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Zie Veghinenhöse des Mttelalkers
Auch ein Versuch zur Lösung der Frauensrage. — Line ffil(e Welt für sich. — Was uns davon erhalten blieb.
Von Margarete W ö ck e n e r. w
ejn manchen deutschen Städten, besonders Westdeutsch
lands trifft man noch heute Straßen- oder Gebäudebezeichnungen an, deren Name an die Beghinen (auch Be- cminen oder Begutten) des Mittelalters erinnert. Es aibt da Beghinenkirchen, Beghinentürme, -tore und der- qleichen mehr. Nur wenige können sich bei diesen Na- men noch etwas vorstellen; höchstens daß eine vage Erinnerung an Kloster und Nonnen sie beschleicht Behhi- nenhof war kein Kloster. Es handelt sich hier um den Versuch der mittelalterlichen geistlichen und weltlichen Obrigkeit, die Frage der ledigen, alleinstehenden Frau nach den. damaligen Erfordernissen zu lösen.
Der Vogel singt
Vogel singt — , ...
und fragt nicht, wer ihm lauscht.
rinnt —
und fragt nicht, wem sie rauscht.
Blume blüht —
und fragt nicht, wer sie pflückt.
sorge, Herz, daß gleiches Tun dir gluckt!
I. Sturm.
Auch >m Mittelalter kannte mancher Hausvater die Sorgen, die eine zahlreiche Kinderschar mit sich bringen kann. Ganz besonders galten diese Sorgen den Töchtern, wenn keine Aussicht mehr vorhanden war daß sie sich einmal verheiraten würden. Ein Erwerbsleben für Frauen gab es damals in viel geringerem Umfang ols heute. Wer Neigung zum Klosterleben in sich fühlte, wurde Nonne; aber es gab doch auch eine Menge Frauen, die sich nicht so ohne weiteres von der Welt ab- schließcn wollten, auch wenn sie, etwa infolge des Todes der Eltern, nicht länger im Elternhaus bleiben konnten oder wollten. Für sie waren die Beghinenhöfe der rettende Ausweg; hier lebten Frauen, die zwar ein gottesfürchtiges Leben führten, aber sich nicht der strengen Klosterzucht unterwerfen mochten. Der Unterschied zwischen Nonne und Beghine bestand vor allem darin, daß letztere keine Gelübde abzulegen brauchten; sie konnten auch ihren Besitz behalten, was ihnen zustatten kam, wenn sie später wieder austreten und eine Ehe eingehen wollten.
Ein Beghinenhof war ein Komplex von kleineren und größeren Wohnhäusern, die um die Kirche des Hofes gruppiert waren. Man sieht solche Höfe noch heute sehr gut erhalten vor allem in den Städten Flanderns unlkHsaklsnds, in Brügge, Gent, Breda und Amsterdam. Durch eine Mauer, oft außerdem noch durch einen breiten Wassergraben, war der Beghinenhof. obwohl er meist im Herzen der Stadt lag, von dieser getrennt. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, wenn man aus einer belebten Großstadtstraße wie die Kalverstraat in Amsterdam plötzlich mit ganz wenigen Schritten durch ein geöffnetes Tor in eine solche Welt tiefsten Friedens gelangt. Da liegt mitten auf dem weiten Platz die alte Kirche, und rings im Kreise lehnen die peinlich sauberen Häuschen altersschwach aneinander, während in den gepflegten Dorgärtchen die Blumen blühen. Das Ganze ist ein Juwel än Farbe und Linie. Hier wohnen die Beghinen, teils als Inhaberinnen eines ganzen Häuschens, teils als Zimmermieterinnen, zum Teil auch drüben >m großen gemeinsamen Wohnhaus, in welchem sich auch der Arbeitssaal befindet. Schon im Mittelalter war es Bedingung, daß die Beghinen sich entweder einkaufsn oder aber ein Handwerk verstehen mußten. Heute blüht in den wenigen noch erhalten gebliebenen Höfen, vor allem den belgischen, die Spitzenklöppelkunst (die berühmten Brüsseler Spitzen werden hier bestellt).
Die Bewohnerinnen bestanden im Mittelalter und teilweise (da wo sich die Höfe echt erhalten haben), bestehen sie auch heute noch aus Beghinen und aus Dienstboten, daneben wohnten gelegentlich auch Verwandte dort, natürlich nur Frauen, die zwar an die Vorschriften des Hofes gebunden waren, jedoch nicht dem Beghi- nenoerband angehörten. Diese Vorschriften waren n'cht
Das VaNerienschiff.
' Ein Roman in 7 Tagen.
Bon Hellmuth Quast-Peregrin.
Copyrigth bi) Greiner u. Co., Berlin.
„ »Das muß wohl so etwas ein," stimmte der Kapi- tän zu, „ein wahrhaftes Phänomen. Der Professor «ibons hat mir erzählt, daß dieser Urgejowitsch ganz unglaubliche Kenntnisse hat. Dazu okkultistischer, budd- hlstischer Zauberkünstler, Verbrecher, Spitzbube, Mörder, titzt noch Arzt, goddam, etwas viel auf einmal. Gent- e^en, ich glaube, wir haben es tatsächlich mit einem Geisteskranken zu tun, es fehlte bloß noch, daß er hier an Bord tobsüchtig würde . . ."
»Den Eindruck eines Irren machte er auf mich aber tzunz und gar nicht," warf Charles Mumm ein.
»Nun einerlei," beendete der Kapitän das Gespräch. »Aber das eine weiß ich, bei der nächsten Fahrt von Newyork lasse ich mir von der Gesellschaft noch einen Nervenarzt mit an Bord geben.
I ar 18-
2Us der kleine Affe gesehen haste, daß der gefürchtete Fremde den Raum verlassen hatte und sein Pfleger Immer noch regungslos am Boden lag, kroch er vorsichtig 60R seinem Lager herab und hockte sich bei dem Chinesen nieder.
Dabei kam er mit einer Hand in eine der Lachen, Milche die aus den zerstreuten Glasröhren ausgelaufene Essigkeit bildete. Voll Ekel wischte er sich die Hand 6n dem faltigen Gewände des Chinesen wieder trocken und begann den Leblosen zu liebkosen und zu streicheln, wobei er jämmerliche Töne wie ein kleines Kind cms- stieß.
Aber die Liebesbezeugungen waren vergeblich, der Chinese rührte sich nicht. Da wollte der kleine Makake *s besonders gut machen, er holte sich eine der herum- wgenden Drangen heran, riß die Schale ab und steckte we strucht mit aller Kraft in den Mund seines Pflegers, enn er sich |ct)on gar nicht um ihn flimmerte, so sollte r wenigstens etwas essen, vielleicht würde er dann
NILS
Beilage zur Fuldaer Zeitung
21. September
übermäßig ftreng; ein Tor (das einzige in der Mauer) gab Zugang zur Stadt, und dieses Tor stand den ganzen Tag offen. Die Torwächterin, eine alte Beghine, öffnete es morgens, um es abends zu bestimmter Stunde wieder zu schließen. Ferner hatte sie die Aufgabe, zu notieren, welche Hofbewohner abends nach Torschluß zu- rückkehrten und welche von der Vergünstigung des Ausgehens allzu häufig Gebrauch machten. Es ist klar, daß die Kontrolle in erster Linie den Beghinen galt. Denn wenn diese auch nicht, wie die Nonnen, ewige Gelübde abzulegen hatten, so mußten sie doch immerhin eine anderthalb- bis zweijährige Novizenzeit durchmachen und geistliche Kleidung tragen. Mit einigen Aenderun- gen tragen die Beghinen in Flandern noch heute die gleiche Kleidung wie im Mittelalter. Die Hofbewohner waren zu einem zurückgezogenen Leben verpflichtet; verlobte oder verheiratete Frauen wurden nicht zugelasfen, nur ledige und Witwen. Um Ruhe und Stille im Hof zu erhalten, durften keine Tiere gehalten werden, die die Ruhe stören konnten, z. B. Hunde ober Hühner. Besuch aus der Stadt wurde auf ein Minimum beschränkt. Die Verwaltung des ganzen Hofkomplexes lag in den Händen der Meisterinnen, meist zwei ober vier, bie von ben stimmberechtigten Beghinen auf
bie Dauer von zwei Jahren gewählt wurden, wobei die eine Hälfte jährlich zurücktrat. Hatte der Hof das Recht erhalten, einen eigenen Beichtvater zu besitzen, so hatte auch dieser Sitz und Stimme in der Verwaltung Die laufenden Geschäfte erledigte meist ein Rentmeister, der auch den vielfach ansehnlichen Auhenbesitz (Grundbesitz) verwaltete. Diesem Vorstand stand ein Aeltesten- ausschuß zur Seite, der bei wichtigeren Beschlüssen ebenfalls gehört werden mußte. Gegenwärtig erledigt in . den flandrischen Höfen eine Oberin mit zwei Sekretärin- | nen die Geschäfte.
Nur im katholischen Flandern konnten sich die Beghinenhöfe in fast unversehrter Reinheit erhalten. Anderwärts find sie ganz verschwunden, vor allem dort, wo der Protestantismus durchdrang, der die Beghinen ausfterben ließ und ihre stillen Höfe der übrigen Stadt angliederte. Auch find manche der Höfe in ihrer äußeren Form noch erhalten; aber die Häuschen sind im Laufe der Zeit Privateigentum geworden, und aus den geistlichen Frauenvereinen des Mittelalters wurden mehr oder weniger lockere private Vereinigungen. In der Mehrzahl der Fälle ist der Name einer Kirche oder einer Straße das einzige, was uns vom Leben der Beghinen bewahrt geblieben ist.
Das Hakel Askoria brennt
Eine Geschichte auf Tod und Leden.
Von Frances K ü l p e.
Das sechsstöckige Riesengebäude ist in schwarzen qualmenden Rauch gehüllt. Rauchwolken treiben um das Dach, wirbeln hoch empor, schießen wie phantastische Ungeheuer aus einem Höllenschlot, quellen aus Dachluken und zerborstenen Fenstern, überstürzen und überhasten sich.
Immer dichter, immer toller, immer schwärzer werden die jagenden Massen .... Jetzt kriecht eine Flam- menzunge aus dem dichten Qualm. Tückisch und lüstern fährt sie über das Dach hin — gleichsam tastend, lauernd. Gibt es hier Futter für unsereins, scheint sie zu fragen.. Sie reckt sich und streckt sich und verschwindet blitzschnell wie eine aufgestörte Schlange, die, den Hals zurückzieht — Und andere Flammenzungen folgen, -Jeden, tasten, werden immer kühner, dehnen sich, bäumen sich auf, jagen durcheinander in wahnwitzigem Tanz und verschmelzen mit anderen in gieriger glühender Umarmung.
Flammen über Flammen stürzen hervor, jagen heran — ein sausendes Geheul durchzittert die Luft —, immer verwegener, immer frecher breiten sich die Feuerzungen aus. „Futter, Futter, Höllenfutter für uns!" rauschen, frohlocken und singen sie, — eine wilde, dämonische Iu- belmelodie.
„Wer will uns halten? Wer wagt es, uns zu hindern?" prasseln und heulen tausend Flammenzunge!' im Chor, und sie lecken und lohen, zischen und winseln ihren schaurigen jubelnden Siegesgesang.
Durch den qualmenden Rauch schießt eine gewaltige Feuersäule aus einer geborstenen Dachöffnung triumphierend und tosend hervor, schwillt und dehnt sich und geifert gen Himmel.
Die Dachpappe hat sich knisternd aufgerollt wie Papier. Ein schwarzes, morsches Skelett, tritt das Dachgebälk des Hauses hervor — häßlich und widrig in seiner armseligen Nacktheit.
Hatten die Einwohner des jammervoll bedrohten Hauses Zeit gefunden, sich zu retten? Waren alle entkommen? Hilf Himmel, nein, da aus dem fünften Stock an der Breitseite starrt ein weißes Antlitz aus dem siebenten Fenster.
„Die Korridore brennen! Hilfe! Hilfe! gellt eine verzweifelte Stimme in das Sausen des Feuerlärms in das rastlose Pumpen und Arbeiten der Feuerwehrmannschaft hinein — sie verhallt ungehört. Aber Hunderte von Blicken haben die weiße Gestalt am Fenster gesehen und ihre Not begriffen.
Zischend richtet sich ein Wasserstrahl auf bas Fenster. In rasender Hast werden Feuerleitern aufeinandergereiht — umsonst! Die Leiter reicht bis zum vierten Stock und aus den Fenstern des sechsten Stockwerks wirbeln schon neue Flammen.
Die Schmalseite des Hauses ist noch frei und dort an einem Balkon haftet eine zweite Feuerleiter, aber auch sie reicht nicht bis zum fünften Stockwerk.
Auf dem mächtigen freien Platz vor dem brennenden Gebäude steht eine taufendköpfige Menge. Tausende von Augen richten sich auf das weißgekleidete Mädchen, das dem grausamen Tode preisgegeben scheint, und Tausende von Herzen erschauern in Mitgefühl. Da plötzlich zieht sich das Mädchen vom Fenster zurück.
„Vorbei! Erstickt!" fagt jemand aus der Menge.
Die gräßliche Spannung löst sich in langen Seufzern — ein Gemurmel des Mitleids fliegt durch die Reihen.
Ein blondes Mädchen mit blaffen, abgehärmten Zügen greift krampfhaft nach der Schulter ihres Begleiters, eines ziemlich geckenhaften Gesellen, der zudringlich seinen Arm um ihre Hüfte gelegt hat. Sie stöhnt. „Das ist nun vorbei, Flora!" sagt er beschwichtigend.
Doch was ist das? Wie? Da steht ja die weiße Gestalt wieder in der Fensterbrüstung, aus der der Rauch drohend heroorschlägt — sie steht da wie zum Todessprung bereit, hebt die Arme und läßt sie wieder sinken.
Atemlos stehen die Menschen und starren. Jetzt... jetzt Umklammert das Mädchen droben das Fensterkreuz, schlägt dis. eine Fensterhälfte zu und windet sich vorsichtig tastend seitwärts — am Mauervorsprung entlang. x
In schwindelnder. Höhe, wie eine angeflogene Schwalbe klebt die Gestatt an der Mauer. Sie hat die Arme weit auseinandergebreitet und schiebt sich auf nackten klammernden Füßen langsam, langsam weiter.
Bange, wartende Stille in der Menschenmenge. Gespannte Gesichter, gequälte, fragende Augen .... ein Schauer der Erleichterung — die weiße Gestalt hat das nächste Fenster erreicht.
Zeit war es, beim Himmel! Ein Funkenregen sprüht aus dem Fenster, das sie soeben verlassen hat.
„Noch sechs Fenster .... noch sechs!" geht ein stöhnendes Flüstern durch das wartende Gedränge.
Und wieder beginnt das tapfere Kind feinen Todes- gang.
Langsam, langsam, mit gespreizten Armen gleitet es vorwärts, mit kleinen, tappenden Schritten.
„Wie eine Gekreuzigte!" haucht die blonde Flora und hält den Atem an. Die Dämmerung ist leise angebro- chen.
Ein Funkenregen schauert vom Dach nieder auf die weiße Erscheinung. Rauchwolken verhüllen sie, dennoch gleitet sie vorwärts auf dem kaum anderthalb Handbreit schmalen Vorsprung der Mauerzierleiste — und wieder ist eine Etappe überwunden.
„Gott fei gelobt!" keucht Flora.
„Bravo! bravo!" grölt eine Stimme. Ein Faust- schlag trifft den Schreier. „Wirst wohl stille sein, Vieh!" und der Schreckensweg beginnt von neuem.
Von Fenster zu Fenster tappt sich das Mädchen, ohne Stützpunkt, nur mit den ausgebreiteten klammernden Händen wie an die nackte Mauer feftgefogen. Hat
wieder freundlich. Der frische Saft netzte die Lippen des Leblosen, langsam, langsam kehrte das Bewußtsein dem Manne wieder, er schlug die Augen auf, mit irren Blicken schaute er um sich — endlich begriff er, richtete sich langsam hoch und betastete wehmütig das kleine dumme Tier, das ihn jetzt überglücklich streichelte und ihm doch nicht zu Hilfe hatte kommen können. Ja, wenn es ein Hund gewesen wäre, der hätte ihn nicht im Stich gelassen . . . und doch hatte er den kleinen Kerl so lieb, er herzte ihn mit Tränen in den Augen, als hätte der Affe und nicht er selbst die Mißhandlungen von den furchtbaren Händen des Unbekannten erlitten.
Ein heftiges Stechen im Rücken ließ den Chinesen zusammenfahren. Er preßte die Hand auf die schmerzenden Stellen — was war denn das? Glassplitter an feiner Kleidung? Blut an der Handfläche?
Entsetzt blickte er um sich — ach — die Glasröhren waren ja zerschlagen, zertreten, der Kasten war geplündert, den der Professor immer wie einen kostbaren Schatz behütet hatte. Le-Pi-Tse bekam es mit der Angst, das muhte aufgeräumt fein, ehe der Professor kam — o weh — wie würde er schimpfen, vielleicht ihn schlagen. —
Schwerfällig erhob sich der Mann, der Kampf mit dem Einbrecher hatte ihn zu sehr mitgenommen.
Der Chinese wußte, wo die Stewards ihre Besen, Schrubber und Lappenzeug aufbewahrten, er holte sich alles, was er benötigte, säuberte den Fußboden und verwischte alle Spuren des Kampfes.
Nachdem er die Tür des eisernen Schränkchens wieder zugedrückt und den Tisch aufgestellt hatte, legte er noch die eingesammelten Drangen auf die Tischplatte, wickelte das Aeffchen in seine Schlafdecken und fetzte sich zu ihm auf das Ruhebett, den Professor erwartend, um ihn sofort von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen.
Aber es verging eine Stunde, die zweite war bald vorüber, Professor Gibbons kam nicht und inzwischen war Li-Pi-Tse eingeschlafen. Und er schlief so fest, daß ihn nicht das ungeniert laute Sprechen draußen vor der Kabinentür weckte, als Husterkamp den ziemlich bekneip- ten Kollegen Gibbons heim begleitete.
Denn der Engländer hatte etwas tiefer, als er gewohnt war, in das Glas geblickt, um die Unruhe zu
betäuben, die über den Fall Urgejowitsch in ihm eingezogen war.
Polternd torkette Professor Gibbons, eine Melodie vor sich hinsummend, in die Kabine, machte bas Licht an und erblickte seinen schlafenden Diener.
Li-Pu-Tse schlief?
Das war Gibbons von dem treuen aufmerksamen Chinesen doch gar nicht gewohnt. Drei Jahre diente er ihm schon und war in der Zeit die Pflichttreue in persona gewesen.
Mochte die brave Seele schon einmal die Heimkehr feines Herrn verschlafen — der Professor lächelte stillvergnügt vor sich hin — vergaß das Licht auszuschalten und legte sich ins Bett.
Aber wenige Minuten später raste schon die Alarmglocke im Zimmer des Wachthabenden. Joe Morris starrte auf das Tableau, an dem die Nummer des Zimmer aufglühte — er sprang auf und riß die Tür zum Nebenraum auf.
„Jack, Plum, Shipper, auf! — Alarm."
Polternd fuhren drei Matrosen aus ihren Hängematten. Lepetit erwartete, schon in der Tür stehend, den Wachthabenden, der mit seinen Begleitern so schnell und so leise wie möglich kam.
„Eingebrochen hat man bei mir. Ich bin bestohlen. Rusen Sie mir den Kapitän. Die Gesellschaft haftet mir für jeden Schaden," sprudelte der erregte Franzose hervor.
Joe Morris hatte große Mühe, ihn zu beruhigen und ihm klarzumachen, daß ja das Erscheinen des Kapitäns an der Tatsache des Einbruchs nichts ändern könne.
Man muß sich eben mit der Untersuchung des Falles begnügen und Lepetit war überglücklich, als es sich herausstellte, daß der Spitzbube keine übermäßig große Beute gemacht habe.
So protokollierte Joe Morris den Vorfall und rückte dann mit der Wache wieder ab.
Am Ende des Ganges entdeckte er im Scheine der Schalenlampen Blutspuren auf dem Fußboden.
Bestürzt blieb er stehen.
„Da — seht da — Blutspuren. Hier ist einer entlang gelaufen, der sich geschnitten oder sonstwie verletzt hat.
sie einen neuen Fenstervorsprung erreicht, so geht ein Seufzer der Erleichterung durch die Menge. Die Blonde meint die Herzen pochen zu hären. Jetzt ist das vierte Fenster erfiegt.
Die weihe Gestalt schwankt einen Augenblick, als hätten sie die Kräfte verlassen. Doch nein, sie rafft sich wieder auf und vorwärts geht es ... .
Fremde Leute drücken einander die Hände, wenn wieder ein Fenfter überwunden ist. „Noch zwei!" stöhnen sie.
Vorwärts gleitet die Gestalt wie ein Schemen.
„Barmherzigkeit! Nur noch ein Fenster!" Jetzt — endlich hat die hellbeleuchtete Erscheinung den Balkon erreicht!
Em tosendes Hurra empfängt sie.
Unter ihr, ein Stockwerk tiefer, lehnt die rettende Leiter. Auf der äußersten Sprosse steht ein Mann und wirft dem Mädchen einen Strick zu. Schon schlagen die Flammen aus dem letzten Fenster, das sie soeben verlassen.
Sollte es nun doch nicht gelingen? Wenn sie doch gerettet würde — Barmherzigkeit! zuckt es Flora durch den Sinn: Großer Gott, wird sie gerettet, so kehre ich zu Vater zurück und werde ein ehrliches Mädchen--
wenn nicht — dann ist es auch mit mir vorbei!
Rauchwolken wirbeln über die weiße Gestalt hinweg und entziehen sie den angespannten Blicken der Menge. Knisternde Funken sprühen über sie hinüber.
„Das Kleid . . . Das weiße Kleid . . .1" kommt es heiser von Floras Lippen — „Sie ist .... wir sind verloren!"
Ein Windstoß stiebt den Funkenregen auseinander, teilt die Rauchwolken — das Mädchen hängt in der Luft am rettenden Seil und läßt sich langsam und vorsichtig hinunter.
Und nun hat sie festen Fuß gefaßt: sie steht auf der Leiter.
Ein donnernder Krach. Funken wallen nach allen Richtungen auseinander — das Dachgerüst bricht zu- famtnen.
Erstarrt steht die Menge. Die blonde Flora hat die Augen geschlossen. Halb ohnmächtig lehnt sie sich an ihren Begleiter. Darf sie Hinsehen? Nun ist ja doch alles verloren!
Wieder fluten qualmende Rauchwirbel vor das Gebäude. Die Schutzmannschaft drängt die sich stauende Volksmasse zurück. Ein Schieben und Drängen, ein Stoßen und Wirren — und rückwärts wälzt sich die Menschenflut, eine lebende Mauer.
Doch da — da hängt ja noch immer inmitten der Rauch- und Feuerrnasfen die lichte weiße Gestalt . .. • sie ist um zwei Stockwerke tiefer gelangt.
Und nun schwillt ein Brausen an in der Menge — ein Jauchzen und Jubeln ... das zurückgedrängte Ge- fühl, die mühsam verhaltene Spannung läßt sich nicht mehr meistern. Fremde liegen einander in den Armen. Freudentränen glänzen.
„Bravo . . . bravo! Hurra! Hoch!" schwillt es an wie ein Meer.
Frauen schluchzen, Männer rufen vor Jubel. Nie- mand fragt nach dem Namen, nach der Herkunft des Mädchens. Ein Mensch ist gerettet worden--ist das
nicht genug?
Die weiße Mädchengestalt liegt erschöpft und unversehrt in den Armen eines Schutzmannes. Er hebt sie hoch — erzeigt sie allem Volk. Man drängt sich zu ihm hin. Hände über Hände strecken sich ihr entgegen.
Die Begeisterung schlägt turmhohe Wogen.
In sich versunken hat Floras Begleiter dagestanden.
„Das war schön!" sagt er erleichtert. „Ach, war das schön! Na Flora, wie? Willst du mich begleiten?"
Sein Ton klingt abwesend.
Flora starrt ihn an. Wer ist der Mann, der da mit ihr spricht? Was will er von ihr? Ihr Gesicht ist tränenüberströmt, aschfahl. Sie ist aus einer anderen lichteren Welt heimgekehrt.
Sie schüttelt den Kopf. „Nein!" sagt sie einfach. Eine seltsame Klarheit leuchtet ihr aus den Augen. „Ich weiß, was ich tue. Ich geh zurück zu Vater — mag er mich totschlagen.....ich Habs verdient!"
Des Mannes Gesicht zuckt in wunderlicher Erregung. „Und ich", murmelt er halb im Traum — „ich will meinen ehrlichen Namen behalten ... ich bring das Geld zurück . . . .!"
Flora reicht ihm die Hand zum Abschied . . .
Wir müssen sehen, wo die Spuren Herkommen und wo sie hingehen. Jack und Shipper verfolgen die Spur da nach dem Fahrstuhl zu — ich gehe ihnen mit Plum auf dieser Seite nach. In der Wachtstube gebt Ihr mir Be- richt."
Kapitän Oliver Sidney blickte finster auf die schriftliche Meldung des Wachthabenden über die Vorgänge der Nacht.
Unwillkürlich krampfte seine neben dem Schriftstück ruhende geballte Faust sich fester zu famtnen.
„Das war dieser Korbatschew", brummte er vor sich hin, bann befahl er laut:
„Sir Haigoille soll kommen!"
Bald darauf stand der Offizier vor ihm.
„Ja. Sir Haigville, diese Bestie war zu feige zum Selbstmord, nachts sucht sie die Kabine heim und plündert."
Der Offizier schüttelte den Kopf.
„Ich möchte wissen, wohin sich das Vieh verkrochen hat . . ."
„Die Wachen werden verstärkt, dauernd gehen Patrouillen von jetzt ab in den Gängen und jeder Mann bekommt den Befehl, den Verbrecher sofort niederzuschießen . . ."
„Zu verhaften, Herr Kapitän .. ."
„Nein, niederzuschießen. Ich bin nicht Führer eines Verbrechertransportes. Lebt übrigens dieser Iwan auch noch?"
„Ich weiß es nicht, seit gestern abend habe ich den Doktor nicht mehr gesehen."
„Er soll dem Kerl eine so starke Dosis .. ." kurz brach er ab.
Eine Weile war- es still zwischen den beiden Männern, Sir Haigville las den Bericht zum zweiten Male durch, der Kapitän machte sich umständlich seine Tabakspfeife zurecht. '
„Neugierig bin ich doch, wen der Schuft heute nacht noch besucht. Er muß sich irgendwo verletzt haben, die Blutspuren sprechen eine beredte Sprache — allzulange werde ich auf eine Meldung kaum zu warten brauchen. Schade, daß die Spur plötzlich an einer Stelle abbrach.