Beilage zur Fuldaer Zeitung
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Marienbild.
Von Franz Cinzia- Schramberg.
Am stillen Weg in Waldesruh Steht unter hohem Baum ein Bild. Und lächelt jedem Wesen zu So wundersam und hold und mild.
Der vielen Vöglein Lobgesang
Schwebt durch den tannengrünen Dom.
Maria blickt den Weg entlang Und hält bereit der Gnaden Strom.
O halte still mit deinem Schritt Und fühl', wie dich die Mutter nennt.
Nimm ihren tiefen Segen mit Für Pfade, die dein Herz nicht kennt.
Und in der schwersten Not und Pein Bist du dem Mutterherzen nah.
Und wcmderst nimmermehr allein Durch dieses Lebens Golgatha.
Wer hilft?
Rausch — Musik — Tanz. Klirrendes, wirbelndes Leben. Sorglose Menschen. Frohsinn. Heiterer Lebensgenuß.
Die andete Seite: Erwerbslosigkeit. Grauen. Not. Hunger!
Kennen wir sie beide? Mischen sie sich in den Großstädten! Verschmelzen sie zu zitternden Akkorden?
Klagen sie an?
Wen? Ja wen?
Die Zeiten? Die Menschen Oder beide?
Beide!
Der Mensch lebt in der Zeit. Die Zeit gestaltet den Menschen. Formt ihn aus ihrem Milieu, das er seinerseits wieder gibt.
Ewiger Kreislauf aller Dinge.
Wir wollen bessere Zeiten!
Schöpfer eines neuen Stils müssen wir werden, bewußt aus ewigen Gesetzen leben. Damit formen wir
um, damit packen wir dar Uebel an der Wurzel. An der Wurzel des Staates, der Familie. An der Wurzel der Familie, der Ehe.
Wo ist die katholische Ehe? Ist sie nur noch das Ideal? Höchsterstrebtes, aber unerreichbares Ideal? Braucht der moderne Mensch die Erleichterung der Ehescheidung? Kann er nicht leben in der Bindung des einen für einen? Wo endet diese Lösung? Was ist letzter Sinn? — Zerstörung — Verwirrung — Chaos — Auflösung aller Bindungen. Mann und Weib gelöst, das Kind von ihnen getrennt — wenn es überhaupt noch geboren wurde. Streit um § 218.
Aeußerste kommunistische Forderung: Nur die Frau Herrin über ihren Leib, weiteste Freiheit der Abtreibung.
Die letzte Aussicht: Ein Heer von alten, siechen Menschen und ein Haufen unfroher Jugend. Und diesen wenigen bleibt die Fürsorge für viele. Trauriges Bild wirtschaftlichen Niedergangs statt des erwarteten Aufstiegs.
Und die anderen Leute, die den starken Menschen formen wollen? Alle Schwachen, Kranken töten, damit nur die Macht herrsche. Alles niederreißen, was Kulturfortschritt in 50 Jahren mühsam aufbaute, die Sozialversicherung, um die man uns beneidet! Ist sie nicht staatliche Anerkennung ältester christlicher Forderung der Nächstenliebe?
Lindern wir Not und Sorge durch Sport und Spiel und mit Waffengewalt? Ist eine Macht, die stärker ist als diese, so ist es die eine: Liebe.
Liebe, die schützt und sorgt und umhegt.
Liebe, die lebt über den Tod.
Liebe, die ewig ist.
Liebe, die keine Trennung will, sondern in helfenden Händen sorgsam die Reste bettet und zur Einheift führt. Die das Kind will und das Opfer gern trägt und die Last nicht spürt in der Liebe.
Liebe, die das Höchste ist auch in der Zeiten Not und der Verwirrung der Menschen.
Helfende Liebe als tragende, schaffende Kraft des Volkes zum Staat.
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as soll die Frau an der Wahl-Arne?
Don Ottilie Kiefer.
„Die Bequemlichkeit des Lebens machte uns auch bequem im Denken".
Treffsicher zeichnet dieses Wort unsere Tage. Auf das weite Gebiet der Politik angewandt, ist gerade die Frau von dieser Denkbequemlichkeit nicht ausgenommen. Im allgemeinen ist sie zufrieden, wenn sie ihre häuslichen Pflichten erfüllen, zum Lebensunterhalt der Familie, wie dies heute leider vielfach der Fall ist, beitragen kann, alles übrige überläßt sie nach alter Sitte dem Manne. Wohl klagen gerade die Frauen über die schlechten Zeiten, die verdorbene Jugend, die Zerrüttung der Ehe und Familie, die Sittenlosigkeit unserer Zeit. Doch wie all dem entgegengesteuert werden kann, darüber machen sie sich meist wenige Gedanken. Noch ist man sich nicht klar darüber, daß mit der erlangten Gleichberechtigung, die meistens nur in größerer persönlicher Freiheit verstanden wird, auch das gleiche Maß an Pflichten unserem Volke gegenüber uns Frauen auferlegt wurde. Es ist nicht mehr Sache des Mannes, allein die Staatsgeschicke zu lenken, wir Frauen sind mitverantwortlich geworden. Das Pflichtgefühl, die Verantwortung, die wir unseren Angehörigen, unserer Familie gegenüber empfinden, müssen wir heute auch ins öffentliche Leben übertragen, dienen wir doch durch die Ausübung der politischen Rechte uns selbst und den uns Anoertrauten.
Das Wort Politik ist freilich für manche förmlich ein Schreckmittel. Die Vorstellung von außergewöhnlichem Tun, von Kampf und Streit, ein Herausgeriffen- werden aus feiner Häuslichkeit, aus gewissen bequemen Gewohnheiten, dürfte viele unseres Geschlechtes abhalten, sich näher damit zu befassen. Helene Weber, die bekannte Führerin der katholischen Frauenbewegung spricht daher von verschiedenen Gruppen von Frauen, die ihr auch in diesem Wahlkampfe wieder Sorge ma
chen. Sie fürchtet vor allem die Gleichgültigen, die wie ein „Schwergewicht an dem lebendigen politi- schen Leben hängen", ebenso aber auch die Feinen, Besinnlichen und Tiefen, die fürchten, daß die politische Arbeit die Frauenseele unruhig, oberflächlich und äußerlich macht. Aber vergessen wir doch nicht, die Politik verlangt ja gar nicht von jeder Frau, daß sie Reden hält, ihre ersten und ureigensten Pflichten oersäunck durch „Politik machen", vielmehr eine überzeugte Weltanschauung und den festen Willen, diese auch im Staatsleben verwirklicht zu sehen.
Nicht mehr wie bisher darf die Frau bei allem öffentlichen Geschehen nur Zuschauerin sein, sie muh pr a k ti s ch m i t w i r k e n, kraft ihres Stimmrechts, sie muß den Zukunftsbau unseres Volkes mitgestalten helfen, nicht wie Fremdes, sondern wie den eigenen Herd, der ihr sichere, friedliche Heimstatt sein soll. Aus ihrem Wesen heraus, das liebevoll verstehend alle und alles umfaßt, wird nicht als letzte die Frau die Berufene fein, am Volks st aat der Zukunft aufbauend ihre Kräfte zu entfalten. Die Zerrissenheit, das Spezialistentum, die Jnteressenwirtschaft, wie sie heute beklagt werden, sind chr wesensfremd. Ihr starker G e- meinschaftssinn der Klassen- und Ständeuntcr- schiede ausgleichend überbrückt, gibt ihr vor dem Manne das Zeng, die Extreme auf den goldenen Mittelweg zu bringen und Spannungen auszugleichen. An ihrem tiefen religiösen Sinn, der sie gerade dem leidenden Volksteil (Arbeiter!) in mütterlichem Verstehen und Helfenwollen nahebringt, die aber auch die abseits stehenden dem Volke zuführen möchte, an dieser Eigenart kann die Politik der Zukunft nicht achtlos vorbeigehen.
Das Wesen der Frau ist auf das Ganze gerichtet. Nur im Hinblick aufs Ganze kann sie schöpferisch tätig sein. Diesen Willen in das politische Leben hineinzu-
ttagen, darf nicht nur das hohe Streben einiger wenigen sein, die Führerinnen brauchen die großen Massen der Wählerinnen, die ihnen Rückhalt und Ansporn sein müssen. Es wird ja so wenig von der einzelnen Frau verlangt und doch bedeutet es so viel. Ein kurzer Gang zur Wahlurne, ein kleines Zeiches, das der Partei ihrer Weltanschauung gilt, sind die einfachen Mittel, durch die wir gegen die Klassenkämpfer und Phantasten protestieren können.
„Es geht um eine ganz große Sache. Der Zeitpunkt ist erreicht, in dem man den letzten Versuch machen muß, um mit der gegenwärtigen Verfassung eine wirkliche, verantwortungsvolle Demokratie zu retten und lebendig zu erhalten."
Wir wollen uns dieses bedeutungsvolle Wort dds Reichskanzlers Brüning merken. Man soll nach diesem Wahlkampf nicht mehr sagen können, wir Frauen seien politisch unreif!
Richtige Fußpflege.
Von Dr. meb. Charlotte Zschocke - Berlin.
Fußleiden aller Art sind äußerst verbreitet. Ausgesprochene Erkrankungen bedürfen einer sorgfältigen, ärztlich verordneten Behandlung, denn Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit hängen in stärkstem Maße von gesunden Gehwerkzeugen ab.
Vorbeugen ist wichtig, man lasse es garnicht erst zu Erkrankungen kommen! Der beste Weg zur Erhaltung gesunder Füße ist das tägliche Fußbad am Abend. Wer es sich irgend leisten kann, wechsele täglich die Strümpfe. Wenn man sich einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, wird man einsehen, daß Strümpfe, die nur einen Tag getragen worden sind, weniger zerreißen, also wird die Mehrarbeit des Waschens mit dem selteneren Stopfen ausgeglichen. Außerdem genügt bei solchen Strümpfen ein kurzes Auswaschen in lauwarmen Wasser, wodurch, zumal bei Seidenstrümpfen, das Material geschont wird.
Füße mit gesteigerter Schweißabsonderung müssen außerdem gepudert werden, ehe man die Strümpfe an- Zieht.
Sehr unangenehm ist das Einwachsen der Nägel, was durch regelmäßiges, vorsichtiges Schneiden verhindert werden kann.
Hühneraugen entstehen an Druckstellen von schlecht sitzendem Schuhwerk. Man kaufe also nicht zu enge Schuhe und achte genau auf feine individuelle Fußform. Auch bei spitzer Schuhmode gibt es immer breitere Formen, die für manche Füße unerläßlich sind und trotzdem „elegant" sein können. Vorhandene Hühneraugen müssen entfernt werden. Man schneide nicht selbst daran herum, denn nur zu oft entstehen Blutvergiftungen bei solchen unsachgemäß ausgeführten Prozeduren. Pflaster zum Aufweichen kann man selbst auflegen unb die, durch ein heißes Bad dann völlig erweichten und gereinigten Hornschichten vorsichtig ab- lösen. Manchmal tun an solchen gefährdeten Stellen Hühneraugenringe gute Dienste, die besonders eine Neubildung nach Entfernung der alten Hühneraugen verhindern.
Schmerzen an der Innenseite des Fußes oder in der Wade können Warnungssignale des beginnenden Plattoder Senkfußes fein. Auch Schmerzen in der Hüfte ober im Knie können mit dieser Veränderung der Füße zusammenhängen. Man sorge vor allem für gut passendes, nicht zu leichtes Schuhwerk und vermeide die zu weit ausgeschnittenen Damenschuhen, die gar keine Stütze für das Fußgewölbe bieten. Dann massiere man nach dem Fußbad die schmerzenden Stellen mit stärkender Salbe und mache regelmäßig nur ein paar Minuten lang Kräftigungsübungen für die Fußmuskulatur, die man sich am besten von feinem Arzt zeigen läßt. Werden durch diese Maßnahmen die Beschwerden nicht behoben, so sind Einlagen nicht mehr zu vermeiden. Man kaufe aber nicht fertige Einlagen, denn jeder Fuß und jedes Stadium der Erkrankung bedarf anderer Maße, deshalb müssen solche Einlagen ange- fertigt werden. Sie werden heute in so leichtem Material hergestellt, daß sie ganz wenig Raum beanspruchen und meistens in getragenes Schuhwerk Hineinpasfen. Hat man zu enges Schuhwerk, so entschließe man sich 3um Kauf besser passender Schuhe und nehme die Einlagen zur Anprobe mit. Denn nur durch
gründliche Maßnahmen ist die Senkung des wölbes unb bamit eine Seränberung der 'UlushrSS aufzuhalten, sonst können schwerste Gehstörunaen stehen.
Schwellung an den Knöcheln können die verlcki benften Ursachen haben. Es kommen Herz- und » renleiden in Frage, häufig sind Krampfadern.^ Stauungen in den unteren Extremitäten die uhJ2 Ganz allgemein kann gesagt werden, daß solche »2 gewickelt werden müssen. Da aber gerade die foZ Knöchelödeme ernste Anzeichen innerer Krankheit fein können, verarzte man sich nicht auf eigene
Zum Schluß noch ein Wort über Fußverletzun^ Beim Umknicken und „Vertreten" genügen HM Hochlagern und und feuchte Umschläge mit oerbünri essigsaurer Tonerde. Ob es sich aber nicht doch eine Ausrenkung oder gar einen Bruch handelt, jtz, selbst durch einen Arzt schwer zu entscheiden unb t» eine Röntgenaufnahme nötig. Jeder Tag zu spät k« peinliche Folgen haben, denn ein falsch geheilter Bry macht, zumal am Fuß, schlimme Beschwerden.
Alle kleineren Verletzungen, Hautabschürfun« wundgelaufene Stellen sind sorgfältig zu reinigen e zu verbinden unb nie direkt mit dem Strumpf M । decken.
Die verkannten Holunderbeere!
Die Früchte des Holunderbaumes werden bei m in Deutschland noch lange nicht so ausgenutzt, wie । bet dem außerordentlich guten Aroma und ihrem e sundheitlichen Wert notwendig ist. Nachstehend sei, einige Rezepte gegeben, die diesen verkannten Kind« des Herbstes RÄhtfertigung angedeihen lassen.
Holunberbeersafi.
Die reifen Beeren des Holunders sind fast schw« Man schneidet die großen Dolden am Stiel ab, was, sie behutsam und legt sie, die Stiele nach oben, in ein, sauberen Topf, gießt kaltes Wasser darauf unb kocht i Beeren etwa eine Stunde, schüttet sie durch einen feinen, Beutel, fängt den Saft auf, wiegt ihn, nimmt zu Pfund Saft 1 Pfund Zucker, gibt 2 Gramm Zimmt tu 4 Nelken bei und kocht den Saft nochmals y, Stunk Dann füllt man ihn in gut geschwefelte Flaschen ui verwahrt sie gut verkorkt auf. Die im Beutel verbli benen Beeren kann man nochmals mit Wasser; Stunde aufkochen, wieder durch den Beutel preffe und den erhaltenen Saft zu baldigem Gebrauch zu H lundersuppe nehmen.
Holunberbeersuppe.
Der aus den Holunberbeeren gewonnene 6t wirb mit Wasser verdünnt unb zu einer wohlschmeck« den Suppe oermanbt. Man kocht die Flüssigkeit au rührt zum Sämigmachen Reismehl an, gibt als Eir läge in Stückchen gebrochenen Zwieback ober von geschlagenem Eiweiß.
Holunberbeersasl al« Glühwein.
Der eingekochte Holunberbeersast wirb als totfi getränt in ber Art gebraucht, daß man 1 Teil Saft 1 2 Teilen kochendem Wasser nimmt unb so einen alt, holfreien, billigen Punsch herstellt.
Holunberbeersafi al« Ersrischungsgekränk.
Der mit Wasser verdünnte Holunderbeersast ist 4I vorzügliches Erfrischungsgetränk, bas ben Durst bi fer stillt als Limonade. Fieberkranken gebe man reit lief) davon zu trinken, unb man wirb eine Abnah» des Fiebers spüren.
HolunberlikSr.
Gut gereinigte Flaschen füllt man zu drei Vier! Teilen mit Hollunderbeersaft, bas übrige Viertel fü man mit gutem Kornschnaps auf, schüttelt gut dun läßt bie Flaschen gut verkorkt 3—4 Wochen liegen ffl hat bann einen guten, billigen Magenlikör.
Holunberbeermu», blutreinigenb.
Die reifen Beeren werden abgeftreift unb mit halben Gewichtsmenge Zucker, etwas Zimmt und e gen Nelken zu Mus gekocht. Man fchätzt es wegen ner blutreinigenben Eigenschaften sehr und tri1 morgens nüchtern 1 Teelöffel voll.
Was die Hausfrauen sagen.
Es ist ein ruhiger Abend, und die ganze Familie sitzt in der Stube um den Tisch, plaudert, lieft Zeitung: es werden Strümpfe gestopft. Auf einmal fragt die Hausfrau: „Was soll ich denn morgen kochen?" Die Tochter, bie tagsüber im Büro schafft, träumt schnell laut von gefüllten Tomaten. Unb ber Sohn — Bankangestellter — schreit schon aufgeregt: „Mit Deinen ewigen Tomaten, da wirb ja kein Mensch satt von!" Dann gehts los: Der Vater schlägt vor, es wirb „Nein" gebrummt. Die Mutter schlägt vor, man fährt ihr mit „Nein" über ben Mund. Das eine ist zu teuer, das andere zu schlecht, ein drittes schmeckt nicht: und so rauft sich die ganze Familie auseinander, im Streit verkriecht man sich in die Betten.
Und am nächsten Morgen? Glaubt Ihr, die Hausfrau wird beim Frühstück noch einmal die Rede auf den Küchenzettel bringen? Sie wird kochen, was sie für richtig, gesund und gut hält. Und wenn der Vater und die Söhne und Töchter ihre Familie lieb haben und in Einigkeit erhalten wollen, bann werben sie am Nachmittag essen, was ihnen vorgesetzt wirb.
Liebe Hausfrauen! Genau so ging es in ber beut- schen Staatsfamilie vor der Auflösung des Reichstages zu. Der Staat war in Not: Verlorener Krieg, Wirtschaftskrise. Seine Einnahmen wurden kleiner, und den Arbeitslosen sollte er mehr geben. Dazu hatte eine Regierung, in der die Sozialdemokraten führten, alles laufen taffen. Nun sollte in höchster Not Rat geschafft werden. Es wurde ein Notopfer vorgeschlagen, bie Parteien sagten „nein". Es würbe bies unb jenes oor- gefdjlagen, bie Parteien sagten „nein". Sie tobten unb brüllten unb versprachen noch dazu ihren Wählern Steuersenkungen und bergt. Es war ein wilbes Durcheinander, genau so wie in ber Familie, als es am Abenb um den Küchenzettel ging.
Dann tarn einer, das war unser Reichskanzler Brüning: Hindenburg hat ihm geholfen, das Zentrum hat ihm vertraut: Er wird es schon schaffen. Brüning hat gesagt: Hier ist der Küchenzettel — das war die N 0 t v e r 0 r d n u ng. Die Parteien schrien Zeter und Mordio über den Zentrumsmann Brüning. Der Reichstag hat die Notverordnung aufgehoben. Weit es so in der Verfassung steht, hatte er dazu ein Recht. Aber
trotzdem war es keine gute Tat. Deshalb mußte Brüning den Reichstag auflöfen — er hat es ohne Zögern getan und ein paar Tage darauf eine neue Notverordnung verkündet. Sie ist aus der Not geboren, aus größter Not, darum heißt sie ja auch Notverordnung. Da steht etwas drin, was den Arbeitslosen über die nächste schlimme Zeit helfen sott. In ber Krankenversicherung ist etwas geändert worben, bamit sie nicht Bankerott macht. Die noch sichere Einnahmen haben, sotten etwas mehr Steuern zahlen. Unter diesen Steuern ist auch bie „Ledigensteuer", um bie soviel Geschrei gemacht wirb. Da, wo es möglich ist, fallen bie Preise gesenkt werden.
Die Parteien haben auch über die zweite Notverordnung gezetert. Dies wäre unsozial, jenes würde die Wirtschaft töten unb ein anberes hätte Schönheitsfehler. Es war genau so, wie in ber Familie, als es um ben Küchenzettel ging. Im Zentrum war man still unb sagte sich: Unser Kanzler wirb es schon machen.
Unb nun soll bas Volk am 14. September wählen. Es soll entscheiben, ob es mieber Geschrei unb Durcheinander will. Die Parteien gehen hausieren unb machen ihm schöne Versprechungen. Die ganz rechts unb ganz links wollen erst einmal alles zerschlagen. Daraus sott bann bas Paradies wachsen. Ich glaube, Ihr Hausfrauen, darauf fallt Ihr nicht herein. Ihr wißt, wenn man erst Herd und Kochtöpfe zerschlagen hat, kann das Mittagessen nicht zur rechten Zeit fertig sein. Dann gibts noch mehr Not und noch mehr Durcheinander.
Die Sozialdemokraten wollen im kommenden Reichstag so stark werden, daß sie die Notverordnung aufheben können. Dann wollen sie aus eigener Machtvollkommenheit für die Staatsfamilie einen Küchenzettel machen. Wie der aussieht, bas könnt Ihr Euch ben- ten. — So will jebe Partei etwas anderes. Als wenn das aus ber Not helfen könnte!
Die Macht bes Reichskanzlers reicht nicht soweit, daß eine Notverorbnung dauern muß, solange es nötig ist. Da seid ihr Hausfrauen besser baran. Ich wollte Euch einmal sehen, wenn jemanb Euch streitig machen wollte, ben aufgestellten Küchenzettel auszuführen. Die Verfassung, bie in Weimar gemacht worden ist, ist so, daß eine Mehrheit des Reichstages die Notverordnung aufheben kann. Auch dann, wenn sie nichts Besseres an
die Stelle setzen kann und will. Tut sie das Letztere, so sind wir alle zufrieden, aber das wird schwer fein.
Nun kommt Eure Aufgabe, Ihr Hausfrauen: Ihr könnt dem ruhigen, füllen Mann da oben helfen, daß er weiter Ordnung schaffen kann. Es ist noch viel zu tun. Die Notverordnung hilft nur über das Gröbste hinweg. Ihr müßt die Männer und Frauen wählen, zu denen er gehört, die Vertrauen zu ihm haben, die ihn stützen, die ihm immer wieder sagen: Halte aus da oben. Das sind das Zentrum und die Bayrische Volkspartei. Die beiden Parteien wollen helfen, Ordnung machen, sie wollen helfen an einem vernünftigen Plan für den deutschen Staatshaushalt.
Und nun, Ihr deutschen Hausfrauen, jetzt habt Ihr das Wort und die Tat! Denkt an ben Streit um ben Kischenzettel! Um Eure Entscheidung ist mir nicht bang. -er.
Entsagung.
Grete steht hinter dem Ladentisch des großen Warenhauses und legt ein Strumpfpaar nach dem anderen der Käuferin vor, zieht die Strümpfe über die dünnen, blassen Hände, geht mit der Kundin ans Tageslicht, damit sie die Farbe ganz genau feststellen kann, kurz und gut, gibt sich alle erdenkliche Mühe, noch vor Ge- schäftsschluß einen Verkauf buchen zu können.
Müde und abgespannt sieht das Mädchen aus, und nur der näher Zrischauende gewahrt ein stilles Leuchten in den blauen Augen. Ach, sie weih es gar nicht, zum wievielten Male sie es ausgerechnet hat! Immer wieder geht es ihr durch den müden Kopf: 14 Tage, das sind 70 Mark, dazu die Reise 8 Mark und 50 Pfg.i Na, 100 Mark liegen bereit. Die Ersparnisse eines Jahres! —
Grete hat eine alte, kränkliche Mutter und ist deren einzige Stütze. Da ist es eine Kunst, bas Geld zufam- mengebracht zu haben. Und wenn sie im Winter nicht so krank gewesen wäre und ber Arzt nicht so bringenb geraten hätte, einmal Urlaub zu nehmen, sie hätte es auch diesmal nicht getan.
Es ist ein lichtdurchsonnter Tag. Mit frohem, raschem Griff legte Grete alles zusammen und verläßt bas Warenhaus durch den großen Torweg hofwärts.
Einen Augenblick hält Grete inne. Ihr ist so beklommen, so angstvoll zumute. Sonderbar, sie muß
plötzlich an die Mutter denken! Als sie heute ftüh ging, fand sie dieselbe so elend aussehend.
Grete hastet heimwärts. Müde schleppt sie sich drei Treppen hoch und findet die kleine Stube leer.
Die Mutter hat wieder einen Anfall bekommen, schon so oft. Das schwache Herz will nicht mehr. S jetzt ist sie wieder ganz Güte und beruhigt, Grete m es würde schon schnell vorübergehen. Grete legt nun abgetragene Täschchen hin und macht sich an die beit, alles steht noch so, wie sie es heute morgen lassen hat. Mechanisch schaffen die Hände, ihr Herz voll Unruhe und Sorge. —
Es ist tiefe Nacht! Die Tochter sitzt am Bett Kranken und hält die blasse Hand der Mutter, der die Aderstränge dick heroorstehen. Ein heftiges Witter hat sich über der Stadt entladen. Menschen, nicht viel Gutes gewöhnt sind, sind bescheiden. > und Grete ist sehr bescheiden. — Sie gräbt im bas Grab ihrer Hoffnungen: denn sie weiß den laub kann sie als „gehabt" buchen. So elend 1
schlecht war Mutter noch nie. Wenn nur Mutter t ber gut märe, will sie schon gerne verzichten. J müde, übernächtigte Gesicht drückt Ergebung aus. ® leise nickt sie ein. Sie träumt von ben Bergen, sonnendurchleuchteten Tal, vorn Urlaub, der ei" ziger, hingetaumelter Festtag werden sott. Schw röchelndes Atmen ruft sie in die Wirklichkeit zurück
Auf dem großen Friedhof, weit draußen vor Stadt, duften die Rosen. Die Sonne spielt heiß zitternd auf den kleinen, kalten Graniffteinen, aut armen weißen und braunen Holzkreuzen. 2)a W Männer mit braunen Armen und Händen ein f< les Grab. Morgen wird hier Frau Feldhaus,
Nr. 2264, begraben. Gretes Mutter! —
Wenige Tage später steht Grete wieder hinter e hohen Strumpfberg im Warenhaus. Ihre blauen gen schauen mit einem traurigen Blick ins Leere, sieht in dem billigen Trauerkleidchen noch schmäler Um den seinen Mund liegt ein Zug wie von st wordenem Weinen. Unter ben sonnverbrannten leginnen fällt sie jebem auf. Als ich an ihr von
schritt, beugte sie ben feinen Kopf mit ben g°“ Locken über ihre Ware. Ein Sonnenstrahl aber sich durch bie große Scheibe unb spielte verklärens ihrem Scheitel. A. N°I<