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Stunden in unseren Breiten. Die Länge der Tage än­dert sich beim Höchst- und Tiefstand der Sonne sehr wenig, dagegen beim Mittelstand viel schneller. Von der Stellung des Mondes hängen die Sonnen- und Mondfinsternisse ab.

Der Mond bewegt sich in 27% Tagen um die Erde, braucht aber zwei Tage mehr, um wieder in dieselbe Phase zu kommen, weil die Erde in der Sonnenbahn um etwa 26 Grad weitergekommen ist. Ein Jahr liegt hin­ter uns, wenn die Sonne wieder dieselbe Stellung unter den Gestirnen hat. Das trifft aber nicht ganz zu, weil die gegen den Ekliptikpol geneigte Erdachse in 25 800 Jahren um diesen rotiert. Daher ändern sich auch die Schnittpunkte von Ekliptik und Aequator beständig. Das Jahr ist nicht 365,250 Tage lang, sondern 365,242. Da­her fällt das Schaltjahr an den mit zwei Nullen enden­den Jahren aus.

Die Benennung der Wochentage hängt mit astrolo­gischen Vorstellungen zusammen. Jede der 24 Tages­stunden hatte ihren Herrscher, und der Name für die erste Stunde des Tages lieferte den Tagesnamen. Der damals entfernteste Planet Saturn bestimmte den ersten Tag, Jupiter den Zweiten, Mars den dritten, den vier­ten statt der Erde die Sonne, den fünften Venus, den sechsten Merkur und den siebenten der Mond. Die Be­zeichnungen der Tage aus dem Deutschen, Englischen und Französischen bringen das zum Ausdruck. Saturday ist der Saturnstag, Sonntag und Montag sind nach Sonne und Mond benannt, Mardi ist Marstag, Mercredi Mer­kurstag, Jeudi, Jupiterstag, Vendredi Vsnustag. In un­sere deutschen Tagesnamen spielen auch nordische mytho­logische Vorstellungen hinein.

Das Lied aus dem Hinterhaus.

Von C. 81. Stein.

Es ist eine Kellerwohnung im Hinterhause. Aus ihr ertönt Abend für Abend ein eigentümlicher Gesang. Ein getragenes Lied, nur sparsam in der Tonlage wechselnd, fast einem Kirchengesang zu vergleichen. Als ich es das erste Mal hörte, erinnerte es. mich an die Lieder der Wolgafischer, die ich als Gefangener auf dem Wege nach Sibirien vernommen hatte.

An einem Sonntag abend, als sowohl die Straße wie der Hof ruhig lagen, vernahm ich das Lied so deutlich, daß ich die einzelnen Worte unterscheiden konnte, und ich erkannte: es war ein Russe, der da sang. Und nun entsann ich mich, daß ich zuweilen einen Chauffeur in einer braunen Lederjacke, von unverkennbarem, russi­schem Typ durch den großen Toreingang hatte gehen se­hen. Der mußte der Sänger sein. Und ich glaubte zu wissen, daß der Mann unter den drei Chauffeuren war, die an der nächsten Straßenecke ihren Halteplatz hatten.

Als ich das nächste Mal eine Droschke brauchte, sah ich mir die Chauffeure genau an. In dem hintersten Wagen saß der Russe. Ich schritt auf chn zu und gab ihm das Fahrziel an. Stieg dann ein, und das Auto kam in Gang.

Der Russe fuhr langsam, sicher, sehr vorsichtig. Etwas von Phlegma war an ihm zu bemerken, — wobei ich mir bewußt bin, daß das Wort Mlegma ein sehr schiefer Ausdruck für diese russische Gemütsart ist.

Meine Blicke waren unablässig aus den Chauffeur ge­richtet. Ich beobachtete jede seiner Bewegungen. So sah ich auch, daß seine Hand am Steuer plötzlich unmäßig zu zittern begann; zugleich gab es einen Ruck und der Wagen bog scharf nach rechts zur Seite — links von uns fuhr ein großer eleganter Wagen vorüber. Er mutzte es sein, der den Russen aus dem Gleichgewicht ge­bracht hatte. Warum aber? Ein Zusammenstoß war nicht im geringste w befürchten, denn jeder der beiden Wagen fuhr auf der ihm zukommenden Straßenseite. Und die Insassen? Als das Auto vorüber war, konnte ich mich nur noch erinnern, daß im Fond ein Herr und eine Dame gesessen hatten — beide elegant, vornehm. Dem Wagen entsprechend.

Auch das Tempo hatte der Chauffeur, vielleicht un­bewußt, gesteigert. Nun fuhr er wieder langsam, vor­sichtig, und nur ein leichtes Beben der das Steuer re­gierenden Hand war zurückgeblieben.

Als ich ihm beim Aussteigen den Fahrpreis gab, sah ich ihm ins Gesicht. Es war ein beherrschtes, von mehreren scharfen Linien durchzogenes, im übrigen un­durchdringliches Gesicht. Nur durch die weiten Augen blickte man in einen wehmütigen, leiderfüllten Seelen­grund. Er war nicht mehr ganz jung. Und war zweifel­los nicht zum Chauffeur geboren. Vielleicht einer der

Dimitri wurde unruhig.

„Herr Kapitän, es sind für mich Dinge von großem Wert, die ich während jahrelanger Forschungen gesammelt habe. Eine Lebensarbeit ist darin enthalten, Herr Kapi­tän, ich bitte Sie um diese eine Vergünstigung, daß ich Zeuge der Beschlagnahme meiner Sachen sein darf."

„Gut, gehen wir", erwiderte der Kapitän und begab sich mit dem Russen nach dessen Kabine. Haigville und die Matrosen folgten ihnen.

Unten im Gang kam ihnen Sozanne Veraszohn ent­gegengestürzt.

„Herr Kapitän", kreischte sie schon von weitem, „o del, quel maheur, Herr Kapitän — man hat uns bestohlen. Der kostbare Schmuck von Madame ist fort."

„Was ist gestohlen?"

„Ce grand ornement du cou, ce collier magnifique — dieser wundervolle Halsschmuck, den Madame gestern Abend getragen hat. O mon capitaine, wir sind unglück­lich — totalement — Spitzbuben hier bei uns — ist es nicht entsetzlich?"

Der Kapitän war stehen geblieben.

„Wo ist Madame?"

„In der Kabine — sie ist aufgelöst in Tränen" — jetzt bemerkte die Zofe erst die Matrosen, wie eine Katze duckte sie sich, mit furchtbarem Blick den Russen anstar­rend.

„Mon capitaine, Sie wissen wohl schon? Ist das der Dieb? Ce monfieur desagreable? Er war gestern in unserer Kabine

Sie wies mit dem Finger auf den Verhafteten. Ein furchtbarer Zorn quoll in Dimitri aus.

„Frauenzimmer, hüten Sie Ihre Zunge."

„Ruhe bitte", der Kapitän hob abwehrend die Hände hoch, „sagen Sie Madame, daß ich in wenigen Minuten zu ihr komme. Gehen wir weiter."

In Kapitän Oliver Sidney vibrierte alles. Seit zwei Jahren führte er dieses Schiff und es war noch nie irgend etwas an Bord oorgefallen, und jetzt mußte er Mörder verhaften, Diebstähle aufklären — er biß sich auf die Lip­pen und zwang sich zur Ruhe.

In Dimitris Kajüte angelangt, sahen sich der Kapitän und der 1. Offizier prüfend um» Dann sagte der Kapitän:

,Hhr Kammerdiener scheint nicht anwesend zu sein, so

vielen durch die Revolution Gestrandeten, die in einer der Weltstädte, von wehmütigen Erinnerungen u. phan­tastischen Hoffnungen zehrend, sich recht und schlecht durchs Löben schlagen.

Ich nahm den Chauffeur regelmäßig zu meinen Fahr­ten. Er nickte mir, wenn ich mich näherte, bereits lächelnd und mit einer gewissen Vertraulichkeit zu. Den Fahrpreis nahm er mit einer selffamen Nonchalance ent­gegen. Er zählte nie nach. „Habe ich herauszugeben?" fragte er nur, und wenn ich verneinte, steckte er das Geld in die Tasche, als wolle er es so schnell wie möglich an die Seite bringen. Dies Verhalten wie auch die Gewandt­heit seines Auftretens bestärkten mich in der Vermutung, daß er einst der vornehmen Welt angehört hatte.

Wieder einmal hatten wir das elegante starke Auto getroffen, und wieder war er, die Geschwindigkeit stei­gernd, ihm in einem plötzlichen Bogen aus dem Wege gefahren. Als ich aüsgestiegen war und den Fahrpreis entrichtet hatte, blieb ich stehen. „Sagen Sie mir nur eins: zum zweitenmale bereits sind Sie einem Auto, dem wir begegneten----"

Er ließ mich nicht aussprechen. Er wurde dunkel- rot im Gesicht und erhob die Hand, wie um mich am Weitersprechen zu verhindern.

Ich glaubte ihm erklären zu müssen: „Ich frage nicht etwa aus Neugierde. Aber Sie werden verstehen, daß für den Fahrgast ein so plötzliches Schleudern nicht angenehm ist. Vielleicht auch nicht ungefährlich.

Er neigte den Kopf. „Sie haben Recht", sagte er leise. „Und da Sie oft mit mir fahren, haben Sie wohl auch ein Recht, den Grund zu erfahren. Ich bemühe mich übrigens, den Bogen zu unterlassen. Aber ich kann mich nicht dagegen wehren."

Er stand auf, trat aus dem Wagen, legte die eine Hand auf die Wagentüre und sah an mir vorbei gerade­aus, während er sprach.

„Sie müssen wissen", sagte er leise, „daß ich nicht immer Chauffeur gewesen bin."

Ich nickte. „Ich hatte es erraten."

„Ich hatte früher selber Autos. Nicht nur eines. Und trug einen edlen Namen. Und hatte eine schöne Frau."

Er machte eine Pause. „Das alles ist vorbei. Wir wurden auseinander gerissen, ich, meine Frau, meine beiden kleinen Kinder. Meine Kinder starben auf der Flucht vor meinen Augen. So viel weiß ich. Von mei­ner Frau wußte ich nichts. Jahrelang nichts."

Wieder machte er eine Pause. Er sah starr geradeaus. „Eines Tages — es war ein regnerischer Tag, trübe

und schon spät, hielt ich nach einer Fahrt in einer dunk­len Straße. Da traten aus einem Hause ein Herr und eine Dame. Sie riefen mich an. Ich fuhr an sie heran. Sie nannten mir ein vornehmes Hotel und stiegen ein. Gerade als ich den Motor einschaltete, sprach die Dame ein Wort, .ein einziges Wort. Bojewasda! Wissen Sie, was Bojewasda ist? Es ist ein Kosewort, mit dem bei uns am fernen Wolgastrand wohl die Frau ihren Mann anredet, wenn sie ihm etwas besonders Zärtliches sagen will. Er schüttelte den Kopf. Sie haben im Deutschen ein solches Wort nicht. Das gibt es in keiner anderen Sprache. Und bei diesem Wort — da zuckte ich zusam­men, da erkannte ich Natalie, meine Frau."

Er sah mich ernst und traurig an. „Was hätten Sie nun wohl an meiner Statt getan?"

Ich konnte nichts als schweigen.

Er fuhr fort: ' „Sie schweigen. Ich schwieg damals auch. Das Knattern meines Motors gab die Antwort. Ich drückte die Mütze tief in meine Stirn. Ich ließ alle meine Muskeln zu Eisen werden. Ich fuhr. Einmal durchblitzte mich der Gedanke: rechts an einen Laternen­pfahl, damit der Mann hinausgeschleudert wird und die Frau allein übrigbleibt. Wer kann für einen solchen Gedanken I — Am Ziel stand ich da, öffnete den Schlag, sie stützte sich beim Verlassen des Wagens schwach auf meine Hand — sie sah mich nicht dabei an — ich war ja nur der Chauffeur--Ich sah, daß der Mann keine

unedlen Züge hatte —--Was hätten Sie wohl an

meiner Statt getan?"

Er zog mit der Hand die Tür des Wagens auf. „Ich bin ein armer Chauffeur — in meiner Kellerwohnung gibt es weder Luft noch Licht — Und sie hält mich sicher- sich für tot — glaubt, ich sei mit den Kindern zugleich umgekommen.---*

Er saß schon wieder in feinem Wagen. „Und im übrigen — nach so vielen Jahren — nicht wahr — wenn man die Frau nur im Dunklen gesehen hat und nur ein einziges Wort gehört — und wenn man sonst und im Auto zuweilen aneinander vorüberschnellt — nicht wahr —kann man sich ja auch täuschen---"

Er hob die Hand an die Mütze und ließ den Müor an. Einen wehen Blick sah ich noch zu mir hinüber- schweifen, dann zog das Auto an.

’ Immer noch klingt des Abends das müde Lied vom Hinterhaus zu mir herüber. Für mich, der ich es nicht verstehe, ist es ein Lied ohne Worte. Aber es greift mir ans Herz. Und ich weiß nun, daß es ein Lied vom Scheiden und Sich-meiden ist.

Geplantes Goelhedeukmal in Sesenheim.

Zum Nachdenken und Bedenken.

Don Willy Oes er.

Wiederum wird eine Zeremonie für das Goeche- jahr 1932 üngekündigt: die Enthüllung eines Goethe- denkmals in Sesenheim.

In Sesenheim, in jenem kleinen elsässischen Ort, da einst- die Tränen eines unglücklichen Mädchens namens Friederike Brion geflossen sind, als sie ein junger Stu­dent, der es genau so machte wie Tausende Kommilito­nen, verlassen hat, nachdem sich die beiden „durch herz­lichste Umarmung und die treulichste Versicherung, be­kundet hatten, daß sie sich „von Grund aus liebten".

Es gibt immerhin der Geschichten gar viele, da sich zwei Menschen ein Denkmal gesetzt haben durch ihre Treue, die sich mancherlei Anfeindungen und Sch'ck- salsschlägen zum Trotz als standhaft bewies: Menschen, die lange getrennt wurden, die aber doch beieinander blieben, zusammengehörten im Geiste, weil ihnen die Siebe etwas größeres, etwas tieferes schien als flüchtiges Spiel und loser Zeitvertreib. Man rühmt diese ehr­liche Konsequenz gerade der Jugend nach, das heißt ihren edlen und wertvollen Kräften. Dem ehrlichen jugendlichen Verliebffein liegt ja in diesem Falle sicher nicht eine spekulative erotische Einstellung äußerlicher Art, die es ermöglichen könnte, in vollem Bewußtsein, daß alles nur Schein und Trug ist, ein Mädchenherz mit den süßesten Hoffnungen zu erfüllen und aus dem glücklichen Besitz einer friedvollen Gegenwart herauszu­reißen, den Stürmen der Leidenschaft und schmerzlich­ster Enttäuschung zu überliefern.

Goethe kam als Student nach Sesenheim, belastet mit mancherlei Anmaßung junger Studenten, die sich von

zu Hause aus allerhand leisten können. Die — wie oft auch das Studium — das Spielen mit Mädchenherzen als angenehmen und unumgänglichen Zeitvertreib be­trachten, die ihre Erfolge bei Mädchen nur noch selbst- gefälliger macht, so daß es ihnen säst selbstverständlich erscheint, daß alles ihnen zu Füßen liegt. Goethe kam nach Sesenheim mit einem Fluch auf den Sippen im wahrsten Sinne des Wortes. Ein unglückliches Mädchen in Straßburg hatte alles Unglück derjenigen gewünscht, die nach ihr des jungen Studenten Lippen küssen werde!

Friederike war diese Betroffene, die Pfarrerstochter in Sesenheim, deren reines Gemüt ganz in der Liebe zu Goethe aufging. In einer Liebe, die mehr verdient als nur als Anreiz zu später in der Literatur berühmten Gedichten gewertet zu sein. Das ist ganz gewiß: hätte man jenem Mädchen die Wahl gestellt, einmal auf die Weise „berühmt" oder in glücklichem Besitz mit dem Geliebten vereint zu werden, sie hätte das letztere ge- -wühlt. Denn wahre, aufrichtige Liebe ist einfach und schlicht. Die spekuliert nicht in solch sentimentaler Ro- mantik, die nur in Operetten vorkommt.

Das in Hunderten von Schreibereien besungene „Idyll" in Sesenheim dauerte lange genug, war erfüllt genug von zärtlichem Beisammensein, daß das Herz der armen Friederike ganz eingenommen ward von dem Geliebten. Bedenken wir denn, wenn wir so oberfläch­lich sentimental in der Liebeslyrik Sesenheimer Prove­nienz schwelgen, welch seelischen Schmerz enttäuschte Liebe diesem Mädchen bereitete, die so in der Blüte der

muß ich einen Steward rufen lassen, der Ihre Sachen wieder zusammenpackt."

„Ich werde es selbst tun", sagte Dimitri und wollte sich bücken, um den Koffer zu füllen.

> „Nein, nein, so machen wir das nicht. Der Steward soll kommen."

Ein Matrose ging sofort, den Steward zu holen. „Wir machen ein genaues Verzeichnis des Inhalts Ihres Ge­päcks, dann stecken wir alles in die Koffer und versiegeln diese, sonst kann ich für nichts haften."

„Versiegeln Sie doch die Koffer so, wie sie sind."

„Nein, erst die Bestandaufnahme, Sir Haigville —" In diesem Augenblick tarn der Steward, „Sir Haigville, der Steward wird Ihnen alles ansagen, schreiben Sie bitte auf."

Der Offizier zog ein Notizbuch aus der Tasche, der Steward machte sich an den Koffer und begann anzu- fagen, Wäsche, Kleidungsstücke — der Koffer war jetzt teer.

„Packen Sie alles ein," kommandierte der Kapitän.

Schnell befolgte der Mann den Befehl und zog dann unter dem Bett einen zweiten Koffer hervor und die Be­standaufnahme begann aufs neue, als die Tür aufgeriffen wurde und Iwan betrunken hereingefchwankt kam. Ver­blüfft blieb er stehen und starrte die Anwesenden an.

„Damned, was wollt Ihr?"

Die Männer maßen sich mit Blicken lauernder Raub­tiere, kein Wort wurde gesprochen.

Dann torkelte Iwan näher auf den Kapitän zu.

„Hier ist nichts — versteckt —"

Jetzt sah er Dimitri Urgejowitsch, er grinste ihn ver­traulich an und machte eine plumpe Verbeugung .

„Euer Gnaden — soll ich diese Leute — hinauswer­fen?"

„Verhalte dich ruhig, Iwan."

„Fällt mir gar nicht ein. Wenn Euer Gnaden sich hier von diesem Gesindel — belästigen lassen — ich ge­brauche mein Hausrecht."

Der Kapitän und Haigville beschäftigten sich gerade mit der Ledertasche, welche Dimitri am vergangenen Abend bei seiner Vorstellung benutzt hatte.

„Hm — nun wird's bald —" knurrte Iwan den ihm zunächst stehenden Matrosen drohend an. — Der Kapitän

fuhr herum und hielt einen in Zeitungspapier ringe- wickelten Gegenstand in der Hand.

„Mister Urgejowitsch", er schlug das Papier ausein- ander, was ist das?"

Dimitri taumelte schreckensbleich zurück.

„Allmächtiger — der Schmuck — der Miß Tfchersta» fina —?

Iwan drehte sich schwerfällig um, sah den Schmuck, er­schrak und plötzlich — einen gräßlichen Fluch hervor­stoßend, stürzte er sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf den Kapitän, stieß ihn fort und entriß ihm zugleich den Brillantenschmuck. Im selben Augenblick warfen sich die Matrosen auf den Rasenden, eine entsetzliche Balgerei begann — da — ein wahnsinniges Aufbrüllen — ein Matrose brach blutend zusammen — Iwan hatte mit übermenschlicher Kraft eine Hand freibetommen, sein Messer hervorgerissen und stach nun wie ein Irrsinniger um sich.

Jetzt sprang Dimitri auf den Knäuel der Kämpfenden zu, er griff nach Iwans Hand, er wollte ihm das Messer entreißen —

„Rasende Bestie", keuchte der Matrose und versuchte den Tobenden zu Boden zu bringen. —

Hin und her wogte die zusammengeballte Masse der schwitzenden, ächzenden Männergestalten — da — krach­ten rasch hintereinander Schüsse — Schreie gellten — Menschen taumelten — stürzten. Auf einen Augenblick hatte, von allen unbemerkt, das höhnische Gesicht Sergej Korbatschews durch die Türspalte hereingesehen und eine bewaffnete Hand hatte sich,oon draußen erhoben.

Iwan war frei.

Wie verblüfft stand er da — feine Gegner am Boden — da drüben — bleich — schreckensstarr — der Kapitän — der Offizier — der Steward — das Knäuel Menschen auf der Erde. Iwan war jetzt nüchtern — er fühlte Bren­nen in feinem Gesicht, an seinen Händen — Kratzwunden, die bluteten — bas mordgierige Tier erwachte in ihm — diese wenigen Feinde, die machte er kalt — er stierte sie an mit rollenden, blutunterlaufenen Augen.

Kapitän Oliver Sidney sah die drohende Miene. Er riß feinen Browning aus der Tasche, zielte kaltblütig — und ehe noch Iwan eine Bewegung machen konnte, tönte ein scharfer, gellender Krach — der Russe fuhr mit benAp

31. August

Beilage zur Fuldaer Zeikung

tt. 201

iten vier Minuten Verspätung. Wenn ein Flie- Petersburg nach London in zwei Stunden o mit 300 Sekundenmeter Geschwindigkeit, so die Sanne während des ganzen Fluges an Ver­

ger stieg würde

Kalender und Ahr.

Don Professor Dr. Grosse-Bremen.

I Ber oeiiablauf unseres Lebens erfordert den Stalen- i ju Drucksache und die Uhr als technisches Werk- lL Es kann sein, daß der Kalender weniger ver- «nfiet wird, wenn die Wochentage in jedem Monat ^denselben Zahlenablauf haben und das Oster- und ■finnftfeft in jedem Jahr auf denselben Tag fallen.

Leute sind im Alltagsbetriebe der Arbeit Kalender und : ffir nicht zu entbehren. Die Achsendrehung der Erde liefert uns die Einheit des Tages, der mittägliche Hoch- i der Sonne die Mitte der Vierundzwanzigstunden- L Der Sterntag ist um nahezu vier Minuten kür- als der Sonnentag, weil die Erde sich im Laufe der Wahres um die Sonne dreht, die 150 Millionen Kilo- Ettter von uns entfernt ist. Da die Bahn der Erde hm Sonn? nr' t freisförmia, fn-bern eliwtifch Der- WM, ist die Geschwindigkeit unseres Planeten im k Wnier größer als tm Sommer, im Mittel legt sie se- «vidlich 30 Kilometer zurück. Wir merken nichts davon. ßRur die Stellung der Fixsterne und der sich auch um Ilie Tonne drehenden Planeten ändert sich. Aber auch Ibas ganze Sonnensystem bewegt sich mit großer Gc- kschwindigkeit auf das Sternbild der Leyer zu. Die Erd- lzeit verschiebt sich für je 15 Längengrade um eine Stunde. IWestrußland hat zehn Uhr, wenn Mitteleuropa neun, ! England und Frankreich acht haben. Jeder Grad, der |am '“'--mctor 111 Kilometer umfaßt, bringt von Osten

fetten Stelle bleiben und die Uhrzeit sich nicht ändern. Jeder Ort hat seine bestimmte Länge und Breite, wobei . Richtung und Höhe der Sonne und Gestirne Tageszeit und Datum bestimmen.

Wenn der Schiffer oder der Flieger mit dem Sex­tanten den Ort eines Gestirns festgelegt hat, so kann er Länge und Breite feines Ortes ermitteln. Das Chrono­meter muß natürlich sehr genau gehen, da ein Fehler von einer Sekunde bereits eine Längenabweichung von einer Werteiseemeile herbeiführt. Die Seemeile umfaßt etwa 1,8 Kilometer (60 einen Grad). Die Pendel der Uhren gehen am Pol schneller als am Aequator, da der Achsen- am Pol um 40 Kilometer kürzer ist. Da- Ech d die Pendelbewegung beschleunigt. Die W hung der Erde beträgt stündlich 15 Grad von "T.1") West, ihre Drehung um die Sonne bringt iagüd: etwa einen Grad auf der Ekliptik hervor, so daß die Sonne sich von West nach Ost verschiebt, im Winter ober etwas mehr als im Sommer. Die Sonnenuhren ®t ihrer Schattendrehung gehen daher nicht so zuver- Wg wie unsere Taschenuhren. Wir müssen uns statt •** wahren Sonne eine scheinbare mit gleichförmiger Be- Mung um den Aequator vorstellen, der sich mit der «neptif an den beiden Tagen des Frühlings, und Herbst» «eginns schneidet. Der Sonnentag ist an diesen bei- °sn Tagen 12 Stunden lang. Im Sommer steigt dann I J ®Dnnc um 23% Grad höher, so daß der Tag 17 «mnenstunden hat. Im Winter sinkt das Tagesgestirn ebertfo viele Grade. Der kürzeste Tag hat dann 7

September.

Bon Mia Kersti n.

Wickel iirrenber Sang Der^t.n9- ; ir „a der Herbst um den W.esenhang.

teste zwiffchert der Vögel Chor, einmal flackert die Flamme empor ° «ahreg Altären im sonnigen Land K X brennt sie als Sommers Brand. ÄÄen duften so süß und Imd.

rrrtifen nufen int

teffenb« September stellt lächelnd sich ein, c Schalen mit Früchten und Wem, l&ut in wehmütigem Abschiedszorn

■ Astern und Rittersporn, llri» schenkt, und wird des Verschenkens nicht satt.

i- „ud) schon taumelnd manch gilbend Blatt: r U, aolbet ber Ginster, noch flutet das Licht!

® a denkt sie an Scheiden und Sterben nicht — N fröhlich stellt sich Frau Welt in ihr Haus leuchtenden, bunten Dahlienstrauß!

Friedl Schreyvogl.

Das Vak kerien schiff.

Ein Roman in 7 Tagen.

Don Hellmuth Quast-Peregrin.

t „ Eopyrigth by Greiner u. Co., Berlin.

iM^e*n' ^pitän, das ist Wahnsinn, bas dürfen Sie 'M glauben. Ich bin unfchulbig!"

je®? datte bas letzte förmlich herausgefchrien. Da Mete sich hinter ihm bte Tür, er hörte bas Geräusch, !!e fidj um und taumelte erblaffenb rücklings gegen banM: — Haigville, ber 1. Offizier, stanb mit vier T.eiten Matrosen in der Tür.

L_h’neJ’ Augenblick maß Dimitri seine Gegner mit prii- »inr .6°?' Er kämpfte mit sich felbst, sollte er bas p n m’l ihnen aufnehmen, sollte er feine Kraft er- en, würde sie ausreichen?

>br 1 °at^e an die Warnung Guta von Boro Bu- ’erft^x1*1 bas taufendköpfige Tier, die Masse, aus Un» oianb sich aus dich stürzt, bann unb nur bann kämpfe ELBeJ großen Mittel, bas ich dich gelehrt, denn die fcs m i "Le folgt nicht dem Gesetz. Streitet die Macht dich clcf5*s gegen dich, bann kämpft beine Reinheit für fern k 9teine >st der große Starke, ihn überwinbet anb, Cr bebarf bes großen Mittels nicht . . ." a horte er bie Stimme bes Kapitäns:

P->r Haigville, ber Mann ist Ihr Gefangener." liegen ri<$tete fto[3 auf unb trat bem Offizier Wig^eil mich unschuldig weiß, folge ich Ihnen gut-

fr»anbte sich an den Kapitän.

■Wein h ®’c' Herr Kapitän, mein Gepäck zu Der- ' damit nicht unbefugte Hände sich daran oergrei-

Diti^ien Sie unbesorgt, Ihr Gepäck wirb sofort be- . Ick i DDn mir in Verwahrung genommen."

Böhmen Versiegelung in meiner Gegenwart dop Augenblick zauberte ber Kapitän mit ber Ant-