Anzeiger für die Stadt Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatk.
Jtt. 165
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Samstag, 19.3uli 1930.
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57. Z-hrg.
Der deutsche Reichstag ist aufgelöst.
Nachdem mit 15 Stimmen Mehrheit der sozialdemokratische Antrag auf Aufhebung der Aotverordnung angenommen war, schritt der Reichskanzler zur Auflösung, um die Reichsfinanzen zu retten. — Schwere Verantwortung der Deutschnationalen und der Sozialdemokraten. — Graf Westarp und seine Freunde haben im letzten Augenblick dem Ralastrophenmacher tzugenberg die Gefolgschaft versagt. — Bedeutsame Reichstagsdebatte vor der entscheidenden Abstimmung. — Die Rotverordnungen bleiben in Rraft.
Nun ist die Entscheidung gefallen, die für das deutsche Volk ernste Tage heraufführen wird Gegen die Erwartung, die noch am Donnerstag bestand, ist am Freitag vormittag gegen 1 Uhr der sozialdemokratische Antrag auf Aufhebung der Notverordnungen, allerdings nur mit 15 Stimmen Mehrheit, durch- gegangen. Die Deutschnationalen haben, nachdem die Vernunft begabte Gruppe unter ihnen, geführt von dem Grafen Westarp, die von natio- nal sozialistisch en Ideen verseuchte chugen- berg-Gruppe verlassen hatte, die Unverantwortlichkeit besessen, f ü r die Aufhebung der Notverordnung zu stimmen. So wurde der sozialdemokrati- che Antrag auf Aufhebung der Notverordnung mit 236 gegen 221 Stimmen angenommen.
Die Abstimmung.
Nach der Abstimmung erhob sich
Reichskanzler Dr. Brüning
und erklärte:
Ich habe dem hohen Hause eine Verordnung des Herrn Reichspräsidenlen mikzuteilen: Nachdem der Reichstag heule beschlossen Hal, zu verlangen, daß meine auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfas- fung erlassenen Verordnungen aufgehoben werden, löse ich auf Grund des Artikels 25 der Reichs- »echssung Yen Reichstag auf.
Die folgenden Sätze der Kanzler-Erklärung blieben unverständlich, weil die Kommunisten laut riefen: „Nieder mit dem Reichspräsidenten!" ... ,
Al? der Reichskanzler nach 1 Uhr schloß, verläßt Präsident Löbe seinen Platz und die letzte Sitzung dieses Reichstages ist damit fo rm- l»s geschlossen.
Sie Kommunisten haben vor dem Verlassen des Saales noch einen Vers der ^internationale gesungen.
Unter großer Unruhe ging der Reichstag auseinander
vieReichstagssitzuug am Freitag
WZ. Berlin, 18. Juli. (Eig. Meldg.). Das Haus ist voll besetzt, die Tribünen sind überfüllt. ®5 1. Punkt standen auf der Tagesordnung der hreitagssitzung des Reichstages die Anträge der Sozialdemokraten und Kommuni st en «uf Aufhebung der auf Grund des Artikels 48 ®Er Reichsverfassung erlassenen beiden Notverordnungen zur Deckung des Reichsdefizits.
, Abg. Landsberg (Soz.) begründet den so- Mldemokratischen Antrag mit juristischen Darle- Mgen, in denen er nachzuweisen sucht, daß der Artikel 48 niemals herangezogen werden kann zur Gründung solcher Verordnungen, wie sie das Kabinett Brüning jetzt erlassen hat. Artikel 48 ™rfe nur angewandt werden, um die öffentliche Krönung und Sicherheit wieder herzustellen. Das Kabinett Brüning habe ihn aber benutzt, um auf Wunsch der Volkspartei die Bürger st euer auf Wunsch der Demokraten die G e- Nfein de g e t rän kest eu er einzuführen. Die bnuation werde dadurch beleuchtet, daß eine Re- Aerungspartei, die Wirtschaftsparter, heute die Aufhebung der Verordnung über die Ge- mintefteuer beantragt hat.
während dieser Ausführungen ist der volks- A>Neilichx Fraktionsführer Dr. Scholz an den .^'chskanzler Dr. Brüning herangetreten, um mit W SU sprechen. Von den Sozialdemokraten wird °°gegen protestiert und der Reichskanzler in Zu- Men zum Zuhören aufgefordert. Daraufhin sucht
st girren Platz wieder auf.
Uj.^bg. Landsberg betont am Schluß seiner Aus- Wrungen, der jetzt von Brüning geschaffene
Präzedenzfall
könne die verhängnisvollsten Folgen für die Aus- Mng des Art. 48 haben. Die Reichsregierung Mve die Reichsverfassung mit ihren Verordnrm- sn r^rletzt und sich damst das Mißtrauen
R e i ch g t a g es verdient.
Reichsinnenminister Dr. Wirth
darauf das Wort und wird von den Korn- »uwsten mit Rufen empfangen: „W o steht der fc1.? d? Der Feind steht rechts!" Der b "Uter erklärt, er fühle mit dem Abg. Lands- die Schwere dieser Stunden. Mir als über-- ift ^ten Republikaner, so fährt der Minister fort uJ5 wahrlich nicht leicht geworden, den jetzt be= -tan» f.nen ®e9 3U gehen. Alle Republikaner und ^S besonders die Sozialdemokraten, müßten sich fragen, ob sie nicht selbst die Schuld
<ön tragen, wenn dieser Weg beschritten 3u_, n rnußte. Wir stehen vor einer Krise des Entar'5mU5 (tlnruhe links). Abg. Wels Ner dem Redner zu: „Sie verwechseln im- Ei M selbst mit dem Parlamentarismus!" (Hei- Es hat sich doch gezeigt, daß in diesem ^5ta9 eine Mehrheitsbildung unmöglich »st.
(Lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten und Ruse: „Brüning will sie ja nicht!") Jeder weiß doch, daß bei einer Neuwahl die Mehrheitsbildung im neuen Reichstag noch viel schwieriger sein wird (Unruhe und Zurufe links.) Ich übernehme die volle Verantwortung für die letzten Maßnahmen der Regierung. Wer den Artstel 48 anwendet, muß sich in seinem Gewissen prüfen, ob ein Notstand vorliegt. Ich behaupte, daß er oorliegt und nehme das auf mein Gewissen (Beifall im Zentrum, Unruhe links.)
Abg Dr. Ob e r f o h r e n (Dn.) verliest dann für die deutschnationale Fraktion eine Erklärung, in der der Regierung vorgeworfen wird, sie habe eine Verständigung mit den Deutschnationalen unmöglich gemacht. Die Regierung habe nur deshalb keine parlamentarische Mehrheit für ihre Deckungsvorlage gefunden, weil sie ihre
Steuergesetzgebung in rein sozialistischen Gedankengängen
gemacht habe (große Heiterkeit links und in der Mitte). Tatsächlich füge sich die Regierung der Herrschaft des Marxismus. Darum fei auch die Osthilfe verschlechtert worden (Unruhe u. Widerspruch in der Mitte). Die Agrarhilfe war wirkungslos, da eine grundsätzliche Aederung der Handelspolitik nicht damit verbunden war. Die Osthilfe ist so verbessert, daß man von einer wirklichen Hilfe im Sinne des Reichspräsidenten nicht mehr reden kann. Die Herrschaft des Marxismus hat den Staat Preußen einem kaum noch verhüllten Kulturbolschewismus ausgeliefert und findet ihren stärksten Ausdruck in der Diktatur, die die Sozialdemokratie in Preußen ausübf. Wir haben zur Regierung nicht das Vertrauen, daß sie in der Lage ist, dem deutschen Volk in der kommenden Notzeit Führer zu sein. Wenn die Regierung wirklich das Defizit decken will, dann mußte eine Notverordnung weitere Abstriche am (Etat vornehmen und den weiteren Bedarf eventl. durch den Verkauf entbehrlichen Reichsbesitzes decken. (Unruhe.) Aus der Einstellung zur Regierung ergibt sich unsere Haltung zu den von der Regierung beschlossenen Notverordnungen.
Abg. Ko en en (Kom.) bezeichnet die Notverordnungen als einen
Akt der faschistischen Diktatur.
Den llebergang zu dieser Diktatur habe aber der sozialdemokratische Parteivorsitzende Müller mit seinem Koalitionskabinett ermöglicht. Die Regierungsparteien und die Sozialdemokraten seien durch ihre Poungplan-Politik unter das Joch der französischen Imperialisten geraten. Brüning sei auf dem Wege zum Faschismus. Auf die ungesetzlichen Mtverordnungen müsse das Volk mit dem Steuerstreik antworten.
Reichsfinanzminister Dietrich
nimmt das Wort. Der kommunistische Abgeordnete Remmele macht einen Zuruf. Er wird vom Präsidenten Löbe zur Ordnung gerufen und für den Fall einer Wiederholung seines Zurufs mit der Ausweisung aus dem Saale bedroht.
Minister Dietrich sucht zahlenmäßig nachzuweisen, daß mit den Notverordnungen gerade das Defizit gedeckt wird, das durch die Arbeitslosenversicherung entstanden ist. Die Maßnahmen der Regierung hätten also den ausgesprochenen Zweck, den Bestand der Arbeits- losmversicherung zu sichern.
Die Bürgersteuer
sei nicht als Dauereinrichtung gedacht, sondern sie solle später mit den Realsteuern verkoppelt werden. Der Minister wendet sich dann gegen die staatsrechtlichen Ausführungen des Abg. Landsberg über den Artikel 48 und erklärt:
Wenn mir die Dinge so weiter lausen lassen wie jetzt, dann wird in kurzer Seit die Ruhe und Ordnung so gestört sein, daß jeder gern unseren Vorschlägen zustimmen würde (Unruhe links und Zurufe). Wenn wir das Defizit mit einem Einkommensteuerzuschlag decken wollten, banji müßten wir einen Zuschlag von 25 Prz. erheben. Es hat sich gezeigt, daß eine Mehrheitsbildung in diesem Reichstag nicht möglich ist. Wir mußten also einen anderen Ausweg aus dem Defizit suchen und wir setzen voraus, daß
in diesem Hanse noch so viel Verstand aufgebracht wird, daß man uns diesen Ausweg nicht versperrt. (Lebhafter Beifall in der Mitte, Unruhe links.) Noch ist die Reichskasse in Ordnung. Wenn aber unsere Deckungsvorschläge scheitern, dann besteht in wenigen Monaten die Gefahr, daß die Beamten ihr Gehalt nicht betommen können
und daß die schwersten Unruhen entstehen. Die Aussichten für eine wirtschaftliche Medergesundung sind günstig,
aber toit werden sie nur erreichen können, wenn der Regierung die Deckung des augenblicklichen Defi
zits ermöglicht wird. Der Reichstag muß heute zeigen,
ob wir noch ein Staatsvolk sind oder nur ein Haufen von Interessenten.
(Lebhafter Beifall in der Mitte.)
Abg. Graf Westarp (bin.)
Im Auftrage einer Anzahl meiner politischen Freunde (Rufe: Wieviel?) habe ich zu erklären: Wir stehen der Regierung Brüning auch weiterhin kritisch gegenüber, wenn wir auch nicht verkennen, daß diese Regierung wesentliche Reformarbeit auf verschiedenen Gebieten geleistet hat. Wir wollen aber verhüten, daß eine Regierungskrise entsteht, die zu einer Staatskrise führen könnte. Wir wollen nicht durch Annahme sozialdemokratischer ober kommunistischer Anträge eine bürgerliche Regierung smrzen und damit die Verabschiedung der Osthilfe, des Amnestie-Gesetzes und anderer Vorlagen verhindern. Wir werden daher den Auf- hebungsantrag und
den Mißtrauensantrag ablehnen.
Abg. Dr. Scholz (DvP.)
begrüßt mit lebhafter Freude die Erklärung des Abg. Westarp, weil sie aus der Verantwortlichkeit heraus käme, die im gegenwärtigen Augenblick allen Parteien zu wünschen sei. Dadurch, daß der Artikel 48 der Kontrolle des Parlaments unterliege, fei er eingefügt in die parlamentarische Tätigkeit überhaupt. Wir stehen in einem außerordentlich kritischen Augenblick für den Parlamentarismus und für das gegenwärtige Parlament. Das Parlament hatte vorgestern eine große Chance und hat heute noch einmal die Möglichkeit, sich zu erhalten. Sie (zu den Sozialdemokraten) hätten
am wenigsten Grund, über die Anwendung des Artikels 48 zu zetern. Auch wir sind nicht mit allen Maßnahmen durchaus einverstanden., die die Regierung durch Artikel 48 getroffen hat. Ich möchte sagen, daß wir uns in der Kritik der Ein- zelmaßnahmen von der Erklärung des offiziellen Sprechers der deutschnational. Fraktion nicht mehr wesentlich unterscheiden (Hört, Hött!) Wir stellen jedoch bewußt in diesem Augenblick stärkster Gefahr für Volk und Vaterland alles Negative zurück. Der Redner wendet sich dann an die Deutschnationalen und führt aus, diese Partei hätte allen Anlaß, die Regierung Brüning zu unterstützen, da die Politik dieser Regierung mit den Grundsätzen der Deutschnationalen übereinftimme, (Hört, Hört, bei den Sozialdemokraten.)
Als bann Abg. Meyer (Dem.) an das Rednerpult schritt, ruft der nationalsozialistische Abg. Stöhr: „Keine Feier, ohne Meyer!" Abg. Meyer erwidert,
solche Witze seien dem Ernst der Stunde nicht angemessen.
Die demokratische Fraktion habe alles versucht, um eine parlamentarische Lösung der Deckungsvorlage zu ermöglichen.
Es kam bann zur Abstimmung, deren Ergebnis oben mitgeteilt wurde.
Eine Papskspende
für die Hinterbliebenen in Neurods.
Der Heilige Vater hat durch seinen Nuntius in Berlin 50 000 Lire für die Hinterbliebenen der Erubenkatastrophe von Neurobe zur Verfügung gestellt.
zur Vorgeschichte der Reichslagsauflösuug.
Zum Verständnis der Vorgänge, die sich am Freitag mittag im Reichstag abgespielt haben, dient folgende Darstelung:
Am Donnerstagabend wurde im Reichstag von den Deutschnationalen der Versuch gemacht, für die deutschnationalen Stimmen, die zur Ablehnung des sozialdemokratischen Antrags auf Aufhebung der Notverordnungen erforderlich sind, einen Preis vom Kabinett Brüning zu erzielen. Durch einen Brief Hugenbergs und Oberfvhrens wurde eine Besprechung mit - dem Reichskanzler erreicht, die jedoch kein Ergebnis hatte. Die deutschnationalen Unterhändler kehrten in ihr Fraktionszimmer zurück, wo die Sitzung bis Mitternacht dauerte und einen Bruch in der deutschnationalen Fraktion herbeiführte.
Die Forderungen der Deutschnationalen, die von den Abgeordneten Hugenberg und Oberfohren vorgettagen wurden, bezogen sich, wie zu erwarten war, zum Teil auf Preußen. Es ist jedoch bekannt, daß der Reichskanzler schon immer jegliche Beeinflussung der preußischen Zenttumsfrak- tion von vornherein abgelehnt hat. Wenn der Reichskanzler zu der Besprechung, deren zweiter Teil nur von kurzer Dauer war, den demokratb- schen Reichsfinanzminister Dietrich hinzuaezogen hat, so geschah das, um jeder späteren Mißdeutung von vornherein vorzubeugen.
*
Erst nach 24 Uhr war die Fraktionssitzung der Deutschnationalen Volkspartei zu Ende. Wenn auch kein diretter Beschluß zustandegekommen ist, so stellt sich doch heraus, daß die Mehrheit der Fraktion für den sozialdemokratischen Aufh ebungsantrag stimmen will. Ungefähr 20 bis 25 Abgeordnete der deutsch- nationalen Fraktion bi-ll-n bm t n e : n e m besonderen Zimmer eine Besprechung ab, in der sofort ein endgültiger Beschluß gefaßt wurde. Es ist jedoch zu erwarten, daß diese Gruppe, der u. a .Graf Westarp, Dry ander, Lettow-Dorbeck und die agrarischen Abgeordneten angehören, gegen die Aushebungsanttäae stimmen wird. Die vier württembergischen deutschnationalen Abgeordneten, die schon am Mittwoch für die Regierung gestimmt haben, sollen ans der Partei ausgeschlossen werden. Für den Fall der Auflösung wird, wie das VDZ-Büro hört, gegen die Westarp- Gruppe schon deshalb kein Ausschlußverfahren mehr beantragt werden können, da ja nach der Auflösung die Fraktion als solche aufhört. Es wird aber damit gerechnet, daß diese Abgeordneten, mit Ausnahme des Grafen Westarp, bei der nächsten Reichstagswahl nicht mehr als Kandidaten aufgestellt werden würden. Bei dieser Lage wird in parlamentarischen Kreisen die Auflösung für unvermeidlich gehalten, wenn nicht am Freitag früh noch ganz unvorhergesehene Umstände eintreten sollten. Jedenfalls wird das Resultat der Abstimmung von einigen wenigen Stim»- men und auch von der Besetzung des Hauses abhängen. Als völlig irrig wird es jedenfalls bezeichnet, daß etwa von den Sozialdemo'-
traten ein größerer Teil der Abgeordneten an der Abstimmung nicht teilnehmen würde, um die Auf- lösung zu vermeiden. ,
Im Spiegel der presse»
Rach dem Versagen des Parlaments. — Stark- Worte und doch Hilflosigkeit bei der Opposition.—'»
Die Regierung bleibt Sieger. 1
Ein richtiger Katzenjammer ist bei vielen Parteien des Reichstags eingekehrt. Man hat geglaubt# mit dem Kabinett spielen zu können und suchte im* nter wieder zu alten Methoden des leidigen Verhandelns und parteipolitischer Geschäftemacherei zurückzukehren. Doch das Kabinett unter Führung des entschlossenen und energischen Reichskanzlers Dr. Brüning hieb in der entscheidenden Stunde den unentwirrbar scheinenden Knoten rücksichtslos durch und handelte. Derselbe Reichstag, der nicht den Mut zum Handeln, zu unpopulären Maßnahmen aufbringen konnte, sprach bann derselben Regierung, der man keine Arbeitsmöglichkeit geben wollte, mit großer Mehrheit doch das Vertrauen aus! (Eine größere Blamage des Reichstags hat man wohl noch nie erlebt.
In solchen Zeitkäufen ist es sehr zweckmäßig, die Presseftimmen aus den verschiedenen Lagern zu sammeln, damit die Oessentlichkeit sich selbst ein Bild machen und die Situation daraus beurteilen kann.
Nehmen mir die Blätter der Opposition. Die Sozialdemokratie versuchte auch dieses Mal mit starken Worten über die offenkundige Haltlosigkeit ihrer Politik ihre eigenen Wähler hinwegzutäuschen. Die alten Märchen werden wieder aufgetischt, als ob das Kabinett Brüning gebildet worden sei gegen die schaffenden Kräfte, gegen die Partei der Arbeiter. Sie habe nur deswegen der Negierung die Gefolgschaft verweigern müssen# weil sie in der Sozialpolitik die Rechte der Arbeitnehmer beschneide.
Lesen wir den „Vorwärts", Nr. 329, dann sieht man die Hilflosigkeit im sozialdemokratischen Lager deutlich. Es heißt da u. a.:
„Wenn es wirklich dazu kommt, daß Gesetze, über die der Reichstag sich nicht einigen kann, vom Reichspräsidenten auf dem Verordnungswege erlassen werden, und daß der Reichstag bann diese Verordnungen durch die Weigerung, sie wieder aufzuheben, legalifiert, so begibt sich damit der Reichstag des wichtigsten feiwer Rechte. Das Gesetzgebungsrecht geht auf den Reichspräsidenten über, und das Parlament fungiert gewissermaßen nur noch als fein Hilfsorgan. ... Die Sozialdemokratie wird sofort die Aufhebung der Verordnungen beantragen und gegen die Regierung, die sie verantwortlich deckt, einen Mißtrauensantrag einbringen. . . Die Sozialdemokratie wird sich Att und Zeit ihres Vorgehens allerdings nicht von den Kommunisten vorschreiben lassen . . ."
Eine seltsame Sprache. Warum hat die Sozialdemokratie am Mittwoch nicht diesen „Mut" an den Tag gelegt? Sie weiß ganz genau, daß sie