Ile. 225
Herbst-Abend.
ncbe durch den dunklen, stummen Wald.
Noch ist es draußen Tag, doch dämmert's bald.
fierbft hat allgemach fein Werk vollbracht: ©äs er an Blumen beut, trägt feine Tracht.
-h feiert sonnentrunkenes Farbenspiel.
gr aber schweigt: er kennt sein kaltes Ziel.
Richard von Schaukal.
Der Geldwert der alten Bücher.
' Bon Dr. Karl Schottenloher -München, Abteilungsdirektor der Bayer. Staatsbibliothek.
Was ist dieses Buch wert?" Oft wird die Frage -stellt meist ist der Frager von der Antwort ent- tiiuichr' Gelegentlich kann man in den Zeitungen Be- riAte über Bücherversteigerungen mit hohen Preisen le- s-n aern werden solche Beträge den eigenen Schätzun- ' ' 3uqrUabe gelegt und rufen ein falsches Bild von dem wirklichen Marktwerte hervor. Wie bei allen Wirt- toafteflegenftänben wird der Geldwert eines alten Bu- von der Nachfrage bestimmt. Wo der Käufer fehlt, aibt es auch keinen Preis. Die Frage nach dem Geldwerte der alten Bücher ist also gleichbedeutend mit der ‘trage: Welche Bücher werden gesucht und gekauft? Warum werden überhaupt alte Bücher erworben? Ue- ber diese Frage entscheidet der Bücherfreund, der Vii- chersammler. Gleich so vielen anderen Sammelgegen- stünden führt auch das Buch ein doppeltes Leben, ein geben von heute und ein Leben von morgen. Die alten Bücher sagen uns unmittelbar nichts mehr; aber sie sind gefchichtsdenkmäler geworden.
Irgendwie müssen uns aber die alten Bücher etwas zu sagen haben. Bor allem die Ausstattung nimmt uns gefangen. Wie jedes Erzeugnis der menschlichen Hand wechselt auch das Buch seine Form, ist mit Mode und Etil einer Zeit unzertrennlich verbunden. Eine Handschrift des Mittelalters sieht anders aus als eine im Zeitalter der Renaissance gewordene, ein Druckdenkmal der frühesten Zeit anders als eines, das etwa aus der Rokoko-Zeit stammt. Dazu kommt der Inhalt, das Buch als Geisteserzeugnis, als Kind seines Verfassers, als Kind feiner Zeit oder einer Geistesbewegung. Nicht minder bestimmt die Seltenheit eines begehrten Buches dessen Wert. Es liegt im Wesen des Sammlers, vor allem seltene Stücke zu erwerben, die sonst niemand öder nur eine kleine Anzahl besitzt. Da die ältesten Bücher den Wechselfällen des Schicksals am stärksten ausgesetzt sind, fällt hohes Alter und Seltenheit fast immer zusammen. Handschriften aus dem frühen Mittelalter oder aus der Karolingerzeit gibt es nur wenige; kommt eine von ihnen auf den Markt, so erreicht sie den allerhöchsten Preis. Die frühesten Druckdenkmäler werden wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung begehrt; da sich eine beträchtliche Anzahl im festen Besitze der öffentlichen Sammlungen befindet, begegnen uns auf dem Markte nur wenige Exemplare und gehen zu hohen Beträgen ab. Die berühmte Bibel Gutenbergs oder das Psalterium Schäffers vom Jahre 1457 bilden immer ein Ereignis, wenn sie auf dem Markt erscheinen, und fordern Preise von 200 000 bis 300 000 Mark heraus. Sind sie auf Pergament gedruckt oder schön ausgemalt, so können die verlangten Beträge noch beträchtlich steigen; dasselbe gilt für hübsche Einbände oder handschriftliche Einträge. Das alte Druckwerk hat trotz seiner Vervielfältigung viel Persönliches und Einzigartiges an sich, was feinen Wert erhöht. Blockbücher, das heißt ganz in holz geschnittene Bücher, sind überaus selten und erreichen recht hohe Preise. Auch Druckwerke mit Holzschnitten werden teuer bezahlt, besonders die frühesten mit einfachen Umrißlinien und Jnnen-Ausmalung geschmückten Ausgaben oder die ganz großen Holzschnittbücher, wie etwa die Weltchronik Hartmann Schedels oder der Nürnberger „Schatzbehalter des Heils" (1491), «m man jetzt bereits mit 7500 Mark begegnen kann. Die Nürnberger neunte deutsche Bibel Anton Kobeyers, die mit über 100 Holzschnitten geschmückt ist, kann man wit 4000 Mark erwerben. Der Augsburger Drucker »nton Sorg würde sich nicht wenig wundern, wenn er Mne mit 16 Holzschnitten ausgestattete Suso-Ausgabe des Jahres 1482 heute mit 12 000 Mark bewertet sähe.
Das Vakkerienfchlff.
Lin Roman in 7 Tagen.
Von Hellmuth Quast-Peregrin.
•J 10] by Greiner u. Co., Berlin.
®r sah die Bruchstücke der Bakteriensammlung und taumelte zurück.
»Herr Kapitän — da — ist des Rätsels Lösung. Pro- stsor Gibbons Bakteriensammlung ist zerstört."
Oliver Sidney trat zu ihm.
»Eine Bakteriensammlung führte er mit sich?"
. «ein überraschtes Gesicht nahm einen bestürzten Mus- «'n an.
es waren eine Anzahl verschlossener Glasröhren, die Kulturen enthielten. Hier in diesem zerbro- ™erien Kästchen waren sie eingeschlossen."
.. »Wissen Sie, was das für Bazillen waren? Verrnut- tch auch eine Tat dieses russischen Verbrechers."
»An einige kann ich mich erinnern, Typhus, Cholera, u*lot), ich glaube auch Beulenpest . . ."
'.Beulenpest? Mich sollte es nicht mehr wundern, toenn sie das wäre," sagte der Kapitän, der das Zim- mer verließ.
Oliver Sidney verschloß die Türe sorgfältig und gab ”en Matrosen den Befehl, Wache vor der Kabine zu Mten.
Dann wandte er sich an alle Anwesenden, seine Ge- bchiszüge waren beherrscht, eiserne Energie und ein iurchtdarsr Ernst sprach aus ihnen.
»Gentlemen, wir haben eine schreckliche Entdeckung gewacht, ich bitte Sie, nein, ich fordere von Ihnen Mer- miwiegenheit, wir dürfen keine Panik an Bord ausbre- lassen. Herr Doktor, Sie gehen in Ihre Kabine und «holen sich Don Ihrem Schrecken. In einer Stunde hole 7 fcie ab und wir besuchen die Kranken, vielleicht ist chere Sorge übertrieben. — Jedenfalls Gentlemen, ich 1 le um Ihr Ehrenwort, daß vorläufig nichts über die ®Q$e verlautbar wird . . ."
$er junge Lord Dudley unterbrach den Kapitän.
, »vchon gut, Sir, aber was wollen wir Lord Huxleigh lagen?"
2S. Sepkemver
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Was in der Regel im Familiendesitz ist und gelegentlich zum Verkaufe aufgerufen wird, fällt selten unter den Begriff des wertvollen und teuren Buches. Mellt handelt es sich um veraltete Bücher, nicht ^uni Altertumswerte. Man begehrt ihrer nicht mehr. Die so häufig angebotenen Bibeln müssen besonders hübsch ausgestattet sein, wenn sie beachtet werden wollen. Die Bibeln des 15. und 16. Jahrhunderts genießen dagegen eine bevorzugte Stelle. Besseren Bedingungen als di^ theologischen und rechtswissenschaftlichen Bücher sind die technischen und naturwissenschaftlichen, vor allem die medizinischen unterworfen; sie gehören zu einem großen Teile zur Geschichte dieser jungen Wissenschaften und haben sich als geschichtliche Zeugnisse zunehmender Nach- srage zu erfreuen. Ehrwürdige Kräuter- und Desfrllier- bücher, frühe ärztliche Abhandlung^ und Arzneibücher, alte Werke mit anatomischen Abbildungen werden zu hohen Preisen gern gekauft. Die Geographie erreicht ihre Höhepunkte in allen den Werken, die mit der Entdeckung Amerikas irgendwie verbunden sind; dazu gehören die Ptolemäus-Ausgaben von 1600 und alle geographischen Schriften und Reisebeschreibungen aus der gleichen Zeit. Die nationalen Dichtungen feiern in den Erstausgaben der führenden Geister ihre Triumphe. Für die ersten Shakespeare-Ausgaben werden unerhörte Preise bezahlt. Die Deutschen geben es wesentlich billiger; die Blütezeit ihrer Dichtung fällt in bedeutend spätere Zeit, ine für Drucklegung und Verlag viel günstiger war. Die Erst-Ausgaben sind infolgedessen noch häufiger anzutresfen und erleben keine sehr hohen Preise. Weit höher steht die französische Literatur des 18. Jahrhunderts, die sich einer liebevollen Ausstattung mit Bildern und Zierrat aller Art erfreut; sie wird immer ihre stillen Liebhaber finden.
Wer Bücher verkaufen will oder muh, hüte sich vor allem vor Ueberschätzung ihres wirtschaftlichen Wertes. Die Bücher sind in der Hauptsache geistiges Kapital. Sind sie veraltet, so gleichen sie entwerteten Münzen. Erst wenn sie zu Altertümern werden oder sonstigen Feingehalt aufweisen, erhalten sie wieder Kurswert. Große Büchersammlungen können freilich auch bedeutenden Wert besitzen. Schon mancher Gelehrte hat durch eine ansehnliche Bibliothek die ©einigen vor Not bewahrt, indem er einen einheitlichen Bücherbesitz von beträchtlichem Umfange hinterließ.
Die brauchbarsten Kurszettel für alte Bücher sind
überhaupt gegen jeden, der gerade und saubere Wege geht? Wo sind meine Freundschaftstaten, meine Opfer, die eine solche Erhöhung rechtfertigten?
Er lag mit geschloffenen Augen da. Sein Atem war kurz. Durch feine hagere Hand, die noch immer in der meinen lag, lief in unregelmäßigen Rhythmen ein Zücken.
Jeder Mensch ist eine kleine Welt, unsichtbaren Machthabern untertan, dem Leden, dem Tod. Während das Leben uns regiert und aus Tagen und Monden unser Schicksal formt, lauert der Tod auf die Stunde, da er uns dem Leben roegfängt^ Oft gelingt es ihm überraschend schnell. Den einen fällt er bei der Arbeit an wie der Blitz den blühenden Baum, oder auf einem Spaziergänge selbst tritt er manchem in den Weg und nimmt ihn mit. Um andere muß er mühsam ringen Tage, Monate, Jahre.
Wer von d«i ungleichen Brüdern regierte diese Stunde? Das Leben, der Tod? Wer klopfte so unablässig, so hart auf die Tasten eines feingefügten Schaltwerkes, daß der Strom aus der Hand des Kranken auf mich übedrorang?
Eine Schwester kam. Er lag mit abgewandtem Gesicht und geschlossenen Augen da.
„Schläft er?" fnagte sie leise.
Ich wußte es^nicht und wußte zudem nicht, wie sie es meinte. Vielleicht hatte der Mrjt. mit ihr deutlicher gesprochen. Sie schob ihm beMsam ein Thermometer in die Achselhöhle und ging.
Dar Knanke atmete ruhiger. Die Stromschläge fuhren seltener und schwächer durch seinen Körper, und nach einigen Minuten bewegte er fjff), sah mich aus großen, ruhigen Augen an, lächelte dankbar und sagte: „Du bist — so treu!"
Die Tür ging leise. Die Schwester nahm das Thermometer und stind ein aufrichtendes Wort. Sie verlängerte die Fieberkurve durch einen abwärts gehenden Strich.
Lurch einen schmalen Spalt des Fenstervorhanges huschte ein SonnUistrahl herein und legte sich quer über Bas Bett. Der Kranke faßte danach wie ein Kind. Und bann ging feine Hand ein paarmal streichelnd und dankbar darüber hin. Er fah immtrfort auf das tanzende
Sonnenlicht. Als ich mich verabschiedete, machte er mit ber Hand eine Bewegung zum Fenster hin und sagte, glücklich wie ein beschenktes Kind: „Die Sonne!"
Es klang mir noch auf dem Heimwege im Ohr: Die Sonne. Als hätte er sie überhaupt jetzt erst entdeckt, so sagte er es. Bücher — Bücher! — Aus Büchern hatte er Mauern um sich errichtet. Die trennten ihn von der Sonne, von den Freunden und zuletzt auch von dem liebsten Menschen nach sovkl schicksalergebenen Jahren. Nicht im Groll und mit gegenseitigen Vorwürsen, rote es oft geschieht, schieden sie voneinander. Nein, nur mit einer herzergreifenden Wehmut. Die gelehrten Bücher hatten ihn verführt. Und bann kam ein Tag, da mußte er auch von ihnen Abschied nehttien. Das war vielleicht bfe schmerzlichste der Trennungen. Und nun fand er Genüge, Glück an einem schmalen Sonnenlicht auf der Bettbecke. War das nicht Bekehrung, roar es nicht schon der erste Schritt auf einem neuen Wege? Wenn er nun bald ins wirkliche Leben zurückkehren sollte auf zwei gesunden Füßen — die Fieberkurve fiel ja, — ob er bann die Wege gehen würde, die in Sonnenroeiten, zu Wiesenblumen, in Wäldertiesen führen? Und wenn er gar eine Seele fin- ben sollte, mit ber er Hanb tn Havd diese Sgege in ein neues Leben geht! Dann hätte bas Schi^sal roeüge- macht, was es in all ben Jahren ihm an schweqen Entsagungen gebracht hatte.
In brei Tagen wollte ich wieder bei ihm fein. Aber in der Frühe des dritten Tage kam ein Brief von ibgj. Mit fliegender Hand hatte er geschrieben: Mein lieber Freund, ich danke Dir für alle Freundlichkeit und Treue, die Du mir im Leben erwiesen hast. Es wird nun vor meinen Augen langsam dunkler. Einen herzlichen Mb* schiedsgruß . . .
Und nach weiteren drei Tagen stand ich an feiner Bahre.
Wenn er im Leben auch seinck Freunde verlor, wenn nach Jahren friebfamer Zweisamkeit fein Weg abbog und er — wer kann es wissen? — vielleicht manchmal im Arm der Einsamkeit wie über eine Schuld meinte, so war er, ein Stiefkind des Schicksals, doch in tieffter Seele treu.
Legenden und Geschichten vom Wein.
Auktions- und Antiquariatskataloge sowie die verschiedenen Jahrbücher der Bücherpreise, welche die alljährlichen Auktionserlöse verzeichnen. Die zuverlässigste Bewertung wird freilich immer eine gute Bücherkenntnis fein.
Ein Stiefkind des Schicksals.
Skizze von Franz M a h l k e.
„Er schläft gleich", sagte der Arzt zweideutig und ließ mich mit dem Kranken atteiti. Durch die Doppeltür vom steinernen Flur her kam ein rollendes Geräusch. Gewiß wurde wieder ein Bett mit einem Sterbenden vorbei gefahren. Täglich werden Sterbebetten auf kleinen 3toll- süßen durch die Fluchten großer Krankenhäuser gefahren. Täglich kommen Kranke, Hoffende, Verzagende. Auf jeden wartet eine Bettstatt mit weißem Sinnen, und Kiner weiß, ob er auf zwei eigenen Füßen herauskommen wird oder ob sie ihn sterbend auf den vier kleinen Rollen fahren werden, die auf den Fliesen so röchelst.
Ich nahm die Hand des Kranken. Der Puls jagte. Auf den Jochbeinen stand ein brennendes Rot. Die Wangen waren hohl und fahl. Er wandte mir das Gesicht voll zu. Ein zwangvolles Lächeln spielte um seine Sippen. Dann sagte er mit verhangener Stimme: „Du — bist — treu." Mühsam und stoßweise tarnen die drei Worte. Es gluckste habet in feiner Kehle. Ich sah deutlich. wie der Kehlkopf in der schlaffen Halshq,ut eine heftige Bewegung machte. Ob da ein Freudegefühl mit herauf stieg oder ob ein Schmerz sich zwischen die kranken Stimmbänder klemmte?
Er nannte mich seinen Freund. Und wenn er „lieber Freund" sagte, so war das mehr als die übliche, von vielen oft gedankenlos gebrauchte Anrede. Und ich habe doch nichts anderes getan, als einmal die häßlichen Spritzer einer Verleumdung für ihn adgewehrt. Ist das aber nicht etwas Selbstverständliches, eine menschliche Pflicht
„Ich gehe mit Ihnen und erstatte ihm persönlich Be- I richt."
Major White atmete erleichtert auf.
„That's good — ich hätte es nicht sertiggedracht, ich möchte nicht der Bote einer solchen Hiobspost fein."
Auch Dudley erklärte sich damit einverstanden und während die Matrosen vor der Kabine Gibbons ihre Posten bezogen, brachte der Kapitän den jungen Arzt in sein Zimmer und die beiden Engländer begleiteten ihn.
Mumm hatte kein Wort mehr gesprochen, seitdem der Kapitän ihn so grob zurechtgewiesen, er roar niedergeschlagen und fühlte sich schwach und elend.
Der Kapitän legte den Willenlosen auf das Bett, rief den Krankenpfleger, gab ihm flüsternd feine Befehle und ging dann mit Major White und Dudley zum Earl of Stampshire.
Der Major sah mehrmals den so ruhig neben ihn da- hinschreitenden Kapitän an und in feinen Zügen malte sich ehrliche Bewunderung.
„Herr Kapitän, Ihre Ruhe imponiert mir."
Oliver Sidney lächelte traurig vor sich hin.
„Was sollen wir tun? Wenn es sich bestätigt, daß wir eine ansteckende Seuche an Bord haben, lasse ich die Kessel Heizen bis zum Bersten und versuche die Reise um einen oder anderthalb Tage zu verkürzen, damit wir so schnell wie möglich Portmouth erreichen. Mehr kann ich nicht tun."
„Und wenn wir uns alle schon infiziert haben . . ."
„Ja, dann kann ich auch nichts dagegen machen. Man betet sein letztes Vaterunser und klappt die Augen zu."
„Hm — und Sie werden immer so ruhig dabei bleiben?"
. „Des, Sir, denn die Angst rettet uns nicht und macht die letzten Stunden nicht erträglicher."
„Das ist wahr," antwortete der Major nachdenklich und die drei Männer setzten schweigend ihren Weg fort.
20.
Sir Haigville roar auf seiner Suche nach dem verschwundenen Korbatschero eben bis in die Nähe der Kohlenbunker gekommen, als ein Matrose ihn zum Kapitän rief.
Der Offizier folgte sofort dem Rufe und begab sich | auf dem kürzesten Wege in das Kartenzimmer, in dem
Von Berthold Sangen.
Nach einer alten fröhlichen Legende hat Noah den ersten Weinstock gepflanzt. Er beklagte sich nach der Sintflut beim Herrn, er könne kein Wasser mehr trinken, denn „darin sind ersäufet gar zuviel sündhaft Mensch und Vieh". Da sah sich der Herr im Garten des Paradieses um, und von allen Gewächsen desselben schien ihm der Weinstock am geeignetsten, Noah aus der Verlegenheit zu helfen. Er nahm einen Weinstock urtb reichte ihn Noah dar mit der Weisung, ihn anzupflanzen. Aber auch der Satan mischte sich nun ein. Er goß die Wurzel heimlich nut dem Blute eines Lammes, eines Löwen und eines Schweines. Noah ertappte ihn dabei und fragte ihn, warum qj das tue. „Oh, es hat nicht viel damit atff sich", erwiderte der böse Geist, „wer von dem Saft des Weinstockes nippt, bleibt sanft wie ein Lamm; wer den Becher mutig leert, wird stark und beherzt wie ein Böroe; wer aber nicht Maß zu halten versteht, wird sich wie ein Schwein im Schmutze wälzen."
*
Sahen da einmal in alter Zeit zwei Brüder Kellermeister zusammen und probierten ein Fäßchen Wein. Der Wein wollte ihnen nicht munden. Er schmecke nach Eisen, erklärte der eine. Nein, er schmecke vielmehr nach Leder, erwiderte der andere. Sie waren gar betrübt und meinten schon, der Wein wäre ihnen infolge irgendeines unbegreiflichen Mißgeschickes mißraten. Doch stehe da, als sie bis auf den Boden des Fäßchens gekommen waren, da fanden sie ein Schlüsse- t e i n an einem Lederbande liegen, das früher einmal hineingefallen fein mußte. Sie waren hocherfreut und beglückwünschten einander zu ihrem seinen Geschmack.
*
Berühmt ist der Weinberg M a r t o b r u n n, der zwischen Erbach und Hattenheim liegt und beiden Ge-
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meinben je zur Hälfte gehört. Wahrzeichen feiner ist ein Brunnen, von dem der Weinberg feinen Namen hat und der unmittelbar am Grenzrain, aber aus Erbacher Gelände steht^ Um dies recht deutlich zu machen, versah der Gemeinderat Srbach den Brunnen einst mit der Aufschrift: „Markobrunn — Gemeinde Erbach". Das aber liehen sich die Hattenheimer nicht gefallen. Sie richteten auf ihrem Gebiet eine Tafel auf, und auf der stand zu lesen: „Ja, so ift’s recht und soll es seins Für Erbach das Wasser, für Hattenheim den Wein."
*
Es war zu Anfang des Jahrhunderts. Da faßen die Weinkenner und Weinversteigerer zu Eberbach zusammen, und es wurde eine Probe des 1904er Rauenthgler herumgereicht. Man kostete und kostete--wunderte
sich--kostete nochmals--„Hut ab!" rief da
mit einem Male einer, der sich getraute, feiner angenehmen Ueberraschung Ausdruck zugeben. Und „Hut ab!" stimmten die andern in ihrer Begeisterung mit ehr. So entstand der seltsame Weinname, über den sich mancher Weintrinker schon den Kopf zerbrochen haben mag.
*
Die Haßlocher in der Pfalz gingen dem Trauben- biebstahl hart zu Leibe. Wer dabei ertappt wurde, der bekam die „Strafgeige" umgehängt, ein mit Traubenbüscheln bunt bemaltes Halsjoch, das reich mit Schellen behängt roar. So mußte er durch die O^- schaft pilgern. Nun aber roar es ein alter Ruhm der Haßlocher, das noch nie ein einheimischer Mann. sich diese schimpfliche Strafe zugezogen hatte. Die Weiber höchstens waren es, die das Naschen nicht bleiben lassen konnten. Einmal aber wurde zur größten Bestür- zung ganz Haßlochs doch ein Mann beim Traubennaschen ertappt. Die Wut roar nicht gering, r,aber sie
Oliver Sidney saß und den augenblicklichen Schiffsort berechnete.
Sir Haigville erschrak beim Anblick seines Vorgesetzten, der Kapitän sah alt und verfallen-aus, tiefe Falten hatten sich um seine Mundwinkel gegraben.
„Herr Kapitän . '. ."
„Sie sind schon da, recht so."
Oliver Sidney hatte sich erhoben.
„Sir Haigville, wir haben die Pest oder etwas Aehn- liches an Bord."
„Was sagen Sie?"
Der Offizier prallte förmlich zurück.
„Ja, leider ist es so."
„Wer ist daran erkrankt?"
„Der eyglische Professor und sein chinesischer. Diener liegen im Sterben, sein kleiner Affe ist mausetot."
„Entsetzlich! Wie ist denn aber bloß das Ausbrechers einer solchen Seuche möglich?"
„Dieser Professor hatte eine Sammlung vonBakterien- fulturen in feinem Zimmer. Ein unbekannter Täter ist brangefommen und hat die Glasröhren mit ihrem verderbenbringenden Inhalt zerschlagen."
„Glasröhren zerschlagen? Damnei), und dabei hat sich einer verletzt — der Korbatschero — Herr Kapitän, daher die Blutspur im Gang, die an der Kabinentür Gibbons ihren Anfang nahm."
Korbatschero, natürlich, an den dachte ich auch sofort. Und glauben Sie, der hat die Glasröhren zerschlagen, um Unheil anzurichten?"
„Oh no, von der Sommtang hat er nichts gewußt. Aus der Suche nach Lebensrnitteln und Wertsachen geriet er in diese Kabine, nachdem er bei Monsieur ßepetit schon geplündert hatte. Er vermutete in dem Kasten oder Schrank Kostbarkeiten und wühlte alles durch. Dabei wird er die Bazillenkulturen zerschlagen haben."
„Haigville, Sie verstehen zu kombinieren. Kommen Sie mit, wir besichtigen noch einmal die Sabinen daraufhin, ich bin gespannt, ob sich Ihre Vermutung bestätigt."
Sfr Haigville schien nicht erbaut von dem Vorschlag des Kapitäns.
„Hm — hm — ich meine, für uns hat diese Bestätigung gar keinen Wert, wenigstens einen solchen, daß mir darum noch einmal die Sabinen aussuchen müßten."
„Haben Sie Furcht?"
„Dato wohl gerade nicht, aber wozu soll man sein Geben unnötig aufs Spiel setzen."
„Sie haben sich doch aber angeboten, Korbatschero zu verfolgen, wenn Sie ihn entdeckt hätten und er hätte Sie niedergeschossen?"
„Er ist ein sichtbarer Mensch, und Menschen fürchte ich nicht. Eine derartige Seuche ist aber ein schauerlicher, unsichtbarer Gegner, gegen den man sich gar nicht mehrer kann."
„Ah bah, ich hole mir Doktor Mumm und. gche mit ihm zu den Kranken, denn noch leben sie, und man muß sich um sie kümmern. Also kommen Sie mit?“
„Nun, wenn Sie sowieso zu ihnen gehen, dann schließe ich mich Ihnen an, Herr Kapitän."
„All right, go it."
Sie begaben sich zum Arzt und fuUden ihn im Fieber liegen.
„Jetzt wird es böse, stirbt uns der Doktor, dann sitzen wir fest mit unseren Kranken."
Eine dumpfe Mutlosigkeit wollte den Kapitän übermäßigen, nur einen Augenblick roar er fassungslos, dann stählte feine eiferne Willenskraft sich wieder, er richtete sich straft aus seiner gebeugten, zusammengesunkenen Stellung auf, daß er förmlich zu wachsen schien.
„Steward", wandte er sich an den neben ihm stehenden Pfleger, „was würden Sie tun, wenn der Doktor Typhus ober Cholera hätte?"
Die Antwort fiel wenig ermutiget aus, der Mann scheint nicht übermäßig viel von seinem Beruf zu verstehen. Der Kapitän verbarg seinen Unmut, schärfte dem Mann größte Aufmerksamkeit und Vorsicht ein und ging bann mit Sir Haigville in den Kartenraum zurück. Den Plan, noch einmal zu den Kranken zu gehen, stellte er zurück.
„Die Katastrophe ist da, Sir Haigville, jetzt heißt es tjc ueln. Lassen Sie sofort alle Offizi ' hierher rufen." ■ Inzwischen kam ber auferegfe Pfleger zu Dimitri Urgejowitsch in bie Sabine. Der Russe blickte finster auf den mürrischen, ungeschlachten Menschen, ber ihm wiber- roiUig bas Frühstück ans Bett stellte.
„Wann kommt heute ber Herr Doktor?"
„Gar nicht."
„Gar nicht? Warum bas?"