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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

57. Zahrg

Dienstag, 2. September 1930

* Generalmajor Henry Allen gestorben. Aus Washington wird gemeldet: Generalmajor a. D. Henry Allen, der ehemalige Kommandeur der amerikanischen Besatzungstruppen im Rheinlande, verstarb plötzlich an den Folgen eines Herzschlages, und zwar in der Sommerwohnung des Gesandt­schaftsrates Leitner von der deutschen Botschaft in Buenavista Springs in Pennsylvanien, wo er in einem größeren Kreise gerade den Tee einnahm. Ein sofort herbeigerufener Arzt stellte den Tod durch Herzlähmung fest. In Kreisen der Armee Hai die Nachricht von dem hinscheiden des beliebten Generals tiefe Trauer ausgelöst. General Pershing erklärte bestürzt und betrübt, Allen habe seinem Lande auf vielen wichtigen Posten treu gedient und seine Aufgabe als Chef der Besatzungstruppen im Rheinlands würdevoll und gut durchgeführt. Die Beisetzung wird auf dem Nationalfriedhof in Ar- lington bei Washington stattfinden. Generalmajor Allen war 1859 geboren. Er besuchte die Kriegs­akademie und war später in Rußland, Deutschland, Kuba und auf den Philippinen, dann mit Pershing in Mexiko und während des Weltkrieges in Frank­reich tätig.

gen dürfen, er habe wahrscheinlich, da er sehr tier geflogen sei, photographische Aufnahmen gemacht usw. Und wie verhielten sich die Dinge in Wirk­lichkeit? Der Verantwortliche des tschechischen Mili- tärstugwesens hat ganz offiziell bescheinigt, daß das Luftschiff keiner Inkorrektheit schuldig ge­macht, sondern sich genau an die Bestimmungen ge- halten habe und durchaus berechtigt gewesen sei, seinen' Kurs auch über die Skodawerke hin zu nehmen. Chauvinisten hüben und drüben. Sie haben die Mission, den Frieden Europas immer wieder zu stören. Das ist der Fluch jener Menschen, welche die Nation vergotten und die Völker in min­derwertige Rassen einteilen. Solange sie nicht aus­sterben, solange wird auch immer die Gefahr krie­gerischer Verwicklungen bestehen. Es scheint, daß für diese Art von Politikern im Weltkriege noch nicht Blut genug geflossen ist

Beginn der Versammlung noch nicht im Saal ein­marschiert. Vielmehr erschienen einzelne Gruppen während der Rede von Frick, der größere Rest erst vor der Rede von Goebels, vom Hause stürmisch begrüßt.

Die Differenzen zwischen der Berliner Partei­leitung und den S. A-Abteilungen haben organisa­torische Ursachen. Während derVersamm- l u n g kamen sie zum Ausgleich. Der Führer der S. A-Truppe, Hauptmann Stennes, gab eine Erklärung des Inhalts ab:Die Gerüchte von ei­ner Meuterei der Berliner S. A- sind erlogen. Die S. A. steht treu zur Nationalsozialistischen Arbeiter­partei und ihren Führern."

Hoffnungsvoll erklärt das Hugenberg - Organ: Man darf erwarten, daß damit die Differenzen in­nerhalb dieser Partei endgültig beigelegt sind.

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Es wäre für Hugenberg, den Zertrümmerer der deutschen Rechtspartei ein schwerer Schlag, nurin die von ihm groß gezogenen Nazis sich in diesem kritischen Zeitpunkte untereinander in die Haare ge­rieten. Sie sollen doch die K a st a n i e n s ü r d i e Schwerindustrie aus dem Feuer holen.

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den, denen das Regieren unangenehm sein würde. Wir würden sie dann sicherlich bitten, das Finanz- und das Arbeitsministerium zu übernehmen. Es ist vielleicht staatsnotwendig, daß B r e i t s ch e i d und Treviranus nach der Wahl in eine Regierung kommen. Die Sanie­rung der deutschen Finanzen schreitet fort, und das Arbeitsbeschasfungsprogramm bietet Gelegenheit und eine Handhabe zur Behebung der großen Ar­beitslosigkeit. Wir werden am kommenden Etat sehr viel ab st reichen, und dann mag der Reichstag entscheiden, ob er ihn billigt oder nicht. Die Wirtschaftsnot wird überwunden wer­den, das deutsche Volk wird und muß vorwärts chreiten.

Auch in Groß-Essen hat Dr. Wirth in einer Wahlkundgebung des Zentrums gesprochen. Die Opposition gegen die Politik Brünings sei keine echte Opposition gewesen, sondern nur eine Gruppierung zum Sturze der Regierung. Wie sich die Mehrheitsbildungimneuen Reichstage vollziehen werde, könne heute noch keiner übersehen. Werde die Sozialdemo­kratie zur Führung berufen, werde sie nicht regieren können ohne Unter st ützung des Zentrums oder anderer Parteien. Der Redner warnte dann, sich dem Fatalismus hinzu­geben, und richtete dann an die S.P.D. die Mah­nung, sich im Wahlkampf gegen das Zentrum Z ü - g e l a n z u l e g e n. Sie werde eines Tages das Zentrum dringend nötig haben. Wien Heiß- pornen, die glaubten, den Stein der Weifen zu besitzen, werde man das Finanzministe­rium übergeben, dann würden sie sehr schnell bescheiden werden. Der Redner verteidigte dann die Maßnahmen des Reichsministers Stegerwald auf sozialpolitischem Gebiete. Sie seien diktiert von der Notwendigkeit, in gewissen Einzel­heiten hart zu sein, um das Ganze zu retten. - -

bewältiget Erfolg Brünings in Aanksurk.

>c Hghrer des Zentrums wird stürmisch gefeiert. Das parla- enlarifche Regierungssystem darf durch Experimente nicht schütkert, sondern mutz durch Verantwortlichkeits-Gefühl der -utschen Wöhler geschützt werden. Die Lösung brennender «gssn darf nicht, wie bisher, in verhöngnisvoüer Weise nausgeschoben ryerden. Minutenlange Beifalls-Kundgebungen.

Channinismus hüben und drüben.

Bei uns sieht er so aus: Der Nationalverband deutscher Offiziere hält es für richtig, 60 Jahre nach dem 70er Kriege die Schlacht bei Sedan zu feiern Sedan war ein gewaltiger Sieg und seine Aus­wirkungen ermöglichten es, die Neugründung des deutschen Reiches, das es seit fast 70 Jahren nicht mehr gab, zu verwirklichen. Aber in der Zwischen­zeit sind einige politische Ereignisse anderer Art über Deutschland hinweggegangen. Den Weltkrieg haben wir nicht gewonnen, obwohl unsere Heere auch wiederum in der Nähe von Sedan vorbeige­kommen sind. Die Reichsgründung von 1870 wäre aber beinahe zu einer historischen Erinnerung ge­worden, wenn nicht unter Führung Friedrich Eberts die reichsbewußten Weimarer Parteien er­neut die deutschen Stämme zusammengeschweiß: und ihnen in der Weimarer Verfassung einen neuen festen Boden gegeben hätten. Trotzdem hält der Nationalverband" deutscher Offiziere es alljährlich und auch jetzt wieder für richtig, den Tag von Se­dan am 2. September festlich zu begehen, gleich, als wenn inzwischen nichts passiert wäre und wir die Sieger von damals, nämlich die militärischen Sieger, geblieben wären. Daß wir aber seit 1918, wo die Festpatrioten von Sedan mit blauen Bril­len ins Ausland reisten, einige andere Siege, freu sich unblutiger Art, durch Arbeit und eisernen Opti­mismus erfochten haben, daß wissen die sonder­baren Offiziere nicht. Ihnen genügt es, säbelras­selnde Romantik zu machen und die deutsche Repu­blik, von der sie ihre Pensionen beziehen, wo immer sie können, zu verunglimpfen und ihr die Schuld zuzuschreiben, die aus einem übersteigerten Sedangeist vor 1914 herrührt. Aber drüben jen­seits der Grenze haben sie ihre Gesinnungsgenossen Daß unser Luftschiff Zeppelin auch Pilsen und die Skodawerke überflog, hat es den tschechischen Natio­nalisten angetan. Sie schrien in ihren Blättern von Spionage und sonstigen Dingen, deren sich das Luftschiff entgegen der völkenrhchtlichen Bestim­mungen schuldig gemacht haben solle. Graf Zeppe­lin hätte überhaupt nicht die Skodawerke überflie­

Regie-Störung.

Die Garung bei den Berliner Nationalsozialisten.

Die für Hitler sehr sympathisierende Hugen- bergsche Berliner Nachtausgabe schreibt über die Versammlung der Nationalsozialistischen Arbeiter­partei im Berliner Sportpalast:

Am Beginn der Versammlung war aufgefallen, daß der vorgesehene Fa hn e n e i nm a rs ch n i cht statt fand. Auch die S. A. Abteilung war am

Einander wert.

In einem nationalsozialistischen Flugblatt fin­den wir folgende liebliche Sprache:

Selbst wenn alles das, was an feiger Lüge gegen uns vorgebracht wird, der Wahrheit ent­spräche, was wollte es bedeuten gegenüber der Tat­sache, daß heute in Deutschland Schufte das große Wort reden dürfen, die den Doungplan annahmen und damit Volk und Nation in den unvermeidlichen Zusammenbruch hineinstürzten. Heraus mit dem Geschmeiß, reißt ihnen die Maske neuer Namen von der Fratze herunter, packt sie beim Genick, gebt ihnen am 14. September Fußtritte auf die Fett­bäuche und fegt sie mit Glanz und Gloria zum Te pel hinaus."

Schufte, Geschmeiß also sind nach dieser natio­nalsozialistischen Ideologie diejenigen, die dem Boungplan zur Verwirklichung geholfen haben. Wie aber ist es mit dem Reichspräsidenten Hin­tz e n b u r g, der dem Noungplan durch seine Unter­schrift erst zum Wirksamwerden verhalf. Eine üblere, gemeinere Sprache ist selbst in den ordinär­sten Derbrecherkellern der Großstädte schon nicht mehr möglich.

Da kommen die Kommunisten schon garnicht mehr mit. Sie haben den Nationalsoziali­sten im ordinären Schimpfen inzwischen ja auch den Vortritt gelassen. Und es ist hochinteres­sant, zu beobachten, wie stark sich mittlerweile Kom­munisten und Nationalsozialisten genähert haben. Das kommunistische politifche Programm hat gera­dezu begeisterte Zustimmung be«Völkischen Be­obachters", des Sprachorgans Hitlers, gefunden, das ausfprach:

Dasneue Programm" der KPD. bedeutet un­seren bisher größten Sieg . . . Selten waren mir stolzer, als wir aus derRoten Fahne" fesrstellen konnten.

Inzwischen geht bei den Kommunisten diebrü­derliche" Auseinandersetzung weiter. So sagt das Organ der Rechtskommuniften,Gegen den Strom", über den kommunistischen Reichstagskan­didaten Willi Leow, folgende Freundlichkeit:

Mehr als drei Millionen haben bei der letzten Reichstaaswahl für die KPD. ihre Stimme abge­geben. Für diese drei Millionen ist die Frage, ob unter den Kandidaten der KPD. ein Gauner, ein bestechlicher Lump ist, von großer Bedeutung."

Und zum Schlüsse heißt es:

Wie man sieht, sind augenblicklich im Apparat der KPD. für Gauner gute Zeiten."

Das Schauspiel, das Nationalsozialisten und Kommunisten in diesen Tagen dem deutschen Volke und dem Ausland bieten, ist so widerlich, datz man es nicht für möglich halten sollte, wie ein Mensch mit gesunden Sinnen, solchenVolksführern" ""''ch Gesolgfchaft leisten kann.

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Am Sonntag sprach Dr. Brüning in Trier, auch Prälat Dr. Kaas das Wort ergriff.

Lr. Vitlh in Osnabrück und Esten.

f,. Reichsminister Dr. Wirth sprach in Osnabrück einer überfüllten Versammlung der Zen- «umspartej. Der Minister betonte einleitend, pGfc er und seine Parteikollegen alles getan hätten, um die deutsche Einheit und den deutschen Rhein M. "tten. Hitler und H u g e n b e r g zeigten , ^Nessalls den Weg, den eine verantwort- e Politik gehen könne. Es könne sein, daß nach Akn Wahlen Parteien zur Regierung berufen wer­

-----Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen:Die Well

- Nid» undBuchenblätter". Rotationsdruck und Verlag » 202 »er Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- ** .. |Citung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Inthronisation in Berlin.

Dr. Schreibers Einführung in das Amt des Bischafs der R-ichshauptstadt.

Am Sonntagvormittag fand in der Berliner Hedwigskirche, der die Würde einer Kathedrale verliehen wurde, die feierliche Inthronisation des Bischofs Dr. Schreiber statt. Nach der feier­lichen Abholung wurde der neuernannte Bischof vor den reichgeschmückten Hauptaltar der Kathe­drale geführt, wo er die Meßgewänder anlegte und den Bischofsstab und die Mitra empfing. Un­mittelbar nach dem Evangelium wurde die Er­nennungsurkunde verlesen. In der ersten Urkunde wird der Bischof von Meißen Dr. Schrei­ber, der bis jetzt Administrator der Diözese Bev- lin war, zum Bischof von Berlin ernannt. In dem zweiten Schreiben fordert der Papst die Gläubigen zum Gehorsam und zur Liebe zu dem neuen Oberhaupt auf.

Nach der Verlesung ergriff Dr. Schreiber das Wort zu einer kurzen Ansprache, in der er auf die große Bedeutung des heutigen Tages hin­wies und feststellte, daß endlich jahrzehntelange Bestrebungen und Wünsche der Berliner Katho­liken erfüllt seien. Mit dem Tedeum und dem sakramentalen Segen endete die Feier. Der Bischof wurde in feierlicher Prozession wieder in seine Wohnung gebracht.

Deutsche Zentrumspartei, Ortsgruppe Groß- -M-nffiirt veranstaltete am Samstag abend im Kraßen Saal des Saalbaus eine Zen- Ü^M-rversammlung, in der Reichskanzler Ar Brüning das Referat titelt

©er Kanzler, der von der Dersammlung mit -Rischem Beifall begrüßt wurde, wies im Drr- seiner Ausführungen besonders daraus hin, im« die Reichsregierung ihre Reformarbeit während d er Wahlvorb ereitun- ", fortgesetzt hätte. Diese Rrsormarbeiten, die einzelnen nach den Richtlinien des Kabinetts 5L von den Ressorts durchgesührt werden, wärm kfe Festlegung und die Fortsetzung des Pro- fiLji das die Reichsvegierung sich bereits im «teil vorigen Zahres vorgenommen habe. Es «dk unter allen Umständen dafür zu sorgen, ^st eine klare Derantwortlichkeit in Hi Finanzpolitik in Reich, Ländern u,b Gemeinden geschaffen würde im Zu- kEmenhang mit der Notwendigkeit, in gemein­samer Arbeit mit den Ländern e r h e b l i ch e E r- kparnissr durch Berw altu ngsr esor- ° «e» dmctzuführen. Die Politik der vergangenen Wchre habe darunter gelitten, daß namentlich in WWWzfeagen eine zielsichere Linie wegen dauernd mechstlnder Koalition nicht habe durchgehalten wer­de« können und weil das System des Finanzaus- gleichs der Wählerschaft selbst keine Klarheit darü­ber hätte zu schassen vermögen, von welchen Kör­perschaften Fehler gemacht würden.

: Finanzpolitik ohne Berücksichtigung der ze- samten Wirtschafts- und Sozialpolitik sei un­möglich. Das Ziel der Reichsregierung sei es, auf 'lange Sicht eine Politik auf all' die­sen Gebieten nach einem einheitlichen Hlan festzulegen und ihre Durchführung auf eine Aechr Jahre verteilt gesetzlich zu sichern. Rur so -'i es möglich, der fest langem im Stillen sich vor- r:stenden und allmählich auch in der Oeffent- ' 'it immer stärker hervortretendsn Krise des rauens zum parlamentarischen , 6?..em zu begegnen. Das Volk müsse das Drr- ÜMen haben, daß trotz aller parteipolitischen Der- schiebungen eine Kontinuität in der Gesamt- ! Nlttit, auch in der Außenpolitik, gewahrt bleibe, donst würde man von einem Experiment zum au- hmt gleiten; die Autorität nicht nur der je» Eigen Regierung, sondern des Systems würde erschüttert werden. Dieses zu verhindern, sei tos 3iel bet Reichsregierung von Anfang ge- ®4nt, und sie werde bei diefem Ziel verharren. Es wiederhole sich leider in Deutschland immer wieder, daß die Erkenntnis der Notwendigkeit Edler solchen Polstik erst dann eintrete, wenn ®te 97ot am größten fei und wenn diewirt- ichaftlichen Zestumstände an sich für die Durch- Wrung dieser Politik nicht günstig seien. Die Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Lage dürsten 'w" für jede Reichsregierung, nachdem viel i viel in den vergangenen Jahr en "vlgeschoben sei, kein Grund fein, an dir "vsing der brennendsten Fragen dilatorisch heran- i^Schen. Die wahre Entscheidung ginge darum, das deutsche Volk Verständnis und B e e- Eatwortlichkeitsgefühl genügend aufbrin- tonne für eine Politik, die, f r ei von jeder J1.tufion auch auf dem Gebiete der Außen- dvüük, nicksts anderes wolle, als eine dauerhaft;

unerschütterliche Grundlage für einen wirk- Mchey Wiederaufstieg des deutschen Balkes zu - Waffen.

. Der Reichskanzler Dr. Brüning, der zu Be- gmn feiger Rede schon mit starkem Beifall emp- ^8'n worden war, wurde im Derlauf seiner Zuführungen des öfteren durchlebhafteBer- 'e.tt5tunbge6ungen unterbrochen. Eine ®«uitettlange, selten erlebte Ovation buchte bie Dersammlung dem Kanzler, als er sich die Jugend wandte, die demnächst ihr Schick- >ul selbst in die Hand nehmen solle.

, 3um Schluß sang die Bersammlung mit Be- ^sterumg das Deutschlandlied.

Auch beijetner Abfahrt vor dem Saal- dau wurde der Reichskanzler von der dort harren- ,?n Menschenmenge in überaus herzlicher Weise

Gespensterseherei.

Die Diskussion um den Wechsel in der Heeres­leitung der Reichswehr hat, verstärkt durch die merkwürdigen Gerüchte um den Toddes Ritt­meisters A m l i n g e n, der mit einem russischen Militärflugzeug verunglückte, worauf seine Frau den sensationellen Freitod durch Sturz aus dem Verkehrsflugzeug bei Hanau suchte, die alten Mär­chen wieder aufleben lassen, die schon seit langem von merkwürdigen Abfichten gewisser Kreise der deutschen Reichswehr zu erzählen wußten. So vollkommen es an greifbaren Unterlagen für diese Gespenstergeschichten fehlt, so steif und fest glauben doch bestimmte Kreise daran, daß man im Reichs­wehrministerium unbeirrt und zielbewußt darauf hinfteure, gemeinsam mit Rußland den Revanchekrieg gegen Frankreich und Polen vom Zaun zu brechen. Daß deutsche Offi­ziersmissionen gelegentlich in Rußland, sind, wie solche aus Rußland hier und da in Deutschland, ist nichts weiter, als eine Selbstverständlichkeit, da ja unter allen großen Staaten Deutschland der einzige ist, der seit Rapallo in einem klaren, diplomatisch und vertragsmäßig geregelten Verhältnis zu Ruß­land steht. Ernsthafte Gründe zur Stützung jener absurden Kombinationen gibt es nicht, wohl aber sehr handgreifliche Gründe, die gegen sie sprechen. Man muß sich doch vergegenwärtigen, daß ein Krieg wie er für Deutschland eine Unmöglichkeit wäre für Sowjetrußland unter allen Umständen eine Katastrophe bedeuten würde. Rußland kann vielleicht hoffen, über die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftsmisere Hinwegzukommen, es könnte aber keinen Augenblick daran zweifeln, daß für ab­fehbare Zeit ein Krieg selbst bei anfänglichen Er­folgen, eine Katastrophe für seine in­neren W i r t s cha f t s a u f b a u bedeuten würde, der unter so ungeheuerlichen Opfern allmäh­lich so weit gediehen ist, daß man an die Möglich­keit seiner endgültigen Vollendung als getreuer Kommunist zur Not glauben kann. Rußland wird eine solche Katastrophe nicht riskieren, selbst wenn es Blindlinge in Deutschland geben sollte, die darauf hoffen und ein solches Abenteuer propa­gieren. _____

Revision im Osten.

Aus Berlin wird uns geschrieben:

Wenn Treviranus, der vor drei Wochen feinen unbeabsichtigten Husarenritt gegen die Polen un­ternahm, um am nächsten Tage im Ruttdsunk zu erklären, er habe nur durchaus friedliche Ab­sichten verfolgt, eitel ist, dann kann er heute mit einem Schein von Recht behaupten, sein damaliger Vorstoß habe doch sein Gutes gehabt. Und in der Tat ist seit jenem 10. August die internatio­nale Erörterung über die Grenzziehungen im deut­schen Osten nicht mehr zur Ruhe gekommen. Zu­nächst haben sich die Polen ausgetobt und der Marschall Pilsudski, der soeben den Sejm aufgelöst hat, wird wahrscheinlich noch fange diesen fetten Happen zerkauen wollen, der ihm vor einer gewis­sen Clique, deren Beifall er braucht, den Nimbus des nationalen Landesverteidigers erhält und ver­mehrt. Auch die Pariser Chauviniftenpresse hat in den für politische Gespräche immer etwas flauen Sommertagen die Treviranus-Rede weidlich ausge» fchlachtet, und viel Gift und Galle gegen den an­geblichen deutschen Annexionismus verspritzt. Es war zeitweilig schon nicht mehr schön. Wir haben auch nicht die leiseste Hoffnung, dieser Art von französischen Hugenbergianern jemals die Verderb- lichfeit ihrer Politik klarmachen und sie auf einen europäischen Weg, den Weg der zwischenstaatlichen Verständigung, bringen zu können.

Aber nun meldet sich wieder einer zum Wort, der auf alle Fälle in Frankreich sowohl wie bei uns, ja in der ganzen Welt angehört wird: P o i n« ca re. Was mir Deutschen von ihm zu halten ha­ben, ist jedermann klar und wir brauchen dar­über kein Wort zu verlieren. Wir verkennen auch keineswegs den Tenor seines in der Illustration veröffentlichten Artikels, der sich mit der Revision des Versailler Vertrages bezüglich der deutschen Oftgrenzen beschäftigt. Dieser Tenor ist ablehnend. Immerhin: Während es einst, und das ist noch gar nicht lange her, als einen Bruch des Völker­rechts und des Völksrfriedens verschrien wurde, wenn man die Möglichkeit einer Aenderung des Friedensdiktats auch nur anzudeuten wagte, gibt jetzt Poincare, der grimmste Verteidiger von Ver­sailles zu, daß im Artikel 19 des Vertrages Deutsch­lands Recht auf das Verlangen nach einer Revi­sion begründet ist. Tatsächlich und darauf weist Poincare selbst hin hat sich ja der Versailler Vertrag in den 11 Jahren feines Bestehens schon eine ganze Reihe von Abänderungen gefallen las­sen müssen, wenn hierzu auch nicht, wie der fran­zösische Politiker es tut, die vorzeitige Räumung des Rheinlandes rechnen möchten. Der Artikel 19 aber gibt uns unter gewissen Voraussetzungen die Möglichkeit einer Grenzberichtigung im Osten zu verlangen und auch das kann Poincarz nicht be-