Zungbauern auf Siedlungsfahrk
Alter Dauer im Herbst.
I _ hotft er auf der Gartenbank umraÄ u°m Avendglockenklang . . . Scbaut tief ins Land: Die Felder leer, ^borgen ist das Kornerheer im wetterfesten Scheunenraum.
Ur Sommer ging - ein schöner Traum .. - Pinnen murmeln frommen Spruch.
D r Wend breitet still sein Tuch . . .
Hellmut Schwabe.
„Dindet den Helm fester".
Also sprach Hitler.
1 - Mann, der sich in wahnsinniger Selbstüberhe- v 1 bprn deutschen Volke cts den einzigen Retter aus ? "srot anpreist, hat irfi Wahlkampf einen Sieg davon- ^rlaen Die bürgerlichen Parteien sind dezimiert y _ rws war kein Zufall — und viele Tausende ^aer Deutsche sind unter die Hakenkreuzfahne getreten. Wie war so etwas möglich? Jeder politisch denkende Mensch der Hitler und seine Unterführer sprechen hört, ub doch abgestoßen werden von dem primitiven Welt- »H? das diese Führer ins „dritte Reich" haben. Oder bn'sie nur so? Spekulieren sie vielleicht nur auf die kieaerischen Instinkte, die in jedem Deutschen lebendig A, Wohin führt aber die Verherrlichung des Macht- taai^edankens. der engstirnige — im innersten Wesen undeutsche — Nationaftsmus, den die Nationalsozialisten k"treten. Er muß Deutschland notwendiger Weise in einen neuen Krieg verwickeln. Wenn mit Hilfe des Nationalsozialismus wieder die reaktionären, militarilli- jcben Stätte die Gewalt über das deutsche Volk an sich reiben, werden wir wieder außenpolitisch so isoliert, wie i «jr es vor dem Krieg durch eine dumme Außenpolitik geworden sind. Innerpolitisch werden wir ebenfalls «ie durch nationalsozialistische Gewalt zu einer Volksgemein- lchaft werden. Die Folge einer nationasfttziaHstsichen
Wktatur in Deutschland ist nur der Bürgerkrieg.
■ Menn die Nationalsozialisten es mit ihren nationalistischen Kraftworten wirklich ernst meinen, dann muß uns ihre Politik also sowohl außer- wie innerpoii- tisch in den Krieg führen Was ist aber der moderne Krieg? Noch liegt der Weltkrieg kaum 12 Jahre hinter uns, und wir haben schon wieder vergessen, w^s er für die weißen Völker war. Weil die kriegerischen Instinkte in uns so übermächtig sind, laufen wir schon wieder den Uniformen und den militärischen Spielereien nach. Damit mich niemand mißversteht, sei ausdrücklich betont, daß den Krieg bekämpfen nicht heißt, daß man zu feige ist, sein Leben für sein Volk zu opfern; es hat sich stets gezeigt, daß in schwerster Zeit sich diejenigen am furchtlosesten einsetzten, die den Krieg verabscheuen, während die Kriegshetzer aller Länder weit vom Schuß sitzen. Gegner des Krieges fein, heißt Gegner der engstirnigen „Führer" sein, die die Völker verblendet in sinnlose Kämpfe gegen einander hetzen. Man'führt dadurch doch feine gerechte Lösung der Konflikte herbei. Viele haben sich das auch wohl schon verstandesmäßig klar gemacht, aber der kriegerische Trieb, das Gefühl ist in den meisten stärker. Vielleicht werden aber doch Manche nüchtern, wenn sie sich einmal den wohlgemerkt, - nach einstimmigem Urteil — ganz objektiven Kriegsfilm „Westfront 1918" anfehen, der augenblicklich im „Neuen Theater" läuft. So und noch schlimmer war der Weltkrieg. Wie wird der nächste Krieg sein?
Zufällig fiel mir jetzt auch ein Buch in die Hand, in dem ein selbständig denkender Deutscher seine während der Jahre 1914—1919 niedergeschriebene Gedanken über den Krieg veröffentlicht. *) Um von vorn herein dem dummen Einwand zu begegnen, daß der Berfasser sicher ein Jude, ein „infe'Miationnler" Sozialist oder ein .ultramontaner" fei, will ich bemerken, daß Popert ^uch das im schönsten Sinne völkische Buch „Helmut harr in g a" verfaßt hat, das wir schon wiederholt im ..Blatt der Jugend" erwähnt haben. Ich möchte heute aur einige Gedanken des Tagebuches hier wiedergeben; vielleicht regen sie zur weiteren Lektüre an.
Am 12. September 1915 schreibt er:
„Sie heutige Form des „Patriotismus" muß verändert werden, wenn nicht alle Völker an ihr sterben sollen: ^vr Patriotismus muß sich auf die Stufe hinaufent- vlckeln, auf der die Familienliebe schon lange steht. Ich
Familie an und liebe sie, habe ich deshalb y Bedürfnis, die Mitglieder anderer deutschen Fami- en wtzuschlagen? Oder bezweifelt jemand meine Liebe 3» meiner eigenen Familie, weil ich mich schlechthin wei- .»n würde, dergleichen zu tun? Mit dem „Pairiotis- "her, wie er insbesondere auch in den Schulen aller kopäsichen Länder noch gepflegt wird, ist es so daß er mer mehr oder weniger in der Form des Mords- Mrwtismus auftritt: Der letzte Gipfel der Begeiste- t5- bQbc* doch immer der Gedanke, bei guter Ge- »?E>cheit die Patrioten der anderen Länder auf kriegeri- itn ct ^Zuschlägen. Am ausgeprägtesten ist das bei Franzosen, deren Volksart überhaupt größtes Hin- ^Mür den Fortschritt der Menschheit ist. Wir Deub e.A Tagebuch eines Sehenden (1914—1919) ozert, Verlag Hesse u. Becker, Leipzig
nach Pommern.
(Vergl. Nr. 203 dieser Zeitung.) • Von T
Donnerstag, den 12. Juni. üb»Un’6re Nölige hatten einen dicken, grauen Staub- zng, als wir nach Inständiger Fahrt auf unbesestig- Äten "Abwegen an dem Bahnhof des kleinen Städt-
5 Lippehne (?) ankamen. Ein großer See lud tein-einet!1 erfrischenden Bade ein. Wir hatten aber Ihitl An der Pumpe vor dem Bahnhofsgebäude man sich flüchtig und schon ging die Fahrt weiter. x?u9 war ziemlich leer. Wir hatten genügend Platz, hnoCmen ätzten sich in eine Ecke und schliefen, andere tgA11 aus voller Kehle; einige hockten zusammen und 6in • n Meinung über die Siedlungsfrage aus. ^.-ung°r Bauernsohn aus dem Rheinland, ein sym- ^Vlcher, intelligenter Mensch, hatte auch die nationale feem»1® &er West-Ostsiedlung ganz erfaßt. Wenn in Et/1 Bauerndorf nur ein Jungbauer feiner Prägung ß-J man brauchte keine Sorge um die Zukunft des Ndvolkes zu haben.
L tr gegenüber sitzt ein Sohn der roten Erde, der bje „ e’ncs großen, westfälischen Bauernhofes. Er hat ir JA en Hände der anderen, aber seine Art ist seiner; Sahnt । mir.- Wir plaudern viel mit einander. Diese Fjo- bringt uns seelisch viel näher.
stvei 'nö nieder in S ü ft r l n. Der Zug hat über tjgt, Kunden Aufenthalt. Also schnell die Stadt besich- äz„i, ®. ’ft nicht viel zu sehen. Uns interessiert haupt- liner^i t ^^cr’ über die eine hohe Brücke führt. In ulußbadeanstalt ist noch reger Betrieb. Wir stehen
sche sind als ganzes Bolk schon viel weiter. Bei uns stehen hauptsächlich die sog. „Alldeutschen" noch ganz auf der niedrigen französischen Stufe".
Am 23. Dezember 1915 hat Popert ausgeschrieben:
„Charakteristisch in allen kriegführenden Ländern: die Kriegserzeuger, die Kriegstreiber, Kriegsverherrlicher und Kriegsverlängerer riskieren selbst nichts".
Am 27. Dezember 1915 heißt es:
„Dieser Krieg ist eine Auslese der Schlechten. Körperlich: Denn die Gesündesten, und vor allem die Zeugungskräftig st en fallen. Und auch moralisch: Denn leider hat der Erfahrungssag recht, die Besten fallen. Weil sie nämlich in ihrem besonders großen Pslichtgefühl sich besonders aussetzen".
Am 10. Juli 1916 schreibt er:
„Soldat sein heißt im Zeitalter des Maschinenkrieges in allen Ländern: Sein höchstes Gut, nämlich Persönlichkeit und Selbstbestimmung, aufgeben müssen und bann als wertloses, leicht ersetzbares Massenteilchen verbraucht werden. Daß wir heute in Verhältnissen leben, wo, namentlich infolge der lleberfpannung des Wehrpflichtge
dankens in allen Ländern, solcher Verbrauch von vielen Millionen der Tüchtigsten aller Völker in fast ganz Europa stattsinden muß, das ist die eigentliche Todsünde unserer Zeit, wenngleich keines einzelnen Menschen Schuld.' Aber Gott gebe, daß das Ende des Krieges der Anfang einer Zeit sei, wo nicht mehr so unendlich viel Tüchtigkeit allerbester Männer so verbraucht werden muß."
Am 25. Oktober 1917 kann man lesen: „Die Nachwelt wird den „Nationalismus" der Europäer unserer Zeit genau so ansehen wie wir den Hexenwahn des Mittelalters, nur daß seine Wirkungen viel schlimmer sind."
Das sind nur wenige Gedankens die einem völkisch denkenden Deutschen während des Weltkrieges kamen, weil er gelernt hatte, den Dingen auf den Grund zu gehen. Immer wieder taucht in dem lesenswerten Tagebuch die Aufforderung auf, daß nach dem Krieg die Besten und Edelsten aller weißen Völker sich zufammen- finden müßten, um ähnliches Unheil zu verhindern.
Aber heute haben die nationalistischen Hetzer in Deutschland schon wieder das große Wort. T
Adolf Kolping und fein Werk.
Zum 75. Stiftungsfest des katholischen Gesellenvereins in Fulda.
Von I. S t e h l i n g - Fulda.
Der kath. Gesellenverein Fulda begeht in dieser Woche in würdiger Weise fein 7 5. Stiftungsfest. Die gesamte kath. Jugend in Stadt und Land wird an dieser Veranstaltung Anteil nehmen. Wir veröffentlichen deshalb gern eine Zuschrift eines aktiven Mitgliedes des Fuldaer Gesellenvereins, der seine Ansicht über das Wesen und die Aufgabe des kath. Gesellenvereins darlegt.
Der Name Adolf Kolping führt unsere Erinnerung zurück in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts, in die Zeit, da dem Jahrtausende alten H a nd- roerterftanb der Kampf auf Leben und Tod durch die aufstrebende Fabrikwirischaft aufgezwungen worden war. Die Stellung des Handwerkerstandes war schwach. Vorbei waren jene Zeiten, in denen eine starke intellektuelle Schicht der Handwerker das kulturelle Leben mit- bestimmte. Vorbei waren die Zeiten der angesehenen Meistersinger, vorbei die Zeiten jener starken und be- russstolzen Zunftmeister, die sich in schweren Kämpfen die Teilnahme an den Stadtregierungen, ihre Plätze in den Ratsregierung^n der Patrizier errungen hatten. Eine starke Abwanderung der Intelligenz vom Meister- stand des Handwerks zum Kaufmannsstande und zum neu sich bildenden, aussichtsreichen Stand der Fabriktechniker war damals im Gange. Die führende Theorie des wirtschaftlichen Lebens war gegen den patriarchalischen, fürsorgliche«<Geist, der die Zunftordnung geschaffen hatte. Die von England ausgehende Lehre des wirtschaftlichen Liberalismus, der von einem in jeder Beziehung ungebundenen, freien Spiel der Wirtschaftskräfte die beste Wirtfchaftsgestaltung erhofft, eroberte das Feld, besonders deshalb, weil sie der religiösen Verflachung der damaligen Zeit entgegenkam, und durch die neuen Möglichkeiten, die die Maschine für den Betrieb der Fabrik bot, begünstigt wurde. Die alten Zunftordnungen sanken zusammen wie morsche Gebäude. Die mißtrauische staatliche Gesetzgebung der vormärzlichen Zeit machte es dem Handwerker unmöglich, in neuer Koalition eine starke Gegenwehr gegen den Untergang ihres Standes zu schaffen. In diesen Neugestaltungen des Wirtschaftslebens liegen die Wurzeln jener breiten Bevölkerungsfchicht, deren Entwicklung dis heute sich zu einer Gefahr für die europäische Kultur ausgewachsen hat und der heutigen Staatskunst die schwersten Aufgaben stellt — der Arbeiterschaft, die vielfach erst noch Stand werden will.
Es ist ein Verdienst Adolf Kolpins, in diesen Prozeß in einer verblüffend zielklaren Weise zum Nutzen des Handwerkerstandes eingegriffen zu haben. In der natürlichsten Weife ist Adolf Kolping in feine Aufgabe hin- eingewachfen.
Am 8. Dezember 1813 wurde Adolf Kolping, der katholische Priester, der heute in der ganzen Welt den Namen „Gesellenvater" trägt, in dem Städtchen Kerpen, unweit Köln, geboren. Er war der jüngste von mehreren Geschwistern. Der Vater Adolfs war Schäfer, und die ganze Familie lebte in ärmlichen, aber sehr religiösen Verhältnissen. Nach seinen Volksschuljahren kam er zu einem Schuster in Kerpen in die Lehre, fein tiefstes Sehnen war jedoch aufs Studieren gerichtet. So saß denn Adolf von seinem 14. Lebensjahre an als Lehrling und später als Geselle auf dem Drehstuhl des Schuhmachers. Später ging er, den „Berliner" auf dem Rücken, den Knotenstock in der Hand, im Herzen einen geraden religiösen Sinn, nach damaliger Sitte und Gesellenart auf die Wanderschaft. Hierbei wurde er mit dem ganzen Elend bekannt, in dem der Handwerkerstand von damals zu versinken drohte. Er erlebte am eigenen Leib die Härten und Schicksale, die Vereinsamung des Gesellen, die vielfachen Versuchungen, denen er ausgesetzt ist. Aber er fühlte auch die Schön
heit des Wanderns, und feine Seele schwang mit in Jener deutschen Wandersehnsucht, die eine besondere Gefahr in sich birgt. Kolping schreibt darüber selbst: „Wer einmal in seiner frischen Jugend gereift, nicht mit der Post ober per Eisenbahn — nein gereift mit dem Bündel auf dem Rücken und dem Stock in der Hand, recht frank und frei ins Land hinein, der wird, wenn er feine Reise auf mehrere Wochen ausgedehnt hat, einen eigentümlichen Wanderzug in sich verspürt haben, der einen wie eine dunkle, unbegriffene, aber tiefe Sehnsucht vorwärts treibt, zu immer neuen und abermals neuen Gegenständen, anderen Gegenden und Menschen."
Dreibein und Knieriemen wurde da mit Büchern und der Feder vertauscht und mit 24 Jahren machte er sich an die humanistischen Studien mit dem schönen Ziel, katholischer Priester zu werden. Das war eine andere Antwort auf die soziale Not, als sie ungefähr gleichzeitig die Väter der Sozialdemokratie gaben, scheinbar eine Flucht, in Wirklichkeit ein stilles Rüsten mit den übernatürlichen Heilskräften Gottes. Denn Kolping hatte erkannt, daß das tiefste Elend des zerrütteten Handwerkerstandes in feiner Entwurzelung aus dem Nährboden der Religion und der guten Sitte bestand. Er hatte erkannt, daß derjenige rettungslos der seelischen Proletarisierung anheimfallen muß, der keine religiösen Ideale hat, der durch seine wirtschaftliche Lage ausgeschlossen ist von der Teilnahme an den kulturellen geistlichen Gütern des Volkes. Unter vielen Mühen unt Entbehrungen, durch übereifriges Studium, hatte er es endlich erreicht, daß er am 13. April 1845 aus der Hand des Weihbischofs Dr. Claßen am dritten Sonntag nach Ostern in der Minoritenkirche zu Köln das Sakrament der Priesterweihe empfangen konnte. Gott schickte ihm aber vorher noch eine harte Prüfung; denn in der Nacht vor feiner Weihe hatte der Tod feinen guten Vater heimgeholt.
Nach feiner Priesterweihe führte ihn Gottes Vorsehung an die Stelle, die der Entfaltung feiner Aufgabe am förderlichsten ist, nach Elberfeld, wo er in treuem Zusammenarbeiten mit dem Hauptlehrer Breuer bereits einen Jünglingsverein für die Handwerksgesellen geschaffen hatte. Von hier aus veröffentlichte er feine denkwürdige Programmschrift „Der Gefellenverein". Sein Streben ging dahin, dem jungen Handwerker außer Herberge und Wirtshaus einen Zufluchtsort zu schaffen, wo er sich geistig, körperlich und beruflich erholen kann. Denn abgesehen von seinem handwerklichen Können, welches ihm die Lehrjahre und Werkstätte anderer Meister mitgeben sollen, fehlt ihm noch mehr: eine passende, Geist und Gemüt wahrhaft aufrichtende und stärkende U n - terhaltung und Erheiterung, die ihm in Mu- sestunden unter gleichgesinnten jungen Leuten im eigenen Heim das Elternhaus ersetzen sollen. Tüchtige Katholiken, tüchtige Meister, tüchtige Staatsbürger und tüchtige Familien väter sollten durch den Gesellenverein der menschlichen Gesellschaft gegeben werden. Die Arbeit sollte mit der Religion verbunden, durch diese Koalition gleichsam entgiftet werden. So ist Kolpings Werk der Gegenpol der Sozialdemokratie, die ihren Anhängern dasselbe Gift einimpfte, das in den arbeitgebenden Schichten wirksam ist — den Materialismus.
Kolpings Werk nahm einen ungeahnten Aufschwung. In einem engen Schulzimmer wurde mit 7 Gesellen der erste Unterricht begonnen. Kerzen auf Flaschen gesteckt erhellten notdürftig den Raum. Bald war dieser Raum zu klein, und immer größer wurde die Familie Kolpings. Langsam und sicher ging Kolping zu Werke. Er sorgte dafür, daß das lebendige Wachstum nicht ein«
eine Zeitlang, mehr aus Langeweile, auf der Brücke und gehen bann zurück zum Bahnhof. An einer Straßenecke stehen einige Gruppen junger Leute. In ber Eckwirtschaft haben offenbar bie Nationalsozialisten ihr Stammlokal. Jedenfalls haben sie heute abenb eine Zusammenkunft. Vor bem Lokal haben schon einige in ihren gelben Uniformen Stellung genommen. An ber gegenüber liegenben Ecke hat sich eine anbere Gruppe gesammelt, den Abzeichen nach Kommunisten. Die politischen Gegensätze scheinen hier offenbar sehr scharf zu fein. Man steht sich schlagfertig gegenüber. Den jungen Bauern machte das mächtig Spaß. Bei einer Rauferei hätten sie wohl beide Parteien gründlich verdroschen.
Wir sitzen wieder im Eilzug der Hauptstrecke, bie von Danzig burch ben polnischen Korribor nach Berlin führt. Die Nacht senkt sich über bie weiten Felder ber Mark. Ausläufer ber Großstabt schieden sich heran. Schon finb wir mitten im Häusermeer. Am Bahnhof Friedrich- plotz (?) steigen wir aus. Berliner Jungmänner erwarten uns schon. Im Wartesaal steht bas Abenbessen bereit. Wir fallen barüber her. ^mn geht cs im Eilschritt zu einer Berliner Jugenbherberge. Es ist spät geworden. Wir sind zum Umfallen müde. In der Jugendherberge ist natürlich schon alles besetzt. Die Gruppe Mecklenburg und Brandenburg war früher gekommen und vorzüglich untergebracht. Die meisten tagen schon in süßer Ruhe. Wir richteten uns im Speisesaal ein Nachtlager ein. Dann ging es erst einmal unter bie kalte Brause. Balb schliefen alle. Einige hatten zwar zuerst ben Boxkampf zwischen Schmeling unb Sharkey im Ra- bio mit anhören wollen, der zufällig in ber gleichen Nacht in Amerika ausgetragen würbe. Da bie übermiegenbe Mehrheit aber ben Schlaf vorzog, wurde der Lautsprecher, der bis nach Mitternacht den Saal gefüllt hatte.
jedoch abgestellt. Ich lag noch einige Zeit wach, da das Helle Licht ber Nachtlampe mir gerabe ins Gesicht schien, bis ich einen Stuhl schützend vor mich stellte unb meinen Mantel barüberhlng. Noch ein paarmal würbe ich aus schwerem Halbschlummer geweckt, als einige Schläfer aus dem Nachbarsaal, anscheinend auf dem Wege nach einem bestimmten Ort über meine Füße stolperten. Dann nahm man an den Dingen um einen herum keinen bewußten Anteil mehr, bis am anderen Morgen,
Freitag, dem 13. Juni, eine laute Mädchenstimme zum Aufstehen mahnte. Wir mußten den Saal nämlich schon geräumt Haden, bevor bie ersten Insassen des Hauses zum Kafsee tarnen. Schnell waren wir wieber reisefertig. Mit lautem Hallo begrüßten uns bie Mecklenburg- unb Branbenburg-Gruppe. Wir zogen bis zum Gesellenhaus St. Joseph, das im Zentrum der Stadt liegt unb unser Hauptquartier für bie Berliner Unternehmungen werben sollte.
Das große Haus, in bem einige hunbert junger Leute wohnen, liegt im mittleren Hof eines mächtigen Häuserblockes. Unmittelbar neben bem Gesellenhause ist bie große Kirche einer Großstadtpfarrei erbaut worden. Ein Fremder kann diese Kirche kaum finden. Auf ber breiten Geschäftsstraße weist nur ein Schild über einer Toreinfahrt barauf hin, baß im Hofe bes Geschäftshauses ein Gotteshaus steht. Als wir, bie wir alle aus bem katholischen Lanb kommen, burch bieses Tor gehen, fühlen wir beutlich, wie anbers ber Katholizismus ber Großstabt, ber Diaspora ist. Hier wird täglich ein harter Kampf in fast aussichtsloser Stellung geführt. Es packt einem, wenn man sieht, wie biefer unscheinbare Hinweis auf bas Gotteshaus hinter ber marktschreierischen Reklame ber Geschäftshäuser verschwindet. Der Eindruck lastete auf
geengt, daß die äußere Organisation nur das schützende Kleid für bas innere Leben würbe. Für ihn selbst bücb ber Gesellenverein, — der sein Werk war, — ein Werk der Gemeinschaft unter gleichgesinnten jungen Leuten.
Kolping erkannte bald, daß er zur weiteren Ausbreitung seines Vereins ein anderes Tätigkeitsfeld haben müsse. Seine Augen richtete er da auf Köln. Köln schien ihm der gegebene Ort, da er auch bereits schon rnehrereinale mit dem dortigen Erzbischöfe Rücksprache genommen hatte. Endlich fügte es sich, daß Kolping am 15. März 1849 zum Domvikar von Köln ernannt wurde, unb mit freubigem Herzen übernahm er biefe neue Seelsorgstelle. Er grünbete bort wieberum mit 7 Mann einen Gesellenverein. Sein Eifer unb seine liebevolle Art eroberten bie jungen Herzen im Sturme, unb bie kleine Zahl hatte bald 100 erreicht. Opferwillige Lehrer standen Kolping hilsereichenb zur Seite. Wohlhabende und wohltätige Bürger unterstützten sein Schaffen mit finanziellen Mitteln. In seinen Reden unb Schristen ver- tünbete er weiter seine Ideen unb bie Praxis gab ihm recht. Für ihn ist Religion ber golbene Boben bes Volkes. __
Inzwischen waren auch an anberen Orten Gescllen- vereine entstauben, bie sich zum Rheinischen Gesellenbund zusammenschlossen. Als Schutzpatron wurde ber hl. Io- seph erwählt. Immer mehr Gesellenvereine würben gegrünbet. Bis über bie Grenzen Deutschlanbs hinaus zünbete bie Jbee Abolf Kolpings, in Oesterreich, Bulgarien, Italien, Rumänien, Amerika u. a.
Am 4. Dezember 1865 ging Kolping in ben ewigen Frieden ein. Seine Leiche, mit dem Meßgewande des Priesters geschmückt, wurde unter bem Geleite von vielen Tausend Kolpingsbrüdern aus allen Gauen Deutschlands zu Grabe getragen. Mit ihm wurde aber nicht ber ganze Gesellenverein beerbigt, fonbern weiter unb weiter und immer breiter würbe die Kolpingsfarnilie. Nach allen. Ländern streckte der Kolpingsbaurn seine Zweige, um für immer feste Wurzeln zu fassen. Die drei Wahrzeichen in Köln, bie Grunbstützen bes Kath. Gesellenvereins, re- ben hiervon eine große Sprache. Sie sind die Symbole Adolf Kolpings und seines Werkes. Tausende von Kol- pingssöhnen ziehen jährlich an diese würdigen Stätten, um besonders in der Minoritenkirche, ber Gra- beskirche Kolpings, zu bem großen Gesellenvater zu beten. Einen jeben Gesellen, der sich zur Wanderschaft rüstet, hegt als erster Wunsch, die Lebens- unb Todesstätte Abolf Kolpings zu besuchen, um hier sich Kraft unb Segen zu holen für bas fernere Leben.
Welches Echo die Idee bes Gesellenvereins auch in unseren Tagen gefunden hat, zeigen nachstehende Zahlen. Der Katholische Gesellenverein hat heute eine Mitgliederzahl von über 278000 Mitgliedern einschl. 125000 Aktiven, die sich auf über 2000 Vereine erstrecken. In 423 Häusern, die einen schätzungsweisen Gesamtwert von nahezu 40 Millionen barstellen, finden Tausende wandernder Gesellen auf ihrer Wanderschaft ein gutes Ruhelager nebst kostenfreier Verpflegung. Hier zeigt sich so recht die werktätige Liebe in der großen Kolpingsfarnilie.
Der Gedanke der Wanderschaft gibt bem Gesellenverein ein befonberes Gepräge. Kolping wußte, was et durch diese Einrichtung Gutes schasste und wieviel Kummer er den jungen Herzen ersparte. Hier finden so recht seine Worte Anwendung: „Tätige Liebe heilt alle Wunden, bloße Worte mehren nur den Schmerz".
Aus inbrünstigen Herzen steigen die Dankgebete zum Himmel empor, und wie erhebend ist es, einem Gottesdienst in der Minoritenkirche zu Köln, an dem nur wandernde Gesellen teilnehmen, beizuwohnen. Wie feierlich ist es jedem zu Mute, wenn am Morgen aus den vielen jungen Kehlen die Dankesworte erschallen: „Wir danken hier Kolping unb beten zu ihm".
Viele Lehrkurse verhelfen jährlich tausenden Kolpings- brübern zur Weiterdilbung in ihrem Berufe. Manche tüchtige Staatsmänner sind durch die Schule bes Gesellenvereins gegangen. Sie wissen, was sie burch ben Gesellenvereine empfangen haben. Auch Sport unb Körperkultur, Gesang unb Musik werben im Gesellenverein eifrig gepflegt. In vielen „Fachkursen" bietet sich bem jungen Mann Gelegenheit, sein Wissen und beruft liches Können durch praktische Arbeit zu vervollkommnen. So erfüllt der Kath. Gesellenverein seine große Aufgabe, dem berufstätigen jungen Mann feine Unterstützung zuteil werden zu lassen für fein späteres Wohl, um da auch mitzuwirken an dem Ausbau unseres deutschen Vaterlandes.
„Treu kolping."
«SMAfutvaklen nach dem SHELL-FÜHRER • für die Schmierung von Uraftfakr&ugen.
Z SHELL > AUTOOELE
mir besonders an den Abenden, wenn die Vergnügungslokale unb Geschäfte in phantastisches, buntes Licht getaucht waren, unb man ben Toreingang zum Gesellen, haus erst nach vielem Suchen fanb. Bei uns beherrschen alle Kirchen noch bie Stabt unb bie Dörfer, manchmal allerdings vielleicht nur noch äußerlich. Aber wenn die Glocken zum Gotteshause rufen, bann können es boch alle hören. Eine alte katholische Trabition behütet viele vor bem Schicksal bes gleich guten ober schlechten Menschen in ber Großstadt. (Wie morsch die sog. „christl. Kultur" in vielen katholischen Gegenden schon geworden ist, sei hier nur erwähnt.)---
Vor dem Gesellenhause warteten drei große städtische Omnibusse auf uns. Nach dem Morgenimbiß sollte die dreitägige Rundfahrt durch Berlin beginnen. Der Vormittag führte uns zum riesigen Schiachthos; dessen Besichtigung zwar sehr lehrreich, aber nicht gerade angenehm war.
Am Nachmittag betraten wir mit der geziemenden Ehrfurcht den deutschen Reichstag. Die etwas protzenhafte Aufmachung der Kaiserzeit, die dem Gebäude das Gepräge gibt, stieß mich nur deswegen wenig ab, weil das Reichstagsgebäude in seiner Art doch einen beacht, liehen künstlerischen Versuch des werdenden 19. Jahrhunderts darstellt. Aber es ist jammerschade, daß man den Reichstag nicht in der Nachkriegszeit gebaut hat.
Im Sitzungssaal des Reichstages wurden wir Dort Reichsarbeitsmini st er Stegermalb empfnn, gen. In allen Zeitungen ist barüber berichtet worben. (Vergl. z. B. „Germania" Nr. 272). Es war bas erste Mal, daß ein Reichsminister bie Bedeutung ber West- Ostsieblung burch einen Empfang ber Teilnehmer einer Sieblungsfahrt unterstrich.----
(Fortsetzung folgt.)