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Freitag, 11. Juli 1930

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Die Leere der Reichs-Raffe

en Reichsboten ernst zu

ist das stärkste Junktim»

Erscheint lechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die West im Bild' und „Buchenblätter" Rotationsdruck und Berlag öer Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- (eituno 1152. Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. “

• Der Direktor des internationale» Arbeits­amtes, Mbert Thomas, ist in Berlin ein« getroffen. Er befindet sich auf der Durchreise vom internationalen Gewerkschaftskongreß in Stock­holm und wird sich einen Tag in Berlin aufhalten. Bei dieser Gelegenheit wird er dem Herrn Reichs­kanzler und dem Herrn Reichsarbeitsminister einen Besuch machen.

Auch die preußische Staatsregierung seßt ihre Aktion gegen die radikalen Beamten fort. Kürzlich ist bekanntlich an alle Staatsbeamten ein Erlaß gegangen, der die Teilnahme an Veranstaltungen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und der Kommunistischen Partei sowie die Mit­gliedschaft in diesen Organisationen verbietet. Jetzt hat der preußische Innenminister die Anweisung vom 31. Januar über die Nichtbestätigung von Kommunalbeamten erweitert, und zwar dahin, daß Angehörige der KPD und der NSDAP künf­tig ausnahmslos in Beamtenstellen nicht be- st ä t i g t werden dürfen. Dafür ist für Preußen ein klarer Rechtszustand geschaffen worden. Aber geradezu grotesk mutet es an, daß im benachbarten Thüringen setzt solche Leute mit Vorzug in Beamtenstellen befördert werden. Solche Ungleich­heit in den Verwaltungsgrundsätzen kann auf die Dauer ohne Schädigung des Reich sinter- essesnicht ertragen werden.

Berlin, io. Juli. (Eig. Meld.) Im «schuß des Reichstages wurde der ^«egende § 1 der Reichshilfe mit । 9,n 7 Sfimmmen der Deutsch- e°*en und Kommunisten bei alkung der Sozialdemokraten ange-

ßes Gepolter des Kommunisten Torgler anschloß. Seine persönlichen Angriffe gegen den letzten Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer waren der­art, daß sie den Nestor der Juristen, Professor Kahl, auf den Plan riefen, der in einer persönlichen Bemerkung den Kommunisten in seine Schranken wies. Nachdem noch die Abg. Kling und Nau­heim ihre Vorlesungen gehalten hatten, erfolgten die Abstimmungen über das Brotgesetz und die Vorlage über den Reichswirtschastsrat in dritter Lelung. Gerade diese Abstimmungen hatten die Abgeordneten zusammengehalten. Im Saale selbst waren freilich den ganzen Nachmittag über, fo lange die Aussprachen getätigt wurden, nur wenige Abgeordnete zu sehen

Dys ganze politische Interesse ist eben auf die Deckungsvorlagen der Reichsregierung gerichtet. Um 6 Uhr trat das Kabinett zusammen, um dis letzten Schönheitsreparaturen an dem Regierungs­programm vorzunehmen. Durch interfraktionelle Besprechungen war man sich schon vorher darüber einig geworden, daß zwei Forderungen der Deut­schen Volkspartei, nämlich die Einführung einer gestaffelten Kopfsteuer für die Gemeinden im Herbst und die Erweiterung' des Ermächtigungs­gesetzes für Abstriche am Haushalt von mindestens 100 Millionen Mark durchgeführt werden sollen. Mit einer Aenderung des 8 163 des Arbeitslosen- vsrsicherungsgesetzes in der Richtung, daß anstelle der unbeschränkten Darlehnspflicht des Reiches eine Zuschußvflicht in einer bestimmten Höhe feftgelegt werden soll, erklärte sich aber Reichsarbeitsminister Stegerwald nicht einverstanden. Auch das Zen­trum verspürte kein? Lust unter den gegenwär­tigen mißlichen Verhältnissen auf dem Arbeits­markt den Wünschen der Deutschen Dolkspartei zu entsprechen. Um 7 Uhr traten dann die Fraktionen zusammen, um über die Vorschläge des Kabinetts zu beraten. . Die Weiterentwicklung ist so gedacht, daß nach der Replik der Fraktionen das Kabinett feine endgültigen Entscheidungen treffen wird, so daß die Verhandlungen dann als abgeschlossen an­zusehen sind.. Reichskanzler Dr. Brüning dringt auf eine umgehende Entscheidung.

Aokopfer der Relchstagsabgesr-rrelen.

VDZ. Berlln. 10. Juli. (Eig. Meld.) Em Unter­ausschuß des Aeltestenrats des Reichstages beschäf­tigte sich am Donnerstagfrüh mit dem von der Zentrumspartei angeregten Notovfer der Reichs­tagsabgeordneten. Grundsätzlich stimmte der Unter­ausschuß diesem Gedanken zu. Es steht jedoch noch nicht fest, ob die Kürzung der Reichstagsdiäten durch eine Aenderung des Diätengesetzes oder durch Einbeziehung der Reichstagsabgeordneten in die Notopferbestimmungen der Deckungsvorlagen vorgenommen werden soll. Im Uebrigen haben sich setzt die Fraktionen zunächst noch einmal mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Ein endgültiger Vor­schlag wird wahrscheinlich erst gemacht werden, wenn sich übersehen läßt, ob und in welcher Form das Rotopfer der Beamten Gesetz wird.

Severings Meinung.

mb. Stendal, 10. Juli. (Eig. Meld.) Der frü­here Reichsinnenminister Severing nahm gestern hier Gelegenheit, sich über die innenpolitische Lage auszulassen. Dabei erklärte er u. a., der augeni- blicklichen Regierungskoalitron müsse man skeptisch gegenüber stehen. Da die seinerzeitige Stellung­nahme bet Mittelparteien zur Arbeitslosen­versicherung der Grund zum Austritt der SPD. gewesen sei, so sei die SPD. wieder zur Mitarb eit bereit, wenn dies nicht auf Kosten der Arbeitslosen gehe.

Das Arbeiksbeschaffungsprogramm.

Trotzdem die Reichsregierung mit der parla­mentarischen Verabschiedung der Deckungsvorlagen vollauf beschäftigt ist, arbeitet sie nicht mit gerin­gerer Jntensivität an der Verwirklichung ihres Ar­beitsbeschaffungsprogramm. Obwohl dieses Pro­gramm noch nicht vollständig gesichert ist, kann doch mit Bestimmtheit damit gerechnet werden, daß es schon in allemächster Zeit zum größten Teil ver­wirklicht wird.

Es handelt sich bei dem Arbeitsbeschoffungs- programm um vier Teilprogramme, die alle den Zweck verfolgen, den Arbeitsmarkt zu beleben und die Arbeitslosigkeit zurückzudrängen. An erster Stelle stehen die Aufträge der Reichspost in der Höhe von 200 Millionen Mark. Sie gehen vor­nehmlich an die Kabel- und Automobilindustrie und sind an die Voraussetzungen gebunden, daß d:e Lieferantm der Reichspost die Preise für ihre Pro­dukte senken und von den Arbeitsämtem die ihnen zur Verfügung gestellten Arbeitnehmer annehmen, die sie infolge der Neuaufträge benötigen.

An zweiter Stelle sind die Neuaufträge der Reichsbahngesellschaft zu nennen. Die Reiche regierung wünschte, daß sie für 500 Millionen Mk. neue Aufträge vergibt, doch konnte sich die Reichs­bahngesellschaft, wie Reichsverkehrsminister von Guerard soeben mitteilt, mit Rücksicht auf ihre mißliche Finanzlage nur entschließen für 350 Mil­lionen Mark Aufträge zu erteilen. Diese kommen vornehmlich dem Schienendem zugute, bedingen aber auch gesteigerte Bodenbearbeitungen und brin»

E.N.B. Verein. 10 Juli. (Eia. Meld.) Wie mir erfahren, ist her dem Reichsrat vorliegende Antrag des früheren Reicksfinamministers Dr.Molden- Hauer auf Anrechnung feiner früheren Tätigkeit an der städtischen Handelshochschule in Köln auf den Staatsdienst, durch den sich die ihm zustehende Penston von 22 000 auf 29 000 Mark jährlich er­höhen würde, von derTagesordnung a b- g e f e h t worden.

Postbeamte und Radikalismus.

Ein Erlaß des Reichspostministers.

In der Sitzung des Verwaltungsrates der Reichspost wurde in her Debatte ein Erlaß des Reichsvostministers erörtert, der sich gegen die Betätigung der Beamten in staats­feindlichen Parteien wendet. Dieser Er­laß hat folgenden Wortlaut:

„Pei der Beratung des Haushalts des Reicksvost» Ministeriums im Reichstag ist van verschiedenen Seiten gefordert morden, daß staatsfeindlichen Bestrebungen in der Deutschen Reichspast entgeaengetreten werden müsse. Ich habe erklärt, daß jede Agitation des Perso­nals in staatsfeindlichen Sinne — ob rechts oder links — im Betriebe der Deutschen Reichspost unzulässig ist und nicht geduldet wird.

Die Oberpostdirektionen haben dafür zu sorgen, daß künftig unter allen Umständen von den Dienststellen hiernach verfahren wird. Dem Personal ist zu eröffnen, daß jede Betätigung im staatsfeindlichen Sinne mit den Pflichten eines Angehörigen der Deut­schen Reichsvost. insbesondere mit dem Diensteide eines Beamten nicht vereinbar ist und nicht ged'stdet werden kann. Die Dienststellen sind anzuweisen. Wahr­nehmungen obiger Art aufmerksam zu verfolgen, gegen Zuwiderhandlungen einzrrfchreiten und gegebenenfalls an die Obervostdirektionen au berichten. Ueber den Stand der Angelegenheit ist bis auf weiteres viertel­jährlich an da? Reichspostministerium zu berichten

Bei diesem Anlaß weste ich in Beantwortung ver­schiedener Anfragen darauf hin daß es staatsfeind­lich e A q i t a t i o n ist, wenn Angehörige der Deutschen Reichspost an öffentlichen Umzügen und Bersammlungen mit staatsfeindlicher Tendenz in Uniform oder D i e n st m ü tz e teilnehmen sollten.*

Gegenüber her Kritik, die Aba. Torgler (Som.) an dieser Verfügung übte, wies Reichsvostminister Dr. Schätze! herauf hin, daß hie Koalitionsfrei­heit her Beamten nicht beeinträchtigt werde In­folge des Beamteneides bestehe ein Treueverhält­nis zum Staat, das sich politisch auswirken nviffe. Er verstehe nicht, wie ein Beamter, der den Eid geleistet hat, sich staatsfeindlich betätigen könne. Ein solcher Beamter sollt? die Konsequenz aus sei­ner widerspruchsvollen Haltung ziehen. Etwas anderes sei es mit der Zugehörigkeit zu solchen Parteien. Die Verfügung wende fick lediglich gegen hie Agitation. Es komm? alles auf den einzelnen Fall an, inwieweit ein Beamter bei feiner Zuge­hörigkeit zu einer radikalen Partei Aktivität in staatsfeindlichem Sinne an den Tag lege. Teil­nahme an radikalen Versammlungen und Umzügen in Uniform falle unter den Begriff der Agitation, die nicht geduldet werden könne, weil sie eine schwere Verfehlung gegen die Dienstpflicht dar­stelle.

1 Berlin, 10. Juli. (Eig. Meldg.). Der uß des Reichstages trat heute in die a ber Deckungsvorlage (Reichshilfe, Ein- uerzufchlag, Ledigen - Steuer, Ergün- ) ein. In der allgemeinen Aussprache Torgler (Som.) aus, tue Reichshilfe _Jen fei unsozial; eine schreiende Unge- it sei vor allem die Heranziehung der Be- tellten zur Reichshilfe. Vom Abg. (Sem.) ist ein Antrag eingegangen, von ilfe diejenigen Behördenangestellten die der Beitragspflicht zur eiof end e r f i d) er u n g unterliegen, nzminister Dr. Dietrich erklärte, die rimg habe sich bemüht, Härten für die Behör- „njjeffenten dadurch zu vermeiden, daß nach WDM2, diejenigen Behörden-Angestellten von t Reichsbilfe befreit sind, die am 1. August 1930 Jahr in Beschäftigung gestanden L. Außerdem biteben die behördlichen Ange- M bis zu einem jährlichen Arbeitslohn von MMirk von der Reichshilfe befreit. Diesen is noch zu erweitern, empfehle sich aus ftskali- Eründen nicht. Abg. Dr. Fifcher-Köln (Dem.) arte, die Haltung feiner Freunde zu den ein« Vorlagen bedeute noch keine Bindung für .Stellungnahme zum gesamten gegenwärtigen nqsprogramm Abg. Dr. Rademacher (dtn.) rtt aus, eine Gesundung der Finanzen könne eintreten bei einer völligen Abkehr von der ^^■gabemirtfehaft. Es habe keinen Zweck, Aimmer neue Tetloorlaoen ein Loch nach dem Ka.nu stovstn. Angesichts der furchtbaren Reiches fei es notwendig, schon jetzt roße Werk der Finanzre- ^■■etovvgehen und bis zu feiner Vollen- Mmg Heiter ,iurammen»ubleiben. Was jetzt cor» ■at würde, fei ein Flickwerk, zu dem die ‘ tiiefmenhe Haltung der D?utschnationalen bereit f im Vl'num henrünhet worden fei. Aba. Dr Hoff DV.V.j ertlärte kurz, die deutsche Volkspartei WWe das Deckungsprogramm als Wftlks und könne den Einzelvorlagen nur zu- WW. wenn die gestern vorgelegten Ergänzun- sliunfmeriihrt werden. Abg. Dr. Föhr (Zentr.) Waus, bas Zentrum sehe dem vorliegenden WMf kühl gegenüber, aber es wünsche, daß Manzen schnell in Ordnung gebracht werden, dringende Wunsch, diese Aufgabe mit parla- arisch-n Mitteln zu losen, sei bestimmend für "Ervm. die schweren Bedenken geg?n Einzel- der Vorlagen zurückmstellen. Reichssinanz- Mnfter Dietrich erklärte: Die Gesundung der Wirt- verbunden mit der Linderung der Lasten ^e Arbeitslosenversicherung sei nicht aussichts- Wim jetzt di? Reichsfinan?en in Ordnung ge- werden. Diese Gesundung der Wirtschaft ist nicht möglich, wenn jetzt die Deckungsvor- nbgelehnt werden. Die Verantwortung fällt ®uf diejenigen, die tue Annahme unserer Wi verhindern. Die Pumpwirtschaft kon- wn nicht forffetzen. Die Regierung will gar W^chch ein Junktim machen. Das Iunctim M die Natur der Dinae gegeben. Die Sa- ^Wber Arbeitslosenversicherung, die V'erwirk- Mr. Osthilfe und der anderen großen Vor- »>,nicht möglich, wenn die Reichskassen leer Leere der Reichskasse ist das ^"nctim, das möglich ist. Es wird immer Reichsregierung wolle die Sache mit J^en- Nein, sie will die Sache mit id wks ®enn die Deckungsvorlagen ab* ^werden, wenn die Arbeitslosenversicherung bncht und das Land durch Unruhen er= Wrö, dann wird das Volk den Reichs- M» antwort lick machen für das durch "a9en entstandene wirtschaftliche Chaos.

allzu lange einen Ministersessel zieren würde, wenn er auch nicht gerade anzunehinen brauchte, feine eigenen Gesinnungsgenossen würden ihm ein Bein stellen.

Dazu kommt etwas anderes. Der Reichsfinanz» Minister Moldenhouer war der Herold der Sparsamkeit. Seiner hat so wie er im Brust­ton der Ueberzeugung Sparfarnkeit gepre­digt. Er mar es, der in nationalem Hniereffe das berühmte Notovfer verlangte. Das konnte einem damals imponieren. Aber nun teigt gerade b;e» fer Mann, wie er die nationale Notoufergesinnung auffaßt, wenn es sich u m feine eigene Brieftasche handelt Sein Minlltervensions- aesetz ließ den damals amtierenden Reichsmini­stern die freie Wahl zwischen den ne"?n und den günstigeren alten Bestimmungen. Der Prophet her Sparsamkeit hätte doch nun eigentlich si"r ferne Person b-e neuen benommen müssen. Moll"m- bauer tut es nicht. Der 54'ähriae. h?r sich im Be­sitz einer Professur befindet, verzinset auf das U-cherganasaeld (das ia in seinem Falle keinen Sinn und kein» Berechtiaung bat) und verlangt dis voll« Benfion eines Reicksministers nach frü­herer Methode, und das sind rund 30 000 Mark jährlich.

Ein solcher Vorgang bedeutet für'hen einfachen Untertan, nicht nur für den Erwerbslosen, eine — Enttäuschung. Mehr wollen wir dazu nicht sagen.

dem Wege zur Entscheidung.

^amen am Mittwoch die Spre- Fraktionen zu Wort. Der National- ninif/' °tn feine Freunde zum kommenden •»»flut ?es Freistaats Sachsen bestimmt fahl sich mit seinen Ausführungen nicht in hohes Länderamt, denn er hielt eine WOlhe Rede ohne jegliche fachlickten

Volksrechtsparteiler Dr. Best Reichshilfe, worauf Herr von „„2iöau (chr.-national) in einer person- $en Reichsminister Treviranus r-?un^en Don Hugenbergs ,Lokal- .Schutz nahm. Nach den Darstellun- i Brandt soll der Minister in einem

V^ainz nach Speyer gefahren er sich tatsächlich in einem Schlaf- Zweiter Klasse zur Ruhe gelegt hatte. J’!Qm^nrebe hielt hierauf der Hu- Schmidt -Stettin, dem sich ein gro=

MdaerZertun

Anzeiger für die Stadl Fulda und denLandkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt

Wer Erfolg des Kabinetts Vrüning.

»biegender Paragraph der „Reichshilfe" mit 12 gegen T men im Steuerausschutz des Reichstags angenommen, die Deckungsvorlagen abgelehnt würden. — Der iünanzminister verlangt Ende der Pump-Wirtschafi und

gen auch der Holzindustrie und der Industrie für Steine und Erden, wahrscheinlich auch der Wag­gon- und Lokornotiv-Jndustrie neue Aufträge.

Arn wenigsten durchsichtig ist noch der dritte Teil des Programms, der 3Ö0 Millionen Mark für den Straßenbau anwenden will. Das Geld ist eben ans Steuermitteln nicht zu nehmen und muß auf dem freien Kapitalmarkt gesucht werden. Die Geldflüssigkeit, die hier herrscht, legt jedoch die be­gründete Vermutung nahe, daß die Reichsregierung auch hier zum Ziele kommen wird.

An vierter Stelle sollen zur Forderung des Wohnungsbaus 250 Millionen Mark zur Ver­fügung gestellt werden. Davon hat der Wohnungs­ausschuß des Reichstages sich bereits für die Be­willigung von 100 Millionen Mark ausgesprochen Weitere 50 Mill, sollen von den Landesv 'rsiche- rungsanstalten eingeräumt werden. Wegen der noch fehlenden 100 Millionen schweben Verhand­lungen mit dem amerikanischen Bankhaus Schro­der. Mit all den Aufträgen steht die Preissen- kungsaktion in -ngster Verbindung. OhneSen- k u n g b e r greife für die Lieferungen, dies gilt namentlich auch auf dem Baumarkt, keine Erteilung von Aufträgen!

Minister a. D.

Mochten Sie Minister fein? Wahrscheinlich nicht. Und doch hat ein solches Amt zweifellos feine Reize. Früher vielleicht noch mehr als heute. Als noch der Kaiser und König sich die Minister aussuchte, durfte der Erkorene immerhin mit eini­ger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er lange, vielleicht ein Jahrzehnt ober noch mehr sich feines erhöhten Sessels würde freuen dürfen. Denn wenn er nicht gerade durch ein überdurchschnitt­liches Maß von eigenem Wlllen auffiel, war nicht abzusehen, wieso er sich die Gunst seines kaiser­lichen Gebieters schnell verscherzen konnte. Dies freilich scheint eine wesentliche Voraussetzung für langjährige Dienstmöglichkeit gewesen zu fein. Als Bismarck bei der alten Hebung bleiben und. wie es ia auch die Verfgfsimg uorfchrieb, selbst regieren wollte, wurde er hinausgeroorfen.

Heute liegen die Dinge etwas anders. Von Seßhaftigkeit kann fchon gar keine Rede mehr fe:n. Nur ein paar Reichsminister, wie Dr. Brauns, und Dr. Strefemann, haben es über eine mehr als fünfjährige Amtszeit hinaus verstanden sich die Gunst oder wenigstens die Duldung der Parteien zu sichern. Aber auch Brauns mußte gehen, und von Strefemann sagt man, er habe vorgehabt, nach der Räumung des Rheinlandes aus eignem Ent­schluß zurückzutreten, um sich bann ganz bem Um­bau feiner Deutschen Volkspartei zu widmen. Ader diese Männer sind Ausnahmen. Die meisten Reichsminister tauchen auf und verschwinden wie­der. Es sind garnicht so wenige, die, übrigens auch in Preußen sich noch als Minister anreden lassen und deren Tätigkeit doch schon lärnfft aus dem Gedächtnis der kurzlebigen Oesfentlichkeit weggewischt ist.

Trotzdem reizt dgs Ministeramt, die meisten Anwärter, so woll«, wir gerne glauben, aus un­eigennützigen Gründen oder weil sie hoffen, es wirklich besser machen zu können als ihr» Vorgän­ger. Zu diesem letzteren mag Herr Dr. Paul Moldenhauer, Prof, an der Universität Köln und Mitglied des Reichstages, gehört haben wls nach dem Tode Strefemanns Dr. Eurtius Reichs­außenminister wurde, zog Moldenhauer als Ge­bieter in das Wirtschaftsministerium ein, um kurze Zeit später nach dem Sturze Hilserdings Finanz­minister zu werden. Er ist damals mit manchen Sympathien begrüßt worden, vor allem sagte man ihm nach, er habe sich in den schwierigen Stoff lehr schnell eingearbeitet und auf der zweiten Haager Konferenz das Reich geschickt und energisch vertreten. Dann kam der Rücktritt de« Kabinetts Müller, in dem er saß. aber her neue Kanzler Dr. Brüning übernahm Moldenhauer wieder als Fi­nanzminister. Weshalb er zurücktreten mußte, ist wohl nur in ganz eingeweihten Kreisen klar. Denn die Volkspartei, die feine Amtsniederleaung ver­langte, stand hierbei wohl unter dem Druck ge­heimer Kräfte, die nicht mutig heroortrgten, son­dern lieber hinter den Kulissen di» Drähte zogen. Man hati» den Eindruck, dgß mit Moldenhguer ein tapferer Mann das Kabinett verließ, wenn man auch nicht alle feine Finanzpläne verteidigen mochte.

Jetzt macht dieser gewesene Minister, an den ei­gentlich schon niemand m-hr backte, wieher von sick reben. Unb man kann schon sagen, daß er das in einer Weise tut. die zwar nicht Tapferkeit und Mut im Sinne der idealen deutschen Begriffe, wohl aber immerhin Dreistiakeit erfordert. Molden- Hauer beantragt nämlich, man solle ihm eine län­gere ministerielle Dienstzeit anredhnen, als er tat» fachlich absolviert bat, unb bann ist er so frei, das Ministervenfionsgesetz, das er vor drei Monaten unterzeichnete, zu ignorieren und sich feine Pension nach ben früher gellenden fMthnmunaen zu be­rechnen. Auf diese Weise erhält er nämlich weit­aus mehr, als ihm nach feinem eigenen Gesetz zu­stehen würbe.

Man könnte fragen, wiefo Herr Prof. Dr. mtolhenbauer überhount eine P»urivn b-rrnfaruchf. Er ist außerordentlicher Universitätsvrofessor, fein Gehalt bleibt ihm, er ift auch Mitglied des Reichs­tages, seine Diäten bleiben ihm. Als Minister hat er für die Mehrarbeit, unb weil er eben Minister mar. ein weitaus höheres Gehalt bemaen. als er als Professor erhielt. Aus welchem Grunbe nun eigentlich muß ein solcher Monn, nackbem er mcht mehr Minister ist, befonbere Bezüge erhalten? Der Laie begreift bas nicht. Zwar sagt man Herr Molbenhauer habe damals, als er das Ministeramt annahm, einträgliche Aufsicktsratsposten niederge­legt und stehe nun mit geringeren Einkünften da als vor einem Jahr. Aber es war ja doch fein freier Wille, daß er Minister wurde. Wenn ihm das Amt und der Titel und der Einfluß jene geldlichen Schmälerungen wert waren, so mußte er doch aber auch wissen, daß er nach menschlicher Voraussicht im gegenwärtigen Deutschland nicht