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Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

57. Zahrg

Mittwoch, 27. August 1930

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Hugenbergs „Tribukplan".

Hugenberg bestreitet einen Hauptteil seiner Wahlpropaganda mit seinem sogenannten „Tribut­plan", der allerdings so blenderisch aufgemacht ist, daß er auf größere Kreise, die über die wirtschafts- und reparationspolitischen Zusammenhänge nicht unterrichtet sind, Eindruck zu machen imstande ist.

Denn der Vorhalt, auch die Gegner zur Zah­lung der deutschen Reparation mit heranzuziehen, verfängt natürlich auf einfache Gemüter sehr leicht. Nach dem Hugenberg'schen Tributplan soll nämlich die gesamte Einfuhr Deutschlands mit einer Repa­rationsabgabe von 15 Prozent belastet werden. Er errechnet daraus einen Betrag von zwei Milli­arden Mark, die dann zur Zahlung der Reparai- tionsverpflichtungen aus dem Poungplan ver­wandt werden sollen. Ein Betrag von annähernd einer Milliarde Mark soll nach Hugenbergs Idee zur Senkung der Verpflichtungen der Wirtschaft, insbesondere zur Ermäßigung der Frachten und Gebühren benutzt werden.

Das hört sich so oberflächlich ganz gut an, aber wenn man in die tieferen Zusammenhänge hineinsteigt, wird man Hoch ganz anderer 3luf- fassung werden. Selbst ein eigenes Fraktionsmit­glied Hugenbergs, der deutschnationale Abgeord­nete Reichert, ein Vertreter der Schwerindustrie, der die Dinge sehr genau kennt, hat sich mit größter Schärfe gegen diesen Hugenberg'schen Tvi- butplan gewandt, den er als absolut undurchführ­bar, ja als geradezu schädlich in seinen Ausi- wirkungen für die deutsche Wirtschaft und ihre Zukunft bezeichnet. Dafür freilich hat Dr. Reichert sich Hugenbergs Ungnade zugezogen, und er ist schließlich aus der Deutschnationalen Dolkspartei, deren Führer einen derartigen wirtschaftlichen Un­sinn propagiert, ausgetreten.

Nun nimmt auch noch der ehemalige Reichst­finanzminister, Professor Dr. Moldenhauer, in der „Nationalliberalen Korrespondenz" das Wort zu dem Hugenberg'schen Vorschlag, der, wie gesagt, im Wahlkampf tatsächlich eine nicht geringe Rolle spielt und ganz besonders zur Agitation verwandt wird. Und da Mvldenhauer bei der Haager Konfe­renz .die Reparationsfragen nach der Finanz- und wirtschaftlichen Seite hin mit zum Abschluß ge­bracht hat, kommt seiner Auffassung erhebliches Gewicht zu. Moldenhauer sagt nun, daß Hugenberg in seinem Vorschlag zunächst übersehe, „daß etwa die Hälfte unserer Einfuhr in den Handelsver­trägen tariflich gebunden ist, also eine Reparcv- tionsabgäbe, die nichts anderes ist. als"e'n neuer Zoll, auf sie nicht gelegt werden kann, wenn man sich nicht über bestehende Verträge hinwegfetzen, das heißt sie brechen will. Dazu kommt, daß die Erhebung dieser Abgaben, die gegenüber den heu­tigen Gewichtszöllen die Einführung eines Wert­zolles bedeutet, technisch sehr schwierig ist und jedenfalls sehr erhebliche Derwaltungskosten und Vermehrung des Beamtenapparates bedingt."

Ein weiterer Vorschlag Hugenbergs geht dann dahin, auf die ausgeführten deutschen Waren, bei denen Rohstoffe, die aus dem Ausland nach

Deutschland gebracht wurden, verarbeitet sind, eine Rückvergütung als Exportprämie zu fordern. Dazu macht Moldenhauer geltend, daß in der deutschen Ausfuhr, die etwa zehn Milliarden beträgt, schät­zungsweise fremde Rohstoffe im Werte von drei bis vier Milliarde^, enthalten seien, und wenn auf diesen Betrag die Rückvergütung von 15 Proz. zu zahlen wäre, so würden von dem von Hugeip- berg selbst errechneten Aufkommen von zwei Mil­liarden allein schon annähernd 500 bis 600 Mil­lionen Mark in Abzug gebracht werden müssen. Mit den anderen Abzügen wäre aber kaum eine Milliarde im Ganzen aus der Hugenbergschen 15- prozentigen Reparationsabgabe zu erwarten, und damit könnte unmöglich, wie Hugenberg es will, einerseits die Reichsbahn vollkommen von ihrer Reparationsverpfl,ichtung in Höhe von 600 Millio­nen Mark, außerdem auch noch der Etat und die Wirtschaft entlastet werden.

Die Hauptfrage ist aber doch die, welche Wir­kung eine solche Abgabe für die deutsche Wirtschaft haben muß. Schon der deutschnationale Abgeord­nete Dr. Reichert hat diese Wirkung als katastro­phal bezeichnet und seine Auffassung wissenschaft­lich und praktisch genau belegt. Auch Moldenhauer erklärt, daß diese Abgabe im Effekt nur die Pro- duktion verteuere und damit die Wettbewerbs­fähigkeit Deutschlands mit dem Auslande schwäche. Denn gerade Deutschland ist im . besonderem Maße auf die Einfuhr industrieller Rohstoffe angewiesen. Man braucht ja dabei nur an die Textil- und die Eisenindustrie zu. denken. Es ist doch gar nicht damit zu rechnen, daß der deutsche Importeur dem ausländischen Lieferanten diese 15 Prozent in Rechnung stellen kann. Mit Recht fragt Moldrw- hauer:

„Glaubt man wirklich, daß ein solches Vorgehen in allen den Fällen möglich ist, wo Deutschland unbedingt auf den Bezug der Rohstoffe vom Aus­land angewiesen ist, wo langfristige Lieferverträge bestehen, wo Kartelle oder Monopole auf der anderen Seite sich finden. So einfach, wie es sich Herr Hugenberg denkt, geht es wirklich nicht."

Als Haupteinwand gegen den Hugenberg'schen Tributplan macht aber Moldenhauer mit Recht geltend, „daß ein solches Vorgehen unsere Han­delsbeziehungen mit dem gesamten Ausland in die größte Verwirrung bringen würde". Denn wenn dieser Plan Hugenbergs sich auswirken sollte, müß­ten ja sämtliche Handelsverträge gekündigt werden. Es sei, so sagt Moldenhauer, mehr als naiv, anzu­nehmen, daß dann unsere ehemaligen Gegner sich schleunigst zu einer Revision des Poungplans zusammenfinden. Es sei itn Gegenteil anzunehmen, „daß selbst die wohlwollendsten Neutralen in die Front unserer ehemaligen Gegner einrücken und wir im Handumdrehen mit der ganzen Welt in einen Zollkrieg verwickelt werden".

Moldenhauer tut nach dieser Beweisführung, die wirtschafts-i und handelspolitisch durchaus zu­treffend ist, den Vorschlag Hugenbergs mit der Bemerkung ab: Jllusions- und Katastrophenpolitik.

Vahlkampf-vlüken.

wir dem 14. September kommen^ 6 lüften gewisse Parteien die Maske, NH bisher mit ihren wahren Zielen VT' trachteten. Das geschieht nicht absicht- Anfang war die Vernunft. Da begriff es klug sei, gewisse Formen zu wahren -T 12 binzustellen, als habe man nichts als mnfil des Staates und des Volkes im Auge, allmählich fangen die Nerven an, wider- fomfriivat su werden. Es war ja noch hie «io unsicher und dunkel wie dies- 9Beiben die Sozialdemokraten wirklich ihren stand an Reichstagsmandaten halten können? en die Kommunisten gewinnen? Was steht lick hinter dem Lärm und Geschrei der Na- tmialisten? Wie sind die Aussichten der Staatspartei, der Partei der Optimisten, nn Sonntag einer ihrer Führer sich ausge- hcrt9 Wird das Zentrumsvolk die Einsicht . -aß es in diesem Wahlkampf nicht um Erhöhungen und Spargroschen geht, sondern öle Revidierung unseres gesamten polt­en Lebens und um die Fundamentierung ch demokratischer Staatsgrundsätze? Wie wird r in ein halbes Dutzend Gruppen zersplittev- lechten ergehen?

$inx fäe. Slaatspartei rechtmäßig benannt. Das «« 05 die Herren Koch-Weser, Hoepker-A'chofj t.QUn ""ter so viel Fährlichkeiten zur Welt bes haben, darf, — so hat die Zivilkammer 88a r ^er Landgerichts II entschieden — rechts- »R bp= m ut^e Staatspartei" heißen. „Der An- tttei" ^besitzenden des Vereins „Deutsche Staats» taLj halfen, auf Erlaß einer einstweiligen 33er» Sefcra' durch die den Herren Mahraun, Koch- Zepter-Aschoff allein oder gemeinsam mit faei ii +e Führung des Namens Deutsche Staats» e ©ntt werden soll, wird zurückgewiesen, ir des Verfahrens fallen dem Antragsteller ET’ So lautet die Entscheidung, der <han

. Nenn man es mir mit den ernsthaften W«b anständigen Führern ernsthafter und an- k ständiger Parteien zu tun hätte, so könnte man betn Schauspiel, das dieser Wahlkampf bietet, mit ksteizendem Interesse zuschauen. Die Rechte, die f Mitte, die bürgerliche Linke, sie alle stellten auch U m letzten Sonntag wieder ihre Hoffnungen, Ab- ^'ßchten und Ziele heraus. Nicht immer und unbe- rein sachlich, aber das ist schließlich nicht so t lchlimm. Welchem Versammlungsredner sollte nicht M der heißen Redeschlacht vor gespannten und be- Mgeistemngsbedürftigen Zuhörern auch einmal ein ■Ktt entschlüpfen, das er am Schreibtisch nieder- MPlschreiben sich überlegen würde. Es ist ja doch ein | gewisser verbindender Zug innerhalb der U staatsbewußten Parteien auch da zu spüren, wo die U.Gruppen an sich als Gegner gegenübertreten. Es । ift vor allem mehr und mehr zu erkennen, daß [ wenigstens die letzten Endes Verantwortlichen über WD» 14. September bereits hinaus- denken und sich daran erinnern, daß es sinnlos wäre, alle Brücken zu sprengen, die vermutlich einmal doch wieder von Partei zu Partei gebaut UOM« müssen. So tritt in einer sozialdemokrati­schen Tiskufsionszeitschrist der Pressechef der preu­ßischen Regierung, der bei manchen seiner sizial- demokratiWn Parteigenossen wohl anzutreffenden | Auffassungen entgegen, als sei in diesem Kampfe Mas Zentrum der eigentliche Feind der repu- k Manischen Linken. Er sieht mit sympathischer I Klarheit, wie die Dinge liegen, er sieht vor allem, Wch in Preußen ohne das Zentrum ein Partei- I politisches Durcheinander entstehen müßte, MMd warnt daher die ihm nahestehende Presse: davor, brutal in ein immerhin kostbares Porzellan ßhineinzuschlagen. Wenn die hier gemeinten Zeitun- |.ftt diese Mahnung eines hervorragenden 1 h * n ö" Herzen nehmen, so werden sie da- Wurch dem Staat wie ihrer eigenen Partei mehr I »Mn, als wenn sie in wilder Oppositionslust I Mach losstürmen und nicht sehen, was ist. Die I Jitter „Volksstimme" freilich scheint die frag» I »che Diskussions-Zeitschrift nicht zu beziehen. Ihr ffy Ton spiegelt primitivste politische

I vechesverfassung.

*

I ||®®t hört auch weniger vernünftige Stim- mm. Als die Staatspartei gegründet wurde, bildete I N. einer Gruppe von Mißzufriedenen eine wemtgung unabhängiger Demo traten. ®ie hat dieser Tage in Berlin getagt und will noch einem besonderen Wahlaufruf herauskommen. BEF’>P versichert ein Blatt, das wohl gut unter»

Rn k cS ist schon jetzt ziemlich sicher, daß diese ?ntz>pe weder dem Zentrum noch der Staatspartei ML» ^mmen geben wird, sondern sie wird sich Wahrscheinlichkeit nach am 14. September Sozialdemokraten schlagen. Es kommt nicht EL Masse an, denn allzuviele Leute werden unabhängigen wohl nicht hinter sich haben. es ift immerhin seltsam, daß man trotz des Namens glaubt, nach links gehen zu müs- doch die Konsequenz zu besitzen, nun E? den völligen Anschluß an die Sozialdemo- tat£ JU- vollziehen. Sollte bei diesen Unabhängi- das Zentrum angeht, etwas von dem I ^Fnnishaß mitsprechen, der in diesem Wahl- tSteu! fast allen Seiten wieder so sonderbare | wuten treibt?

*

KL $>en «Bogel schießen bisher die Kommunisten UMj ^^nem^Demonstrationszug in Berlin befan» Kteb V ram Sonntag zwei Frauen, die mit Kutte i 1 katholische Priester verkleidet waren.

Lmten geht es in diesem Wahlkampf wahr- Kg sulcht um politische Dinge. Aber dieser Vor- B ^erfiA* - San8 nebenbei, was von den Moskauer I Sion tv*in9en’ daß der Kommunismus die Reli- IM,. qrlä,t„ bekämpfe, zu halten ist, und wie gut an9er die wirklichen Moskauer Meinun- 1 oerstehen.

uneingeschränkt zustimmen muß. Handelt es sich doch bei dieser Angelegenheit nur um einen höchst fragwürdigen Versuch, eine staatspolitische Not­wendigkeit aus egoistischen Gründen zu hemmen. Das Gericht kam zu seiner Entscheidung aus der Erwägung, daß schutzwürdige Interessen vor­liegen müssen, um den Erlaß einer einstweiligen Verfügung zu reditfertigen und daß derartige schutzwürdige Interessen von dem Antragsteller nicht vertreten werden. Es könne auch auf keinen Fall angenommen werden, daß durch die Benutzung des Namens Deutsche Staatspartei dem Antragsteller ein wesentlicher Nachteil erwachse, weil der Verein Deutsche Staatspartei, den Halfen gegründet hatte, sich augenblicklich praktisch politisch nicht betätige.

* Kirdorf bei hugenberg. Der schon in Vor­kriegszeiten als einer der rücksichtslose­sten Scharfmacher bekannte Geheimrat Kir­dorf gibt in einer öffentlichen Erklärung bekannt, daß er nunmehr, nachdem er früher der Na­tionalsozialistischen Partei angehört habe, zu Hugenbe rg sich bekenne. — Nichts ist charakteristischer für den wirklichen Geist, der bei Hugenberg und seiner Gruppe herrscht, als diese Verbindung mit dem namhaftesten Vertreter einer „schwerindustriellen" Weltanschauung.

Die Arbeitslosigkeit in Deulfchiand.

Die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung hat jetzt die Ziffer der Hauptunterstützten veröffentlicht; die Ziffer weist gegenüber dem 31. Juli dieses Jahres eine nicht unbeträchtliche Steigerung auf, die auf den ersten Anblick eyschrecken kann. Es kann der Eindruck entstehen, als seien die Maßnahmen der Reichsregierung zur Schaffung erweiterter Arbeits­möglichkeiten erfolglos geblieben. Das wäre frei­lich ein Trugschluß. Denn ein wesentlicher Test dieser Maßnahmen ist ja erst in allerletzter Zeit ergriffen worden; man denke nur an das Arbeits­beschaffungsprogramm bei der Reichspost, das allein etwa 125 000 Erwerbslose für ein volles Jahr zu beschäftigen vermag. Man darf ferner nicht übersehen, daß die Augustmitte in jedem Jahre ein Anwachsen der Arbeitslvfenziffer einzu- lesten pflegt; genau das Gleiche war am vorigen 15. August zu beobachten. Die für den Arbeits- martt günstigere „Sommersaison" geht zu Ende und das muß sich selbstverständlich in der Er- werbslosenziffer ausdrücken. Anlaß zu einem be­sonderen Pessimismus bieten also die neuen Ver­öffentlichungen der Reichsanstalt keineswegs.

Will man sich ein Bild davon machen wie sich die Bemühungen der Reichsregierung, die Auswir­kungen der Weltwirtschaftkrisis auf dem Arbeits­markt einzudämmen, in den letzten Monaten be­

währt haben, fo muß man bie 1 41 ä g i g e n 33 e r= öffentlichungen über die Arbeitslosenziffer seit Beginn des Jahres verfolgen. Man stellt dann fest, daß in den ersten sechs Wochen von 1930 die Ziffer — wie in jedem Winter um diese Zeit — stark nach oben ging, daß sie aber feit dem 15. Fe­bruar bis Anfang August ständig, und zwar recht beträchtlich, abgesunken ist. Erst jetzt zum ersten Male ist wieder eine Steigerung zu verzeichnen.

An der Kurve der deutschen Arbeitslosigkeit kann man also die Einwirkungen der Jahreszeit und der Konjunktur deutlich ableisen. Das ift keines­wegs in allen Ländern der Fall. In England zum Beispiel, dessen Arbeitsmarkt doch ebenso wie der deutsche von den Saisoneinwirkungen beeinflußt wird, ist es den Maßnahmen des Sozialistenkabi­netts Macdonald nicht gelungen, die Krisen­erscheinungen einigermaßen auszugleichen. In England ist seit Beginn des Jahres, ja sogar seit Mitte Juni vorigen Jahres die Arbeitslofenziffer ständig und ohne Unterbrechung gestiegen, und seit Anfang ds. Js. ist sie sogar verhältnismäßig höher, als an dem ungünstigsten Punkt der deutschen Kurve, der am 15. Februar ds. Js. erreicht war. Ohne Zweifel würde die Weltwirtschaftskrisis sich in Deutschland ebenso wie in England durch sin ständiges Steigen der Arbcitslosenziffer während des ganzen Jahres ausgewirkt haben, wenn es nicht den Bemühungen des Kabinetts Brüning ge­lungen wäre, wenigstens die schlimm­st e n F o l g e n für den Arbeitsmarkt durch ge­eignete Maßnahmen zu bannen.

Katholikentag und Reichskagswahl.

Zu beiden wird gerüstet, nur mit dem großen Unterschied, daß die seit langem im Gange befind­lichen Vorbereitungen zum Katholikentag in Mün­ster in vollster Einmütigkeit fortschreiten und vor dem Abschlüsse stehen, während der Auftakt zur Re'chstagswahl eine Parteizerrissenheit in unserem Vaterlande zeigt, wie nie zuvor. So erfreulich dort die Geschlossenheit der Katholiken, welche die Münsterschen Vorbereitungen mit steigendem In­teresse und besten Wünschen begleiten, so bedauer­lich bleibt die Verwirrung der Geister bei der Wahl. Es zeigt sich bei dem Vergleich der beiden bevorstehenden Ereignisse, daß die beste Grundlage für unser Handeln und Tun noch immer zu finden ist in einer gefestigten Weltanschauung. Das wis­sen auch unsere Gegner, die wohl mit Rücksicht hierauf geflissentlich das Gerücht verbreiten, die Katholikenveyfammlung würde mit Rücksicht auf die Wahlen ausfallen. Das Gerücht ist durch­aus unbegründet. Wir können auf Grund genauer Erkundigungen feststellen, daß die Vorbe­reitungen zum Katholikentage durch die Reichs­tagsauflösung nicht im gering ft en beein­

trächtigt worden sind. Im Gegenteil. Es liegt schon heute eine ganze Reihe von Anmel­dungen zur Teilnahme aus allen Gauen des deut­schen Vaterlandes vor, ebenso aus dem Auslande, so daß trotz der Ungunst der Zeiten mit einem starken Besuch der 69. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu rechnen ist. Das Pro­gramm der Tagung, die unter demProtektorate des Hochwürdigsten Herrn Bischofs Dr. Johannes Poggenburg von Münster steht, ist endgültig fest­gesetzt. Danach wird die eigentliche Eeneraloer- fammtung — der eine Sitzung des Zentralkomitees und ein Vertretertag, der die christliche Erziehung behandelt, vorausgehen — am Donnerstag, den 4. September, abends 8.20 Uhr, in beiden unmittelbar nebeneinander liegenden Festhallen eröffnet wer­den. Wir hoffen zuversichtlich, daß auch der dies­jährige Katholikentag seiner Bedeutung und seiner Aufgabe gerecht werden wird, wie sie der Präsident des Zentralkomitees in seinem Aufrufe im Juni d. Js. treffend umschrieben hat: „Die Generalver­sammlung der Deutschen Katholiken soll ihrer Ein­heit und Einigkeit dienen. Die nach Landschaften, Ständen und volitilscher Meinung getrennten Glau­bensgenossen reichen sich auf den' Katholikentagen die Hände in dem Bestreben, die Erbgüter des ka­tholischen Glaubens nicht preiszugeben dem Strome der Zeit, den unbegifamen Lebenswillen des deutschen Katholizismus zu bekunden. Als Wegweiser in den verwickelten Zeitfragen manig- sacher Art auf kirchenpolitischem, religiösem, kari­tativem, sozialem und kulturellem Gebiet erscheinen die Katholikentage, sic sind eine Notwendigkeit zur Abwehr der christentumfeindlichen, antikirchlichen und entsittlichenden Strömungen unseres Zeitalters. Sie sollen ausgebaut werden zu einer Gesamtschau der im deutschen Katholizismus schaffenden Kräfte und einen Ausschnitt bieten katholischen Kulturschaf­fens in Musik und Literatur, in Theater und Kino, in Kunst und Architektur." An dieser hehren Auf­gabe mitzuwirken, sind alle Teilnehmer an der Katholikenversammlung berufen, sie werden auf dieser Tagung Kraft und Festigung finden, ihre katholischen Grundsätze und 33elange offen nach jeder Richtung zu vertreten und etwaige Störun­gen, welche die Weltanschauung aus der Betätigung im öffentlichen Leben ausschalten möchten, wirksam entgegenzutreten.

Wir können nur aufs neue unsere Glaubens­brüder auffordern, durch eine möglichst zahlreiche Teilnahme am Münsterschen Kaholikcntage alle Ab­sichten unserer Gegner zuschanden zu machen. Die 69. Generalversammlung der Katholiken Deutsch­lands wird alle vereinigen als Söhne und Tächter der einen katholischen Kirche, sie trägt nicht etwa politischen oder sonstwelchen, sondern durchaus religiösen Charakter.

Am Zehnhoff t*

Der frühere preußische Justizminister Dr. Hugo am Zehnhoff ist in Düsseldorf im 76. Lebensjahre nach längerem Leiden gestorben

Hugo am Zehnhoff wurde am 11. Februar 1855 in Bornheim (Kreis Bonn) geboren. Er studierte in Bonn, Leipzig und Göttingen Rechtswissenschaf­ten und wurde dann Rechtsanwalt, zuletzt beim Oberlandgericht in Düsseldorf, wo er auch Vor­sitzender des Vorstandes der Anwaltskammer war.

Politisch hielt er sich zum Zentrum und saß von 1898 bis 1908 im alten preußischen Abgeordneten­haus und von 1899 bis 1918 im alten Reichstag. Ebenso gehörte er dem neuen preußischen Landtag seit dessen Bestehen an. Im März 1919 wurde er preußischer Justizminister, ein Amt, das er seitdem im Wechsel aller Kabinette geführt hat, bis er am 3. März 1927, inzwischen amtsältester Minister in Preußen und Deutschland geworden, infolge seines hohen Alters zurücktrat. Sein Nach­folger wurde der preußische Zentrumsabgeordnete Dr. Hermann Schmidt.

Hugo am Zehnhoff,

hat durch seine unerschütterliche Sachlichkeit, die lauterster persönlicher Gesinnung entsprang, als Abgeordneter und Minister dem Zentrum zur größten Ehre gereicht. Er war unangreifbar auch in den Jahren hochsteigender politischer Tem­peratur. Das Zentrum steht in Dankbarkeit an der Bahre dieses edlen Mannes. R. r. p.

* Einweihung eines Ebert-Denkmals. Das mit finanzieller Unterstützung der Stabt Guben vom Reichsbanner Schwarzrotgold geschaffene Denkmal für den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert wurde durch eine schlichte Feier geweiht, an der auch Regierungspräsident Dr. Fitzner teilnahm. Aus den Nachbarstädten Forst, Kottbus, Sommer­feld und anderen Orten der Niederlausitz waren Abordnungen des Reichsbanners erschienen. Die Weiherede hielt der Reichstagsabgeordnete Mini­sterialrat a. D. Fa 1 kenburg. ;