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Mittwoch, 9.3uli 1930

.w<x im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag i InP ö»i Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- uUmma HM ttlX/iA» 11 itnh

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ff

MaerZeitung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Reichstag und Seüungsvorlagen.

,.cn Pessimismus und Optimismus. — Der Swang der Der höllniffe. — Volk und Opsermille.

dem Reichstag wird uns geschrieben:

5«* Nkntag begann der Reichstag mit den »^"öffentlichen Beratungen über die Deckungs- j*” ' des Reichskabinctts in Verbindung mit §»mtshalt des Reichsfinanzminister'.ums. Selbst- ^Msrch legte sich noch keine der zu Worte 2-«menen Arteien fest, da erst die Ergebnisse »Steuerausschusses abaewartet werden. Aber bei der Kritik, die hie und da emi- erkennbar gewesen, daß man sich nicht mehr frtnift der Stunde verschließen kann, daß man S-,uöt davon ist, daß das Wort, das in der

Zest so oft geprägt wurde, vom Handeln ^Tat werden muß.

Worauf es ankommt, ist eine weitestgehende Mämna im Volke über die Frage: Warum sind J st, diese Wirtschaftsmisere hineingekommen, fcgtflt sie sich uns dar und welches ist die wirk­te Höbe des Defizits, das unter allen Umständen werden muß. um Katastrovben, so un- Dsckhast auch das Wort ist, zu verhüten.

>gg wäre verfehlt, sowohl einem Optimismus ite einem Pessimismus das Wort zu reden. Wir Asien die Tatsachen als solche nüchtern, ruhig ^sachlich behandeln, uns ebenso vor Abschwä- Inpn wie vor Uebertreibungen streng büren. 8tWarfes Wort ist zu sagen gegen die Desve- MPolitik. wie sie hie und da schon auftauchte. Mch die Offenleaung aller Karten ist bei den Meten eine Entscheidung zum Wollen herbei- HRren. zur raschen Tat.

Daß die Deckunasvorlaaen in ihren Einzelheiten Mnm jetzt. sondern noch in den nächsten Mo- mten Widerstand auslösen und vielfacher Kritik hjmntit werden, darf uns nicht davon abhalten. MM, was zu geschehen hat. damit wir auch WM über den Berg kommen. Zunächst rücklichts- ■ gnarfamfeit in der Verwaltung, im Reiche. Mu Ländern wie bei den Gemeinden. Hier ist Mchles zu belfern und um'ustellen. Wir müs- W jener bei den Ovkern. die asten Schichten WWKolkes -uoemuiet werden, durch die Often- Wmm wirssamen Annest an das Volk richten. WWch auch ovlerwistig erweist und daß nicht I^-entlsstand glaubt, oegenüber dem anderen DWeiliqt »u sein. Die Onfer sind schwer. Aber IMrtffen aste. Deshalb ist die Solidarität DM-Lvlerwisten die Nauvtsache. Der Arbeiter,

die Einnahmeseite unter Konjunkturempfindlichkeit leidet.

In eingehender Weise setzte sich in diesem Zu­sammenhang Reichsfinanzminister Dietrich mit den in der Oeffentlichkeit gemachten Reform- und Sparvorschlägen auseinander. Der Abgeord, nete Fischer-Köln, ein Fraktionsfreund de, Ministers, hatte in seiner Frankfurter Rede ge» wünscht, daß noch größere Abstriche auf der Aus­gabenseite des Reichshaushalts gemacht und die Reformvorschläge des Hansabundes in weitem Um­fange herange-ogen würden. Minister Dietrich ging auf diese Anregungen in öffentlicher Reichs­tagssitzung ein. Der Präsident des Hansabundes dürfte daran kaum eine Freude gehabt haben, denn die sachlichen Ausführungen des Ministers sprachen so überzeugend gegen die Anre­gungen des Hansabundes, daß der Reichstag den Minister immer wieder mit zahlrei­chen Zustimmungen unterbrach. Dabei fiel beson­ders auf, daß an diesen Zustimmungskundgcbun- gen sich die Deutsche V o l k s p a r t e i hervor­ragend beteiligte.

Den Höhepunkt der Ministerrede bildete sodann das Finanzvrogramm des Kabinetts, das von Diet­rich in großen Umrissen entworfen wurde. Cs geht dabei 1. um die Ordnung der Gemeindefinan­zen, 2. um den Umbau der Steuern und 3. um die Teilung der Steuerquellen, um die Verteilung des Steueraufkommens zwischen dem Reich, den Län­dern und Gemeinden. Reichsfinanzminister Diet­rich hat — man höre und staune — bereits jetzt ausgearbeitete Reformvorlagen vorliegen, die auf einen Umbau unseres gesamten Steuerwesens und die Ausgestaltung der Gemeindefinanzen hiazielen. Es war dem Minister aber unmöglich, jetzt schon ein endgültiges Finanzprogramm vorzulegen, weil eben niemand die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Monate voraussehen kann. Eine Pump­wirtschaft, die den jetzt flüssigen Geldmarkt aus­nützt, lehnte er mit der kategorischen Erklärung ab: „Das mache ich nicht mit!" Fraglos traf er ins Schwarze mit seiner Schlußbemerkung, daß das Volk eine schnelle Regelung der Reichsfinanz­fragen erwartet.

Während der Minister sprach, saß d-r Reichs­kanzler Dr. Brüning auf seinem ersten Platze auf der Ministerbank. Auch die übrigen Reichs­

Beamte. der Angestellte, Industrie, M'ttel- Landwirtschaft, niemand kann geschont

Ministerien waren gut vertreten. Ebenso war die Länderbank vortrefflich besetzt. Selbst in der Diplo-

vnschont werden, wo es die Abwehr vom misten Unbeil gilt. Die aarncn Dehattestaaen dintimustesten in ein umfassendes Wirtsckasts- und wtch in einen staatsvalitischen Rah- Meil nicht allein die D-ckung des Defizits oder vteuerstaaen ta entschieden werden misten, m weil es sich um staatsvolitische Entschei- M allerersten Ranaes handelt, wo das Parla- "cht versagen kann.

kmungsblld aus dem Wchskag.

matenloge waren mehrere Herren und Damen, die den neuen Reichsfinanzminister einmal sehen und hören wollten. Selbstverständlich waren die Volks­vertreter nähern vollständig zur Stelle. Das gleiche gilt von der Presse.

Die Rede des Reichsfinanrministers wurde nur anfangs von den Kommunisten stark unterbrochen. Allmählich verstummten ihre Zwischenrufe fast vollständig. Aus den ander-n Parteien kamen nur ganr vereinzelt Anfragen. Der neue Reichsfinanz­minister zeigte sich als Debatter außerordentlich

^Reichstag befaßte sich zunächst am Mon- dem deutsch-rumänischen Handelsvertrag, W kurzer Aussprache in zweiter und dritter S anoenommen wurde. Die Beratungen ■ ben Einspruch des Reichsrats gegen das «poftfinamgefetz fielen aus. Es folgte die «Lesung des Haushaltes des Reichsfinanz- ih mms' $n enflfter Verbindung damtt stan- Me Gesetzesvorlagen über die Reichshtlfe und »wette Ergänzung zum Reichshaushaltsgesetz, ^'meldete sich Reichsfinanzminister Diet- v“ ®ort. Der Minister sprach vom Redner- 2® hohen Hauses eine Stunde lang so, daß Z® Lanze hohe Haus zu fesseln wußte. Er W diplomatisch klug mit einem warmen Nack>- vem er seinem Amtsvorgänger D r. M o l - 1*11 er widmete. Nur die Kommunisten Meisten begehrten einigermaßen auf, da- fWenbete die Mitte dem Reichsfinanzminister ™wen Beifall. Es folgte eine grundsätzliche , 5~n9 des Reichshaushalts 1930-31, die da- ^fser fundiert wurde, daß der Rejchsfinanz- M-auf die beiden letzten Haushaltsjahre zu- M und herausstellte, daß im laufenden Haus- 5" °te Fehlbeträge der beiden «n 0 n 9 e n e n Etatsjahre gedeckt K Schon hier zeigte sich der gründ- ^"iner des Reichshaushalts. Hierauf g'ng -"nsi^ zu den Fehlbeträgen über, die sich ^7" -"eichshaushalte eingestellt haben.

deckende Gesamtfehlbetrag beträgt bei WsUÄosenversicherung 174 Millionen Mark, rnn^' Eufür^orge 150 Millionen Mark, durch L-me der Kosten, die der Reichsanstalt für Wtzss'ttlung und Arbeitslosenversicherung ^rstenunterstützungen entstehen 11 Millio- tzn L’.1*!? an Mindereinnahmen bei den St-u- Kwlhonen Mark, insgesamt asso 485 Mil- fc hurA ^^hEckt sollen diese Fehlbetrag» we'- Mklü,^ H"ushaltsabstrick< in der Höhe von

2. einen Zuschlag zur veranlagten l mit inUer m'* 58 Millionen, 3. die Ledigen- Hen s1 - Millionen, 4. die Reichshtlfe der Md 5 m öffentlichen Dienstes mit 135 Msilio- ‘ mit der Fristen bei der Tabak-

india 48 Millionen. Die Gründe für den Aon Jl^^enen Nachtragshaushalt in der KtirfuT M llionen Mark smd ausschließlich |L t7er Natur. Sie liegen in der g e g e n- fc”1? schweren Wirtschaftskri­egs,/ unserem Volke leistet und in der da- jhm- ?etten ungeheuren Arbeitslosigkeit. Die |PC5 Haushalts offenbarte, wie stark er "»lunktur abhängig ist, ja wie sehr sechst

gewandt, denn er nahm fast alle Zwischenrufe auf und erwiderte auf sie schlagfertig. Was an seiner Rede besonders auffiel, war ein Doppeltes, ein­mal dis außerordentlickOgute Kenntnis des Reichs- Haushalts und der Mittel, die zu seiner Bereini- aung führen und dann die außergewöhnlichen Energien, über die der Reichsfinanzminister zu verfügen scheint, wenn er seine finanzpolitischen Ziele verfolgt. Seine Finanzpolitik machte ganz allgemein den Eindruck des gesunden Menschenver­standes. Das imponierte. Es bleibt nur zu wün­schen, daß in allen Parteien sich io viel politische Vernunft durchringt, daß Reichsfinanzminister D'etrich. das fair play erhält, um nach Durchfüh­rung der Aufräumungsarbeiten auch fein großes finanzpolitisches Programm zu verwirklichen.

Sozialdemokraten und Deutfchnationale Heften Oppositionsreden halten. Die anderen Parteien schwiegen. Die Deckungsvorlagen aingen sofort an den Steuerausschuß, der sie am Mittwoch be­raten wird.

Eine Beschwerde.

Der französische Botschafter in Berlin hat sich im Auftrag Briands beschwert hinsichtlich der Vorgänge im befreiten Gebiet. Briand hat Mar- 'gerie beauftragt, in mündlicher Form die deut­sche Regierung darauf hinzuweisen, daß die Aus­schreitungen gegen Separatisten im Rheinland den Haager Vereinbarungen wider­sprechen. Es ist dringend zu wünschen, daß diese leidige Angelegenheit durch eine feste und beson­nene Haltung der Behörden jetzt endlich aus der Welt geschasst wird, wenngleich auch niemand verkennen wird, daß gewisse Parteigänger der Be- satzungsbehörden die deutsch gesinnte Bevölkerung bis aufs Blut gereist haben.

Die Kölnische Volkszeitung bemerkt zu der An­gelegenheit:

Die von einer wilden Volksjustiz gegen ehe­malige Separatisten begangenen Ausschrei­tungen sind politisch ohne Zweifel eine große Torheit, und als solche entschieden zu verurteilen. Sie bis zu einem gewissen Grade menschlich zu verstehen, kann keinem schwer fallen, der seinerzeit wirklich Einblick in die Erscheinungs­formen der Sevaratistenschmach gehabt hat. Man muß sich die unsagbaren körperlichen und seelischen Leiden in die Erinnerung zurückrufen, die zahllose Opfer dieser Verräter, welche der treudeutschen Be­völkerung am Rhein in schwerster Stunde den Dolch in den Rücken stießen, zu erdulden hatten. So bäumte sich das elementarste Gerechtigkeits­empfinden gegen die uns in London und neuer­dings im Haag aufgezwungene Verräteram­

nestie auf. Wären der ordnungsmäßigen deut­schen Justiz nicht durch die beiden internationalen Abkommen, die Deutschland, unter einem unaus­weichlichen Zwange stehend, seinerzeit schweren Herzens unterzeichnen mußte, die Hände gebunden worden, so wären die jetzigen Akte der Selbsth-lse des Volkes wahrscheinlich überhaupt nicht, jeden­falls nicht in diesem Umfange vorgekommen.

Keiner hat weniger Anlaß, sich über die Exzesse in einigen der befreiten Städte zu entrüsten als die Franzosen. Sie sind nicht nur die intellektuellen Urheber des Separatistenterrors gewesen, sondern sie haben ihn sogar aktiv mir Geld und Waffen unterstützt. Zu dieser erneuten Feststellung zwingen die Haltung der französischen Presse wie die verschiedenen Demarchen des amtli­chen Frankreichs in der Separatistenfrage. Ein grundfalsch verstandenes Prestigebedürfnis veran­laßt die Franzosen, sich für die Separatisten einzu- setzen. Sie wären weit klüger beraten, wenn sie weitestgehende Zurückhaltung übten und nicht im­mer die Erinnerung an eine Epoche weckten, die für sie wahrhaftig nicht rühmlich war.

e

Dor dem im Westen von Trier gelegenen Gasthaus Zepv, einem Hause, das früher ein be­kanntes Verkehrslokal für Besatzungsangehörige und Separatisten war, kam es zu schweren Aus­schreitungen. Die Polizei wurde überrannt und die Einrichtung zerschlagen. Die Familie Zepp konnte sich retten.

Die Nordland'Jahrl des Zeppelin.

heute abend Start. — Fahrtdauer 3 Tage.

wtb. Friedrichshafen, 8. Juli. (Eig. Meldg). Das Luftschiff „Graf Zeppelin" wird heute abend 11.30 Uhr zur ersten Nordlandfahrt auf« steigen. Zu dieser Fahrt, an der 20 Fahrgäste teilnehmen, ist das Luftschiff vom schweizerischen Automobilklub gechartert worden. Die Dauer der Fahrt wird auf 3 Tage berechnet. Die Führung hat Dr. Eckener übernommen. Unter den Passagieren befindet sich auch der bekannte Afrikaforscher Mittelholzer aus Zürich. Das Luft­schiff führt Brennstoff für eine ununterbrochene Fahrt von 4%—5 Tagen mit sich. Die Landung wird Freitag abend oder Samstag früh erwartet.

Italien und Briand.

Die italienische Antwort auf dgs Memorandum Briands über die föderative Gestaltung Europas ist dem französischen Geschäftsträger in Rom überreicht worden und am Quai d'Orsay eingetroffen.

Die Antwort trägt einen vorläufigen Cha­rakter und enthält eine Reihe von Bemerkungen zu den Gmndsätzen, auf denen der Plan der französischen Regierung aufgebaut ist. In dem ersten Teile der Bemerkungen stellt die faschistische Regierung fest, daß es sich bei dem zur Diskussion stehenden Plan um ein System der Zusammen­arbeit auf einer losen Grundlage handelt, wobei die absolute Souveränität und politische Unab­hängigkeit aller Staaten gewährleistet sein muß. Diesem Grundsatz will die faschistische Regierung eine möglichst weitgehende Auslegung gegeben wis­sen mit Rücksicht auf die besondere Lage der kleinen Staaten und um Die Unterschiede zwischen den Siegerstaaten und den Besiegten zu beseitigen. Die italienische Regierung schlägt in ihrer Antwort vor, daß zu der europäischen Union Rußland und die Türkei eingeladen werden. Ihre Nicht­berücksichtigung stehe im Gegensatz zu den Zielen dieser Vereinigung.

Auswärtiger Ausschuß des Reichstages.

DDZ. Bersin, 8. Juli. (Eig. Meld.) Im Aus­wärtigen Ausschuß des Reichstages wurde die deutsche Antwort auf das französische Memoran­dum über die Organisation einer europäischen Bundesordnung behandelt. Reichsminister des Aus­wärtigen Dr. Curtius gab eine eingehende Darstellung über Entwicklung und Verlauf der politischen Besprechungen und Konferenzen, in de­nen die Aktion Briands zuerst entstanden ist, und über die Stellungnahme Stresemanns zu dem Grundgedanken des Problems. Der Minister erläu­terte dann das französische Memorandum in seinen Einzelheiten und kennzeichnete die deutsche Stel­lung hierzu. Es wurde von dem Minister betont, daß die deutsche Antwort rechtzeitig bis zum 15. Juli in Paris überreicht werden wird.

Aeues Geld für Soldaten.

wtb. Paris, 8. Juli. (Eig. Meld. Die franzö­sische Regierung hat in der Kammer den Gesetz­entwurf für die Bewilligung von Kredit en für die nationale Verteidigung ein­gebracht und wird dessen Verabschiedung vor den Ferien verlangen.

* Abflauen der indischen Frrrheitsbewegnnq? Aus London wird gemeldet: In einer von der Re­gierung für Indien ausgegebenen Mitteilung über die Lage bis einschließlich 5. Juli wird zum Aus­druck gebracht, daß gewisse Anzeichen dafür sprä­chen, daß die Bewegung des bürgerlichen Ungef= horsames in den meisten Provinzen an Stärke ab nehme. Auch an der Grenze nähmen die Din»e allmählich wieder ihre gewöhnliche Gestaltan.

* Der amerikanische Flottenbesuch. Zum Besuch des im Kieler Hafen liegenden amerikanischen Geschwaders ist der amerikanis-be Botschafter in Berlin, Sackett, in Kiel eingetwfsen. Etwa hundert Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des Ge­schwaders begaben sich am Montag, einer Einladung der Städte Hamburg und Bremen folgend, in Kraftwagen nach den beiden Hansestädten, wo ihnen zu Ehren offizielle Empfänge durch die Senate stattfinden werden. Weiter sind Ausftüg: in die Holsteinische Schweiz und nach Bad Sege- Berg vorgesehen. Am Nachmittag findet auf dem Kreuzer „Königsberg" ein Bordfest statt.

Streif um Habsburg.

Als seinerzeit der unglückliche Carl von Habs­burg, den, mie seinen deutschen Standesvettem, die Katastrophe des Weltkrieges die österreichische Kaiserkrone, also im Vergleich zu den deutschen Fürsten auch Thron und Land gekostet hatte, den Versuch unternahm, wenigstens die ungarische Dy­nastie für sich und seine Familie zu retten, da war dieser nächtliche Gewaltstreich, in so abenteuerlichen Formen er sich auch abspielte, nicht grundsätzlich falsch gerechnet. Denn die Ungarn hangen nun einmal am Königsgedanken und können es sich nicht vorstellen, daß sie auf die Dauer Republika­ner sein sollten. An dieser Stimmung hat die lächerliche und häßliche Episode des Ratefystems^ die eine Zeitlang wie ein Spuk auf dem Lande la­stete, nichts ändern können. Der frühere Admiral Horthy wäre vielleicht im Sinne der ungarischen Gesamtmentalität ein ausgezeichneter Präsident der Republik, und es mag sein, daß ihm selbst diese Erkenntnis im Laufe der Jahre nicht fremd geblie­ben ist. Aber er ist Reichsverweser, Verwalter nur eines Amtes, Platzhalter für den Einen, der; doch einmal kommen muh, für den König.

Die in der Geschichte nicht unbekannte Tat­sache, daß um einen verwaisten Thron zwei An­wärter und natürlich jeder mit einer mehr oder weniger starken Anhängerschaft kämpfen, hat sich auch in Ungarn ergeben. Aber während noch vor ganz kurzer Zeit niemand abzusehen vermochte, wer von den beiden Prätendenten das Rennen ma­chen werde, hat ein an sich, so sollte man meinen^ geringfügiger Umstand plötzlich eine einfachere, eine einfache Lage geschaffen. Von den beiden Habsburgern ist einer, Albrecht, zurückgetreten, und zwar um einer schönen Frau willen, die er als Mensch besitzen wollte, als König aber nicht hält» anerkennen können. Albrecht hat also auf den Thron verzichtet, und jeder wird ihm gerne wün­schen, daß er in feiner Liede das Glück finden möge, das auf Thronen besonders problematisch zu sein pflegt. Albrecht hat es auch über sich gewonnen; seinen bisherigen Rivalen förmlich als einzigen Thronberechtigten anzuerkennen. Aber damit scheint sich die Lage für diesen noch nicht gebessert zu haben. _'.i

Otto ist der älteste Sohn des ehemaligen Kai­sers Carl und wäre, wenn nicht der Weltkrieg al­les umgestoßen hätte, selbstverständlich Kaiser vo» Oesterreich und König von Ungarn geworden. Nun aber hat die Sache trotz Albrechts Verzicht ettW) ja mehrere Haken. Es zeigt sich, daß, obwohl die Gegenpartei nun keinen Thronanwärter mehr prä­sentieren kann, sie dennoch nicht bereit ist, zu Otto überzugehen. Es gibt da mehrere Gründe. Der nächstliegende ist Ottos Jugend. Er ist 18 Jahre alt. und man wird zugeben müffen, daß ein solcher Jüngling nicht in der Lage ist, ein Land zu regle», ren. Es würde sich um den jugendlichen Herrscher alsbald die übliche Hos-Klique bilden, in dereft Ränken schon erfahrenere und stärkere Männer ohnmächtig stecken geblieben sind. Aber man könnte ja auch noch gut 10 Jahre warten und dann sich zu dem Sohne Carls bekennen. Doch es scheint eine gewisse Nervosität am Werke zu fein, die of­fenbar des Zuwartens müde ist und lieber heute als morgen einen Zustand stabilisiert sehen möchte, zu dem das Land ja doch hinzudrängen scheint« Aber die Gegner Ottos haben auch noch politische Gründe, die man nicht ohne weiteres abweisen kann. Man könnte sich denken, daß die Prokla­mierung irgendeines Königs den Nachbam Un­garns schließlich gleichgültig wäre. Aber daß wie­der ein Habsburger an die Spitze des Landes träte, das würde die Kleine Entente bestimmt nicht ohne weiteres hinnehmen. Und auch Italien hätte sicher starke Bedenken; es sei denn, daß es, was zurzeit geplant sein soll, gelänge, eine Hoch­zeit zwischen Otto und einer italienischen Königs­tochter zustandezubringen. Ob ein habsburgisches Königstum in Ungarn notwendig auch eine Restau­ration in Oesterreich zur Folge haben würde, wie Ottos Gegner zu befürchten vorgeben, darf man. wohl bezweifeln, wenn auch nicht zu verkennen ift,; daß die Heimwehrbewegung sicher eher allen an< deren als republikanischen Tendenzen zuneigt.

Schließlich aber haben die Ungarn, die von Otto von Habsburg nichts wissen wollen, noch einen! dritten Grund, der uns Unbeteiligten noch am ehe­sten einleuchten mag. Sie sagen, sie wollten sch ihren König wählen, nickst aber das Königtum, wie es bisher war und in anderen Ländern ist, an die Erbfolge binden. Das bedeutete also, daß Un-' garn im Grunde, falls diese Auffassung eine Mehr­heit fände, was ja niemand voraussehen kann/ doch lieber eine Republik als ein Königreich sein würde. Denn ob man das gewählte Staatsober-g Haupt König oder Reichspräsident nennt, ist ja schließlich dasselbe bis auf de finanzielle Settel, Denn ein königlicher Hof dürfte immer und überall erheblich mehr Kosten verursachen als der Haus-«' halt eines Präsidenten. Es fei, so sagt man in- jenen ungarischen Kressen, die dieser Lösung zu-1 neigen, das vornehmste Recht eines mündigen Bol-s fes,' die Staatsspitze, den ersten Mann des Landest sich frei selbst zu erwählen, und das ist ja wohl auch die Auffassung der Mehrheit in Deutschland. Das höchste Amt eines Landes und eines Staates soll nicht an die Zufälligkeiten einer Familien­entwicklung gebunden, sondern dem jeweils Wür­digsten und Besten auf Zett übertragen werden.

Freilich gibt es auch Leute in Ungarn, die die­sen schönen grundsätzlichen Erwägungen nicht trauen, sondern vielmehr der Meinung sind, Ottos Gegner schützten sie nur vor, um eben sich zu einem andern adeligen und feudalen, aber schließlich auch wieder habsburgischen Prätendenten stellen zu kön­nen, dem man, wenn er einmal auf dem Thron säße, zu gegebener Zeit auch das erbliche Königtum würde ztsschanzen können. Wer weiß, wie es kommt! Die Ungarn haben es in den letzten Jah­ren wiederhott verstanden, die wahren Absichten