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Anzeiger für die Stadt Julda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblakk

57. Mrs.

5t Vlrkh und Dl Slegerwald sprechen

I

Versammlung ehrlich ausgesprochen hat, daß auch der Doungplan, wenn die Wirtschaftskrise so wie bisher anhält, von uns nicht erfüllt werden kann. Die deutsche Politik geht seit 1921 einer ganz kla­ren Linie nach. Wir erkennen die Gesetzmäßig­keit der von uns unterschriebenen Verträge an. Be­züglich ihrer moral. Berechtigung dagegen haben wir unsere eigene Meinung. Wir sind bemüht, dis Verträge zu erfüllen, aber niemand kann mehr leisten, als in seinen Kräften steht. Es hat schon im Jahre 1919, um die Zeit, da der Versailler Vertrag unterzeichnet wurde, nicht nur im neutra­len, sondern auch im feindlichen Ausland einsichtige Männer gegeben, welche schon damals jenes Diktat für ungerecht und volkswirtschaftlich widersinnig hielten, lieber die deutsche Auffassung ist die Welt einschließlich Frankreichs nie auch nur einen Au­genblick im Zweifel gewesen. Frankreich hat seine Aufgabe dann darin erblickt, darüber zu wachen, daß an den Diktaten auch nicht ein Buchstabe ge­ändert würde. Seine schäbige Begründung des Einfalles ins Ruhrgebiet ist noch bekannt. Freilich ist der Vertrag nicht in allem erfüllt worden und die größten Lücken bestehen da, wo die Gegen- site hätte erfüllen müssen. Ja, Frankreich hat geradezu das Gegenteil dessen getan, wozu es durch Versailles verpflichtet wurde. Statt abzu­rüsten, hat es ausgerüstet. Zu dieser Haltung paßt Poincares Sprache nur sehr schlecht.

* lieber eine Spumageaffime im japanischen Teneralstab berichtet eine Exchange-Meldung aus Tokio. Ein Zeichner und mehrere andere Zivil­angestellte, die im Büro des Generalstabs be­schäftigt waren, wurden unter der Beschuldigung, im Dienst der Kommunisten militärische Geheim­nisse verraten und bolschewistische Propaganda un­ter den Truppen getrieben zu haben, verhaftet.

* Persien und der türkische Dormarsch. Reu­ter meldet aus Teheran: Das persische Außen­ministerium bestreitet die Richtigkeit der Nachricht von dem Vormarsch türkischer Truppen auf persi­schem Gebiet und ebenso die Nachricht, daß fie eine Note von der Türkei erhalten habe.

In einer großen Zentrumsversammlung in Cloppenburg sprach ReichsarbeitsministerDr. Stegerwald. Er führte aus: Wir haben in den letzten Jahren über unsere Verhältnisse ge­lebt. Wir sind uns nicht ausreichend bewußt ge­worden, was es für ein Volk bedeutet, den größten aller Kriege verloren zu ha­ben, den je die Weltgeschichte gesehen. Wir haben, um bolschewistische Zustände von Deutsch­land fernzuhalten, auf den verschiedensten Gebie­ten mehr getan, als es unserer Kraft im Augen­blick entsprach. Wir haben, um über die Tages­schwierigkeiten Hinwegzukommen, keine geordnete Finanzwirtschaft in Reich, Ländern und Gemein-

Vttkere Wahrheiten.

Reichsminister Dr. Wirth hielt Sonntagabend im Tivoli in Görlitz in einer stark besuchten Wahl­versammlung eine Rede, in der er u. a. ausführte, die Zentrumspartei wolle jetzt im deutschen Osten einen großen politischen Aufmarsch voll­ziehen. Die in diesen düsteren Tagen erfreuliche Tatsache, daß die Reichsregierung ohne Sozial­demokratie und die preußische Regierung mit So­zialdemokraten sich in der Ostfrage geeinigt hätten, sollte es eigentlich ermöglichen, diesen Wahlkampf in solcher Form zu führen, daß nachher auch p a r l a m e n t a r i f ch e Arbeit geleistet werden könne. Die Frage, ob die Demokratie in Deutsch­land möglich ist, sei zu bejahen, wenn alle Pav- teien die Demokratie wollten. Dr. Wirch sagte weiter, die Sozialdemokratie mache ihm den Vor­wurf, daß die heutige Regierung mit den Konser­vativen zusammenarbeite. Es könne aber sein, daß Breit scheid in der kommenden Regie­rung neben Treviranus in der Regierung sitze. Da das Zentrum in der Kulturpolitik konservativ sei, habe es die Konservativen freudig begrüßt, die sich nach 12 jährigem Ringen endlich zum Staat bekannt hätten. Beim letzten Regierungswechsel seien es die Sozialdemokraten trotz gegenteiliger Behauptungen selbst gewesen, die den Antrag auf Demission gestellt hätten. Was hätte da das Zentrum anderes machen sollen, als mit der Rechten zu gehen, wo die Sozialdemo­kratie zu starr, zu formal und zu wenig elastisch gewesen sei. Es sei ganz falsch, daß verschiedent­lich behauptet werde, es bestehe die Absicht, das Wahlalter in Deutschland heraufz »setzen. Kein Mensch denke im Ernst daran, wenn es auch ein Unsinn sei, wenn von Zwanzigjährigen die Politik bestimmt würde. Die ganzen dringen­den innerpolitischen Fragen der Finanzen, der Osthilse, der Arbeitslosenversicherung, ja auch der Erfüllung des Poungplanes hingen davon ab, ob die staatstreuen Parteien gestärkt aus dem Wahl­kampfe hervorgehen.

Im Schlußwort betonte der Minister, daß es eine traurige Erscheinung sei, daß trotz der Senkung der Rv h st o i ip r e i se. -um ’ unter den Stand der Vorkriegszeit, es bis jetzt nicht möglich gewesen sei, eine allgemeine Preissenkungsaktion durchzusetzen. Die Lösung werde sich erst in einigen Wochen zeigen. Er forderte jedenfalls, daß auf dem Gebiete des Kartellwesens bet den Markenwaren etwas ge­schehen müsse. Das darniederliegende.Gewerbe könne erst wieder voll in Gang gesetzt werden, wenn neue Absatzgebiete gefunden würden. In Deutschland gehe das nur durch die Hebung der Kaufkraft. Die Verhand­lungen über die Einführung neuen ausländischen Kapitals hingen ganz davon ab, ob die Frage der produktiven Erwerbslosensürsorge befriedigend ge­löst werden könne.

Anzulreffende Gerüchte.

Berlin, 18. August. (Eig. Meld.) (Amt- ben in einem Teil der Presse aufgel- Gerüchten, die den Herrn Reichspräsi- tE«' Besprechungen zwischen Herrn Reichs- ^,'ster Schiele und dem Kammerherrn von 5m,nburg-Januschau in Verbindung bringen oder En ein»r bevorstehenden Zusammenkunft Reichspräsidenten mit dem «nb'rer der Nationalsozialistischen o Aschen Arbeiterpartei, Adolf Hit- ?e wiss-n wollen, wird nochmals festgestellt, diese Meldungen in allen Teilen unzu- r*°ffenb sind. Der Herr Reichspräsident hält EÄitseinen Erholungsurlaub in Diet- vainszeil und hat keinerlei Schritte in dem Lbaupteten Sinne getan. Er mischt sich g r u n d - Tztzlich in keiner Weise in den Wahlkampf 'in Auch seine Erklärung in dem Prozeß gegen D-' Goebbels hatte keinerlei politische Gründe, ändern ist aus rein menschlichen Erwä­gungen heraus erfolgt.

— Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt 4 Art im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag 19U der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- .. leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Zwei Demagogen.

Hugenberg und — Hermann Müller.

Wir haben nicht die Absicht, uns an dieser Stelle näher mit dem „Vortrage" zu beschäftigen, den Hugenberg am 14. d. Mts. vor Lesern seiner Leib­presse und vor zahlreichen Neugierigen im Ber­liner Sportpalast gehalten hat. Hugenberg soll nach der Lobhudelei des „Tag" ein „Bekenner seines Wollens" sein, einer, „der auf jede demagogische Wendung verzichtet, weil ja ein Funken Unwahr­heit in ihr liegt". Gerade diese Rede Hugenbergs strotzt aber von demagogischen und somit selbst nach dem Urteile eines Hugenberg-Blattes von Unwahr­heiten und Unwahrhaftigkeiten. Mit Herrn Hugen­berg wegen seiner allbekannten Angriffe auf das Zentrum zu rechten, dem es bei den Vorgängen der letzten Zeit um nichts anderes als um die Erhaltung seiner innerpolitischen Stellung gegangen sei, wäre zwecklos, denn Herr Hugenberg läßt sich nicht be­lehren, und die Anhänger, die ihm noch geblieben sind,, werden durch seine Presse derart „eingene­belt', daß sie nichts anderes sehen, als „ihn, den Führer.".

Dieser „Führer deutscher Menschen" wird aber Zum Demagogen, zum Volksverführer, der ein umso verwerflicheres Spiel treibt, als er selbst wenigstens erkennen muß, daß der Plan, mit dem er dem hinter ihm stehenden Volksteil Rettung vor­gaukelt, gänzlich undurchführbar ist. Hugenberg «chlägt bekanntlich vor, die deutschen Tributlasten in Höhe von 2 Milliarden Mark jährlich auf das Aus­land abzuwälzen, indem man von allen Waren, die nach Deutschland eingehen, eine 15prozentige Re­parationsabgabe erheben solle. Von den verschie­densten Volkswirtschaftlern ist die Undurchführbar­keit einer „Tributabgabe" eingehend nachgewiesen worden; Herr Hugenberg aber preist fie immer aufs neue einem Publikum an, das offenbar von volkswirtschaftlichen Dingen keine Ahnung hat. Ge­wissermaßen als Antwort auf Hugenbergs Don- nerstagsrede veröffentlicht die „Deutsche Tages­zeitung" eine Darlegung des bisherigen deutsch- nationalen Reichstagsabgeordneten Dr. Reichert, des Geschäftsführers industrieller Verbünde, über

Revision.

• Jedesmal, wenn zwischen Deutschland und Frank­reich Meinungsverschiedenheiten auftauchten, mögen fie nun ernstlicher Natur sein oder nur auf Miß­verständnissen beruhen, die schnell ausgeräumt sind, tritt Poincare, während des Weltkrieges Präsident der französischen Republik, auf den Plan, um ent­weder in das schon entglommene Feuer zu blasen #lir aber diensteifrig seine Zündschnur für das Pulverfaß zur Verfügung zu stellen. Es ist nicht unnatürlich, daß ein solches Handwerk immer noch [eine Liebhaber und seine Bewunderer findet. Trotz­dem irrt Poincare, wenn er die Beziehungen zwi­schen den beiden Ländern für explosionsreif hält. Es sind glücklicherweise auf beiden Seiten Männer am Werk und an der Verantwortung, die weniger formal und mehr europäisch, d. h. menschlich den­ken als Herr Poincare.

Der jüngste Anlaß, daß Poincare in seinem Wochenartikel im „Exelsior" wieder feine ältesten deutschfeindlichen Walzen einspannte, war die be­kannte Rede des deutschen Ministers Treviranus, die zu Poincares und seines polnischen Nachbars Aaleski Schrecken ein weithinhallendes und gar seltsames Echo gefunden hat. Bemerkenswert dar­an war besonders zweierlei: daß sogar rechtsgerich­tete französische Blätter die Rede sachlich verständ­lich sanden und daß die englische Presse auf die ganje Angelegenheit eigentlich erst durch das fran- Mfme und polnische Geschrei aufmerksam wurde, M dann zu erklären, Deutschland habe selbstver- fmndlich bas Recht, eine Aenderung seiner östli- chen Erenzziehung anzustreben, ein Bruch des Ver- fmller Vertrags könne in einem solchen Streben JW erblickt werden. Daß Italien die deutschen Forderungen geradezu unterstreicht, mag Poincare auch nicht gerade angenehm sein, aber er gehört ja j-W zu den Franzosen, die die Italiener für eine nneuer Erbfeinde halten.

Was will Poincare? Daß ihm die Briandsche Politik niemals gepaßt hat, ist bekannt. Brian!' sich aber als Freund Stresemanns bezeichnet fr®, ar '.Temps" schreibt ganz ehrlich, Deutsch- Rios Hoffnung, den Versailler Vertrag revidieren B ronnen, sei auch das klare Ziel der ganzen Poli- stresemanns gewesen. Man scheint also, selbst K'W nationalistisch eingestellten Kreisen drü-

urit dem Gedanken mindestens eines ernst- Wien Revisionsversuches vertraut zu machen Lj ^ens gibt selbst Poincare sich den Anschein, als inhom "Eit, diesen Gedanken weiterzuspinnen.

Deutschland gewissermaßen den Weg Ls chüsse entweder mit dem interessiertes e unmittelbar verhandeln oder die ganze Am 'fett nt,eu •Dor Völkerbund bringen. Dabei o« ik>m ohne weiteres unterstellen, daß er je t Wucht des Völkerbundes, Frankreich geqen- u°°r burchzugreifen, nicht glaubt.

-was Poincare an Rcvisionspunkten aufzähst uni) ganzen richtig. Bezüglich der ijfJ Nehenden Beziehungen über die entmilitari- EWmWe Zone hat der Reichspräsident selbst iS lm Rheinland eine unmißverständliche An- ffi?« gemacht- Wie-die Dinge um Eupen- . meby stehen, weiß keiner so gut, wie Poincare.

mtni^ett die Rückgliederung dieser Kreise an thtopH* sDer^n^er^e' obwohl die anderen Mächte Stenii-L n churen. Der Irrsinn der östlichen V^Mehung, insbesondere des Korridors, wird Htm un$ volkspolitisch eigentlich von nie- höbe 9rU^r verteidigt. Poincare freilich blieb bas tenben m^EUt Vorbehalten, die im Korridor woh- 6r “° eH würden sich bei einer Aenderung terL Zustände zugunsten Deutschlands be= len* yäm siihlen und eine neue Jrredenta darstel- treurhf5-e „ Dinge im Korridor wirklich liegen, für M Herr Poincare nicht zu wissen. Denn hejj , spielt, wenn er Politik macht, die Wahr- K*rt„,r ,me untergeordnete Rolle. Deutschland, ^^auptet er, wolle nichts anderes als feine Nie- eh« Mit einer triumphierenden Revanche und Weick-n g^^enlosen Gebietszuwachs wieder aus- Sieh„ -Poincare weiß genau, daß die deutsche Btittärii*6' ro*.e er den Erfolg der internationalen hau»t L-lT,n Hilfsaktion für Frankreich nennt, über- labto ,1$: mehr ausgeglichen werden kann. Wir 6$ Dn„ cl Millionen Männer verloren, und was Müscht stvankreich gewünschte Friedensdiktat in

an Vermögens- und in ihrem Ge-

£ .Gemüts- und persönlichen Werten ver- Mcht Jv' Vorüber wird Herr Poincare sich Dieb St -vicht allzu viel Gedanken gemacht t)a« Nutet J 'örmte aber wissen, daß man uns zu- fie nnA Kriegsentschädigungslast zu tragen, wie Kliffen v'r e*n?m Volk auferlegt worden ist. Wir Wh nf 'te e D^ge immer wieder offen ausspre- K VJ*' es auch alle, bisherigen Regierungen ge- ■t«. . . Wir begrüßen es, daß Minister Dr.

w m diesen Tagen in einer großen Liegnietzer

I Monatlich 1,80 einfchließl. Postgebühr (48 Pfg.) ohne Zustellg. Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col.) lokal 0,15 JUl, auswärts 0,20 5U. Reklamezeile: lokal 0,60 JUt, auswärts 0,80 JO. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheck!. Franks, a. M. 4051.

Hugenbergs „Tributabgabe". Dr. Reichert, ein guter handelspolitischer Sachkenner Deutschlands, kommt zu dem Schluß:

„Das Ergebnis der Betrachtung ist, daß eine Abwälzung der deutschen Tributlasten auf die Schultern fremder Völker auf dem von Hugenberg gedachten handelspolitischen Weg unmöglich ist. Ein solcher Versuch würde wohl die schärfsten, ausländi­schen Gegenmaßnahmen Hervorrufen, aber er böte keine Gewähr dafür, daß er die Tributfrage in einem für Deutschland günstigen Sinne aufrollen und zur Beseitigung des Poungplanes führen würde. Ferner würden zahlreiche Industrie- und Handelsbetriebe, ja sogar ganze Wirtschaftszweige in ihrer Existenz bedroht, wenn nicht sogar völlig vernichtet werden."

Weil dieser Schluß jedem, der sich einigermaßen in der Handelspolitik auskennt, einleuchten muß und weil doch auch Geheimer Finanzrat Dr. rer. pol. Hugenberg einige Einsicht in diese Dinge haben muß- gerade deshalb ist fein Beharren bei dem Doi> schlage eine Unwahrhaftigkeit und Demagogie. Genau so ist es mit seinem „Leitmotiv" bestellt: „Wir wollen dem deutschen Arbeiter wieder Arbeit verschaffen.' die der Marxismus ihm genommen' hat, und damit zugleich Wirtschaft und Finanzen wieder aufrichten". So einfach, wie Herr Hugen­berg es hier dem Volke vorzureden sucht, liegt die Sache doch nicht, und an dem Herabfinken der deut­schen Wirtschaft, soweit es nicht eine Folge der Weltwirtschaftskrise ist, hat das System Hugenberg ein gerütteltes Maß von Schuld.

Der zweite Demagoge, von dem wir hier spre­chen müssen, ist leider — der frühere Reichskanzler Hermann Müller. Es ist tief bedauerlich, diesen Mann in einer solchen Gesellschaft sehen zu» müssen. Hermann Müller ist zweifellos einer der anstän-. digsten deutschen Politiker, dem auch das Zentrum oft genug seine persönliche Achtung bekundet hat.* Er hat aber auch während seiner letzten Regierung/ die Zügel schleifen lassen und hat die Kanzlerschaft! deshalb aufgeben müssen, weil er sich nicht einmal in seiner eigenen Partei mit seiner besseren Er-! kenntnis hatte durchsetzen können. Hermann Mül­ler hat sich auch gegen fein besseres Wissen aber­mals von den Demagogen in feiner Partei beein­flussen lassen, indem er sich in einer Stegreifrebe, die er am Abend des Verfassungstages von der Nürnberger Burgfreiheit herab hielt, die sozial­demokratischen Argumente des Wahlkampfes zu eigen machte. Man höre: 1

Das Volk hat am 14. September zu entscheiden.. Es muß links wählen, damit endlich einmal eine feste Linksmehrheit auch Ausführungsgesetze zum Artikel 48 machen kann! Es darf nicht wieder vorkommen, daß eine Regierung ihre Unfähigkeit mit dem Artikel 48 der Verfassung verdeckt."

Ausgerechnet Hermann Müller wirst also seinem : Nachfolger Unfähigkeit vor! Obwohl dieser das Meufchenmö^iche getan hat, um die Große Koali­tion am Leben zu erhalten! Und obwohl die Re­gierung' Brüning schicksalsschwere Probleme über­nommen hat, die zu lösen die Regierung Müller unfähig.war! Oder was ist es anders als Dema­gogie, von „Ausführungsgesetzen zum Artikel 48" zu reden, nachdem der eigene Parteigenosse in den 21 Monaten feiner Amtstätigkeit als deutscher Ver­fassungsminister nicht den Mut gehabt hat, einen Gesetzentwurf zum Ausführungsgesetze vorzulegen! Zudem hatte sogar Reichskanzler Hermann Muller selber ernstlich die Anwendung des Artikels 48 zur Regelung von Finanzfrage beabsichtigt! Keine ein­zige fozraldemokratische Zeitung wird es wagen, ihren Lesern die Wahrheit über den Artikel 48 zu sagen, wie sie z. B. das „Tagebuch" in seinem neuesten Hefte bei einer Beurteilung der Königs­berger Rede des preußischen Ministerpräsidenten folgendermaßen ausspricht: ....

„Man muß gestehen, daß diese Darlegungen Otto Braun ebenso zur Ehre gereichen, wie seinen Parteigenossen zum Gegenteil. Denn in dem Sinne, in dem die Ebertschen Notverordnungen verfas­sungswidrig waren, sind es zweifellos auch dw jetzi­gen Verordnungen gewesen, und wer gegen (Eberts Spiel mit dem Artikel 48 protestiert hat, kann heute mit dem gleichen Recht protestieren Leider hat eben nur zu Eberts Zeiten die sozialdemokratische Reichstagsfraktion Verfafsungsschwierigkeiten sehr milde beurteilt, sie hat keinen Antrag auf Aufhe­bung der Ebertschen Notverordnungen im (- Reichstag gestellt, kein Ausführungsgesetz zum Artikel 48 dem Reichstag vorgelegt, — ste hat es bei dem Präjudiz bewenden lassen, auf das sich Eberts Nachfolger nunmehr berufen konnte. Und gerade jetzt sollte schwarz sein, was früher we'tz war? Die sozialdemokratischen Wahlredner wer- den Mühe haben, den Unterschied zwischen Eberts und Hindenburgs Artikel 48 ihren HorernbegreF- lich zu machen. Das Argument, daß Einwande gegen Ebertfche Verfasfungswidrigke-.ten den Da­maligen Reichspräsidenten verärgert hatten, kon- neu sie anstandshalber nicht in die Debatte werfen.

Sollte nicht auch Hermann Muller von der Richtigkeit dieser Logik überzeugt sein?

Aus demMMrjuhrlmch desMIerbuudes

Das ©eneralfetretariat des Genfer Dolkerbun- des hat soeben sein Militänahrbuch tm 6. W- aang herausgebracht. Wie immer, ,o wird auch iih»r bie Heeres- und Marmestarken, die Luftwaffen und Rüstungsausgaben aller Länder berichtet Der Generalbericht erstreckt sich diesmal auf nicht weniger als 61 Länder einschließlich, ihrer Kolonien und Mandatsgebiete. Neu ist em Ver- zeichnis der Rohprodukte der einzelnen Lander, die für die Landesverteidigung von Bedeutung sind. Jntcessanter und politisch bedeutungsvoller ist frei­lich das Bild, das wir auf Grund dieser Volker- bundsstatrstrk über die Rüstungen in der Welt ge­winnen. .

Fragen wir zunächst wie es m Europa aus- sieht? Im Deutschen Reich stehen insgesamt 114 200 Mann unter den Waste», die 665,7 Mill. Rm. ko­sten. Das macht auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet eine jährliche Rüstungsbelastung von 10,5 Mark. Frankreich besitzt 596 000 Mann unter Waffe», die 1,8 Milliarden Mk. an Kostenaufwand

— Die Kandidaturen.

den getrieben. Und nun, nachdem wir den Neuen Plan angenommen haben, nachdem der außen­politische Druck abgefchwächt und zurückgedrängt ist nachdem Deustchland von fremden Truppen frei' ist, ist die Stunde gekommen, wowirunser Haus int Innern in Ordnung bringen ntüff en. Unsere innere Neuordnung in den nächsten Jahren wird sich nur mit den hef­tigste» Kämpfe» durchsetzen lassen; umso­mehr, als es in den nächsten Jahre» überwiegend um wirtschaftliche und finanzielle Fragen, geht, in denen das deutsche Milk fo*= zial so zerrissen ist, wie kaum ein anderes Volk der Welt. Das ist eben die falsche Einstellung in Deustchland, daß jede Jnteressenten- gruppe glaubt, daß, wenn ihren spe­ziellen Wünschen jeweils Rechnung getragen werde, sie dauernd am besten fahre. Das ist engstirnig, das ist nicht staatspolitisch gedacht. Die deutschen Reichs­tagswähler müssen lernen, daß nicht die Jnter- essentengruppen, nicht die politischen Parteien, sondern der Staat, die im Staat zusammen- gefaßte Volksgesamtheit, Ausgangs- und Mittelpunkt auch für das Wohlergehen des Ein­zelnen ist. Jnterefsentengruppen vermöge» keinen gemeinschaftlichen Staatswillen aufzubringen.

Wir haben davon auszugehen, daß wir in Deustchland in einer privatkapitalistischen Ordnung leben. Ob uns das gefällt oder nicht, darauf .kommt es zunächst nicht an. Wenn dem aber so ist, dann muß man auch den ungeschriebei- nen und psychologischen Gesetzen dieser Ordnung Rechnung tragen, bann kann man nicht in einer schweren Wirstchaftskrisis sozialistische Wirstchafts- und Steuerexperimente machen. Sonst tut man das Entgegengesetzte von dem, was die Stunde heißt, man vermehrt und verewigt die Arbeitslosigkeit, anstatt die Arbeitslosen wieder in den Produktionsprozeß einzugliedern.

Die Arbeitslosensrage ist in Deutschland neben der Jnordnungbringung der Landwirtschaft und der Finanzen des Reichs, der Länder und der Gemeinden in der nächsten Zeit das Kernpro­blem der deutschen Politik. Das Ent­scheidende in der Arbeitslosenfrage ist die Wieder- hesttellung des Vertrauens zu Staat und Wirt­schaft und in Staat und Wirtschaft, ohne dieses wird die Arbeitslosigkeit zur Dauer- ! erscheinung.

I v. Seectt als Politiken.

END Magdeburg, 18. August. (Eig. Meld.) (Seneratoberft o. Seeckt, der sich zur Uebernahme der volksparteilichen Spitzenkanditatur im Wahl­kreis 10 (Magdeburg, Anhalt) bereit erklärt hatte, begründet seine Annahme, indem er unter anderem ausführt, er habe, als ihm zunächst der volkspartei­liche Führer Scholz eine Kandidatur anbot, innere Widerstände überwinde» müssen, aber er halte jeden, der die Kraft dazu in sich fühle, ver­pflichtet zur tatkräftigen Mit­arbeit an der Behebung der der­zeitigen gefährlichen politischen Lage. Der Deutschen Volkspartei habe er sich angeschlossen, weil er glaube, daß er sich auf ihrem Boden am besten noch einmal zur Verfügung stel­len könne. Als seine politische Aufgabe bezeichnet er die Mitarbeit an der Einigung einer national denkenden bürgerlichen Partei. Im Wahlkampf und insbesondere nach ihm müßten große ge­meinsame Gedanken heraus gestellt wer­den