung, daß die geforderte finanzielle Entlastung,in vollem Umfange gewährt wird, seien die Gemein­den in der Lage, im Falle der Neuregelung der Bedürftigkeitsprüfung in der Krisenfürsorge und bei einem Ausbau der Arbeitslosenversicherung ihre Einrichtungen und Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Auch die Lage der Arbeitslosen­versicherung zwinge zu neuen Maßnah- m e n. Es sei erneut darauf hinzuweisen, daß zwischen Versicherung, Krisenfürsorge und gemeind­licher Wohlfahrtspflege ein unlösbarer Zusammen­hang bestehe und daß Einschränkungen der Lei­stungen aus der Arbeitslosenversicherung keine Er­sparnis am Gesamtaufwand, sondern nur Lasten­verschiebung bedeute.

Die Entschließung endet: Die Hauptversamm­lung des Deutschen Städtetages hält sich für ver­pflichtet, auf den E r n st der Lage mit größter Eindringlichkeit aufmerksam zu machen und er­wartet die beschleunigte Durchführung der von ihr geforderten Maßnahmen, wenn nicht die unheilvollsten Folgen für die Ge­meinden, für die Arbeitslosen selbst und schließ­lich für unser gesamtes Volk entstehen sollen.

Ein Veglüßilllgsschreiben des Kanzlers

Reichskanzler Dr. Brüning hat an den Präsidenten des Deutschen Städtetages, Dr. M u l e r t, ein Schreiben gerichtet, in dem er mit­teilt, daß er zu feinem lebhaften Bedauern die be­reits erteilte Zulage, der Tagung des Deutschen Städtetages in Dresden beizuwohnen, im letzten Augenblick zurückziehen müsse.

Er würde es ganz besonders begrüßt haben, ge­rade an diefer Sitzung des Deutschen Städtetages teilzunehmen, wo über die gleichen Nöte der deut­schen Staatswirtschaft bedeutsame Verhandlungen gepflogen werden, deren Linderung auch der Reichsregierung obliege, und weil er wisse, daß er dort einer Versammlung von Männern begegnet wäre, die unabhängig von etwaigen trennenden weltanschaulichen und parteipolitischen Grundan­schauungen Willens seien, in gemeinsamer sachlicher Arbeit der Schwierigkeiten Herr zu werden. Der Kanzler betont dann, daß er es sich nur aus dem Grunde habe versagen müssen, an den Beratungen teilzunehmen, weil die auf das gleiche Ziel gerich­teten bedeutsamen Arbeiten des Reichskabinetts noch nicht ganz zu Ende geführt find und am Freitag unter allen Umständen fortgesetzt werden müssen. Er bitte, allen Teilnehmern seine und der ganzen Reichsregierung herzlichsten Grüße und Wünsche auszusprechen und sich versichert zu halten, daß der Grund seiner Abwesenheit ausschließlich sein Streben sei, in einem klaren Sanie- r u n g s p r o g r a m m der Reichsregie­rung für die bevorstehenden politi­schen Verhandlungen eine solide Grundlage zu schaffen.

Schließlich gibt der Reichskanzler noch seiner ganz besonderen Freude Ausdruck, dem Deutschen Städtetag anläßlich seines 25jährigen Bestehens seine und der Reichsregierung herzlichste Glück­wünsche zu übermitteln.

Ein kommunistischer Vorstoß.

Auf dem Städtetag wurde ein kommunistischer Antrag eingebracht, die Wirkung der Notverord­nungen der Reichsregierung in Bezug auf die Ver­elendung der breiten Massen zum Gegenstand der Besprechung zu machen. Nachdem dieser Antrag mit großer Mehrheit a b g e l e h n t worden war, wurde eine kommunistische Entschließung vorgelegt, dahingehend, daß der deutsche Städtetag gegen die

Die Hauptversammlung des Deutschen Städte­tages, die in diesem Jahr in Dresden stattsindetz wurde am Freitag vom Präsidenten Dr. Mulert eröffnet. In seiner Ansprache „25 Jahre Deutscher Städtetag" führte

Präsident Dr. Mulert

u. a. aus: Aus den 144 Mitgliedsstädten und sieben Städtebünden des Gründungsjahres 1905 mit einer Einwohnerzahl von 16,2 Millionen find bis zur Gegenwart 279 unmittelbare Mitglieder mit 26,5 Millionen Einwohnern geworden, zu denen noch 913 mittelbare Mitglieder mit 5,4 Millionen hinzukommen. Der Deutsche Städtetag ersaßt demnach 32 Millionen Menschen.

Das Schicksal der Gemeinden ist ein allgemein deutsches Problem geworden.

Aufgabe des Deutschen Städtetages ist es, darauf hinznwirken, daß bei der kommenden Reichs!eform die jetzigen Mängel im Reichsaufbau, auch soweit sie die Gemeinden in der untersten Instanz betref­fen, beseitigt werden. Die stärkste Einschränkung der Selbstverwaltung liegt nach tote vor auf dem Gebiete der Finanzen. Hier zeig! sich die Schick­salsverbundenheit von Reich, Ländern und Ge­meinden am deutlichsten. :

Die Gemeinden müssen wieder die Fähigkeit erhalten, Einnahmen und Ausgaben in eigener BerMtwortlichkeit in ein richtiges Verhältnis miteinander zu bringen.

Es handelt sich um ein gesamtdeutsches Problem, ohne dessen Lösung jede Reichsfinanzreform Stück­werk bleibt.

Die Grüße und Wünsche der preußischen Staatsregierung überbrachte der preußische Mini­ster des Innern, Prof. Dr. Waentig.

Nach den Begrüßungsansprachen ergriff Ober­bürgermeister Dr. Luppe-Nürnberg das Wort zu einem Vortrag über das Thema

Arbeitslosenversicherung und Gemeindehaushalt. Dr. Luppe wies einleitend auf die rapide und unaufhörliche Zunahme der Wohl- sahrtsertoerbslosen in den letzten Mona- «n Hin, die die Haushaltspläne aller Gemeinden über den Hauf en geworfen habe und bis zur Finanzkatastrophe auszuwachsen owhe. Bis Ende des Jahres würden die Mehr­ausgaben des Wohlfahrtsamtes mindestens 250 Millionen RM. betragen. Die für die Wohlfahrts- erwerbslosen in den Etats vorgesehenen Beträge seien jetzt bereits verausgabt. Die

erste Forderung sei, daß den Gemeinden sofort fmMzielle Hilfe durch Entlastung von den

Wohlfahrtserwerbslosen zuteil werde.

Hmte stehe schon fest, daß die Reichsvorschüsse sur die Arbeitslosenversicherung Mitte Oktober ?.Eg erschöpft fein würden. Auch die unverrneid- ua^ Beitragserhöhung werde weitere Reichs- hllfe nicht entbehrlich machen. Die jetzige Dreh- , "Ung (Arbeitslosen-, Krisen- und Wohlfahrts­unterstützung) müsse einer Zweiteilung Platz Tuchen. Grundsätzlich müsse der Reichsfinanzaus- R chie Gemeinden instandsetzen, diese Lasten tragen. Man werde daher einen objektiven UHstab für die Zuschüsse des Reiches suchen Nstn. Die Zerreißung von Versicherung, Ar- "^«nachweis und Fürsorge habe sich aufs bitterste Macht. und für beide Teile finanziell sehr unminstig ausgewirkt. In der örtlichen Instanz "roten die Gemeinden und Gemeindeverbände wieder eingeschaltet werden, damit der jetzige Jnter- nengegensatz verschwinde. Nur auf diesem Wege

'1 eine Gesundung möglich.

Eine Entschließung.

j. dkach mehr als zweistündiger Diskussion über as Referat des Oberbürgermeisters Luppe- ^faberg hat der Deutsche Städtetag eine Enk- Aueßung des Vorstandes zu dem Referat Dr. »rf, $ mit überwiegender Mehrheit zum Beschluß

Hoven. In dieser Entschließung heißt es u. a.: -Cie geltenden Bestimmungen über die Arbeits- enversicherung und das Arbeitsnachweiswesen entgegen den dringenden Vorstellungen der mote geschaffen worden. Bei einer kommenden k?» 1“Itong der Arbeitslosenversicherung müsse

s.^>-.?"h,eitlichkeit der Verwaltung in t; I °r.tlichen Instanz soweit als mög-

I. tote derh er gestellt werden. Das Aus- B der Lasten, das im Verlaufe dieses Jah- vSrf?toac^ien ist, fei für bie Gemeinden

l19 untragbar geworden. Die durch die

Die Hitler-Psychose.

Es wäre leicht, aber nicht sehr reizvoll, die Köpfe mit Namen zu nennen, die nach der Erklä­rung Hitlers demnächst rollen werden. Die ein­zige' Schwierigkeit könnte nur darin bestehen, daß man nicht wüßte, ob die Liste vollzählig wäre. Denn folgerichtig müßte man zunächst ja diejenigen zur Guillotine schleppen, die im Juli 1917 sich für die Friedensresolution eingesetzt haben. Einige sind schon tot, aber die meisten leben noch. Auch Bethmann Hollweg hat den Anbruch des goldenen Zeitalters, das Hitler das Dritte Reich nennt, nicht mehr erlebt. Wie wird es Hugenberg ergehen, der nach eigenem Wort vorzeitig aus dem Kriege aus­getreten ist, so wie man aus einem Verein aus­tritt? Was ist mit Ludendorff, der doch ebenfalls den alleinrichtiqen Weg feines ehemaligen Gön­ners Hitler verlassen hat? Doch genug der Spie­lerei. Man braucht solchen Gedanken nur anzu- fpinnen, um sofort seine Lächerlichkeit zu spüren. Hier ist, in einem anderen Sinne als üblich, eine Lächerlichkeit, die tötet.

Aber sollte nicht von hier aus das ganze Pro­blem Hitler, wenn man es schon für eines hält, beurteilt werden? In Leipzig, vor dem höchsten Gericht des Reiches, sind sonderbare Dinge geschs- hen. Drei blutjunge Leutnants sind des versuch­ten Hochverrats angeklagt, weil sie sich mit der na­tionalsozialistischen Partei eingelassen und einige Dinge durchaus in deren Sinn getan haben. Der Vorsitzende läßt von vornherein deutlich genug er­kennen, daß er die Auffassungen der Angeklagten für kindisch und strafbar hält. Jeder spürte eigent­lich von Beginn der Verhandlung an, daß die Offiziere verurteilt werden.

Nun aber soll der Gründer und Führer der nationalsozialistischen Partei als Zeuge aussagen, ob er mit seinen Leuten tatsächlich revolutionäre Ziele verfolgt oder nicht. Selbstverständlich, er­klärt er, er habe solche Ziele nicht, sondern wolle alles auf legalem Wege erreichen. Dann aller­dings, wenn die Nazis die Macht haben, wenn von 40 Millionen Leuten 35 Millionen das Hakenkreuz wählen, dann werden die Köpfe rollen. Aber das ist dann nicht etwa die Schuld Adolf Hitlers, son­dern das kommt mit dem dann eingesetzten neuen, dem deutschen Staatsgerichtshof zwangsläufig. Im übrigen, wie gesagt, denkt Hitler keineswegs an einen Putsch, im Gegenteil, er hat die Leute, die so vermessene Ideen haben, aus der Partei hinaus- geworfen.

Nachdem diese Rede beendet ist, zu der der Vorsitzende den Zeugen Hitler, wenn auch mit ei­nigen Ermahnungen, aufgefordert hatte, erklärt als Gegenzeuge der Staatssekretär des Reichsinnen­ministers mit dürren Worten — und er trifft bw- mit das Gefühl aller, die von der Hitler-Psychos» noch nicht ergriffen sind, — Hitler habe auch schon 1923 ehrenwörtlich versichert, er werde nicht put­schen. Wenige Wochen später hat-er es trotzdem getan. Aber das Reichsgericht vereidigt ihn. Und es liegt nun also fest, daß die Nationalsozialisten sich bei ihrer Betätigung ausschließlich legaler, also ver­fassungsmäßiger Mittel bedienen weiden. Wer dieses Vrozeßergebnis mit allem, was in den letz­ten Jahren, Monaten und Wochen geschehen ist, vergleicht, dem steht der Verstand still. Warum wurde Hitler überhaupt vernommen? Nun, wenn das Gericht unter gar keinen Umständen, und dazu ist es ja verpflichtet, den angeklagten Leutnants Unrecht tuen wollte, so mochte es immerhin sich an- hören, was denn Hitler vor dem Reichsgericht, vor dem er demnächst selbst in einer Hochverratssache stehen soll, auszusagen für nötig befand. Aber bann mußte doch auch dem authentischstem Gegen­zeugen, dem Staatssekretär Zweigert, Gelegenheit gegeben werden, Hitler zu widerlegen und ihm die objektive Unwahrhaftigkeit seiner Aussagen zu be­weisen. Das wäre ohne weiteres möalich gewesen, denn in einem anderen Zimmer des Reichsgerichts liegt eine Denkschrift des Innenministers, die das Material gegen die Nationalsozialisten gesammelt hat. Das Gericht hat sich nicht entschließen können, diese Denkschrift heranzuziehen, auch nicht trotz des verdächtigen Eifers, mit dem der forensische Vertre­ter der Partei sich gegen die Benutzung dieser Denkschrift wandte. Dieser Mann, der auf den arischen Namen Frank hört, bewies für Jlnoorem»- genommene schon durch seine Haltung während der gesamten Prozeßbauer, daß für ihn das Gegenteil von dem, was Hitler ausgesagt hat, feststeht. Das Reichsgericht allerdings bat hier naheliegende logi­sche und psychologische Schlußfolgerungen nicht ge­zogen. Es macht, wenn auch das trotz Hitler er­wähnt fein darf, bestimmt auch im Ausland keinen sehr guten Eindruck, daß der Vertreter der Reichs­regierung fein Material gegen Hitler nicht Vorbrin­gen konnte, sondern nach Hause gehen mußte.

Man bemüht sich vergebens, herauszubekom­men, worin eigentlich die Wirkung der Persönlich­keit Hitlers besteht. Er kommt wie Millionen an- bere aus dem Krieg heim, bekennt sich, damals noch, zum monarchischen Gedanken, gerät unter völkische Einflüsse, findet dank seiner Rednergabe Aufmerksamkeit und Anhang, riskiert einen Putsch, bei dem er sich nicht gerade heldenhaft benimmt, wird zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verur­teilt, dann begnadigt und ist ein paar Jahre später der Heros des Unverstandes und jeder Art von Unzufriedenheit und Draufgängerei. Er nutzt die Stimmung aus, feine Partei wächst, Revolution ist das zweite Wort, das er und feine Anhänger int Munde führen, in der Stunde größter wirtschaft­licher Bedrängnis breiter Schichten des Volkes fällt ihm ein Wahlerfolg zu, mit dem er niemals gerechnet batte, und nun darf er vor dem höchsten Gericht erklären, er fei gar kein Revolutionär, son­dern kämpfe nur mit geistigen Waffen. Dem ein­fachen Staatsbürger erscheint ein solcher Vorgang wie ein Hohn auf die Wirklichkeit.

Ist dieser Mann eine Strafe Gottes, die über unser Land kommt und seinen Bewohnern den ge­sunden Menschenverstand nimmt? Ist es schon foweit gekommen, daß auch höchstgestellte Perso­nen, deren Pallad'um die Objektivität ist, sich nicht mehr durchfinden? Die Zeugenaussagen, die rott

Der 25. Deutsche Städtetag.

Die Hauptversammlung in Dresden.

Die katastrophale Finanznok der Kommunen. — Ein Hilferuf an das Reich.

MaerZertung

Anzeiger für die Staöf Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

■■ (Hfdjeint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt

,m Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Berlag her Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Echrift- leituna 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150- und 1151. ::

Die Krise in Oesterreich.

Vaugoin mit der Bildung des Kabinetts betraut.

Der österreichische Bundespräsident hat Freitag nachmittag den Vizekanzler Karl Vaugoin nach einer längenren Aussprache mit der Neubildung des Kabinetts betraut und ihn aufgefordert, um­gehend die hierzu nötigen Verhandlungen aufzu­nehmen.

*

Die Besprechungen wegen Bildung einer par­lamentarischen Regierung haben am Freitag mit dem Empfang der Fraktionsführer der vier im Nationalrat vertretenen Parteien durch den Bun­despräsidenten begonnen. Die Großdeutschen und der Landbund sollen bisher, wie man in parlamen­tarischen Kreisen hört, wenig Neigung zeigen, an einem christlich-sozialen Kabinett Vaugoin teilzu­nehmen. Abgesehen von der Verstimmung der Christlich-Sozialen gegen Schober dürfte der Grund dafür der Wunsch fein, für einen nach allge­meiner Ansicht bald beginnenden Wahlkampf freie Hand zu behalten. Großem Interesse begegnet die in den Blättern ausgesprochene Vermutung, daß Dr- Seipel im Kabinett Vaugoin, dessen Er­nennung man für Dienstag erwartet, als Außen­minister ausersehen sei.

Bevorstehende Auslosung des österreichischen Nationalrates.

rotb. Wien, 27. Sept. (Eig. Meld.) Nach dec ablehnenden Haltung der Großdeutschen und des Landbundes gegenüber dem Kabinett Vaugion rechnet die gesamte Presse ohne Parteiunterschied mit einer baldigen Auflösung des Natio­nalrates und Ausschreibung von Neuwahlen. Daß dies auch die Absicht der Christlich-Sozialen ist, zeigt ein Leitartikel der Reichspost, der unter der Ueberschrift Auflösen, Neuwahlen erklärt: es wäre zwecklos, mit der Min­derheitsregierung die letzten Monate der Legisla­turperiode zu vertun. Auch die sozialdemokrati­sche Arbeiterzeitung fordert sofortige Neuwahlen, weil nach Sprengung des bürgerlichen Mehrheits­blockes das Volk entscheiden müsse, wer regieren soll.

Die Prager Ausschreitungen.

Deutsche Beschwerde im kabinetksausschuß.

Die „Prager Presse" meldet, daß die deutsch­feindlichen Straßenkundgebungen am Freitag im politischen Kabinettsausschuß, der unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Udrzal zusammentrat, zur Sprache kamen. Die beiden deutschen Minister Dr. S t i n a und Dr. Czech führten im Namen der deutschen Bevölkerung entschiedene Be­schwerde über d i e neuen Ausschrei­tungen gegen deutsche Kultur st ätten in Prag, wiesen auf die schwierige Lage hin, in dis die deutschen Regierungsparteien durch die tagelan­gen Kundgebungen versetzt werden und verlangten mit allem Nachdruck verbindliche Zusagen, daß sich die Vorfälle der letzten Tage nicht mehr wiederho­len würden. Innenminister S l a w e k erklärte, es sei Vorsorge für Aufrechterhaltung der Ruhe ge­troffen. Die nach Prag gerufenen Gendarmerie­verstärkungen hätten Befehl, gegen widersätzliche Demonstranten sofort mit Perhaftungen vorzuge­hen. Ministerpräsident Udrzal gab gleichfalls sei­nem lebhaften Bedauern über die Ausschreitun­gen Ausdruck und versicherte, daß die Sicherheits­organe keine weiteren Ansammlungen dulden würden.

Scharfes Eingreifen der Gendarmerie

Senbarmerieabteilungen mit aufgepflanztem Bajonett, die von auswärts nach der Hauptstadt zusammengezogen sind, gingen am Freitagabend gegen Zusammenrottungen vor und zerstreuten sie rasch. Der Wenzelsplatz wurde mehrmals im Sturm geräumt. Mehrere Personen wurden ver­letzt und festgenommen. Allgemein fiel auf, daß die Gendarmerie ungleich schärfer eingriff als am Vortage die Polizei, deren Versagen Gegenstand der Debatte des heutigen Ministerrats war, in der auch die Absetzung des Polizeipräsidenten Dolensch in Erwägung gezogen wurde. Ministerpräsident Udrzal sagte' den beiden deutschen Ministern rück­sichtslose Unterdrückung weiterer etwa geplanter deutschfeindlicher Ausschreitungen zu.

Da« Reichskabinett hat Freitagabend von 18 .. 20 Uhr getagt und trat nach einer Pause um 21 X zu einer Nachtsitzung zusammen die bis 1 Uhr "^n?Samstagvormiitag trat das Kabinett von zusammen. In politischen Kreisen rechnet E damit, daß die Beratungen über das sachliche Programm so, wie es vorgesehen mar beute zu Ende geführt werden tön- ' Dagegen scheint es keineswegs sicher, b’e SB räffentlichung des Pro­ara m m s ch h e u t e erfolgt. Vielmehr wird darauf hinge nefen, daß die ressortmäßige Durch­arbeitung der Einzelheiten und die Formulierung auck> eine gewisse Zeit beanspruchen. Deshalb fei “ durchaus möglich, daß die Veröffentlichung noch auf M o n t a q verschoben werden muß.

In parlamentarischen Kreisen erzählt man sich,

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