MWM
1930
Son-er-Nummor der futtaet Zeitung
ro. J»h -
an die Abendsonne ge«.
Liebe Mutter
wieder fort, Bergen dort?
hältnis der erste und alleinige Ansatzpunkt für die unendlich geduldvolle Arbeit des Aufbaues seines Selbst- bewuhtseins. Irgendeine kleine Fertigkeit beherrscht vielleicht das Kind besser als seine Mitschüler; ein kleiner Vorzug zeichnet es vielleicht vor allen andern Kindern aus. »it kleine Geschicklichkeit — auch wenn sie sich in anspruchslosester Weise im kindlichen Spiel offenbart — kann für das Kind — recht erkannt und gelobt — zum schwachen Erlebnis seines Selbstbewußtseins werden. An diesen Kern wird sich bald der Niederschlag anderer ähnlicher Erlebnisse ansetzen. Schüchtern wird das Kind — einmal ermutigt — versuchen, sich auch an dem Unterrichtsleben zu beteiligen. Keine seiner Aeußerungen. darf weder vom Lehrer noch von den Mitschülern zurückgewiefen werden. Es steht Wertvolleres auf dem Spiele als der glatte Verlauf eines Unterrichtsgespräches.
Eines ist vor allen Dingen not. Die Schule kann bei dieser Erziehungsarbeit nur Hilfe leisten, im besten Falle Wege weisen. Der Schwerpunkt aller Arbeit liegt in der Familie. Zusammenarbeit zwischen Schule und Haus ist in einem solchen Falle unumgängliche Voraussetzung des Gedeihens.
Das seelische Leben des Kindes ist unendlich reicher, als es nach diesen Ausführungen erscheinen könnte, und unendlich zahlreich sind auch die Wege, die zur „Dumm-
Bleib doch,ein D..lchen noch bei mir, es ist so schön im Gärtchen hier!"
Und als dis Sonne schied, ohne mir zu antworten, da standen mir die Tränen in den Augen. Auf diese Art ist jenes Gedicht eines meiner Lieblingsgedichte geworden, und wenn ich heute ab und zu mein altes Lesebuch durchblättere, so bleibt mein Blick auf diesen Versen und dem beigefügten gütigen Antlitz der Sonne länger und besinnlicher hasten.
Damals, als ich noch nicht zur Schule ging, lag ich nach, dem Zubettegehen oft och lange wach, schmiedete Pläne und konnte den Tag kaum erwarten. Das war die Zeit, in der ich di" Nacht als "twas Unnützes und den Schlaf als etwas Hinderliches et pfänd. Ich muß mir heute sagen, daß sich..die Zeiten ändern. Als dann wieder einmal Ostern herangekommen war, mußte ich zur Schule. Ich freute mich darauf, und solange mir die Bretzel noch in wacher Erinnerung stand, gefiel es mir auch ganz gut darin. Und dabei fällt mir ein kleines Stückchen ein.
In den ersten Sagen fragte der Lehrer einen jeden Schüler nach dem Berufe des Vaters. Sie antworteten alle „Bauer". Mir war die Sache nun zu dumm. Eins Selbständigkeit, die ich mir heute noch nicht ganz verkneifen kann, ließ es nicht zu, daß ich nachsagte, was die anderen schon alle vor mir gesagt hatten. An diesem Tage nun fuhr mein Vater Jauche aufs Feld, und das hatte ich morgens wahrgenompien. Warum sollte ich also den Beruf meines Vaters nicht genauer an- geben? Und so antwortete ich frisch-fröhlich zum großen Gaudium des Lehrers und der älteren Schüler: „Mein Vater ist Iauchefahrerl"
Dergleichen Dinge unterliefen mir noch oft, und ich befand mich vorläufig ganz wohl dabei. Aber je länger ich in die Schule ging, je ernster und alltäglicher der Unterricht wurde, um fo glücklicher und unbehaglicher begann ich mich allmählich zu fühlen. Die,eit Uebergang merkte ich eigentlich nicht unmittelbar, et vollzog sich unmerklich und unbewußt, bis ich eines Tages deutlich wußte, daß es einmal eine Zeit gegeben hatte, in der ich glücklicher gewesen war. In diesem Augenblick erst trat dieser Zustand in mein Bewußtsein ein, jedoch vermochte ich die Gründe dafür nicht zu erkennen. Ganz unbewußt aber begann ich nun danach zu forschen und zu suchen, um mich von diesem elenden Niedergedrücktsein befreien zu können, das ich manchmal fast als einen körperlichen Druck empfand. Aber ich bemühte mich vergeblich, um das Gefühl, das mit dem bekannten bösen Gewissen viel Aehnlichkeit hatte, blieb.
Ich begann nun geradezu zu überlegen: „Was hast du pur Böses geta *>“ Ich wußte es nicht. Ich wußtt nur, daß etwas auf mir lastete, das ich nicht los zuwerden vermochte. Ich hoffte von Tag zu Tag, dieses Unheimliche und Niederdrückende möge verschwinden. Es verschwand nie mehr. Nur leichter wurde es mir bei einer späteren Gelegenheit. Das war, als ich mich aus einem Taugenichts, zu dem ich bald genug geworden mar, zu einem braven und willigen Schüler gewandelt hatte. Wie las herging, das habe ich schon früher erzählt.
Die Erkenntnis, daß es der Schulzwang war, der mich' fo bedrückte, kam mir damals noch nicht, so allmählich, gleichmäßig und unmerklich hatte er sich über mich gelegt, dank der pädagogischen Geschicklichkeit meines Lehrers. Heute weiß ich, daß der Eintritt und der damit verbundene Zwang die Ursachen jener Bedrückung waren, und daß die glü "lichste Zeit meines Leben» mit ihnen abgeschlossen waren. Die Sorgen begannen damals für mich, die ersten Sorgen der Kindheit.
Aber auch das weiß ich heute, daß diese Sorgen goldene Sorgen waren.
Schlaue soll nicht jedem Dummen einfach auf die Stirn tippen und ihn liebenswürdig „Esel" schimpfen!
, Christian, der ehemalige untüchtige Schüler ist ohne Einschränkung ein tüchtiger Alltagsmensch geworden. Er setzt unbewußt eine große Lebensweisheit, die das Fundament jedes Einzel- und Gemeinschaftslebens ist, in die Tat um. Was bei Buchmenschen als blutleeres Gerede aus der Feder fließt und Schall und Schein bleibt, das predigt bei ihm jeder arbeitsreiche Tag laut und eindringlich: Jeder Mensch hat mit seinem Talente, und wäre es noch so bescheiden, zu wuchern und sich in Ordnung, Geduld und Fleiß um die Lebensnotwendigkeiten und eine gediegene Lebenshaltung zu bemühen! Wenn alle Eltern, Lehrer, Erzieher, Vorgesetzten, überhaupt alle vernünftig sein wollenden Menschen in diesem Sinne das Tun und Lassen der Menschen bewerten wollten, würden sie zum Glück und zur Zufriedenheit manches armen Menschen von der Art des Christian beitragen. Wie leuchten die Augen solcher Geistesärmern, wie werden sie zur Entfaltung ihrer ganzen Kraft an« gespornt, wenn sie bann und wann liebevolle Anerkennung für ihren Fleiß finden! Wie sind sie stolz darauf, auch etwas zu gelten und auch etwas wert zu fein! Wie jede Blume in ihrer Art, ganz gleich, ob sie den Menschen gefällt, ein Schmuck in Gottes Garten ist, so ist jeder Mensch in seiner kindlich-natürlichen Art ein Eotteskind, das ein_Recht_Mü_alsMMLLL.
gelauscht hatte, habe ich mich wandt «nd feierlich gesagt:
„Sonne, du gehst schon was tust du hinter de
Heute möchte Ai; mit dir sprechen, wie wir gemeinsam unfern schwachbegabten Kindern Helsen können. Du weißt vielleicht aus eigener Erfahrung, wie schwer das einem mitunter wird. Du glaubst wohl auch, daß auch uns der Unterricht solcher Kinder unendlich viel Mühe kostet. Aber auch das wirst du vielleicht verstehen, daß man in jahrelanger Arbeit manche Erfahrungen gemacht hat, um einen Rat geben zu können.
Zunächst möchte ich eine kleine Geschichte aus unserrn Schulleben erzählen. Es war vor mehreren Jahren. An einem trüben Wintermorgen klopfte es an meiner Schul- türe. Als ich heraustrat, stand die Mutter einer meiner Schülerinnen da. Sie war in großer Erregung. Ihre kleine Tochter Regina, die feit einem Jahre unsere Schule besuchte, war ein außerordentlich schwach begabtes Kind. Ich hatte am Tage vorher durch ihre ältere Schwester Maria der Mutter sagen lassen, daß Regina Ostern nicht ins 2. Schuljahr aufgenommen werden könne, daß es für das Kind besser fei, es würde noch einmal alles von Grund auf mitdurchmachen. Diese Nachricht konnte der Mutter nicht ganz fremd fein, denn im Laufe des Jahres hatte ich die ältere Schwester — die übrigens meine beste Schülerin war — oft darauf aufmerksam gemacht, daß es mit Regina wohl nicht vorwärts ging, ich hatte ihr dringend ans Herz gelegt, sich ihrer zu Hause anzunehmen. Ich selbst hatte manche freie Minute für das Kind geopfert, aber all unsere Bemühungen hatten nicht den gewünschten Erfolg. Und nun war die Mutter ob dieser Botschaft in ganz großer Aufregung. Ich war erstaunt über all das, was ich da zu hören bekam. Wenn man auch verstehen kann, daß es für eine begabte Mutter hart fein muß, ein Kind zu haben, das nicht mitkommt, wenn man sich auch sagt und sagen muß, daß man nicht jedes in der Erregung gesprochene Wort auf die Goldwaage legen darf, so tut es doch schmerzlich weh, bann entweder offen ober versteckt hören zu müssen, daß wir die Schuld daran trügen, daß wir ihr Kind nicht leiden könnten, daß wir andere Kinder bevorzugten, und wie die Vorwürfe alle heißen mögen. Am törichtesten und unverständlichsten wird mir immer die Bemerkung bleiben: „Es wäre mir noch viel lieber. Sie würden mein Kind jeden Tag mit dem Stock strafen, als daß sie sitzen bleiben muß". Alle meine Bemühungen, die erregte Frau zu beruhigen, waren umsonst. Ich versuchte ihr durch den Hinweis auf die Stellung der älteren Tochter klar- ! zumachen, wie töricht doch ihre Annahme fei bezüglich des Nichtleidenkönnens. Nur eins hätte sie beruhigt, das Wort: „Regina wird steigen!" Das konnte ich nicht sagen Ich hätte damit dem Kinde und allen anderen Schülern sehr geschadet. So muhte ich die Frau in der Verbitterung fortgehen lassen.
Und doch hätte die Unterredung mit der Mutter viel fruchtbringender fein können. Glaubst du nicht, daß es schon um vieles besser gewesen wäre ,fie hätte den Weg anstatt in die Schule in meine Wohnung genommen? Dann hätten wir wohl ruhiger miteinander sprechen können. Die allernächste und wichtigste Frage beim Versagen eines Kindes ist die: Worin liegt die Ursache? Ist es Mangel an Selbstbewußtsein, ist es Angst vor dem Lehrer ,ber Lehrerin, ober was noch viel öfter vorkommt, vor ben älteren Schülern ? Kann das Kind vielleicht nicht gut an die Tafel sehen ? Hat es einen Gehörfehler? Alle diese Fragen sind für die richtige Behandlung des schwachbegabten Kindes fo wichtig, daß man eigentlich unbedingt darüber Bescheid wissen mochte; denn in allem, was bis jetzt genannt wurde, läßt sich noch in etwa leicht helfen. Aber unendlich viel schwieriger ist es, wenn das Kind wirklich schwachbegabt ist. Es ist nun leider eine unwiderlegbare Tatsache, daß die Talente nicht gleichmäßig verteilt sind. Der eine hat fünf, der andere nur
geschnitten werben, kann man ihn früh um drei bei bet Arbeit treffen. Als Mann des Alltags ist er das Gegenteil von dem, was er als Schüler war. Im Jahre 1890 würbe er, wie bie Schulstammrolle vermerkt, mit ganz ungenügenden Leistungen entlassen. Zwar waren seine Leistungen m ber Schule gänzlich ungenügend, aber als rechtes Kind dieser Welt ist er doch schlau. Aber, ich Will nicht aus der Schule plappern, denn Christian ist mein Freund. Wenn wir uns begegnen, grüßen wir uns lächelnd und fteundlich. Und wenn die bösen Gassenbuben ihn irgendwie belästigen, ruft er meine Hilfe an. Dieser Hilferuf ist mir ein Eingriff höherer Gewalt, dem ich mich mit allem Nachdruck zur Verfügung stelle. Als Kriegssoldat kam Christian wegen seiner geistigen Verfassung nicht über die Garnison hinaus. Zum Glück war ein früherer Mitschüler in derselben Kompagnie, der sich seiner annahm, ihm die Heimwehbriese schrieb und die Heimatbriefe vorlas, der ihn aber auch gegen die Spötteleien und Nichtsnutzigkeiten der sogenannten Kameraden ebenso in Schutz nahm, wie ich fein Beschützer gegen die Straßenlümmel bin.
Wie diese beiden'echte Kameraden bei den Soldaten waren, so soll es auch im Leben sein. Die Menschen sollen sich ergänzen. Der Starke darf keinem Schwachen die Faust in den Nacken setzen mit der Begründung: Halte still, denn du bist klein und ich bin groß! De»
vhett" führen können. Sie richten sich oft nach der Persönlichkeit der Erzieher.
Manches Kind entdeckt, daß sich Eltern oder Lehrer mit einem dummen Kinde besonders liebevoll und eingehend beschäftigen. Das Kind möchte an einer solchen liebevollen Teilnahme auch teilhaben und „flieht in die Dummheit". Es „verstellt" sich nicht etwa wie wir Erwachsene voreilig beuten unb erklären möchten. Dem Kinde ist diese Flucht so wenig bewußt wie ber Vorgang des körperlichen Wachstums oder ber Verdauung der aufgenommenen Speisen. Für bie Behandlung eines f lchen Kindes zeigt nur der Takt des Erziehers Wege.
Körperliche Mißbi düngen, kleiner Wuchs usw. können die Eigenschaften des „dummen Kindes" Hervorrufen. Bei der Betrachtung und Beobachtung des eigenen Körpers überkommt das Kind die Ueberzeugung von der Minderwertigkeit seines Körpers. Dieses Minderwertigkeitsgefühl strahlt oft auf das gesamte kindliche Selbstbewußtsein aus und macht es zu den meisten Leistungen untauglich.
Selbstverständlich beziehen sich diese Ausführungen nicht auf angeborene Dummheit (angeborener Schwachsinn oder Blödsinn). Solche Kinder müssen vom Arzte behandelt werden, und ihre Erziehung haben bie Hilfsschulen zu übernehmen. '
eins unb manch einer kaum ein halbes. Und doch müssen mir Erzieher — Elternhaus und Schule — allen und insbesondere diesen Schwachen helfen, weil sie besonders hilfsbedürftig sind. Auch sie müssen ihren Kräften entsprechend soweit gebracht warben, daß sie einmal nützliche Glieder der Volksgemeinschaft und in der Ewigkeit glückliche Glieder der Gottesgemeinschast werden. —
Wie helfen wir ihnen? Das Helfen erfordert hier viel Besinnung unb unendlich viel Geduld Ich mochte es dir an einem Beispiele klar machen. Du mußt mit einem deiner kleineren Kinder oder vielleicht sogar mit einem schwachen, kranken Kinde einen weiten Weg zu- rücklegen, der eine gute Strecke steil aufwärts geht. Du wirst bann deinem Kinde nicht jagen: „Wir haben einen weiten Weg, du packst den gar nicht". Nein, ich weiß, als besonnene Mutter wirst du sagen: „So, jetzt gehen wir einmal miteinander bis an den Bach. Mein tapferes Mädchen geht mit. Komm, ich geb dir die Hand!" Unb unterwegs wirst du soviel Schönes und Feines dem Kinde zu zeigen wissen, daß es seiner Müdigkeit gar nicht inne wird. Unb an dem Bach angekommen, werdet Ihr Euch ein wenig ausruhen, um neue Kraft zu schöpfen. Unb bann sagst Du dem Kinde: „Jetzt gehen wir, bis wir in den Wald kommen. Und in meiner Tasche habe ich was Feines. Das essen mir bann". Wenn auch der Weg so für dich mühsam unb zeitraubend ist, so erreichst du auf solch kluge, besonnene Art, daß dein Kind sich zum Ziele findet. So müssen wir es auch im Lernen machen. Ein schmachbegabtes Kind soll schreiben. Wir sagen ihm nicht: „Jetzt sorgst du, daß du in einer halben Stunde deine Tafel voll geschrieben hast!" Die Ausgabe ist viel zu groß. Nein. „Jetzt schreibst du mal eine Reihe ganz schön". Unb ist sie zur Zufriedenheit ausgefallen, dann mird das eine Wort: „Das ist fein!" von selbst im Kinde den Willen auslösen, noch weiter zu schreiben. Ist aber das erste Ergebnis nicht gut, was bann? Nicht tadeln. Irgend ein klein wenig Gutes wird doch wohl drin zu finden fein. Daran muß man anknüpfen. „So schon, wie du d a s Wort geschrieben hast, mußt du auch die ganze Reihe schreiben". Tadel und abfälliges Urteil sind für das schwachbegabte Kind Gift. Lob und Anerkennung dagegen wirken befruchtend. Auch im Lesen und Rechnen nur ganz kleine Aufgaben stellen. Ueber- haupt sollen wir das schwachbegabte Kind nicht lange anhaltend geistig beschäftigen. Eine halbe Stunde aneinander ist übergenug. Dann eine lange Freizeit zum Spielen geben.
Du wirst mir vielleicht antworten: „So könnte ich meinem Kinde schon helfen, wenn ich mehr Zeit hätte". Ich weih, daß es namentlich den Landfrauen oft an Zeit gebricht, sich ihren Kindern zu widmen. Und doch kann ich mich manchmal des Eindrucks nicht ganz erwehren, als ob manch einer Landfrau die Arbeit in Feld und Garten unb beim Vieh lieber und näher wäre als bie Erziehung ihrer Kinder. Und doch, wer das Glück hat, Mutter zu fein, der sollte sich doch täglich wenigstens eine Spanne Zeit frei machen ganz allein für seine Kinder. Denn bas Vertrauen, das in diesen kurzen Augenblicken vom Kindes- zum Mutterherzen grundgelegt wird, ist mit allem Reichtum ,die Feld und Wald und Wiese bergen, nicht aufzuwiegen.
Sollte es einer Mutter einmal allzu schwer werden, ein schmachbegabtes Kind zu haben, sollte alle Mühe nicht viel Früchte zeitigen, fo möchte ich ihr sagen: Es gab im Leben schon sehr tüchtige Menschen, die in der Schule nicht die ersten Plätze inne hatten. Ganz sicherlich roirb die aufgemanbte Mühe belohnt. Vor Gott wird es mehr geschätzt, ein guter Mensch zu sein denn ein gelehrter.
Eine Landlehrerin.
Lehrer unb Abc-Schützen unterhalten sich über den Sturm auf dem Meere. Auf bes Lehrers Einmanb, wie beim Jesus eigentlich bei solchen Leibes- unb Lebensgefahren fo seelenruhig habe schlafen können, antwortet ein Ueberschlauer unb Naseweiser: „Für Jesus war bie Gefahr doch gar nicht groß, denn er konnte ja
Das „dumme" Mud.
Zum Lehrer kommt ein Vater. Er will sich nach ben ■ Fortschritten seines Jungen in ber Schule erkundigen. . der Lehrer auch nur ein Wort über den Eindruck, der der Junge auf ihn macht, sagen kann, ist der besorgte Vater schon mitten in der Erzählung feiner Lelensgcschichte. Die letzten zwei Jahre seiner Schulzeit Ivar er der „Oberste". Seine Zeugnisse bewahrt er sorgfältig auf und zeigt sie öfter seinem Sohne zur I Nacheiferung. Im Lösen schwieriger „Exempel" konnte ihn keiner übertreffen. Täglich erzählt er seinem Sohne, der so „furchtbar dumm" ist, aus seiner Schulzeit unb stellt sich seinem Nachkommen als nachahmenswertes * Vorbild vor.
Bei einem derartigen Verhalten ber Eltern muß das i Kind „dumm" werden. Seine Seele weiß noch wenig ° von sich selber. Vor allen Erwachsenen hat es Achtung - am meisten vor seinen Eltern. Ihre Aussagen unb | Urteile werden ohne Nachprüfung als wahr unb unum- | stoß!ich übernommen. Das Kind glaubt schließlich so fest an seine „Dummheit" wie an die durch die Mahlzeiten I "stimmte Tageseinteilung. Zum kindlichen Tun bringt E ® uicht mehr den unbefangenen Mut auf. Allen an es gestellten Anforderungen begegnet es mit einem bei ! Een Gelegenheiten wiederkehrenden: „Das kann ich [. nicht" oder „Das ist zu schwer für mich". Das Kind [ fEhrt des größten Teiles feiner Kindheit. Der Hauch der kindlichen Unbefangenheit liegt nicht mehr über Mem Spiel unb seiner Arbeit. Sein Bild von sich f ßlbec und bas Urteil „bunun" finb eine unlösbare Ser» m>ung miteinander eingegangen. Es scheint, als sei t v« Urgrund seines Wesens vergiftet. Beim Spielen mit f *Tein Kindern wirb es zurückgesetzt. Werden vor -'nem Wettspiel bie Parteien gewählt, kann sich kein Parteiführer zur Wahl bes „bummen“ Kindes ent» Meßen. Es führt ein Kümmerdasein. In ber Schule 112 • e§.toeni3, und seine Mitschüler sind allzu schnell | seine Leistungen zu verurteilen.
I.' möchte schc als sei das Seelenbild eines > loschen Kindes nur riir diesen Aufsatz gezeichnet und m lebendes Kind entspräche diesem Bilde. Wäre es BF st! Aber es sind ja genug Fälle bekannt, in denen ■ r® "achgeborener Sohn zum Nutzen des Hoferben so - dumm verschrien wurde, bis alle Welt unb I don seiner Dummheit überzeugt Waren. Als I »in • r-ä K"°cht" führen solche Hofsöhne unverheiratet L. emsames, unbeachtetes Dasein. Der Rhöndichter vtw.rich Ruppel hat das Schicksal eines solchen Sohnes »ar kurzen Geschichte „Des Bruders Knecht" erzählt.
; B/8ci dem herkömmlichen Massenunterricht kann die t?!{ toenig für ein solches Kind tun. Es Wirb jedem I gj schwer Werben, das Vertrauen eines „dummen" ; ndos zu erwerben. Und doch ist das Vertrauensver
Vegable und unbegabte Kinder.
Wir sind heutzutage in manchen Dingen in eine I iqe Begriffsverwirrung geraten, so auch in der Be- | Ortung der kindlichen Begabung.
Eltern und Lehrer freuen sich über begabte Kinder, Imtb umgekehrt sind die sogenannten Unbegabten ihnen | oftmals ein Kreuz. Diese Einstellung ist leicht ver- ■ -Endlich und in unsrer nur aufs Wirtschaftliche gerich- t jeten Zeit, die in erster Linie auf den Erfolg sieht [ un[) dm Menschen vor allem danach beurteilt, wie es ffim gelingt, im Leben voranzukommen. Das ist dem s Begabten natürlich leichter als dem Unbegabten. Wer I diese gesamte Einstellung ist falsch. —
Maßstab für den Wert eines Menschen ist einzig ! und allein seine sittliche Persönlichkeit. Also nicht das, I Las er erreicht, sondern das, Was er leistet, nicht das I ^0, das er verdient, sondern seine Stellung zu den I Mitmenschen. Unser Ziel ist nicht der reiche Mensch, : sondern ber gute im Sinne Christi. —
- An diese eigentlich selbstverständlichen Dinge muß I erinnert werben, wenn man sich barüber klar Werben I will, welche Bedeutung ber geistigen Veranlagung des t Kindes zukommt. Meist Wird ihr Wert nämlich erheblich I überschätzt. Gute Veranlagung ist nichts Weiter als em
Werkzeug. Das Wesentliche daran ist der Gebrauch. Und daß das Werkzeug der Begabung nicht immer in ber rechten Weise angewandt wirb, dafür erleben wir täglich Beispiele. Es sei nur erinnert an die zeitgemäßen Betrügereien, Untersagungen usw., deren Urheber gewiß zur Klasse ber Begabten gehören.
Andererseits muß darauf hingewiesen werben, baß men sich über bie geistige Veranlagung eines Kinbes sehr leicht täuschen kann. Sehr viele, bereu Leistungen in der Schule das Beste erwarten ließen, haben später s durchaus versagt, und andere, die als minderbegabt ober gor für dumm galten, haben sich int späteren Leben als tüchtige Menschen in jeder Hinsicht bewiesen.
Es ist darum verwerflich, minderbegabte Kinder als minderwertig anzusehen, und verbrecherisch wäre es, sie das fühlen zu lassen. Die „Armen int Geiste", von denen der Heiland in der Bergpredigt spricht, | sind oft die Reichen in ber Seele. Und dieser Reichtum gilt auch noch da, wo das Gold feine Macht verloren hat.
Im ersten Schuljahr.
W. Seipel.
Am glücklichsten bin ich sicherlich gewesen in dem Jahr ber fast vollkommenen Freiheit, bevor ich zur Schule mußte; wenigstens am unbekümmertsten unb sorgenfreiesten. Das kann ich behaupten, benn ich erinnere mich noch ganz genau an meine damaligen seelischen Zu», stände.
Im Hofe meines Vaterhauses lag ein großer Haufen Sand. Auf diesem Sande spielte ich mit meinen Kameraden. Wir legten Rohre hinein unb freuten uns unbändig, wenn das Wasser unten wieder herauslief, das wir oben hineingossen. Wir bauten Backöfen und schossen Kuchen ein, wir pflanzten Blumen unb begossen sie, kurzum, wir taten bas, woran u. wozu wir Lust hatten, und wir waren glücklich habet
Ich weiß es noch ganz genau, wie leib es mir tat, wenn es dunkelte und ich vom halbsertigen Werke hin, weg ins Zimmer mußte. Und später, als ich das Ge» dicht: Kind und Sonne ben älteren Schulkameraden ab»
Wristian, der untüchtige Schüler k und brauchbare Mensch.
Von Jos. Bremer.
tim'511 ,i>en ersten Tagen des April saß ich am Tische, 11^, !tniSe Gedanken über die Einordnung der Schwach- ENdih r uni) Ueberflieger in die Schulgemeinschaft zn- KMzulegen. Während ich wie eine Spinne meine Ee- flottem ließ, hoffend, daß sie irgendwo Kl/j "leiben würden, glaubte ich, eine Schwalbe zwit- i6tüfo>äU hören. Ueberrascht und erfreut durch die ersten KiftL au® Italien, trat ich ans Fenster, um mich zu t daß diese Frühlingsbotschaft keine Täuschung
- «btt Kr a bie flüchtige Schwalbe nicht, bafüt ri ■ en weine Augen auf etwas anberem hasten.
Utn • *8ct Entfernung grub ein Mann ben Feldgarten ? flauf»nC .®eftaIt wie ein Bär. Er schaute nicht auf und Ku, ,s"cht um. Ich kannte ihn, den mehr als 50jähri- beitQtef einen überaus fleißigen Arbeiter. Er ist ver- rMlt ^arbeitet feinen Garten und fein Stück Land, ItÖUnb f ' r’ Liegen unb ein Schwein, braucht seinen Kleine «u Zugtier und wirb von anbern, wenn er selbst /—eit hat, sehr gern als Tagelöhner in Anspruch Kg m£n; Weil er nicht nur kein Tagedieb ist, son- ■L^öeitet für zwei. Wenn im Juni bie Wiesen
wertet und nicht herzlos mit Stoppuhr und Zielband gemessen zu werden. Der Mensch soll weniger mit seinen schlechten Eigenschaften beschämt und entmutigt, als mit seinen guten ermuntert werben. Ein Christian, ber sich bescheiden dienend einzufügen weiß in Familie, Heimat und Volk, ist weit mehr wert als ein lieben» flieg er, der seine Tüchtigkeit in Selbstsucht und Raffiniertheit mißbraucht.
Heileres aus der Schule.
Die Allmacht Gottes steht zur Sprache. „Wie bentt ihr euch das?" fragte der Lehrer. Einige Antworten sind köstlich und der Mitteilung Wert: Gott kann bie dicksten Bäume ausreißen! Er kann in' der Badeanstalt einen Kopfsprung machen, ohne daß er naß wird! Er kann auf der Kirmes den Lukas hauen mit einer Hand! Er kann über ben Kirchturm hüpfen! Er kann von hier bis nach Aftika werfen.