Dritter Sonntag nach Pfingsten.
Eingangslied: Ps. 24, 16 und 16.
Schau auf mich und erbarme dich meiner, Herr, denn einsam bin ich und arm. Sieh mich gebeugt und leidend, erlaß mir alle meine Sünden, mein Gott. (Ps. ebb. 1—2.) Zu dir, o Herr, erheb' ich meine Seele, mein Gott, auf dich vertraue ich; des werd' ich nicht erröten.
Evangelium: Luk. 15, 1—10.
In jener Zeit nahten sich Jesus Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Da murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten und sagten: „Dieser nimmt die Sünder auf und ißt mit ihnen." Da trug er ihnen folgendes Gleichnis vor: „Wer von euch, der hundert Schafe besitzt und eins davon verliert, läßt nicht die neunundnevnzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und hat er es gefunden, so nimmt er es voll Freude auf seine Schultern. Kommt er dann nach Hause, so ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: „Freuet euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel größere Freude sein über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt, als über neunund- neunzig Gerechte, die der Bekehrung nicht Vx- dürfen. Und zündet nicht eine Frau, die zehn Drachmen besitzt und eine davon verliert, ein Licht an. kehrt das Haus aus und sucht 'orgfältig, bis sie die Drachme findet? Hat sic aber die Drachme gefunden, fo ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: „Freut euch mit mir; denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren' hatte." Ebenso, sage ich euch, wird bei den Engeln Gottes Freude sein über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt."
Peter und Paul.
Don (3 o e r g e.
An einem Tag feiert die Kirche das Fest der beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus. Jeder der anderen Apostel hat feinen eigenen Festtag im Kirchenkalender; mancher möchte, daß die Kirche den tatsächlichen Rang des Apostels Petrus mehr beraushöbe und so fein Fest ganz allein begehe, anderen wieder steht der Apostel Paulus näher, weil dieser Apostel uns in feinem Wirken, durch seine Briefe näher vor Augen gerückt ist, weil dessen Charakter, sein pulsierendes Herz, fein Menschentum deutlicher hervortritt. Aber die Kirche koordiniert, ohne die von vornherein gegebene Subordination abzuschwächen, beide in hl. Verbundenheit als die „A p o st e l f ü r st e n". Der Grund hierfür kann nicht allein der sein, daß die Ueberlieferung ihr Martyrium auf einen Tag gesetzt hat. Es scheint, als ob ein viel tieferer Grund für die gemeinsame Festfeier geltend gemacht werden könnte.
Gewiß Petrus bedeutet uns mehr als Paulus und etwas ganz anderes. Der überragenden Steilung eines Petrus entspricht es, daß er in der hl. Schrift vor allen anderen Aposteln in den Vordergrund tritt, daß die Evangelien von ihm ein näheres, klares und bestimmt ausgeprägtes Bild geben als von den übrigen Aposteln. „Petrus und die mit ihm", lautet es dort, und so ist er deutlich herausgehoben aus der Reihe der anderen. Mit eisernem Griffel sind die Worte in die Stiftung Jesu hineingegraben: „Du bist der Fels, und aufdiesenFelsen willich meine Kirche baue n." Darum tritt die Gestalt eines Petrus in der Urgemeinde so deutlich hervor. Wir Menschen von heute möchten vielleicht viel deutlicher das Selbstbetonte als Primatialbewuhtscin des Petrus hervortreten sehen, und bedenken nicht, daß die Gleichnisse Jesu vom Senfkörnlein, vom Sauerteig die Kirche in ihrer Entfaltung den Faktoren der geschichtlichen Entwicklung unterstellen. Christus hat seine Kirche hineingesenkt in den Boden der Zeitlichkeit, auf daß sie wie der Keim in ihr, mit ihr wachse und reife. Darum braucht auch ein Petrus nicht „mit Eilfertigkeit den vollen Inhalt seiner Privilegien prunkend auszustellen, sondern er und seine Nachfolger konnten warten mit der Geduld der Ewigkeit, bis die schreiende Not eines künftigen Jahrhunderts sie zwang, den Schrein ihrer Vollmachten zu öffnen". I m Glaubens- bewußtsein des Urchristentums lag es
NILS
aber, daß Petrus etwas Besonderes war. Das wußte auch Paulus. Darum eilt er nach Jerusalem, um den Petrus zu sehen und 14 Tage lang bei ihm zu bleiben, darum spüren wir auch noch heute an der Stelle, wo er Petrus in Antiochien Auge in Auge entgegentreten zu müssen glaubt, daß ihm Petrus wesentlich mehr ist als die anderen Brüder.
Was damals noch keimhast und gleichsam verhüllt lag, strahlt es nicht heute in leuchtendem Triumph? Was ist uns denn Petrus? Nach Petrus schaut heute die Menschheit, und sie sieht in ihm, in der Kirche, Stärke, Glaube, ruhigen Besitz, Macht, während rings herum alles wie fallender Flugsand verebbt, sie sieht da weite Ebenen des liturgischen Lebens und Betens sich dehnen, während sie selbst in den Wüsten des Materialismus und der Auflösung herumirrt. Dort ist der Vater und Lehrer aller Christen, das Land der Einheit, der Repräsentant der Autorität, eben der „Fels". Aber gerade hier liegt auch der Anstoß der modernen Menschheit. Einheit und St ä r k imponiert ihr, da fie_felbft ganz tief im Anarchismus steckt, religiöse Sehnsucht lockt sie mit unwiderstehlicher Gewalt, da ihr jegliche Religion zu entschwinden droht, die stärke Absolutheit des Credo möchte sie sich zu eigen machen wie die Verheißung eines wunderbaren Friedens, aber gerade die geschichtliche Wirklichkeit, die empirische Tatsache der Kirche schreckt sie, sie will die Kirche als geordnete Gesellschaft mit Verfassung und Recht und hierarchichischer Institution nicht verstehen.
Ader gerade ein Petrus steht nach dem Pfingit- feste vor uns als der Mann des lebendigsten Glaubens, der unerschütterlichen Hoffnung, der innigsten Gottes- und Nächstenliebe, voll Hoheit und Würde, und zugleich voll der tiefsten Demut, voll majestätischen Eifer wider Unrecht und Unwahrheit, wider Lüge und Sünde und dabei zugleich voll der liebevollsten Teilnahme für alles geistige und leibliche Leid feines Mitmenschen, voll Friede und Freude, dagegen im eigenen Leid, ganz durchdrungen cön Eifer für die Verherrlichung Christi und das Heil der durch Christi Blur Erlösten, ganz erfüllt von der einen großen Wahrheit, daß in keinem anderen Namen den Menschen Heil und Gnade gegeben ist als im Namen Christi des Gekreuzigten und Auferstandenen. Er ist der Mann der Wahrheit, der Tat und des Lebens. Er kündet auch unserer Zeit, daß die stolze Selbstherrlichkeit der Vernunft eine Illusion ist. Darum ruft er auch heute noch uns zu: Es muß ein Fels fein. Nun so ist der geistigen und sittlichen Anarchie ein Damm zu setzen. Wir brauchen, das lehrt uns das Fest Peter und Paul, die Kirche als sichtbares und greifbares Gebilde mit ihrer Verfassung und mit ihrem Recht, mit ihrer Autorität und ihren Vollmachten und bekennen in tiefer Dankbarkeit, was in goldenen Lettern in der Kuppel der Peterskirche als Bekenntnis der ganzen Kirche geschrieben steht: „Du bist Petrus der Fels."
Aber neben Petrus steht Paulus. Ihm fühlt fick die Menschheit von heute verwandt. Ihn den Kämpfer, den unentwegten Arbeiter, den Künstler, der mit scharfem Messer das zuckende, blutende eigene Herz gestaltet, diese Feuerseele möchte sie als einziges Vorbild.
Aber die Kirche ist viel weiter und größer als der modsrne.Mensch. Der Mensch von heute sieht nur das Werden, aber nicht das Sein, nur das rastlose Ringen und Suchen, gber nicht das ruhige Besitzen und Findens' Die Kirche sieht beide Pole, darum feiert sie Petrus und Paulus. Sie wr'ß sich als die Katholische, die olles in sich umfassende Kirche. Sie weiß, daß Paulus zu Petrus iam, Der suchende und leidenschaftliche Kämpfer kam zu dem Wahrheitsbesitzenden, und darum muß die Menschheit, die in Paulus ihren Helden finden will, auch zu Petrus kommen, und schließlich bekennen: „Du bist Petrus, Der Fels."
VslksschSden.
Die Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung, an der auch verschiedene katholische Verbände betätigt sind, hielt kürzlich ihre Mitgliederversammlung ab. Aus dem Tätigkeitsbericht für das verflossene Jahr sei hervorgehoben: die Anregung an
die angeschlossenen Organisationen, bei den zuständigen Stellen die Beseitigung der bisher unbegreiflicherweise gestatteten Aufstellung von Schutzmittelautomaten zu fordern, die Anregung zum V e r- bot des Alkoholausschanks bei den Sport - und Badeplätzen, der Erfolg mit der Beschränkung des Films „Leitung der normalen Geburt in der Klinik" zu wissenschaftlichen Lehrzwecken und die Vorstellungen beim Polizeipräsidium in Berlin gegen Schmutz- und Schundprospekte. Gegenwärtig ist eine Aktion im Gange zur Herbeiführung einer früheren Polizeistunde.
In der Aussprache erregte es große Entrüstung, als ein Herr auf Grund von Presseberichten darauf hinwies, daß vor einiger Zeit im Hotel Adlon in Berlin, dem feinstenHotel der Reichshauptstadt, dessen Besitzer Katholik ist, ein We 11- Trin - f e n veranstaltet wurde. Dabei mußten die letzten Gäste von den Kellnern hinausgetragen werden. Nicht minder berechtigt war die Entrüstung über die Art, in der eine gewisse Presse darüber berichtete. Eine Teilnehmerin machte bei der Gelegenheit auf das Unwesen gelegentlich der Ausflüge zur Baumblüte nach Werder bei Potsdam aufmerksam. Es kommt öfter vor, daß bei Schülerausflügen 14—16jährige Mädchen total be
trunken werden. (Daß bei Schülerausflügen die Schüler sich total betrinken, soll ja auch bei uns keine Seltenheit sein.)
Sehr wertvoll war der Vortrag von Dr. de Laporte über Wohnungsnot und Sittlichkeit. Er führte aus, daß die sittlichen Schäden der Wohnungsnot bei weitem größer sind als die gesundheitlichen. Sie drückt überhaupt die seelische Stimmung, das enge Zusammenwohnen verringert das Distanzgsfühl zwischen Mensch und Mensch, die Scham, aber auch das Zusammengehörigkeitsgefühl, und doch macht es zugänglich für Massensuggestionen. Dazu kommen dann noch die schlimmen Folgen für Kinder und überhaupt unreife Personen. Wo die Wohnungsnot ein größeres Ausmaß hat, muß sie allgemein das Kulturniveau herabdrücken. Ein anderer Herr machte auf das Verkehrte aufmerksam, die Wohnungsnot durch Errichtung von zehn- und mehrstöckigen Häusern zu beheben, weil solches in Berlin ernstlich in Erwägung gezogen worden ist. Daß eine Abhilfe I möglich ist, zeigt sich an dem Beispiele eines schlesischen Kreises von 120 000 Einwohnern, in dem 5000 Siedlungen entstanden sind dank der Rührigkeit des Landrats.
zur Augsburger koufefflous-zeler.
In den vergangenen Tagen begingen die Protestanten das Gedächtnis der vor 400 Jahren, am 25. Juni 1530 in Augsburg erfolgten Uebergabe eines von Melanchton verfaßten und von fünf Fürsten und zwei Städten unterschriebenen Glaubensbekenntnisses. Es ist dies die sog. Confessio Augustana.
Vier zwinglisch gesinnte Städte (Straßburg, Konstanz, Memmingen und Lindau) überreichten eine zweite Bekenntnisschrift.
An sich bedeuten diese Bekenntnisschriften nichts anderes als den Versuch der Theologen, das damalige Verständnis der Bibel zu formulieren. Weder der positive, noch der liberale, noch der dialektische Protestantismus kann sich irgendwie an eine solche Bekenntnisschrift gebunden fühlen. Dr. Hans Rost hat in einer kleinen Schrift „D e r Protestantismus a l s Prinzip des Individualismus" (Augsburg 1930) gezeigt, daß neuere protestantische Theologen den In d ividualismus als ihr Religion s- und Kulturprinzip betrachten, daß aber auch zahlreiche Zeugnisse (von Lagarde, Paulsen, Holl, Kalthoff, Hunzinger, Dibelius u. a.) Vortagen, nach denen der Individualismus gerade dis wesentlichen Thesen Luthers (Bibel als sichere Glaubensquelle, Rechtfertigung aus dem Glauben) zerstört und ein vollständiges Chaos herbeigeführt hat. Infolgedessen kann der Protestantismus zu feiner dringenden ethischen Frage unserer Tage ein entscheidendes, eindeutiges und binderndes Wort sprechen. Ein Buch wie die „Evangelische Wirtschaftsethik" von Wünsch (Marburg) wird von maßgebenden Protestanten schon wegen feines nach "ihrer Meinung widersinnigen Titels von vornherein abgelehnt.
Damit ist auch schon der zweite Einwand gegen das „Bekenntnis" genannt, der von Althaus, Erlangen (Münchener Neueste Nachrichten 1930- 167), als der „mystische" bezeichnet wird, d. h. Frömmigkeit wehrt sich gegen die geprägte Formel, sieht sie als „Verrat am Geheimnis der Religion" an.
Der dritte Einwand ist der sog. „dynamistische", d. h. „wie kann die Gegenwart sich an den gedanklichen Ausdruck des Glaubens vergangener Zeiten gebunden fühlen". Trotzdem meint Althaus die evangelische Kirche müsse die gegebenen Bekenntnisse wahren und für die heutige Geisteslage Deuten, um zu neuer Bekennntisbildung fortzu- f«streiten. So wahrt sie Treue und Freiheit zugleich.
Die eigentliche Tragik des Augsburger Bs- fenntniffes ist, daß es sehr stark von politi- sthen Rücksichten bestimmt war. Es ist eine schwächliche Kompromißlösung, die durch die nachfolgenden Verhandlungen noch mehr verwässert worden ist. Der evangelische Pfarrer I. L o r tz i n g hat in drei Schriften (D i e Augs - dur gische Konfession vom religiösen und nationalen Standpunkte aus beleuchtet", „Im Licht des Neuen Testaments und der Geschichte" und „Hat sie uns Modernen noch etwas zu sagen?")
das Dokument eingehend untersucht und abgelehnt. Eine Ergänzung zu diesen Schriften bildet das Heft: „Golgatha, ein Ziel und ein Weg", (Schö- ningh, Paderborn). Er verteidigt darin die katho- Üsche Lehre von der Rechtfertigung und den guten Werken gegen Mißdeutung und Herabsetzung durch seine' Glaubensbrüder.
P. Bernhard ©eitler O. S. B. sagt übet Lortzings Schriften u. a.: Wohl die gehaltvollsten Schriften über die Confessio Augustana hat der evangelische Pastor Lortzing veröffentlicht. Es ist der Mann mit dem blutenden Herzen, dem die Wahrheit der" alten gemeinsamen Mutterkirche aufgegangen und der doch um keinen Preis die ihm angestammte Gemeinschaft der evangelischen Christen verlassen möchte. Er sieht hier den unverschuldeten Irrtum, aber auch die großen religiösen Werte, die in dem evangelischen Christentum verborgen liegen und namentlich die vielen edlen Menschen, mit denen ihn seine langjährige Seelsorgstätigkeit in Berührung gebracht hat. Als Pfarrer in einem Flecken des von der pietistischen Bewegung tief ergriffenen Ravensberger Ländchens, in der Nähe der Bodelschwinghschen Anstalten bot sich ihm Gelegenheit, die evangelische Frömmigkeit von ihrer besten Seite kennen zu lernen, und er legt Wert darauf, feinen evangelischen Mitchristen deck Unterschied zwischen der heutigen positiv-evangelischen Gläubigkeit und dem ursprünglichen Luthertum vor Augen zu führen. Lortzing mußte aber auch zu den katholischen Christen sprechen und sie aufklären über die immerhin reichen religiösen Werte, die im evangelischen Christentum liegen, wie auch hier nahezu heiligmäßige Männer und Frauen erstanden und viel Gutes gewirkt haben zum Wohl Der Menschheit. Um aber ungehinderter zu den katholischen Christen sprechen zu können, hat er für feine Schriften die oberhirtliche Empfehlung eingeholt und sie in einem katholischen Verlag herausgegeben.
Es find bittere Worte, die er nach feinem innersten Empfinden oft aussprechen muß, ich sage muß. Ein innerer Drang nötigt ihn, das zu sagen, was in feinen Augen das Glück und Heil feiner evangelischen Brüder bedeutet. Daß er ihnen jedoch die denkbar schwersten Opfer zumutet, nämlich liebgewordene Ueberzeugungen aufzugeben, weiß er wohl selbst am besten. Viele seiner evangelischen Mitchristen werden mit seinen Gedankengängen nicht einverstanden sein, aber sie mögen wenigstens die ehrliche Ueberzeugung und das wohlmeinende Streben eines Mannes ehren, der alles daranfetzt, den unheilvollen Riß in der Christenheit zu beseitigen und die alte große christ-
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