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57. Zohrg.

Mittwoch, 13. August 1930

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die West im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- .. iritung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

M aerZ ertung

Anzeiger für die Staöf Julda und öenCanötreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

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Wahlen und christliche Kulkurgüler.

finanziellen und wirtschaftlichen Fragen ste- < niabl bei diesen neuen Wahlen zum Reichstag ^"Vordergrund der öffentlichen Diskussion. Aber :m um die Wirtschaft, um die Rettung der Zollpolitik in gesunde Bahnen, ist nicht größer . h e Sorge um die Erhaltung und Sicherung östlicher Kulturideale, um die es ebenfalls in SjL 'Wahlkampf geht. Wir sagen nicht zuviel, wir behaupten, daß die christliche Kultur ^K-fabr ist. Ehe, Kinderfürsorge, Karitas, christ-

Familie, darin liegt schon ausgedruckt, was wir über die Krise des deutschen Volkes zu sagen ^"^Wir wenden uns immer mit Abscheu von den a,.ständen, wie sie uns Nachrichten aus dem Räte- Änb schildern. Mit Entsetzen lesen tmr von hm Schänd- und Ereueltaten gegen die Kirchen. M> wir sagen, so etwas ist bei uns in Deutsch­land doch noch nicht möglich.

Das mag sein. Wenn man nicht tiefer hinter ble Kulissen siebt, wenn man lediglich die wenigen, ober doch erschreckenden Ereignisse gleicher Art L uns in Deutschland nicht berücksichtigt. Aber «i'r fragen uns, ob nicht auch in Deutschland durch die iünqsten Ereignisse Bilder sich entrollten, welche den bolschewistischen bestimmt nicht nachstehen. Man acht nur bei uns etwas vorsichtig zu Werke, man bat noch nicht den traurigen Mut wie in Sowjet- Rußland, zu Priestermorden und Hinrichtungen gläubiger Christen zu schreiten. Aber die Besude­lungen von Kirchen durch Freidenker, wie es in Berlin schon wiederholt geschehen ist, die Störun­gen der Sonntagsmesse in vielen Kirchen Berlins, Sachsens und anderen Provinzen, die Unmöglich- machung von Abendandachten, sind das nicht auch vnti-kirchliche Exzesse, die uns warnen?

Die Freidenker gehen planmäßig zu Werks. Jeden Sonntag durchziehen Gruppen die deutschen Lande, scheuen sich nicht, Priester und Gläubige auf ihrem Kirchgang zu belästigen, verteilen in Hülle und Fülle Flugblätter, in denen die Kirche und ihre Einrichtungen beschimpft werden, in denen man auch zum Austritt aus den Kirchen auffordert. Und denken wir an die berüchtige „Jfa" in Ber­lin, an das Christus- und Papst-Transparent. All diese Fälle geht auf das Konto der Freidenker im Bunde mit den Sozialisten und Kommunisten, welche mit allen nur erdenklichen Mitteln danach streben, die christliche deutsche Kultur zu untergra­ben und an deren Stelle neuheidnische Moralde- griffe zu fetzen.

Der Freidenkerverband, zu dem sich Sozialisten und Kommunisten bekennen, der in der Praxis nchts anderes darstellt als eine Filiale des bol­schewistischen Verbandes „der Gottlose", ist bei uns schon zu starker Macht gekommen. Er zählt bereits 1700 Ortsgruppen mit über 700 000. Mit­gliedern. Er ist ungemein rührig. Tag für Tag werden die Kirchen und die Gläubigen kontrolliert, wird alles nur erdenkliche Material zusammenge­tragen, das im Kampf gegen das Christentum Ver­wendung finden soll. Ein eigenes Presseorgan „Der Freidenker" und sonstige Schriften des Frei­denkerverbandes verspotten in jeder Ausgabe in uschr zu überbietender Weife Kirche, Priester, Re­ligion und christliche Kultur. Im Theater, im Ra- mo, in Versammlungen überall wird das Gift der Gottlosigkeit in die Herzen der Menschen zu streuen versucht. Ja man dringt schon in die Schulen ein. Denken wir nur an die „Kinderfreundebewegung". 3m Alter von 6 bis 14 Jahren werden hier nach «er Statistik 150 000 Schulkinder vom Freidenker­verband erfaßt und „aufgeklärt". Diese Zahl ver­wehrt sich täglich. Darin gerade liegt eine der Müßten Gefahren, auf die wir aufmerksam zu ma- wen haben. Eine gott- und religionslose Genera­tion wächst heran. Deren Kinder wiederum wer­ben ebenfalls religionslos sein.

Als man zur sogenannten „Anti-Kriegs-Demon- ltration" am 1. August in Berlin schritt, da lautete g a- ein Sprechckor der sozialistischen Arbeiter- lugend:

!: "3um Teufel Ihr Pack, jetzt kommen im Schritt, 3m Gleichschritt und Tritt, die roten Fahnen

. des Aufruhrs mit

) die Knie, in den Dreck,

Ausbeuter verreck!" . . .

Don den Jugendverbänden wurden Transpa- *. e mitgeführt, und zwar bei den sozialistischen M bei den kommunistischen Demonstranten mit HF Aufschrift: „Heraus aus der Kirche!", „Reli- M ist Opium für das Volk!". Die Sozialisten bhen gleichzeitig „Merkblätter" verteilen mit be­

stimmten Anweisungen, wie man am „schnell­sten" von der Kirche loskommt.

Sind das nicht Warnungen über Warnungen? Doch nicht nur von links droht der christlichen deutschen Kultur diese Gefahr. Es gibt auch noch andere Kreise, die Religion und christliche Sitte untergraben. Hier sind an erster Stelle zu nennen der „Tannenbergbund" Ludendorffs, welcher von seinen Mitgliedern den Austritt aus der Kirche und das Bekenntnis zu einem neuheidnischen Deutschtum verlangt, auch die Nationalsozialisten, welche sich in unflätigsten Beschimpfungen gegen die Kirche und ihre Diener ergehen.

Es gehören dazu aber auch die vielen Gruppen des Liberalismus, welche ebenfalls die Religion be­kämpfen, welche eine gewiffe Freiheit auch auf dem Gebiete der Moral, der Sitte, der Kunst, des Thea­ters wollen, die aber zu nichts anderem führen kann, als zur weiteren Demoralisierung, als zur Zerstörung christlicher Kulturgüter. Unwillkürlich wird man an die Worte des alten Freimaurers Weißhaupt erinnert, der einmal gesagt hat. Macht die Völker unsittlich und die Religion geht von selber.

In den Parlamenten sind diese selben Kräfte am Zerstörungswerk. Welche "Kämpfe mußten schon ausgefochten werden zur Erhaltung und Ret­tung der christlichen Familie, der christlichen Ehe, zum Schutze der Kinder. Wer erinnert lich noch an den Kampf um den Abtreibungsparagraphen, der noch nicht beendet ist und der auch im neuen Reichstag wieder aufleben wird.

Nur in großn Zügen können wir hier die Ge­fahren anzeigen, die sich bei uns auftun und schon viel Unheil angcrichtet haben. Aber in die Oef- fentlichkeit dringt, was hinter den Kulissen von diesen Kreisen getrieben wird.

Ja es sind große Mächte bei uns in Deutschland an der Errichtung eines gottlosen Reiches beteiligt. Es wäre geradezu frevelhaft, an dieser Tatsache stillschweigend vorbeizugehen. Wir müssen mit aller Rücksichtslosigkeit erklären, daß die Abkehr von Gott schon weiteste Volksschichten ergriffen hat, nicht nur bei den Arbeitern, sondern hinüber bis zu den Akademikern.

Noch ist erfreulicherweise der größte Teil un­seres deutschen Volkes gläubigen Sinnes und ver­urteilt die Taten und die Bestrebungen der Gott­losen. Aber wenn wir die Gefahr überhaupt ban­nen können, dann ist das nur möglich durch ein geschlossenes, einiges Zusammengehen von Kle­rus und Volk zur Abwehr des vor den Toren ste­henden Kulturbolschewismus, zur Rettung christ­licher deutscher Kulturgüter.

Das christliche deutsche Volk muß auch am Wahltage sich seiner Aufgabe und Pflichten ge­genüber der Kirche und der christlichen Organisa­tion bewußt sein, muß mit dem Stimmzettel in der Hand dafür Sorge tragen, daß die Äoßkraft der Parteien, welche diese gottlose Ziele verfolgen, wie die Sozialisten, Kommunisten, Nationalsozia­listen, nicht nur gebrochen, sondern so geschwächt wird, daß es den christlichen Parteien im Reichs­tag bei den Gesetzesaufgaben möglich, wird, sie im christlichen Geiste zu lösen.

DerReichspräsidenNnAlünchen.

wtb. München, 12. August. (Eig. Meld.) Reichs­präsident von Hindenburg traf in Begleitung sei>- nes Sohnes, Oberstleutnant von Hindenburg, heute vormittag 9,40 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Berliner Zug in München ein. Er hat Berlin in der Nacht nach dem Derfassungstag verlassen. Der Vertreter des Reichs, Gesandter Dr. Hantel von Haimhausen und Polizeipräsident Koch empfingen den Reichspräsidenten, der sich kurze Zeit mit ihnen unterhielt und sich dann zum Kraftwagen begab, der ihn nach Dietramszell bringen wird. Als der Reichspräsident der auf dem Platz an der Bayernstraße harrenden, vieltausendköpfi­gen Menge sichtbar wurde, erschollen brausende Hochrufe, die den Wagen begleiteten, bis er den Blicken entschwunden war.

Der „Bölkische Beobachter" auf drei Tage verboten.

wtb. München, 12. August. (Eig. Meld.) Einem Ersuchen des Reichsministers des Innern ent­sprechend, wurde der in München erscheinende „Völkische Beobachter" von der Polizeidirektion München auf drei Tage verboten. Der Reichs- minisier des Innern erblickt in Ausführungen, die in der Nummer 184 vom 5. August 1930 enthalten waren, einen Verstoß gegen das Repu­blik s ch n tz g e s e tz.

Ein Nachwort zur versaffungsseier

Freunde und Feinde der Republik gegenüber zu stellen. Heute kann man diese Teilung wohl kaum in dieser Schärfe erkennen. Das Bürgertum hat sich politisch mit der Republik aus­gesöhnt, aber es drohen neue schwere Gefahren für den wirtschaftlichen und schließlich auch poli­tischen Stand der bürgerlichen Republik. Die wirt­schaftliche Not steigert den Gegensatz zwischen Be­sitz und Nichtbesitz - ins Unendliche. Die Klassen­gegensätze werden schärfer und dne bürgerliche De­mokratie liefert nicht mehr das Mittel, die wirn- schaftlichen Gegensätze zu überbrücken und abzu­schwächen. Ein gesundes Staatswesen setzt vor­aus, daß auch eine gesunde und tragfähige wirt­schaftliche Grundlage vorhanden ist. Diese fehlt aber heute in Deutschland fast vollständig. Nicht von der politischen Seite drohen die schwersten Gefahren, sondern von der Wirtschaft, von der Unmöglichkeit, Millionen wertvoller Menschen und Staatsbürger Arbeit zu schaffen.

Die Gliederung der Wählerschaft und der Be­

ai$te diesjährigen Verfafsungsfeiern standen wohl ^.Seinem unter dem Druck der wirtschaftlichen Not

noch in keinem Jahre waren sich die Fest- °Ner so des E r n st e s der Stunde bewußt, als siez 2Rat. Auch der Reichsinnenminister Dr b ’rtl), der feiner ganzen Natur nach nicht zu ^Pessimisten gerechnet werden kann, brachte doch An?^dentlich in seiner Festrede im Reichstag zum . v>ruck, daß die Lage politisch wie wirtschaftlich di»-" ^ordentlich sch w i e r i g ist. Es hilft K2sttlQf kein Hinwegphilosophieren. Im norma- W^ politischen Kampf kann man den Gegner be= tcn ren' 'dm unlautere Absichten vorwerfen, Mtan P1011 Hm über dies und jenes streiten, aber ■‘WF tr“ntT au$ bei aller Heftigkeit der politischen ctin *Dn "icht hinwegstreiten, daß wir uns t n iWnV furchtbaren Wirtschaftskrise Eta «rj11, die auch den Staat in seinen Grundfesten ; ” erschüttern droht.

|Lg®ie Lage ist jetzt eine wesentlich andere als Die Gruppierung ging dahin, die

völkerung überhaupt wird bei zunehmender wirt­schaftlicher Verschlechterung der Lage immer mehr nach wirtschaftlichen Interessen vollzogen werden. Das ist aber das Gefährliche an der Sache. Es wird für jede Regierung immer schwie­

riger, die Gegensätze zu überbrücken und zwischen den sich eigentlich gegenüberstehenden Interessenten e i n e n A u s g le i ch zu schaffen. Schließlich muß durch den Kampf der wirtschaftlichen Grustpen auch der demokratische Staat gefährdet werden.

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Die große Verfassungsfeier der Reichsregierung im Reichstag, bei der Reichsinnenminister Dr. Wirth die Festrede hielt, die wir schon kurz Wiedergaben.

Nach Wirth sprach der Reichskanzler. Er sagte u.a.: Als wir vor einigen Wochen am Rhein den Tag der Befreiung von fremder Besatzung begehen konn­ten, haben wir rückschauend mit dankbarer Aner­kennung der tapferen und erfolgreichen Haltung der rheinischen Bevölkerung gedacht, die in den Zeiten größter Not mit unerschütterlichem Glau­ben an die deutsche Zukunft einig und geschlossen für Unser deutsches Vaterland Opfe- und Entbeh­rung auf sich nahm. Hier wurde der in der Reichsverfassung niedergelegte Gedanke „durch deutsche Einheit zu deutscher Freiheit" in vollem Sinne wahrgemacht. Sollte darin nicht auch an diesem Tag die Genugtuung liegen, einig und geschlossen zusammenzu stehen? Eine der schwersten Wirtschaftskrisen, deren Umfang und deren Auswirkungen wir noch nicht übersehen kön­nen, durchzieht die ganze Welt. Zugleich beginnen die Wogen des Wahlkampfes um einen neuen Reichstag mit all ihren unerfreulichen Begleit­erscheinungen des Mißtrauens und der Zwietracht durch unser Land zu gehen. Die Stunde erfordert Einsicht und Vertrauen in die Zukunft. Treten wir geschlossen einig zusammen. Nie­mand sei von der Mitarbeit ausgeschlossen, der es ehrlich mit dem Ausbau unseres Staates meint. Geloben wir am heutigen Verfassungstag aufs neue, der Reichsverfassung lebensvollem Inhalt zu geben. Fühlen wir uns auch in diesen Tagen als Brüder und seien wir be­strebt, bei fachlichem Meinungsaustausch auch dem politischen Andersdenkenden die ihm zxckommende Achtung zuteil werden zu lassen. Sie, Herr Reichs­präsident, und Sie, meine Damen und Herren, bitte ich, mit mir einzustimmen in den Ruf: Das in der Republik geeinte deutsche Volk, es lebe hoch!

Die Festversammlung stimmte dreimal in den Rus ein. Der gemeinsame Gesang des Deutsch­landsliedes schloß die Feier.

Im Anschluß an die Feier im Reichstag schritt

Reichspräsident von Hindenburg die Front der Ehrenkompanie vor dem Reichstagsgebäude ab. Neben ihm Reichswehrminister Gröner.

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Der Derfaffungsfeier im Stadion Berlin-Erunewald

Unter Beteiligung Tausender von Berliner Schulkindern wurde das Festspiel „Deutschlands Strom" von Reichskunstwart Dr. Redslob aufgeführt.

„Ferner liefen- — 92 Prozent.

Die Chancen der ttandidaken.

Nicht weniger als 5369 Reichstagskandidaten gehörten bei den letzten Wahlen zur Kategorie derer, von denen der Fachmann des grünen Ra­sens sagt: „Ferner liefen . . . ". 5860 Kandida­ten waren ausgestellt und nur 491 konnten ihr Ziel erreichen. Kann es ein deutliche­res Zeichen dafür geben, daß die Auswahl der Kandidaten nicht ein Problem der Qualität, son­dern ausschließlich der Quantität ist? So reich­

lich sind denn doch leider Gottes die Führerper­sönlichkeiten im Deutschen Reich nicht gesät (und dann ist noch sehr die Frage, ob mit Hilfe dies nun einmal geltenden Wahlsystems wenigstens von jenen 5860 Bewerbern die Geeignetsten zu Vertretern des Volkes erwählt wurden). Wie die Dinge sich jetzt darftellen, wird es am 14. Septem­ber ös. Is. ganz ähnlich werden wie im Mai 1928, wo in 35 Wahlkreisen rund 642 Kreisvorschläge eingereicht wurden, sodaß also auf den Wahlkreis rund 18,5 Vorschläge, d. h. Parteien entfielen. So gab es im Wahlkreis Mecklenburg „nur" 15