NILS
31. August
Vertage zur Fuldaer Zeitung
Ile. 201
wir
Die geistige Not der weiblichen Zugend
ge- wir
ist sie flimmernde Welt, vielgestalt und voll Heimer Tücke und Versuchung. Das müssen merken.
Zu uns komme Dein Reich!
einer zerfallenen Welt, aber von Gottes Mut zurückgekauft. Darum müssen wir bitten um die Gabe Deines Reiches. In Deinem Geist sind wir getauft. Wenn wir aus Deinem Geist leben.
oder selten die Frau als Mutter oder Königin ihres Heims. Ebenso drehen sich die Unterhaltungen und Witze auf Büro, auf der Bahn und am Biertisch immer um Frauen, Ehe, Liebelei, Damen- und Herrenbekanntschaften, Sport, Kleidung, Mode, Sensation usw., gerade nicht immer in der feinsten Weise ...
Das krankhafte Streben der Welt nach Aeußer- lichkeit weckt im Innern des Mädchens einen Widerhall und richtet in seiner Seele eine solche Verheerung an, daß es sich in seiner ganzen Haltung nur auf Außenkultur einstellt und sich vom Augenblick beherrschen läßt. Die Zeit ist sehr raschlebig, schlägt von heute auf morgen ins Gegenteil um; was gestern noch gepriesen wurde, wird heute verdammt.' Das Leben ist wie eine Litfaßsäule, die alles wahllos plakatiert: Heiratsgesuche, Konzerte, Tanzvergnügungen, Ballett, Kino, Sport, Raub und Mord. Daß solches möglich ist, zeugt von einer bisher unbekannten Urteilslosigkeit in Bezug auf ethische Werte. Schuld daran ist das Zerbröckeln der Maßstäbe, der Mangel an höheren Werten und der praktische Rclativfimsu auf der Seite der Erwachsenen. Wie soll sich da die Jugend zurechtfinden, die noch unreif ist und zu wenig Erfahrung hat, um selbständig urteilen zu können? Das Leben läßt ihr ja keine Zeit zur ruhigen Besinnung und geistigen Klarheit . . .
Wenn auch diese innere Zerfahrenhei nickst in jedem Mädchenherzen in so starker Form auftritt, so wirft sie doch immerhin ihre Schatten auf seine Entwicklung, Schatten, die je nach Temperament und Charakter, Umgebung und Lektüre nach Erziehung in Stadt oder Land sich stärker oder schwächer auswirken. Stadt wie Land sind davon bet'.offen: denn „Großstadt" ist heute kein abgezirkelter Kreis mehr, sondern eine „Gesinnung", die auch schon auf das Land übergegriffen hat.
Am deutlichsten zeigt sich der Einfluß des Zeitgeistes auf die geschlechtliche Entwicklung. Gerade heute ist die „Weglenkung des Gemüts" vom Geschlechtlichen, dieser Leitsatz aller Sexualpädagogik, ungeheuer erschwert, da bei der jetzigen.
Zu uns komme Dein Reich!
Mir sind weit von Dir, Du bist der Große, um* erreicht von der Kleinheit unseres Strebens. Den- rot: bist Du uns das Notwendige, bfft Speise und Trank, Licht und Leben. Du hast uns verheißen, daß wir einmal bei Dir sein werden. Aier jetzt roch sind wir klein, schwach und boshaft, jetzt laß B in Reich über uns kommen hieher auf diese Erde!
Wir sind in dem schönen Garten der Welt und großes Wohlgefallen haben wir an ihm. Leuchtende Früchte locken uns, Lust ist, sie zu verkosten, doch wenn wir sie gegessen, merken wir oft Gift in ihnen. Vielleicht war es Sünde, sie zu brechen? Und alle Lust hat den Stachel des Vergänglichen und der Unersättlichkeit. Aller Ruhmestat folgt Zweifel der Schuld und der Anmaßung. In die Nichtigkeit unserer Menschengeburt versinkt alles, was unser Herz lobend verkünden möchte.
Zu uns komme Dein Reich!
Wer in einem Reiche lebt, der muß in der Ordnung dieses Reiches leben. Der mag den Gewinn und die Schönheiten dieses Landes auskosten, doch wenn er sich verfehlt, muß er die Strafe des Landes ertragen. Er darf nicht mehr fordern, als was fein ausgewogener Teil ist und wuß leisten, was Art und Gesetz des Landes von chm verlangen. Das heißt es wohl, in einem Reiche wohnen.
Ja, ist nicht Natur immer um uns, find nicht ihre lieben Kinder? Nein, wir sind Kinder
Wo ist nun Gottes Reich? Der Natur sind wir gebunden, können nie los von ihr. Hat Er uns erst für Seinen Himmel erkauft und müssen wir hier nur klagen, ferne von Ihm zu sein? Sein Reich ist nicht vom Getriebe dieser Welt, aber Sein Geist, der die Natur erschuf und hält, mag sie als einen kostbaren Thron wohl annehmen. Sie ist Ihm ein Leib in dieser Zeit. Seit Gott Fleisch geworden, ist alle Schöpfung zu seiner Glorie bereit. Was Gott schon immer stumm gedient, singt nun in der wiedergeborenen Kraft der Menschen ein Preislied. Unsere Aufgabe ist das höchste Stück Natur, unser Menschentum, zu Seinem Lobe lebendig zu machen. So soll das Reich Gottes in der Natur aufgerichtet fein. In ihr stehen wir unter Gottes Gesetz. Wenn uns Natur nicht das wohlgefügte Reich ist, das uns Gott als Raum unseres Lebens gab, so zerbricht sie wieder in die trostlosen Wirrsale der Welt. Alles was wir zu lieben vermögen, liegt in der Natur beschlossen und sie wird zum Reich Gottes. Wie ein Mantel hüllt sie Seinen unfaßbaren Leib. Er ist der König über das Reich der Natur und ohne Ibn wäre fein Reich,
geradezu öffentlichen Schamlosigkeit die Anreize aus tausenden Kanälen kommen u. die Phantasie füllen, sodaß die Selbstbewahrung zur Ausnahme und die Hemmungslosigkeit zur Regel zu werden droht-
Auch das ruhige und organische Hineinwachfen in Beruf und Leben wird durch den Zeitgeist verhindert oder doch erschwert. Was bedeutet die einzelne Arbeiterin im Zeitalter der Technik und Maschine; was bedeutet die Kontoristin oder die Verkäuferin im Großstadtbetrieb? Sie werden nur als Arbeitskraft gewertet, kaum als Menschen, noch viel wenige als Frauen. Kapitalismus und Klassenkampf beherrschen das Leben, unterdrücken den Gemeinschaftsgeist und erziehen den Menschen zu einer gewissen Ellenbogenpolitik. Keiner will mehr des anderen Last tragen. Der Egoismus der einzelnen und der Klasfengeist von oben und unten haben Schranken ausgerichtet im Volke, die durch das Bewußtsein der Gotteskinü- schaft nur schwer niedergerisfen werden können. Dadurch wird die Einführung des Mädchens in das Leben des Volkes außerordentlich erschwert, und der innere Antrieb der Opferwilligkeit im Dienste der Gemeinschaft kann vielfach nur aus religiösen Motiven heraus geweckt werden.
Ein Ueberbrücken der beiden Welten, der alten und der jungen Generation scheint vielfach unmöglich. Die Gegensätzlichkeit ist heute fteilich schärfer denn je infolge des heftigen Verlaufs der Pubertät, der ver- fchiedenen Eemütswerte von jung und alt. Aber der Unterschied ist der, daß man früher zu überbrücken und einander zu ertragen versuchte. Heute sieht die Jugend die Kluft vielfach als wesenhaft und selbstverständlich unüberwindbar an. Die Ursache liegt zum Teil in der frühen Verselbständigung der Jugend. Die wirtschaftlichen Verhältnisse lassen die Mädchen zuerst an sich denken, bevor sie sich an Eltern, Geschwister, Kameradinnen er- innern. Die Not des Elternhauses treibt die Heranwachsende Tochter früh in den wirtschaftlichen Kampf. Sie muß rasch und schnell viel Geld verdienen. An der Hauswirtschastlichen Arbeit hat sie wenig Freude, einmal wird sie zu gering ein- qeschätzt, zum anderen trägt sie auch zu wenig Geld ein; arbeiten heißt Geld verdienen und nicht mehr den Lebensunterhalt gewinnen. Diese irrige Aus- fafsung trägt viel Unheil in das Mädchen, aber auch in die Familie hinein, weil sie eine Entwertung der Hauswirtschaft zur Folge hat.
Als Symptom der Zeit ist auch die Arb eits - l o f! g k e i t zu werten. Sie ruft im Gemüt des Mädchens eine gewisse Unsicherheit und Angst hervor. Es weiß ganz genau, daß bei der kleinsten wirtschaftlichen Krisis seine Stellung bedroht ist, und daß der Familientisch heute keinen unnutzen Brotefser vertragen kann. Aber auch in der Arbeitslosenunterstützung liegt für die Jugend eine große Gefahr. Sie glaubt sich versorgt durch die Wohlfahrtspflege der Gemeinde und des Staates, faßt deshalb oft genug die Aufgaben des Lebens nickt mit nötigem Ernst an, neigt zu Müßiggang und Betrug, eine Gefahr, die allerdings bet den Mädchen weniger groß ist als bei ben Knaben.
Die allgemeine Weltlage und die Auffassung der Menschen sowohl bezüglich der Ewigkeitswerte tme auch der Diesseits werte hat eine so star k e öffentliche Meinung erzeugt, daß die Jugend sich dieser Atmosphäre kaum entziehen kann und in irgend einer Form das Spiegelbild ihrer Umwelt ist. Mag das Bild der Eefahrzone auch zuweilen erschütternd und hoffnungslos wirken, so weist doch auch dieser neue Zeitgeist genügend Ansätze zu gesunder Entwicklung aus: er hat die Prüderie weithin verbannt und eine gewisse Natürlichkeit ins Leben hineinge- tragen; er erzieht ein Geschlecht, das abseits aller Romantik und idealer Hochspannung dem Leben nahe bleibt und es zu meistern lernt. Diese Einstellung wirkt sich um so fruchtbringender aus, je mehr die Familie wieder in ihrer alten Wurde und Erziehungskraft zur Geltung kommt.
I ist Dein Reich um uns. Du bist König und in j Deiner Kraft mögen wir die Zerfahrenheit unserer Weltlichkeit zurückführen zur Gebundenheit des natürlichen Lebens. Wir sind blind und taub, doch Du sprichst ein „Oeffnet euch". Dem lahmen Willen sprichst Du: „Steh' auf!" So öffnen sich uns die Tore und so gehen wir den Weg in Dein Reich, das unsere wahre Natur ist. Der Wille zu Dir und Deine Gnade läßt erst das Reckste erkennen. Das ist die Wahrheit und Ordnung Deines Reiches!
Alles ist Deine Gabe. Wir können nur warten und unsere Hände rein halten und die Augen klar und offen. Wenn Du Deine Kräfte in uns gibst, werden wir alles, was wir tun, zu Deiner Ehre tun. Wenn wir das Rechte nicht erkennen, kann auch das Falsche Dir heilig sein. Aus gutem Willen geschaffen, ist auch bas Mißverständliche wohlgetan. Das ist der Friede, Mut und Zuversicht Deines Reiches!
Zu uns komme Dein Reich!
So müssen wir täglich beten, denn täglich ist Sünde in uns: Der Trieb nach mißverstandener Freiheit, nach der süßen Verwirrung des Genusses, nach der Einsamkeit schmerzloser Schönheit. Alle Maßlosigkeit hat keinen Platz in Deinem Reich. All dieser Wibergeist ist in uns und seine Sünde Immer sucht er die Natur zu zerteilen und zu verkehren in ihr trügendes Scheinbild, in die gaukelnde Welt.
Zu uns komme Dein Reich!
Hans F r e i fi n g e n.
(„N euland", Verlagsanstalt Tyrolia, Wien.)
Im Verlag Herder u. Co. (Freiburg i. Br.) erscheint in Kürze ein „Handbuch der weiblichen Jugendpflege" von Dr. Elisabeth Schneider. Die Darlegungen der Verfasserin, die 15 Jahre als Derbandssekretärin des süddeutschen weiblichen Iugendverbandes und später auch als Vorsitzende des Verbandes tätig war, dürfen als außerordentlich wertvoll, modern, gediegen und ganz auf katholischem Boden stehend bezeichnet werden. Wir sind in der Lage, aus dem Werk bereits heute unseren Lesern einen Abschnitt vorzulegen.
Die Schriftleitung.
Zeitgeist nennen wir ben geistigen Gehalt, ber einem bestimmten Zeitabschnitt fein Gesicht, fein individuelles Gepräge gibt. Er ist heute charakterisiert durch die allgemeine Einstellung auf bas Dies- feits. Unsere Zeit geht im Alltag auf, benft nur ans Geldverbionen unb ist ganz von der Herrschaft des Aeußern unb von der Hochschätzung der materiellen Lebensgüter beherrscht. Deshalb ist sie innerlich leer; daher auch bas Hasten unb Streben der Menschen, diese Leere auszufüllen mit dem Sinnen nach Gelb, mit äußerem Erfolg, Ruhm- Flirt, Sport usw., nur nicht mit bem, was allein nottut, einer großen, starken Idee, Vertiefung unb Verinnerlichung berselben. Eine Vorliebe für Krankhaftes, Mvbernes, Farbloses lebt im Volke, unb diese hat eine gewisse ästhetische Verfeinerung gezüchtet, die gefährlich ist unb alle ewigen Normen ablehnt. Durch naturwissenschaftliche Bilbung ober Halbbilbung, durch Oberflächlichkeit im Denken, durch die starke Sinnenkultur vom Geistigen abgelenkt, geht die Welt achtlos an tieferen Dingen unb ernsten Problemen vorüber.
Ausbruck dieser seelischen Haltung ist die „Illustrierte", sie ist ganz auf Sensation eingestellt unb verlangt vom Menschen keine Konzentration unb Vertiefung. Als Anziehungspunkt erscheint auf bem Titelbild f a st immer bieFrau, eine solche, bie in Kleidung unb Mobe nahe an bie Halbwelt herangeht, bie im Ballsaal ober auf bem Tennisplatz ober auf der Filmbühne glänzt ober auf ber Rodelbahn, beim Skilaufen oder Schwimmen sich besonders hervortut, — nie
12. Sonntag nach Pfingsten.
Eingangslied (Psalm 69, 2—3).
ffintt hab acht, send Hilfe mir; Herr eile, mir Kn 3u ©djanbe sollen werden unb sich .rv. men meine Feinde, die mir nach dem Leben «Psalm ebb. 4). Cs soll zuruckweichen unb Eröt werben, bie mir Unheil zugedacht. V. Ehre sei dem Vater.
Lvangelium (Luk. 10, 23—37). Der barmherzige Samariter.
«rt ;cner Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: --eliq die Augen, die sehen, was ihr seht! Denn ich sage euch, viele Propheten unb Könige moaten sehen, was ihr seht unb haben es nicht ge- khen unb hören, was ihr hört, unb haben es nickt 'gehört. Da trat ein Gesetzeslehrer auf; der " ftte ihn versuchen unb sprach: Meister, was muß t. »„n um bas ewige Geben zu erlangen? Er antwortete ihm: Was steht geschrieben im Gesetze? Wie liesest du? Jener antwortete: Du sollst ben fierm, deinen Gott, lieben aus beinern ganzen ficr?en, aus betner ganzen Seele, mit allen deinen graften mit deinem ganzen Gemüte, und deinen Nächsten, wie dich selbst. Da sprach er zu ihm: Du hast recht geantwortet: tu bas, so wirst du leben. Jener aber wollte sich redjtfertigen unb fragte Jesus: Wer ist mein Nächster? Da nahm Jesus bas Wort unb sprach: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho unb fiel unter bie Räuber. Dies« zogen ihn aus, schlugen ihn »unb, gingen davon unb ließen ihn halbtot liegen. Da fügte es sich, baß ein Priester der Weges tarn; er sah ihn und ging vorüber. Desgleichen kam ein Levit vorbei, sah ihn unb ging weiter Auch ein reisender Samariter kam daher; auch er sah ihn unb ward von Mitleib gerührt. Er trat zu ihm hin, goß Del und Wein in seine Wunben unb verband sie. Dann hob er ihn auf fein Lasttier, führte ihn in die Herberge und sorgte für ihn. Des anderen Tages zog er zwei Denare heraus, gab sie dem Wirt unb sprach zu ihm:'Trage Sorge für ihn; was du noch darüber aufroenbeft, will ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme. Welcher von den dreien scheint dir mm ber nächste für ben gewesen zu sein, der unter die Räuber gefallen war? Jener antwortete: Der welcher Barmherzigkeit an ihm getan hat. Jesus sprach zu ihm: Geh hin unb tue desgleichen.
Der Naler der chinesischen Revolution.
Dr. Sun yat-Sen.
Von P. Pascal d'Elia S. I.
Angesichts ber gewaltigen Gärung, die China nicht nur auf politischem, sondern auch auf rein geistigem Gebiete zur Zeit erlebt, dürfte der folgende Artikel über den Vater der chinesischen Revolution von 1911, deren echte Werte durch einen christenfeindlichen Radikalismus zur Zeit aufs höchste bedroht sind, von besonderem Interesse fein. Der Verfasser ist eine erste Autorität. Sein in Chinesisch und in mehreren westlichen Sprachen erschienenes Buch über die Lehre Sun Yat-Sens wurde in 2000 Exemplaren von der chinesischen Regierung zur Verteilung an die Schulen gekauft.
Sun Yat-Sens Name ist seit einigen Jahren in der Lanzen Welt bekannt. Die Engländer nennen den Va- ter der chinesischen Revolution Sun-Yatsen, die Fran- Sosen Suen Wen, die Deutschen Sun Yat-Sen oder Sun-Wen, die Chinesen von heute Sun Chungsan. Jedesmal, das genüge zu wissen, in derselbe Mann geweint, der am 12. November 1866 als Bauernsohn in °'nem Dorfe zwischen Kanton und Macao geboren wurde. Zu Hause las er die ersten Bücher. Sein Geist ^wachte. Eines Tages fragte er die Mutter, die weder lesen noch schreiben konnte: „Woraus besteht der Hiin- mel?" Antwort: „Aus einer umgekehrten Schale! Ein andermal: „Mutter, was gibt es nach dem Tode?" — "Nichts; bann ist alles aus!"
Als Sun-Wen größer geworden war, konnte er im Dorfe nichts mehr lernen. Mit 11 Jahren gestattete *«an ihm, zu feinem als Kaufmann in Honolulu leben« oen Bruder zu reifen. Auf den Philippinen besuchte er protestantische Schulen. Er machte solche Fortschritte, oah man ihm nach 3 Jahren einen Preis in Englisch äuertannte. Sein Bruder war beunruhigt. Wozu [o °',eles lernen? Wenn der Bruder sich zu sehr modernisierte, verlor er vielleicht sein Chinesentum. Schleunigst sandte er den Jungen nach China zurück. Im Heimatdorf verbeugte er sich nicht wie feine Mitbürger vor der Autorität, sondern schimpfte auf alles, auch t°uf den Kaiser und die Schutzgötter des Dorfes. Mit
einigen Kameraden besuchte er eines Tages die Pagode. Einige von ihnen machten schon die große Verbeugung von dem Bilde des Nordkaisers. Da sagte Sun-Wen abwehrend: „Warum Idole aus Holz anbeten, die keine Grimasse schneiden, wenn man ihnen den Finger abdreht?" Und schon hatte er den Finger abgerissen mit den Worten: „Was für ein Gott! Er grinst weiter wie vorher!" Der Skandal war groß. Sun-Wen wurde nach Hongkong geschickt, wo er das Königin-Kolleg der Engländer besuchte, dort ein wenig vom Christentum lernte und von einem protestantischen Pfarrer getauft wurde. 18 Jahre war er damals alt. Bewußt bereitete er sich auf die kommende Revolution vor. Die Mandschu- Dynastie hatte nach feiner Meinung abgewirtschaftet. Sie war ihm Ursache alles Unglücks und aller Derdemü- tigungen Chinas. Unter dem Arzttitel — er wurde 1892 als Arzt und Chirurg zugelassen — verbarg Dr. Sun sein Vorhaben. 1894 gründete er mit Freunden die „Gesellschaft zurr Auferstehung Chinas". Am 9. September 1895, kurz nach bem chinesisch-japanischen Kriege, machte er ben ersten Putschversuch. Er mißlang wie bie neun folgten. 15 Jahre lang führte Sun bas Leben eines roanbernben Juben, von ber kaiserlichen Polizei in allen Kontinenten verfolgt. Er zog nun europäische Kleibung an unb hielt sich erst in Japan, dann in ber Union auf. In flammenben Worten machte er den Auslanbschinefen klar, bah die Republik Chinas einzige Rettung fei. Man lachte über ihn. Damals fiel ihm wohl die berühmte Gettysburg-Rede Lincolns in die Hände, deren Wort: „Regierung des Volkes, für bas Volk, durch das Volk" feine Devise wurde.
Sun-Wen kam mit 31 ober 32 Jahren nach Europa. Als er die Leiden des Volkes in den sog. demokratischen Ländern sah, sagte er sich, man müsse in China die Sache noch besser machen. Eine dreifache Frage gelte es zu lösen: Die R a f f e n f r a g e (b. h. ben Nationalis- (b. h. bie Demokratie), bie ökonomische Frage mus), bie politisch-demokratische Frage (b. h. die gesellschaftswissenschaftliche).
Inzwischen war bie kaiserliche Regierung hinter ihm her. Eine Million Taels würben bem geboten, der ihn lebenb ober tot ablieferte. Am 11. Oktober 1896 wurde er in der Londoner chinesischen Gesandtschaft abge« I schnappt. Wenn er nicht nach China abgeschleppt wurde, 1 wo man ihn zweifellos in Stücke geschnitten hätte, so
verdankt er dies seinem alten Professor James Cantlie in Hongkong, der seine Freilassung bei Lord Salisbury erwirkte. 1899 ist Sun-Wen in Japan. Vergebens sucht er nach China zu gelangen; im Jahre 1900 aber wacht nach den Verdemütigungen des Boxerkrieges China aus seinem Todesschlaf auf. Die Sache Sun-Wens gewann Freunde, besonders unter den jungen chinesischen Studenten in Japan. Man jagte Sun-Wen durch alle Länder der Welt. Aber auch von Japan, von Hongkong, von Singapore, von Amerika, von Europa aus leitete er die Vorbereitung zur Revolution. Und man gehorchte seinen Worten. Die chinesischen Auslandsftudenten waren bald in der ganzen Welt seine Freunde. Aber stets fehl es an Geld. Und Geld ist der Nerv des Krieges. Dr. Sun war auf Sammelreife in Denver (Colorado U. S. 21.), als er durch die Zeitungen von bem Ausbruch der großen Revolution (1911) hörte. Putfchang war gefallen. Schanghai und Nanking würben ebenso sollen! Was tun? Das Wichtigste schien bie Gewinnung der Mächte. Schleunigst fuhr Dr. Sun nach England und erbat von der Regierung: Anullie- rung einer Anleihe von 200 Millionen Dollars an die Dynastie, Fernhaltung Japans von der Mandschurei, Aufhebung aller britischen Steckbriefe und Aufenthaltsbeschränkungen seiner Person. Alles wurde genehmigt. Weihnachten 1911 landete Dr. Sun in Schanghai als Triumphator. Wenige Tage später war er erwählter Präsident der jungen Republik, nach 45 Tagen demissionierte er zu Gunsten Yuan Shihkais. Von den politischen Sorgen befreit, widmete er sich nun mit seiner ganzen Seele dem konstruktiven Reformwerk. In allen Teilen Chinas predigte er die drei Prinzipien. Weite Eisenbahnnetze sollten das Land durchziehen, große Einfallstore für Handel und Verkehr geschaffen werden.
Inzwischen kam es zum Bruch mit Yuan-Shihkai, der angeblich zwei persönliche Freunde Sun-Wens hatte töten lassen. Arn 9. April 1913 erhielt Yuan folgenden Brief Suns: „Du bist Verräter deines Landes geworden. Wie ich mich gegen ben Manbfchu-Kaifer erhob, fo auch gegen bich." So entftanb die zweite Revolution, aus der Yuan kühner als je hervorging. Am 3. Dezember 1915 hätte er ben Thron besteigen sollen. Es geschah nicht. Aber am 6. Juni 1916 starb er eines mysteriösen Todes. Sun-Wen war nach Japan geflüchtet. Seine Frau, von der er fchon drei Kinder
hatte, wollte ihm nicht ins neue Exil folgen. Nach 30 Jahren Ehegemeinschaft und manchen unangenehmen Episoden wurde das Band zerrissen. 6 Monate später heiratete Dr. Sun zum zweiten Male. Nach dem Tode Yuans wurde Dr. Sun nacheinander Generalissimus, Diktator, Präsident der jungen Republik zu Kanton. I m- mer mehr trennte sich der Süden vom Norden. Sun brauchte für feine grandiosen Projekte Hilfe. Er suchte sie in England, den Vereinigten Staaten, in Deutschland und anderswo. Niemand gab Antwort. Rußland spähte. Sun glaubte nun, daß China sich selbst helfen könne. Borodin und Galen mußten die Armee und Regierung Kantons organisieren. Im Januar 1924 wurde die kommunistische Partei endgültig der nationalistischen (reorganisierten) Partei einverleibt. In einer Art von „Gegenseitigkeitsvertrag" mußte Sun sich verpflichten, bem russischen Kommunismus ein freunb- liches Gesicht zu zeigen. Deshalb mußte er bei ben berühmten Konferenzen über die drei Prinzipien zu Kanton mit einigen zweideutigen Worten die Suppe für die Russen salzen. Ende 1924 begab er sich nach Peking: Leberkrebs zehrte an seiner Kraft. Als er ans Sterben kam, bat er, ihm einen Kristallsarg wie den Senins zu geben und ihn in Nanking zu beerdigen. Er starb am 12. März 1925 mit den Worten: „Friede, Kampf, Gruß an China."
Vier Jahre später, am 1. Juni 1929, wurden seine Gebeine mit großem Pomp nach Nanking gebracht und in einem glanzvoll ausgestatteten Mausoleum beigesetzt, das die nationalistische Regierung erbauen ließ. 19 Nationen darunter die neue „Vatikanstadt", mußten Vertreter senden. Die Gegenwart des Päpstlichen Delegaten war nur möglich, weil der rein zivile Charakter der Zeremonien vorher zugesichert war. Msgr. Costantini, der Delegat, sah in ber Einlabung ein „Zeichen ber Zeit" unb einen historischen Präzebenzfall, ber „günstige Folgen für den Katholizismus unb die nahe Zukunft" haben würde. (Genau ein Jahr später aber scheint schon die Regierung sich zur Christenverfolgung nach westlichem Muster zu entschließen. Unb die „Peking und Tientsin Times" bringen aus ber Hanb eines hervorragenden Kenners eine Artikelserie: „Die Drohung einer neuen Revolution!" Eine Demokratie, die die Religion verfolgt, erzieht sich selbst die Gegenrevolution. Red.)