Jugend und in der Reinheit eines ersten Glückes stand? Sind wir wirklich so empfindungslos geworden für diese Leiden der Seele, daß wir wähnen, ein paar lyrische Gedichte . . . und seien es die herrlichsten — würden sie aufwiegen? Franziskus hat einen Wurm von der Straße zur Seite getragen, daß ihm kein Schmerz geschähe. Wir aber blicken in das leidvolle Gesicht eines um ein Lebensglück gebrachten Menschen und buchen nur mit Stolz als Ergebnis eine Serie lyrischer Gedichte (ich bin in einem Examen einmal gefragt worden, worin der Unterschied zwischen den entworfenen und gedruckten Gedichten des Sesenheimer Liederhandbuchs bestanden hätte?). Man kann wohl hier sagen, daß alles Große in der Welt schließlich mit Leid muß erkauft werden. Das stimmt und das läßt sich auch nicht ändern. Aber es ist hier nur von der Einschätzung der Sesenheimer Vorgänge die Rede. Richt aus Moralisiererei. Rur weil man Goethe in Sesenheim ein Denkmal setzen will.
Die einen Menschen haben das Glück, über mancherlei Schmerzen leicht Hinwegzukommen, es ist nur die Frage, ob sie diese dann wirklich auch so sehr empfunden haben. Goethe war einige Tage zum Abschied in Sesenheim. Wie er selbst schreibt, waren es „peinliche
Tage, deren Erinnerung ihm nicht geblieben ist". Es gibt aber auch Menschen, denen solche Stunden unvergeßlich sind. Friederike reichte dem Geliebten mit Tränen in den Augen die Hand. Man kann sich ohne weiteres denken, was das arme Kind gelitten hat. Goethe aber fand sich — wie er selbst schreibt, „dem Taumel des Lebewohl endlich entflohen, auf einer friedlichen und erheiternden Reise so ziemlich wieder." Wer wird denn meinen, wenn es auseinandergeht!
Das „Idyll" von Sesenheim ist in unserem Jahrhundert zur Operette geworden. Wie man es allmählich oerpoetisierte und romantisch aufmachte, konnte jener Schmalz gar nicht ausbleiben, mußte einmal Richard Tauber fingen! An jenem Tag aber, da das Goethedenk- mal in Sesenheim enthüllt wird, möchte ich am Grabe Friederikens mit ein paar einfachen Blumen stehen im Gedächtnis nicht an kulturelle Werte, nicht an Literaturstunden, nicht an Bereicherung des deutschen Bolksliedes. Nur an jenes rein menschliche Geschehen, da einem unglücklichen Mädchen sein Glückstraum zerstört wurde. Ich möchte Friederike da sagen können, daß es wohl gut so war, weil es nur ein Traum gewesen. Denn sie ist vielleicht von jenem jungen Studenten niemals so geliebt worden, wie es ihr schien und wie sie selbst ihn liebte.
Armut und Humor bei Komponisten.
Don Henri c u s.
Wie gut hätten es viele Künstler, besonders Dichter und Denker, Maler und Bildner, vor allem aber die meisten Tonsetzer haben können, wenn sie erst 30, 40 Jahre nach ihrem Tode — geboren worden wären. Seltsam und bedauerlich — die Schöpfer herrlicher, unsterblicher Weisen begannen vielfach erst zu „leben" unter den Lebendigen, als sie schon lange tot waren. Mozart, Lort- zing, Berlioz, Schubert, Wagner, Beethoven und hundert andere, was galten sie im Leben und was hatten sie vom Leben, zumindest wenn man damit vergleicht, was ihre Erben, was ihre Verleger und Nutznießer durch sie wurden und verdienten?! Aber das scheint nun mal «bas Schicksal der Großen dieser Welt zu sein, daß sie auf einsamer Höhe thronen, zu der die Blicke und die Mittel der Mitmenschen nicht hinaufreichen. Jedenfalls kann wohl kaum bestritten werden, daß an dem frühen, allzufrühen Tode vieler Komponisten die Not, der „Hunger" oft genug in hervorragendem Maße mitschuldig gewesen ist.
Auffällig ist nun die Tatsache, daß zahlreiche Tondichter bei aller Armut an äußeren Gütern reich waren an Witz und Humor. Gerade die Komponisten, denen wir die köstlichsten und witzigsten Melodien verdanken, schufen ihre muntersten Weisen oft in Zeiten bitterster Not. Lortzing schrieb seinen „Waffenschmied", „Zar und Zimmermann", „Wildschütz", alles Tonstücke herzerquik- tenber Komik, als er tief in Schulden steckte. Mozart hatte häufig kein Geld, um Notenblätter zu kaufen und benutzte die Rückseiten unbezahlter, und was noch schlimmer war, manchmal auch unbezahlbarer Rechnungen, um seine lieblichen Melodien niederzuschreiben. Wagner komponierte seine vergnüglichen „Meistersinger" in armseliger „Lehrlingsnot", und Cornelius feinen entzückenden „Barbier von Bagdad" in Tagen grauer Sorge.
Mozart, sicher nicht unberührt von der Misere des Lebens, söhnte sich dennoch leicht mit feinem Schicksal aus, wie u c. seine Briefe beweisen, wo nach einem mehr oder weniger langem Satz in Moll fast immer ein Scherzo in Dur folgt . So heißt es in einem Briefe an fein „herzallerliebstes Weibchen":
„Als ich die vorige Seite fchrieb, fiel mir auch manche Träne aufs Papier; nun aber fange auf ... . es fliegen erstaunlich viele Busserl herum . . . Was Teufel! Ich sehe auch welche! Ha! Ha! ... Ich habe 3 erwischt ... die sind kostbar!"
Und ist es nicht traurig und fröhlich zugleich, was Mozart dem Hausmeister einmal sagte? > Als der nämlich eines Tages den Meister und fein Frauchen iu ihrem kleinen Stübchen einen luftigen Ländler tanzen sah und darob erstaunt fragte: „Aber Herr Mozart, gibt er seiner Frau etwa Tanzunterricht?", da lachte der Meister, daß sein Puderzöpfchen schelmisch mit« hüpfte und gab zur Antwort: „Wir machen uns nur warm, weil uns friert und weil wir kein Geld zum Holz- kaus haben!"
Lortzing lernte schon in frühester Jugend Armut und Hunger kennen, denn schon bei feinen Eltern war Schmalhans Küchenmeister. Zwar suchte man den „Schein" zu wahren und ging um die Mittagszeit regelmäßig gravitätisch aus dem Hause, damit die Nachbarn meinen sollten, Familie Lortzing ginge dinieren im Gasthof „Zum weißen Lamm" oder „Zum goldenen Löwen", in Wirklichkeit aber schlich man zum Stadttor hinaus und aß zwischen verschwiegenen Hecken sein Butterbrot, wobei noch oft die „Butter" fehlte. Als aber der kleine Albert ein „Herr Albert" geworden war und engagementslos trotz guter Zeugnisse als Sänger, Schauspieler und Dirigent durch die Welt wanderte, da ging es ihm nicht besser, nur daß ihm statt seiner Eltern ein treues Weib zur Seite schritt und ihm die Not des Lebens tragen half oder auch zu tragen erschwerte. Dennoch wurde Lortzing kein Kopfhänger, sondern bewahrte seinen Humor. Zwar klagt er seinem Freunde, dem Regisseur Düringer, in einem Briefe seine üble Lage:
„Ich darf Dir zuschwören, daß es mir manchmal am Notwendigsten fehlt — zum Versetzen habe ich nichts mehr!"
Aber dann kommt auch schon wieder der Schalk durch, wenn er fortfährt, mit Rücksicht auf die zahlreichen deutschen Theaterdirektoren und Verleger, die immer nur „nach französischen Opern angeln":
„O entstände doch nur einmal eine Revolution beim Theater! .... Ich würde für mein Leben gern oben genannte Herren aufknüpfen helfen ... Bei Dir würde ich aus alter Freundschaft vielleicht — aber auch nur vielleicht — eine Ausnahme machen!"
Wie traurig es Berlioz, dem Schöpfer des grandiosen „Requiem" und der dramatischen Legende „Faust's Verdammnis" zeitweilig erging, beweist zur Genüge der 1. Satz aus feinen „Memoiren":
»Ich blieb bet der letzten Neujahrsfeier allein vor dem erloschenen Feuer meines Herdes sitzen und knabberte an einer vertrockneten Brotkruste, wartend auf Ruhm und Verse von Thoams Moore deklamierend!"
Schuberts Taschen litten bekanntlich fast immer an gefährlicher Auszehrung: die guten Freunde, feine offene Hand und feine allzeit trockene Kehle ließen alle auf- quellenden Geldbächlein rasch versiegen, und wir glauben es dem Freunde des Meisters der Lieder mit dem gelehrten Namen Rusticvcampus (zu deutsch und seiner Bedeutung entsprechend einfach „Bauernfeld") gern, wenn er schreibt nach einem frohen Gelage:
„Nicht immer ging es so herrlich zu, Nicht immer waren wir Prasser!
So trug mir Schubert an fein „Du" Zuerst mit Zuckerwasser.
Es fehlte an Wein und Geld zumal!
Bisweilen mit einer Melange Hielten wir unser Mittagsmahl, Mit dieser Wiener Pantsche.
Die Künstler waren damals arm!
' Wir hatten auch Holz nicht immer. Doch waren wir jung und liebten warm Im ungeheizten Zimmer!"
Hüte, Röcke, Stiefel und die übrigen Kleidungsstücke waren Gemeingut der musikalischen Tafelrunde,, und mehr als einmal mußte das Los entscheiden, wer anderen Tags als fescher Kavalier im Wiener Prater lustwandeln durfte.
Selbst Wagner hatte die ersten Jahrzehnte seiner Künstterlaufbahn stündig mit Geldschwierigkeiten zu kämpfen, zumal er noch seine Schwiegereltern unterstützen mußte. Dennoch will es uns unbegreiflich erscheinen, daß der Unsterbliche seinen Freund Uhlig fast kniefällig um — 10 Mark bitten mußte, um feinen Schwiegereltern wenigstens etwas Geld zukommen lassen zu können, und das, als der „Tannhäuser" schon geschrieben war.
Allerdings war der Meister der Komposition auch ein Meister der Geldausgabe, d. h. nur insoweit, als es sich um Schnelligkeit im Geldausgeben handelte. Seine Vorliebe für kostbare Stoffe und malerische Gewänder ist ja bekannt. Und doch trug auch Wagner dieses Schicksal, das ihm die Kästen und Schränke leer machte, mit heiterem Sinn, der allerdings manchmal grimmigem Humor weichen mußte. So schreibt er an einen guten Bekannten seiner Frau:
„Meine Frau ersucht Sie ganz ergebenst, durch lieber« bringer dieses ihr gefälligst 1000 Franken zuzusenden. Sollte dieses in der Schnelligkeit nicht gleich möglich sein, so bittet sie wenigstens für 12 Stunden um Ihre gütige — Kaffeemühle, die Sie morgen früh wieder zurückerhalten sollen. "
Doch ging es Wagner in den letzten Jahren seines Lebens auch finanziell sehr gut.
Anders dagegen bei Beethoven, der bis an sein Lebensende kaum aus den Sorgen herauskam, wenn er auch nicht gerade zu „hungern" brauchte. Versprochene Unterstützungen blieben aus oder ließen lange auf sich warten. Jedenfalls läßt es tief und dunkel blicken, wenn man immer wieder in feinen Aufzeichnungen liest:
so
Fünf Minuten Denksport
Kreuzworträtsel.
a
6
1
2
Oft erzählt August von seinen Geschäftsreffen.
Erinnert man ihn aber an die letzte Leipziger Messe, winkt er ab. Denn die war vollkommen verregnet,
Messe-Erlebnisse.
Von K u r t M i e t h e.
Ich bin während der Messezeit in Leipzig auf Besuch. Fahre unschuldigerweise Straßenbahn.
Der Führer kraucht mit bösem Gesicht um mich herum.
Endlich zwinkert er mich an und fragt: „Saach'n Se ma, mei Herrchen, Hamm Sie ’n eichendlich schond bedsahld?"
Ich hole, bebend vor schweigender Entrüstung, meinen Fahrschein hervor.
Er studiert ihn aufmerksam und bemerkt dann: „Go- mffch! Sie Hamm ja doch bedsahld! Ich wär Ihnen mal was saach'n: Denn dürfen Se aroer ooch nicht so 'n Gesichde machen, als ob Se noch nich bedsahld hädden!"
Auflösungen ans der Wen Sonnlagsi
Lösung des Sreuzworträffels.
Die leeren Felder sind derart mit je einem ' den auszufüllen, daß die wagerechten Reihen mit folgender Bedeutung ergeben: 1 Unterge Erdteil, 2 Bettunterlage, 3 Musikinstrument, ■ stück, 5 Kriegsschiff, 6 Berühmter Geiger, 7 . schlag.
6 Naturkraft, 7 Insel im Aegäischen Meer 8 Dichter, 9 Humanist, 10 Held der Karolingischen 11 Zauberformel aus „1001 Nacht", 12 Insel rot Odermündung, 13 Pelzwerk, 14 Tiroler Nationalhel Dtsch. Geschichtsschreiber, 16 Symbol. Pflanze des mes, 17 Eingebung, 18 Straußartiger Vogel 19 20 Stadt in Persien, 21 Tageszeit.
Füllrätsel.
„Schon wieder . , . Mk. getilgt an der mea culpa, mea maxima culpa!"
Peter Cornelius tröstete sich über feinen finanziellen Bankrott und alle daraus entstehenden Schwierigkeiten mit dem weisen Worte Liszt hinweg: „Mundus nult schundus gleich die Welt will Schund!"
Die Reihe güterarmer und doch lebensfroher Tondichter könnte noch um viele Glieder verlängert werden. Auch heute fährt es sich feiten auf den 5 schwarzen Notenschienen hinein in das Goldland des Reichtums. Kom- poniftenmillionäre wie Richard Strauß, Franz Lehar sind selten, und seltener noch ist der Fall, daß jemand durch einen „Schlager" ein reicher Mann wird.
Ob sich übrigens über „Reichtum und Humor bei Komponisten" soviel schreiben ließ wie über „Armut und Humor bei Komponisten", das ist noch die Frage. Und wenn auch, mich würde es nicht so sehr interessieren, und---Sie vermutlich auch nicht.
so daß er immer als Motto über setzen pflegte: „Mehr Nässe als Messel«
*
Im Foyer fühlt Knickebein plötzlich kosend über seinen nicht unbeträchtlichem R
Eine schreckliche Idee kommt ihm- er ner Uhr — fort! et M
Im Gewühl entdeckt Knickebein einen eif denden Herrn mit Monokel. Er nimmt hi sofort auf, bekommt ihn beim Schlafittchen »Geben Sie sofort meine Uhr 'raus!"
Der Herr mit dem Monokel greift in di- < etwa fünfzehn Taschenuhren hervor und Um „Suchen Sie sich Ihre aus!"
♦
Ich frage einen Vahnbeamten: „Können? gen, wann der nächste Zug nach Dresden gebt
Er (wütend): „Ich Howe chädsd gaine
Bescheiden bemerke ich: „In etwas HM könnten Sie mir das auch sagen!"
Worauf er knurrt: „Heesiich? Heeflich? « fier de Posd. Wir Hamm gaine därardchen (
* I
In Pinkhausen ist um ein Uhr nachts, wenn Häuser die gastliche Stätte des „Weißen Schm lassen, der stärkste Verkehr.
Ein braver Pinkhäuser kommt zum ersten die Großstadt, zur Zeit des ungeheuersten ®
In der Hauptstadt bleibt er stehen und z. sinyig: „Donnerwetter, hier ist wohl den »» Polizeistunde!"
Heileres.
Die Naive. „Haben Sie den Witz von dem scheu Fremdenführer gehört, der einem ®noläni Schädel zeigte von der Kleopatra, einen aus jh» chenzeit und einen aus ihrem reifen Alter?" __ bitte, erzählen Sie ihn!"
Mißverstanden. „Das Licht des Sternes Ihnen nachher zeigen werde, braucht vier Stirn es zur Ende gelangt!" — „Sehr interessant- lange kann ich leider nicht warten!"
a
ZT
77
72
74
10
Die Wörter bedeuten von links nach rechts: 1. Geographischer Lehrgegenstand, 5. Sumpfiges Land, 7. Durchsichtiger Stoss, 10. Speisewürze, 11. Stacheltier, 13. Fahrrad, 15. Dichter des 18. Jahrhunderts, 16. Feld« und Zierpflanze, 17. Stadt in der Provinz Sachsen.
Von oben nach unten: 1. japan. Nationalspiel, 2. Stadt in Belgien, 3. Platz, Stelle, 4. Sarter Strick, 5. Gott der Indianer, 6. Alpenblume, 8. Tonstufe, 9. Schönes Gestein, 12. Schleierartiges Gewebe, 14. Strauß- artiger Vogel.
Silbenrätsel.
Aus den Silben: beer, bir, brof, chil, chin, der ff, dorn, e, e, e, el, fer, frei, ge, ge, ger, gicht, he, her, ho, i, im, in, te, la, land, lek, lig, lin, lip, lor, mit, mu, muf, nacht, neh, on, ra, ran, ras, rath, rei, ro, rung, fam, schwamm, se, se, se, fer, fpi, töt, te, ter, treiffch, tri, u, zi, sind 21 Wörter zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben, beide von oben nach unten gelesen, einen Spruch ergeben.
Die Wörter bedeuten: 1 Forffetzung des Riesenge- birges, 2 Schmale sandige Landzunge, 3 Feldherr des 30jährigen Krieges, 4 Geometrische Figur, 5 Storchart,
*&>
HQDBQ00 QBQQB BQBHQ "1E0BQ0BE3GC
QB QQ Q0I QBI BQI 0 I
Auslösung des Silbenrätsels.
1 Novelle, 2 Ilmenau, 3 Champignon, 4 Herakles, Training, 6 Watte, 7 Alkohol, 8 Stilett, 9 Dividende, Elfenbein, 11 Sakristei, 12 Lourdes, 13 Erbswurst Bussard ,15 Erika. 16 Nonius, 17 Strinöberg, 18 “ 19 Illampu, 20 Narzisse, 21 Gehrock.
Der Spruch lautet: Nicht was des Lebens uns gelten ist das Glück.
men wild in die Luft und stürzte wie ein gefällter Baum vornüber auf die am Fußboden sich windenden Körper.
12.
Furchtbare Aufregung herrschte an Bord des Supe- rator.
In den Hofpitalzellen gab es reichliche Arbeit, drei Matrosen, Dimitri Urgejowitsch und Iwan waren verwundet eingeliefert worden und der junge Schiffsarzt, Doktor Charles Mumm, hatte alle Hände voll zu tun.
Die erste Kajüte glich einem aufgeftöberten Bienenschwarm, überall debattierte man über den grauenerregenden Vorfall und Meinung platzte auf Meinung, Dimitri Urgejowitsch, dieser Privatgelehrte und rätselhafte Mann, ein Mörder, ein Verbrecher, Haupt einer Diebesbande?
Und wer hatte die Schüsse auf die ringenden Leute in des Russen Kabine abgegeben?
Urgejowitsch und zwei Matrosen niedergeschossen? War es Korbatschew, der dritte Spießgeselle? Er war verschwunden, niemand hatte ihn gesehen und alles Suchen nach ihm blieb ergebnislos. Vielleicht war er über Bord gegangen, hatte sich der irdischen Gerechtigkeit entzogen. Das Ereignis verknüpfte die Fahrgäste des Supe- rator enger miteinander, man hatte gemeinsam in Gefahr geschwebt, man hatte ein Gesprächsthema, das jedem zu Meinungsäußerungen Veranlassung gab und das in den drei scharf voneinander abgegrenzten Welten, den drei Kajütklassen, gleiches lebhaftes Interesse erregte.
Der Kapitän tarn nach dem Lunch zu dem Schiffsarzt hinunter.
„Im allgemeinen ganz leidlich. Wenn keine Komplikationen eintreten, stirbt uns hoffentlich keiner von ihnen. Außer dem langen Russen, dem Messerhelden, um den steht es schlecht."
„So? Töten wollte ich ihn eigentlich nicht, nur unschädlich machen. In Augenblick der Not fackelt man eben nicht lange. Was macht Ihr erster Patient, der Bent- harn?"
„Der Mann ist jo völlig gesund, nur etwas aufgeregt, ich habe ihn bereits heute morgen wieder entlassen."
»Hm — so recht angenehm ist mir das nicht, daß er wieder auf die Passagiere der dritten Kajüte einwirken
kann. Aber geben Sie Ihren Stewards strengste Anweisung, ihn unter keinen Umständen die Hospitalzellen betreten zu lassen. Wir könnten sonst vielleicht wieder ein neues Theater erleben. "
„Schön, Herr Kapitän, das kann vermieden werden." „Schade, der Korbatschew ist uns entwischt."
„Er schien von den Dreien der Gefährlichste zu sein." „Das weiß man nicht."
Als der Kapitän wieder nach oben kam, traf er Professor Gibbons und Husterkamp. Der Engländer hielt den Kapitän an.
„Sir, ich kann über den Vorfall mit diesem Urgejowitsch nicht fortkommen, es ist unbegreiflich, ein so vielseitiger Mensch und zugleich ein so schwerer Verbrecher."
Husterkamp glaubte beipflichien zu müssen.
„Ja, wirklich, ein sehr mysteriöser Fall, aber er steht nicht vereinzelt da. Man kennt Beispiele, daß äußerst intelligente Menschen scheußliche Verbrechen begingen. Die Zusammenhänge werden natürlich nur durch den Psychiater erkennbar fein, der weiß, daß zwischen Genie und Wahnsinn nur eine ganz dünne Grenzlinie besteht."
Oliver Sidney stutzte unwillkürlich.
„Pes — Sir, Wahnsinn — ich glaube, wir finden des Rätsels Lösung — Urgejowitsch ist vielleicht ein Wahnsinniger, der von diesen beiden Verbrechern sich zu ihren Schandtaten mißbrauchen läßt . . ."
Gibbons stimmte lebhaft zu.
„Herr Kapitän, Sie haben recht, das wird die richtige Lösung sein. Für mich bedeutet das eine Ehrenrettung, denn ich war es doch, der diesen Mann in unsere Gesellschaft einführte. Mit einem irrifinnigen Genie verkehrt zu haben, ist nicht so anstößig, wie von einem gerissenen Gauner über das Ohr gehauen zu fein. Ich bin außer mir, wenn ich noch an unser letztes Gespräch im Lesezimmer denke. Mister Husterkamp, seine wissenschaftliche Ueberzeugung, ich war überrascht von ihrer Seltsamkeit und ich muß gestehen, ich habe den Mann bewundert.
Er wurde ganz nachdenklich.
„Also wahnsinnig ist dieser Mann. Ja, was machen Sie nun mit ihm, wenn er von seiner Wunde wieder her- gestellt ist?"
„Er bleibt in Hast. Schon aus Rücksicht auf unsere Gesellschaft läßt sich nichts daran ändern. Und bann Miß
Tscherskasina ist jetzt augenblicklich erkrankt, ihre Nerven haben ihr einen schlimmen Streich gespielt —“
„Das ist gar nicht zu verwundern."
„Gewiß, selbstverständlich darf er in unserem Kreise nicht mehr auftauchen. Stellen Sie sich nur vor, er begegnete Miß Tscherskasina hier wieder auf dem Schiffe, ich meine, die Folgen wären gar nicht auszudenken."
„Nein, nein, ©entfernen, feien Sie unbesorgt, er bleibt in Hast, ob unschuldig ober nicht, ich gebe ihn nicht mehr frei. Es ist Sache bes Gerichts, die Schuldfrage zu klären."
Der Kapitän verabschiedete sich von den Professoren, die ihre Wanderung auf dem Promenadendeck fortfegten.
Inzwischen saß Thomas Harison im Zimmer der Sängerin, die auf der Ottomane lag und sich langsam wieder von dem ausgestandenen Schrecken erholte. Sie fühlte sich sehr angegriffen von dem Vorgefallenen und wünschte im Stillen den Amerikaner wer weiß wohin, aber sie brachte es nicht fertig, ihn abzuweisen, seine zarten Aufmerksamkeiten rührten sie. Sie hörte kaum, was er sagte, trotz der bleiernen Erschöpfung, die sie empfand, quälte sie tobender Aufruhr im Innern und alles Denken konzentrierte sich auf Dimitri. Sie zürnte ihm nicht wegen des Halsschmuckes, der im Kampf der Männer arg gelitten hatte, sie fühlte nur grenzenloses Mitleid mit einem Unglücklichen, den widrige Verhältnisse auf die schiefe Ebene gedrängt hatten. „. . . ein neues, kostbareres Kollier will ich Ihnen zu Füßen legen . . ." flüsterte neben ihr eine Stimme.
Ach, war ihr das gleichgültig, was kümmerte sie Harrisons Siebe, die zu erwidern ihr unmöglich war. —
,„ . . beglücken Sie mich mit einem einzigen Worte, Vera, lassen Sie mich es hören, daß ich es bin, der hoffen darf, nachdem sich mein Nebenbuhler auf so wenig ehrenhafte Weise selbst ausgeschlossen hat . . ."
Sie hielt ihre Augen geschlossen, um Harrison nicht zu sehen, sie wünschte si h die Ohren mit Wachs verschlossen, um ihn nicht anhören zu müssen.
. . . las—fen Sie mich nicht entgelten, wenn Ihnen mein Vater mit seinem Schreiben zu nahe getreten fein sollte. Las—fen Sie mich es ungeschehen machen durch meine dienende Liebe . . ."
Der Brief — bes alten Harrison Briefs Ach, fie hatte
ihn ganz vergessen, er mußte ba irgendwo fern, leicht in der Tasche ihres Jackets — sein Inhalt essierte sie nicht — sie dachte an nichts anderes < Dimitri.
Er war für sie alles — aus feinem Munde ht. es gehört — er mar ein Trudetzkoi. Wo waren Augen gewesen, ihre Gedanken? Ja jetzt erinner sich ganz genau des alten Fürsten — dasselbe Geh frappant war diese Aehnlichkeit — Dimitri w® Sohn — Dimitri log nicht.
Und ein Trubetzkoi, ein Sproß eines der a Adelsgeschlechter ein Dieb. Dimitri, den sie geliebt
Wirbelte ihr nicht der Kopf?
Ach, was gäbe fie dafür, Klarheit zu haben — - beit.
Und mit einem Male haßte sie den jungen Mem der neben ihr saß und ihr Versprechungen machte, vom Unglück des Gegners zu profitieren glaubte. ,
Sie schlug die Augen auf, zornig blickte sie aus ■ mas Harrison. Sie sehen wie krank ich mich suhle, Sie peinigen mich mit ihren Fragen."
„Sera, Sie reden so hart zu mir, ich fürste, mein Vater Sie bitter gekränkt hat, lassen Sie nw machen..." JB
„Ihr Vater hat mir nichts getan. Den Brief 9^ nicht gelesen, er interessiert mich auch gar nicht, ich mich besser fühle, und Susanne kann ihn Ihnen gen."
„Sera, so wenig gelte ich Ihnen?" ,___ Jj
Die Sängerin maß den Mann mit flamm Blicken, fie schien eine Antwort zu überlegen. _
Angstvoll sah er sie an, ihre Erwiderung wurde ihn nur eines sein — Vernichtung oder Erhörung. sagte sie langsam und kalt, wie mit schwer verhoyt Verachtung:
Nur ein kurzes Wort, für ihn ein alles zerschmeu der Donner, ein Schlag, der eine Welt von 3M11
zerschellte.
Er erbleichte und feine Gesichtszüge verzerrten Mit einem Ruck stand er auf, stieß den Stuhl sott, dem er gesessen, und stürmte wie ein Rasender aus Kajüte der Sängerin, _ _ (Forts, foiflj