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Hr. 148

Beilage zur Fuldaer Zeikung

29. Juni

Iuli.

Don Stefan Musins.

Ttun ist das erste frohe Lied verstummt, das Schweigen brütet in dem Baume. Zäh steigt der Saft, die Rinde ächzt, Unflügges Vöglein zirpt im Wiegentraume. Unwiderstehlich aus der Erde Schoß drang die Kraft in alle Schäfte.

Jäh ließen sie die langgehegte Blüte los: nur um die Frucht mühn sich die mütterlichen Säfte.

Da kommt der Sturm, ein harter Gott, und prüft die Kraft, das Reifen.

Ein Heer von Hoffnungen sinkt in den Tod — Ach, Leben heißt nicht blüh'n und lässig schweifen, Leben heißt, nach allen Möglichkeiten greifen!

Reise nach Tirol.

Grenze und Landschaft.

Fürchte dich nicht vor ihnen, den österreichischen Gren­zern, die am Bahnhof Wache halten den gekrümmten Sa­ras am hängenden Leibriemen; denn so bärbeißig sie aus­sehen mögen, so gemütlich sind sie. Lasse deinen Paß in der Tasche und den Rucksack aus dem Rücken und gehe nicht dorthin, wo die furchtsame Menge sich drängt und ihre schlaffen Beutel öffnet, sondern schreite aufrecht und Bewußt durch die schmale Hinterpforte in der Nähe der Erenzscheinausgabestelle. Glücklich wirst du auf dem Bahnsteig landen und dir noch einen Fensterplatz im Zuge sichern können; denn hier verlohnt es sich, seine Augen schweifen zu lassen. Steigen doch allenthalben die Berge empor, Grate scharf wie Messerschneiden heben sich vom Horizont, und auf fernen wolkenhaft gewaltigen Kolossen glänzt der Schnee, während um die höchsten Gipfel vergoldete Schwaden ziehen.

Es ist schon später Nachmittag, als wir in Mittenwald abfahren. Ein Gewitter hat sich allmählich mit grollen­dem Murren verzogen, und die schweren schwarzen Wol­ken, die uns noch unterwegs mit Regenschauern näßten, arbeiteten sich zwischen Bergen hindurch nach Osten zu. Die Luft ist rein und klar geworden, frei von Dunst und Staub, und die Sonnenstrahlen gießen milde Wärme und goldenen Schimmer aus.

Wir sind über Rucksäcke, Eispickel und Faltboote, die )ie Gänge verbarrikadieren, hinweg auf die Plattform gestiegen, wo sich die beste Aussicht bietet, und lassen die kühle Luft durchs Haar flattern, nur dem Schauen hinge­geben. Nicht lange mag der Blick im Tale verweilen, wo von eiligen Bächen durchplätschert die Wiesen sich deh­nen, Straßen, über die Autos eilen, mit Feldwegen wech­seln, auf denen man scheckiges Rindvieh treibt, und ab und zu ein Dorf auftaucht, dessen niedere, breitbedachte Hütten mit ihren frischgetünchten, buntbemalten Wänden and den Quadersteinen auf den Dächern die schmal­brüstige Kapelle umstehen. Er gleitet weiter über flache Halden, wo der Wald beginnt, aufwärts zu steileren Hängen, aus denen schon hier und da eine graue Fels- Zacke hervorschaut, folgt den Fichten, die merkwürdig den Berg hinaufstehn, immer bestrebt gerade und lotrecht zu wachsen, bis es ihnen nicht mehr möglich wird, die Krume schwindet, die Wand zu steil und hart, der Wind zu un­duldsamer wird. Man sieht, wie auf einmal kleiner, krüp- pelhafter werden, spärlicher, vereinzelter, um dann ganz zu verschwinden. Nur noch Gras mag dort wachsen. Dann aber beginnt das Ansteigen grauer Steinmassen. Scharfe Brate mit steilen Rändern springen über zackige Klüfte, schwingen über Abgründen, treffen sich mit anderen auf­strebenden Festen. In zerfurchten Kaminen glänzt Schnee, und je höher man schaut, desto breiter und zahlreicher «erben die weißen Flächen, überziehn das Dunkel des Steins, laufen ineinander. Hier hängen lappige Wolken,

Gruppe Bofemüllet.

Wir entnehmen nachstehende Abschnitte dem Kriegsroman „Gruppe Bosemüller" von Werner Beumelburg der kürzlich im Ver­lag Gerhard Stalling in Oldenburg erschien. Er schildert in ergreifender Realität die Erlebnisse einer Schar deutscher Frontsodaien in der Hölle von Verdun. Die Schrift!.

Am Eingang der Hassouleschlucht läßt der Leutnant »alten. Hier wird es nun Ernst.

Die Gruppe Bosemüller soll die Spitze übernehmen, illle Gruppen rücken einzeln vor und versuchen, ins Fort zu gelangen. Ist es unmöglich, so sollen sie vor dem Fort liegen bleiben. Der Leutnant geht voraus und bezeichnet für diesen Fall eine Linie in der Mondland­schaft. Horst übernimmt diesmal den Schluß.

„Adjüs, Bosemüller," sagt der Leutnant und geht llusrecht davon, als rüste er sich zu einem Spaziergang.

Bosemüller teilt seine Gruppe in zwei Hälften. Mit »er ersten Hälfte macht er selbst den Anfang. Wammsch oll mit der anderen Hälfte in etwa zehn Minuten fol­gen. Die übrigen Gruppen verteilen sich in Erdlöchern 'm Hang.

Fünf Minuten lang geht alles gut. Dann kämmt es 'on Süden her vielfach über den Hang. Feuerüberfall >uf das Südende der Schlucht. Es prasselt wie verrückt. Zwischendurch vernimmt man ein dunkles Rauschen in ®ej 2uft, anschwellend, heißhungrig, ungeheuer. Wohin? 'Fünf Sekunden später donnern zwei Paukenschläge in Bruleschlucht. Die Kolonnen! Die Menschen! Die Batterie am Nordrand feuert wie toll. Zur Linken, oben !>eim Ouvrage de Bezonvaux, paffen Schrapnells. Es .crlichtert und zuckt von oben herab. Geradeaus, wo die llastouleschlucht die Mondlandschaft vor dem Fort er­reicht, rasselt das Sperrfeuer.

Der Feuerüberfall auf die Schlucht dauert an. Fünf­zig, stebenzig, hundert Granaten. Der Leutnant und Bosemüller mit der halben Gruppe müssen mitten darin sein.

Wammsch sieht auf die Uhr und sagt „Fertigmachen".

In diesem Augenblick kommt von oben aus der Schlucht herab ein schreiender Mensch gelaufen. Er Wägt mit den Armen um sich und stolpert wie ein Be­trunkener. Im Flackern des Feuerscheins tanzt er wie »m Gespenst.

„Casdorp". sagt Schwartzkops und richtet sich aus lemem Loch auf. Auch Wammsch hebt den Kopf hoch.

weiß und flaumig wie ein geheimnisvoller Schleier um jenes Haupt, zu dem alle Linien drangen. —

So stehn wir und schauen, wie erschlagen von gran­diosen, stetig wechselnden Bildern. Der Zug fährt schnell, und während Tal und Hügel im Fluge dahineilen, schei­nen die Berge ruhig-machtvoll wie Riesen der Urwelt dahinzuschreiten, unnahbar, gewaltig.

Wer sollte nicht die Menschen verstehn, die jene Gipfel erklimmen, mit ihnen kämpfen und ringen? Und in uns selbst regt sich das Bedauern, daß wir es einstweilen nicht können.

Ausenthalt.

In Oberzirl häll der Zug eine ganze Stunde. Der unbefangene Fremde denkt an einen Aufenthalt von we­nigen Minuten. Wie sollte man auch länger an dieser unbedeutenden Station verweilen Aber er hat sich ge­täuscht und sieht zu seinem größten Erstaunen, wie alle Passagiere den Zug stehn lassen, auf dem Bahnsteig pro­menieren, mit dem Mädel scherzen, welches das „Tabak­trafik" und den „Briefmarkenverschleiß" verwaltet, wo die zahlreichen Sachsen gegenseitig Güte und Wohlfeil­heit des österreichischen Tabaks preisend Räucherwerk in Massen erstehen und Ansichtspostkarten schreiben. Ein anderer Teil der Fahrgäste hat die etwas tiefer am Hange liegende Wirtschaft entdeckt und fitzt dort plaudernd und singend beim Bier.

Was bleibt uns übrig, als auch auszusteigen, uns zwi­schen den Massen zu bewegen und den Berg hinab ins tiefe, breite Inntal zu blicken, wo im Grün Dörfer ver­streut sind und Hügel aufsteigen, auf denen wiederum Bauwerke — Klöster oder Burgen — liegen. Die Sonne ist schon verschwunden. Aber ihr Schein erhellt noch die höchsten Gipfel und läßt deren Konturen in mildem gel­ben Lichte deutlich und verklärt erscheinen.

Wir sehn jetzt den Bahnhofsvorsteher, der leicht da­hintänzelt, mehr loyal als amtsbewußt, jedem der vielen Frager mit konventioneller Geste freundliche Antworten erteilt und nach erledigter Audienz verbindlich lächelnd die Hand leger zum Salut erhebt. Die leicht geknückte Mütze hat er ’n chicker Schräge auf den Kopf gefetzt, und in jeder feiner Bewegungen steckt etwas von Schrniffigkeit und Charme, wie man sie nur bei Oesterreichern kennt.

Nach einiger Zeit gehe ich in unser Abteil, nach dem Gepäck zu schauen. Auf dem Weg, den der Zug versperrt hält, sehe ich einen Motorradfahrer warten, die gespreiz­ten Beine auf den Boden gestemmt, die Arme seelenruhig über der Brust verschränkt. Ein anderer mag ihn auch bemerkt haben und ruft zum Fenster hinaus: „Hallo, was wortst do, das dauert noch a holb Stund!" worauf unser Kraftfahrer leidenschaftslos erklärt: Dös schobt sei nix. I kann worin!" Aber nach einiger Zeit scheint er sich zu besinnen, steigt ab, lehnt fein Rad an das nahe Eisengeländer und kommt hinübergeklettert. Bald dar­auf sehe ich ihn gleichfalls unten in der Wirtschaft sitzen. ---Zeit ist Geld!

Abends in Innsbruck.

In Innsbruck hallen die abendlichen Gassen vom Wohllaut der Trompete. Soldaten des Bundesheeres ziehn vorüber. Eine Musikbande, in der ein Mauleselchen die Pauke geduldig dreschen läßt, die es hinter sich auf einem zweirädrigen Gestell herzieht, voran, dann die einzelnen Trupps, do- Offizieren mit gezücktem Säbel geführt. Die Marschweise hat etwas Lebhaftes, Be­schwingtes, man möchte sie mit der französischen verglei­chen. Eine Straße weiter paradiert ein Trupp Bauern. Von den Hüten wehen weiße Flaumfedern. Um die Hüf­ten trägt man breite Gürtel mit aufgestickten Jahreszah­len. Und über den Gewehren von anno dazumal, die die Schultern zieren, frr'ft die rot-weiße Flagge.

Die hohen Berge, die puppenhaften Hüttchen, die schö­nen Trachten und ein bißchen Kriegsspielerei: erst dies ist Tirol ganz — aus sich und für die andern; denn wer, fei er aus Amerika ober Europa, wünscht nicht die Andreas-

Hofer-Natur dieses trefflichen Volkes sich noch in kriege­rischem Putze manifestieren zu sehen? Und so werden auf­rechter Sinn und die Sitten der Väter zugleich nützlich und ein Schauspiel für den Fremden.

Wir gehn auf der Maria-Theresien-Straße. Ganz oben vom Endpunkt der Bergbahn blinkt ein Heller Licht­schimmer und erscheint uns im Dunkel wie ein riefen« Hafter Stern. Die Triumphpforte, ein ganz dem klassi­schen Vorbild nachgebildetes aber völlig ins Zierliche übersetztes Bauwerk, haben wir durchschritten, und Inns­bruck tritt uns so spielerisch-residenzhast entgegen, wie es ist: Barocke Palazzos, zierliche Rokokoerker an reich- beftudte »Häusern, darüber im Dunkel verschwindende Türme, dunkle Seitengassen, unvermittelt auftauchende Torbögen, spätgotische Arkaden und am Ende dieses mär­chenhaft anmutenden Labyrints das goldene Dachl. Na­türlich sehn wir auch den Gasthof, in dem so viele Pro­minente aller Zeiten abstiegen, deren Namen wir auf marmorner Tafel verzeichnet finden, und es ist nicht nur ein Zeichen ehrlicher und wohlmeinender Absicht,

sondern auch bezeichnend für die Mentalität des Landes, wenn man zwischen all den Fürsten, Königen und Grafen lesen kann: Goethe, Dichterfürst.

Nicht weit davon rauscht der Inn. Wir stehn auf der Brücke, schau» in die wilden, pfeilschnell strömenden Flu­ten, wo am Pfeiler weißer Gischt zischend sprüht und wieder gurgelnd versinkt. Dann gehn wir heim.

Heim? ja, ich habe es noch nicht verraten. Ein präch­tiges Logis haben wir diese Nacht. Als wir am Bahn­hof Umschau hielten, kam eine dicke, gemütliche Frau, und die hat uns diese Bude vermietet. Drei Schilling pro Bett! Und die Wände hängen voller Gemsköpfe und Geweihe, während vom Boden srischer Bohnerduft emporsteigt. Morgen früh wird sie uns das Frühstück bringen: viel Butter mit ein paar Semmeln und Kaffee, wie man ihn nur in Oesterreich bekommt, mit viel, viel Milch und einer Menge Zucker. — Dann werden wir die Stadt besichtige» und weiterziehn zu einem der unendlich zahlreiche- schönen Plätze, die Tirol dem Fremden bietet. Günther Willms.

Abenteuer

Von Leo

Am Flusse Pala, fern im hohe» Norden von Ostsibirien, hat der Verfasser lange Zeit unter heid­nischen Iakugiren gelebt — in einer wunderliche», spukhaften Umgebung:

Gerade war ich im Begriff, die Felle meines Lagers für die Nacht zu ordnen, als der Jakugire, in dessen Jurte ich Unterkunft gefunden hatte, einen leisen, zi­schenden Pfiff durch die Zähne stteß; seine Frauen, noch mit dem Aufräumen der Kochgeschirre und dem Rei­nigen der Talglampen beschäftigt, unterbrachen jäh ihre Tätigkeit und hockten da wie plötzlich versteinert Nur man, der Transbaikal-Kosak, klopfte gemächlich am Stie­felschaft seine Pfeife aus, was ihm einen verächtlichen Blick des Herrn der Jurte eintrug.

Mit heiserem, erbostem Geheul schlugen jetzt die Hunde an.

Die Elendecke, die zierend den Eingang zum Zelt verhängte, wurde zurückgeschlagen; bis in die letzte Ecke der warmen Jurte fegte eisiger Luftstrom Schneeflocken und spitzige Kristallkörnchen. Der Fremde trat ein und kam bis zur Mitte der Behausung; am schwelen­de» Feuer hielt er an. Seine Gesichtszüge konnte ich trotzdem nicht erkennen, denn beizender Qualm, der nur • langsam durch das kleine Rauchloch entweichen konnte, füllte wie stets die kleine Hütte.

„Du mußt fofort zur Station am Pala kommen, Herr!" vernahm ich eine keuchende Stimme. — Neben mir war der lange Iwan mit einem Sprung auf den Beinen und schaute abwechselnd mich und den späten Gast fragend an. Endlich brachte er zögernd und un­gläubig ein Wort heraus:

,Lakschin!"

.Latschin, du bist es?!" entfuhr es mir erstaunt.

„Komme, Herr, wenn du Anjok retten willst!" „Was ist mit Anjok, Latschin?"

„Anjok ist sehr krank, Herr! — Aber nicht so krank, daß du ihm nicht helfen könntest. — Doch du mußt dich beeilen, Herr, wenn du Anjok nicht verlieren willst."

„Sieht es so schlimm um ihn?"

„Ich Herr, ich glaube es nicht."

„Aber?"

„Der Schamane (Zauberer, Medinzinmann) sagt es. Und du weißt, daß der Schamane dein Feind ist und Anjoks Feind. — Und wenn du nicht bald kommst, wird der Zauberer bei dem Kranke» sein."

Ich zauderte und konnte mich zu keinem Entschluß aufraffen.

in Sibirien.

am Bruhl.

„Du solltest losfahren!" sagte plötzlich vom Eingang her dumpf der Jakugire; verwundert, daß der sonst so Schweigsame und Zurückhaltende in ein Gespräch ein­griff, das ihn nicht kümmern konnte, wandte ich mich zu ihm und fragte:

„Weshalb gibst du mir diesen Rat?"

„Fahre los, weißer Freund, wenn du dem Schama­nen und--dem Kamitok zuvorkommen willst!"

Wie unter einem Hieb schreckte ich zusammen und erkannte blitzschnell nun die Gefahr, in der der Tschukt» sche schwebte, der treu meine Station am Pala be­wachte und verwaltete — Kamitok! Erdrosseltwerden.

„Die Pferde, Iwan!"

„Nein", rief laut der Jakugire, und es klang wie ein Befehl. Latschin setzte erklärend hinzu:

„Unmöglich, Herr! — — Der Schnee über der Tundra ist Eis."

„Und wie kamst du hierher?"

„Ich ritt das Renn."

„Dann sattle drei Renntiere."

Der alte Jakugire lächelte überlegen, schrie feinen Frauen ein scharfes Wort zu, das sie aus der Jurte hinauseilen ließ, und sagte dann bestimmt:

„Du bist so schwer wie zweimal Latschin. Auch Iwan ist zu schwer. Das Renn trägt euch nicht. — Aber ich lasse die Schlitten richten und gebe euch vier gute Tiere mit. — Vielleicht, daß dich die leichte Kilitka noch rechtzetiz an den Pala bringt."

„Und Iwan? — Er mag hier bleiben?"

„Nimm ihn mit und deine guten Gewehre", riet der Alte.

„Vorwärts also!" entschied ich.

Wir stürmten hinaus in die Schneenacht und lockten mit weithin schallendem „Koi-Koi" die Pischiki von der Wede. Die aber ästen ruhig weiter und grunzten un­willig, als wir sie gewaltsam mit dem Lasso einfingen und vor die Narten spannten.

Den ersten Schlitten lenkte Latschin; ich saß hinter ihm. Die zweite Kilitka, die die Frauen sorgsam mit allem Erforderliche» beladen hatten, Medizin- und In- ftrumententaften, Lebensrnittel, Decke», Waffen und Ge­räten, wurde Iwan anvertraut.

Noch einmal umschritt prüfend der Jakugire die Ge­fährte — schnalzte zum Zeichen, daß alles in Ordnung sei, mit der Zunge und reichte mir zum Abschied die Hand.

„Wenn es geschehen ist, wenn du ankommst, tue nichts. — Kehre nur um" sprach er eindringlich. „Deine

„Hier!" brüllt Schwartzkops. Es ist nichts zu ver­stehen.

Casdorp fällt hin und steht wieder auf, fällt wieder und steht abermals auf. Er schreit wie ein Stier. Dabei hält er beide Hände an den Kopf.

Wammsch steht auf.

„Mein Gehirn . . . mein Gehirn . . ." brüllt Cas­dorp, „zu Hilfe!"

lieber feiner Stirn und seiner linken Gestchtshälste klebt etwas Weißliches. Sie müssen ihn festhalten, er ist ganz irre. Jetzt wimmert er. Und immer wieder: „Mein Gehirn ..."

Er zsttert wie. Espenlaub. Schwartzkops drückt chn zu Boden.

„Halts Maul, Mensch .... wenn das dein Gehirn wäre, dann wärst du längst verreckt. Meinst du, man kann sein Gehirn spazieren tragen wie einen Topf Reis­brei?"

Er kratzt ihm mit den Händen das weiße Zeug her­unter. Casdorp ist unverwundet.

„Wo sind die anderen?" fragt Wammsch.

„Alle kaputt . . ." jammert Casdorp.

Wammsch gibt den Befehl zum Aufbruch. Der Feuerüberfall hat nachgelassen. Nur noch einzelne Gra­naten kommen. Hundert Meter weiter oberhalb stoßen sie auf einen Toten. Er hat keinen Kopf. Beim ge­nauen Zusehen erkennen sie Zwiebelmeier von der Wa­terkant. Das Gehirn, das Casdorp im Gesicht getragen, stammt von Zwiebelmeier.

Von Bosemüller und den anderen keine Spur.

*

Ach Krakowka ist still.

„Peter", ruft Bosenmüller, sobald die Biester . . ."

Da ist es auch schon. Es gibt einen hellen Krach ein greller Blitz zuckt . . . furchtbarer Druck preßt sich auf die Ohren. Sie hören nichts mehr. Sie sehen nichts mehr. Es ist auf einmal dunkel. Sie flalen durcheinan­der. Sie können nicht mehr atmen. Ein rasender Donnerschlag rollt ab. Alles bricht zusammen . . . alles.

„Vorwärts!" schreit Schwartzkops. Schon steht das Leschle neben ihm mit der Axt. Sie sehen schwaches Tageslicht von draußen. Sie wühlen gegen den Aus­gang hin.

Da hinten wimmert einer kläglich. Es ist Esser, der am Boden liegt. Bosemüller und Stracke stemmen sich mit furchtbarer Anstrengung gegen einen Balken. Es ist Leschles neuer Unterzug. Der Rest eines Lichtschim­mers ist auch hier hinten. Jetzt erst sieht man, daß Esser gerade unter dem Balken liegt, bis an die Hüften mit SteingröH zugedeckt. Er wimmert immerfort leise. Wenn Bosemüller und Stracke nicht mehr können. d»n>.

ist es mit ihm vorbei. Wo ist Siewers? Wo ist Kra­kowka? Man hört nichts, man sieht nichts.

Stracke sinkt langsam in die Knie. Er stöhnt. Auf seiner Stirn fließt Blut und bringt ihm in die Augen, er kann es nicht abwischen. Geröll stürzt nach. Esser wimmert lauter. Bosemüller hat die Zähne zusammen­gebissen. seine Augen glühen. Nein, er bleibt stehen, er bleibt stehen! Seine Muskeln sind unsäglich ange­spannt, es ist eine übermenschliche Kraft in ihm. Bilder jagen vor seinem erhitzten Gehirn vorüber, eine sinnlose Folge . . . und immer wieder das Kind .... das Kind....

„Stracke . . ." brüllt Bosemüller, „es geht noch . . . Esser, raus! Mach, daß du unter dem Balken raus- kommst . . . ."

„Ich kann ja nicht . . ." wimmert Esser. Er kann wirklich nicht, der Junge.

„Lesch . . ." schreit Bosemüller, dessen Stirnabern anschwellen wie Haufstränge, „Lesch . . . Schwartzkops . . . Peter . . ."

Sie hören ihn nicht da vorn, sie sind dabei, den Ein­gang freizuwühlen. Sie sind von denen hier hinten durch einen Geröllhaufen getrennt.

„Mutter . . . Mutter . . ." wimmert Esser.

Das ist der erste Ton, der in die Ohnmacht von Sie­wers hineindringt, ganz aus der Ferne. Er hat einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, der ihn zu Boden geworfen. Er atmet schwer und sieht erstaunt um sich. Er steht Bosemüller wie den Riesen Atlas das Him­melsgewölbe ttagen. Er sicht den leichenblassen Esser am Boden liegen, zur Hälfte mit Geröll zugeschüttet. Er steht Stracke in die Knie breche» und hört ihn stöhnen. Aber was ihn am meisten aufpeitscht, das ist dieses fort­währende Wimmern . . .

O Gott . . . Mama . . . jetzt geht es mit deinem Jungen zu Ende . . . Mama, daß du nicht weißt, was dein Junge in diesem Augenblick macht, daß nicht plötz­lich eine Vision sich vor dir auftut .... Mama, ach Mama . . . jetzt ist es also gekommen, wie es voraus­zusehen war .... Mama . . .

„Mutter . . . Mutter . . ." wimmert Esser

Da steht Siewers plötzlich neben Stracke. Da senkt sich eine Last auf die Schulter des Kleinen, so furchtbar schwer, daß er nie geglaubt hat, es gebe eine solche Last. Da spürt er, wie es sich langsam, unsäglich grau­sam niederdrückt. Das ist da Ende. Noch einmal macht er eine konvulsivische Anstrengung Mama.... sterben . . .

„Mutter . . . Mutter . . ." wimmert Esser.

Bosemüllers Augen quellen aus den Höhlen vor. > ^Nein . . . schreit es in Siewers . . . nein,, nicht ster- I

ben! Beben! Mama . . . Mama! Nochmals stemmt er sich gegen die Saft

Er atmet in kurzen Stößen. Es geht auch bei ihm zr Ende. Martha ... das Kind ... das Kind . . .

Wie lange mag es noch gedauert haben? Vielleicht waren es im ganzen nur wenige Minute». Nachher aber erschien es allen als eine Ewigkeit.

Plötzlich ist draußen Rufen, und Geschrei. Man hört Kreuzhacken und Spaten knirsche». Schwartzkops und Lesch antworten. Es wird fieberhaft gewühlt.

„Süßer lebt noch?" schreit Geppert von draußen.

„Schwartzkops und Lesch . . ." antwortet Schwartz- kopf-

Endlich gibt es Luft. Schwer atmend steht Geppert da, über und über mit Staub bedeckt. Hinter ihm eine zweite Gestalt. Schwartzkops bricht in die Knie und heult. Lesch setzt sich keuchend nieder.

„Weiter . . ." schreit die zweite Gestalt hinter Gep­pert. Es ist eine bekannte Stimme, denkt Schwartzkops.

„Alles kaputt . . ." stöhnt Lesch und hält ihn zurück. Der andere gerät in eine schreckliche Wut. Der Schweiß fließt ihm von der Stirn. Es sieht aus, als wolle et Lesch mit einem Hieb seiner Kreuzhacke niederschlagen,

„Man hört doch wimmern dahinten . . . hört chr denn nicht?" schreit er.

Wie . . . was denn .... wer lebt denn noch?

Auch Schwartzkops und Lesch fahren jetzt in die Höhe. Zu vieren sind sie an der Arbeit. Jeder arbeitet für drei. Keiner spricht. Sie wühlen mit zitternden Hän­den. Geppert versucht zu beten, es ist nur ein Gestam­mel hinter seinen Lippen.

Und dann finden sie die anderen.

Sie finden Ester, der sie durch sein Wimmern geru­fen hat. Sie finden Stracke bewußtlos mit einer Stirn» wunde. Sie finden Bosemüller starr und verkrampft, immer noch aufrecht, das ganze Gewölbe ttagend. Sie finden Krakowka bewußtlos, mit einem schweren Stein über der Brust. Sie finden Siewers zusammengesun­ken neben Stracke, quer über ihm liegend, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, als träumte er.

In zehn Sekunden haben sie den Balken abgestützt. Bosemüller wird ohnmächtig. Aber er hat gerade noch Zeit gehabt, den Retter zu erkennen. Er will feinen Namen flüstern, aber es geht nicht mehr . . .

„Wammsch . . ." hat er sagen wollen.

Es ist schwer, sich einen Begriff darüber zu machen was alles ein Feldwebel auszustehen hat, wenn bi< Kompagnie nicht in Stellung ist. Braschte hat et obendrein besonders schwer, weil sein Temperament allzu leicht zum Mißtrauen neigt. Ein Etatsmäßiger